Tomas Milian gilt als einer der wichtigsten Schauspieler des italienischen Genrefilms der 60er und 70er Jahre. Er hat es von der Farm seiner Eltern in Kuba als Tellerwäscher bis zum Broadway geschafft und wurde mit seinen Rollen in vielen Italo-Western und italienischen Polizei- und Gangsterfilmen unter Genrefans berühmt. Auch heute noch setzen ihn viele Regisseure als Akzente setzenden Charaktermimen vor allem in Hollywood-Produktionen ein.
| | | | |
 |
Der Schauspieler Tomas Milian wurde als Tomás Quintín Rodríguez am 3. März 1932 in Havanna, Kuba geboren. Sein Vater war ein General unter der kubanischen Diktaktur, der mit dem Ende dieser im Jahre 1933 gefangen genommen wurde. Im Gefängnis litt er unter Depressionen, Klaustrophobie und wurde in eine Klinik eingeliefert. Als es ihm wieder besser zu gehen schien, durfte er wieder zu seiner Familie. Die Rodríguez' zogen auf eine Farm in Punta Brava, nicht weit entfernt von Havanna. Der junge Tomas besuchte zu dieser Zeit die konservative Cuban Salesiani Schule. In seiner Freizeit schrieb er bereits im Alter von elf Jahren eigene Theaterstücke. Sein Ziel war es, einmal selbst auf der Bühne zu stehen. Doch sein Vater hatte ändere Plane mit seinem Sohn. Er wollte ihn auf die Militär Akademie schicken. Ein Schicksalsschlag verhinderte dies allerdings. Vater Rodríguez wurde wieder in die Armee zugelassen, doch bekam eine um ein vielfaches untergeordnete Stelle als er sie unter der Diktaktur hatte. Von Vorgesetzen wurde er, der seine Depressionen immer noch nicht im Griff hatte, schikaniert und gequält. Als er den Druck und die Verletzungen in seiner Ehre nicht mehr aushielt, verübte er einiges Tages im Jahre 1945 in seinem Zuhause Selbstmord. Der junge Tomas musste den Freitod seines Vater mit eigenen Augen mit ansehen, da er gerade ins Zimmer kam, als es geschah. Die Familie schickte den einzigen Augenzeugen zu psychoanalysischen Tests, doch die Ärzte hatten Schwierigkeiten im Umgang mit dem traumatisierten Jungen. Um sich von der schweren Tragödie abzulenken, beschloss Tomas mit Anfang 20 etwas aus seiner Leidenschaft für das Theater zu machen. Die nötige Inspiration bekam er duch Elia Kazan's Film Jenseits von Eden (1955) mit James Dean, der sein großes Vorbild wurde. Tomas' großes Ziel war es, in die Schauspielschule von Elia Kazan and Lee Strasberg, dem Actor's Studio aufgenommen zu werden.
Er ging also in die USA, wo es ihn zuerst nach Miami verschlug. Hier arbeitete er als Parkwächter und Tellerwäscher. Doch er wollte seinen Traum wahr machen und hatten nicht so viele große Stars vor ihm ebenfalls als Tellerwäscher angefangen? Er trainierte sein Englisch und sprach für einige Theaterrollen vor. 1955 bekam er seine erste Rolle in dem Stück The Boat without Fishermen von Alejandro Casona. Einige weitere Rollen folgten und er wollte unbedingt die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangen. Darum ging er in die Navy, wurde aber nach sieben Monaten entlassen. Dies freute Tomas natürlich, verabscheute er doch aufgrund der Vergangenheit seines Vaters Krieg und jede Form von Gewalt. Er ging nach New York und dort tagsüber auf eine Zeichnerschule, die Art Student League. In Abendkursen besuchte er eine Schauspielschule und sammelte dort weitere Erfahrungen für seine Leidenschaft. Eine der Lehrerinnen war begeistert von Tomas' Talent und verschaffte ihm tatsächlich ein Vorsprechen in Elia Kazan's Actor's Studio, als sie von seinem Ziel hörte. In der Aufnahmeprüfung musste er ein kleines Fragment aus Arthur Laurents' Home of the Brave spielen. Nach dem zweiten Vorsprechen am 17. Dezember 1957 bekam er ein paar Tage später einen Anruf mit der freudigen Nachricht, er wäre einer von nur zwei aus 5.000 Akteuren, die die Prüfung bestanden hätten. Er hatte es tatsächlich geschafft! Er spielte von nun an in vielen Theaterstücken, sogar am Broadway und arbeitete dabei mit vielen Leuten zusammen, die auch schon mit seinem großen Vorbild James Dean gearbeitet hatten. In dieser Zeit änderte er seinen Namen in Tomas Milian.
Milian bekam auch eine Rolle für das Fernsehen angeboten. In einer Folge der TV-Serie Decoy (1958) hatte er einen kleinen Part. Bei dieser Arbeit hatte der selbstbewusste und strebsame Milian am Medium Fernsehen Blut geleckt und wollte dort größere Rollen spielen, am liebsten auch auf der Leinwand im Kino zu sehen sein. Zunächst aber folgten einige Theaterengagements in Europa, da er von den Actor's Studio auch verliehen wurde. In Italien schließlich sollte der nächste Schritt zum Filmschauspieler folgen. Der Film-Regisseur Mauro Bolognini war gerade unterwegs in den Theaterhäusern um neue Talente zu suchen. Als er Tomas Milian entdeckte, war er sofort begeistert. Milian nahm das Angebot natürlich sofort an, in Bolognini's Drama La Notte brava (1959) mitzuspielen natürlich ohne zu zögern an. Der Film hatte großen Erfolg beim Festival dei Due Mondi in Spoleto und Italien wurde die private und berufliche Heimat von Milian. Anfang bis Mitte der 60er Jahre spielte er in vielen Dramen meist sensible und verwöhnte Charaktere aus dem Kleinbürgertum. Erwähnt werden muss seine Rolle in dem Episoden-Film Boccaccio '70 (1961), dessen Segmente mit hintergründigem Komödienton von Liebe und Erotik im modernen Leben handeln. In der Episode Il Lavoro von Regisseur Luchino Visconti spielte Milian an der Seite von Romy Schneider. |
 |
Als Mitte der 60er Jahre der Italo-Western mit Sergio Lenoe's Für eine Handvoll Dollar (1964) und Für ein paar Dollar mehr (1965) ungeahnte Erfolge feierte, zeigte sich Milian von diesem neuen Genre beeindruckt. Die italienische Filmindustrie "stiehlt" die heilige Kuh der Amerikaner, den Westernfilm? Da wollte er dabei sein! Er sprach ausschließlich für Rollen in Western vor und die erste ließ nicht lange auf sich warten. In Ohne Dollar keinen Sarg (1966) spielte er einen Geächteten. Der Film war allerdings noch sehr an den amerikanischen Vorbildern orientiert und war auch kein großer Erfolg. Erst die Zusammenarbeit mit Regisseur Sergio Sollima, der als Intellektueller des italienischen Kinos galt und schon aufgrund der Dramen zu Beginn des Jahrzehnts mit Milian von dessen Können begeistert war, brachte ihm den verdienten Erfolg. In allen drei Ausflügen Sollima's in den Wilden Westen spielte Milian die Hauptrolle. Im ersten Film Der Gehetzte der Serrie Madre (1966) den zu Unrecht des Kindesmissbrauch beschuldigten Flüchtling Cuchillo, der von dem Kopfgeldjäger Jonathan Corbett alias Lee van Cleef gejagt wird. Beide Charaktere sind sehr gut gezeichnet, bieten viele Facetten und entwickeln sich im Laufe des Films immer weiter. Damit hebt sich der Film von vielen mittelmäßigen Italo-Western ab, die auf der Welle des Erfolges von Leones Filmen und Sergio Corbucci's Django (1966) mitschwimmen wollten. Erstklassige Italo-Western kann man wenn man ehrlich ist an zwei Händen abzählen, Sergio Sollima's drei Filme gehören auf jeden Fall dazu.
In Von Angesicht zu Angesicht (1967), der eher soziologische Charakterstudie als Westernballade ist, spielt Milian einen Banditen der sich im Laufe des Films zum Guten verändert.
In Lauf um dein Leben (1968) nahm Milian nach Der Gehetzte der Serrie Madre erneut die fiktive Rolle des verschlagenen und schlitzohrigen Mexikaners Cuchillo ein und kämpft in der mexikanischen Revolution um sein Leben. Dieser dritte und letzte Italo-Western von Sollima ist mit einigen witzigen Sprüchen und komödiantischen Elementen aufgelockert, ist aber zweifellos einer der besten italienischen Western der sich mit der mexikanischen Revolution auseinandersetzt.
Milian spielte noch in vielen weiteren Italo-Western mit, die auch Dank ihm zu den überdurchschnittlicheren Vertretern dieses Subgenres gehören. Er spielte in diesen Filmen zusammen mit vielen Stars des Spaghetti-Westerns wie Franco Nero, Gian Maria Volontè und José Torres. Er ging in die Filmgeschichte ein als einer der beliebtesten und besten Darsteller im Italo-Western.

Milian in zwei der besten Italo-Western überhaupt: Der Gehetzte
der Serrie Madre (oben) und Von Angesicht zu Angesicht (unten)Als der Stern des Subgenres Anfang der 70er Jahre aufgrund der Fließbandproduktionen von durschnittlichen Filmen und deren immer gleichen Plots zu sinken begann, wandte sich Milian dem italienischen Polizei- und Gangsterfilm zu, so genannte Poliziotti. Hier konnte er wieder glänzen, sowohl in ernsten Rollen (u. a. Der Berserker, Die Viper) als auch in der komödiantisch angelegten Serie des Kommissars Nico Giraldi (in den deutschen Fassungen Der Superbulle).
Großen Erfolg erzielte auch der spannende Thriller Der Todesengel (1971). Hier spielte Tomas Milian einen Mann, der um seine Unschuld in einem Mordfall zu beweisen, wirklich einen Mord begehen muss. Inspiriert von Patricia Highsmith's weltbekannten Roman Der Fremde im Zug inszenierte Regisseur Maurizio Lucidi einen Thriller, der mit viel Suspense und überzeugenden Charakterzeichnungen unter die Haut geht. Einige Jahre später, 1979, spielte er in Bernardo Bertolucci's sozialkritischen Melodrama La Luna den Vater eines drogenabhängigen Jungen.
Tomas Milian ist in Italien bekannt dafür, sehr unterschiedliche Rollen spielen zu können. Warum ihm dies immer gelingt, beschrieb er selbst einmal so: "Wenn ich einen Dialog sprechen muss, versuche ich dies so zu tun wie mein Charakter es tun würde. Ich lese mir das Drehbuch durch und versuche die Person zu werden. Ich stelle mir genau vor wer der Charakter ist und wo er sich befindet."
Die vielen Subgenres, die sich im italienschen Kino angesammelt hatten (Poliziotti, Gialli,...) hatten sich jedoch irgendwann tot gelaufen und wie Anfang der 60er die Monumentalfilme und und Anfang der 70er die Italo-Western begannen auch diese Spielarten italienischer Machart spätestens Ende der 80er Jahre zu langweilen und lockten niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Dies hatte das Zusammenbrechen der gesamten italienischen Filmindustrie zur Folge, da die Genrefilme den größten Marktanteil besaßen. Man schaute wieder neidisch nach Amerika und suchte nach neuen Ideen, wie es schon bei den Monumental- und Westernfilmen der Fall gewesen war. Doch das italienische Kino wiederholte sich ständig selbst und Hommagen an die früheren Italo-Erfolge konnten US-Regisseure bald besser inszenieren als die italienischen Regisseure selbst.
Für viele Stars der Blütezeit des italienischen Films blieb meist nur der Weg nach Hollywood. So auch für Tomas Milian, der Ende der 80er Jahre auch seinen Wohnsitz wieder in die USA verlegte. Doch würde er hier wieder Arbeit finden? Ja, denn in den Köpfen der Produzenten waren seine Auftritte in den Italo-Western und Poliziotti-Filmen immer noch präsent und so konnte er sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Er wurde in vielen großen Hollywood-Produktion wie Oliver Stone's JFK - Tatort Dallas (1991), Herz über Kopf (1997) und Steven Soderbergh's Traffic (2000) mit Benicio Del Toro und Michael Douglas als wichtiger Nebendarsteller eingesetzt.
Milian als der zwielichtige General Arturo Salazar in Traffic
Milian ist seit 1964 mit Margherita Rita Valetti, die nicht in der Filmbranche arbeitet, verheiratet und hat mit ihr ein Kind. Er lebt heute mit seiner Familie in Culono, L'Avana,
Kuba.
(Stefan Schuster)