Koreanische Schrift

von Dr. Jörg Neumann, Januar 1994

(1) S.59
... Buddhistische Dichter spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer eigenständigen koreanischen Literatur. Da die Koreaner keine Schrift besaßen, erfolgten die frühesten schriftlichen Aufzeichnuungen - etwa auf dem Gedenkstein für König Kwang-gae-to - auf chinesisch. Allmählich entwickelten sie eine Methode, um mit Hilfe chinesischer Schriftzeichen koreanische Worte niederzuschreiben. Das geschah zunächst in der Form, daß man die Schriftzeichen nach ihrer Originalbedeutung, aber in der Reihenfolge des koreanischen Satzbaus und ohne Rücksicht auf die chinesische Aussprache niederschrieb. Das Ergebnis mußte wegen der völlig andersartigen Sprachen unbefriedigend bleiben. Als sehr viel ergiebiger erwies sich der Gebrauch chinesischer Schriftzeichen mal nach ihrer Bedeutung und dann wieder nach ihrer Aussprache. Auf diese Weise konnte man auch koreanische Worte oder Formen ohne inhaltliche Bedeutung, etwa Endungen, ausdrücken. Diese sogenannnte Idu-Methode wurde im 8. Jahrhundert von dem Shilla-Gelehrten Sol Chong systematisch vervollständigt. Sol Chongs Herkunft ist - zumindest indirekt - Thema eines frühen koreanischen Gedichts über einen Mönch in Liebesnot, für das der brühmte buddhistische Priester Wonhyo (617-686) Pate gestanden haben soll. Nach der Überlieferung wurde Wonhyos Ruf am Königshof erhört, und er erhielt die Hand der verwitweten Prinzessin Yosok. Aus dieser Verbindung soll Sol Chong hervorgegangen sein. Die Episode symbolisiert zugleich die Befreiung der buddhistischen Mönche in Shilla vom Gebot der Keuschheit. ...

(2) S. 7
... Die koreanischen Texte wurden im Idu aufgezeichnet - mit chinesi- schen Schriftzeichen durch kombinierte Benutzung ihre Bedeutung oder ihrer Aussprache. Die Herausbildung des Idu als einheitliches briefliches System wurde durch den zentralisierten Staat benötigt. Seine Tradition verbindet sich mit dem Namen von Sol Chong (7.Jh.).

(3) S.28 (um 670)
... In dem neuen Königreich von Silla bildeten Frieden und Ordnung innerhalb der Grenzen die Grundlage, auf der sich die Kultur entwickelte. Die Sprache, die Gesetze und die Zivilisation des früheren Silla-Staates verbreiteten sich über die ganze Halbinsel, womit die Geburt eines vereinigten koreanischen Volkes vorbereitet wurde. Der Buddhismus breitete sich weit aus. Eine gewaltige Zahl von Tempeln wurde gebaut. Die Kenntnis der chinesischen Schriftzeichen wurde in den privilegierten Klassen gebräuchlich. Die Entwicklung des Silben-Schreib-Systems, das als "Idu" bekannt ist, ist eine eigenständige koreanische Kultur-Errungenschaft. Sie kann bis zu dem gelehrten Staatsmann Sol chong (spätes 7. bis frühes 8. Jh.) zurück verfolgt werden. Der Grund für seine Entwicklung liegt darin, daß das Koreanische eine anhängende Sprache ist ohne jegliche Beziehung zu der flexionslosen, einsilbigen chinesischen. In weiten Bereichen aber wurde die überlegene chinesische Kultur gerade zu jener Zeit beherrschend. "Es kann keine Frage sein, in wie hohem Maße Korea bei China in der Schuld steht. Aber andererseits wurde das nicht ohne einen gewissen Schaden für das koreanische Volk zuwege gebracht, das sich noch in einer Zeit der Entwicklung befand. Das koreanische Volk fing gerade an, seine eigenen Kräfte zu spüren. Und da gerade wurde es mit den fertigen Produkten einer älteren Zivilisation überschwemmt, wodurch jeder Ansporn für eigenes Bemühen zunichte wurde. Der Genius des Volkes wurde sogleich erstickt. Und er erholte sich nie wieder von der intellektuellen Stagnation, die aus der Überfrachtung der Köpfe mit den chinesischen Idealen entsprang." (zitiert Hulbert 1880).

(4) S. 18-19
"Das geschriebene und das gesprochene Koreanisch wurde durch die jahrhundertelange immense politische und kulturelle Wirkung Chinas auf Korea beeinflußt. Das Koreanische zeigt in den grammatischen Strukturen starke Ähnlichkeiten mit dem Japanischen, und in beiden Sprachen gibt es viele chinesische Lehnwörter und Redewendungen. Die koreanische Schrift wird allgemein als Han-gul bezeichnet. Sie wurde im 15. Jahrhundert auf Initiative von König Sejong (1418-1450) von einer Gruppe von Gelehrten entwickelt. Sejong war der vierte Monarch des Königreichs Choson (1392-1910). ...
Das koreanische Alphabet, das als eines der wissenschaftlichsten Schreibsysteme gilt, die heute in der Welt in Gebrauch sind, be- steht aus 10 Vokalen und 14 Konsonanten, die zu zahlreichen Sil- benkombinationen zusammengestellt werden können. Das Han-gul ist einfach und doch systematisch und umfassend. Es ist leicht zu ler- nen und zu drucken und hat daher viel zur hohen Alphabetisierungs- rate und zu einem fortschrittlichen Verlagswesen beigetragen." (1) S. 91
Hangul - eine "Volksschrift"
Von den Königen der Yi-Dynastie gilt vielen Koreanern Sejong als der Größte; nicht, weil er große Eroberungskriege geführt oder viele siegreiche Schlachten geschlagen hätte, sondern wegen der bahnbrechenden kulturellen und bedeutenden administrativen Leistungen während seiner gut dreißigjährigen Regierungszeit (1418-1450). Besonderes Augenmerk verdient eine kulturelle Großtat, deren Konsequenzen erst in diesem Jahrhundert voll wirksam geworden sind: die Erfindung einer eigenen koreanischen Schrift. ...
Koreaner und Japaner haben auf der Grundlage chinesischer Schrift- zeichen im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Schreibweisen entwickelt, um die vom Chinesischen stark abweichenden Laute und Formen der eigenen Sprache besser ausdrücken zu können. Hierzu zählen die koreanischen Idu-, Hyangchal- und Kugyol-Systeme...
das koreanische Hangul [ist] eine völlig eigenständige Neuentwicklung, die, von König Sejong veranlaßt, am 9. Oktober 1446 dem Volk übergeben wurde....
Im Vorwort des königlichen Erlasses legt Sejong seine Motive dar: "Die Laute unserer Sprache unterscheiden sich von denen Chinas und lassen sich nicht einfach in die chinesische Schrift übertragen. Wenn daher einer meiner unwissenden Untertanen den Wunsch hat, seine Gedanken auszudrücken, so ist er dazu in vielen Fällen am Ende nicht in der Lage. Aus Mitgefühl mit unserem Volk haben wir eine neue Schrift aus 28 Buchstaben erfunden, auf daß ein jeder sie leicht erlernen und zum eigenen Nutzen im täglichen Leben anwenden kann."
... Ursprünglich bestand das koreanische Alphabet aus 17 Konsonanten und 11 Vokalen. In der heute gebräuchlichen Standardisierung von 1933 gibt es nur noch 24 Grundbuchstaben - 14 Konsonanten und 10 Vokale -, aus denen weitere 15 Buchstaben zusammengesetzt werden. Mit diesen insgesamt 39 Schriftzeichen lassen sich alle Laute der koreanischen Sprache erfassen.
... Fest steht, daß der König sich selber intensiv mit Sprachstudien befaßte und daß der Verkündung des neuen Alphabets jahrelange Vorarbeiten der Akademie (Chip-hyon-jon = "Akademie der Weisen") vorausgegangen waren, die vom König veranlaßt und überwacht wurden. ... Für dieses Vorhaben [d.h. für die Entwicklung einer eigenen Schrift] wurde schon bald nach der Thronbesteigung Sejongs eine Arbeitsgruppe aus den besten Sprachgelehrten des Landes gebildet. Nach mehr als zwanzigjähriger Arbeit präsentierten die Gelehrten schließlich im Dezember 1443 dem König ihren Schlußbericht. Bis zur offiziellen Einführung des Alphabets als "richtige Laute zur Unterweisung des Volkes" (Hunmin Chongum) wurden die 28 Buchstaben weitere drei Jahre auf ihre Tauglichkeit geprüft. Konfuzianische Abhandlungen und buddhistische Schriften, aber auch ein landwirtschaftliches Lehrbuch wurden mit Hilfe von Hangul ins Koreanische übersetzt. Gedichte zum Ruhm des Königshauses wurden koreanisch verfaßt und in Hangul niedergeschrieben. Niedere Beamte ohne viel klassisch- chinesische Vorbildung wurden in der neuen Schrift unterwiesen und mußten ihre frisch erworbenen Kenntnisse sogleich an andere weitergeben, um zu prüfen, ob Hangul wirklich leicht zu erlernen war.
Offensichtlich waren die Prüfungsergebnisse zufriedenstellend. Widerstände kamen aus einer ganz anderen Richtung. Ein Teil der gelehrten Beamten und des gebildeten Adels wehrte sich gegen den drohenden Verlust ihres Bildungsmonopols. ... Die Beherrschung der chinesischen Schrift war exklusives Herrschaftswissen. Aufgrund der vorwiegend chinesisch geprägten Bildungsinhalte identifizierte sich diese Oberschicht in starkem Maße mit China. .. Manchem klassisch-chinesisch gebildeten Koreaner mußte die Einführung von Hangul als ein Abwenden vom großen Lehrmeister erscheinen, als Verzicht auf höhere Bildung, vielleicht sogar wie ein Identitätsverlust. So jedenfalls sah es Choe Man-li, der, obwohl selber Akademie-Gelehrter, 1444 in einer Denkschrift an König Sejong gegen die Einführung von Hangul polemisierte. Er nannte das neue Alphabet eine "Vulgärschrift" (Onmun) und wetterte "jetzt eigens diese Vulgärschrift zu schaffen, heißt, daß wir uns von China abwenden und mit den Barbaren identifizieren". Mit "Barbaren" meinte Choe Völker wie die Mongolen, Japaner oder Tibeter. Nur ihresgleichen hätten eigene Schriftzeichen, also andere als die Chinesen.
Sejong setzte sich über solche Widerstände hinweg, steckte Choe Man-li sogar zeitweilig ins Gefängnis und versah die neue Schrift mit der Autorität eines königlichen Erlasses. Sodann errichtete er ein Amt für Veröffentlichungen in Hangul, das sogleich eine rege Publikationstätigkeit entfaltete. Zu Bezeichnung der neuen Schrift wurde offenbar ganz bewußt der Ausdruck 'Onmun' verwendet, mit dem Choe Man-li sie noch geschmäht hatte. Er konnte auch positiv als "Volksschrift" verstanden werden.
Als erste bedeutende Veröffentlichung in Hangul war ein Jahr vor dem Erlaß vom 9. Oktober 1446 unter dem Titel 'Yongbi Ochon ka' (Lieder auf fliegenden Drachen) eine Sammlung jener schon erwähnten Gedichte zur Ruhm des Königshauses erschienen. Das Jahr 1445 kann als der Beginn einer in Sprache und Schrift selbständig gewordenen koreanischen Literatur angesehen werden. ...
Hangul hat nicht zuletzt bei der Herausbildung eines koreanischen Nationalbewußtseins eine Schlüsselrolle gespielt; besonders in der Auseinandersetzung mit dem anderen großen Nachbarn Japan. Das zeigte sich erstmals in Ansätzen während der Hideyoshi-Invasion gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als das bedrängte koreanische Königshaus seine Aufrufe an die Bevölkerung in Hangul verfaßte. Vor allem während der japanischen Kolonialherrschaft in Korea (1910-1945) stellte der Kampf um die Erhaltung von Hangul eine der Säulen im Widerstand gegen die fortschreitende Japanisierungs- politik dar. In der Endphase dieser Politik wurde Japanisch zur einzig zulässigen öffenlichen Sprache in Korea erklärt. ...

(6) S. 57
[...der englische Naturforscher Thomas Young ]
1796 - er ist noch Student in Göttignen - stellt er, damals schon Physiker und Mathematiker in einer Person, eine These auf: nur ein Alphabet von 47 Buchstaben kann die Fähigkeit des menschlichen Stimmorgans voll ausschöpfen.

(1) Hielscher S.151
Yangban und Hangul-Schrift
Ein Großteil der Silhak-Schriften war in Chinesisch verfaßt, der klassischen Bildungssprache der koreanischen Oberschicht. Auf ihrer Suche nach der eigenen, koreanischen Identität stießen die Silhak-Gelehrten fast zwangsläufig auf Hangul, das Mitte des 15. Jahrhunderts unter König Sejong entwickelte Alphabet. Shin Kyong- jun (1712-1781) verhalf mit seiner Arbeit über die Phonetik der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Hangul zu akademischem Ansehen, Yu Hui (1773-1837) setzte diese Tradition mit seiner Abhandlung über di Volksschrift und einer "Untersuchung über den Wortschatz" (Mulmyong-go) der koreanischen Sprache fort. Allmählich begannen auch die Yangban, sich der Hangul-Schrift zu bedienen, zum Beispiel für formlose Notizen oder Briefe unter Freunden und besonders beim Verfassen von Shijo, einer aus dem Chinesischen hervorgegangenen Form von Kurzgedichten...

(1) S. 192
(Paul Georg von Möllendorff)
... Der Deutsche ergriff auf vielen anderen Gebieten Initiativen. So schlug er eine Schulreform vor, deren Ziel es war, für die damals schätzungsweise zehn Millionen Einwohner Koreas 800 Volksschulen, 24 Mittelschulen und eine Reihe von höheren Fachschulen eizurichten. Die chinesische Schrift sollte im Schulunterricht vollständig abgeschafft und durch das koreanische Hangul-Alphabet ersetzt werden. ...

(1) S. 75
Die Kunst des Buchdrucks erlebte im Korea der Koryo-Zeit großen Aufschwung und schließlich den entscheidenden Durchbruch - mehr als zwei Jahrhunderte vor Johannes Gutenbers bahnbrechender Tat. Man hatte lange geglaubt, Tang-China sei der Wegbereiter der Druckkunst gewesen, als es wahrscheinlich im 8. Jahrhundert das Verfahren, mit Hilfe eines Druckstempels und Tinte einen Abdruck auf Papier herzustellen, erfand. Möglicherweise müssen sich die Chinesen diese Erfinderehre mit den Koreanern des vereinigten Shilla-Reiches teilen. In den sechziger Jahren hat man in der Nähe von Kyongju eine gedruckte Sutra aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts entdeckt. Die über sechs Meter lange Schriftrolle war in eine aus dem Jahre 751 stammende Steinpagode des Pulguk-sa eingemauert und gilt als das älteste erhaltene Druckschriftstück. Gedruckt wurde damals wie später in Koryo mit Holzplatten, in die Schriftzeichen eingeschnitzt waren.
...
(bewegliche Lettern) Die genauen Anfänge dieser epochalen Erfindung liegen im dunkeln, auch hatten die Chinesen zuvor, wenngleich erfolglos, mit beweglichen Lettern aus Ton experimentiert. In Korea war die neue Technik spätestens 1232 in Gebrauch. .. Von dort gelangte sie bald nach Sung-China. Das älteste mit der neuen Technik gedruckte Buch, ein buddhistischer Klassiker mit dem Titel Chikchi Shimgyong, befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris und wurde dort in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts von koreanischen Wissenschaftlern entdeckt. Auf dem Schlußblatt des Buches ist vermerkt, daß es mit beweglichen Metallbuchstaben während der Regierungszeit des Königs Woo von Koryo in der königlichen Druckerei auf dem Gelände des Hungdok-Tempels gedruckt worden ist, und zwar nach westlicher Umrechnung im Jahre 1337.

(4) S.28
".. bedeutend war die Erfindung der ersten beweglichen Drucklet- tern aus Metall im Jahr 1234 und damit rund 200 Jahre vor Guten- berg. Um diese Zeit wurde auch die umfangreiche Aufgabe bewältigt, den gesamten Kanon buddhistischer Schriften in große hölzerne Druckstöcke zu schnitzen. Diese Druckstöcke, nicht weniger als 80.000 an der Zahl, sollten Buddhas Beistand gegen die Mongolen-Invasionen sicherstellen. ..."

(5)
".. In der Feudalzeit der Ri-Dynastie machte sich Kriechertum vor China breit, wodurch viele chinesische Wörter bei uns um sich griffen. Und folglich gebrauchen unsere Menschen auch heute noch viele Wörter, die aus chinesischen Schriften stammen. ...
Ich hatte früher einmal in Kwantung, einer chinesischen Stadt, ein Theaterstück gesehen, und die Laute der chinesischen Schriften, die die Schauspieler dort ausgesprochen haben, waren denen unserer Wörter ähnlich, die aus chinesischen Schriften stammen. Deshalb kann gesagt werden, daß sich ein großer Teil der Aussprache der aus chinesischen Schriften stammenden Wörter unter anderem aus Lauten chinesischer Schriften zusammensetzt, die aus Kwantung in China kommen. ..."


Literatur
(1)
Gebhard Hielscher
38 mal Korea
R. Piper
München 1988

(2)
M.I.Nikitina
Drevnjaja Koreiskaja Poesia v svasi s ritualom i mifom
Isd. Nauka
Moskva 1982

(3) Hermann Lautensach
Korea
Springer - Verlag
Berlin, Heidelberg 1988

(4)
Tatsachen über Korea
Korean Overseas Information Service
Seoul 1989

(5)
Kim Il sung
Werke, Band 20, S. 307-325
"Über die Pflege der nationalen Besonderheiten der
koreanischen Sprache", 14.5.1966
Verlag für fremdsprachige Literatur
Pyongyang 1984

(6)
Doblhofer, Ernst
Zeichen und Wunder - Geschichte und Entzifferung verschollener
Schriften und Sprachen
Weltbild Verlag GmbH
Augsburg 1990


zurück zur Korea-Information



Copyright Jörg Neumann, 2001