Koreanische Mentalität

von Dr. Jörg Neumann, Januar 1994

(1), S. 152
Im allgemeinen sind Koreaner gutartig, hilfsbereit und gastfreundlich. Sie sind liebevoll zu ihren Eltern und Kindern, intelligent und sehr sprachbegabt. Aber die schlechte Leitung von zweieinhalb Jahrhunderten hat sie faul und apathisch werden lassen. Während dieser ganzen Zeit gabe es keine öffentliche Gerechtigkeit. Unter den Augen eines schwachen Staates haben gierige Beamte die Fleißigen ihres mit Mühe Erworbenen beraubt. Schleimige Unterwürfigkeit und Armut waren die einzigen Mittel diesem System der Ausbeutung zu entgehen. Diese Unterwürfigkeit gegenüber der Kaste der Beamten, der Yangban, und das zähe Festhalten an Konventionen sind Auswüchse des Konfutsianismus und unvermeidliche Folgen der Abschließung. Die Folgen dieser Periode sind bis heute nicht überwunden . Auch heutzutage arbeiten die Koreaner nur so viel, wie sie für ihre dringendsten Bedürfnisse brauchen, und diese Bedürfnisse sind unglaublich gering. Es fehlen jegliche Vorausschau und jede Anstrengung. Der Zustand der ungepflegten Felder, von Wald und Unterholz, die bis zur Vernichtung ausgebeutet werden, und der Häuser und ihrer übelriechenden Umgebung legen beredtes Zeugnis von dieser Mentalität ab. Der koreanische Mann verbringt so viel Zeit wie möglich im Müßiggang auf den Straßen oder vor seiner Hütte. Dabei hocken sie nahe am Boden und haben die meter-lange Pfeife mit dem winzigen Kopf im Mund, die sie nur zum Schlafen oder Essen beiseite legen. So viel Arbeit wie nur möglich wird auf die Schultern der viel zarteren Frauen Frauen abgeladen, die ohne einen Feiertag vom Morgen bis zum Abend arbeiten. Die Anlage zum Müßiggang ist verbunden mit der Neigung, Geld ohne Anstrengung zu erwerben. Das rasch erworbene Geld wird für unmäßiges Essen und Trinken verschwendet. Das Klan-System, in dem das Oberhaupt der Familie der Herr über das Schicksal aller Mitglieder ist und das heute noch allumfassend wirkt, hemmt jede Aktivität. In gleicher Weise wirkt die sehr primitive Form des Dämonen-Glaubens. Die ganze Mentalität ist verknöchert in einer naiven Kindlichkeit. Selbst Koreaner, die mit der westlichen Kultur in engen Kontakt gekommen sind, erkennen nur vage die Schwächen ihres Volkes und die Notwendigkeit, gegen diese anzugehen. Ein hochmütiger Stolz auf den Wert ihrer eigenen Kultur hindert sie, Wege zu einer Verbesserung zu sehen. Hulbert, der einer der wohlgesinntesten Kritiker ist, sieht buddhistische Einflüsse in vielen Charakter- zügen der Koreaner. Er erkennt in ihnen die vier Grundzüge dieser Religion wieder: Mystizismus, Fatalismus, Pessimismus und Quietis- mus. Es ist sehr wohl möglich, daß gewisse natürliche Neigungen im Zusammenwirken mit dem 1000-jährigen Vorherrschen des Buddhismus und mit der bedrückenden Geschichte den Grund für die heute vorgefundene Mentalität bilden. Aber Hulbert betont auch, daß die Koreaner eine sehr gesunde Mischung zwischen dem chinesischen Rationalismus und dem japanischen Idealismus besitzen. Das rechtfertigt die Hoffnung, daß sie schließlich den Weg aus ihrer gegenwärtigen Stagnation heraus finden werden. Die ersten Zeichen einer solchen Entwicklung sind sichtbar.

(2)
S. 101 (über Kriminalität...)
... Aber sie haben eine starke Hemmung: nicht Angst vor Strafe, aber die Scham, als Konterrevolutionäre zu gelten. Unmoral ist ein Relikt aus der Feudalzeit und gehört zum kapitalistischen System. Ein echter Revolutionär ist freundlich. Die sozialistische Revolu- tion dient dem Menschen und dem Menschlichen, sie ist humanitär. So lernt es der Nordkoreaner von Kindheit an. Die Lehre wird praktiziert, das gesellschaftliche Leben funktioniert nach dem Moralkodex eines transponierten revolutionären Konfutsianismus.


Literatur
(1)
Lautensach, Hermann 
Korea
Springer - Verlag
Berlin, Heidelberg 1988
(deutsche Erstauflage: K.F. Koehler-Verlag
                       Leipzig 1945)

(2)
Luise Rinser
Nordkoreanisches Reisetagebuch
Fischer Taschenbuchverlag 
Frankfurt/Main 1983


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