Barry Lyndon
Drama, Großbritannien 1973
Regie: Stanley Kubrick Drehbuch: Stanley Kubrick Kamera: John Alcott Musik: Leonard Rosenman, The Chieftains, J.-S. Bach, Händel, Schubert, Mozart, Giovanni Paisello, Vivaldi u.a. Produzent: Stanley Kubrick Darsteller: Ryan O'Neal, Marisa Berenson, Hardy Krüger, Patrick Magee, Diana Körner, Leonard Rossiter, Gay Hamilton u.a.
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Irland, Ende des 18. Jahrhunderts. Redmond Barry (Ryan O`Neal) ist ein junger Bursche der sich unsterblich in seine Cousine Nora (Gay Hamilton) verliebt. Diese erwidert seine Liebe zunächst. Doch schon bald tritt John Quinn (Leonard Rossiter), ein englischer Offizier, in Noras leben. Da Quinn Nora mehr zu bieten hat als Redmond, steht schon bald die Hochzeit der beiden an. Auf der Bekanntgabe dieser, kommt es zum Eklat: Redmond wirft Quinn ein Glas Wein ins Gesicht und fordert ihn zu einem Duell heraus, das er auch gewinnt. Mit diesem Sieg kommt er allerdings auch mit dem Gesetz in Konflikt und muss aus Irland flüchten. Schon bald wird Redmond freiwillig englischer Soldat im Siebenjährigen Krieg. Durch einige Umstände wird er jedoch bald von einem preußischen Hauptmann entlarvt und zum Beitritt zur preußischen Armee gezwungen. Nach dem Krieg wird er als Spion angeheuert, macht aber bald Karriere als Falschspieler. Schließlich schafft er es sogar, die reiche Lady Lyndon (Marisa Berenson) zu heiraten. Aus dem Burschen ohne Zukunftsaussichten ist ein Mann mit viel Reichtum und Erfolg geworden. Doch dieser hält nicht lange an...
Mit Uhrwerk Orange, zwei Jahre vor Barry Lyndon entstanden, löste Stanley Kubrick kontroverse Diskussionen aus und schuf viel Stoff zum Nachdenken. Barry Lyndon ist dagegen ein sehr umgängliches Werk, das niemanden auf die Füße tritt. Die Geschichte wird relativ linear erzählt. Doch der Film bietet eine unheimliche Tiefe durch die einzigartige Machart, die Inszenierung, die detailverliebte Austattung und die fesselnd umgesetzte Geschichte. Ja, der Film trägt eindeutig die Handschrift des Genies Stanley Kubrick. Für Barry Lyndon diente der Roman Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon von William Makepeace Thackeray (1811 - 1863) als Vorlage, jedoch hielt sich Kubrick nicht streng an das Buch. Er beschränkte sich auf einige Handlungsstränge. Während Thackeray den Roman in der Ich-Form aus der Perspektive von Barry schrieb, ist im Film ein distanzierter Sprecher aus dem Off zu hören. Und dieses Stilmittel hat Kubrick überaus bewusst gewählt. Durch den Sprecher befindet sich der Zuschauer nicht auf einer Zeitreise in eine vergangene Epoche und befindet sich nicht mittendrin im Geschehen, sondern erhält eine Schilderung der Geschehnisse. Dadurch schwimmt Barry Lyndon nicht nur gegen den Strom eines typischen Historienfilms, sondern Kubrick verleiht ihm hierdurch auch eine unverwechselbare Zeitlosigkeit. Vieles machte der Regisseur anders als in einem gewöhnlichen Historienfilm. In wundervollen Aufnahmen gab er so gut wie allen Szenen das Aussehen von Gemälden aus jener Epoche. Es ist fast so, als blicke man in einem Museum auf Gemälde aus dem 18. Jahrhundert und hört dazu einen Museumssprecher (dargestellt durch den eben erwähnten Off-Sprecher) über diese Zeit reden. Viele Einstellungen beginnen mit einer Detailaufnahme (meist einem Close-up auf einen Protagonisten). Dann zoomt die Kamera allmählich in die Totale und gibt den Blick auf die gesamte, kunstvoll aufgebaute Szenerie frei. Das ganze wirkt dann wie in einem dreidimensionalen Gemälde, in dem nur ein oder zwei Leute sprechen, Mimik zeigen oder sich bewegen und im Hintergrund Personen in einer bestimmten Position verharren (z.B. beim Kartenspielen). Die Distanz zwischen uns und dem 18. Jahrhundert wird dadurch immer aufrecht erhalten und es gibt nur wenige Szenen in denen der Zuschauer direkt mit einbezogen wird. Wie z.B. die traurige Szene als Barry und Lady Lyndon am Sterbebett ihres kleinen Sohnes sitzen.
Eine Szene, in der der Gemäldecharakter sehr gut zu erkennen ist. Man achte auf die Personen im Hintergrund.
Stanley Kubrick drehte zwei Jahre lang an den Originalschauplätzen in England, Irland und Deutschland. Zu erwähnen ist, das er für jedes Land auch die dementsprechenden Landsmänner- und frauen als Schauspieler engagierte. In Deutschland sehen wir beispielsweise Hardy Krüger als preußischen Offizier. Bei Innenaufnahmen beschränkte er sich auf Kerzenlicht, was ebenfalls besonders erwähnenswert ist. Kubrick verwendete spezielle Kameralinsen, die Aufnahmen ausschließlich bei Kerzenlicht, natürlichem Tageslicht oder Licht das von Feuer ausgeht, ermöglichten. Diese Linsen wurden ursprünglich für die NASA entwickelt und sie erübrigten im gesamten Film den Einsatz von Scheinwerfern. Dieser Stil macht sich vor allem in Räumen bemerkbar. Es sind wundervolle Aufnahmen.
Bei Innenaufnahmen dienten ausschließlich Kerzen als Lichtquellen
Vier Oscars (beste Ausstattung, beste Kamera, Kostüme und Musikbearbeitung) und viele weitere Auszeichnungen (u.a. zwei "British Academy Awards" für beste Regie und Kamera) erhielt Stanley Kubricks Drama um Aufstieg und Fall des irischen Jünglings Redmond Barry. Auch war Barry Lyndon für den Oscar in der Kategorie "Bester Film" nominiert. Dort trat er unter anderem gegen Milos Forman`s Meisterwerk Einer flog über das Kuckucksnest an. Und dieser gewann die Auszeichnung schließlich auch. Barry Lyndon war gerade in den USA auch kein großer Erfolg, was wahrscheinlich mit Stanley Kubricks extravaganter Persönlichkeit zusammenhing, die in Hollywood nie gerne gesehen war.
(Stefan Schuster)
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