Über Eliten in Korea - Literatur-Zitate

von Dr. Jörg Neumann, Januar 1994

Hwarang
(1) S.56
Noch in die Zeit König Chinhungs (540-575) fällt die Entstehung einer Einrichtung, die anderswo in Korea oder überhaupt im Fernen Osten nicht ihresgleichen hatte, und in der weiteren Entwicklung von Silla eine große Rolle spielen sollte: des adligen Jugendkorps der "Blumenritter" oder "Blumenjugend" (Hwarang). Training von Körper und Geist, Unterweisung in den Kriegskünsten und in der Gruppendisziplin, aber auch Teilnahme an den überlieferten religiösen Riten gehörten zum Erziehungsprogramm der jungen Aristokraten. Die Hwarang war ein elitärer Jugendorden, in dem der Führungsnachwuchs des Shilla-Staates herangebildet wurde. Viele bedeutende Heerführer und Herrscher sind daraus hervorgegangen, darunter zwei Schlüsselfiguren der Einigung Koreas im 7. Jahrhundert, General Kim Yu-shin und Prinz Chunchu, der spätere König Muryol.
Als Richtschnur für die Erziehung der Hwarang setzten sich die berühmten Fünf Gebote (Sesok Ogye) des buddhistischen Mönches Wongwang durch. Wongwang, der den Ehrentitel Popsa (Lehrer des Rechts) trug und zur Regierungszeit von König Chinpyong (579-631) lebte, hatte während eines langen Aufenthalts in China neben den buddhistischen Schriften auch die Lehren des Konfutsius studiert. Wongwangs Fünf Gebote sind überwiegend konfutsianisch geprägt: die Hwarang-Mitglieder sollen

 ihrem König treu dienen,
 die Eltern ehren,
 ihren Freunden die Treue bewahren,
 vor dem Feind nicht zurückweichen.
Nur ein Gebot - nicht willkürlich zu töten, weder Mensch noch Tier - verrät buddhistisches Gedankengut.

(2) S. 69..
...Als König Chinpyong, der Nachfolger von Chinji, (579-632) diese Geschichte hörte, ließ er Tohwarang und ihr Baby zum Leben in den Palast bringen. Und als der Junge [Pihyongnang] fünfzehn war, machte er ihn zum Ritter. (Das bedeutet wahrscheinlich, daß er unter die Hwarang aufgenommen wurde, eine teils militärische teils religiöse Organisation der aristokratischen Jugend des Königreiches Silla.) ...
33. Kim Yu-sin

...
Von Kindheit an wurde er von allen wegen seiner wundervollen Taten bewundert. Und man nannte ihn den Sieben-Sterne-General. Im Alter von 18 beherrschte er die Kunst des Schwertes und wurde ein Hwarang (die früher erwähnte patriotische Jugend-Organisation). [Fußnote: Hwarang heißt wörtlich Blumen-Jugend und stellt Sillas Ritterschaft und Knappen dar. Unter den Söhnen der Aristokratie wurde körperlich schöne ausgewählt und in zivilen und militärischen Künsten trainiert. Sie wurden bevorzugt in offizielle Positionen gebracht. .. in den Tagen des Königs Chinhung als die Blume von Sillas nationaler Armee, die ihren moralischen Höhepunkt während der Vereinigung der drei Königreiche durch Silla erlebte. Damals setzte Silla militärischen Glanz über literarische Fertigkeiten: Alle Jugendlichen wünschten Ritter des Königs zu werden und zu leben und zu sterben für das Vaterland. Der Campus der Militär- akademie bei Seoul wird jetzt Hwarang-dae genannte, d.i. Hügel der Hwarang.]

(2), S. 105
37. Die Flöte zum Beruhigen von zehntausend Winden
Der einundvierzigste Herrscher war König Sinmun (681-692). Sein eigentlicher Name war Chongmyong. ...

Während der Herrschaft des Königs Hyoso (692-702) wurde diese Flöte im Zusammenhang mit der wunderbaren sicheren Heimkehr des Hwarang Sillyerang (sein richtiger Name war Puryerang) erwähnt. Die voll- ständige Geschichte findet sich in seiner Biografie (in den Chro- niken des Paengnyul-Tempels).

S. 123/124 Hwarang

48. König Kyongmun (861-875)

Der achtundvierzigste Herrscher war König Kyongmun, dessen Kinder- Name Ungnyom war. Er wurde im Alter von achtzehn Jahren zu den Hwarang gegeben, und als er zwanzig war, lud ihn der regierende König Honan zu einem Bankett ein.
"Du junger Mann hast viele lehrreiche Orte in Silla besucht" sagte der König...

Hielscher
Staatsprüfungen, Beamte
(1) S.58
Die Zivilverwaltung war nicht weniger straff organisiert. Aus der ursprünglich wohl personengebundenen, später erblichen Zuweisung bestimmter Ämter an einzelne Adelsfamilien entwickelte sich allmählich ein Beamtensystem. Der Zugang zu diesen Ämtern und Rängen spiegelte die Machtverhältnisse in Silla, einem vom Adel beherrschten, aristokretisch ausgerichteten Ständestaat, wider. Die höchsten Ämter und Ränge waren den Mitgliedern des Königshauses, den Familien Kim und Pak vorbehalten. Eine bestimmte Herkunft war auch Voraussetzung für die Ernennung zu einem der Regierungsämter. Damit sicherte sich das Beamtensystem der Aristokratie die Macht im Staate.
Das Element des vererbbaren Standes wurde im Laufe der Zeit durch die Einführung einer Art Verdienstadel zurückgedrängt. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts kam nach chinesischem Vorbild ein Prüfungssystem für die Staatsbeamten in Anwendung. Die Kandidaten wurden je nach ihrem Kenntnisstand in den chinesischen Klassikern bewertet. Das Prüfungssystem hat jedoch anders als in China bei der Ämterbesetzung in Silla nie eine große Rolle gespielt. Eine Durchlässigkeit der ständischen Ordnung durch den Erwerb von staatlichen Bildungszertifikaten wurde nicht zugelassen. Bemerkenswert ist hingegen die Flexibilität, mit der die eroberten Gebiete in das Beamtensystem Sillas integriert wurden:Der ansässige Adel konnte in den Provinzen zumindest in die unteren Ränge der Zivil- und Militärverwaltung aufsteigen. Angehörige der ehemaligen Herrscherhäuser wurden mit dem Status von Prinzen in der Hauptstadt Kumsong angesiedelt.

(1) S.73
Nachdem unter Kwangjong (958) das Prüfungssystem für höhere Staatsbeamte eingeführt worden war, baute König Songjong 992 die zentrale Lehranstalt in der Hauptstadt zu einer nationalen Universität aus, die der Kukchagam nannte.

(1), S.98 ff.
"Der Begriff 'Yangban' tauchte erstmals in der Koryo-Zeit auf und ist eine Zusammenfassung von Tongban (Ostgruppe) und Soban (Westgruppe), womit die zivile und militärische Führungsschicht der damaligen Regierung, also die höheren Beamten und Ofiziere umschrieben wurden. ... Außer dem Begriffspaar Tongban/Soban gab es später auch die inhaltlich direktere Aufteilung der koreanischen Führungsämter in Munban (Zivilgruppe) und Muban (Militärgruppe). Yangban bedeutet nichts weiter als 'beide Gruppen' und umfaßt somit die gesamte staatliche Führungsschicht." und weiter
"Das nach chinesisch-konfutsianischem Muster gestaltete Bildungs- system wurde durch eine koreanisch-aristokratische Komponente wesentlich verändert. Nach der Lehre des Konfutsius und seiner Interpreten waren die Staatsprüfungen grundsätzlich allen freien und rechtschaffenen Bürgern zugänglich, was für eine gewisse gesellschaftliche Durchlässigkeit sorgte. Die koreanische Variante schloß die Mobilität zwischen den Ständen seit der Yi-Dynastie bewußt und konsequent aus. Choson war ein feudalistischer Ständestaat in Reinkultur. Seine starre Gesellschaftsstruktur blieb in ihren Grundzügen bis ins 19. Jahrhundert erhalten und wirkt noch heute in vielfältiger Weise nach."

(1), S. 133
"Die Invasionskriege der Japaner und Mandschus hatten nicht nur die Grundlagen des alten Steuersystems von Choson zerstört. Auch die Fundamente der Yangban-Gesellschaft wurden ernsthaft erschüttert, mit nachhaltigen Folgen für das Gesamtgefüge des neokonfutsianischen Staates. Die Regierung selber wirkte dabei fleißig mit. Ihrer Steuereinnahmen weitestgehend beraubt, andererseits wegen der Folgelasten des Krieges mit erheblichen zusätzlichen Kosten belastet, verfiel sie auf den Gedanken, staatliche Amtstitel zu verkaufen. Diese verhängnisvolle Praxis begann schon 1593, ein Jahr nach der ersten Hideyoshi-Invasion, und nahm lawinenartig zu. Die Titel brachten den Erwerbern zwar keine Ämter, doch konnte man sich mit ihnen zumeist den bisher so exklusiven Yangban-Status kaufen.
Die Yangban haben sich von der Vermarktung ihres Standes niemals vollständig erholt."

Von 1575 an gibt es eine neue Erscheinung im politischen Leben Koreas: "Parteien".
<(1), S. 135> "Der Anfang einer Herausbildung dauerhafte 'Parteien' wird gemeinhin auf das Jahr 1575 datiert, als sich im Zuge eines hartnäckigen Machtkampfes um Stellenbesetzungen die Unterscheidung der rivalisierenden Gruppen in 'So-in' und 'Tong- in' einbürgerte. Wörtlich übersetzt bedeuten diese Bezeichnungen Westleute und Ostleute, was auf den Wohnsitz des jeweiligen Anführers im Westteil und Ostteil der Hauptstadt zurückgeht. ...[Natürlich] waren diese Parteien reine Yangban-Parteien." Aus einer Oberschicht wurde eine doppelte: die dem König nahestehende, mitregierende, und die Opposition, mit der ein ehemaliger Würdenträger bei einem Wechsel der königlichen Gunst leicht bodenlos - auch sozial und wirtschaftlich - abstürzen konnte.

213

Yangban
(1) S. 137: zitiert Historiker Han Wu-kyun:
"Man ging davon aus, daß es immer nur eine richtige Politik gab und alles andere falsch war. Es gab daher keine Möglichkeit, in einem Meinungsstreit zu vermittel."

(1) S. 146 [Schule der nördlichen - mandschu-chinesischen - Wissenschaft, Pukhak-pa]
Diese wurden von den traditionsbewußten Yangban, die sich als Wächter der altchinesischen Tradition verstanden, verachtet. So kleideten sich die Yangban von Choson weiterhin in der - in China von den Mandschus abgeschafften - Tracht des Ming-Adels und trugen ihr Haar in einem Kopfknoten, während die Mandschus den Chinesen befohlen hatten, sich nach Mandschu-Art einen Zopf wachsen zu lassen und das Haupt zu rasieren.

(1) Hielscher S.151
Yangban und Hangul-Schrift
Ein Großteil der Silhak-Schriften war in Chinesisch verfaßt, der klassischen Bildungssprache der koreanischen Oberschicht. Auf ihrer Suche nach der eigenen, koreanischen Identität stießen die Silhak-Gelehrten fast zwangsläufig auf Hangul, das Mitte des 15. Jahrhunderts unter König Sejong entwickelte Alphabet. Shin Kyong- jun (1712-1781) verhalf mit seiner Arbeit über die Phonetik der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Hangul zu akademischem Ansehen, Yu Hui (1773-1837) setzte diese Tradition mit seiner Abhandlung über di Volksschrift und einer "Untersuchung über den Wortschatz" (Mulmyong-go) der koreanischen Sprache fort. Allmählich begannen auch die Yangban, sich der Hangul-Schrift zu bedienen, zum Beispiel für formlose Notizen oder Briefe unter Freunden und besonders beim Verfassen von Shijo, einer aus dem Chinesischen hervorgegangenen Form von Kurzgedichten...

(1) S. 167
Das 19. Jahrhundert hatte Choson eine neue "Regierungsform" beschert: die Herrschaft der Anverwandten des Königs. Die Kontrolle der Macht durch eine einzige Familie, ob sie nun Kim oder Cho, Yi oder Min hieß, hatte zur Folge, daß andere Yangban-Familien von den Regierungsämtern ausgeschlossen blieben. Das System der Staatsprüfungen verlor seine letzte Existenzberechtigung. Wer nicht zur jeweils regierenden Sippe gehörte, konnte sich den Zugang zu Amt und Würden nur erkaufen oder erschleichen. Korruption, Günstlingswirtschaft oder Resignation kennzeichneten den endgültigen Niedergang des Yangban-Standes.
Der Fisch verfault vom Kopfe her, sagt ein asiatisches Sprichwort. Wenn die Führungsschicht ihre Aufgaben nicht mehr erfüllt, zerfällt bald auch der sie tragende gesellschaftliche und wirtschaftliche Unterbau. Die systematische Ausbeutung der Bauern durch korrupte Beamte erreichte ein solches Ausmaß, daß viele Familien ihre Höfe verließen, Dörfer verwaisten, ganze Landstriche verödeten. 184

(1) S. 93
[König Sejong: regierte 1418-1450]
... Auch hatte Sejong die Akademie überhaupt erst in die Lage versetzt, solche Arbeiten [d.h. die Entwicklung der Hangul- Schrift] durchzuführen, indem er die aus der Koryo-Zeit überlieferte Einrichtung namens 'Chip-hyon-jon' (Halle der versammelten Weisen) reaktivierte und zu einer Mischung aus Forschungsinstitut und Verwaltungsakademie aufwertete. Die Akademie hielt Seminare für den Königshof ab und veranstaltet Fortbildungskurse für höhere Staatsbeamte; sie veröffentlichte Kommentare zu den chinesischen Klassikern, machte Vorschläge für Gesetze und Verwaltungsreformen und war für die Aufzeichnung und Herausgabe der amtlichen Staatschronik zuständig. Die zuerst zehn, später zwanzig auf Zeit berufenen Mitarbeiter der Akademie - gewissermaßen die intellektuelle Elite unter den höheren Staatsbeamten - verfaßte auch Sachbücher, etwa über chinesische und koreanische Medizin oder Anbaumethoden in der Landwirtschaft, gaben Landkarten von Korea heraus und führten im Auftrag des Königs wissenschaftliche Untersuchungen durch, zum Beispiel die Messung der Höhe des Nordpols, oder bewältigten konkrete Aufgaben, wie die Erarbeitung eines neuen Kalenders oder die Entwicklung einer eigenen Schrift.

(3) S. 39
Daraufhin erhoben sich die empörten Soldaten und Einwohner Pyongyangs unter Führung von Kim Ung-u, dem Großvater des Präsidenten Kim Il-sung, und setzten die "General Sherman" in Brand.

Ein Faltblatt über Käsong berichtet kurz <(5)>:
"... Hier ist auch die Songgyun-Akademie erhalten, die damalige höchste konfutsianische Lehranstalt. Sie umfaßt 10,000 Quadratmeter und hat rund 200 Räume, die nun etwa 1000 Stücke aus der Geschichte von Koryo enthalten. In der Nachbarschaft gibt es viele Steinpagoden und Stelen, die von anderen Stellen im Gebiet von Käsong hierher gebracht wurden, und 900-jährige Gingko- und Zelkova-Bäume, die von der langen Geschichte der Akademie erzählen. Hier ist jetzt das 'Koryo-Museum'."

Und in einem koreanischen Reiseführer wird berichtet: <(4), S. 123> "Das Koryo-Museum ist in dem ehemaligen Gebäudekomplex eines kunfutsianischen Kollegiums untergebracht. Die Gebäude stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert und waren ein Nebenschloß des Koryo-Staates.
Dieses Gebäude wurde Dä-myonggung genannt. Es wurde als Unterkunft für ausländische Gäste genutzt und hieß Sunchongwan. Danach verwendete man es für konfutsianische Angelegenheiten, es hieß dann Sungmungwan. 1089 wurde die höchste Bildungsbehörde Kukjagam hierher verlegt. 1310 wurde das Gebäude in Songgyungwan (höchstes konfutsianisches Bildungsorgan) umbenannt. Heute ist ein Geschichtsmuseum, in dem viele wertvolle historische Altertümer zu bewundern sind."

(6) S. 165
... Während der Schamanismus die breiten Massen beherrscht, war Konfutses Moral-Philosophie ein Angelegenheit des Königs, des Staates, der Offiziellen und der anderen Yangban. Jedoch hatte er auch große Anziehungskraft auf das einfache Volk aufgrund seiner Begräbnis-Riten und der Ahnen-Verehrung, worin er sich auch mit der Geomantik verbindet.


Literaturnachweis

(1) Gebhard Hielscher
38 mal Korea
R. Piper Verlag
München 1988

(2)
Ilyon
Samguk yusa
(Übersetzt von Ha Tae-Hung, Grafton K. Mintz)
Yonsei University Press
Seoul 1972



(3) Korea im Überblick
Verlag für fremdsprachige Literatur
Pyongyang 1987

(4)
Reiseführer durch Korea
Verlag für fremdsprachige Literatur
Pyongyang 1991

(5)
Faltblatt "DPR of Korea; Kaesong"

(6)
Hermann Lautensach
Korea
Springer-Verlag
Berlin, Heidelberg 1988
(Erstauflage: K.F.Koehler Verlag
              Leipzig 1945)


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