Milano Kaliber 9
(Milano calibro 9)


Thriller (Poliziotto), Italien 1971
Regie: Fernando Di Leo
Drehbuch: Fernando Di Leo, Giorgio Scerbanenco
Kamera: Franco Villa
Musik: Luis Enríquez Bacalov
Produzent: Armando Novelli
Darsteller: Gastone Moschin, Mario Adorf, Barbara Bouchet, Frank Wolff, Philippe Leroy, Ivo Garrani, Luigi Pistilli, Lionel Stander u.a.


Ugo Piazza (Gastone Moschin) wird nach drei Jahren Gefängnis wegen guter Führung frühzeitig entlassen. Doch wirklich frei ist er nicht: Seine ehemaligen Kollegen um ihren Anführer, dem "Amerikaner" (Lionel Stander) sind ihm auf den Fersen, weil die meinen, dass Ugo kurz vor seiner Festnahme 300.000 Dollar unterschlagen hat. Piazza schwört, dass er das Geld nicht hat und versucht sich nicht mehr mit den Ganoven einzulassen. Doch von der Polizei hat er keine Hilfe zu erwarten, nur Chino (Philippe Leroy) und der blinde Don Vincenzo (Ivo Garrani) stehen auf seiner Seite. Allerdings sind die zunächst nicht scharf darauf, sich mit dem einflussreichen "Amerikaner" anzulegen.

Dieser Klassiker des italienischen Polizei- und Gangsterfilms ist ein sehr gutes Beispiel, wie breit gefächert das Subgenre des Poliziotto ist. Milano Kaliber 9 bietet schon fast politische Ansätze und befasst sich in manchen Dialogen ernsthaft mit politischen Themen und sozialen Missständen. Auch ist er vergleichsweise eher ruhig inszeniert als die actionenreichen Filme von z. B. Umberto Lenzi Der Berserker (1974) und Die Viper (1976). Im Gegensatz zu den genannten Filmen und überhaupt den meisten Poliziotti geht es zwar nicht um Selbstjustiz, aber auch Kommissar versucht sich Methoden zu bedienen, die über die legitimen Mittel der Polizei hinaus gehen. Er ist der Meinung, dass der Amerikaner der Gegner "seiner" Ordnung und Auslöser für die Probleme der Stadt ist. Der Vizekommissar Mercuri (herrlich zurückhaltend gespielt von Luigi Pistilli) bringt ein, dass die wahren Hintergründe von Verbrechen wirtschaftliche und politische Missstände sind.
Der Film dürfte auch Leuten gefallen, die nicht zu Liebhabern des Italo-Genrefilms zählen. Es gibt hier weder übermäßige Gewalt oder nackte Haut zu sehen, keine überspitzten Actionszenen und man kann ihm keine politisch unkorrekte Aussage unterstellen (auch wenn es defintiv eine klare politisch linksgerichtete Tendenz gibt). So bekommen also auch Leute, die sonst eher Thriller Marke Hollywood gewohnt sind, die Chance zu sehen wie großartig Thriller der italienischen Küche zubereitet sein können. Regisseur Fernando Di Leo hat die Zutaten für seinen Film tatsächlich sehr gut gemischt. Nie nimmt ein Aspekt überhand, alles von den politischen Kommentaren bis zu den sparsamen aber effektiv eingesetzten Actionszenen ist gut ausbalanciert. Er bietet auch einen erstaunlichen Tiefgang in seiner Charakterzeichung. Besonders intensiv sind die auf der Seite der Ganoven dargestellt und da vor allem der von Ugo Piazza. Man fühlt richtig mit ihm mit, wenn er von seinen alten Kollegen einfach nur in Ruhe gelassen werden will, diese aber hinter ihm her sind und ihn wieder an Bord holen möchten um ihn besser unter Kontrolle zu haben. Sein Charaktere besitzt eine ungeheuere Tiefe und wird von Gastone Moschin hervorragend ausgefüllt.
Ebenfalls sehr überzeugend ist die Darstellung von Mario Adorf als Schläger Rocco zu nennen. Hier spielt er wohl eine der fiesesten Rollen seiner Karriere und die Ausraster gehören zu den Higlights des Films. Einige Italo-Liebhaber sprechen von der besten Leistung seiner gesamten Karriere, andere nennen seine Darstellung übermotiviert. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo dazwischen. Tatsächlich kann er sich aber auch zurück nehmen, wenn es die Szene erfordert. Gerade wenn Ugo mit der Zeit immer gelassener wird und fast schon immun gegenüber Roccos gewalttätigen Auftritten, gewinnt auch Roccos Charakter an Tiefe.
Toll ist auch Philippe Leroy als Gangster Chino, der sich eigentlich zur Ruhe setzten wollte, aber sich aus Loyalität zu Ugo in einen Strudel aus Gewalt und die darauf folgende Gegengewalt ziehen lässt. Überhaupt beeindrucken besonders die vielen "Typen", die hier meist gegeneinander agieren, selbst wenn sie eigentlich im gleichen Boot sitzen. Die Darsteller-Riege liest sich sowieso wie ein Who-is-Who des italienischen Genrefilms. Frank Wolff als ekelhaft zynischer Kommissar, Luigi Pistilli als sein ihn nicht gerade schätzender Kollege und die bereits erwähnten.
Bei all dem Positiven sind einige Längen in der Dramaturgie aber leider nicht von der Hand zu weisen. Man muss an manchen Stellen (selten, aber es kommt vor) schon mit sich kämpfen um am Ball zu bleiben. Das lohnt sich aber, denn das unerwartete Ende überrumpelt einen förmlich.

Noch kurz ein paar Worte zum rasch ins Ohr gehenden und wirklich guten Soundtrack, da es hier seit die ansonsten sehr zu empfehlende deutsche DVD von Koch Media auf den Markt gekommen ist, immer wieder Irrtümer gab. Die Musik stammt natürlich nicht von Riz Ortolani, sondern von Luis Enríquez Bacalov. Und Ortolani hat auch nie einen Oscar gewonnen, sondern war für den Titelsong in dem Dokumentarfilm Mondo Cane (1962) lediglich nominiert. Luis Enríquez Bacalov zeichnete sich übrigens auch für die Musik in Sergio Corbucci's Meisterwerk Django (1966) verantwortlich und gewann für den Soundtrack zum Liebesdrama Der Postmann (1996) tatsächlich einen Oscar.


(Stefan Schuster)