Außer Atem
(À bout de souffle)


Gangsterfilm/Liebesdrama, Frankreich 1959
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard, nach einer Story von François Truffaut
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Martial Solal
Produzent: Georges de Beauregard
Darsteller: Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Van Doude, Liliane David,
Claude Mansard, Jean-Pierre Melville u.a.




Jean-Paul Belmondo spielt Michel Poiccard, einen jungen Rebellen, Draufgänger und Gauner auf der Jagd nach seinem Vergnügen. In einer gestohlenen Luxuskarosse ist er auf dem Weg nach Paris. Als er in eine Geschwindigkeitskontrolle gerät, erschießt er kaltblütig einen Polizisten. Auf der Flucht vor dem Gesetz taucht er bei Patrizia (Jean Seberg), einer Zeitungsverkäuferin die Journalistin werden will, unter. Er versucht Geld für die gemeinsame Flucht nach Italien zu beschaffen. Doch die Polizei ist ihm dicht auf den Fersen und Patrizia wird bald sogar verhört. Da muss sie sich entscheiden: Karriere oder Liebhaber?

Belmondo kannte ich bisher nur von seinen komödiantischen Rollen in Der Greifer (1975) oder Der Profi (1981). Filme, mit denen ich nie warm werden konnte. Auch - und mit dieser Assauge rechne ich mit feindlichen Mails von Belmondo-Fans - wegen Belmondo selbst. Für mich spielt er in diesen Filmen einfach nur einen unsympathische Typen, der nicht mal liebenswert oder charmant unsympathisch rüberkommen. Doch an diese Filme mit zum größtenteil blödsinnigen Humor denkt man als erstes wenn von Jean-Paul Belmondo die Rede ist.
Nachdem ich nun Außer Atem, dem ersten Film Jean-Luc Godard's gesehen habe, muss ich sagen zu unrecht. Denn hier spielt Belmondo eine ganz andere, tiefgründigere Rolle. Zwar auch mit Witz und immer einem lockeren Spruch auf den Lippen, aber alles um einiges Erträglicher und nicht so übertrieben. Und sowieso wird Michel Poiccard's anscheinend cooler und unantastbarer Charakter nicht nur ironisch dargestellt, sondern sogar fast entlarvt.


Außer Atem ist gleichermaßen ein Gangster- wie auch Liebesfilm. Nach einer Geschichte seines Freundes François Truffaut drehte Godard, der damals noch ein unbekannter Filmkritiker war, mit wenig Geld ein Meisterwerk. Godard, der selbst nie Film studiert hatte, sondern sich über das Ansehen unzähliger Filme und Diskussionen mit Freunden wie Truffaut oder Chabrol in die Materie eingearbeitet hatte, warf mit Außer Atem etliche klassische Regeln des Filmemachens über den Haufen. Bisher wurde fast ausschließlich im Studio gedreht, doch Godard ging auf die Straßen von Paris, "da wo die Geschichte und das Leben spielt" (Godard). Künstliches Licht wurde nicht verwendet. Und Kameratechnisch führte er absolute Innovationen ein. Dialoge wurden abgebrochen, Szenen ohne Übergang direkt aneinander geschnitten. Und vor allem: Godard setzte so genannte Jump Cuts, die bislang als Filmfehler des Cutters galten, als Stilmittel ein. Eine ganze Szenenfolge - als Michel und Patrizia in deren Hotelzimmer miteinander reden, streiten, philosophieren, miteinander schlafen - ist durchsetzt von solchen Jump Cuts, ebenso eine Szene, in der Patrizia mit einem Redakteur in einem Café sitzt. Diese Technik entwickelte Godard zum Stilmittel, das von etlichen Regisseuren in den Jahren danach übernommen wurde und heute schon fast zum Überdruss benutzt wird, z.B. auch in Videoclips. Und das geniale ist: Godard schaffte es, trotz dieser Cuts in einer Szene den Erzählfluss nicht zu unterbrechen. Im Gegenteil: Sie verschnellern ihn. Film-Ästheten - oder die, die sich dafür hielten - waren damals entsetzt von diesem "skandalösen" Filmstil.
Doch nicht nur diese Dinge waren gewissermaßen revolutionär. Godard zeichnete auch ein ganz neues Bild von einer Beziehung zwischen Mann und Frau. Poiccard und Patrizia sind zwar in gewisser Weise ein Paar, jedoch sehr frei und ungebunden. Patrizia wird dargestellt als eine Art Sinnbild einer modernen jungen Frau, die über ihr Studium weiter kommen will, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient und das tut wozu sie Lust hat, bzw. was sie denkt das es das richtige ist. Sie lässt sich nichts von Michel vorschreiben, und daher hat er Respekt vor ihr.

Außer Atem ist ein richtig cooler Film, der wirklich fasziniert und auf mehreren Ebenen unterhält. Ein Film der zwar schon recht alt ist, aber immer noch sehr modern in Erzählstil und Bildersprache wirkt. Und er hat eines der genialsten Filmenden, die ich kenne. Alles andere als ein Happy End, aber trotzdem versöhnlich. Wie ich gelesen habe wäre das Ende übrigens, wenn Godard sich an Truffaut's Vorlage gehalten hätte, ganz anders und wohl auch weniger einprägsam ausgefallen.

Zu erwähnen wäre noch, das Regisseur-Kollege Jean-Pierre Melville in der Rolle eines Schriftstellers, den Patricia interviewt, zu sehen ist - jener Melville, der in den 50er Jahren durch seine Filme zu den Wegbereitern der Nouvelle Vague wurde und mit Der eiskalte Engel (1967) einen Klassiker des französischen Kinos schuf.


Exkurs: Die 'Nouvelle Vague' und der 'Film Noir':

Als Nouvelle Vague-Filme bezeichnet man gemeinhin die filmtechnisch oder geschichtlich oft sehr innovativen europäischen Filme der 50er und 60er Jahre, wie Außer Atem einer ist. Es waren Filme, die von einem jugendlichen Stil geprägt waren und wie in der obigen Filmkritik bereits erwähnt im wahrsten Sinne hinaus auf die Straße gingen. Vorher wurden selbst Szenen die unter freiem Himmel spielen so gut wie ausschließlich in Studios gedreht, oder außerhalb unter Mithilfe gemalter Hintergründe. Die europäische und ganz speziell französische Filmbewegung war diejenige, die lange Außenaufnahmen einführte.
Dagegen werden amerikanische Thriller der 40er und 50er Jahre, die meist eine kriminalistische Handlung haben, als Film Noir bezeichnet - oder auch Hollywoods "Schwarze Serie". Der Beginn des Film Noir ist aber über Hollywood-Filme der 30er wie Scarface von Howard Hawks bis hin in die Stummfilm-Ära und dort dem deutschen Expressionismus mit Klassikern wie Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) zurück zu führen. Doch in den 40er Jahren entwickelte es sich in den USA zu einem beinahe schon eigenständigen Genre. Genau definieren kann man es jedoch nicht als solches. Der Kritiker Raymond Durgnat beschrieb das Phänomen so: "Der Film Noir ist kein Genre wie der Western oder der Gangsterfilm, er führt uns in den Bereich der Klassifizierung nach Motiv und Färbung." Gemeinhin gelten als Film Noir aber Filme, die einfach eine bestimmte düstere Atmosphäre haben. Gerade die der 40er und 50er Jahre zeichnen sich durch ganz bewusst sparsam ausgeleuchtete Räume aus, die ein Spiel mit Schatten und unheimlichen Silhouetten ermöglichten. Die Figuren in den Geschichten waren zu der klassischen Ära des Film Noir in vielen Vertretern charakteristisch sehr ähnlich gezeichnet. Ein hartgesottener Typ (bevorzugt Detektiv) und eine unbekannte, geheimnisvolle Schönheit, der dieser Typ verfällt was meist zu Problemen führt (Femme Fatale).
Beide wichtige Filmbewegungen, die das Kino zu dem machten wie wir es heute kennen, haben bis heute unmessbaren Einfluss auf die Filmwelt. Entweder ganz offensichtlich wie beispielweise der Neo-Noir Chinatown (1974) von Roman Polanski oder einfach in der "Färbung" des Erzählstils.

Warum ich das an dieser Stelle alles erzähle? Nun, weil es in Außer Atem ein kleine Anspielung auf den großen Star des Film Noir, Humphrey Bogart, gibt. In dieser Szene steht Poiccard alias Belmondo rauchend vor einem Kinoplakat mit Bogart darauf, macht dessen markante Bewegung (über die Lippen streichen) nach und bläst dem großen Filmstar Rauch ins Gesicht. Recht witzig das ganze.


(Stefan Schuster)