Geschichte und Tempel (Vortragstext)
von Dr. Jörg Neumann, Berlin, Januar 1993
Zu Bildern der Landschaft von Nordkorea erzähle ich nun einige Geschichten. Ich fand sie in dem Buch Samguk yusa, das der koreanische Mönch Ilyon, der von 1206 bis 1289 lebte, aus früheren Aufzeichnungen zusammengestellt hatte.

34. Taejong Chun chu-gong (König Mu ryol 654 - 661)

"Der neunundzwanzigste Herrscher über Silla war Kim Chun-chu, der als Taejong der Große bekannt ist. Sein Vater war Yongsu-kakkan; seine Mutter war Chon-myong, die Tochter des Königs Chin-pyong. Und seine Königin war Mun-hui, die jüngste Schwester von Kim Yu-sin.
Eines Nachts hatte Mun-hui's Schwester Po-hui einen Traum, in dem sie auf den So-ak-Berg stieg und ein Wasser ließ. Und der Strom des Wassers aus ihrem Körper floß in Wasserfällen hinab und überflutete die ganze Stadt Kyongju. Am Morgen erzählte sie ihrer Schwester davon.
"Das ist sehr interessant" sagte Mun-hui, "Ich möchte deinen Traum kaufen."
"Was willst du mir dafür geben?" fragte Po-hui.
"Ich gebe dir mein Hemd von besticktem Brokat."
"Sehr gut! Ich bin einverstanden."
Mun-hui breitete ihr Hemd aus und sagte "Ich bin bereit deinen Traum einzufangen."
"Schön!" lachte Po-hui. "Ich gebe dir meinen Traum der vorigen Nacht."
Mun-hui lächelte. "Ich danke dir, Schwester. Hier ist mein Hemd. Zieh es an und du wirst damit schöner aussehen."
Zehn Tage später geschah es, daß Yu-sin und Chun-chu beim Krähen- Fest Ball spielten und Yu-sin versehentlich auf ein Band trat, das von Chun-chu's Jacke hing, so daß es abriß. "Das tut mir leid" sagte Yu-sin.
"Komm mit mir in mein Haus, und wir lassen das Band wieder annähen."
"Mach dir keine Sorgen" sagte Chun-chu, und die beiden jungen Leute gingen fort zu den Räumen der Frauen. Yu-sin rief Po-hui heraus, damit sie das Band annähe. Aber sie war zu scheu und meinte, es sei für sie unschicklich, mit einem jungen Mann zusammen zu sein. Dann rief er Mun-hui, die kam und das Band annähte und die ganze Zeit tief errötet war. Chun-chu verliebte sich auf der Stelle in sie und besuchte sie von da an bei Tag und Nacht.
Wenig später bemerkte Yu-sin, daß Mun-hui schwanger war. Er wurde wütend und traf sogleich die Vorbereitungen, um sie zu verbrennen als Warnung für alle unmoralischen Frauen.
An jenem Tage war es, daß die Königin Sondok zum Picknick auf den Südberg ging. Sie bemerkte die Flammen und den zum Himmel aufsteigenden Rauch. Als sie ihre Begleiter befragte, erfuhr sie, daß Yu-sin daran ging seine Schwester zu verbrennen, weil sie von einer unerlaubten Liebesgeschichte schwanger war. Die Königin sah um sich und bemerkte, daß Chun-chu bleich wie der Tod war.
"Also warst du es" sagte sie. "Geh rasch und rette das Mädchen!" Chun-chu schwang sich auf sein Pferd und galoppierte eilends zu Yu-sin's Haus und rief "Befehl der Königin! Befehl der Königin! Bringe sie nicht um!" So wurde Mun-hui gerettet.
Einige Tage später wurden Chun-chu und Mun-hui formell getraut.
...
Chun-chu wurde als König Muryol 654 der 29. Herrscher von Silla.

Weil der König bei der Eroberung und Angliederung der drei Han-Gebiete im Süden an Silla erfolgreich war, wobei ihn Yu-sin unterstützte, der einer der tapfersten und geschicktesten Generäle war, die Korea jemals hervorgebracht hat, erhielt er nach seinem Tode den Titel Taejong, was "Großer Vorfahr" bedeutet und üblicherweise dem zweiten Herrscher einer Dynastie gegeben wurde. Seine sechs Söhne, die Prinzen Popmin, Inmun, Munwang, Notan, Chigyong und Kaewon, wurde alle von Mun-hui geboren, die so den Traum ihrer Schwester erfüllte, indem sie die Hauptstadt mit dem Produkt ihres Leibes überschwemmte. Zudem zog sie acht Kinder auf, die dem König von Konkubinen und Hofdamen geboren wurden.


Das Koguryo war einst ein sehr großes Land. Es reichte von der Mitte der koreanischen Halbinsel bis weit in die heutige Mandschurei hinein. Im Samguk yusa steht diese Geschichte der Gründung:
"Koguryo ist das Cholbon Puyo. Manche sagen, es habe sich dort befunden, wo nun Hwaju und Songju liegen, aber das ist falsch. Cholbon-ju liegt auf der Halbinsel Liaotung. Das Samguk Sagi sagt, daß der Familienname des heiligen Vorfah- ren, des Königs Tongmyong, Ko und sein Rufname Chumong war. Bevor er Koguryo gründete, ging König Haiburo von Nord- nach Ost-Puyo und adoptierte Kumwa, damit der ihm nachfolge.
Eines Tages jagte Kumwa am Berge Taebaek und erblickte eine schöne Frau am Flusse Ubalsu. Er fragte, wer sie sei. Und sie antwortete: "Ich bin die Tochter von Haebaek, dem Drachen-König von Soha, und Yuhwa ist mein Name. Als ich mit meinen Schwestern zu einem Picknick war, kam ein starker Mann zu mir und sagte:'Ich bin ein Himmels-Prinz und Haimosu ist mein Name.' Er nahm mich in eine Hütte am Ufer des Yalu-Flusses nahe Ungsinsan das ist der Berg des Bären-Gottes. Er erfreute mich und verließ mich dann, ohne je wiederzukommen. Als mein Vater und meine Mutter erfuhren, was geschehen war, wurden sie ärgerlich und verbannten mich an diesen einsamen Platz."


Weiter steht im Samguk yusa eine zweite Darstellung der gleichen Geschichte:
"Das Buch Tangun-si sagt: "Tangun verliebte sich in die Tochter von Haebaek und zeugte mit ihr einen Sohn, der Puru genannt wurde." Da die vorige Geschichte besagt, daß Haimosu die Tochter des Haebaek erfreute und sie den Chomong gebar, scheint es, als wären Puru und Chumong Halbbrüder.
Kumwa wurde durch die Geschichte der Frau verwirrt und sperrte sie in einen dunklen Raum ein. Aber das Sonnenlicht kam durch einen Spalt herein, traf sie und strich lange und zärtlich über ihren Körper, daß sie schwanger wurde und ein großes Ei zur Welt brachte. Kumwa war überrascht. Er legte das Ei seinen Hunden und Schweinen vor, aber sie aßen es nicht. Er warf es auf die Straße, aber die Pferde und ....... traten nicht darauf. Er warf es auf das Feld, aber die Vögel und Tiere bedeckten es mit ihren Federn und ihrem Fell. Der König versuchte das Ei aufzubrechen, aber ohne Erfolg. Schließlich gab er es seiner Mutter zurück, die es in weiche Sachen wickelte und an einen warmen Ort legte. Bald brach die Schale auf und ein lieblicher Junge sprang heraus, der edel und graziös aussah wie ein großartiger Prinz. Als das Kind sieben Jahre alt war, war es so stark wie ein erwachsener Mann. Er fertigte sich einen Bogen und Pfeile an und benutzte beides mit so viel Geschick, daß man ihn Chumon, den guten Bogenschützen, nannte - gemäß dem Brauch des Landes in jener Zeit.
Kumwa hatte sieben Söhne, aber keiner von ihnen konnte sich auch nur in einer Kunst messen, gleich ob in einer einfachen oder einer kriegerischen. Taiso, der älteste Sohn, sagte zum König: "Chumong ist kein Sohn eines sterblichen Mannes. Und je eher er getötet wird, um so besser ist es für den Thron." Aber der König mochte das nicht hören und schickte Chumong die Pferde zu füttern. Chumong kannte sich gut mit Pferden aus - "er war ein guter Richter in Sachen Pferdefleisch" - und konnte ein fliegendes Pferd wohl von einem kriechenden Ackergaul unter- scheiden. So ließ er ein edles Pferd mager werden, indem er ihm wenig zu Fressen gab. Und ein Packpferd machte er fett, indem er ihm viel gab.
Der König ritt das fette Pferd, als er zur Jagd ging, und gab Chumong das dünne Pferd. Das dünne Pferd war von Natur aus schnell und stark und trug seinen Meister wie der Wind, während des guten Bogenschützen Pfeile wie Blitze in das Ziel trafen. Dafür haßten ihn die eifersüchtigen Prinzen und Höflinge noch mehr und beschlossen ihn zu töten.
Chumongs Mutter erfuhr von der schrecklichen Verschwörung und sagte zu ihm: "Mein Sohn! Dein Leben ist in Gefahr. Du mußt fortgehen, egal wohin du willst. Du hast viele himmlische Gaben, die deinen Erfolg sichern werden." Chumong nahm zärtlich Abschied von seiner liebevollen Mutter und floh zusammen mit Oi und zwei Gefährten. Als er den Strom mit Namen Omsu erreichte, rief er dem tiefen Wasser zu: "Ich bin der Sohn des Himmels und Haebaeks Enkel. Jetzt ist mir der Feind auf den Fersen. Was soll ich tun?" Sogleich drängte sich ein Schwarm von Fischen und Schildkröten an die Oberfläche und bildeten eine Brücke, so daß Chumong und seine Begleiter hinübergehen konnten. Dann zerstreuten sie sich und verschwanden wieder in der Tiefe und ließen den berittenen Verfolgern keinen Weg hinüber. Chumong setzte seinen Weg bis nach Cholbonju in der Provinz Hyonto fort, wo er an dem Flusse Pullyusu einen zeitweiligen Palast errichtete. Nach seinem Familiennamen Ko, der "hoch" bedeutet, weil er von der hoch stehenden Sonne gezeugt wurde, gab er dem Land den Namen Koguryo. Chumong hatte ursprünglich den Familiennamen Hai von der königlichen Familie, bei der er lebte. Aber er änderte ihn in "Ko" wegen seines Herkommens.


Als er zwölf Jahre alt war - das war im zweiten Jahr des Kien- Chao von Hsiaoyuan-ti von Han -, bestieg er den Königs-Thron. Koguryo bestand in seiner Blütezeit aus 220,580 Haushalten.
Andere Berichte melden, daß Koguryo bei seiner Auflösung 697,000 Haushalte hatte.

Aus der Endzeit von Silla sind uns Begegnungen des Königs Hon- gang mit Berg-Geistern überliefert. Er herrschte von 875 bis 886 und war der 49. Herrscher von Silla.

"Während seiner Herrschaft fand man Häuser mit Ziegeldächern, die in Reihen von der Hauptstadt bis zu den vier Meeren standen, und nicht ein stroh-gedecktes Dach gab es. Sanfte Musik war an allen Straßen zu hören. Ein milder süßer Regen fiel mit einem harmonischen Segen, und alle Ernten waren überreich.

Eines Tages .. ging der König zu einem Picknick zum Posok-jong, dem Pavillon des steinernen See-Ohrs. Während der König fröhlich Wein trank und von seinen Hofdamen umgeben war, erschien plötzlich der Geist des Südberges vor ihm und vollführte einen Tanz. Der König tanzte auch, ebenso wie die Damen, die süß dazu sangen. Aber der Berggeist war nur für den König sichtbar. Als der Tanz zu Ende war, befahl der König seinen Bildhauern, den Geist zur Belehrung der Nachwelt in Stein zu porträtieren. Dieses Bildnis wird Sang-yom-mu genannt, das ist "Tanz des frost- bärtigen".

Als der König wieder durch den Kumgang-Paß reiste, kam der Geist des Nordbergs und tanzte vor ihm. Der König nannte diesen Tanz Ok-do-ryong, weil er mit einem Jade-Schwert und einem Jade-Geläut vollführt wurde.

Eines Abends, als der König sich bei einem Bankett des Hofes er- heiterte, erschienen die Göttin der Erde und der Berggeist. Sie tanzten vor ihm und sangen "Chi-ri-da-do-pa", was bedeutet "Viele weise Männer fliehen den Hof; die Hauptstadt wird in Ruinen fal- len." Das war eine Warnung von den Schutz-Göttern der Erde und der Berge, die den Fall von Silla vorhersahen. Aber der törichte Kö- nig und seine Umgebung betrachteten all das als gutes Zeichen und gaben sich selbst dem Frohsinn und der Völlerei hin, während das Königreich seinem Untergang zu torkelte.


Der 56. und letzte Herrscher war Kyongsun 927-935.
... 935 verlor Silla seine Souveränität an Wang-gon, den Gründer der Koryo-Dynastie. Kyongsun starb 978, und sein Grab liegt in Tong-hyang-dong.


Copyright Jörg Neumann, 2001