Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l'échafaud)
Thriller/Drama, Frankreich 1957
Regie: Louis Malle Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle Kamera: Henri Decaë Musik: Miles Davis Produzent: Jean Thuillier Darsteller: Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujouly, Yori Bertin, Lino Ventura u.a.
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Ein perfekter Mord wird begangen, doch der Täter Julien (Maurice Ronet) bleibt auf der Flucht im Fahrstuhl stecken. Seine Geliebte Florence (Jeanne Moreau), dessen Ehemann er umgebracht hat, streift auf der Suche nach ihm durch die nächtlichen Straßen von Paris. Währenddessen begeht ein junges Paar, das das Auto von Julien geklaut hat, einen zweiten verhängnisvollen Mord...
Mit seinem Regiedebüt Fahrstuhl zum Schafott gelang dem damals erst 24 Jahre alten Louis Malle gleich zu Beginn seiner Karriere ein Meisterwerk des französischen Kinos. Der Film ist inszeniert als eine Mischung aus Film Noir und der zu dieser Zeit aufkommenden Nouvelle Vague. Die Grundstory mit dem Mord an Florence' Geliebtem, der misslungenen Flucht im Fahrstuhl und dem nächtlichen Großstadtdschungel hat ganz klar die Motive des in den USA entstandenem Film Noir zu bieten. Gleichzeitig ist der Film aber auch der Nouvelle Vague, der französischen "Neuen Welle" des Films zuzuordnen. Das unbeschwerte, modern anmutende junge Liebespaar strotzt nur so von Naivität, was zwar auch in einem Mord endet, jedoch von ihnen unbeabsichtig ist. Es kommt das französische Lebensgefühl der 50er Jahre gut rüber, welches vom Zwischenspiel einer alten und jungen Generation geprägt war.
Die atmosphärisch dichten Schwarzweißbilder, unterlegt mit der damals direkt zum laufenden Film improvisierten Jazzmusik von Miles Davis und seinen Musikern, fängt den Zuschauer ein und lässt ihn nicht mehr los. Der nächtliche Streifzug von Florence durch die Straßen von Paris wirkt wie in Trance. Zwar kann man sich Miles Davis' Musik auch gut losgelöst vom Film anhören, doch sie unterstützt das Geschehen ungemein. Sie verleiht Florence' Charakter zusätzlich zu ihren starren Augen und ihrer kühlen Ausstrahlung eine spezielle Note. Sie ist desillusioniert, denn sie weiß nicht was in dieser Nacht wirklich mit Julien geschehen ist. Ganz im Gegenteil: Sie kommt auch noch auf eine falsche Gedankenfährte, denn sie sieht sein Auto an sich vorbei fahren und darin die junge Frau auf dem Beifahrersitz. Das der Fahrer gar nicht ihr Geliebter ist, sieht sie nicht. Durch den Einsatz des Voice-Over, mit Hilfe dessen wir in Fetzen hören was sie denkt, wird ihre Verwirrung und ihr drohendes Schicksal noch verdeutlicht. Die in Frankreich als Filmdiva geltende Jeanne Moreau feierte mit dieser Rolle ihren Durchbruch. Drei Jahre später spielte sie unter François Truffaut in dem ebenfalls zum Klassiker gewordenen Film Jules und Jim.
Kritiker der fränzösischen Filmzeitschrift Cahiers du cinéma bescheinigten Fahrstuhl zum Schafott aufgrund seines zugegebenermaßen gemächlichen Tempos mangelnde Stilsicherheit bezüglich des Thrillergenres, das einen spannungsgeladenen, schnellen Handlungsfortschritt benötige. Dies führten sie auf das junge Alter des Regisseurs zurück. |
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Louis Malle jedoch wollte gerade einen Thriller machen, der sich Zeit lässt und eben - wie bereits erwähnt - durchsetzt ist mit einer weiteren Ebene: Paris bei Nacht, in den gesellschaftlich unsteten 50er Jahren. Und konventionelle Thriller gibt es ja genug. Die Mehrheit der Kritik war jedoch ungetan von dem Film, nicht zuletzt von genau diesem Stilmix. Er wurde beim Prix Delluc zum künstlerisch bedeutenstem Film 1957 gekürt. Die kirminalistischen Sequenzen mit Verhören von der Polizei sind auch gelungen und der Zuschauer leidet mit den beiden Protagonisten mit, die sich aufgrund der unvorhergesehenen Geschehnisse in dieser Nacht, durch ihre Aussagen gegenseitig belasten. Ihr Schicksal ist tatsächlich unausweichlich.
Exkurs: Die 'Nouvelle Vague' und der 'Film Noir':
Als Nouvelle Vague-Filme bezeichnet man gemeinhin die filmtechnisch oder geschichtlich oft sehr innovativen europäischen Filme der 50er und 60er Jahre, wie Außer Atem einer ist. Es waren Filme, die von einem jugendlichen Stil geprägt waren und wie in der obigen Filmkritik bereits erwähnt im wahrsten Sinne hinaus auf die Straße gingen. Vorher wurden selbst Szenen die unter freiem Himmel spielen so gut wie ausschließlich in Studios gedreht, oder außerhalb unter Mithilfe gemalter Hintergründe. Die europäische und ganz speziell französische Filmbewegung war diejenige, die lange Außenaufnahmen einführte. Dagegen werden amerikanische Thriller der 40er und 50er Jahre, die meist eine kriminalistische Handlung haben, als Film Noir bezeichnet - oder auch Hollywoods "Schwarze Serie". Der Beginn des Film Noir ist aber über Hollywood-Filme der 30er wie Scarface von Howard Hawks bis hin in die Stummfilm-Ära und dort dem deutschen Expressionismus mit Klassikern wie Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) zurück zu führen. Doch in den 40er Jahren entwickelte es sich in den USA zu einem beinahe schon eigenständigen Genre. Genau definieren kann man es jedoch nicht als solches. Der Kritiker Raymond Durgnat beschrieb das Phänomen so: "Der Film Noir ist kein Genre wie der Western oder der Gangsterfilm, er führt uns in den Bereich der Klassifizierung nach Motiv und Färbung." Gemeinhin gelten als Film Noir aber Filme, die einfach eine bestimmte düstere Atmosphäre haben. Gerade die der 40er und 50er Jahre zeichnen sich durch ganz bewusst sparsam ausgeleuchtete Räume aus, die ein Spiel mit Schatten und unheimlichen Silhouetten ermöglichten. Die Figuren in den Geschichten waren zu der klassischen Ära des Film Noir in vielen Vertretern charakteristisch sehr ähnlich gezeichnet. Ein hartgesottener Typ (Detektiv oder auch Gangster) und eine unbekannte, geheimnisvolle Schönheit, der dieser Typ verfällt was meist zu Problemen führt (Femme Fatale). Der größte Star des Film Noir war Humphrey Bogart. Beide wichtige Filmbewegungen, die das Kino zu dem machten wie wir es heute kennen, haben bis heute unmessbaren Einfluss auf die Filmwelt. Entweder ganz offensichtlich wie beispielweise der Neo-Noir Chinatown (1974) von Roman Polanski oder einfach in der "Färbung" des Erzählstils. |
(Stefan Schuster)
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