Blinde Wut (Fury)
Drama/Thriller, USA 1936
Regie: Fritz Lang Drehbuch: Bartlett Cormack, Fritz Lang Kamera: Joseph Ruttenberg Musik: Franz Waxman Produzent: Joseph L. Mankiewicz Darsteller: Spencer Tracy, Sylvia Sidney, Walter Abel, Bruce Cabot, Edward Ellis, Walter Brennan u.a.
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Der zu Unrecht inhaftierte Joe Wilson (Spencer Tracy) kommt scheinbar in einem Feuer um, dass eine Menschenmasse gelegt hat um Lynchjustiz an ihm zu verüben. Doch Joe überlebt und taucht unter, weil er so an dem Mob rachen nehmen will für das was sie ihm antun wollten. Während die Menge vor Gericht gestellt wird, lässt er auch seine Verlobte Katherine (Sylvia Sidney) in dem grausamen Glauben, er sei tot.
Blinde Wut war Fritz Langs erster Film nach seiner Emigration aus Deutschland. Hier hatte man ihm die Führerschaft des deutschen Films angeboten, doch Lang wollte sich nicht für die Zwecke der Nazis einspannen lassen. In den USA hatte er es nie einfach und immer mit den amerikanischen Produktionsfirmen um künstlerische Freiheit zu kämpfen, doch gerade bei den Arbeiten zu seinem ersten Film litt er sehr unter den kritischen Beobachtungen des Studios MGM. Lang, der sehr bemüht war sich in den USA zu integrieren, war dort zunächst nur als Drehbuchautor angestellt. Und trotzdem seine englische Sprache immer besser wurde und er versuchte sich sowohl den amerikanischen Humor als auch die Denkungsweise anzueignen, entsprach sein äußeres Erscheinungsbild mit Monokel nicht gerade dem amerikanischen Stil. Er galt bei seinen Kollegen von MGM als arrogant und anmaßend. Doch wollte er sich nicht verbiegen oder verleugnen. Als Langs Einjahresvertrag bei MGM auslief, wollte man ihn nicht verlängern. Aber Lang kämpfte für eine Chance, einen Film als Regisseur umzusetzten. Und diese Chance bekam er schließlich. Ab September 1935 arbeitete er mit dem amerikanischen Drehbuchautor Bartlett Cormack zusammen am Skript, für welches die Erzählung Mob Rule von Norman Krasna als Grundlage diente. In Blinde Wut werden Themen behandelt, die man als Hauptthemen in Langs Œuvre bezeichnen kann: Todesstrafe, Lynchjustiz, Massenhysterie. Vor allem an M (1931) erinnert der Wandel der Bürger zum Mob, der das Gesetz selbst in die Hand nehmen will. Lang, der in Deutschland einen Status genossen hatte der es ihm erlaubte, alles machen zu können wie er wollte, hatte bei Blinde Wut mit vielen Einschränkungen zu tun. Er wollte ursprünglich einen Film über ein schwarzes Opfer eines Mobs drehen. Dies wurde ihm von MGM jedoch nicht gestattet. Aus Joe wollte er einen Anwalt machen, aber die Produzenten wollten einen Arbeiter, und so wurde Joe ein Automechaniker. Da sich der Charakter von Joe im Laufe des Films von einem braven Brüger zu einem von wilder Rache getriebenen Mann entwickelt, war man wohl der Ansicht dass dies das amerikanischen Publikum besser verkraften kann, wenn Joe nur ein Durchschnittsamerikaner ist. Trotz dieser Verharmlosungen, ist der Film sehr scharf in seiner Gesellschafts- und Sozialkritik, mit der Lang am Glauben an ein gerechtes Wertesystem der amerikanischen Demokratie kratzt und durchaus auch ein Misstrauen gegenüber den Staatsorganen weckt. Meisterhaft gelungen ist der Wandel von Joe's Charakter in der zweiten Hälfte des Films. Obwohl er weiß, dass mittlerweile seine Unschuld bewiesen ist, hält er sich weiterhin versteckt um so tun, als wäre er tot. Er will am Mob Rache nehmen, weil er den Glauben an das Rechtssystem verloren hat. Nicht er ist gestorben, aber seine Ideale. "Es ist ein demokatisches Lehrstück", wie es der Filmjournalist Phillip Bühler ausdrückt: "Der Einzelne hat der Tyrannei der Mehrheit wenig entgegenzusetzen. So wird Joe selbst zum Tyrannen." Das macht ihn mit der Menge gemein. Leider wird am Ende des Films die Sozialkritik etwas abgeschwächt. Joes Verlobte Katherine, die er in seiner blinden Rachsucht glauben ließ er sei tot, kann ihn durch ihre Liebe überzeugen, sich zu stellen und damit die Menge vor Gericht zu entlasten. Nachdem ein Justizirrtum gerade noch verhindert wurde, geben sich die beiden einen Kuss und der Zuschauer darf sich über ein Happy-End freuen - welches jedoch nie im Sinne Fritz Langs war. Die Schlußszene, die in typisch amerikanischen Stil auf Happy-End getrimmt ist, wurde ihm nachträglich vom Produzenten aufgezwungen. Lang selbst sagte immer wieder ganz deutlich, er hasse diese Szene. Er wollte ein weniger gefälligeres Ende inszenieren. Das letzlich in den Film gekommene Happy-End, das aber wenigstens noch als idealistisch zu bezeichnen ist, konnte damals die Kontroversen um den Film in Grenzen halten und letzlich kann dies auch als Glückfall bezeichnet werden. Denn ob Fritz Lang sich in den USA eine neue Karriere aufbauen hätte können, wenn er in Blinde Wut alle seine Vorstellungen verwirklicht hätte, ist fraglich. Zwar war er 1936 in Hollywood angekommen, doch seine nicht überall gern gesehenen Vorstellungen musste er auch weiterhin stets gegen Widerstand durchdrücken.
 Blinde Wut, bzw. Fury (=Wut) wie er im Original heißt, ist ein sehr atmosphärischer, teils beklemmender Film. Alle Beteiligten spielen sehr überzeugend. Sylvia Sydney, die Lang später in zwei weiten Filmen besetzten sollte, hat als die Verlobte von Joe einige große Momente. Beispielsweise wenn sie mitansehen muss, wie das Gefängnis in Flammen aufgeht und in ihrem Glauben Joe gleich mit. In Blinde Wut arbeitete Fritz Lang in den Film scheinbare nebensächliche Unterhaltungen oder Symbole ein (hier beispielsweise die Erdnüsse oder das Flicken von Joes Mantel), die sich später dann aber als viel mehr als nur Nebensächlichkeiten heraus stellen und direkt in die Handlung eingreifen. Alles, was im Film passiert, ist für die Handlung mehr oder weniger wichtig und dies ist schon bemerkenswert. The Motion Picture Guide schrieb, Lang verschwende kein einziges Filmbild. Obwohl sich dies wohl eher auf die Bildsprache bezog. Eine humorvolle Einlage ist die, wenn Lang die Gerüchte verbreitenden Menschen an Stammtischen, in Geschäften und Nachbarschaften zeigt und diese Szenen unterbrochen werden durch ein Bild gackernder Hühner. Dies kann man als zu nahe liegend bezeichnen, als ein wenig zu einfach oder als unpassend, es erfüllt aber dennoch trotz des humorvollen Charakters auch seinen Zweck als verstärkendes Element.
(Stefan Schuster)
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