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Was ist Humanismus? |
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Welche
Ziele verfolgt der Humanistische Verband Deutschlands?
Das lateinische Wort homo
für "Mensch" gehört
zur Wortsippe humus (Erde, Erdboden) und bezeichnet die Herkunft und Zugehörigkeit
des Menschen zur Erde. Dieser Tatbestand wird auch in der hebräischen
Bibel dargelegt (Gen 2,7): Im 1. Mosesbuch wird der Mensch als Adam
bezeichnet, auf Deutsch
"Erdling" (von hebr. adama = Erde). Humanus,
human meint seit dem 17.
Jh. "menschlich, menschenfreundlich, gesittet, gebildet".
Humanismus war in der abendländischen Geschichte eine geistige Bewegung, die aus der altgriechischen und römischen Kultur und Sprache Werte für die Bildung des Menschen gewann, deshalb werden altsprachliche Schulen noch heute "Humanistisches Gymnasium" genannt. Unter Humanismus versteht man eine säkulare
Weltanschauung mit den Idealen des Humanen.
Im Zentrum des
humanistischen Denkens und Handelns steht der Mensch
und nicht ein Gott oder verschiedene Götter. Humanisten orientieren sich
am Diesseits, an der realen Welt, im Wissen um ihre Erdgebundenheit.
Humanität bedeutet ihnen voll entfaltete Menschlichkeit. "Edel sei der Mensch, hilfreich und
gut" (Goethe). Wurzeln
des Humanismus in der Antike Harfnerlied
des Antef, König
in Ägypten um 1200 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.): skeptische
Einstellung zum Jenseitsglauben mit Aufforderung zum Leben im Diesseits:
"Feiere einen schönen Tag, werde dessen nicht müde! Bedenke –
niemandem ist es gegeben, seine Habe mit sich zu nehmen. Bedenke –
keiner der fortging, ist jemals wieder gekommen." Konfuzius
(Kong fuzi), chinesischer Philosoph (551 – 479 v.u.Z.): Für den chinesischen Philosophen Mo
Zi (5./4. Jh v.u.Z.) ist Ursache allen Übels in der Welt das Fehlen
von allgemeiner Menschenliebe. Protagoras,
griechischer Philosoph (~ 481 – 411): "Was die Götter betrifft, so
habe ich keine Möglichkeit zu wissen, dass sie existieren oder nicht
existieren." Deswegen wurde er zum Tode verurteilt. Sein Homo-mensura-Satz
stellt den Menschen in den Mittelpunkt: "Der Mensch ist das Maß
aller Dinge, des Seienden für sein Sein, des Nichtseienden für sein
Nichtsein." (frg 1) Kritias, griechischer Staatsmann und Philosoph (5. Jh. v.u.Z.): "Als die Gesetze verhinderten, dass man offen Gewalttat verübte und daher nur insgeheim frevelte, da scheint ein schlauer Kopf die Furcht vor den Göttern für die Menschen erfunden zu haben, damit die Übeltäter sich fürchteten, auch wenn sie insgeheim etwas Böses täten oder sagten oder dachten." Gegen die Behauptung des Philosophen Platon
(427 – 347), Leib und Seele des Menschen seien scharf voneinander
abgegrenzt und die Seele sei unsterblich, erklärten die späteren Schüler
des Pythagoras (~ 570 – 500 v.u.Z.) die Seele als eine Funktion der
wohlgeordneten leiblichen Bedingungen, ihre Harmonie. Wenn der Organismus
des Körpers zerfällt, trennen sich auch Leib und Seele, beide sind
funktionslos: Wenn bei einem Instrument der Rahmen zerstört wird (Körper),
hat auch die Saite keine Funktion mehr (Seele). Epikur
(~ 342 – 271 v.u.Z.): "Prinzip allen seligen Lebens und darum höchstes
Gut ist die Einsicht. Man kann ohne Einsicht, ohne Sittlichkeit und Recht
überhaupt nicht lustvoll leben, wie man umgekehrt ohne Lust [hedoné]
auch nicht vernünftig, sittlich und gerecht leben kann." (Menoikkeusbrief)
"Ursprung und Wurzel alles Guten ist der Magen, und auch Weisheit und
alles geistig Hohe lassen sich darauf zurückführen." (frg 429) Das
"Carpe diem" (genieße den Tag) des Römers Horaz
zeigt die Aufgeschlossenheit für die Werte des Daseins, für das
Diesseits. Der griechise Skeptiker Karneades (213 – 128) meinte, dass ein universell verbreiteter Glaube noch lange nicht beweise, dass er auch wahr sei. Außerdem: Wenn Gott Schwächen und Elend in der Welt zulässt, muss er dafür auch verantwortlich gemacht werden. Wie kann eine göttliche Vorsehung so viel Leid zulassen? Jesus
(hebr. Jeschua), jüdischer
Rabbi (~ 7 v.u.Z. – ca. 30 unserer Zeitrechnung = u.Z.): "Alles was
ihr von anderen erwartet, das tut auch ihr ihnen." Paulus
(hebr. Schaul), jüdischer Kirchengründer aus Tarsos (~ 10 –
68?): "Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte
aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende
Pauke. … Die Liebe freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut
sich an der Wahrheit." (1 Kor 13,1.6) Humanismus
in der Renaissance Francesco Petrarca
(1304 – 1374) und Giovanni Boccaccio
(1313 – 1375) leiteten die italienische Renaissance
ein als "Wiedergeburt" der antiken Künste und des antiken
Denkens (Baukunst, Literatur): Die humanistische Bildung soll durch das
Studium der antiken Autoren in der Originalsprache geschehen. Entdeckung
der "heidnischen" Welt und des Menschen, im Mittelpunkt des
Denkens steht jetzt wieder der selbstbewusste Mensch mit seinen irdischen
Freuden. Boccaccio schilderte in seinen Novellen Decamerone
pralle Sinneslust und Klerussatiren gegen den "Muff unter den
Talaren". Der Philosoph Giovanni Pico della Mirandola
(1463 – 1494) betonte die Menschenwürde und Geistesfreiheit (De
hominis dignitate). Der Humanist Erasmus
von Rotterdam (1469 – 1536) versuchte die Spannung zwischen Antike und
Christentum auszugleichen. Die liberalere Auslegung der christlichen Lehre
führte später zum Freidenkertum, zu den englischen freethinkers
(Freidenker, "Freigeister"). Humanismus
in der Aufklärung Im 17. Jh entstand in Frankreich der Deismus:
Nach dieser Lehre nimmt Gott (deus) nach der Erschaffung der Welt
keinen weiteren Einfluss auf den Lauf der Dinge. Alle Menschen haben eine natürliche
gemeinsame Religion. Baruch de Spinoza
(1632 – 1677): "Die Menschen sind in der Regel so beschaffen, dass
ihnen nichts so unerträglich ist, als wenn Ansichten, die sie für wahr
halten, als Verbrechen gelten." Forderung nach Toleranz der eigenen
Überzeugung durch die Mehrheit. Der französische Philosoph François Voltaire
(1694 – 1778) lehnte das dogmatische Christentum und die Kirche ganz ab:
"Ecrasez l'infâme! Zerschlagt die Infame!" An ihre
Stelle sollten allgemeine Moralsätze treten, die durch rationales Denken
abzuleiten seien: "Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn
erfinden, aber die ganze Natur ruft uns zu, dass er existiert"
(deistische Position). David Hume
(1711 – 1776): "Ursprung der Religion sind psychische
Gegebenheiten, besonders Furcht und Hoffnung. … Der Monotheismus geht
immer einher mit einer Zunahme der Intoleranz." Virginia Bill
of Rights
(USA 1776): "Alle Menschen sind von Natur aus frei … und besitzen
… angeborene Rechte, nämlich das Recht auf Leben und Freiheit, dazu die
Möglichkeit, Eigentum zu erwerben und zu behalten sowie Glück und
Sicherheit anzustreben und zu erreichen." Immanuel Kant (1724 – 1804): 1783 schrieb er
das Hohe Lied der Aufklärung: "Aufklärung
ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen,
sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache
derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und
des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere
aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Humanistischer Verband Deutschlands Humanistisches Selbstverständnis
(2001,
Auszug): Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) beruft sich auf die Menschenrechts-erklärung
der Vereinten Nationen und die sich daran anschließenden internationalen
und europäischen Menschenrechtskonventionen. Der HVD ruft alle
Konfessionsfreien, Atheistinnen und Atheisten, Agnostikerinnen und
Agnostiker, Freidenkerinnen und Freidenker sowie freigeistigen Menschen
auf, im HVD ihre Interessen zu vertreten und gemeinsam für ein
menschliches und solidarisches Miteinander in dieser Gesellschaft und im europäischen und
weltweiten Maßstab zu arbeiten. Der unaufhebbare Ausgangspunkt ist das einmalige,
nicht wiederholbare menschliche Individuum. Humanistinnen und Humanisten
trauen ihm eine eigenständige Entscheidung zu. Sie respektieren und
teilen dessen Wunsch und Recht, nach den eigenen Maßstäben gut zu leben.
Alle Menschen haben gleiche Rechte und Anspruch auf die gleiche Freiheit,
ihr Leben selbst zu bestimmen und zwischen verschiedenen
Lebensauffassungen zu wählen. Menschliche Selbstbestimmung ist immer die
Entfaltung persönlicher Freiheit in sozialer Verantwortung. Humanistinnen
und Humanisten gewinnen ihre Ansichten ohne Bezugnahme auf einen Gott oder
auf andere metaphysische Instanzen. Sie arbeiten daran mit, Menschen zu
einem toleranten, solidarischen und verantwortlichen Verhalten zu befähigen
und die Verhältnisse so zu gestalten, dass in allen Lebensbereichen
verantwortliche Selbstbestimmung möglich wird. Textgestaltung: Prof. Josef Trompke, 18.7.2003 Zurück nach oben |