Coffy

Action/Thriller (Blaxploitation), USA 1973
Regie: Jack Hill
Drehbuch: Jack Hill
Kamera: Paul Lohmann
Musik: Roy Ayers
Produzenten: Samuel Z. Arkoff, Robert A. Papazian
Darsteller: Pam Grier, Booker Bradshaw, Robert DoQui, Sid Haig, William Elliott, Allan Arbus u.a.






Coffy (Pam Grier) ist tagsüber eine Krankenschwester, bei Nacht wird sie jedoch zum Racheengel. Als sie erfährt, dass ein geldgeiler Drogenboss ihrer kleinen Schwester eine Überdosis verpasst hat, nimmt sie blutige Rache. Schockiert von dem Ausmaß, dass die Drogenverbrechen mittlerweile erreicht haben, ist sie fest entschlossen etwas dagegen zu tun. Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf den mächtigen Puscher und Zuhälter King George (Robert DoQui). Mit ihren weiblichen Reizen spielend begibt sie sich in die Hände des King und lernt dessen korrupte Maschinerie kennen. Ihr Ziel ist es, zwei Seiten gegeneinander aus zuspielen...

Viele angebliche Cineasten und Filmkenner meinen, dass die Story in so genannten Blaxploitation-Filmen, wie Coffy einer ist, nur Mittel zum Zweck war nackte Frauen auf der Leinwand zu zeigen. Es wird als billiger Trash abgetan und die Streifen wurden auch damals von vielen Filmkritikern verrissen. Sicher, den Regisseuren dieser Filme lag es nicht im Sinn, einen Film auf Blockbuster-Niveau zu drehen. Dafür hätten freilich auch die finanziellen Mittel nicht ausgereicht. Doch gerade Star-Regisseur dieses Subgenres Jack Hill ging es darum, etwas auszudrücken. Hill's Filme wie The Big Doll House (1971) oder die Blaxploitation-Movies Coffy sowie Foxy Brown (1974) mit seiner Hauptdarstellerin Pam Grier, waren Teile einer ohne Zweifel wichtigen Bewegung. Die Filme feierten die schwarze Kultur, sie schienen sagen zu wollen: "Seht her, diese Leute sind schwarz und sie sind stolz darauf!" So etwas hatte es vorher nicht gegeben. Nachdem in ein paar wenigen Hollywood-Großproduktionen wie Flucht in Ketten (1958) mit Sidney Portier einem schwarzen Mann gestattet wurde, als Sympathiefigur neben einem Weißen Seite an Seite zu kämpfen, gehen diese Filme der 70er Jahre so weit und machen einen Schwarzen zum alleinigen Helden, bekanntestes Beispiel: Shaft (1971) von Gordon Parks mit Richard Roundtree. Aber Jack Hill setzte noch einen drauf und ließ eine schwarze FRAU die Heldin sein. Sicherlich ebneten Filme wie Flucht in Ketten oder Otto Premingers Carmen Jones (1954; der erste US-Film mit ausschließlich schwarzen Schauspielern) Jack Hill den Weg und "wärmten" das Publibum quasi vor. Aber Hills Verdienst für die afroamerikanische Filmbewegung schmälert dies nicht. Auch wenn das Blaxploitation-Cinema nach wie vor umstritten ist.
Jack Hill ist damit nicht nur als ein genialer Regisseur für Blaxploiation-Filme zu bezeichnen, sondern ein Mann der mit seinen Filmen wirklich etwas verändern wollte. Das er auch mit Nackt- und Gewaltszenen nicht zimperlich war, ist natürlich der zweite Grund seines Erfolgs und seiner Beliebtheit vor allem bei Männern. Manche weiblichen Zuschauern wird wohl die die äußere Schale abschrecken. Doch es lohnt sich auch für sie, einen näheren Blick zu wagen. Denn im Kern sind die Filme durchaus emanzipationistisch, die ihre Hauptdarstellerin Pam Grier mit dieser überwältigenden Leinwandpräsenz als moderne Frau darstellt. Eine schwarze Frau, die stolz ihre Haare als Afro offen lässt, war damals ein besonderes Zeichen der Emanzipation. Und sie weiß auch, wie sie geschickt das Macho-Gehabe der Männer für sich nutzen kann.
Jack Hill, der trotzdem das er ein Weißer ist, verstand die schwarze Gesellschaft. Ihre Ängste, ihre Hoffnungen. So geht es in Coffy darum, wie weiße Machtstrukturen die Schwarzen ausbeutet. Dabei zeigt er dies jedoch nicht oberflächlich, sondern fügt einen weiteren Aspekt hinzu. Nämlich dass Coffy's schwarzer Freund, der amtierende Stadtrat Brunswick in seinem Wahlkampf von den Missständen berichtet, selbst aber im Untergrund mit den weißen Gangstern gemeinsame Sache macht. Profit ist ihm wichtiger, als eine wirkliche Lösung des Rassenkonflikts. Die Hauptthemen des Films sind Machenschaften mit Drogen und Korruption, bzw. wie diese beiden zusammen hängen. Auch Coffy's Bekannter, der Polizist Carter, bekommt das Angebot, bei korrupten Geschäften mitzumachen. Er lehnt jedoch ab mit der Drohung seinen Kollegen auffliegen zu lassen. "Es gibt auch ehrliche Polizisten. Was wir brauchen ist mehr Untersützung vom Volk.", sagt er zu Coffy. Doch statt Unterstützung bekommt er von den Gangstern die Quittung seiner Verweigerung der Gefolgsschaft: Einen Krankenhausaufenthalt mit gebrochen Rippen und Schädelverletzungen. Mit Carter liefert sich Coffy, deren kleine Schwester bereits mit elf Jahren zu Drogen verführt wurde, in der ersten hälfte des Films immer wieder Diskussionen über den Umgang mit der Problematik des unaufhaltsam ansteigenden Drogenverbrechens. Auf ihre radikalen Ansichten antwortet Carter einmal: "Einen Typen zu töten, der nur Drogen verkauft um sich selbst Stoff kaufen zu können? Dadurch würde sich nichts ändern. Er ist ein Teil einer langen Kette die bis zu irgendeinem armen Bauen in Vietnam oder der Türkei führt." Er versucht ihr klar zu machen, dass es nicht so einfach ist die Puscher zu verhaften. Coffy antwortet nur mit: "Ich weiß, warum das Gesetz das nicht tut. Weil das Gesetz und die Polizei selbst mit drin steckt."
Diese Themen behandelt der Film nicht nur oberflächlich, jedoch schreckt die harte Schale wie bereits geschrieben viele Leute ab. Durch die expliziten Darstellungen, dem offenen Umgang mit Nacktheit und der an Selbstjustiz grenzenden Gewaltausübungen von Coffy, ist der Film sicher nichts für einen seriösen Lehrgang über korrupte Machenschaften.
Für wahre Liebhaber von Blaxploiation-Movies ist der Film jedoch große Klasse, auch weil er die Themen einerseits nicht mit der Kneifzange anpackt, anderseits aber weit davon entfernt ist nervend moralisch ist. Jack Hill inszenierte den Film ausgesprochen stylisch und er erzählt die Handlungabläufe so gewieft, das sie den Zuschauer auf Draht halten. Er holte alles erdenkliche aus dem Budget heraus, das trotz Unterstützung des berühmten MGM-Produzenten Samuel Z. Arkoff eher mager ausfiel. Zumindest vergleichweise zu dem, wie viel Geld in andere Filme von MGM gesteckt wurde.
Wie in einem Film der 70er-Jahre-Black-Power-Bewegung üblich, ist auch die passende funky Musik "großes Kino". Komponiert von Avantgarde-Legende Roy Ayers, geht vor allem das Titelstück Coffy ist the Color sofort ins Ohr. Regisseur Quentin Tarantino verwendete in seiner Pam Grier-Hommage Jackie Brown (1997) übrigens ganze vier Stücke aus dem Soundtrack von Ayers, nämlich Aragon, Escape, Exotic Dance und Vittroni's Theme - King Is Dead.

Zwar nur in einer Nebenrolle zu sehen, aber heutzutage als einer der großen Stars des Exploitation-Kinos der 70er gefeiert, ist Sid Haig. Dieser spielte schon in Jack Hill's Gruselkomödie Spider Baby (1964) mit und war in allen Blaxploitation-Filmen Hill's ein mehr oder weniger Gegenspieler von Pam Grier. In Coffy darf er sogar fast mit ihr vögeln, doch da hatte Coffy leider was dagegen. Wiederum in Jackie Brown holte Tarantino Sid Haig vor die Kamera, um der Hommage für die unbestrittene Blaxploaition-Queen noch einen zusätzlichen Glanz zu verleihen. Anders als die Ganovenrollen der damaligen Filme, ist Haig hier als Richter zu sehen. Aber ironischerweise darf er auch in dieser Rolle nicht auf der Seite von Grier's Charakter stehen, sondern bringt sie ins Gefängnis. Von den Schauspielertoten auferstanden, begann für die beliebteste aller Exploitation-Glatzen Haig nach Jackie Brown so etwas wie eine zweite Karriere in Rob Zombie's Filmen Haus der 1000 Leichen (2003) und The Devil's Rejects (2005). Dank dieser Erfolge ist er wieder regelmäßig - wenn auch fast ausschließlich im Horrorgenre - in Filmen zu sehen.

Eines muss ich noch unbedingt loswerden: Schaut euch den Film unbedingt im Originalton an! Die deutsche Synchronisation verfälscht den Sinn des Films total und macht beispielsweise aus King George eine Witzfigur mit Sprachfehler. Auf der deutschen DVD liegt der Film im Originalton mit deutschen Untertiteln vor. Beginnt gar nicht erst damit, euch die schreckliche deutsche Kalauersynchro rein zu ziehen.


(Stefan Schuster)