Aufklärung - lumières, enlightenment, illuminismo,
ilustración - all dies sind Begriffe aus verschiedenen Sprachen, und
doch bezeichnen sie alle die gleiche Weltauffassung, eine Weltauffassung, die
die europäischen Literaturen und Wissenschaften des 18. Jahrhunderts
bestimmt hat.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden, sah diese Geistesbewegung in der
Vernunft (lat. ratio) das Wesen des Menschen. Kant definierte die
Aufklärung auch als 'Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten
Unmündigkeit'.
Die Anfänge der Aufklärung gehen zurück bis in die Zeit der
Reformation und der Renaissance. Deutlich zu erkennen sind hier die
humanistischen Bewegungen gegen Scholastik und überlieferten Lehrgebrauch,
wie z. B. Latein als alleinige Gelehrtensprache. Die Humanisten waren
richtungsweisend für alle, die Philosophie, Kunst und Wissenschaft nicht
nur der "Fachwelt", sondern einem größeren Publikum zugänglich
machen wollten. Schon Galilei sagte, ein jeder solle seine Briefe und
Abhandlungen lesen können. So versuchte er, durch Verwendung des
Italienischen seine Werke möglichst vielen zugänglich zu machen. Die
Schranken, die durch das Lateinische als Gelehrtensprache zwischen dem Wissen
und der Nation errichtet worden waren, sollten beseitigt werden.
Andere Wissenschaftler empfanden die tote Sprache ebenfalls als störend,
so z. B. der holländische Physiker Simon Stevin, der sich ebenfalls seiner
Volkssprache bediente. Weitere Naturforscher aus verschiedenen Ländern
stammten in dieser Grundhaltung überein, sie leiteten die Wendung der
Wissenschaft auch zum praktischen Leben entscheidend ein und bildeten so die
Anfänge der Aufklärung.
Im 18. Jahrhundert nun prägten die
Schriftsteller die Aufklärung entscheidend. Das Verständnis des
Begriffes "Philosophie" erweiterte sich. Jeder Schriftsteller sah sich nun als
"Philosophen", als ein der Praxis, der Welt und der Forderung nach
Humanität verpflichteten Denker. Und so ergab sich hieraus der Drang der
Literatur, in alle Bereiche des menschlichen Lebens zu schauen, auf alles
Einfluß nehmen zu wollen.
Dies war zwar in besonderem Maße in Frankreich der Fall. Jedoch auch in
England wurden nun zeitgenössische Probleme in den Mittelpunkt von
Romanen, Theaterstücken und Satiren gebracht. Philosophen wie Bacon, Locke
oder Hume wurden als Vorkämpfer einer neuen Form gesehen, die die
Bürde pedantischer Schultraditionen nicht länger mitschleppen
mußte. Auch hier wurde die Sehnsucht der Zeit nach der Verbindung von
Eloquenz und Philosophie zum Ausdruck gebracht.
Ohne den Zusammenhang mit der großen Wissenschaftsbewegung wäre eine
solche aufgeklärte Philosophie niemals möglich gewesen. Während
des ganzen 18. Jahrhunderts lenkten bisher vernachlässigte und nun erst
aufblühende Wissenschaften die Aufmerksamkeit auf sich, wobei sie offenbar
den Fall des Althergebrachten herbeizuführen suchten. Schnell wechselte
sich die Begeisterung für Medizin, Biologie, Physiologie, Geologie, Chemie
und Ökonomik ab; sie alle griffen tief in das tägliche Leben ein und
beeinflußten beinahe jeden.
Staat und Recht in der Aufklärung
Trotz ihrer vielen anderen Erfolge erzielte die Aufklärung auf dem Gebiet
des Rechts- und Staatswesens ihre größten Leistungen. Sie
bemühte sich in ihren Anfängen im 17. Jahrhundert, den Staat
gesetzmäßig aus den Elementen der menschlichen Natur aufzubauen. Die
"Naturgesetze" des sozialen Lebens sollten frei sein von konfessionellen,
nationalen und traditionellen Bedingtheiten und bildeten so die Grundlage
für die Beendigung der konfessionellen Bürgerkriege. Zudem enthielten
sie bereits die Prinzipien des modernen Völkerrechts.
Das 18. Jahrhundert setzte dann im Anschluß an Locke die Berufung auf den
"gesunden Menschenverstand" (
sensus communis) an die Stelle der
konstruktiven Naturrechtsbegründung. Beiden Jahrhunderten war jedoch die
Überzeugung gemein, daß die Naturrechtssätze von gleicher
allgemeiner Gültigkeit und Erkennbarkeit seien wie die
naturwissenschaftlichen und die mathematischen Sätze und daher ebenso
unabhängig von göttlicher Offenbarung wie von staatlicher
Festlegung.
Auf Grundlage dieser Ansichten entwickelte die Aufklärung
Rechtsprinzipien, die für die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung
und die Französische Revolution von entscheidender Bedeutung wurden und
die bis heute gültig sind. In den amerikanischen und französischen
Menschenrechtserklärungen wurden heute selbstverständliche Aussagen
formuliert, dazu zählen unter anderem die folgenden:
Jeder Mensch ist
frei geboren; es gibt angeborene Menschenrechte jedes Einzelnen auf Leben,
Freiheit, Eigentum und das Streben nach Glück, die der Staat zu
schützen hat. In der Verfassungslehre wurde von Locke und Montesquieu
die Theorie der Gewaltenteilung entwickelt.
Gefordert wurde auch eine religiöse Toleranz des Staates, Hexenprozesse
und Folter wurden abgeschafft. Zudem kam es unter dem Grundsatz der
Verhältnisgleichheit von Verbrechen und Strafe zu einer Milderung der
Strafen, die Humanisierung des Strafvollzugs wurde eingeleitet. Erstmals wurde
auch die Berechtigung der Todesstrafe angezweifelt. Schließlich kam es
zu der berühmten Formulierung
nulla poena sine lege, die besagt,
daß die Verhängung einer Strafe abhängig ist von ihrer
vorherigen Androhung durch ein geschriebenes Gesetz.
Religion im Zeitalter der Aufklärung
In der Aufklärung änderte sich auch die Betrachtungsweise der
Religion. Es kam erstmals zu einer kritischen Betrachtung der Bibel nach den
gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Zweifel an den theologischen
Behauptungen, an bestehenden Gegensätzen zwischen den christlichen
Religionsparteien und zwischen Christentum und anderen Religionen führten
zu Religionskritik und Toleranz. In der Aufklärung wurde zudem die
kirchliche Vormundschaft über den Einzelnen beendet, eine freie,
individuelle Entfaltung wurde möglich.
Die aufgeklärte Gesellschaft
Elemente der Säkularisation wurden von der Aufklärung tief ins Volk
hineingetragen. Rücksichtnahme, Achtung vor geschichtlichen Gegebenheiten
und der gewachsenen Natur, der Sinn für die "Naturformen" des Sozialen,
vor allem Familie und Volk, und die durch Reiseerfahrungen bewußter
genossene lokale Eigentümlichkeit konnten sich schnell verbreiten. So
konnten die Grundlagen für die besonders in Deutschland folgenreiche
Romantik entstehen.
Das Prinzip der Aufklärung als praktische Anwendung der
Verstandeserkenntnis und vernünftige Ordnung des Lebens stieß vor
allem in England und Frankreich auf großen Widerhall. In Deutschland
jedoch kam es in großen Teilen zu einer Abschwächung dieser
Grundsätze und einer theologischen Entschärfung. Zusammen mit
religiösen Ideen und konservativ-ständischem Gedankengut verbreitet,
verwischten sie die Grenzen zwischen Spätaufklärung und Romantik.
Im wirtschaftlichen und sozialen Bereich trat die Welt des Bauerntums und der
Adelssitze immer mehr hinter der städtisch-bürgerlichen Kultur
zurück. Die Industrialisierung griff teilweise auf das Land über,
Heimarbeit wurde eingeführt. Die Landwirtschaft öffnete sich nun
auch marktwirtschaftlichen Grundsätzen.
Besonders in der Erziehung folgte die Aufklärung den humanistischen
Strömungen und versuchte, durch kindgemäß-selbsttätiges,
spielerisch-leichtes Lernen und lebenspraktische Ausrichtung die Strenge in den
Schulen abzulösen. Die Volksschule erhielt starken Auftrieb.
Zudem kam es zu einem Ausbau des Gesundheitswesens, man erkannte die Bedeutung
von Hygiene und Fürsorge.
Die Literatur - Der Siegeszug der Wörterbücher
Betrachtet man die grundlegende Struktur eines Wörterbuches, dessen
Elemente notwendigerweise eine logische Beziehung zueinander haben, so kann es
nicht verwundern, daß gerade ein Wörterbuch zu einem der
charakteristischsten Werke der Aufklärung geworden ist.
Denn Moréris
Grand Dictionaire (1674), der bis 1691 sechs
Auflagen erlebt hatte, war vorangegangen, Bayle war 1692 gefolgt mit seinem
Dictionnaire historique et critique, und seither konnte die
Aufklärung die Beziehung auf Wörterbücher nicht mehr entbehren.
Der Plan zur großen Enzyklopädie schließlich erwuchs
zunächst aus einer rein praktischen Aufgabe: aus der Übersetzung der
1728 erschienenen englischen Enzyklopädie von Chambers. War diese
Übersetzung schon bald umfangreicher als das Original - fast eine
Bearbeitung -, so entstand bald auf Anregung des Abbé Gua de Malves und
in Zusammenarbeit von D'Alembert und Diderot mit dem Verleger Le Breton der
Entwurf eines neuen Werks. Als Enzyklopädie fiel ihm die Aufgabe zu, den
Zusammenhang des Wissens zu beschreiben, als
Dictionnaire raisonné
des sciences, des arts et des métiers die weitere wissenschaftliche
und empirische Welt zu erklären.
Durch die beiden Herausgeber Diderot und D'Alembert kamen die zur geistigen und
sozialen Wandlung beitragenden Richtungen zusammen. Sie ließen eine
Unabhängigkeit von Hof, Adel und Kirche scharf zum Ausdruck kommen. Die
Schriftsteller ergriffen nun die Möglichkeit zur Führerschaft und
wandten sich nicht an einen bestimmten Leser oder ein begrenztes Publikum,
sondern an die "öffentliche Meinung". Die Enzyklopädie wurde in ihrer
Gesamtsicht als ein Werk gesehen, daß Wissenschaft und Literatur in sich
vereinte und unter ein gemeinsames Prinzip rückte.
Von 1751 bis 1757 erschienen die ersten sieben Bände dieses Werkes. Den
Fortgang dieses Unternehmens konnten Angriffe wie Proteste der Jesuiten,
zeitweilige Verbote durch die Regierung oder das Ausscheiden der berühmten
Mitarbeiter wie Rousseau, D'Alembert, Voltaire und anderer zwar verlangsamen,
jedoch nie zum Stillstand bringen. 1780 schließlich erschienen die
letzten Bände samt Register, die das in 4250 Exemplaren gedruckte Werk
vervollständigten. Ein Großteil der enthaltenen Texte wurden von dem
Herausgeber Denis Diderot selbst verfaßt, der seinem Lebenswerk bis zum
Abschluß treu geblieben war. Seine Artikel zerfallen in drei große
Gruppen. Zum einen sind es Beschreibungen über Handwerk und Gewerbe, zum
anderen aber auch Ausführungen über die Geschichte der Philosophie
von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der dritte Teil stellt mit politischen
Artikeln den Grundriß einer politischen Philosophie dar.
Die Masse aller Artikel Diderots war geprägt von den Gedanken des idealen
Staates, der auf der nationalen Souveränität, auf der Macht, die vom
Volke stammt, beruht und die bürgerliche Freiheit, das freie Spiel der
wirtschaftlichen Kräfte sichert und der durch die Enzyklopädie
repräsentierten öffentlichen Meinung niemals seine Aufmerksamkeit
versagt. Damit wurde Diderot zum Wortführer des aufgeklärten Dritten
Standes und hat allen seinen Zielen, aber auch unbestimmten Tendenzen, zu
klarem Ausdruck verholfen.
Die Literatur - Die historische Literatur der Aufklärung
Wie die Naturwissenschaften und die Theologie, so erschienen im Verlauf des 18.
Jahrhunderts auch die geschichtlichen Wissenschaften in einem neuen Licht. Der
Blick eines immer größer werdenden Publikums öffnete sich
für die Geschichte, nicht nur des eigenen Lande. Man interessierte sich
auch für die Geschichte des alten China, für Persien und Arabien.
In Frankreich nahmen sich besonders Montesquieu und Voltaire der Geschichte an.
Montesquieu zum Beispiel trug durch seine Untersuchungen über die
französische Geschichte zur quellenmäßigen Erforschung des
Mittelalters und zum Aufbau der historischen Wissenschaften entscheidend bei.
Seine Ideen, die er dem geschichtlichen Denken vermittelte und die Kunst, mit
der er den Stoff gestaltete, wurden von Mitwelt und Nachwelt oft und bewundernd
anerkannt.
Geschichte als Geschichte des Geistes, als Kulturgeschichte anstatt als eine
Häufung von Tatsachen, eines Heroen- und Herrscherkultes war das Ziel
Voltaires. Und so verwendete er in seinen zeitgeschichtlichen Werken am
liebsten Schilderungen von Augenzeugen der Ereignisse, die in seinen
Beschreibungen klar und deutlich hervortreten. Überall in seinen Werken
trat das Beispiel seiner Kunst und Methode hervor, die den geschichtlichen
Horizont erweiterte. Sie hob die historische Forschung zu einer neuen, noch
nicht gekannten Höhe hinauf und verknüpfte die Fakten in einen
gesetzmäßigen Gesamtzusammenhang. Beziehungen und Verhältnisse
der geschichtlichen Welt schienen sich zu einer systematischen Ordnung
zusammenzuschließen.
Aus der neuen Wissenschaft der Chronologie, aus den zahlreichen Berichten
über den Fernen Osten konnte sich im Verlauf der Entwicklung ein neues
Zeit- und Raumbewußtsein bilden, mit neuen Farben und in einer
neuartigen, von allem antiquarischen Ballast befreiten Darstellung.
Die
Auswirkungen vor allem der Voltaireschen Geschichtsschreibung waren in ganz
Europa erkennbar. In England zeigte sich der stetige Zusammenhang ganz nach
Voltairescher Tradition in einer Reihe bedeutender Werke verschiedener
Schriftsteller. Hierzu zählen vor allem Hume, der die Geschichte England
vom ersten Auftreten der Römer bis zum Ende des Hauses Stuart
verfaßte, oder auch Robertson, der die Geschichte Karls V.
erzählte.
Mit dieser universalhistorischen Tendenz der französischen und englischen
Geschichtsschreibung konnte sich zur Zeit der Aufklärung kein anderes Land
messen. Dennoch war in allen europäischen Ländern das 18.
Jahrhundert das Jahrhundert der Geschichte. Es schuf die Bedingungen, unter
denen vielerorts die Akademien entstehen oder sich weiterentwickeln und den
Fortschritt der historischen Forschung fortsetzen konnten.
Die Literatur - Die Literatur der Aufklärung im allgemeinen
Die Literatur der Aufklärung war erzieherisch, kritisch oder satirisch und
diente oft der Belustigung des Verstandes. In England entstanden moralische
Wochenschriften, die sich nach englischem Vorbild auch bald in Deutschland
verbreiteten.
Bezeichnend für die Epoche der Aufklärung waren auch in der Literatur
rational-regelhafte Dichtungen. Gepflegt wurden außerdem Fabeln und
Epigramme. Der Bildungsroman sowie der komische Roman waren verbreitet.
In der Aufklärung wurde die klassizistische Tragödie allmählich
durch das bürgerliche Trauerspiel abgelöst. Ein herausragender
Vertreter dieser Gattung ist der bereits als Herausgeber einer
Enzyklopädie bekannte Diderot.
Der Toleranzgedanke wurde, ebenso wie in vielen anderen gesellschaftlichen
Bereichen auch in der Literatur zur Geltung gebracht.
Die Literatur - G. W. Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war nicht nur Schriftsteller, sondern
zählte zu den universellsten Geistern der Aufklärung. In Leipzig
geboren, wurde er Bibliothekar und Hofhistoriker am hannoveranischen und
braunschweigischen Hof. Später lebte er am Hofe der Königin Sophie
Charlotte in Berlin.
Das harmonische Miteinander von Materie und Geist, von Welt und Mensch und
Mensch und Gott wird in seinen oft philosophischen Werken anschaulich
geschildert. Zu seinen Hauptwerken zählen die philosophischen Schriften
Lehrsätze über die Monadologie sowie
Petit discours de
métaphysique (Kleine metaphysische Abhandlung).
Sowohl in Lebenshaltung als auch im wissenschaftlichen Denken brach Leibniz mit
den Traditionen des Barock. Jedoch auch seine Sprachauffassung läßt
deutlich werden, daß er den Grundlinien der Aufklärung folgte, denn
er befürwortete eine klare und von Schmuckformeln befreite Sprache.
Für ihn war die Sprache der "Spiegel des Verstandes".
Mit seinen Ideen bestimmte Leibniz das ganze deutsche 18. Jahrhundert, er
begründete die Berliner Akademie und schuf neben philosophischen auch
wissenschaftliche Werke von größter Bedeutung. So entwickelte er die
Differential- und Integralrechnung, war Jurist, Politiker, Historiker und
Diplomat. Damit war er eigentlich in allen zur Zeit der Aufklärung
wichtigen Themenbereichen zuhause.
Gottfried Wilhelm Leibniz starb im Jahre 1716 siebzigjährig in Hannover.
Die Literatur - G. E. Lessing
Gotthold Ephraim Lessing, 1729 in einem lutherischen Pfarrhaus in Kamenz
(Oberlausitz) geboren, erhielt eine gute Ausbildung, unter anderem durch sein
Studium auf der Fürstenschule St. Afra in Meissen und dem Studium der
Theologie in Leipzig. Dieses Studium beendete er jedoch vorzeitig und suchte
stattdessen seine sprach- und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse zu
erweitern.
Lessing führte ein recht ungesichertes Leben, wechselte oft seinen Wohnort
und trat erst 1770 als Bibliothekar in Wolfenbüttel in eine feste
Stellung.
Berühmt wurde Lessing vor allem als Dramatiker, jedoch verfaßte er
besonders in seiner Jugendzeit sehr viele Epigramme. Insgesamt hinterließ
er mehr als 200 Epigramme, die den Großteil seiner lyrischen Produktion
ausmachen. Die knappe satirisch zugespitzte Form ist das Kennzeichen der
Lessingschen Epigramme, die den Leser wie "ein Brandmahl" durch ihre Kritik
schmerzen sollen, ohne sich gleichzeitig als Lehr- oder Moralsätze zu
präsentieren. Zu den Hauptthemen Lessings zählten hierbei die Kritik
an verwerflichen Verhaltensweisen, Zeitgenossen sowie die politische Kritik. Er
bekämpfte immer das Unzulängliche, Verkehrte und Minderwertige, um
die Voraussetzungen für ein lebendiges literarisches Leben zu schaffen.
Für diese Ziele setzte er sich vorurteilsfrei, gewissenhaft und
unerschrocken ein.
Im Gegensatz zu seinen späteren Werken lassen auch Lessings frühe
Fabeln noch eine individuelle Originalität vermissen. Dies trifft ebenso
auf seine Lehrgedichte zu, die allerdings weitgehend unvollständig
geblieben sind. Bei diesen Lehrgedichten handelte es sich ebenfalls um eine
bevorzugte Gattung der frühen Aufklärungszeit.
Zu Lessings berühmtesten und bedeutendsten Werken zählen die drei
Dramen
Minna von Barnhelm,
Emilia Galotti und
Nathan der
Weise. Sie sind über zwei Jahrhunderte hinweg auf den Bühnen
lebendig geblieben. Durch ihre dialektisch zugespitzte Sprache wenden sie sich
zwar an den Verstand des Zuschauers, jedoch sind die Hauptpersonen aus einer
Natürlichkeit und Menschlichkeit heraus geschaffen, die auch Lessing
selbst auszeichnete.
Und so liegt auch Lessings Bedeutung für die deutsche Bühne vor allem
in dem sittlichen Gehalt seiner Dramen. Seine Kunst besteht in der zwanglosen
Verbindung von Spiel, Wort und Gesinnung. Neben dem ethischen Gehalt und der
treffenden Charakteristik sind vor allem die Eigenart der Sprache sowie der
planvolle Aufbau der Stücke dafür verantwortlich, daß Lessing
eine neue Epoche der deutschen Theaterkunst einleitete.
1781 starb Lessing bei einem Besuch in Braunschweig im Alter von 62 Jahren.
Die Kunst
In der bildenden Kunst war die Aufklärung das Zeitalter des
Spätbarocks, des Rokokos und des Klassizismus. Immer stärker griff
die Säkularisation um sich. In Folge dessen wurde die Ablehnung
religiöser Bilder und die "Ausweißung" ganzer Kirchen symbolisch
für diese Epoche. Wo aber dennoch an religiösen Bildern festgehalten
wurde, verzichteten die Künstler auf freie Erfindungen und allzu
wunderbare Ereignisse und folgten streng den biblischen Berichten.
Auswirkungen der Aufklärung
Während man die Aufklärung lange Zeit mit dem Blick der Romantik sah,
ihre "dürren und schalen Auswüchse" ablehnte, so sieht man
andererseits heute doch die Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieser
Bewegung und ihre engen Verbindungen mit anderen Strömungen.
Damit fällt auch die Würdigung ihrer bleibenden Leistungen leichter,
die sich vor allem in der Humanisierung des sozialen und kulturellen Lebens
zeigt. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Bewegung der Aufklärung zwar
von neuen Geistesbewegungen wie Sturm und Drang oder Romantik überlagert,
jedoch setzen sich weite Teile bis in die Gegenwart fort. Hierzu sind vor allem
die Anerkennung der Menschenwürde und der Glaube an die Gleichheit aller
Menschen zu zählen. Der Glaube an die Sicherheit und Wohltätigkeit
des Fortschritts ist fragwürdig geworden, doch trägt er noch heute
die weltbestimmenden Ideologien in Ost und West.
Literatur: Propyläen-Weltgeschichte, 1964, Propyläen-Verlag, Berlin;
Brockhaus-Enzyklopädie in zwanzig Bänden, 17. Auflage 1967,
Brockhaus-Verlag, Wiesbaden; Kindlers Neues Literaturlexikon, 1988,
Kindler-Verlag München; bsv-Literaturgeschichte