Deutsche Sprache und fremde Schrift
von Dr. Jörg Neumann, Berlin, Dezember 1992
Bei meinem Aufenthalt in Nordkorea wurde mir vom koreanischen
Reisebüro ein Dolmetsch-Begleiter beigegeben. Er hatte in
Pyongyang deutsche Sprache studiert. Wie es um seine deutsche
Sprachfertigkeit bestellt war, hören wir uns am besten anhand
seiner Übersetzungsdienste bei der Besichtigung des Stauwerks von
Nampo an:
(Ich habe das Verstehen und Missverstehen auf Band aufgezeichnet.
Das Koreanische hat eine andere Struktur als das Deutsche. Aber es
unterscheiden sich auch die traditionellen Gewohnheiten des Denkens und des
Umgangs miteinander. Dazu kommt die Verinnerlichung der staats-schützenden
Haltung bei meinem koreanischen Partner.)
Ich lese :
(Tatsachen über Korea, S. 18-19)
"Das geschriebene und das gesprochene Koreanisch wurde durch die
jahrhundertelange immense politische und kulturelle Wirkung Chinas
auf Korea beeinflußt. Das Koreanische zeigt in den grammatischen
Strukturen starke Ähnlichkeiten mit dem Japanischen, und in beiden
Sprachen gibt es viele chinesische Lehnwörter und Redewendungen.
Die koreanische Schrift wird allgemein als Han-gul bezeichnet. Sie
wurde im 15. Jahrhundert auf Initiative des Königs Sejong von einer
Gruppe von Gelehrten entwickelt. also zwischen 1418 und 1450. Sejong
war der vierte Monarch des Königreichs Choson, das von 1392 bis 1910
bestand. ...
Das koreanische Alphabet, das als eines der wissenschaftlichsten
Schreibsysteme gilt, die heute in der Welt in Gebrauch sind, be-
steht aus 10 Vokalen und 14 Konsonanten, die zu zahlreichen Sil-
benkombinationen zusammengestellt werden können. Das Han-gul ist
einfach und doch systematisch und umfassend. Es ist leicht zu ler-
nen und zu drucken und hat daher viel zur hohen Alphabetisierungs-
rate und zu einem fortschrittlichen Verlagswesen beigetragen."
- an anderer Stelle: (S.28)
".. bedeutend war die Erfindung der ersten beweglichen Drucklet-
tern aus Metall im Jahr 1234 und damit rund 200 Jahre vor Guten-
berg. Um diese Zeit wurde auch die umfangreiche Aufgabe bewältigt,
den gesamten Kanon buddhistischer Schriften in große hölzerne
Druckstöcke zu schnitzen. Diese Druckstöcke, nicht weniger als
80.000 an der zahl, sollten Buddhas Beistand gegen die
Mongolen-Invasionen sicherstellen. ..."
Zum ersten Mal sah ich eine der alten metallenen Lettern im Koryo-
Museum von Käsong - selbstverständlich von einem chinesischen
Schriftzeichen, da ja die koreanische Schrift damals noch nicht
entwickelt war. Ich begegnete den chinesischen Lettern wieder in
Peking in einer chinesischen Schreibmaschine, die trotz der fort-
schreitenden Entwicklung der Computer immer noch angeboten wird.
Der Schreiber muß das richtige Schriftzeichen aus dem Feld der
2100 auswählen und auf die Walze schlagen lassen. Dabei sieht er
alle Zeichen nur als Metallwürfelchen - in Spiegelschrift. Und
nach längerer Benutzung dürfte das Metall recht schwarz aussehen.
(Zur Geschichte der metallenen Lettern gibt es in Peking ein Wand-
bild in der Metro-Station Jianguo-men.)
In Nord-Korea werden seit 1949 alle Zeitungen und Publikationen
ausschließlich in der koreanischen Schrift gedruckt.
(Kim Il song, "Über die Pflege der nationalen Besonderheiten der
koreanischen Sprache", 14.5.1966)
Kim Il song, der Präsident, äußerte seine Meinung dazu in einem
Gespräch mit Sprachwissenschaftlern im Mai 1966. Er sagte:
".. In der Feudalzeit der Ri-Dynastie machte sich Kriechertum vor
China breit, wodurch viele chineische Wörter bei uns um sich
griffen. Und folglich gebrauchen unsere Menschen auch heute noch
viele Wörter, die aus chinesischen Schriften stammen. ...
Ich hatte früher einmal in Kwantung, einer chinesischen Stadt, ein
Theaterstück gesehen, und die Laute der chinesischen Schriften,
die die Schauspieler dort ausgesprochen haben, waren denen unserer
Wörter ähnlich, die aus chinesischen Schriften stammen. Deshalb
kann gesagt werden, daß sich ein großer Teil der Aussprache der
aus chinesischen Schriften stammenden Wörter unter anderem aus
Lauten chinesischer Schriften zusammensetzt, die aus Kwantung in
China kommen. ..."
Im Südtor von Käsong hängt die Glocke aus dem Tempel Yonbok. Die
Glocke wurde 1346 gegossen. Als der Tempel im Jahr 1563 abbrannte,
kam die Glocke in das Torhaus. Von hier kündete ihr Schlag bis zum
Beginn unseres Jahrhunderts die Zeit.
Uns interessieren die Inschriften - wiederum aus einer Zeit vor
der Schaffung der koreanischen Schrift. Außer Feldern mit
chinesischen Schriftzeichen finden sich zwei Schriftbänder zu
jeweils zwei Zeilen.
Die unterste der vier Zeilen wirkt wie ein zartes Ornament. Es
handelt sich um die mongolische Schrift, eine Lautschrift. Jeder
der senkrecht ablaufenden kleinen Krakel ist selbst ein kurzer
Schriftzug und nicht nur ein Lautzeichen.
Die übrigen drei Zeilen entstammen einer indischen oder einer vom
Indischen abstammenden Schrift. Auch dies ist eine Lautschrift.
Aber jedes "Ornament" ist nur ein einzelner Laut oder höchstens
eine Kombination Konsonant-Vokal.
(Hier sei eine Besonderheit des Umgangs der Ost-Asiaten mit
Sprachen und Schriften angemerkt.
- Im Chinesischen ist es bisweilen nötig, fremde Begriffe wie die
Namen ausländischer Politiker, fremde Ortsnamen usw. in ihrem
Lautwert darzustellen. Dann benutzt man chineische Zeichen, die
zumindest annähernd wie das fremde Wort gesprochen werden.
- Vor der gleichen Situation standen die gebildeten Koreaner und
Japaner nach der Übernahme der chinesischen Schriftzeichen. Beide
Länder verfügten über eine eigene Sprache mit einer vom Chinesi-
schen weit abweichenden Grammatik. Aber man hatte mit dem
Buddhismus und den Schriftzeichen auch eine Vielzahl von
Lehnwörtern aus dem Chinesischen übernommen.
-- Beim Schreiben stellt man also die chinesischen Lehnwörter -
selbstverständlich - mit ihren chinesischen Schriftzeichen dar.
Nun mußten auch noch die eigenen grammatikalischen Anhängsel dar-
gestellt werden. Das geschah, indem sie lautgerecht mittels be-
stimmter chinesischer Zeichen geschrieben wurden.
-- Beim Lesen mußte nun umgekehrt bei jedem Schriftzeichen ent-
schieden werden, ob es mit seiner "Bedeutung" als Bestandteil
eines chinesischen Lehnwortes oder mit seiner "Lautung" als
koreanisches (bzw. japanisches) Wort oder als grammatikalischer
Bestandteil zu lesen ist.
- Über weite Zeiten des Mittelalters galt in Zentralasien das
Mongolische als gebräuchlichste Verkehrssprache - vergleichbar dem
Latein in der Gelehrten- und Kirchen-Welt des europäischen
Mittelalters. Gleichzeitig hatte sich die chinesische Schrift am
weitesten verbreitet. So ergaben sich Zeiten und Gebiete, wo das
Mongolische üblicherweise mit chinesischen Zeichen geschrieben
wurde.
- Andererseits hat der Buddhismus bei seiner Verbreitung (ab dem
4. Jahrhundert in Korea) auch zu einer Verbreitung der indischen
Schrift geführt. )
Ich übergebe also gern das Schriftband der Glocke von Käsong zur
Prüfung an die Indologen und Koreanisten. Was steht da
geschrieben? Ist es ein indischer Text? Oder ist es ein erneutes
Beispiel, daß eine (koreanische) Sprache in einer fremden
(indischen) Schrift aufgezeichnet ist?
Von meinen koreanischen Begleitern konnte ich bei einer solch
komplizierten Frage keinen Aufschluß erwarten. Schon die Kenntnis
der chinesischen Schriftzeichen ist weit verloren gegangen.
Im historischen Museum von Pyongyang hatte ich eine recht versier-
te Führerin. Der Rundgang war wirklich erfrischend, unterhaltsam
und informativ. Jedoch vor einem alten Buch mit chinesischen und
koreanischen Zeichen mußte sie mir die Auskunft vorerst schuldig
bleiben. Sie wußte nicht, was das sei. Ich ließ sie also den kore-
anischen Text in Englische übersetzen, der neben dem - recht simp-
len - chinesischen Zeichen für "Regenschirm" steht. Das stand da
auch auf koreanisch, es stimmte überein. Es ist ein Wörterbuch!
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