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Anschlag
vom 11. September 2001
New
York kämpft gegen das Grauen - Stimmen aus der Hölle
Von
Thomas Burmeister, dpa
New
York (dpa) - Es ist, als ob der Tag nicht anbrechen will, als ob sich die Sonne
weigert, ihr Licht auf den Ort des Grauens zu werfen. Noch am Vormittag, mehr
als 24 Stunden nach der Katastrophe, hängt eine gewaltige Dunstglocke über dem
Areal im Süden Manhattans. Hellgraue Asche und Rauchschwaden wehen durch die
Straßen. Flammen züngeln immer wieder von den Schuttbergen und zwischen zertrümmerten
Autos auf, bizarr verbogene Stahlträger ragen wie zur Anklage gen Himmel, wo
einst die weithin sichtbaren Zwillingstürme des World Trade Center wie zwei
unbesiegbare stolze Riesen alles überragten. «Sie ist doch immer nach Hause
gekommen», sagt Joe Diaz mit zitternder Stimme und wischt sich wieder und
wieder mit dem Handrücken über sein tränenverschmiertes Gesicht. «Niemals würde
Emilia einfach so wegbleiben». Der 53-Jährige aus dem Stadtteil Queens will
sich nicht von Rot-Kreuz-Helfern mitnehmen lassen. Er steht an der Absperrung,
die den inzwischen von Licht durchfluteten Rest Manhattans von der Todeszone im
Süden trennt. Die ganze Nacht über hat er die Krankenhäuser New Yorks
abgeklappert. Nur langsam wird zur Gewissheit: «Emilia muss dort irgendwo
begraben sein, aber vielleicht lebt sie noch.»
Fieberhaft
arbeiten sich die Männer der Rettungsmannschaften vor, unterstützt von
schweren Kränen und Baggern, von Wärme- und Schallsensoren und von Suchhunden.
Es waren Stimmen aus der Hölle zu hören, Anrufe über Handys: «Holt uns doch
raus hier, wir atmen kaum noch.» Zwei Mal können Verschüttete sogar
beschreiben, wo in etwa sie sich befinden. Beton- und Stahlmassen werden so
schnell und so vorsichtig es geht abgetragen. Ein Geschäftsmann aus
Pennsylvania und zwei Polizisten der Hafenpolizei werden geborgen. «Wo bin ich?»,
fragt einer und starrt seine Retter entgeistert an. Mehr als 15 mal hatten sich
in der Nacht Anrufer aus dem Trümmergebirge gemeldet. Am Vormittag kommt kein
Handy-Anruf mehr an, Rückrufe werden nicht beantwortet. Tausende sollen von den
einstürzenden Twin Towers begraben worden sein. Die Hoffnung, noch viele lebend
zu bergen, schwindet von Stunde zu Stunde. «Wir haben doch, verdammt nochmal,
keine Wahl», schreit Peter Clancy von der Nationalgarde einen Reporter an. «Lasst
uns hier buddeln, bis wir umfallen, selbst wenn wir nur Leichen bergen!» 3000
Mann der Nationalgarde wurden noch am Dienstag in das Katastrophengebiet
gebracht. Wenige Stunden nachdem zwei Passagiermaschinen mit 158 Passagieren und
17 Besatzungsmitgliedern von Selbstmord-Attentätern wie Kamikaze-Flugzeuge in
die beiden Türme des Welthandelszentrums gejagt wurden.
Nationalgardisten müssen nahezu 400 Feuerwehrleute und Polizisten ersetzen, die als erste zur Hilfe eilten, gleich nachdem die erste Maschine in den Nordturm gerast war. Hunderten, wenn nicht Tausenden haben sie geholfen, die brennenden Gebäude über die Treppen zu verlassen. Für sie selbst gab es keine Hilfe mehr, als die Wahrzeichen der freien Marktwirtschaft in sich zusammenbrachen. Über die Fernsehbildschirme flimmern am Morgen die Namen dieser New Yorker Helden. An erster Stelle der von Pieter Gaci, bis Dienstag Chef der Feuerwehr der größten Stadt Nordamerikas. Immer mehr Einzelschicksale werden bekannt. Darunter von Frauen und Männern, die aus den Flugzeugen noch Angehörige anriefen, Sekunden bevor sich ihre Körper in einem Flammenmeer auflösten. «Unfassbar» ist immer noch das Wort der Stunde. Überall hört man es. In den Bussen und U-Bahnen, die wieder fahren, an jeder Straßenecke, wo die Lage diskutiert wird. Und vor allem in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, wo jede Stunde die Todeszahlen steigen. «Verletzten ist der Schrecken ins Gesicht gemeißelt», sagt Howard Beaton, Chefchirurg des Klinikums der New York University. «Die meisten sind schwer traumatisiert, viele haben das Gedächtnis verloren.»
Nie zuvor habe er so viele Brüche und schwere Fleischwunden an einzelnen Körpern gesehen. «Fast jeder hat außerdem Rauchvergiftungen erlitten.» «Unfassbar», sagt auch Pastor Eugene Clark in der St. Patricks Cathedral, wo, wie in anderen Kirchen auch, rund um die Uhr Gottesdienste stattfinden. «Nur der Herr kann wissen, warum das über uns gekommen ist, wir sind alle in seiner Hand.» Nicht einmal zu Weihnachten ist seine Kirche so überfüllt wie an diesem schrecklichen «Morgen danach». Die Stadt, die angeblich niemals schläft, hat einen Albtraum erlebt, den furchtbarsten in ihrer mehr als 300-jährigen Geschichte. Man muss in die Gesichter sehen, um zu erfassen, wie diese Menschen bis ins Herz getroffen sind. Nur ein paar Kinder lachen verlegen. Fast alle anderen blicken ernst, ja verbittert. Doch sie kämpfen gegen die Demütigung und die Mutlosigkeit an, vor allem mit Hilfsbereitschaft. Das sonst so kaltschnäuzige New York wird von einer Welle des Mitgefühls durchspült. Restaurants und Fast- Food-Ketten bieten Helfern kostenlos Essen an. Privatleute stehen mit Decken und Wasserflaschen auf der Straße, nur für den Fall, dass sie jemand braucht. In langen Schlangen stehen Freiwillige vor den Blutspendezentralen an. Hoffnungslos besetzt ist die Nummer der Koordinierungszentrale, auf der medizinisch Geschulte sich zu Einsätzen melden können.
Krankenhäuser schicken Tausende wieder nach Hause, die irgendetwas Nützliches tun wollen. Auch die Schauspielerin Kathleen Turner muss einsehen, dass sie im Roosevelt Hospital Center jetzt eher im Wege steht. «Ich halte mich aber bereit.» Wenigsten könne sie beruhigend auf Verletzte einsprechen. Keineswegs beruhigend wirken die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen. «It's War!» (Das ist Krieg), titelt die «Daily News», «Act of War», schreit einem die «New York Post» entgegen. Wut, aber auch Angst sind überall zu spüren. Polizisten stoppen einen Lastwagen mit zwei arabisch aussehenden Männern und schon verbreitet sich das Gerücht, er habe eine Autobombe in die Stadt bringen wollen. Die Entwarnung nehmen viele nicht wahr. Als über dem Platz vor der New York Library nahe der Fifth Avenue Kampfflugzeuge auftauchen, rennen Passanten in Panik auseinander. «Das sind doch unsere, ihr Idioten», ruft ein alter Schwarzer. Er reckt den Krückstock nach oben und brüllt so laut er kann: «Go to Afghanistan, bomb the motherfuckers!» Und zwischen allem erleben New Yorker jene Art Menschen, die sie schon immer gern mit einer Spur Verachtung straften: Touristen aus der Provinz und aus aller Welt. Mehr als 100 000 sind derzeit in der Stadt. Mit ihren Kameras versuchen viele, Bilder der Verzweiflung als Souvenirs einzufangen. «Haut doch endlich ab», knurrt ein Polizist vor dem Empire State Building, das genau wie das Rockefeller Center und andere Sehenswürdigkeiten aus Furcht vor weiteren Anschlägen abgeriegelt ist.
Wo immer ein TV-Team auftaucht, möglichst eins aus dem eigenen Heimatland, drängen sich Touristen davor, und schildern echte oder frei erfundene Schreckenserlebnisse. «Ich dachte, das Ende ist gekommen», spricht eine aufgeregte Frau mit bayerischem Akzent in ein Mikrofon. «Alles stand in Flammen und dann die vielen blutigen Opfer.» Hinterher sagt sie zu ihrer Freundin: «Das wir das fast aus der Nähe erlebt haben, das gibt's doch in keinem Film!»
pics: internet