Die Mauer

von Dr. Jörg Neumann, Januar 1994

Aufgrund schlechter Erfahrungen mit den Europäern im beginnenden 17. Jahrhundert isolierte sich Korea ebenso wie Japan von der Außenwelt. Obgleich Japan durch seine Insellage eine solche Isoltaion am leichtesten realisieren konnte, war die Isolation Koreas verbis-sener. Eine besondere Rolle spielte dabei auch das Unterbinden jeglicher Bewegungen über die Flüsse und Berge nach China - d.h. zur Mandschurei - hin. Die koreanische Isolation brachte starke Tendenzen gesellschaft-licher Stagnation mit sich, die Korea im 19. Jahrhundert zu einer leichten Beute für das sich rasch entwickelnde Japan werden ließen.


(1) S. 72
... Taejos Nachfolger mußten sich zahlreicher Angriffe der Khitan erwahren, bis die verfeindeten Nachbarn schließlich im Jahre 944 Frieden machten. Koryo sicherte sich den Westteil der heutigen Provinz Pyongan in Nordkorea und konnte seine Nordgrenze damit erstmals bis zum Yalu-Fluß (Amnok-gang) vorschieben. Aber der Frieden hielt nicht lange vor. 1010 und 1018 drangen riesige Invasionsheere der Khitan erneut tief ins Koryo-Reich ein, um 1019 im "Großen Sieg bei Kyuju" vernichtend geschlagen zu werden. Koryo aber, durch Erfahrung gewitzt, verließ sich nicht auf den neuen Frieden mit dem Khitan-Reich Liao und begann 1033 mit dem Bau einer Festungsmauer zum Schutz seiner Nordgrenze. Diese "Koreanische Mauer" erstreckte sich über mehrere hundert Kilometer vom Grenzfluß Yalu quer durch die koreanische Halbinsel bis zur Ostküste und war in ihren wesentlichen Teilen 1044 fertiggestellt." (2) S. 29
... Die Stämme, die von Puyo in der zentralen Mandschurei über den Yalu nach Koguryo strömten, wurden um die Zeit von Christi Geburt schon Korai oder Gaoli genannt. Land und Volk wurden gleichermaßen später den Europäern unter diesem Namen bekannt.
Fern von den Überfällen durch die Khitan, gegen die etwa von 1033 an im nördlichen Korea eine Palisadenwand errichtet wurde, gab es in den drei Jahrhunderten nach 938 im Wesentlichen eine Zeit des inneren und äußeren Friedens.

(2) S. 31
Unmittelbar bevor die Manchu- (Qing-) Dynastie in China errichtet wurde, kamen die Manchus und der koreanische König überein einen Streifen Niemands-Land am nordwestlichen Ufer des Yalu zu belas- sen, der 100 chinesische Li (etwa ein halbes Grad geografischer Breite, d.h. etwa 55 km) breit und 500 km lang sein sollte. Gemäß der Berechnung in Petermanns Mitteilungen (1881, S. 72) umfaßte dieser Streifen 13.882 Quadratkilometer. Um diesen Streifen neutralen Geländes zu erzeugen, wurden vier Städte und eine große Zahl Dörfer ausgelöscht. Es war bei Todesstrafe verboten, diesen Streifen zu passieren. Längs der nordwestlichen Grenze dieses neutralen Gebietes gab es eine hölzerne Palisade, die in europäischen Atlanten bis zur Jetztzeit dargestellt ist (vgl. d'Anville; 126, Blatt XXXI). Richthofen gab 1869 eine lebhafte Beschreibung dieses neutralen Gebietes. Er fand aber anstelle einer Palisade nur einen unbedeutenden Graben, als er Gaolimen besuchte. Das chinesische Zollbüro befand sich aber zu jener Zeit noch an der nördlichen Grenze der neutralen Zone. Dieses neutrale Gebiet erfüllte aber nicht seine Bestimmung zum Schutz des Grenz- gebietes beider Seiten. Stattdessen wurde es zu einer Zuflucht nicht nur für wilde Tiere, sondern auch für Flüchtlinge und Diebe. 1875 beschwerte sich der koreanische König beim Hof in Beijing über die Missetaten dieser Räuber. Li Hongzhang (Li Hung chang), der General-Gouverneur von Zhili (Chihli), schickte als Antwort Kanonenboote mit Truppen den Yalu hinauf. Sie stellten fest, daß sich inzwischen eine beträchtliche Zahl friedlicher Bauern in diesem Gebiet niedergelassen hatte. Daraufhin wurde das Gelände von China besetzt und die Zollgrenze an den Yalu vorverlegt. Eine ähnliche neutrale Zone wurde 1715 längs des Tumen geschaffen. Demzufolge war die Nationalität der Kientao Region (koreanisch: Kando) zu wiederholten Maßen Streitobjekt bis 1909. Korea fuhr mit seiner Politik der absoluten Abschließung auch dann noch fort, als China durch den Vertrag von Beijing (1860) gezwungen wurde, die Ussuri-Region an Rußland abzutreten. Damit wurde das zaristische Rußland auf eine Länge von 25 km am unteren Tumen zu Koreas Nachbarn. Danach war es bei Todesstrafe verboten, den Fluß zu überqueren. Die Dörfer längs des Tumen wurden ins Land verlegt, und der Markt von Kyong-won wurde geschlossen. Ebenso wurden die Siedlungen an der Meeresküste wenn möglich in Land hinein verlegt. Das geschah teils im 15. und 16. Jahrhundert wegen der Gefahr japanischer Piraten, teils im 17. und 18. Jahrhundert im Einklang mit der Isolations-Politik. Das mag zum Teil den Eindruck einer abstoßenden Einsamkeit erklären, den viele europäische Forscher von ihren Schiffen aus vom "Land der Morgen- frische" gewannen.
...
(S. 32)
... Diese Missionen reisten über Uiju und Gaolimen auf der besten Straße des Landes, die am besten für Packtiere geeignet war. Wenn es auch ein viel längerer Weg war, reisten diese Missionen auf dem Landwege. Reisen auf dem Lande

(1) S. 177
...
Der Kontakt mit Amerika hatte zunächst ganz friedlich begonnen. Im Frühjahr <1866> lief das amerikanische Segelschiff Surprise vor der Nordwestküste Chosons auf Grund. Der Kapitän und seine Mannschaft ergaben sich den örtlichen Behörden. Zu ihrer Überraschung wurden die Amerikaner von den Koreanern sehr zuvorkommend behandelt und schließlich auf dem Landweg nach China abgeschoben. Das Verbot der Regierung, keinen Kontakt mit dem westlichen Ausland aufzunehmen, schloß die Rettung Schiff- brüchiger nicht aus.
Von ganz anderer Art war die Begegnung mit dem Handelsschiff "General Sherman" im Spätsommer 1866. Der mit zwei Kanonen bestückte Schoner segelte unter amerikanischer Flagge, hatte aber einen dänischen Kapitän. Die bunt zusammengewürfelte Besatzung, zu der auch Engländer und Chinesen gehörten, war schwer bewaffnet und soll es auf die koreanischen Königsgräber in der Umgebung von Pyongyang abgesehen haben. Es war mehr ein Piraten- als ein Handelsschiff. Die "General Sherman" war den Taedong aufwärts fast bis Pyongyang vorgedrungen, als sie am 21. August bei Ebbe auf Grund lieg. Die Gezeiten sind an der Westküste Koreas so heftig, daß selbst der Wasserstand der Flüsse bei Ebbe und Flut erhebliche Unterschiede aufweist.
Auch diesmal wollten die örtlichen Behörden dem in Not geratenen Schiff zunächst mit Lebensmitteln und Wasser aushelfen und es dann zur unverzüglichen Rückkehr auffordern. Doch die fremden Eindringlinge kenterten das Boot des amtlichen Abgesandten, nahmen ihn gefangen und eröffneten auf die am Ufer versammelten Menschen das Feuer. Ohne die Anweisungen der Regierung oder das Eintreffen regulärer Truppen abzuwarten, griffen die Koreaner daraufhin den fremden Schoner an. Sie ließen mit brennenden Holzscheiten beladene Flöße auf das Schiff zutreiben und setzten die General Sherman in Brand. Der Kapitän und die gesamte Besatzung kamen um. Die beiden Kanonen sind erhalten und heute im Historischen sowie im Revolutionsmuseum von Pyongyang ausgestellt.

(3) S. 39
Daraufhin erhoben sich die empörten Soldaten und Einwohner Pyongyangs unter Führung von Kim Ung-u, dem Großvater des Präsidenten Kim Il-sung, und setzten die "General Sherman" in Brand.

(1) S. 180
... Den Japanern waren Auslandsreisen seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts verboten.
Als die Japaner mit westlichen Schiffen und westlich gekleidet in Choson erschienen, verweigerte die koreanische Regierung die Annahme der Beglaubigungsschreiben. 1872 kamen die Japaner wieder, diesmal mit zwei Kriegsschiffen. Ungerührt ließen die Koreaner Tokios Abgesandte monatelang vor der Südküste warten, bis sie schließlich unverrichteterdinge wieder abfuhren. In den Augen des Taewon-gun hatte sich das Kaiserreich durch seine Modernisierung den fremden Vorbildern derart angepaßt, daß er mit diesem Japan genauso wenig zu tun haben wollte wie mit den West- mächten. Aber die Tage ds Regenten waren gezählt. Mit seiner Entmachtung 1873 war in Choson der schärfste Verfechter des Abschottungskurses aus dem Weg geräumt.

(3) S. 39
Die "chokhwabi" genannten Steine, die zur Vertreibung der ausländischen Invasoren aufriefen und damals überall im ganzen Land aufgestellt wurden, enthielten folgende Inschrift:

 Verzicht auf den Kampf gegen das Eindringen westlicher Barbaren,
 bedeutet friedliches Einvernehmen,
 und diese Haltung vertreten heißt das Land preiszugeben.

(1) S. 179
... Am 23. Mai 1871 warfen fünf amerikanische Kriegsschiffe unter dem Kommando von Konteradmiral John Rodgers in den Gewässern vor Kanghwa-do Anker. ... Als die Amerikaner eine Barkasse zur Insel entsandten, eröffneten die Koreaner aus ihren Festungskanonen das Feuer. ... Doch ein weiterer Landeversuch wurde von den Koreanern zurückgeschlagen. Daraufhin zogen sich die Amerikaner mit ihren gesamten Truppen von der Insel zurück und verließen mit ihrer Flotte die koreanischen Gewässer.
Für den Taewo-gun war dies der zweite große Sieg im Kampf gegen die Choson bedrängenden Westmächte. Der Regent fühlte sich in seiner Haltung bestärkt, alle Kontakte mit Europäern und Amerikanern zurückzuweisen. Um auch die Bevölkerung bei der Stange zu halten, ließ er im Zentrum der Hauptstadt und an vielen anderen Orten Gedenksteine aufstellen, deren chinesische Inschrift sich sinngemäß etwa folgendermaßen übersetzen läßt: "Wer das Eindringen der westlichen Barbaren nicht entschlossen bekämpft, sondern sich mit ihnen einläßt, der verrät sein Land. Möge dies unseren Kindern und Kindeskindern zur ewigen Warnung gereichen. Verfaßt im Jahre des Tigers, errichtet im Jahre des Lamms." ( Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Lamm - 1866 und 1871)


Literatur
(1) Gebhard Hielscher
38 mal Korea
R. Piper Verlag
München 1988

(2) Hermann Lautensach
Korea
Springer - Verlag
Berlin, Heidelberg 1988


(3) Korea im Überblick



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