Der Berserker
(Milano odia: la polizia non può sparare)


Action/Thriller (Poliziotto), Italien 1974
Regie: Umberto Lenzi
Drehbuch: Ernesto Gastaldi
Kamera: Federico Zanni
Musik: Ennio Morricone
Produzent: Luciano Martino
Darsteller: Tomas Milian, Henry Silva, Laura Belli, Gino Santercole, Luciano Catenacci u.a.




Der größenwahnsinnige Kleinganove Guilio Sacchi (Tomas Milian) plant um an das große Geld zu kommen die Entführung der Tochter eines reichen Industriellen. Dabei geht er rücksichtslos im wahrsten Sinne "über Leichen" und erschreckt damit sogar seine beiden Partner. Da Kommissar Grandi (Henry Silva) mit polizeiüblichen Methoden immer einen Schritt zu langsam ist und die Situation bald schon ausweglos erscheint, nimmt er das Gesetz in die eigene Hand...

Der Berserker ist einer der härtesten Vertreter der Poliziotti, wie die italienischen Polizei- und Gangsterfilme der 60er und 70er Jahre genannt werden. Dies wundert nicht, kennt man Regisseur Umberto Lenzi doch hierzulande vor allem für seine Beiträge zum Subgenre der Kannibalen-Filme in den frühen 80er Jahren (von seiner Pionierarbeit für den Kannibalen-Film "Mondo Cannibale" aus dem Jahre 1972 mal abgesehen). Die Filme befinden sich ja bekanntermaßen auf dem Index, was ich persönlich jetzt nicht so schlimm finde. Nicht jeder Jugendliche der denkt er wäre alt genug sollte zu sehen können, wie Frauen die Brüste abgeschnitten werden oder sich ein Menschenfresser am besten Stück eines Mannes vergreift. Auch wenn alles nur ein Film ist. Aufgrund dieser "Schmuddel-Filme" wird Lenzi's Hauptschaffenszeit in den 70er Jahren in einem anderen Genre oft vergessen. Wer sich nämlich für die Poliziotti interessiert, wird früher oder später wieder auf den Namen Umberto Lenzi stoßen. Neben Der Berserker muss vor allem auch Die Viper (1976) erwähnt werden. In beiden Filmen spielte, wie auch in einigen weiteren Filmen von Lenzi, der Kubaner Tomas Milian die Rolle eines Ganoven.
Und der Typ den Milian in Der Berserker verkörpert, macht seinem (deutschen) Spitznamen wirklich alle Ehre. Wie ein Berserker flippt er regelmäßig aus und tötet ohne Rücksicht auf Verluste alle Leute die ihm im Weg stehen. Und wenn auch mal ein kleines Kind mit drauf geht, ist dies Teil des Risikos. Diese Szenen, in denen der großartig und beängstigend intensiv aufspielende Milian aufdreht, sind auch die besten des Films. Die Seite der Polizei bleibt dagegen eher blass, so auch die Rolle des Kommissar Grandi die der amerikanische Charaktermime Henry Silva spielt. Dadurch dass die Polizei in ihrem Vorgehen fast schon ein wenig dumm wirkt, entsteht selten so etwas wie Spannung. Auch wenn Silva im Finale seinen großen Auftritt hat. Die meiste Spielzeit des Films sehen wir aber Milian's Charakter bei seinem "fröhlichen" Treiben zu, ohne das ihm ein wirklicher Gegenpart gegenübersteht. Die Brutalität geht einem manchmal schon ein wenig unter die Haut. Der Härtegrad liegt dabei aber weniger in blutigen Explizitäten, als in der Gleichgültigkeit wie Guilio seine Morde begeht.
In manchen Dialogen wird versucht, der Figur von Guilio ein wenig Tiefgang und dem Film sozialkritische Aspekte zu geben. In einer Szene gibt Guilio seinem Partner eine Drogen-Pille. Dieser fragt was das ist, worauf Guilio anwortet: "Das wird von den Leuten der Universität für Menschen wie uns gemacht, damit wir vergessen warum WIR nicht auf die Universität können". Mit solchen Dialogen soll die Perspektivlosigkeit von Kleinganoven angedeutet werden und sie als Ausgetoßene der Gesellschaft darstellen. Sicher kann man sich darüber Gedanken machen, doch im Kontext des restlichen Films mit seiner politisch überaus unkorrekten Handschrift wirkt das Ganze eher weniger beißend und fast ein wenig deplaziert. Denn auf der anderen Seite gehört auch "Der Berserker" zu jenen italienischen Polizeifilmen der damaligen Zeit, die dem von wirtschaftlichen und politischen Krisen gebeutelten italienischen Volk starke Identifiktionsfiguren bieten wollten. Dies erreichten die Poliziotti-Filmen mit ihren Kommissaren wie Grandi, die ihren eigenen Weg suchen, selbst wenn das ganze wie in diesem Fall in Selbstjustiz endet. Zu der damaligen Zeit kann ich mir schon vorstellen, dass das ganze etwas bedenklich war. Aber aus heutiger Sicht ist die herrlich unpolitische Erzählweise solcher Filme einfach nur unterhaltsam. Und nicht ohne Grund sind die meisten der Poliziottis erst ab 18 Jahren freigegeben. Was meiner Meinung nach auch gut so ist.


(Stefan Schuster)