Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert
(Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica)


Politkrimi, Italien 1971
Regie: Damiano Damiani
Drehbuch: Damiano Damiani, Salvatore Laurani
Kamera: Claudio Ragona
Musik: Riz Ortolani
Produzenten: Mario Montanari, Bruno Turchetto
Darsteller: Franco Nero, Martin Balsam, Marilù Tolo, Claudio Gora, Luciano Catenacci,
Adolfo Lastretti u.a.


In einer Irrenanstalt verlangt Kommissar Bonavia (Martin Balsam) die Entlassung eines gewissen LiPuma (Adolfo Lastretti), der in den Diensten des ehrenwerten Geschäftsmannes Lummuno (Luciano Catenacci) stand, der ihn zwangseinweisen ließ. Bonavia weiß ganz genau: Wenn Lomunno freikommt, wird er ihn zu seinem ehemaligen Auftraggeber führen. Das Wiedersehen endet erwartungsgemäß in einem Blutbad, das den jungen, ehrgeizigen Staatsanwalt Traini (Franco Nero) auf den Plan ruft.

Mit dieser Vorgehensweise der Polizei, nämlich einen Killer aus einer Anstalt zu entlassen, weil sie genau weiß dass er einige Probleme "beseitigen" wird, ist für den Zuschauer schon mal klar: Hier wird scharfe Kritik an den Machtapparaten des Sozialstaates geübt. Nicht nur die Polizei kriegt in diesem großartigen Politkrimi von Damiano Damiani ihr Fett weg, sondern auch hohe Beamte. Der Film zeigt auf, wie korrupt mächtige Männer vorgehen und gemeinsame Sache mit Verbrechern machen.
Diese Machenschaften sind für den jungen Staatsanwalt Traini, der gerade erst seinen Dienst angetreten hat, noch unbekannt. Er verhält sich instinktiv und so wie es im Lehrbuch für Staatsanwälte geschrieben steht. Er versucht zunächst alles mit Logik verstehen zu können und damit legt er eine gewisse Naivität an den Tag. Auch wenn der Zuschauer im Vergleich zu ihm bereits die Situation aufgezeigt bekommt, fühlt man doch mit ihm mit - wie er langsam auf die korrupten Geschäfte des Staatsapparates stößt und seinen Augen nicht trauen kann.
Die Erzählweise des Films ist in erster Linie sehr nüchtern und kommt daher umso realistischer rüber. Auf klassische Spannungsszenen wurde weitestgehend verzichtet. Es gibt nur ein paar wenige und nicht übertriebene Actionszenen, die aber aufgrund der sparsamen Einsetzung umso intensiver wirken.
Der Originaltitel bedeutet übrigens wörtlich übersetzt "Geständnis eines Polizeikommissars vor dem Staatsanwalt der Republik". Aufgrund der Art wie die Mafia ihre Leichen "entsorgt", passt der deutsche Titel aber trotzdem zumindest halbwegs.
Regisseur Damiano Damiani gehört mit seinen Filmen zu den großen Kritikern des Staatsapparates. Nicht zuletzt inszenierte er mit der ersten Staffel der Serie Allein gegen die Mafia (1984) einen TV-Meilenstein in der Aufarbeitung gesellschaftlicher Verflechtungen zwischen organisiertem Verbrechen, Staat und dem Leben der einfachen Bürger. Doch Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert ist sicherlich sein Meisterwerk. Nur wenige andere Filme in der Filmgeschichte zeigen so deutlich und ungeschönt die kriminellen Machenschaften eines Staates. Es wirkt auch nie zu übertrieben und man kann sich durchaus vorstellen, dass Politiker oder die Polizei in einer Problemsituation tatsächlich so handeln könnten wenn sie die Möglichkeit hätten.
Der Clan der seine Feinde lebendig einmauert ist im übrigen einer der kommerziell erfolgreichsten Filme Italiens überhaupt. Nicht mal Sergio Leones Italo-Western waren erfolgreicher. Apropos Western: Franco Nero ist uns allen natürlich bekannt als Django in Sergio Corbuccis Italo-Western- Meilenstein aus dem Jahre 1966. Doch sein Mitwirken in zahlreichen italienischen Polit- und Poliziotti-Filmen der 60er und 70er Jahre zeigen eindrucksvoll, dass er noch mehr überzeugend spielen kann als den einsamen Revolverhelden.
Ebenfalls genial spielt der Amerikaner Martin Balsam, bekannt u. a. aus Hitchcocks Psycho (1960) und Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 (1974). Ähnlich wie Nero ein von mir sehr geschätzter Schauspieler.


(Stefan Schuster)