Käsong und seine Legenden (Vortragstext)
von Dr. Jörg Neumann, Berlin, Januar 1993


        In seiner großen Zeit war Käsong Hauptstadt von Koryo. Das
        war 918 bis 1392.
        Drei Geschichten ranken sich um das Ende dieser Blütezeit.
        Die erste ist die vom Grab des Königs Kong min und seiner
        Gemahlin und dem gegenüber liegenden Ach-Berg. Sie gehört
        wohl in das Reich der Legenden.
        Die zweite ist die wahre Geschichte vom Beginn der Yi-
        Dynastie um das Jahr 1392.
        Und die dritte mischt Dichtung und Wahrheit und handelt
        von einer steinernen Brücke, der Sonjuk-Brücke.

Hauptstadt nach Käsong: Koryo 918 - 1392
(Hielscher, S. 70)
Von der Zeit des Shilla-Königs Hyegong (765-779) an erschütterten Unruhen die koreanische Halbinsel, die sich bis nach 900 hinzogen und die Neuordnung der Staaten mit sich brachten. 901 eroberte ein Rebellenführer die Stadt Songak, das heutige Käsong und machte sie zur Hauptstadt eines neuen Königtums. 918 wurde er dauerhaft von Wang-gon abgelöst, der damit die Koryo- Dynastie begründete und den Namen "Täjo" annahm, d.h. "Großer Begründer". Wang-gon unterwarf in den folgenden Jahren Shilla und Neu-Päkche: Es entstand das erste vereinigte koreanische König- reich. Das reichte nach Norden bald wieder bis an den Chongchun- Fluß. Das Gebiet von dort bis zum Yalu wurde damals noch beharrlich von den Kitan verteidigt.
Die Stadt Käsong wurde zur Hauptstadt der Koryo-Dynastie.


Kong min -Grab: 1366 - 1372
Ach-Berg
(Hielscher, S.83: König Kongmin 1352-1374,
Reiseführer: König Kong min 44jährig.
Also 1330-1374 ?)

Der 31. König der Koryo-Dynastie war Kong min. Unter seiner Herrschaft erlebt das Land eine Blütezeit. Die Hohe Zeit der Mongolen neigt sich dem Ende. Auf den Ahnherrn Dshingis Khan folgt die Eroberung des Kaiserthrons von China, die vollständige Unterwerfung Chinas und Koreas unter Kublai Khan. Einzig der lüsterne Angriff auf Japan mißlang zweimal schmählich. Nach Kublai bestieg Timur den Thron. Der wand sich stärker nach Zentralsasien, und Korea entwand sich langsam wieder dem mongolischen Würgegriff.
In dieser Zeit brachte Kong min Korea zu neuer Eigenständigkeit, wenn auch viele Mongolen-Treuen am Hofe ungern ihre Macht schwinden sahen. Sollte der König geahnt haben, daß er nicht den Tod des Alters sterben werde? Sollte er deswegen zu Lebzeiten schon sein eigenes Grabmal entworfen haben?
Nein. Der Tod seiner Frau gab 1366 den Anlaß ein gemeinsames Grab zu planen. So hatte er frühzeitig auch an seine eigene Verherrlichung gedacht. Als er 1374 im Alter von 44 Jahren ermordet wurde, war die Grabanlage bereits seit zwei Jahren fertiggestellt.

Als König läßt man sich nicht irgendwo verscharren, sondern man sucht sich einen besonders würdigen Platz aus. Was heißt hier "würdig"? Es wird DER Platz gesucht, der dem König nach seinem Tode noch die beste Wirksamkeit zum Wohle seines Volkes oder seiner Dynastie sichert. Also wird der Geomant zu Rate gezogen. Der kennt die geheimen Kräfte der Erde. Der soll sagen, wo DER Platz ist, der schön und zugleich wirksam ist.
Also erkundete der Geomant das Gelände um Käsong. Bald darauf ließ er sich dem König melden. Er vollführte den dreifachen Kotau und der König sprach ihn an. Daraufsprach er: "Himmlischer Herr- scher! Euer nichtswürdiger Diener hat einen Ort gefunden, der dem göötlichen König besonders nahe und wohlgefällig zu sein scheint. Der göttliche König hat ihn mit der vollkommensten Schönheit ge- schmückt, die mein niedriges Auge jemals erblickt hat."
Darauf runzelte der König die Brauen und knurrte: "Wo ist der Platz?" -

Der Geomant hob einer Schildkröte gleich den Kopf und sprach "Der Palast Eurer Herrlichkeit ist die Mitte der Welt. Dort, wo die Sonne hinter den Bergen versinkt, liegt zwölf kleine Meilen ent- fernt ein Tal, an dessen Hang der geheiligte Ort liegt." "Morgen will ich ihn sehen." sprach der König.
Am nächsten Tage brach der König mit einem großen Gefolge auf. Der Geomant wies der Leibgarde an der Spitze den Weg. Schließlich folgte der Pfad einem sanft eingeschnittenen Tal, das sich am Zusammenfluß zweier Bäche noch einmal erweiterte. Linkerhand steigt der Hang in einer milden Kerbe leicht an. Der Geomant ließ die Leibgarde halten. Der König kam, winkte ihn heran. Der wies, kaum daß er den Kopf zu heben wagte, auf eine Stelle in halber Höhe.
"Eure Herrlichkeit! Dort ist der Ort, den Euer unwürdiger Diener für würdig hält, Eure Größe auf immer zu verkünden."
Der König nickte kurz und sagte: "Das sehe ich mir an." und zum Offizier seiner Leibwache gewandt "Ihr bleibt mit ihm hier. Wenn der Ort gut ist, soll er angemessen belohnt werden. Wenn er zuviel versprochen hat und ich den Ort nicht gut finde, werde ich mit der Hand winken. Dann soll sein Kopf in den Staub fallen."
Also ritt der König auf den Hang zu, der von Eßkastanien und Buchen, Ahorn und Kiefern überzogen war. Er stieg vom Pferd hinab in eine leichte Wander-Sänfte. Acht Träger luden sich die Tragestangen auf und gingen mit größter Vorsicht den Hang hinauf. In halber Höhe lichtete sich das Unterholz etwas und gab den Blick ins Tal frei. "Halt!" ruft der König und steigt nach kurzem Verweilen aus. Er geht einige Schritte hierhin und dorthin, den Hang abwärts und aufwärts. Dann bleibt er stehen und läßt seinen Blick nach Osten schweifen. In einer weichen Mulde läuft dieses Seitental hinunter in den breiteren Grund, wo bunt das wartende Gefolge steht.
Dahinter wächst ein bewaldeter Kegelberg heraus: majestätisch, als ein rechter Gegenüber für die menschlich-übermenschliche Majestät. Das ist der rechte Ort, wahrlich! Den König durchfährt ein erhebendes Gefühl. Er ahnt bereits den Bau, der im Einklang mit der Landschaft die höchste Harmonie erzeugen soll. Er atmet tief durch und schlägt sich verzückt auf den Schenkel. - Das hätte er besser nicht getan. Denn seine Leibgarde verstand die Bewegung falsch.
Als der König - immer noch von dem Hochgefühl künftiger Selbst- Erhöhung durchströmt - in der Sänfte zum Gefolge zurückkehrt, ihr entsteigt, um wieder den Platz auf seinem edlen, reich geschmück- ten Schimmel einzunehmen, ist er über den feierlichen Ernst seiner höchsten Beamten erstaunt, so wie jene über den Glanz von Hoheit und Heiterkeit auf des Königs Antlitz verwundert sind. Sein Blick fällt auf den Boden. Da liegt der Kopf des Geomanten. "Ach" sagt der König.
So erhielt der Berg seinen Namen - der "Ach-Berg".

(Käsong - Koryo-Museum)
Im Jahre 1368 ging die Mongolenherrschaft über China zu Ende. Die chinesischen Ming-Kaiser bestiegen in Peking den Thron. Die Mongolen zogen sich als Nördliche Yüan-Dynastie in ihr Ursprungsland zurück. Schon 1356 drangen die koreanischen Truppen nach Norden vor und vertrieben die Mongolen-Garnisonen aus den grenznahen Provinzen. (Hielscher, S.83)
Dabei tat sich der General Yi Cha chun besonders hervor. Dafür wurde er vom König Kong min zum Militärkommandeur der Nordregion ernannt. Sein Sohn Yi Song gye führte ein Heer an, das nach dem Sturz der Mongolen in Peking sofort Gebiete jenseits des Yalu besetzte und 1379 fast die gesamte - heute chinesische - Halbinsel Lioatung für kurze Zeit in der Hand hielt. (Hielscher, S.83) Nach Kong min's Ermordung wurde sein zehnjähriger Sohn auf den Thron gesetzt.
"Die neue Ming-Dynastie in Peking hatte die mongolenfeindliche Politik Kongmins begrüßt und bald Beziehungen zu Koryo aufgenommen. Diese Haltung schlug schnell in Feindseligkeit um, als nach Kongmins Ermordung der am Hof von Kaesong wieder zu Macht gekommene promongolische Adel Kontakte zur nördlichen Yüan-Dynastie anknüpfte. .." so lesen wir in einem Buch
(Hielscher, S. 85)
1388 war das so: China sandte Truppen gegen Koryo; Koryo schickte Truppen auf den Weg nach China. Eine der Streitmächte wurde von Yi Song Kye angeführt. Der ging bis zum Yalu, kehrte dort um und marschierte auf Käsong. Der König - inzwischen 22 Jahre alt - mußte abdanken und formell seinen Sohn Kong yang auf den Thron setzen.
Yi übernahm die Regentschaft und holte sich Berater aus der Neu-konfutsianischen Richtung. Mit denen organisierte er eine Umgestaltung des Landes durch weitreichende Reformen. 1392 machte er sich selbst zum König und wurde so zum ersten von 27 Königen der Yi-Dynastie, die bis 1910 regierte. Yi Song gye nahm sofort Kontakt zum Ming-Kaiser in Peking auf. Mit seiner Gesandschaft signalisierte er die Bereitschaft, die Ober- Herrschaft Chinas anzuerkennen.
Es heißt: "Er ersuchte den Kaiser, unter zwei Vorschlägen einen Namen für das neue Königreich in Korea zu wählen - Choson oder Hwaryong. ... Der Kaiser entschied sich für Choson und gewährte dadurch der Yi-Dynastie die gewünschte Anerkennung...." (Hielscher, S.86)
Yi Song gye erhielt wie Wang-gon den Ehrennamen "Täjo"; um Verwechslungen zu vermeiden, sagt man Yi Täjo.
Für Käsong endete bald darauf die Zeit des Glanzes. Als neue Hauptstadt wurde Seoul ausgewählt.

        
Käsong - Sonjuk-Brücke
        Geschichte dazu
(Faltblatt: 1216
Reiseführer: 1216 gebaut, 6.67 lang, 2.54 breit,
Yi Song gye ließ Jong Mong Ju ermorden, Bambus wuchs
1780 gesperrt,
Pyo-Chung-Steine = Gedenksteine: links 1740 unter Yong Jo
                                 rechts 1872 unter Ko Jong
Hielscher: S.90
ca.1394 - oder 1395 bis 1396 - Hofstaat nach Hanyang = Seoul;
Täjo-Sohn Chongjong 1399 nach Käsong zurück;
Chongjong-Sohn Täjong 1401 endgültig nach Seoul)
Ein Beamter hat loyal zu sein. Das ist eine alte Regel. Aber wem? Das findet jeder seine eigene Antwort. So war es auch, als in Käsong die Herrschaft vom Königshaus der Koryo auf General Yi überging. Wer sein Amt loyal zu erfüllen gedachte, dem konnte gleich sein, wer darüber herrschte. Und so machten es wohl die meisten.
Aber da war ein alter Kanzler mit Namen Jong Mong Ju. Der sah sich an das alte Königshaus gebunden. Zudem mißfielen ihm die von Yi veranla0ten Reformen. Er war nicht bereit, für den neuen Herrscher zu arbeiten. Da wies Yi Song gye einige seiner Vertrauten an, Jong Mong ju zu ermorden. So wurde er eines Abends an der alten Stein- brücke überfallen und ermordet. Das Blut lief über die steinerne Brücke, wo noch lange die Spuren zu sehen waren. Dort, wo das Blut in das kleine Bächlein rann, sproßte Bambus auf, der zuvor dort niemals gewachsen war. Darum wurde die Brücke als Bambus-Brücke, das heißt Sonjuk-Brücke bezeichnet. Doch die Missetat wurde nicht vergessen. War sie doch ein leuchtendes Beispiel für die Treue eines Beamten zu seinem Dienstherrn, der in den Belehrungen Konfutses so hoch geschätzten Loyalität. Dem trugen spätere Herrscher Rechnung. Sie entstammten zwar der gleichen Dynastie wie der Auftraggeber der Meuchelmörder. Aber sie ehrten das ehrenwerte Opfer. Die 1216 erbaute Brücke wurde 1780 durch steinerne Barrieren gesperrt. Neben ihr wurde ein neuer Überweg angelegt. Und in einem kleinen Park westlich der Brücke wurden zwei Gedächtnis-Steine errichtet. König Yong jo ließ 1740 den ersten, König Kong Yo 1872 den zweiten - den rechten - errichten, die nun von einer Ehrenhalle geschützt werden.

So haben die Ehrung für den Mörder und die Ehrung für das Opfer ihren Platz dicht beieinander in der koreanischen Geschichte.


Copyright Jörg Neumann, 2001