Ausflug durch das Myohyang-Gebirge

von Dr. Jörg Neumann, Januar 1994

Unter den Sohlen knirscht die Geschichte. Zwischen Felsen und Bäumen weben die Gestalten alter Sagen. Hier soll es gewesen sein, daß der himmlische Sohn Hwan-un herabstieg zur Erde, daß der erste König Koreas im Jahre 2333 vChr. seine Herrschaft errichte- te.

Ich habe mir den Ausflug durch das Chilsong-Tal redlich erkämpfen müssen. Ich wollte in die Berge hinein, so weit es irgend ging. Ich wollte den Nebeln und Schluchten und Winkeln und Wäldern begegnen, in denen sich die Spur der Geschichten noch findet. Aber alles kam in Gefahr. Der Zug brachte uns gestern abend nach Hyangsan-ri. Mit mehr als zwei Stunden Verspätung kam er an. Ein Auto fuhr uns ins Hotel, wo wir erst gegen Mitternacht in die Zimmer kamen. Von Ausgeschlafen- sein konnte da am Morgen gegen sieben Uhr keine Rede sein. Wie wenig Zeit bleibt aber, wenn am Nachmittag um vier schon der Zug zurück nach Pyongyang abfährt!

Das Hotel liegt in peinlicher Modernität in den Grund des Tales geklemmt. Hinter dem Haus steigt ein Hügel an. Erst kurz vor der Abfahrt besteige ich das Hotel-Dach und sehe: Dieser Hügel ist mitten in das Tal gesetzt, das sonst völlig gerade von Hyangsan-ri bis hinter zum Pirobong-Tal ansteigt. Also ist vom Hotel aus eigentlich nichts von der Myohyang-Landschaft zu sehen, deren erste Örtlichkeiten nach einer halben Stunde Fußweg beginnen.

Gleich hinter dem Hügel liegt das Dorf Hyangsan-up. Es ist eine Mischung von Urlauber-Dorf und Bergarbeiter-Siedlung. Die Halden quellen aus den Gruben am südlichen Hang des Tales heraus. Dazu gehören achtstöckige Wohn-Kästen. Die Straße ist von Wanderern aus dem Jugend-Camp und aus Ferien- heimen bevölkert. Der Fahrer hupt sich den Weg frei. Die Fußgänger springen zur Seite. Einige hundert Meter weiter überquert eine Brücke den Bach und führt zum Museum der Völkerfreundschaft. Dort sind die Geschenke ausgestellt, die der Präsident Kim Il song und sein Sohn Kim Jong il von ausländischen Regierungen und Organisationen erhalten haben. Bilder davon habe ich ausreichend gesehen. Ich verzichte auf den Besuch. Ich will in die Berge, in die stillen Berge, auf die wenig getretenen Pfade.

Links geht der Weg in das Sangwon-Tal steil hinauf. Ja, dieses Tal ist voller Tempel, Pavillone und Wasserfälle. Aber ich will...

Dem Museum gegenüber liegt die Tempelanlage Pohyon. Ein Blick hinüber: DAS werde ich nach der Mittagspause besuchen.

Das Auto rast auf dem schmalen Band von glattem Asphalt dahin. Ich weiß, was ich auf die Schnelle nicht sehen kann: wieder geht links ein Weg ab. Der steigt in das Manpok-Tal - das Tal der zehntausend Wasserfälle. Aber ich will...

Wir mögen an die 15 km gefahren sein, als wir das Ende der Straße am Sogok-Wasserfall und am Biromun-Rastplatz erreichen. Es geht auf neun Uhr. Meine Eile beim Frühstück hatte wenig Erfolg. So stand ich zwar um acht vor dem Hotel bereit zur Abfahrt. Aber Auto und Fahrer erschienen erst planmäßig um halb neun. Nutzen wir also die Zeit! Halb eins sollen wir zurück sein für die Fahrt zum Mittagessen. Irgendwo vor uns liegt der 1909 Meter hohe Biro-Gipfel, verdeckt von Wald und anderen Bergen. Mit meinem treuen Begleiter steige ich in das Tal hinein, das mit einer malerischen Komposition von Brücke, felsigem Bachbett und waldigem Einschnitt beginnt. Der Herbst ist bei weitem nicht so fortgeschritten wie ich ihn in der Mandschurei erlebt habe, Hier haben die Ahorne noch rotes Laub und die Lärchen gelbe Nadeln. Damit mischt sich das Braun des welken Eichenlaubes und die Grün-Schattierungen der verschiedenen Kiefern und des Wacholders. Die Sonne scheint durch das Geäst und spendet ein wenig Wärme. Nachts war es um Null Grad. Aber hier unten ist der Boden frei. Wir gehen auf dem schwach ansteigenden Weg hurtig voran. Bald kommen wir an einen Wegweiser: Campinghospice 1 km. Und da ist das Haus, das Nachtlager "Birobong": ein einfacher Bau mit geschwungenem Ziegeldach. Mein Begleiter erklärt mir, daß das ein Wanderquartier ist, daß "man" sich hier einmieten und von hier aus dann wandern kann. Ja, auch als Fremder könne man das tun. Das Reisebüro wird das organisieren. Ich zweifle ein wenig, da ein solcher Urlaub offenbar nirgends angeboten wird. Nun, so genau weiß er es dann auch nicht. Eine Frau ist im Haus zu sehen. Sie kümmert sich nicht weiter um uns.

Also voran! Dort vorn überspannt eine eiserne Hängebrücke den Bachgrund. Und am anderen, dem linken, Ufer sind einige Häuser zu sehen. Das ist die Habiro-Einsiedelei. Wir nähern uns. Die Wege sind ordentlich gefegt. Die Bemalung der Wände ist lebhaft bunt und hebt sich grell gegen die milden Farben von Wald und Felsen ab. Ein Mann erscheint. Nein, das ist kein rechter Einsiedler, nur ein Angestellter, der das Gelände in Ordnung hält und in dem kleinen Gärtchen am südlichen Bachufer einige Blumen- und Gemüse- Beete pflegt. Im Nachhinein fällt mir auf, daß mein Begleiter hier wie auch an der Herberge keinerlei Kontakt zu den Leuten aufgenommen hat. Wie eindringlich hätte ich mich denn erkundigen müssen, damit er mir dolmetschend geholfen hätte? Dies war ja mein erster Ausflug mit ihm. Später hatte ich es dann gelernt: ich mußte ihm genau meine Frage nennen und ihn auffordern, das zu übersetzen. Aber SO kann man sich eigentlich nicht mit Leuten unterhalten, denen man so per Zufall in der Landschaft begegnet.

Von da an steigt nun der Weg ernsthaft an. Bald sind in der Ferne deutlich die beschneiten Gipfel zu sehen.

Ilyon; Samguk yusa, S. 32
1. Alt-Choson (Wanggom choson)

Im Wei-shu (2) ist geschrieben: "Vor zweitausend Jahren (traditionelles Datum 2333 vChr.) wählte Tangun, der auch Wanggom genannt wird, den auch mit Muyop-san bezeichneten Berg Asadal in der Provinz Päkju östlich von Käsong an einer nun Pägak-kung (vielleicht modern Pyongyang ?) genannten Stelle als seinen königlichen Sitz und gründete eine Nation, die er Choson nannte, zur Zeit von Kao (des legendären chinesischen Kaisers Yao)."

In dem alten Buch steht geschrieben: "In früheren Zeiten hatte Hwan-in (der himmlische König, auch Chesok oder Sakrodeveendra) einen jungen Sohn namens Hwan-ung. Der Knabe wünschte vom Himmel hinabzusteigen und in der Welt der Menschen zu leben. Nachdem sein Vater drei große Berge geprüft hatte, wählte er den Täbäk-san (das Myohyang-Gebirge im Norden Koreas) als geeigneten Platz für seinen himmlischen Sohn, um den Menschen das Glück zu bringen. Er gab Hwan-ung drei himmlische Schätze und wies ihn an, über sein Volk zu herrschen. Mit dreitausen seiner Getreuen stieg Hwan-ung vom Himmel herab und erschien unter einem Sandelholz-Baum auf dem Berg Täbäk. Er nannte den Platz Sin-si (Stadt des Gottes) und nahm den Titel Hwan-ung Chonwang an (ein anderer Titel mit der Bedeutung "göttlicher König"). Er leitete seine Minister für Wind, Regen und Wolken an, das Volk mehr als 360 nützliche Künste zu lehren, darunter Acker- bau und Medizin. Er führte Prinzipien der Moral ein und stellte einen Gesetzes-Kodex auf. In jenen Tagen lebten eine Bärin und eine Tigerin in derselben Höhle. Sie beteten zu Sin-ung (dies ist ein anderer Name von Hwan-ung), um mit einer menschlichen Gestalt gesegnet zu werden. Der König hatte Mitleid mit ihnen und gab beiden ein Bündel Beifuß und zwanzig Knoblauch-Zwiebeln und sagte: 'Wenn ihr diese heilige Speise eßt und hundert Tage lang nicht das Sonnenlicht seht, sollt ihr Menschen werden.' Die Bärin und die Tigerin aßen die Speise und zogen sich in die Höhle zurück. Nach einundzwanzig Tagen wurde die Bärin, die die Anweisungen des Königs getreu befolgt hatte, eine Frau. Aber die Tigerin, die sie nicht befolgt hatte, behielt ihre ursprüngliche Gestalt. Aber die Bärin-Frau konnte keinen Mann finden. Darum betete sie unter dem Sandelholz-Baum mit einem Kind gesegnet zu werden. Hwan-ung hörte ihr Gebet und heiratete sie. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn, der Tangun Wanggom - der König des Sandelholzes - genannt wurde.

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft von Tang kao (des legendären chinesischen Kaisers Yao, nach üblicher Zeitrechnung einiges vor 2000 vChr.), das war im Jahr Kyong-in (wenn es Kyong-in war, muß es das 23. Jahr gewesen sein), kam Tang-un nach Pyongyang (das heißt jetzt Sogyong), errichtete da seine königliche Residenz und gab seinem Königreich den Namen Choson.

Später verlegte Tang-un seine Hauptstadt nach Asadal auf dem Taebaek-Berg und regierte 1500 Jahre lang, bis der König Wu von Chou (einer früheren chinesischen Dynastie) Kija auf den Thron brachte (das herkömmliche Datum dafür ist 1122 vChr.). Als Kija kam, ging Tang-un nach changtang-kyong und kehrte dann nach Asadal zurück, wo er im Alter von 1908 Jahren ein Berggeist wurde.


Literatur

(1)
Ilyon
Samguk yusa
(Übersetzt von Ha Tae-Hung, Grafton K. Mintz)
Yonsei University Press
Seoul 1972




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