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Formen in der Musik: Die Variation
I. Die musikgeschichtliche Entwicklung der Variation
II. Verschiedene Variationsformen
I. Die musikgeschichtliche Entwicklung der Variation
Variation (lat. variare) bedeutet Veränderung. In der Musik versteht man
darunter meist eine Komposition, in der ein kleines, in sich abgeschlossenes
Musikstück mehrere Male in abgeänderter Form erscheint. Dieses
Variationsthema ist meist liedartig gehalten, nicht zu lang und besitzt eine
einprägsame, leicht wieder zu erkennende Melodie sowie eine einfache
Begleitung.
Als Vorlage für eine Variation (das sogenannte Variationsmodell)
können jedoch nicht nur Melodien dienen, es gibt auch Variationen
über ein Baßmodell beziehungsweise dessen Harmonik.
Das Verfahren, eine vorgegebene Tonfolge in veränderter Erscheinungsweise
zu wiederholen, ist vermutlich so alt wie die Musik überhaupt.
Unabhängig vom kulturellen Entwicklungsstand (also unabhängig vom
Vorhandensein einer Notenschrift) ist das Variationsprinzip sowohl bei
Naturvölkern als auch bei Hochkulturen aller musikgeschichtlich
erfaßbaren Epochen zu finden. Es ist an keine gesellschaftliche
Einordnung gebunden und sowohl in der geistlichen als auch der weltlichen Musik
zu finden.
Älteste Schriftdokumente geistlicher Variationen reichen zurück bis
ins beginnende 12. Jahrhundert. In der mittelalterlichen Musik spielte die
Variation eine wichtige Rolle im gregorianischen Choral, im geistlichen Lied
sowie in der Motette und im Conductus.
Seit dem 15. Jahrhundert existieren auch im Bereich der weltlichen Musik
erstmals in größerem Umfang schriftlich aufgezeichnete Variationen.
Zweifellos gab es jedoch in der europäischen Spielmannsmusik schon immer
eine reiche, auf Improvisation beruhende Variationspraxis.
In der Tanzmusik des 15. und 16. Jahrhunderts, die meist instrumental
ausgeführt wurde, war es üblich, eine in primitiver Notation
festgehaltene Gerüstmelodie improvisierend auszugestalten (zu kolorieren).
Ab dem 16. Jahrhundert findet man dann den Begriff der Variation in der heute
geläufigen Bedeutung von "Thema mit Variationen" (auch "Aria con
variazioni", "Aria variata", "Veränderungen über " etc.). Dabei
handelt es sich stets um eine Aneinanderreihung mehrerer in sich
abgeschlossener Stücke, denen ein gemeinsames musikalisches Modell, das
"Thema", zugrunde liegt, das dabei auf verschiedene Weise verändert
wird.
Meist wird das Thema in seiner ursprünglichen Gestalt der 1. Variation
vorangestellt, jedoch gibt es auch Fälle, in denen darauf verzichtet
wird. Um diese Zeit entstanden in Italien, Spanien und England, seit 1600
auch in den Niederlanden und Deutschland Variationszyklen, in denen bereits die
Mehrzahl der bis zur heutigen Zeit verwendeten Variationsmittel auftauchen.
Das kompositionsästhetische Problem des reinen Reihungscharakters einer
Variationsfolge versuchten die Komponisten auf verschiedene Weise zu
lösen. So wandte man bald zyklusbildende Formungsschemata, die bereits
innerhalb anderer Gattungen entwickelt und erprobt worden waren, auch auf dem
Gebiet der Variation an. Dazu zählen z. B. das Da Capo-Modell der
neapolitanischen Opernarie, bei dessen Übertragung auf den
Variationszyklus das Thema nach der letzten Variation noch einmal in der
Ursprungsgestalt wiederkehrt.
Im späten 18. und 19. Jahrhundert versuchte man auch, Elemente der Sonate
in den Variationszyklus einzubinden. Dies geschah unter anderem mit Hilfe von
langsamer Einleitung, Takt-, Tempo- und Charakterwechseln von Satz zu Satz und
Ausgestaltung des letzten Satzes zu einem "Finale". Seit dem 18. Jahrhundert
wurden gelegentlich auch ganze Sonatensätze als Variationszyklen gestaltet
(Beispiele hierfür sind Mozarts Sonate KV 331 sowie Beethovens Sonate op.
26).
Ein besonderer Variationstyp wurde um 1600 von den englischen Virginalisten
entwickelt. Neben "normalen" Variationszyklen finden sich in ihrem
Klavierwerk auch solche, bei denen jede Variation nochmals in sich eine
Variierung erfährt. Dabei wird in jedem Satz eine zeilenweise
Veränderung vorgenommen. Innerhalb jedes Satzes findet folglich ein
Variierungsprozeß nach dem Schema a-a'/b-b'/c-c' usw. statt. Allein das
"Fitzwilliam Virginal Book" enthält über 200 Variationen oder
Tänze mit variierten Teilwiederholungen.
Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" (Bach schrieb sie für einen
Grafen Kayserling, der sich durch seinen Klavierspieler Goldberg damit die
schlaflosen Nächte verkürzen ließ) sind ebenfalls nicht als
typisch für ihre Zeit anzusehen. Sie sind vielmehr eine Art
enzyklopädische Großform, in der Bach über einem vorgegebenen
Baßgerüst in 30 Variationen nahezu alle möglichen
Variierungsmöglichkeiten zeigt. Dazu zählen virtuos-klavieristische
ebenso wie kontrapunktische Gestaltungsmittel in höchster Vollendung.
Sowenig man ein solches Werk als zeittypisch bezeichnen kann, sowenig konnte es
auch als Vorbild für nachfolgende Komponisten dienen.
So zählen die Variationen des späteren 18. Jahrhunderts, meist
für das Klavier bestimmt, fast ausnahmslos zum Typus der Melodievariation
(mit konstanter Harmoniefolge). Hierbei wird das vorgegebene Thema
verändert. Dieser Bevorzugung eines Variationstyps hatte neben
musikalischen und stilistischen Gründen vor allem auch eine
gesellschaftsgeschichtliche Ursache. Denn die Emanzipation des Bürgertums
in Deutschland in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts führte zum
Entstehen einer eigenständigen Hausmusikkultur.
Seit 1770 variierte man grundsätzlich geläufige Themen, was sowohl
dem Spieler als auch dem Hörer die Beschäftigung mit den Variationen
erleichterte. Die Melodievariation kam zudem den technischen Fähigkeiten
des Laien entgegen. Denn meist legte man jeder Variation eine spezifische
Spielformel zugrunde, von der ausgehend dann die jeweilige Variation
ausgearbeitet wurde. Hatte der Spieler die Formel im Griff, so konnte er den
weiteren Verlauf der Variation spieltechnisch leicht erfassen.
Nach Johann Sebastian Bach gelang es Mozart als erstem wieder, den
Reihungscharakter einer Variationsfolge zu überwinden und eine
geschlossene Großform zu schaffen. Er bediente sich dabei den Elementen
der klassischen Sonate und reicherte seine Variationszyklen mit einer
Adagio-Variation an vorletzter Stelle und der Ausformung der letzten Variation
als Finale an. Seinem Vorbild folgten Beethoven, C. M. von Weber und der junge
Franz Schubert.
Bekannte Variationsstücke der Klassik sind z. B. "Das Forellenquintett"
(Franz Schubert) oder "Diabelli-Variationen" (Ludwig van Beethoven).
Für die Verklanglichung von Seelenzuständen, wie sie in der Romantik
versuchte wurde, bot das Variationsprinzip die Möglichkeit, mit der
Abfolge der einzelnen Sätze gleichzeitig auch den ständigen Wechsel
psychischer Situationen zu zeigen. In diesem Zusammenhang zu nennen sind vor
allem die Werke von Robert Schumann (Etudes symphoniques, op. 13, entstanden
1834) oder Felix Mendelssohn Bartholdy (Variations sérieuses, op. 54,
entstanden 1841).
Aber auch Werke nach klassizistischem Vorbild waren weiterhin zu finden, zum
Beispiel von Johannes Brahms oder Antonin Dvorák.
Die überwiegende Zahl der Variationszyklen seit 1600 ist zwar für das
Klavier bestimmt, jedoch weisen auch Kammermusik, symphonische Musik und
gelegentlich auch die Vokalmusik gelungene Variationswerke auf. Hierbei handelt
es sich meist nicht um separate Werke wie in der Klaviermusik, sondern um
Variationen im Rahmen einer übergeordneten Gattung wie beispielsweise
innerhalb einer Violinsonate, eines Streichquartetts oder einer Symphonie. Ein
bekanntes Beispiel für ein derartiges Streichquartett ist der zweite Satz
des "Kaiserquartetts" von Joseph Haydn, in dem als Thema unsere heutige
Nationalhymne variiert wird.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden zunehmend Variationsstücke für
Orchester komponiert. Hierzu zählen unter anderem die "Variationen
über ein Thema von Haydn" (1873) von Johannes Brahms oder die
"Mozart-Variationen" (1914) von Max Reger.
Unabhängig von den explizit als Variationszyklen gekennzeichneten
Gestaltungen existieren unzählige weitere Beispiele allein in der
Instrumentalmusik der letzten 200 Jahre, deren Hauptmerkmal ein unausgesetztes
Variieren ist. Das gilt für die Werke von Haydn und Beethoven ebenso wie
für das gesamte Instrumentalwerk von Brahms und nicht zuletzt für die
Klavierparaphrasen von Franz Liszt.
Auch im 20. Jahrhundert spielt die Variation eine bedeutende Rolle, zum
Beispiel die improvisierende Variation über ein Harmonieschema im
Jazz.
"Entwickelnde Variation" nennt Arnold Schönberg das Verfahren, aus einem
musikalischen Gedanken andere abzuleiten. Diese Technik ist für ihn die
Voraussetzung der musikalischen Logik und beherrscht seine Werke, insbesondere
der Zwölftonmusik.
II. Verschiedene Variationsformen
Nach diesen Ausführungen zur musikgeschichtlichen Entwicklung der
Variation sollen im folgenden - soweit möglich - die verschiedenen
Möglichkeiten der Variation anhand von Mozarts "Variationen über 'Ah!
vous dirai - je, Maman'", KV 265 näher dargelegt werden. (Das
Variationsthema ist auch bekannt als "Morgen kommt der Weihnachtsmann").
Dies ist das Thema, auf das sich die folgenden Variationen beziehen:
Eine verbreitete Möglichkeit zur Veränderung des Themas ist die
Figuralvariation, auch Ornamentalvariation genannt. Hierbei wird die Melodie
des Themas umspielt, und die begleitenden Akkorde können aufgelöst
("gebrochen") werden. Das Thema ist in dieser Variationsform leicht
wiedererkennbar. Man bezeichnet diesen Typ auch als Ornamentalvariation, weil
das Thema "verziert" wird. Dies geschieht unter anderem durch das Auflösen
der Notenwerte in kleinere (Diminution).

Dabei muß es nicht zwangsweise zu Umspielungen
(d 2-c 2- h 2-c 2) oder Wechselnoten
(h) kommen, wie sie in Takt 1 der 1. Variation zu sehen sind. Auch das
Auflösen zu Läufen, die Töne fern der Gerüsttone enthalten
(vergleiche Takte 3 und 4), ist möglich.
Der Rhythmus eines Themas kann variiert werden durch Punktierung,
Verkürzen oder Verlängern der Notenwerte, Synkopen oder
Taktveränderung.

Dieses Beispiel zeigt die rhythmische Veränderung in der 5. Variation. Die
zweite Note des Taktes wurde dabei jeweils aufgelöst in eine vorangehende
Achtelpause sowie eine Achtelnote.
Eine Melodie oder ein Baß können streckenweise oder ganz aufgegeben
werden, während ihre Länge (Taktzahl) und ihre Harmonik als Modell
erhalten bleiben.

In dieser 3. Variation erscheinen in Takt 1 und 2 statt der
Gerüsttöne c 2-g 2 ein C-Dur-Arpeggio und -Lauf.
Zusätzlich findet hier durch die Triolen ein Rhythmuswechsel statt.
Bei der Cantus firmus-Variation (kurz: C.f.-Variation) werden zu einer
mehrfach unverändert wiederholten Stimme (Cantus firmus) oder zu einem
gleichbleibenden Thema jeweils neue, kontrapunktierende Stimmen gesetzt.

Die 2. Variation Mozarts zeigt dieses Prinzip. Hier tritt die Unterstimme durch
Diminution besonders hervor, während sich zur Oberstimme als fester
Melodie harmonische Gegenstimmen gesellen.
Die harmonische Veränderung ist in der tonalen Musik bedeutsam.
Möglichkeiten hier sind der Wechsel von Dur und Moll oder das Ausweichen
in entfernte Tonarten.

In diesem Beispiel (Variation 8) findet ein Wechsel von C-Dur nach c-moll
statt.
Bei der Charaktervariation (auch freie Variation genannt) gehen die
Veränderungen des Themas so weit, daß dieses geradezu verwandelt
wird und ein ganz anderes Gesicht erhält. Oft entwickelt sich eine neue
Melodie. Der Zusammenhang bleibt aber meist durch Beibehaltung
charakteristischer Motive gewahrt.
Die Variationen über ein Baßmodell, auch Ostinato-Variationen
genannt, bestehen aus einem "hartnäckigen" (ostinaten) Baß von 4
oder 8 Takten Länge, der sich gleichbleibend wiederholt. Über diesem
Baß baut sich die ganze Variationskette auf.
Dieses "immer gleichbleibend" des Basses ist nicht ganz wörtlich zu
verstehen, das Gerüst bleibt jedoch in seinen wichtigsten Tönen
erhalten.
Quellen: Musiklexikon, Humboldt-Verlag; Meyers Taschenlexikon Musik in drei
Bänden; Das große Lexikon der Musik in 8 Bänden, Verlag Herder
im Breisgau, 1987; Microsoft Encarta 98; Brockhaus-Enzyklopädie in 20
Bänden, Brockhaus-Verlag, 17. Auflage, 1973; Unser Liederbuch
(Mittelstufenband), Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 6. Auflage, 1962; Musik im
Leben (Band 3 für die Oberstufe), Verlag Moritz Diesterweg, 2. Auflage,
1963; dtv-Lexikon in 20 Bänden, Brockhaus-Verlag, 1970
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