Assault - Anschlag bei Nacht
(Assault on Precinct 13)

Thriller, USA 1976
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
Kamera: Douglas Knapp
Musik: John Carpenter
Produzent: J. S. Kaplan
Darsteller: Austin Stoker, Darwin Joston, Laurie Zimmer, Martin West, Charles Cyphers, Nancy Loomis u.a.




Eine Polizeistation in einem heruntergekommen Bezirk von L.A. soll geschlossen werden. In der letzten Nacht, ist der Polizist Bishop (Austin Stoker) beauftragt, die Stellung zu halten. In seiner Gesellschaft befinden sich zwei Frauen, die dafür zuständig sind Anrufe umzuleiten. Umwissend, dass die Station gar nicht mehr geöffnet hat, macht ein Gefangengentransport halt. Einer der drei veurteilten Mörder an Bord ist schwer krank. Während die Gefangengen in den Zellen schmoren und versucht wird einen Arzt aufzutreiben, taucht ein völlig verstörter Mann auf der von einer Streetgang hier her gejagt worden ist. Er hat ein Mitglied der Bande umgebracht, nach dem diese seine kleine Tochter ermordet hatten. Die Gang belagert die Polizeitstation und als sie zum Angriff übergehen, ist Bishop gezwungen die Gefangenen aus den Zellen zu lassen um mit ihnen zusammen eine möderische Schlacht einzugehen...

Von seinem ersten langen Spielfilm (seiner Abschlussarbeit an der Filmhochschule) Dark Star (1974) beeindruckt, stellte das Independent-Studio CKK Regisseur John Carpenter 100.000 Dollar zur Verfügung, um einen Film realisieren zu können. Das Studio redete ihm nicht in seine Arbeit rein, nur das schmale Budget setzte Grenzen. Er wollte eigentlich einen Western drehen. Einer seiner Lieblingsfilme war schon immer Rio Bravo (1959) von Howard Hawks. Doch schnell musste er feststellen, dass bereits für eine detailgetreue Ausstattung das gesamte zur Verfügung stehende Geld drauf gehen würde. Also entschloss er sich für einen Film, der in der Gegenwart spielt. Hawks' Western der 50er und 60er Jahre, besonders Rio Bravo hatten aber einen solch großen Einfluss auf ihn, dass er mit Assault - Anschlag bei Nacht eine Art Western im modernen Gewand machte. Sicher auch als Hommage an Howard Hawk's Gedacht, seinem Lieblingsregisseur, was er oft betont. Ein logischer Schritt war es, als er 1982 mit Das Ding aus einer anderen Welt sogar ein Remake von Hawk's gleichnamigen Sci-Fi-Abenteuer aus dem Jahre 1951 schuf.
Die Story die Carpenter in Assault erzählt, bietet tatsächlich Parellen zu Rio Bravo. Eine Gruppe von Leuten verschanzt sich in einem Haus (Hawk=Sheriffbüro, Carpenter=Polizeistation), das von einer Bande (Hawk=Banditen, Carpenter=Streetgang) belagert wird. Carpenter, der bei Assault auch den Filmschnitt übernahm, tat dies wie den Credits zu entnehmen ist unter dem Pseudonym John T. Chancler. So hieß John Wayne's Charakter in Rio Bravo. Dies sollte die Hommage an den Film verdeutlichen.
Sehr deutlich erinnert Assault aber auch an George A. Romero's Meisterwerk Die Nacht der lebenden Toten (1968). In der Grundstimmung und wenn die Gang, bzw. bei Romero Zombies angreifen und versuchen ins Haus zu kommen. Carpenter selbst bestätigt auch diesen Einfluss. Romero's Low-Budget-Movie stand für ihn jedoch in erster Linie als Beispiel, wie man aus einem niedrigen Budget alles heraus holt. In einem Interview sagte er mal: "Romero's Die Nacht der lebenden Toten hat alle Low-Budget-Filmemacher beeinflusst. Und wer etwas anderes sagt, lügt".

Assault war Carpenter's erster Film, bei dem an jedem Tag gedreht wurde. Bei Dark Star ging oft das Geld aus und die Dreharbeiten standen einige Tage lang still. Anders als viele seiner Schauspieler wie Austin Stoker, musste er sich erst an den vollen Terminplan gewöhnen. Das merkt man der Inszenierung aber nicht an. Der Film bietet eine sehr dichte Atmosphäre. Der Zuschauer wird in eine beklemmende Situation versetzt und man fühlt mit den gut gezeichneten Charakteren. Wie als wäre man selbst in dem Gebäude beobachtet man, wie die Männer und Frauen in der Polizeistation sich der erdrückenden Belagerung der Bande versuchen zu widersetzen. Alles ist dabei sehr subtil beschrieben und inszeniert. Angefangen bei den Charaktern, zwischen denen keine unnötigen Dialoge stattfinden, bis hin zu den sparsam aber besonders im Mittelteil wenn die Gangmitglieder mit aller Gewalt versuchen ins Haus zu kommen, eingesetzten Actionszenen.

Das Hauptaugenmerk lag für Carpenter ganz klar im Verhältnis der Figuren zueinander. Um die Situation zu bewältigen, müssen Polizist Bishop sowie Sekretärin und die Verbrecher zusammen halten, Seite an Seite kämpfen und sich gegenseitig vertrauen. So schafft es Capenter, aus dem Gewaltverbrecher Wilson überzeugend so etwas wie einen Helden zu machen und in dem Zuschauer Sympathien zu wecken. Carpenter ist jedoch weit davon entfernt, aus Wilson plötzlich einen guten Kerl zu machen. Im gemeinsamen Kampf um ihr Leben finden sie einfach einen gemeinsamen Konsens, der sie schließlich zum Triumph führt. Es ist keine Freundschaft, sondern ein Respekt der sich im Laufe des Films entwickelt. Den Charakteren bei dieser Entwicklung zu zusehen, macht den besonderen Reiz von Assault aus. Dem entgegen wird das Böse im Film, die Streetgang, nicht weiter vorgestellt. Zwar erfährt der Zuschauer, dass sie auf Rache sinnen und deshalb das Gebäude stürmen wollen. Aber wie die Gang entstanden ist, wer die Typen sind und was genau in ihren Köpfen vorkommt, wird weder dem Zuschauer klar noch den Leuten im Polizeirevier. Außer bei ihren Ritualen und Zielübungen auf Menschen aus einem Auto, bekommt man sie auch nur in der schockierensten Szene des Films in Großaufnahmen zu sehen. Ich spreche natürlich von der Szene, in der das kleine Mädchen kaltblütig erschossen wird. Welche übrigens auch der Grund ist, warum der Film von der MPAA damals keine Jugendfreigabe erhielt.
Das Böse als undefinierbare Macht dargestellt fängt in Assault an und zieht sich durch Carpenter's filmisches Œuvre wie ein roter Faden. Wer oder was ist dieser Michael Myers, der nicht tot zu kriegen ist, wirklich? Was verbirgt sich in dem dichten Nebel? Der Zuschauer muss die Existenz des Bösen auch in Carpenter's kommerziellen Durchbruch Halloween - Die Nacht des Grauens (1978) sowie in The Fog - Nebel des Grauens (1980) einfach als gegeben hinnehmen. Auch in anderen seiner Filme bekommt man nur wenig über das Unheil erzählt. Aber eins ist klar: Renn oder kämpfe, sonst wird es dich holen!

Wofür Carpenter auch bekannt ist, ist die Musik. Diese hat er in fast allen seinen Filmen selbst komponiert. Das Halloween-Theme ist sicher sein bekanntestes. Eine minimale Tonabfolge erzeugt hier ungeheure Spannung. Von vielen als eine seiner besten, wenn nicht sogar seine beste Filmmusik bezeichnet wird auch die zu Assault. Sie versetzt den Zuschauer in eine Spannung, aus der es kein entrinnen zu geben scheint. Im Film eingesetzt erzeugt sie so noch mal eine zusätzliche Spannungsebene. Wie auch der Film selbst, ist die Musik als minimalistisch zu bezeichnen - aber als ungeheuer effektiv. Carpenter zeigte stets, dass man kein Orchester braucht um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Das Haupttheme von Assault wurde später sogar von DJ's in Remixen verwendet. Beispielweise in dem Song Bombing Bastards der Elektro-Gruppe Terranova aus dem Jahre 1999.

Wenn man an John Carpenter denkt, fällt einem sofort Halloween ein. Natürlich ist dies auch berechtigt, schuf er doch mit diesem Film den ersten kommerziell erfolgreichen typischen Slasher und ebnete damit den Weg für alle Freddy Krueger's und Jason Vorhees' dieser Welt. Doch fragt man Filmfreunde oder Carpenter-Fans nach seinem besten Film, fällt der Titel Assault mindestens genauso oft. Der Film ist eine Perle, die lange Zeit beinahe in Vergessenheit geraten war aber in den letzten ca. 10 Jahren absolut zu Recht ein Revival erfuhr. So etwas zeigt sich natürlich auch in Remakes, weshalb die Wiederauflage aus dem Jahre 2005 mit Laurence Fishburne und Ethan Hawke in den Hauptrollen an dieser Stelle erwähnt werden muss. Aber auch sonst zeigt sich der Einfluss von Assault unbestritten in vielen Filmen von modernen Filmemachern, nicht zuletzt Robert Rodriguez und Quentin Tarantino. Was den bescheidenen John Carpenter selbst übrigens darauf angesprochen immer wieder zum lachen bringt.
An den amerikanischen Kinokassen fiel der Film damals durch. Erst zwei Jahre später, als der Film in Europa gezeigt wurde, sorgte er hier für großes Aufsehen. Besonders beim Londoner Filmfest bekam er beste Kritiken. Dieser Erfolg in Europa legte den Grundstein für seine Weltkarriere.


(Stefan Schuster)