Die Stunde wenn Dracula kommt (La Maschera Del Demonio)
Horror, Italien 1960
Regie: Mario Bava Drehbuch: Mario Bava, Ennio De Concini, Mario Serandre Kamera: Mario Bava Musik: Roberto Nicolosi Produzent: Massimo De Rita Darsteller: Barbara Steele, John Richardson, Andrea Cecchi, Ivo Garrani, Arturo Dominici u.a.
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Im Jahre 1630 werden die als Hexe beschuldigte Asa (Barbara Steele) und ihr Geliebter Javutich (Arturo Dominici) von Asas eigenem Bruder zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Bevor das Urteil vollstreckt wird, verflucht die Hexe ihren Bruder und dessen Nachfahren. Ihr wird daraufhin eine Eisenmaske auf das Gesicht geschlagen. Zwei Jahrhunderte später bleiben der Arzt Prof. Krubajan (Andrea Checchi) und sein Assistent Dr. Gorobec (John Richardson) bei einer Kutschfahrt auf der Strecke direkt vor der Gruft der Hexe Asa liegen, da ihnen ein Wagenrad bricht. Sie gehen zum Grab von Asa. Krubajan verletzt sich und ein Tropfen Blut tropft auf ihr Gesicht. Durch das Blut erwacht Asa zu neuem Leben und will ihre damals angekündigte Rache nun endlich nehmen, indem sie den Körper ihrer jungen Nachfahrin Prinzessin Katia (Barbara Steele) benutzen will...

Der Film beginnt noch bevor der Titel eingeblendet wird mit einer ungeheuer kraftvollen Szene. Asa wird der Hexerei beschuldigt, muskelbepackte Männer halten sie fest, ihr wird das Zeichen Satans in die Haut gebrannt, ihr Geliebter Javutich wird als Damön bezeichnet und sie selbst schwört ewige Rache. Dann sieht der Zuschauer eine Maske mit riesigen Nägel auf der Innenseite in Großaufnahme und Asa wird diese gewaltsam mit einem großen Hammer auf ihr Gesicht geschlagen. Es wird in diesen paar Minuten sofort klar: Dieser Film geht nicht zimperlich mit seinem Publikum um und zieht es in seinen Bann.
La Maschera Del Demonio ist ein Film, der seit seinem Entstehen einiges mit gemacht hat. Von den italienischen Produzenten als Antwort auf die Horrorfilme der britischen Hammer-Studios mit ihren unzähligen Frankenstein- und Dracula- Variationen gedacht und wie diese Filme stilistisch an die alten Universal-Horrorfilme angelehnt, ließ er zuerst in den USA die Kinokassen klingeln. Das Produzenten-Team James Nicholson und Samuel Z. Arkoff der "American International Pictures", kurz "AIP", war zu dieser Zeit in Europa unterwegs auf der Suche nach Filmen für den amerikanischen Markt. Das große Independent-Studio der USA produzierte neben qualitativ hochwertigen Filmen wie die Edgar Allan Poe- Filme von Roger Corman mit Vincent Price auch viele Schnellschüsse die eher auf Quantität abzielten als auf Hochwertigkeit. Und da die Filme in erste Linie an ein jugendliches Publikum gerichtet waren, durften die Streifen auch nicht zu brutal sein. Action mit viel Ironie oder Grusel war ok, Explizitäten und Zweideutigkeiten allerdings waren ausdrücklich unerwünscht. Bei den Filmen, an denen die AIP direkt bereits in der Produktion beteiligt war, war dies kein Problem. Die eingekauften europäischen Filme dagegen wurden gekürzt was das Zeug hält. So auch Mario Bavas Film, der in den USA als Black Sunday veröffentlicht wurde und neben einigen Kürzungen erfuhr der Film auch eine Synchronisation, in der Wörter wie Satan oder andere religiöse Blasphemien gekonnt vermieden wurden. AIP war defintiv eine Firma, die fast ausnahmslos auf ihren eigenen Erfolg ausgerichtet waren. So wurde Barbara Steele nach ihrem Erfolg mit Black Sunday in die USA geholt und stand für AIP-Prodktionen vor der Kamera, weil man sich einfach sicher war mit ihr eine kassenträchtige Schauspielerin zu haben. Haus-Komponist Les Baxter dagegen vertonte die eingekauften europäischen Filme neu. So wurde die Originalmusik aus La Maschera Del Demonio von Roberto Nicolosi in der amerikanischen Version durch einen neuen Score von Baxter ersetzt. Motive von Nicolosi wurden dabei aber übernommen. Natürlich muss man der AIP trotz all der egoistischen Aktionen dankbar sein dass sie dem Film zum Erfolg verhalfen. Und auch die italienischen Produzenten profitierten davon, denn die 100.000 $ Verleihrechte für die AIP den Film erwarb, dekten mit einem Schlag die Produktionskosten. Aufgrund des enormen Kultstatus von Maria Bava können auch wir Deutschen den Film heutzutage in der originalen italienischen Version genießen. Während manch andere Italo-Filme aus dieser Zeit oft keine oder nur gekürzte Veröffentlichungen im Ausland erfahren, lohnen sich die Filme von Bava für die umsatzorientierten Labels. Leider muss dabei aber erwäht werden, dass die aktuelle deutsche Synchronisation den Film geschickt zu einem Film über Dracula macht und der deutsche Titel tut sein Übriges dazu. Von der Originalstory des Films ist das entfernt. Zwar ist in der italienischen Originalsprache manchmal von Vampiren die Rede, aber der Fürst der Finsternis kommt nicht vor.
Was noch vor der Einblendung des Titels und der Cast & Crew- Namen beginnt, zieht sich im weiteren Verlauf des Films weiter. Die Stunde wenn Dracula kommt bietet eine dichte Atmosphäre und die beängstigenden schwarz-weiß-Bilder sind wunderbar fotografiert. Bava verwendete verschiedene Filter, um alle möglichen Grautöne auf die Leinwand zu bringen. Er wollte das Spektrum zwischen schwarz und weiß vollkommen ausschöpfen und behandelte quasi den s/w- Film als wäre es ein Farbfilm. Fantastisch sind die Spezialeffekte, wenn sich Prinzession Katia vor laufender Kamera - also ohne einen Schnitt - in die Hexe Asa verwandelt. Dabei scheint ihr Gesicht zu altern. Eine solche Transformation ist in heutigen Zeiten am Computer überhaupt kein Problem mehr, damals jedoch musste man sich für solch einen Effekt schon etwas einfallen lassen. Viele Regisseure bzw. Spezialeffekte-Macher trauten sich damals gar nicht an so etwas heran oder dachten nicht mal darüber nach. Mario Bava setze einen solchen Effekt bereits für Szenen in Der Vampir von Notre Dame aus dem Jahre 1957 ein. Anhand dieses Films von Regisseur Riccardo Freda, bei dem er als Kameramann und Macher der Spezialeffekte arbeitete, erklärte Bava selbst diesen Effekt. Er verwendete einen panchromatischen Film, der auf wesentlich mehr Farbabstufungen reagierte als gewöhnliches Filmmaterial. Das Make-Up den Endstadiums der Verwandlung ist mit roter Farbe bereits auf das Gesicht der Darstellerin aufgetragen und wird durch einen Rotfilter zunächst unsichtbar gemacht. Dann kommt zunehmend ein Grünfilter in das Bild, wodurch die Schminke langsam immer sichtbarer wurde. Das Hin- und Herwechseln zwischen den beiden Filtern erweckt den Eindruck einer Transformation. Dieser Effekt war zwar zu dieser Zeit nicht neu, genutzt wurde er u. a. in Ben Hur (1925) in der Szene als Jesus die Leprakranken heilt und in der Verwandlungs-Szene von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde in Rouben Mamoulian's 1932er Verfilmung der Geschichte von Robert Louis Stevenson, jedoch macht es Bavas Ambitionen deutlich, dass er einen solchen Effekt nutzt und so das europäische Kino wenigstens im Bereich der Spezialeffekte in eine Reihe mit amerikanischen Großprodukionen stellt.
Im Erzählerischen zeigen sich jedoch Bavas Schwächen. Einige Verhaltensweisen der Charaktere sind leider recht unglaubwürdig, was sich beispielweise zeigt wenn Prof. Krubajan gerade noch von der Wichtigkeit des Kreuzes auf dem Grab der Hexe Asa sprach und es dann im nächsten Moment in einem Anfall von Unachtsamkeit beschädigt. Das Ziel der Zerstörung des Kreuzes hätte man auch anders erreichen können. Bava und seinen Co-Screenwritern jedoch schien dies nicht so wichtig zu sein. Damit geht etwas von der Glaubwürdigkeit in dieser Szene verloren. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Erzählebene bei Genre-Filmemachern aus Italien generell eine Schwachstelle ist. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel, aber berühmt und beliebt ist der italienische Genre-Film meiner Ansicht nach zurecht in erster Linie für seine intensiven Bilder, Farbgestaltungen und eleganten Darstellungen. Mario Bava (Blutige Seide, 1964; Planet der Vampire, 1965; Danger: Diabolik, 1968) ist hierbei einer der großen Meister und prägte das italienische Kino im Allgemeinen wie kaum ein anderer. Trotz der teilweise recht expliziten Gewaltdarstellung ist Die Stunde wenn Dracula kommt ein klassischer Horrorfilm. Er ist selbst in den grausamsten Momenten elegant fotografiert und hat eine innere Kraft, wie man sie in modernen Horrorfilmen kaum noch findet. Diese Stärke ist eine, die bezeichnend ist für den europäischen Horror- und Gruselfilm. So sind die Filme aus der Edgar Allen Poe- Reihe von Roger Corman eher europäisch als amerikanisch. Und auch Robert Wises Klassiker Bis das Blut gefriert aus dem Jahre 1963 ist auf jeden fall europäisch angehaucht. George A. Romeros Meisterwerk Die Nacht der lebenden Toten (1968) ist ebenfalls unbestreitbar inspiriert vom Zeitgeist der großen italienischen Horrorfilm-Periode, findet er doch seinen Vorläufer in dem in Italien co-produzierten The Last Man on Earth (1964). Im Umkehrschluss ist Mario Bava also nicht nur wichtig gewesen für das "Cinema Italiano", sondern auch für den internationalen Horrorfilm.
 Für die große Popularität des Films ist auch Barbara Steele ein wichtiger Grund. Die damals 23-jährige Schauspielerin gilt als die "Grande Dame" des Horrorfilms. Mit Die Stunde wenn Dracula begann ihre Karriere. Sie spielt die beiden unterschiedlichen Rollen der auf Rache sinnenden Hexe Asa und der unschuldigen, melancholischen Katia sehr überzeugend. Ihr langen Wimpern, die aussehen wie Krähenfüße setzt sie als Asa gekonnt in Szene und als Katia fallen vor allem ihre großen Augen auf. Mario Bava hatte sie damals auf einem Foto in einer Zeitschrift gesehen und fand in ihr "das perfekte Gesicht". Von AIP wurde sie danach in die USA geholt und spielte hier in Das Pendel des Todes (1961) von Roger Corman neben Vincent Price. Europa blieb sie jedoch treu und machte hier nicht nur in Grusel- und Horrorfilmen auf sich aufmerksam. Federico Fellini besetzte sie für seinen 8½ (1963) und Volker Schlöndorff für sein Drama Der Junge Törless (1966).
(Stefan Schuster)
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