Young and Innocent
Thriller, Großbritannien 1937
Regie: Alfred Hitchcock Drehbuch: Charles Bennett, Edwin Greenwood Kamera: Bernard Knowles Musik: Jack Beaver Produzent: Edward Black Darsteller: Derrick De Marney, Nova Pilbeam, Percy Marmont, Edward Rigby u.a.
Eine Frau wird ermordet. Ein junger Mann findet sie. Als er davon eilt, um Hilfe zu holen, wird er von zwei Damen beobachtet die ihn für den Täter halten. Als seine Situation im Gericht auswegslos erscheint, flüchtet er. Auf der Flucht bekommt er, zunächst nur unfreiweillig, Hilfe von der Tochter des Polizeichefs.
Man kann Alfred Hitchcock's filmisches Schaffen gut und gerne in zwei Stadien einteilen. Seine Filme der 20er und 30er Jahre, die "british"- oder "early years"; und die Zeit danach in Hollywood, in der ab den 40er Jahren seine bekanntesten und erfolgreichsten Filme entstanden sind. Viele Leute werden sicher sagen, dass seine alten in England gedrehten Filme nur eine Vorübung für seine späteren Hollywood-Reißer waren. Dem würde ich jedoch nur bedingt zu stimmten. Sicher sind Meisterwerke wie Vertigo (1958) oder Die Vögel (1963) opulenter inszeniert und bieten oberflächlich betrachtet mehr Unterhaltungswert, jedoch haben gerade seine früheren Filme einen unvergleichlichen Charme und besitzen einen unnachahmlichen Witz. Gerade deshalb, weil die Filme eher klein gehalten sind, schaue ich mir sie gerne an. Beispiele dafür sind Secret Agent (1936), die erste Version von Der Mann der zuviel wusste (1934) und Young and Innocent.
Hatten die beiden erst genannten noch den bekannten Mimen Peter Lorre an Bord, kann letzterer nicht mit bekannten Gesichtern punkten. Trotzdem überzeugen die Schauspieler. Und er hat weitere Qualitäten: Zwar ist er ehrlich gesagt nur minder spannend (eventuell eine Schwäche gegenüber seinen späteren Filme), jedoch macht dies der Witz und der mit viel Charme angereicherte Inszenierungsstil wett.
Nur einige Beispiele der humorvollen Szenen, die dezent eingesetzt sind, aber voll ins Schwarze treffen: Die Unterhaltung zwischen Tisdall und dem Rechtsanwalt wirkt schon fast wie eine Parodie auf Anwälte im allgemeinen.
Und auf der ersten Flucht ereignen sich auch so einige Szenen zum schmunzeln. Als ihr Auto stehen bleibt, fahren die Polizisten auf einem Bauernkarren mit und müssen sich die hintere Ladefläche mit Schweinen teilen. Und ein Tankwart hofft, dass der Flüchtling möglichst weit mit dem Auto kommt und infolge dessen oft Benzin nachfüllen muss - "it`s good for business".
Diesen Witz und - um das Wort vollends zu verbrauchen - Charme hat er in seinen Hollywood-Filmen nur noch selten erreicht. Einerseits legte er wohl in diesen Filmen mehr Wert auf andere Dinge wie Spannung und Nervenkitzel, jedoch unterlag er wohl ziemlich sicher oft auch dem Willen der Hollywood-Produzenten.
(Stefan Schuster)
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