Die Jungfrauenquelle (Jungfrukällan)
Drama, Schweden 1960
Regie: Ingmar Bergman Drehbuch: Ulla Isaksson, Ingmar Bergman Kamera: Gunnar Fischer Musik: Erik Nordgren Produzent: Allan Ekelund Darsteller: Max von Sydow, Birgitta Pettersson, Birgitta Valberg, Gunnel Lindblom, Axel Düberg u.a.
Die Geschichte dieses Klassikers von Ingmar Bergman ist angelegt im Schweden des 14. Jahrhunderts. Das junge Mädchen Karin (Birgitta Pettersson), Tochter einer reichen Gutsbesitzerfamilie, soll Kerzen zum Weihen in die Kirche bringen - ein alter Brauch, den nur eine Jungfrau vollführen kann. Unterwegs wird sie von Wegelagerern angehalten, die sie alsbald vergewaltigen und daraufhin töten. Nach der Tat ziehen die Mörder weiter. Ohne zu ahnen, dass es sich um das Elternhaus des toten Mädchens handelt, suchen sie ausgerechnet dort Unterkunft für die Nacht. Als sie Karins Kleid ihrer Mutter anbieten, haben sie ihr Todesurteil gefällt...
Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman (Das Gesicht, 1958; Die Stunde des Wolfs, 1968) war schon vor Die Jungfrauenquelle kein Unbekannter unter Kennern, doch dieser Film machte Bergman auch einem breiten Publikum international bekannt. Nicht zuletzt wegen einer der intensivsten und daher sehr erschreckenden Vergewaltigungsszene der Filmgeschichte - und das zu der damaligen Zeit. Viele Leute schrieen damals auf, die Zensurbehörde schaltete sich entsetzt ein und wollte die Szene heraus schneiden. Nach langem hin und her durfte sie aber doch drin bleiben und gezeigt werden. Bei dieser Szene schwenkt die Kamera nicht weg, sondern zeigt das Geschehen explizit (aber nicht pornographisch). Sehr mutig von Bergman, denn auch heute noch ist die Vergewaltigungsszene von einer brutalen Heftigkeit. Abschreckend und erschütternd, aber auch den in uns steckenden Voyeurismus weckend. Damit hält uns Bergman in gewisser Weise auch den Spiegel vor.
Dies macht Die Jungfrauenquelle zu einem düsteren Film. Eine alte nordische Sage bietet den Hintergrund für die Geschichte und Bergman scheut auch nicht davor zurück, das Rotkäppchenmotiv mit ein zubauen. "Du hast so schöne Hände, du hast so einen schönen Hals", sagen die Mörder und wie im Märchen fällt die Unschuld dem Bösen zum Opfer.
Neben der Verwendung dieser Mythologien- und Märchenmotive, bringt Bergman auch die Religion ins Spiel. Zunächst sieht man nur die Eltern vor einem Jesus-Kreuz beten, aber das gemeinsame Essen an dem langen Tisch erinnert sicher nicht zufällig an das bekannte "Letzte Abendmahl"-Gemälde von Leonardo da Vinci.
Und am Schluss, als der Vater (sehr überzeugend gespielt von Max von Sydow) die Mörder umgebracht hat, steht er an der Stelle wo seine geliebte Tochter zum Opfer gefallen ist und spricht zu Gott und fleht um Vergebung für seine Tat. Er will eine Kirche an diesem Ort bauen, um den Herrn im Himmel milde zu stimmen. Kurz nach dem Gebet, entspringt unter Karins Leichnam eine Quelle. Gott gibt sich damit zu erkennen und klar ist: Er vergibt dem Vater. Gott, der zwar Schlimmes bestraft (Vergewaltigung und Ermordung Karins), aber auch Schlimmes vergibt (der Racheakt des Vaters). Eine Wertung dieses Geschehens gibt Ingmar Bergman aber nicht ab und der Hintergrund ob er im realen Leben religiös war oder nicht, bzw. wie er glaubte ist mir nicht bekannt. Jedenfalls wird dem Zuschauer selbst überlassen, was er von diesem Widerspruch der Bestrafung und Vergebung zu halten hat.
Mich hat Die Jungfrauenquelle sehr begeistert. Eine fesselnde Geschichte, eine ungeheuer atmosphärische Inszenierung und grandiose Schauspieler. In einer Nebenrolle ist übrigens ein gewisser Allan Edwall als Knecht des elterlichen Hofes zu sehen. Vielen wohl besser bekannt in einer späteren, ganz anderen Rolle als Anton Svensson, dem Vater von Michel aus Lönneberga.
Noch eine Bemerkung zum Schluss: Von vielen Leuten wird Die Jungfrauenquelle als Vorlage zu Wes Cravens Horrorfilm Last House on the Left (1972) bezeichnet. Nun, von der Grundgeschichte mag da was dran sein (zwei junge Frauen fallen in die Hände einer Verbrecherbande, die nach dem Mord an den Mädchen in dem Elternhaus übernachten und schließlich von diesen brutal umgebracht werden). Kann sein, das sich Wes Craven von dem schwedischen Klassiker hat insperieren lassen, jedoch kann man die beiden Filme vom Inszenierungsstil her nur sehr schwer vergleichen. Wer sich also für Die Jungfrauenquelle nur aufgrund Craven's Revenge-Horror interessiert, wird vermutlich enttäuscht sein.
(Stefan Schuster)
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