M - Eine Stadt sucht einen Mörder
Krimi/Thriller, Deutschland 1931
Regie: Fritz Lang Drehbuch: Fritz Lang, Thea von Harbour Kamera: Fritz Arno Wagner, Karl Vash Musik: Edvard Grieg Produzenten: Ernst Wolff, Seymour Nebenzahl Darsteller: Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Paul Kemp, Theo Lingen, Theodor Loos, Inge Landgut u.a.
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Berlin des Jahres 1931. Die Stadt wird seit Monaten von einem Kindermörder (Peter Lorre) terrorisiert. Die ganze Stadt spricht von den bestialischen Untaten des Triebverbrechers. Immer größer wird die Nervosität der Polizei und die Bevölkerung sieht in jedem Verdächtigen den Kindermörder. Doch die Methoden des Verbrechers verletzten jede Ganovenehre und die Razzien der Polizei verderben den Kleinkriminellen jedes Geschäft. Und so nimmt auch die Unterwelt die Suche nach dem Mörder auf. Unter Führung des Schränker (Gustaf Gründgens) schlagen sich alle Ganoven mit den Bettlern der Stadt zusammen und gemeinsam schaffen sie es, der "Bestie in Menschengestalt" auf die Spur zu kommen...
M ist ein unglaublich atmosphärischer Film, fesselnd bis zum Schluss und mit ausnahmslos überzeugenden Schauspielern besetzt. Die meisten Darsteller wurden direkt von den deutschen Bühnen geholt und wurden mit diesem Film bekannt. Der einzige der bereits ein Star war, hieß Gustav Gründgens. Er war ein Vollblutschauspieler, der sich aber über Langs Angebot eine größere Rolle in M zu spielen sehr freute. Denn nun konnte er seine Begabung auch einem größeren Publikum und vor allem in einem anderen Medium vorführen.
Dagegen wurde der Darsteller des Kindermörders Hans Beckert, Peter Lorre, erst mit diesem Film zum Star - und zwar "über Nacht", wie man so schön sagt. Fritz Lang entdeckte Lorre eines Tages im Theater. Lang plante gerade seinen Krimi über einen Kindermörder insperiert von den Taten der Serienmörder Fritz Haarmann und Peter Kürten einige Jahre zuvor. Als er Lorre sieht, weiß er sofort dass er diesen kleinen dicklichen Mann mit der sanften Stimme als Hauptdarsteller haben muss. Als er Lorre engagieren wollte, meinte dieser jedoch zunächst, er sei zu klein für einen Filmschauspieler. Doch Lang konnte ihn überreden anzunehmen. Gleich sein erster Auftritt als Schatten an einer Litfasäule lässt dem Zuschauer einen Schauer über den Rücken laufen. Und dann seine sanfte Stimmte: "Du hast aber einen schönen Ball. Wie heißt du denn?" Mit diesem einem Film wurde Lorre berühmt - auch im Ausland, denn der Film wurde in viele europäische Länder und in die USA verkauft. Sein erschreckend intensives Spiel des kranken und verzweifelten Kindermörder in diesem Film, brachte ihm zunächst die Achtung und das Interesse Alfred Hitchcocks ein und schließlich auch das der amerikanischen Film-Studios. Zu Beginn der Nazi-Ära emigrierte der in Österreich geborene jüdische Lorre über Paris nach England und schließlich in die USA. Er verabschiedete sich mit den Worten "Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz." Symptomatisch für die Wirkung seiner Darstellung in Langs Film.

M war Fritz Langs erster Tonfilm, der damals noch in den Kinderschuhen steckte. Lang sprach sich lange Zeit gegen die Einführung des Tonfilms aus. Nach seinen Stummfilm-Klassikern Der müde Tod (1921), Dr. Mabuse, der Spieler (1922), Die Nibelungen (1924) und Metropolis (1926) schien es als sei es aufgrund seiner Antihaltung gegenüber dem Tonfilm mit seiner Karriere vorbei, da der Ton im Film eine logische und unausweichliche Entwicklung dar stellte. Der Vertrag mit Nero Film gab Lang dann aber neuen Aufwind und er tat sich mit seiner (zu dieser Zeit eigentlich schon getrennt lebenden Ehefrau) Thea von Harbou wieder zusammen um ein Drehbuch zu schreiben. Ein Drehbuch für einen Tonfilm. Lang, der große Innovator, hatte sich hohe Ziele gesetzt: Er wollte es schaffen, den Tonfilm im Geiste eines Stummfilms zu nutzen und den Ton zu einem neuen Kunstwerk erheben. Und dies gelang ihm überaus gut. Seine Tonschnitte, die heute gang und gäbe sind, waren damals sehr ungewöhnlich. Lang setzte keinerlei Musik ein. Die einzige Melodie ist Edvard Griegs Peer Gynt, Suite No. 1, Opus 46-4, In der Halle des Bergkönigs, die der Mörder Beckert in seinem Wahn immer wieder peift. Weiterhin drehte er manche Passagen bewusst als Stummfilm und erst ein Pfiff oder Schrei leutet die Umgebungsgeräusche wieder ein. Ein Prädikat Langs besonderem Umgang mit dem Ton im Film. Er legte auch über manchen Szenen ein so genanntes Voice-Over. In einer Sequenz lässt uns der Film beispielsweise an einem Telefongespräch zwischen dem Polizeipräsidenten und dem Innenminister teilhaben. Während der Polizist von den eingeleiteten Maßnahmen zur Suche des Täters berichtet, werden uns die Ermittlungsmethoden vor Augen geführt. Solche Voice-Over-Szenen tauchen noch häufiger auf und waren zu dieser Zeit bahn brechend. M wurde damals von der Fachpresse bezeichnet als ein Film der der Tonfilmkunst einen neuen Standard absteckt.
Eine weitere Qualität des Films ist die eben bereits erwähnte Schilderung der Ermittlungsarbeiten der Polizei.
Lang zeigte die damals modernsten Polizeimethoden auf und schilderte ganz genau die akribische Arbeit der Polizei. Man ist teilweise ganz schön überrascht zu sehen, welche Methoden die Polizei damals schon angewandt hat - zumindest in Großstädten wie Berlin. Immer wieder haben Filmkritiker betont, dass Lang mit seinem Film den Schritt vom Expressionismus zur neuen Sachlichkeit vollzogen hat. Im Rahmen der dazu nötigen Recherche informierte der Regisseur sich bei der Kriminalpolizei über Fahndungsmethoden, bei Psychiatern und Psychologen über die Mentalität von Triebtätern. Auch dies war damals noch sehr neu in der Filmwelt. Der Film ist zu einem großen Teil geprägt von einem dokumentarischem Realismus. Lang beabsichtigte dies ganz bewusst und gab später einmal selbst eine Erklärung dafür: "Ich wollte von solchen Monsterfilmen wie Metropolis oder Frau im Mond wegkommen, ich wollte einen intimeren, einen tiefgehenden Film machen." Langs Hinwendung zu Themen die näher am gesellschaftlichen Puls der Zeit waren, setzte er in seinen US-Filmen ab Blinde Wut (1936) fort.
Unbedingt erwähnt werden muss auch die Kameraarbeit von Hauptkameramann Fritz Arno Wagner in M. Eine Einstellung in einem sehr steilen Winkel nahezu senkrecht hinunter in ein vierstöckiges Treppenhaus ist zwar auch heute nicht alltäglich, aber war 1931 vollkommen neu. Oder Einstellungen von der Decke, die sehr verblüffend sind. Manchmal entwickel die Kamera sogar so etwas wie ein Eigenleben, die eingesetzt wird wie der Blick eines Menschen oder besser: unser Blick direkt in das Geschehen. Wenn Leute sich streiten, beobachtet sie alles aus nächster Nähe und bietet viele so genannte Close-Ups - ein Wort, was damals vermutlich noch gar nicht geboren war. Die Kamera ist somit nicht nur Erzähler, sonderun fungiert manchmal auch als eine Art Symbol für menschliche Schaulustigkeit.
Ein weiterer wichtiger Punkt in M sind die Verweise an die damalige Aufziehende neue Politik die sich aus der Weimarer Republik entwickelte. Damit nimmt Lang auch eine gewisse politische Haltung ein. Der Film und seine düstere Stimmung wirkt noch um einiges düsterer wenn man bedenkt, dass zu der Entstehungszeit gerade Adolf Hitler mit seiner nationalsozialistischen Partei im Begriff war an die Macht zu gelangen. In einer Sequenz sieht und hört man einige Herren in einer Stammtischrunde munter fachsimpeln über die Morde. Dies ist ohne Zweifel eine Anleihe Fritz Langs an den scharfen Kritiker der kriegstreibenden Oberschicht und der rechten Szene Deutschlands, George Grosz. Die Inspiration zu seinen bitterbösen Karikaturen der 20er Jahre zog er aus der Weimarer Republik. Seine Arbeiten wurden im Jahr 1936 von Hitler verboten. Fritz Lang schätzte Grosz sehr und ließ es sich nicht nehmen, dessen Karikaturen als Vorlage für diese Tischrunde zu nehmen. Die Zigarre qualmenden Bonzen scheinen einer von Grosz' Kriegskarikaturen entsprungen zu sein und wie bei Grosz bekommen sich die Männer in die Haare, indem sie sich in ihrem Übereifer gegenseitig beschuldigen der Mörder zu sein. Bei Grosz waren die Gründe der Streitigkeiten Geld oder Hochverrat.
 Die Bonzen in M (oben) und
in einer Karikatur von Grosz (unten)
Des weiteren fallen im Bezug auf Anleihen an den Krieg, das Marschieren der Polizisten wie Soldaten auf. Und natürlich Schränkers Ansprache: "Diese Bestie hat kein Recht zu existieren. Sie muss weg, sie muss ausgerottet werden, vertilgt. Ohne Gnade und Barmherzigkeit." Erinnerungen an die Judenverfolgung kommen hoch, die aber eigentlich erst einige Jahre nach dem Entstehen des Filmes begannen. Lang als Visionär.
Ein anderer politisch kritischer Ansatz Langs ist der Vergleich zwischen Unter- und Oberschicht, der aber ehrlich gesagt schwer auszumachen ist. Die Kritik an der Teilung in verschiedene Gesellschaftsschichten ist aber sicher vorhanden, wenn auch nicht so deutlich wie in Metropolis (1926) - dafür aber gegenwartsbezogen. Kinder ärmerer Leute werden beispielsweise nicht von der Schule abgeholt und sind deshalb der Bedrohung für den Kindermörder eher ausgesetzt.
Der Vergleich zwischen den Methoden der Polizei und Unterwelt ist eines der spannensten Themen im Film. Da die Polizei mit ihren Vorgängen lange Zeit im dunkeln tappt, fühlen sich die Kriminellen aufgefordert, selbst etwas zu tun. Unter Leitung des Schränkers stellen sie eine Organisation der Bettler zusammen, um den Mann der ihnen das Geschäft vermiest und mit dem sie von der Bevölkerung nicht in einen Topf gesteckt werden wollen, zu fangen. Gerade die Bettlerorganisation ist auch die effizienteste. Und dies ist ein kritischer Blick auf die Weimarer Zeit. Armut und Elend sind anscheinend so allgegenwärtig, dass alle Straßen und Plätze von den Bettlern, den Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, beobachtet werden können ohne das dies besonders auffällig wäre.
Die lange Suche nach dem Mörder endet schlussendlich in einer Gegenüberstellung des Täters mit der Unterwelt, die schneller war als die Polizei. Dieser unbestrittene Höhepunkt des Films ging mit einem unfassbar emotionalen und sehr ergreifenden Plädoyer gegen die Todestrafe in die Filmgeschichte ein: Das Pädoyer des Mörders vor dem "Gericht" der Ganoven. Lang inszenierte diesen Prozess als Farce. Die Verbrecher respektieren zwar anscheinend die Form eines Prozesses, doch steht das Urteil im Vorhinein fest. Der Monolog des Mörders, so intensiv und eindringlich von Peter Lorre gespielt, schildert wie er zum Opfer seiner eigenen Zwänge wird. "Will nicht, muss" wiederholt er immer und verdeutlicht damit seine psychische Lage. Doch die "Geschworenen" um den Anführer Schränker wollen keine Gerechtigkeit, sondern Rache. Aber interessanterweise ist die Polizei trotzdem nicht der moralische Gewinner. Denn letztendlich sind es die Kriminellen, die für die Sicherheit der Kinder gesorgt haben. Auf diese Weise lässt Fritz Lang beim Zuschauer fragen nach Recht und Ordnung aufkommen. Und ganz zum Schluss, nachdem Hans Beckert von der Polizei "gerettet" wurde kommen dann auch noch mal drei Mütter der ermordeten Mädchen zu Wort ("Das macht unsere Kinder auch nicht wieder lebendig"). Spätestens jetzt befindet sicht der Zuseher endgültig in einem moralischen Konflikt. Und das Thema der Todesstrafe ist ja auch heute noch so aktuell wie damals. M, der unter vielen Filmhistorikern als 'bester deutscher Film aller Zeiten' gilt, balanciert geschickt zwischen Plädoyer und Analyse. Fritz Lang beleuchtete alle Seiten mit der nötigen Distanz. Er billigt dem Mörder zwar echte Gefühle zu und stellt ihn als kranken Menschen dar, vergisst aber auch nicht die Opfer und deren Angehörige.
Die bereits angesprochene Vorzeichung des Treiben von Hitler und Konsorten im Dritten Reich trug übrigens nur wenige Jahre nach der Entstehung des Films erschreckende Blüten im feindlichen Lager. In dem nationalsozialistischen Propaganda- und Hetzfilm Der Ewige Jude wurden 1933 Szenenbilder aus M eingebaut. Die komplette Aussage des Films wurde sozusagen umgedreht. Die Nazipropaganda machte aus dem Kindermörder Beckert den Juden Lorre und trat vor der deutschen Bevölkerung den "Beweis" an: "So sind sie, die Juden".
Die Nazis waren sicher nicht ganz stupide. Sie wussten ganz genau, dass das Medium Film eine wichtige Plattform war, die sie sich zu eigen machten wollten. 1933, kurz nach der Machtübernahme Hitlers und dem Verbot von Lang's Film Das Testament des Dr. Mabuse, bot Reichsminister Dr. Joseph Goebbels Fritz Lang die Leitung der deutschen Filmwirtschaft an. Seinen Stand als Aushängeschild des deutschen Films wollte Goebbels unbedingt nutzen. Aber Lang hatte keine Lust eine Propagandamaschinerie zu leiten und setzte sich innerhalb einer dreimonatigen Bedenkzeit, die er zugestanden bekam, nach Paris ab. Die einzige Möglichkeit für deutschsprachige Filmleute - egal ob Juden oder nicht - dem Naziregime zu entkommen war die Flucht ins Ausland. Regisseure und Autoren wie Fritz Lang, Josef von Sternberg, Billy Wilder, Max Ophüls, Schauspieler wie Peter Lorre, Conrad Veidt und Kameramänner wie Karl Freund wollten sich nicht für die Zwecke der Nationalsozialisten einspannen lassen und gingen ins Exil. Dies ist wohl auch der Hauptgrund, warum der deutsche Film nie wieder so eine Blütezeit erlebte wie vor Hitlers Machtergreifung.
(Stefan Schuster)
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