Das beste des Jahres  
 
 

Michael Engelbrecht
Journalist, verantwortlich für die Klanghorizonte, Jazzfacts ua.
 
  • 1. INGAR ZACH: M.O.S.
    Jenseits von Kunsthausakademik und Trommelzirkus; ein Perkussionist liefert sein cooles sinnliches Meisterstück ab, mit Gran Cassa, Drone Commander und Sruti Boxen. "Lydbildene Zach er fødselshjelper for likner ikke på noe annet som har vederfaret sanseapparatene våre. Det forteller oss at vi har med en original kunstner å gjøre" schreibt ein Kollege aus Norwegen. Eine Veröffentlichung des kleinen Labels Sofa Music.
  • 2. Jan Bang: …And Poppies from Kandahar
    der „Live-Sampler“ aus Kristiansand, beschert David Sylvians Label Samadhisound ein Jahr nach Sylvian´s opus magnum „Manafon“ einen weiteren Instant-Klassiker: das Fragile bleibt unerschütterlich.
  • 3. Joanna Newsom: Have One On Me
    Sie hat bei Debussy Klanggewebe studiert und bei Joni Mitchell den magischen Faktor „X“. Lieder wie lang vergessene Briefe vom Dachboden. Manches davon macht sich eine wunderlich alte Sprache zunutze, die den Straßenstaub gar nicht erst abschütteln muß. HAVE ONE ON ME mischt Autobiographisches, Fiktives und Mythisches in einer Perfektion, die an einen gewissen Herrn Dylan erinnert. Kein Wunder, daß sie zu ihren Lieblingsautoren Carson McCullers und William Faulkner zählt.
  • 4. Supersilent: Supersilent 10
    Arktische Atmosphären vom Schöpfer des Audio-Virus treffen auf Kammerjazz, die Flötentöne eines Trompeters und einen Hauch von Olivier Messiaen. Akademisch? Superkalifragilistsichextrapsychedelisch! Und karg.
  • 5. Piiptsjilling: Tsjustere Leaten
    Eine unerhörte Art, Lyrik und Klang zu verbinden; eine alte Sprache (niederländisches Nordfriesland?) wird durch surreale Nachtzonen geschleust; meilenweit von mystischem Geraune entfernt (http://piiptsjilling.com)
  • 6. Mountain Man: Made The Harbor
    drei Amerikanerinnen singen in den einer stillgelegten Fabrik aus dem 19. Jahrhundert, allenfalls mit spärlicher Gitarrenbegleitung – hier ist sogar die zugige Hallenluft ein Ereignis: das Americana-Album des Jahres! Die vielgeliebten „Fleet Foxes“ klingen dagegen wie katholische Pfadfinder.
  • 7. The National: High Violet
    “Sorrow is my body on the waves / Sorrow the girl inside my cake.” In den Liedern wanken Gestalten durch die Nächte; gezeichnet von Verlust und einer Prise Paranoia, sehnen sie sich nach etwas Unbenennbarem, und entwicklen Programme fürs tägliche Überleben. Großartige epische Rockmusik!
  • 8. Brian Eno: Small Craft on a Milk Sea
    Okay, alte Liebe, was soll ich machen?! Ausgefeilte Dramaturgie, ein Fest für Warp Records; „sound-only movies“ mit Gefühl und Härte – selbst die Erinnerungen sind erfinderisch! Bitte nie mehr U2 produzieren, das Leben ist zu kurz.
  • 9. Brian McBride: The Effective Disconnect
    Eigentlich ein Soundtrack zu einem Film über das Verschwinden der Honigbienen; aber wenn man hört, wie hier ein kleines „ambient orchestra“ permanent die eigene Selbstauflösung betreibt, ahnt man, wie Kammermusik im 21. Jahrhundert aus dem Elfenbeinturm ausbrechen wird.
  • 10. Giya Kancheli: Themes from the Songbook
    Alte Themen, das Leben im Exil, der Verlust von Heimat, sind im georgischen Kino wiederkehrende Themen und prägen den in sich gekehrten, melancholischen Grundton der Musik. Man sehe sich nur Tenigiz Mirzashvilis zauberhafte Winterlandschaft auf dem Cover an, und bekommt sogleich eine Ahnung von der hier wehenden Luftigkeit und Transparenz. Violine, Bandoneon, Vibraphon. Viel zu wenig wahrgenommenes ECM-Highlight.
  • 11. Robert Wyatt / Gilad Atzmon / Ros Stephen: From The Ghosts Within
    Hier kann man hören, wie sich alter Jazz und Gassenhauer von der Patina der Gemütlichkeit lösen. Drei Musiker kommen zur Ruhe und schweben von Abgrund zu Abgrund.
  • 12. Kammerflimmer Kollektief: Wildling
    Die Drei aus Karlsruhe haben einen Sprache entwickelt, in der „Trance“ nur ein anderes Wort ist für „Wachwerden“. Wenn Grooves zerbrechlich sind, halten sie länger!
  • 13. Vijay Iyer: Solo
    das Jazzalbum des Jahres, nur Klavier. Von Duke Ellington bis Sun Ra ist es für den Amerikaner mit indischen Wurzeln nur ein Katzensprung. Ganz nebenbei auch ein audiophiles Highlight.
  • 14. Antony and the Johnsons: Swanlights
    Das Mikrofon muß eben nicht jeden Moment aus größter Nähe einfangen; Manchmal tönt die Stimme, als hätte man sie, im Doku-Stil, beiläufig wahrgenommen, dann wieder rückt sie dicht ans Ohr. Die Fortsetzung von Schuberts Winterreise mit verblutenden Eisbären. Manchen ist das zuviel. Antonys neuer Bildband sei ebenfalls ans Herz gelegt!
  • 15. Danger Mouse & Sparklehorse: Dark Night of the Soul
    Die Toten, die frei aus dem Leben Geschiedenen geben den Unterton an. Wayne Coyne, James Mercer und der einstige Sänger von Grandaddy singen ein paar Lieder, auf die wir seit 1968 gewartet haben! Nur den Song von Black Francis hätte man in die Tonne hauen sollen.
  • 16. Phonophani: Kreken>
    Espen Sommer Eide macht aus Hard Core-Elektronik wunderliche Sanglichkeiten. Die Dekonstruktion alter Folk-Instrumente produziert neue Wege des Erschauerns.
  • 17. Steve Tibbetts: Natural Causes
    Ungezwungene Einkehr und Nachdenklichkeit, Gitarren, Gong-Samples und Perkussion. Asien als feine Klangspur ohne klebrige Exotik.
  • 18. Doug Paisley: Constant Companion
    wirklich ein richtig altmodisches Singer/Songwriter-Album; die jungen James Taylor und Jim Crone lassen grüßen. Aber es macht süchtig, genauso wie die Krematoriumsorgel von Garth Hudson, und die Sanftheit des Kanadiers, die schlicht aus der Zeit fällt.
  • 19. Neil Young: Le Noise
    bitte laut hören; ein brachiale Zerreissprobe mit zwei wundertraurigen Ruhezonen. Das beste Neil Young-Album seit „Sleeps With Angels“. Daniel Lanois („Soul Mining“ heisst seine gerade erschienene Autobiographie) und Mr. Young sollten ein Gespann bleiben. Wie grausam einfältig, gut gemeint und clever eingetütet dagegen die „Nostalgietüden“ von Eric Clapton, Neil Diamond und Ray Davies! Ray, Held meiner Kindheit - warum?
  • 20. Trygve Seim & Andreas Utnem: Purcor (Songs For Saxophone and Piano)
    eine alte Holzkirche in Oslo, alles melodisch, alter Folk und Sakrales; es könnte fürchterlich heilig zugehen, aber staunend verfolgen wir Atemgeräusche und die Lust, die Töne anzublasen!