Django

Western, Italien/Spanien 1966
Regie: Sergio Corbucci
Drehbuch: Sergio Corbucci, Franco Rossetti, José G. Maesso
Kamera: Enzo Barboni
Musik: Luis Enríquez Bacalov
Produzent: Manolo Bolognini
Darsteller: Franco Nero, José Bódalo, Eduardo Fajardo, Loredana Nusciak, Ángel Álvarez, Luciano Rossi u.a.




Eines Tage kommt ein wortkarger Fremder (Franco Nero) in ein herunter gekommenes US-Städtchen, der einen Sarg hinter sich herzieht und unter seinem Poncho eine Soldatenuniform aus dem Bürgerkrieg trägt. Dort begegnet er Major Jackson (Eduardo Fajardo), der in der Gegend sein Unwesen treibt. Jackson treibt bei der ärmlichen Bevölkerung Schutzgelder ein befindet sich im Klinch mit dem mexikanischen General Rodriguez (José Bódalo), wie der Fremde namens Django bald fest stellt. Da kommt ihm eine Idee: Er hat vor den mächtigen Jackson und Rodriguez gegeneinander auszuspielen, da er mit seinem ehemaligen Freund Rodriguez sowieso noch eine Rechnung offen hat...

Mit diesem Film Film verankerte Sergio Corbucci, neben Sergio Leone der bekannteste Western-Regisseur Italiens, den Italo-Western endgültig als ein fast schon eigenes Genre in der Filmlandschaft. Orientierten sich die meisten Italo-Western noch stark an den amerikanischen Vorbildern, ist Django neben Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar (1964) und der epochalen Fortsetzung Für ein paar Dollar mehr (1965) mit Clint Eastwood der Film, der den Stil des typischen Italo-Western wie keine anderen bildeten. Courbucci, der nach einigen italienischen Western mit noch starken amerikanischen Einflüssen 1966 sein Meisterwerk schuf, war natürlich inspiriert von Für eine Handvoll Dollar, vor allem wegen dessen Kompromisslosigkeit. Auch Corbucci war ein großer Verehrer der japanischen Samurai-Filme und auch er erzählte in Django wie auch Leone in seinem ersten Western eine ähnliche Story wie Akira Kurosawa in Yojimbo (1961).
Trotzdem ist Django anders als Leones Film. Hier wird nicht schmerzlos gestorben und es gibt keine rührselige Mutter-Kind-Geschichte. Damit unterscheidet sich Django deutlich von allen Western, die man bisher gesehen hatte. Gier, Hass und Gewalt beherrschen die trostlose und in Schlamm und Staub erstickende Szenerie und dabei kann man die Guten von den Bösen nicht mehr unterscheiden. Der titelgebende Antiheld ist nur auf seinen eigenen Vorteil aus und möchte sich selbst bereichern. Die pessimistische Grundstimmung ist noch um einiges intensiver als in Kurosawas Yojimbo, der durch seine anarchistische Ästhetik der Hauptbeweggrund für italienische Regisseure war, die unheroische Seite des Westens zu zeigen und den Amerikanern ihre heilige Kuh zu stehlen. Bei Corbucci ist auch ein Einfluss durch Regisseure aus dem eigenen Land wie die als intellektuelle Filmemacher geltenden Roberto Rossellini und Gualtiero Jacopetti zu bemerken. Er nahm sich Rossellinis differenzierte Zeichnung von Moralität zwischen menschenverachtendem Terror im Glauben gefestigter Menschenliebe sowie Jacopettis dokumentarisch anmutende provokante Gegenüberstellung von verschiedenen Kulturen zum Vorbild und flechtete dies in seinem Western mit ein. Corbucci erschuf eine fast schon gothische Atmosphäre und eine postapokalyptische, beklemmende Szenerie. Rückblickend könnte man ihn als einen der ersten Endzeitfilme betrachten und ohne Zweifel beeinflusste er Filme wie die George Millers Mad Max- Trilogie mit Mel Gibson.
Das ganze wurde, wiederum nach dem Vorbild der japanischen Samurai-Filme, ausgesprochen comichaft und überspitzt inszeniert sowie mit viel schwarzem Humor versehen. Die Idee mit dem einen Sarg hinter sich herziehenden Mann hatte Corbucci übrigens tatsächlich aus einem Comic, das er damals entdeckte. Allein der glorreiche Einfall, dass sich in diesem Sarg ein Maschinengewehr befindet, lässt mich Sergio Curbucci als genialen Kopf bezeichnen. Ein genialer Kopf mit viel Humor, die in seine Arbeit mit einfloss. Zuviel darf man in Django nicht hinein interpretieren. Beispielweise kann man die roten Kapuzen, die die Männer von Major Jackson tragen als Anspielung auf die in der USA aufkommende Ku-Klux-Klan-Bewegung deuten. Was aber nicht gerechtfertigt ist, denn das ganze entstand als Notlösung. Neben dem geringen Budget musste sich Curbucci auch noch mit Statisten rumschlagen, die als "Ramsch" in der italienischen Filmfabrik Cinecittà übbrig bleiben - Leute ohne Zähne und anderen Verunstaltungen. Von Regieassistent Ruggero Deodato stammt die witzige Idee mit den Kapuzen. Den Film hatten die Macher nie als Statement betrachtet, sondern wollten ein Comic für Erwachsene machen. Dazu passt eine nette Anekdote, die Franco Nero immer wieder gerne erzählt und die humorvolle Art des Regisseurs unterstreicht. Sergio Corbucci ließ Nero eines Tages für eine Aufnahme den berühmten Sarg einen Hügel hochziehen. Oben angekommen stellte er fest, dass das gesamte Team während dessen das Set abgebaut und verlassen hatte.
Francesco Sparanero, der seinen Namen erst für diesen Film kürzte, wurde in der Rolle des Django quasi übernacht zum Star. Seine Darstellung machte ihn international bekannt, unzählige Filmangebote vor allem natürlich für Western folgten. Da Django einer der einflussreichsten (Italo-)Western aller Zeit ist, zog er natürlich viele Nachahmer und inoffizielle Fortsetzungen nach sich. In Deutschland wurden alle Western ähnliche Filme mit Franco Nero noch zehn Jahre danach mit "Django" betitelt, obwohl sie nicht das Geringste mit dem Echten zu tun haben. Nero sagte übrigens nicht sofort für die Rolle zu, weil der gerade vom Theater in Mailand kommende junge Mann seriöse Rollen spielen wollte. Sein Agent riet ihm jedoch: "Sage zu! Du hast nichts zu verlieren." Eine gute Entscheidung, wie sich heraus stellte. Da Nero bei der Produktion mit 23 Jahren deutlich zu jung für die Rolle des abgerissenen Bürgerkriegs-Veteranen aussah, musste er sich nicht nur einen Bart wachsen lassen. Es wurden ihm falsche Fältchen um die Augen geschinkt. Laut Nero hatte dies für ihn persönlich noch einen weiteren Vorteil: Wenn man ihn heute betrachtet und dagegen den Django von damals, denkt man er wäre kaum gealtert.

Überall auf der Welt war Django lange Zeit nur gekürzt oder auf dem legalem Wege gar nicht zu sehen. Gerade wegen der Szene, in der einem Typen ein Ohr abgeschnitten wird, war der Film beispielsweise in England 25 Jahre lang verboten. Einige Kritiker erkannten zwar schon damals, dass alles überspitzt inszeniert ist und - um es mit den Worten des zeitgenössischen Filmkritikers Franz Schöler zu sagen - "Die Kunst der Manieristen nicht vorab abschätzig zu bewerten sei", jedoch dauert es seine Zeit bis Django als Kultfilm und moderner Klassiker, der Filme aus verschiedenen Genres beeinflusst hat, anerkannt wurde. Heute befindet sich sogar eine Kopie des Films im Museum of Modern Art in New York.


(Stefan Schuster)