Dawn of the Dead

Horror/Splatter, USA/Italien 1978
Regie: George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero
Kamera: Michael Gornick
Musik: k. A., The Goblins (europäische Fassung)
Produzenten: Richard P. Rubinstein, Dario Argento
Darsteller: Ken Foree, David Emge, Scott H. Reiniger, Gaylen Ross, David Crawford, Tom Savini u.a.









Das ganze Land befindet sich im Ausnahmezustand. Menschenfressende Zombies versetzten die Bevölkerung in Panik. Auf der Flucht verschanzen sich zwei Soldaten der Nationalgarde, ein Pilot und dessen Freundin in einem Einkaufszentrum. Hier scheinen sie sicher, bis eine Motorradgang das Gebäude stürmt...

Nach dem weltweiten Erfolg von Die Nacht der lebenden Toten (1968) bekam George A. Romero einige Anfragen von großen Hollywood-Studios, ob er einen Horrorfilm für sie machen wolle. Er lehnte dies jedoch ab, weil er sich nicht festlegen wollte. So drehte er in den Folgejahren einige Filme, die alle jedoch von kleinen Verleihfirmen heraus gegeben wurden und so kaum an eine breite Öffentlichkeit drangen. Auch fehlte es den Filmen, u. a. Season of the Wich (1972) und The Crazies (1973) an Spannung und anderen Qualitäten, die ein Horrorfilm oder Thriller besitzen sollte. Was Romero aber immer wichtig war, waren sozialkritische Untertöne. Doch erst 1978 schuf er wieder einen Film, der neben einer gewissen Sozialkritik auch auf der Unterhaltungsebene perfekt funktionierte. Die Rede ist von dem Film, an den man sofort denkt, wenn der Begriff "Zombie" fällt: Dawn of the Dead. Gefragt zu der Idee des Films, erzählt Romero selbst immer gern eine nette Anekdote. Bekannten von ihm gehörte das Monroeville- Einkaufszentrum. Es war eines der ersten komplett überdachten Einkaufszentren des Landes. Bei einer Besichtigung sagten sie Romero spasshalber, dass man hier im Falle eines Nuklearangriffes überleben könne. Romero gab zurück: "Und wie wäre es mit einem Zombieangriff?". Das war die Idee für seinen neuen Film: Leute, die auf der Flucht vor den lebenden Toten sind und diesem Einkaufszentrum Schutz suchen. Er traf sich mit seinem Freund und Kollegen Richard P. Rubenstein, der ein Jahr zuvor Romeros Kreuzung aus Vampirfilm und Charakterstudie Martin produzierte, um die Grundidee zu besprechen. Zu dieser Zeit hatte auch der italienische Horror-Regisseur Dario Argento die Idee einen Zombiefilm zu machen. Er rief den Mann an, der als "Vater" der Zombies galt, Romero, und kurz darauf traf er sich mit ihm und Rubenstein in New York, da er dort sowieso zwecks der Premiere von Suspiria (1976) zugegen war. Sie sprachen über die Pläne zu einer Fortsetzung von Die Nacht der lebenden Toten. Argento lud Romero nach Rom ein, um dort das Drehbuch zu schreiben. Dieser nahm an, weil er sich von einem Klimawechsel und einer anderen Umgebung neuen Inspirationen versprach. Argento, der an dem Film später als Co-Producer konkret beteiligt war, ließ Romero völlige Freiheit beim Schreiben. Was aber noch wichtiger war, war die Tatsache dass er ihm Respekt und Vertrauen in seine Fähigkeiten entgegenbrachte, die der von seinen letzten Filmerfolgen enttäuschte Romero brauchte. Das Budget, das dem Team zur Verfügung stand, war auch bei Dawn of the Dead nicht gerade hoch. Üm zumindest die Kosten für die Schauspieler klein zu halten, bestand das Assemble aus Freunden der Crew, sowie Freunde der Freunde. Makeup & Cosmetic Special-Effects- Mann Tom Savini bekam nicht nur die dankbare Aufgabe, sich alle möglichen Todesarten einfallen zu lassen, sondern musste dies auch so kostengünstig wie möglich realisieren. Es wurde alles erdenklich mögliche heraus geholt und alle Mitwirkenden, allen voran Savini bei seiner Arbeit, mussten ihre ganze Kreativität spielen lassen.

Der Film beginnt in Mitten des Zombie-Desasters und es wird keine Erklärung abgeliefert, wie es dazu kam. Natürlich leitet der Zuschauer das ganze ab durch die Ereignisse aus Die Nacht der lebenden Toten, jedoch muss man es Romeros Geschick zu Gute kommen lassen, dass sich trotz der fehlenden Darstellung der Ursachen ein Kausalitätsmuster ergibt und die Entwicklung und Vorkommnisse realistisch erscheinen. Denn dies alles geschieht ohne Rückblenden oder Traumsequenzen. Wie auch schon in Die Nacht der lebenden Toten spielt sich alles in Echtzeit ab - in einer Nacht. Und wie auch schon in dem Film von 1968 entsteht eine klaustrophobische Atmosphäre im Inneren des Gebäudes, das von den Untoten belagert wird und ein Entkommen scheinbar unmöglich macht. Das Reinkommen ist dagegen etwas einfacher, wie sich in der zweiten Hälfte des Film zeigt als eine Motorradgang sich die Weg in das Einkaufszentrum bahnt. Auch hier zeigt sich Romeros Vorliebe für die Darstellung der Quelle der Gewalt aus den eigenen Reihen. Ähnlich wie in Romeros ersten Film von 1968 kommen die meisten Leute nur indirekt durch die Zombies um, bzw. haben sie aufgrund Streitigkeiten um Macht und Besitz zwischen den Lebenden leichtes Spiel. Romeros sozialkritische Betrachtungsweisen sind auch hier wieder unverkennbar. "Die kannibalistischen Monstren sind Metapher für ein sich selbst vernichtendes System", schreibt Norbert Stresau in seinem Buch über den Horror-Film. Tatsächlich wird der Konsumtrieb der Menschen, der hier über den Tod hinaus geht, kritisch aufgedeckt. Die Menschen die sich im Einkaufszentrum verschanzen, gehen schön bald auf große Shopping-Tour, kleiden sich ein mit neuen Mänteln und holen sich andere, für die Situation in der sie sich befinden ziehmlich unnötige Dinge. Die brutale Motorradgang beklaut sogar die Zombies. Diese Kritik am Konsumverhalten der Gesellschaft ist offensichtlich und teilweise fast schon etwas ZU satirisch überzeichnet. Doch neben der dargestellten expliziten Gewalt und Innereien des menschlichen Körpers bieten sie eine gelungene zweite Dimension. Romero nutzte das Einkaufszentrum als Location für eine ganz klare Kritik an einem ausschweifenden Konsum der Menschen. Einer der Hauptcharaktere im Film vermutet als Grund dafür, dass die Zombies so hartnäckig das Einkaufsparadies belagern, dass sie sich aus ihrem Leben als Menschen an etwas erinnern, das von besonderer Bedeutung war. Der Filmkritik Georg Seeßlen stellt in seinem Buch über Romero die entscheidenten Fragen dazu: "Das Shoppen als Erinnerungsrest im untoten Menschen-Monster? Und ist, umgekehrt, das Menschenfressen nicht anderes als die logische Fortsetzung des Warenkonsumierens?" Es ist genau diese Tiefgründigkeit des Films, seine Leseart als Sozial- und Gesellschaftskritik, die den Film auch für Leute interessant macht, die sonst nichts mit Splatterfilmen am Hut haben. Natürlich ist es in diesem Zusammenhang gesehen auch kein Zufall, dass ein Schauplatz im Film ein heruntegekommenes Hochhaus im Ghetto ist, indem die afroamerikansichen Zombies über die Polizisten herfallen.
In den meisten Besprechungen über den Film findet ein weiteres Motiv, welches ähnlich interessant ist wie die sozialkritischen Anspielungen, leider weniger Beachtung und wird meist nur oberflächlich thematisiert: "Die Auseinandersetzung mit der theologischen Bedeutung einer Apokalypse", wie es James McFarland im Buch Splatter-Movies nennt. Die Auferstehung der Toten ist ein theologisches Motiv, das speziell in der jüdisch-christlichen Heilslehre verankert ist. Das Auftreten eines Priesters zu Beginn, der im Keller des von den Zombies befallenen Hochhauses die letzte Ölung vornimmt, verdeutlicht eine letzte religiöse Bindung zu den Toten: "Ihr seid stärker als wir es sind", sagt er zu den Soldaten und fährt fort: "Doch bald, glaube ich, sind sie stärker als ihr". Die Apokalypse ist ganz nahe. Stiegen im Vorläufer von 1968 die Toten noch aus ihren Gräbern nachdem sie beerdigt waren, scheint der Tod hier bereits über das Leben zu herrschen. Die soziale Ordnung scheint völlig zerstört, wenn wir die Kreaturen sehen, wie sie auch als Menschenfresser noch die Kleidung ihrer zu Lebzeiten ausgeübten Berufe tragen (Krankenschwester, Polizist, Mönch). Doch "Romeros Film ist weit über das von ihm beabsichtigte Maß apokalyptisch, denn seine Bilder reagieren auf eine verborgene Veränderung der jetztzeitlichen und akzeptierten Beziehung zwischen Leben und Tod", wie James McFarland erkennt.
Man kann den Film also als Film sehen, der das Splatter-Subgenre wie wir es heute kennen geprägt hat und den Zombie-Mythos noch stärker als Die Nacht der lebenden Toten etablierte. Oder aber man legt das Hauptaugenmerk auf die theologischen Hintergründe und natürlich die Sozialkritik. Man sollte sich den Film defintiv unter allen Gesichtspunkten ansehen.
Dawn of the Dead bietet mehr, als Kritiker an der Gewalt und Härte damals wie heute zugeben wollen. Natürlich musste sich Romero damals mit Vorwürfen wie Gewaltverherrlichung rumschlagen. Der Film ist selbstverständlich auch indiziert. Ein Auszug aus einem Beschlagnahmebeschluss aus jüngerer Zeit: "Der Film enthält keine durchgehende Handlung. Vielmehr steht im Vordergrund das wahllose gegenseitige Töten mit der Zielsetzung, diese Handlungen in Nahaufnahme zu zeigen. Film erhält durch die vorgenannten Szenen Gewalt verherrlichenden Charakter, so dass seine Verbreitung gemäß § 131 StGB zu verbieten sein wird." Inhalt des Filmes nicht erkannt, setzen, sechs! So lautet meine Antwort darauf. Sicher hätte eine apokalyptische Stimmung auch mit weniger Explizitäten erreicht werden können. Doch die Ausweglosigkeit wird durch die drastische Gewaltdarstellung unterstützt und erst durch sie wirklich bedrückend. Außerdem muss man sich hier wieder klar machen, dass auch das Medium Film eine Kunstform ist. Und wie Tom Savini die Splattereffekte kreierte, ist wahrlich künstlerisch wertvoll. Das dies viele Leute nicht wahr haben wollen, ist klar. Und ein gewisser Jugendschutz ist natürlich auch wichtig. Mittlerweile wird man ja glücklicherweise nicht mehr immer nur schief angeschaut, wenn man solche Filme schätzt.
Vergessen darf man aber darüber nicht, dass eine Provokation von Romero beabsichtigt gewesen ist. Was mit Hershell Gordon Lewis' Blood Feast (1963) begann und sich im Subgenre des Exploitation-Films besonders in Europa forsetzte trieben die Macher in Dawn of the Dead auf die Spitze. Kaum hatte man sich geeinigt, was man dem Publikum an Brutalität und Gewalt zumuten kann, setzte Romero und seine Crew noch einen drauf. Man riß quasi die Grenze, wie weit ein Film an Darstellung von expliziter Gewalt gehen darf, nieder. Von da ab löste der Splatter- und Gorefilm den klassischen Horrorfilm an Beliebtheit für lange Zeit endgültig ab. Es enstanden viele unsägliche Zombie- und Kannibalenfilme (vor allem in Italien) sowie andere unrühmliche und ausschließlich der Provokation willen gemachten Filme, von denen der Auslöser Dawn of the Dead weit entfernt ist. Die Entwicklung des Horrorfilms ist sicher nicht in alle Richtungen als positiv zu bewerten, jedoch spiegeln filmische Trends auch immer den Zustand der Gesellschaft mit all ihren Ängten und Hoffnungen wieder.

Es gibt zwei Schnittfassungen von Dawn of the Dead, von den unzähligen verstümmelten Versionen mal angesehen. Da wäre einmal Romero's Fassung, der so genannte "Extended Cut". Dieser bietet mit über 139 Minuten Laufzeit die meisten Dialoge und die sozialkritischen Metaphern kommen am besten raus. Da der Film auch von Dario Argento mit produziert wurde, überließ Romero ihm die Rechte für die Vermarktung des Films in Europa. Im "Euro Cut" verwendete Argento teilweise andere Musik (komponiert und eingespielt von der italienischen Filmsoundtrack-Gruppe The Goblins) und kürzte die Laufzeit auf ca. 118 Minuten. Er ließ in erster Linie Dialoge weg und machte den Film dadurch etwas rasanter. Von Argentos Cut kommt auch der europäische Titel Zombie, unter dem der Film hierzulande lange bekannt war. Mittlerweile hat man sich stillschweigend auf den Einheitlichen Dawn of the Dead geeinigt.


(Stefan Schuster)