INTERVIEW 
„Man kann ja nicht nur lustige Lieder singen“ von ZDF Online-Interview

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Jessica Schwarz: Herbert Grönemeyer ist bei jetzt bei mir backstage. Gestern war großer Tournee-Auftakt in Friedrichshafen. Wie war's denn?

Herbert Grönemeyer Herbert Grönemeyer: Das Publikum war sehr nett, es war wirklich klasse. Wir hatten ein paar Probleme, der erste Gig nach sehr langer Zeit. Es gab ein paar Probleme mit der Produktion, mit dem Licht, es war wie eine Generalprobe. Wir haben drei Stunden gespielt, das Publikum war wirklich rührend. Wir selber sind dann wahnsinnig nervös. Man rennt da raus, ist froh, wenn man durchkommt, fragt sich, wie die neuen Stücke wohl beim Publikum ankommen. Es ging aber gut.

Wir hatten dann hinterher mit uns selbst noch ein paar Probleme, aber ich glaube, im Gesamten war es schon ganz okay.


Jessica Schwarz: Das neue Album ist ja doch ein bisschen anders, sehr rührend, sehr besinnlich - ändert das auch die Konzertsituation?

Herbert Grönemeyer: Ja, wir spielen bis auf ein Stück alle von dem neuen Album. Dadurch wird der Abend, auch die Atmosphäre bestimmt. Dadurch wird der Abend auch etwas getragener, ohne dass es jetzt melancholisch wird. Aber sicherlich ist es durch „Mensch“ etwas ruhiger geworden. Dennoch spielen wir auch alte Stücke, die etwas mehr nach vorne gehen. Es ist aber auch ganz gut, dass jede Tour einen neuen Geschmack bekommt. Sonst hat man das Gefühl, wenn man auf der Bühne steht, „das hab' ich ja schon vor zwanzig Jahren gespielt“. Das ist ein bisschen öde.


Jessica Schwarz: Heute Abend bei Wetten, dass..? präsentierst Du den Song „Der Weg“, eine wunderschöne Ballade, in der Du Trauer und Verlust verarbeitest, eine Liebeserklärung. Wieso hast Du Dich gerade für „Der Weg“ entschieden?

Herbert Grönemeyer: Es ist sicherlich ein Liebeslied, wie ich auch viele andere Liebeslieder für meine Frau geschrieben habe. Das hat vielleicht einen traurigen Anlass. Ich denke aber, Verlust und Trauer sind ganz intensive und menschliche Gefühle. Diese Gefühle sind zwar nicht sehr erheiternd, aber meine Frau war einfach wunderbar und hat auch sehr viel Kraft hinterlassen. In dieser Verzweiflung, in der Trauer, will ich in dem Lied auch ausdrücken, dass ich zwanzig Jahre mit so einem Menschen zusammensein durfte. Herbert Grönemeyer

Gleichzeitig versuche ich zu erklären, dass sie mir trotz dieses Verlusts so viel Kraft hinterlassen hat, dass es sich dafür lohnt, weiterzumachen. Ich denke, es ist eine Mischung zwischen einem traurigen Lied des Verlusts und einer ganz starken Liebeserklärung. Das habe ich versucht mit dem Lied auszudrücken. Ich denke, man kann ja nicht nur lustige Lieder singen.


Jessica Schwarz: „Mensch“ war ein Nummer-Eins-Hit, das Album läuft phänomenal - kann es sein, dass Deine Musik eine Art Therapie für ganz viele Menschen in den Zeiten von Konsum und Materialismus ist?

Herbert Grönemeyer: Ja, ich merke es an den Briefen und den Mails, die ich kriege. Das zeigt mir, wie sehr Leute sich in ihrer Verzweiflung und in ihrer persönlichen Trauer unterstützt und verstanden fühlen. Oder dass sie auch sehen, dass es nicht um diese Oberflächlichkeit geht. Wenn ich durchs Land fahre und diese BILD-Kampagne sehe, das finde ich wirklich unerträglich. In dieser Oberflächlichkeit steckt etwas so Harsches, dass die Menschen sich einfach nach etwas Direktem sehnen. Nach direkter Ansprache, nach direkten Gefühlen, nach Zwischenmenschlichkeit, nach Mitgefühl. Das ist ein Teil dessen, was ich mit der Platte zeigen wollte. Weil ich selbst in den vergangenen vier Jahren erlebt habe, wie toll es ist, wenn man wirklich Freunde hat und Menschen, die sich bemühen, Mitgefühl zu zeigen, mitzuleiden, zum Teil auch mitzuweinen. Ich denke, danach sehnen sich viele, gerade in der Zeit, die anfängt, sich wirklich von den Menschen zu entfernen.


Jessica Schwarz: Bei den anderen Alben stand ja immer die Musik im Vordergrund, die Texte kamen hinterher, manchmal hast Du auch mehr Texte geschrieben, wenn Du Dich nicht ganz entscheiden konntest. War es dieses Mal genauso oder gab es die Texte zuerst, und dann spielte die Musik erst eine Rolle?

Jessica Schwarz und Herbert Grönemeyer Herbert Grönemeyer: Nein, genau dasselbe. Immer. Ich schreibe immer die Musik zuerst, wir wussten auch schon, dass bei „Mensch“ die erste Single ohne Text wird. Als die Single „Mensch“ draußen war, war die andere Platte noch gar nicht fertig. Ich hatte nur zwei Texte geschrieben, das war „Mensch“ und „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“, das haben wir in die Single gesteckt. Die Platte kam einen Monat später, da habe ich erst die anderen Texte geschrieben. Das heißt aber nicht, dass ich die Texte dann einfach so schreibe,

ich habe schon Sachen im Kopf, über die ich schreiben will. Ich schreibe immer zuerst die Musik
Wenn ich nicht den Druck hätte bis zum allerletzten Tag, würde ich nie einen Text schreiben. Ich brauche diesen Druck. Ich saß da nächtelang und habe in zwei Studios gleichzeitig gemischt. Ich habe oben gesungen, dann die gesungenen Texte runtergeschickt, dann bin ich wieder hoch gegangen, habe oben gesungen, dann ins nächste Studio geschickt. Dann bin ich nachts nach Hause gegangen, habe den nächsten Text geschrieben, am nächsten Tag wieder gesungen - ich brauche das. Aber für mich ist die Emotion in der Musik enthalten, ich glaube, wenn die Musik nicht gut genug ist, nützt einem der beste Text nichts. Und wenn die Musik gut ist, dann hilft es manchmal auch mit dem Text. Ich schreibe immer so und das wird sich auch nie ändern.


Interview:
Jessica Schwarz

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