Martha

Drama, Deutschland 1974
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Cornell Woolrich, Rainer Werner Fassbinder
Kamera: Michael Ballhaus
Produzent: Peter Märthesheimer
Darsteller: Margit Carstensen, Karlheinz Böhm, Barbara Valentin, Peter Chatel, Günter Lamprecht u.a.

Martha (Margit Carstensen) ist Anfang dreißig, unselbstständig, Jungfrau und wohnt noch immer bei ihren Eltern. Kurz nach dem Tod ihres Vaters (Adrian Hoven) in einem Urlaub in Rom trifft sie den Ingenieur Helmut Salomon (Karlheinz Böhm). Als sie ihm in Deutschland kurz darauf erneut begegnet, gerät sie zunehmend in den Bann des charismatischen Mannes und nimmt seinen Heiratsantrag an und zieht mit ihm in ein großes Haus. Bald schon stellt sich heraus, dass Helmut ein herrischer Sadist ist und unterdrückt Martha.

Der Film über einen Mann, der seine Frau nach seinen Wünschen "modelliert", sorgte 1974 für großes Aufsehen. Fassbinder, der zu dieser Zeit bereits bekannt war, untermauerte seinen Ruf als gesellschaftskritischer Regisseur mit psychologischem Anspruch. Auf der einen Seite stellt er Helmut als widerlichen Sadisten dar. Andererseits zeigt er aber auch deutlich, dass das Verhältnis zwischen den beiden auch für Martha kein wirkliches Liebesverhältnis ist sondern eher die Suche nach Erlösung. Sie gibt sich mehr oder weniger freiwillig in die Abhängigkeit hinein und macht es Helmut mehr als einfach zu agieren wie er möchte. Sie hat in ihrem Leben immer alles abgenommen bekommen und darunter litt ihre Fähigkeit und beinahe sogar ihr Wille, Dinge selbst zu regeln und nach ihren Vorstellungen zu leben. Fassbinder selbst formulierte es so: "Wenn Martha zum Schluss des Films nicht mehr alleine lebensfähig ist, dann hat sie das erreicht, was sie eigentlich wollte..." Nur ganz selten erkennt sie ihre Lage als nicht ganz richtig an, beispielsweise wenn sie eine Katze als Haustier behalten möchte, Helmut zunächst zustimmt aber das Tier kurz darauf tötet. Andere Dinge lassen sie jedoch unnatürlich kalt. So zum Beispiel wenn der abwesende Helmut die Telefonleitung kappen lässt. Eher noch hat sie selbst das schlechte Gewissen - und Helmut hat es ihr noch nicht einmal eingeredet.
Bei ersterem Verhalten, nämlich das Erkennen das etwas falsch läuft, macht sich dann wieder Helmuts psychische Gewalttätigkeit bemerkbar. Ihn macht es unglaublich an, wenn Martha leidet. Bei anderen Gelegenheiten findet er seine Frau nicht attraktiv, wie er auch relativ am Anfang des Films einmal selbst sagt.
Es handelt sich um ein perfektes Zusammenspiel zwischen Helmuts Drang einen anderen Menschen zu "besitzen" und Marthas Wunsch nach dem Abgeben von Verantwortung für sich selbst.

Eine solche Geschichte wäre ohne gute schauspielerische Leistungen sicher nicht mal halb so gut. Margit Carstensen spielt die mehr als nur naive Martha sehr überzeugend und bringt all das zum Ausdruck, was die Rolle hergibt. Karlheinz Böhm zeigt ebenfalls sein Können als Charakterdarsteller, was bei ihm natürlich aufgrund seines Franz in den Sissi- Filmen besonders verblüfft. Aber natürlich hat ihn bereits Michael Powell in dem provokanten Thriller Peeping Tom (1960) gegen sein Image besetzt.

Die Bildgestaltung ist ebenfalls sehr gut gewählt. Der etwas altmodische Touch macht sich sehr gut. Kameratechnisch muss wohl nicht erwähnt werden, dass Michael Ballhaus eine geniale Bildsprache fand - mit den Kameraeinstellungen und natürlich nicht zuletzt mit der weltberühmten Fahrt um die beiden Hauptakteure wenn sie sich zum ersten mal begegnen. Michael Ballhaus war quasi der Haus-Kameramann von Fassbinder und zeichnet sich heute für die Kameraarbeit in vielen Hollywood-Filmen verantwortlich. Was er damals für Fassbinder war, ist er heute für Martin Scorsese und auch für Star-Regisseure wie Francis Ford Coppola und Barry Levinson arbeitet er.


(Stefan Schuster)