Die Außenseiterbande (Bande à part)
Harter Gangsterthriller, Frankreich 1964
Regie: Jean-Luc Godard Drehbuch: Jean-Luc Godard Kamera: Raoul Coutard Musik: Michel Legrand Produzent: Philippe Dussart Darsteller: Anna Karina, Claude Brasseur, Sami Frey, Luisa Colpeyn, Chantal Darget u.a. Erzähler: Jean-Luc Godard
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Die drei jungen Franzosen Odile (Anna Karin), Arthur (Claude Brasseur) und Franz (Sami Frey) verbindet der Traum von einem Leben in den USA. In einem Englischkurs wollen sie sich schon mal die nötigen Sprachkenntnisse aneignen, während sie ansonsten aber nur in den Tag leben. Doch dann haben Arthur und Franz eine Idee wie sie das Geld für die Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten beschaffen können: Madame Victoria, bei der Odile wohnt, hat in ihrer Villa eine größere Geldmenge versteckt. Die beiden jungen Männer planen einen Coup, von dem Odile allerdings nicht begeistert ist...
Gleich zu Beginn des Films - als Hintergrund für den Titel - werden wir Zeuge von Godards ganz eigensinnigem Stil. Blitzschnelle Schnitte mit Close-Ups auf die Gesichter der drei Hauptpersonen, wie sie heute durch Videoclips nur allzu präsent sind, damals aber sehr ungewöhnlich. Godards Stil in der Verwendung der Bildersprache, von Kamera und Schnitten waren generell immer sehr innovativ. Früher wurde er dafür von selbst ernannten "Film-Ästheten" kritisiert, heute macht gerade das seine Stellung als künstlerisch anspruchsvoller Filmemacher aus.
Für einen Regisseur wie Godard wirkt "Die Außenseiterbande" deshalb geradezu oberflächlich - auf den ersten Blick jedenfalls. Er ist leicht und beschwingt, scheinbar ein Film für zwischendurch. Aber da ist man garantiert auf dem Holzweg. Um die Klasse des Werks zu begreifen, muss man hinter die leichtsinnige Fassade blicken. Und allein das ist schwer genug. Wenn man es allerdings geschafft hat findet man... Leichtsinnigkeit. Doch man weiß sie plötzlich zu schätzen.

Doch nun erstmal alles auf Anfang. In welches Genre ist der Film überhaupt einzuordnen. Gangsterfilm? Krimi? Komödie? Drama?. Eine einfache kategorisierung ist wie eine Storyangabe eigentlich unmöglich. Oder etwa doch? Immerhin liegt der Geschichte ein Kriminalroman von Dolores Hitchens (who?) zugrunde. Der geplante Überfall von Arthur und Franz ist aber nur der Ausgangspunkt. Darüber, dahinter sowie rechts und links daneben inszenierte Godard ein Füllhorn an skurrilen Einfällen, verrückten Ideen, Ironie und Witz. Er lässt die Hauptfiguren Odile, Arthur und Franz durch die Gegend rasen, mit dem Auto, oder zu Fuß in Weltrekordzeit von neunminutendreiundvierzig durch den Louvre. Dabei sprengt er mal wieder alle filmischen Konventionen und Narrationen in die Luft. Ziellos zeigen sich die Ereignisse, genauso so ziellos wie sie von den drei jungen Leuten erlebt werden und genauso ziellos wie sie einfach auch sind. Die drei hängen eigentlich immer miteinander rum, sind tief in ihrem Inneren aber einsame Wesen auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben. Eine Tanzeinlage aus Langeweile in einem Cafè wird praktiziert zum amerikanischen Partytanz "Madison", welcher sich dadurch auszeichnet das man ihn ohne direkten Partner vollzieht. Wie passend.
Die zwischen Naivität und Selbstbewusstsein pendelnde Odile führt eine platonische Liebesbeziehung mit Arthur, aus welcher aber nichts wird - was von Anfang an irgendwie klar ist. Sowohl für die Zuschauer als auch für die beiden selbst. Aber das ist ok. In einem stillschweigenden Abkommen zwischen den beiden und dem Publikum funktioniert das genauso gut wie eine Hollywood-Romanze. Auch wenn Odile natürlich gerne wirklich lieben würde. Lieben wie in einer Hollywood-Schnulze. Arthur ist aber viel zu beschäftigt Westernheld zu spielen und in einem tödlichen Duell gegen Franz anzutreten - mit den Händen als Revolver. Und natürlich ist es auch eher eine Laune, die Dame in ihrer Villa bestehlen zu wollen. Was die etwas zu undurchdachte Aktion dann auch überaus konfus macht und zu einem dramatischen Ende führt. Große Gangster wie im Kino zu sein - das ist nun mal leider etwas schwieriger, als man denkt.
 Godard gab sich aber nicht damit zufrieden, die planlosen Hauptfiguren in ihren Irritationen zu zeigen, sondern macht den ganzen Film geschickt zu einem unorganisierten Objekt, welches genau wie die Personen gerne ein Coca-Cola trinkender Star in Hollywood wäre. Die sich daraus ergebenden Referenzen an Literatur und Kino werden nur noch übersteigert von dem Erzähler (Godard höchstpersönlich), der sich am Ende des Films zu erkennen gibt während er den ganzen Film über aus dem Off uns die Geschehnisse zu erklären versucht (was ihm nicht wirklich gelingt). Hier verspricht er uns dann, wir werden schon bald eine Fortsetzung der Geschichte in Form eines Abenteuerfilms sehen - "diesmal aber in Technicolor und Cinemascope". Damit entlarvt Godard unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen, die hier nicht erfüllt werden. Aber wir sind trotzdem zufrieden. Haben wir doch einen leichtfüßigen und sympathisch-sinn- und ziellosen Film gesehen.
Halt, jetzt habe ich ihre Erwartungen ja auch nicht erfüllt! Eine Wertung fehlt, am besten noch mit Punktzahl. Das hätten Sie wohl gerne... Ich verrate nur soviel: Ich wurde zwar bestens unterhalten, kann und will mir den Film aber nicht jeden Tag ansehen. Dafür ist er einfach zu kostbar...
(Stefan Schuster)
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