Weisser Oleander
(Dragonwyck)

Drama, USA 1946
Regie: Joseph L. Mankiewicz
Drehbuch: Joseph L. Mankiewicz
Kamera: Arthur Miller
Musik: Alfred Newman
Produzent: Darryl F. Zanuck
Darsteller: Gene Tierney, Vincent Price, Walter Huston, Glenn Langan, Anne Revere, Harry Morgan, Jessica Tandy u.a.




Mitte des 19. Jahrhunderts in Neuengland. Die hübsche amerikanische Bauerstochter Miranda (Gene Tierney) verlässt auf eine Einladung ihres edlen Cousin Nicholas van Ryan (Vincent Price) ihr armes Elternhaus in Richtung Schloss Dragonwyck. Als sie dort ankommt, ist es für sie zunächst wie ein Traum: Alles ist so prunkvoll und schön. Sie erligt den Avancen Van Ryans und heriatet ihn bald. Doch schon bald muss sie erkennen, dass hinter der schönen Fassade nicht alles so ist, wie sie es sich immer erträumt hat...

Regisseur Joseph L. Mankiewicz (Cleopatra, 1963) schuf mit seinem Debüt Dragonwyck einen wahren Klassiker des düsteren Dramas. Die Geschichte zwischen Melodram und Grusel ist exzellent und überzeugend gelungen. Starke Dialoge und eine finstere, in ihren Bann ziehende Atmosphäre machen den Reiz des Films aus.
Und natürlich die Schauspieler, die von Mankiewicz anscheinend viel Freiheiten bekamen. Denn ihre ganze Spielkunst und Ausstrahlung kommt hier voll zur Geltung. Da wäre zum einen die Leinwandgöttin der 40er Jahre Gene Tierney (Laura, 1944). Schönheit und Unnahbarkeit - dies sind nur zwei der Attribute mit denen Tierney, die auch immer ein bisschen myteriös und damit facettenreich wirkte, in ihrer großen Karriere stets bezeichnet wurde.
Und daneben der große Vincent Price als mysteriöser Schlossherr. Dadurch, dass Mankiewicz viel Wert auf Charakterisierung legte, etablierte Weisser Oleander Price als einen der wichtigsten Charakterdarsteller seiner Generation. Ließ er in den Filmen zuvor, beispielsweise in Laura, schon seine Fähigkeit einem facettenreichen Charakter Leben einzuhauchen anklingen, so ist Weisser Oleander aufgrund der exzellenten Schauspielerführung des Regisseur sein erster großer Filmauftritt als Hauptfigur. Der Regisseur erkannte genau die Fähigkeit seines Hauptdarstellers, einen Mann mit düsteren Geheimnissen, der im Begriff ist zu verfallen, darzustellen. Im Wesentlichen zeigt Price unter Mankiewicz hier zum ersten Mal, was er vierzehn Jahre später in den auf Geschichten von Edgar Allan Poe basierenden Gruselfilmen Roger Corman's (Der Untergang des Hauses Usher, Das Pendel des Todes u. a.) perfektionierte: Die subtile Zeichnung eines in grausamer Isolation gefangenen Mannes. Interessant auch die Tatsache, dass Mankiewicz die Romanvorlage von Anya Seton mit dem Poe-Gedicht Alone anreicherte, da ihm die eigentliche Geschichte zu naiv vorkam und für ihn unbefriedigend war. Der Regisseur empfahl Price, Poes Gedicht Alone zu lesen und die Rolle daraufhin auszurichten und nicht zu sehr auf die im Roman vorkommende. So ist Weisser Orleander schließlich die erste Poe-Rolle Prices. Der deutsche Biograf von Price, Robert Zion, sagt dazu, dass es im Grunde das Gedicht Alone ist, das Price später für Corman immer wieder gespielt hat. Tatsächlich ist es die Verkörperung der Figur eines Schlages von Nicholas van Ryan ist, mit der man Vincent Price immer wieder identifiziert: Ein zerbrechlicher Einzelgänger, elegant und edel zwar, jedoch mit seinen diabolischen Momenten die dann umso erschreckender wirken. Und diese Momente sind auch die Highlights nicht nur jeder Poe-Verfilmung von Roger Corman mit Vincent Price, sondern auch von Weisser Oleander.
Auch die Geschichte ist eigentlich bis zum Schluss überzeugend inszeniert, jedoch muss man sagen dass die Zeit ein wenig von der Botschaft genommen hat. Heutzutage ist die Kritik an der Oberflächlichkeit der oberen Gesellschaft doch ein wenig verstaubt und wirkt nicht mehr ganz so beissend. Doch den Filmgenuss trübt dies eigentlich nicht. Es gibt nunmal Filme, bei denen sich aufgrund der Thematik nicht verbergen lässt, dass sie sechzig Jahre alt sind.


(Stefan Schuster)