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FANZINES
Selbst hergestellte Zeitschriften zählen zu den wichtigsten Informationsmedien der Skinheadszene. Da Veranstaltungen von Skinheads in den
etablierten Medien so gut wie nirgendwo erwähnt werden, sind sie für das Überleben der Skinheadkultur von zentraler Bedeutung. Die Skinzeitschriften informieren die Szene nicht nur über wichtige Veranstaltungen,
sondern über alles, was für einen Skinhead von Interesse sein könnte, zum Beispiel Partys, LPs und CDs, Neuigkeiten und Gerüchte usw.
Im Szenejargon werden diese Zeitschriften „Fanzines“ oder kurz „Zines“ genannt. Der Begriff Fanzine stammt aus dem Englischen, er ist eine Zusammensetzung der beiden Wörter fan und magazine.
Zeitschriften, die Fans für andere Fans produzierten, wurden erstmals Ende der 70er Jahre massenhaft hergestellt. Zu diesem Zeitpunkt war die Punkbewegung in Großbritannien auf ihrem Höhepunkt angelangt. Da es
den Punks wichtig war, sich nicht nur durch ihre Musik, sondern auch in Wort und Bild von den bürgerlichen Medien abzugrenzen, schossen in jener Zeit neugegründete Undergroundblätter wie Pilze aus dem Boden –
nicht nur in England, sondern auch in anderen westeuropäischen Staaten (BRD, Schweiz, Frankreich usw.).
Die britischen Skinheads, die Mitte der 70er Jahre kaum noch in der Öffentlichkeit zu sehen waren, lernten von den Punks. Sie stellten bald
eigene Fanzines her, die in Gestalt und Aufmachung jenen der Punker sehr ähnelten. Anfang der 80er Jahre erschienen dann auch die ersten Zines, die von westdeutschen Skinheads hergestellt wurden. Im Sommer 1983
soll es bereits ein Dutzend von ihnen gegeben haben. Bis 1986 erhöhte sich die Zahl der Skinfanzines in der Bundesrepublik dann auf etwa 20.
Eine der wichtigsten Skinzeitschriften in den 80er Jahren war das von Skrewdriver-Fan Ulrich (Spitzname „Uhl“) Großmann herausgegebene Clockwork Orange.
Sein Name lehnte sich an den 1971 von Stanley Kubrick gedrehten gleichnamigen Film an, der in Skinkreisen Kultstatus erreichte. 1983 erstmals erschienen, brachte es das Coburger Blatt bis 1992 auf insgesamt 23
Ausgaben, was für Skinverhältnisse einen hohen Wert darstellt. Seither betreibt der angeblich „unpolitische“ Großmann das rechtslastige Plattenlabel Dim Records sowie eine daran angegliederte Versandfirma.
Bis Anfang 1997 stieg die Zahl der Skinhead-Fanzines in der Bundesrepublik auf etwa 80 an. 30 von ihnen war zu diesem Zeitpunkt laut
Verfassungsschutz rechtsextrem orientiert. 1999 erhöhte sich die Zahl der rechtsextremen Fanzines auf 44.
Was die Herstellung betrifft, unterscheiden sich Skinfanzines kaum von den Blättern anderer Jugendkulturen. Viele Artikel werden mit der
Schreibmaschine oder auf einfachen Computern geschrieben, anschließend werden Karikaturen und Fotos dazugeklebt. Das fertige Original wird dann im Copyshop oder per Offsetdruck vervielfältigt und zum Schluss an
die Interessenten und Abonnenten verteilt.
Außer bei den professionell gemachten Blättern ist die Gestaltung meist sehr einfach gehalten. Überschriften werden manchmal sogar per Hand
gezeichnet, Karikaturen vielfach aus anderen Magazinen übernommen oder selbst angefertigt. Viele Zines drucken auch Schnappschüsse von Feten oder Konzerten sowie offizielle Promotionfotos und Plattencover ab.
Als Format wird meistens DIN-A-5 (seltener DIN-A-4) gewählt. Der Umfang liegt in der Regel bei 30 bis 50 Seiten (in einigen Fällen auch
deutlich höher), der Einzelpreis bewegt sich meist zwischen drei und zehn Mark. Da sich die Skinszene selbst als Undergroundszene versteht, ist es nur folgerichtig, dass keine einzige Skinzeitschrift am Kiosk
erhältlich ist. Häufig gelingt es ihren Machern nicht einmal, sie regelmäßig erscheinen zu lassen oder zumindest ihren Bestand über einen längeren Zeitraum zu sichern. Wenn sie dann doch erscheinen, werden sie
meistens per Post verschickt, sporadisch aber auch auf Partys und Konzerten sowie in Kneipen und Fußballstadien verteilt.
Produziert werden Skinfanzines in der Regel von solchen Personen, die schon länger der Szene angehören und über die notwendigen Kontakte zu
den Bands und anderen Skinheads verfügen. Da viele Zines in einer sehr geringen Auflage hergestellt und anschließend innerhalb der Szene vertrieben werden, kennen die Macher einen Großteil ihres Publikums. Dies
hat meistens einen intensiven (Brief)Kontakt zwischen der Redaktion und der Leserschaft zur Folge. Da Nachrichten über die Skinszene in üblichen Presseerzeugnissen fast vollständig fehlen, haben viele Skinheads
zumindest ein, wenn nicht sogar drei oder vier Zines abonniert.
Zu den inhaltlichen Schwerpunkten der Zines gehören Beiträge über Skinbands und Skinmusik. Dazu zählen in erster Linie Plattenkritiken,
Band-Interviews (die meistens nicht persönlich, sondern schriftlich erfragt wurden) und Konzertberichte. Darüber hinaus findet man in den Zines auch Berichte über bedeutende Skintreffen, Artikel über die
nationale und internationale Skinszene sowie Hinweise auf andere Fanzines. Politische Beiträge erscheinen fast nur in eindeutig rechtsorientierten Magazinen, manchmal jedoch auch in Fanzines antirassistischer oder
linker Skinheads.
Als Mitte der 80er Jahre die bundesdeutsche Skinheadszene allmählich nach rechts abzudriften begann, machte sich dies auch in der Gestaltung
und im Inhalt der Fanzines bemerkbar (z.B. im bereits erwähnten Clockwork Orange). Ungekürzte Interviews mit ultrarechten Bands wurden abgedruckt, nationalistische Abzeichen und ausländerfeindliche
Sprüche immer stärker verwendet. Einige Skinzeitschriften wie zum Beispiel der Querschläger wurden nun sogar unter maßgeblicher Beteiligung von Neonazis herausgegeben.
Antirassistisch eingestellte Sharp-Skins wollten den zunehmenden Vereinnahmungsversuchen der Rechten nicht tatenlos zusehen und gründeten noch
Ende der 80er Jahre eigene Fanzines. Das bekannteste von ihnen war das Skintonic. 1987 erstmals erschienen, erklärte sich die Westberliner Zeitschrift im Juli 1989 zum offiziellen Sprachrohr von S.H.A.R.P.
in Deutschland. Zwar verzichtete die Redaktion ab Ausgabe Nr. 11 darauf, sich als „Stimme der Sharp-Skinheads“ zu bezeichnen, unter ihren Mitarbeitern befanden sich jedoch nach wie vor viele, die diese
Skinströmung unterstützten.
Im Dezember 1995 fusionierte das Skintonic mit dem ebenfalls in Berlin erscheinenden Fanzine Oi!Reka zum Skin Up. Im
Impressum bezeichnet sich dieses als „antirassistisches Skinhead-Magazin“. Mitte 1999 erschien das SkinUp in einer Auflage von 3.500 Exemplaren. Es war damit eines der größten deutschen Skinzines.
Ein weiteres wichtiges Fanzine, das bereits Artikel von Sharp-Skins veröffentlichte, ist der in Österreich erscheinende Springende Stiefel.
Das von Linzer Skins seit 1993 herausgegebene Blatt zählt in Österreich zu den meistgelesenen Zeitschriften der Skinheadszene. Obwohl die Redaktion des Springenden Stiefels offen für die Meinung antirassistischer Skinheads ist, gehört sie eigenen Angaben zufolge nicht der S.H.A.R.P.-Bewegung an. Ganz im Gegenteil: In einem Interview sprach sich einer der Macher gegen Sharp-Skins in Österreich aus.
Von Skinheads, die sich offen als links bezeichnen, wird die Revolution Times produziert. Das in Lübeck seit 1994 erscheinende Blatt ist derzeit das einzige deutsche Redskin-Magazin. (...)
Der obige Text ist ein Auszug aus dem Buch
Skinheads - Gefahr von rechts?.
Weitere Themen von Kapitel 5:
- Rechte Skinfanzines
- Staatliche Maßnahmen
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Letzte Aktualisierung am 21 Januar, 2012
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