Pyongyang (Vortragstext)
von Dr. Jörg Neumann, Berlin, 22.12.1992
Bevor die Bilder ablaufen, hier einige Einblicke.
Über Pyongyang ist der alles vernichtende Korea-Krieg
hinweggefegt. Mehrfach gingen die Bodenkämpfe durch
die Stadt. Was dann noch stand, wurde durch intensive
Bombardements zerstört. Entsprechend rar sind wirklich
alte Bauwerke wie das Fundament des Dädong-Tores, das
Stadttor zum Dädong-Fluß hin. Das Gebälk wurde teils aus
Trümmern wieder erbaut, teils rekonstruiert.
Von der Säule der Juche-Ideologie aus hat man über den
Fluß hinweg das ganze Panorama des modernen Pyongyang vor
sich: eine große moderne Stadt. Die markanten Gebäude sind
der Studienpalast des Volkes im traditionellen Stil
erbaut, Mansudä-Theater und Kulturpalast der Schüler, der
Rohbau des pyramiden-förmigen Ryugyong-Hotels, das Koryo-
Hotel.
Pyongyang steht voller Denkmale. Hier das Denkmal der
Revolution.
Vom Studienpalast aus geht der Blick über den Kim-Il-song-
Platz und den Fluß zur Juche-Säule mit der Flammen, die
abends von innen flammend erleuchtet ist.
Das Jollima-Denkmal: Hier bringt das 1000-Meilen-Pferd
- Jollima - den Boten mit der Sieges-Botschaft.
Und nun laufen die Bilder.
Hermann Lautensach schreibt in seiner 1945 in Leipzig gedruckten
Landeskunde Koreas:
Die geographische Lage Pyongyangs ist die vorteilhafteste
in der Nordhälfte Koreas. Die Stadt liegt an einem Fluß (am
Dädong-Fluß), der bis zu ihr für die seetüchtigen Schiffe alter
Zeit schiffbar war. Auf denen wurde das Holz aus Südchina wohl
schon in der Lolang-Periode (108 vChr bis 313 nChr) herangebracht.
Die Flüsse des Landbeckens fließen in dieser Gegend zusammen. Die
historische Fernstraße von Seoul nach Peking überquerte hier den
Fluß. Niedrige Pässe erlauben die Überquerung des Hauptgebirges
nach Wonsan hin. In der Umgebung ist eine intesive Landwirtschaft
möglich. Zu Recht wird Pyongyang als "Stadt der Tradition"
bezeichnet. Es hat die längste Geschichte aller koreanischen
Siedlungen, und von Zeit zu Zeit war es die Hauptstadt von Staaten
in der Nordhälfte des Landes. ... Dies galt für die Zeiten von
Kija (1122 - 200 vChr), der Lolang-Periode und der Koguryo-Periode
(37 vChr - 668 nChr)... Die Stadt zu besitzen hat eine
militärische Bedeutung. Dies erwies sich in mehreren Kriegen,
insbesondere bei der (japanischen) Invasion unter Hideyoshi und im
chinesisch-japanischen Krieg 1894/95. Auch heute noch zeugen die
Kugel-Einschläge in den Pavillonen im Nordteil der Stadt von den
Kämpfen, die 1894 hier tobten.
Als ich in Pyongyang ankam, rann der Regen. Nach dem schnellen
Abendessen im Hotel ging ich allein durch die nächtlichen Straßen.
Die Jollima-Straße hinauf zum Botong-Tor, dann ostwärts. Ich
umschlich den Kulturpalast der Schüler und Studenten, aus dem
Proben-Musik drang. An einer benachbarten Bushaltestelle warteten
Menschen in geordneter Reihe. Dann öffnete sich ein weiter Platz -
der Kim-Il-Sung-Platz -, an dessen rechter Seite Tribünen
ansteigen und sich im traditionellen Stil erbaut der Studienpalast
des Volkes erhebt. Auf den benachbarten Gebäuden sind Flutlicht-
Anlagen montiert, die dunkel bleiben. Ich schlendere an den großen
Verwaltungs-Gebäuden entlang. Vor einer Toreinfahrt leuchtet kurz
ein Scheinwerfer auf, der mich grell beleuchtet. ich knurre laut
"Is was?", bekomme aber keine Antwort. Die nächste große Straße,
die nach rechts abbiegt - die Changgwan-Straße - ist nicht
begehbar. Eine bewachte Autosperre läßt nur ausgewählte Fahrzeuge
hindurch. Ich halte mich rechts, immer an der Wand lang, komme an
einem Haus mit Schaukasten mit irgendwie vertrauten Bildern
vorbei: die ungarische Botschaft. Noch zweimal rechts abgebogen
lande ich wieder im Hotel.
Durch die Halle in den Lift in mein Zimmer in der 11. Etage. 22
Uhr. Ich habe gerade die Zimmertür hinter mir geschlossen, als
mein Dolmetsch-Begleiter klingelt: morgen ab 7 Uhr gibt es
Frühstück, dann folgt die Stadtrundfahrt.
Und die läuft dann.
Alle Sehenswürdigkeiten werden vorgeführt - die breiten Straßen,
die hohen Häuser, die modernen Paläste und Denkmale.
Im Koreakrieg war Pyongyang vollständig zerstört worden. Von den
historischen Tempeln, Toren und Pavillonen sind bestenfalls die
Fundamente und einige Balken erhalten geblieben. Alle anderen
Gebäude sind erst nach dem Krieg - also nach 1953 - errichtet
worden. Dabei wurden einige grundlegende Straßenzüge bewahrt, wenn
auch die moderne Bebauung mit großen Gebäuden und weiten
Grünanlagen dazwischen viele kleinere Straßen verschwinden ließ.
Zugleich wuchs Pyongyang nach allen Seiten. Das Ostufer, auf dem
sich nur einige versprengte Dörfer und mehrere Industriebetriebe
befanden, ist nun mit weiten Wohngebieten bedeckt. In allen
anderen Richtungen wuchs Pyongyang, um Raum für die 2 Mio.
Einwohner zu schaffen. Und es wächst noch immer weiter.
Copyright Jörg Neumann, 2001