Scarface
Gangsterfilm, USA 1932
Regie: Howard Hawks Drehbuch: Ben Hecht, W. R. Burnett, Seton I. Miller, John Lee Mahin, Fred Palsey Kamera: Lee Garmes, L. William O'Connell Musik: Adolph Tandler, Gus Arnheim Produzent: Howard Hughes Darsteller: Paul Muni, Ann Dvorak, George Raft, Karen Morley, Boris Karloff, Osgood Perkins u.a.
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Tony Camonte (Paul Muni) verdingt sich im Chicago der 20er Jahre als Bodyguard für einen Bandenboss. Jedoch wittert er eine große Chance und lässt sich von dem konkurrierenden Johnny Lovo (Osgood Perkins) kaufen. Dieser gibt Camonte den Auftrag, seinen ehemaligen Boss zu töten, um das illegale Alkoholgeschäft an sich reißen zu können. Damit hat Camonte kein Problem. Es entfacht ein mörderischer Bandenkrieg, in dem sich Camonte immer weiter nach oben in der Hierarchie kämpft...
Wer kennt ihn nicht? Den berühmten Gangsterfilm von Brian De Palma aus dem Jahre 1983, mit einem überragenden Al Pacino in der Hauptrolle. Dank einer gelungenen DVD-Einzel-Veröffentlichung im Jahr 2005 und der hübschen Limited Deluxe Edition zusammen mit dem 83er Film, wurde dem Original aus dem Jahre 1932 aber endlich wieder die verdiente Aufmerksamkeit zu teil. Dieser Klassiker des Gangsterfilms ist inspiriert durch den gleichnamigen Roman von Armitage Trail und dieser wiederum basiert auf dem Leben des weltbekannten Chicagoer Gangsterbosses Al Capone. Nicht selten wird Capone mit der Mafia in Verbindung gebracht. Demnach wird auch Hawks Film oft fälschlicherweise als Mafia-Film bezeichnet, genau wie das Remake das sich selbstverständlich neben dem Original auch den Roman sowie die Lebensgeschichte Capones zum Vorbild nahm. Auch ich selbst habe mich schon dabei erwischt, wie ich den Film von 1932 in Internetforen oder sonstigen Diskussions-Plattformen als einen der ersten Mafia-Filme der Filmgeschichte lobe. Tatsächlich stammt die Familie Capone aber aus dem italienischen Castelmare di Stabia, nahe Neapel und nicht aus Sizilien. In Neapel regierte die mit der Mafia verfeindete Camorra. Für diese Verwechslung wäre man in den 20er Jahren an die Wand gestellt worden.
Wenn man von Filmgeschichte spricht, was im Zusammenhang mit dem Scarface-Original nicht umgangen werden kann, müssen natürlich auch die beiden anderen großen Gangsterfilme Der kleine Cäsar (1930) mit Edward G. Robinson und Der öffentliche Feind (1931) mit James Cagney erwähnt werden. Neben Scarface die Urväter dieses Subgenres des Gangsterfilms, die die Stereotypen und Rituale festlegten und unzählige Filme auch durch Inszenierungsstil und Atmosphäre beeinflussten.
Ähnlich wie im Abspann von Der öffentliche Feind sahen sich auch die Produzenten von Scarface gezwungen, den Film durch einen die kriminellen Missstände anklagenden Text zu ergänzen. In diesem Falle im Vorspann. Damit wollte man der Zensur zuvorkommen. Etwas auszusetzen hatten die Zensoren aber trotzdem noch und so entstand der (heute meist unter den Tisch fallen gelassene) Titelzusatz Shame of the Nation. Damals war es halt genauso wie heute, nur das sich die Grenzen verschoben haben. Denn natürlich wird heute niemand mehr eine Verharmlosung oder gar Verherrlichung Al Capones bzw. des Gangstertums allgemein in dem Film sehen. Zwar hat der Film für die damalige Zeit überraschend kontroverse Ansätze, aber die können beispielsweise mit dem Remake nicht mithalten. Allein schon durch die Gewaltszenen. Auch im Original geht es nicht zimperlich zu. Doch hier wird nun mal verständlicherweise etwas "schmerzfreier" und "blutärmer" gestorben. Jedoch gelang es Hawks bzw. den Drehbuchautoren sehr gut, ihrem Film kritische Untertöne was das Verbrechertum angeht, zu verleihen. Es hätte wahrlich keinen Vorspann-Text gebraucht. Wobei die Anspielungen natürlich auch in die andere Richtung gehen und das Schicksal von Immigranten-Familien anreißt. Die alte Mutter muss mit ansehen, wie ihr Sohn Tony zum Gangster wird und zum wirklich widerlichen Arschloch, der nicht davor zurück schreckt seine Schwester zu schlagen. Integration in einem neuen Land ist heute noch und war vor allem damals meist ein Ding der Unmöglichkeit - außer im kriminellen Milieu.
Am Drehbuch zu dem Film arbeiteten ungewöhnlich viele Leute. Es war anscheinend relativ schwierig den Roman von Armitage Trail zu adaptieren. Laut William R. Burnett (der, nebenbei erwähnt die Romanvorlage für Der kleine Cäsar lieferte) lag dies einerseits an der Qualität der Vorlage, aber auch weil Regisseur Howard Hawks schwer zufrieden zu stellen war. Burnett: "Ein Agent von Howard Hughes rief mich an und bot mir 2000 Dollar die Woche für die Arbeit am Drehbuch zu Scarface. Grundlage war das Buch von einem Heini namens Armitage Trail. Ein schlimmes Stück Mist - Pulp-Literatur eben. Ich arbeitete nicht für Howard Hawks, sondern für Hughes, der mir auch ein Büro gab. Plötzlich hatte ich zwölf verschiedene Drehbuchfassungen von Scarface auf dem Tisch. Das war mir egal und ich schrieb ein komplettes Buch. Als ich fertig war, setzte Hughes den Drehbeginn an. Aber Hawks mochte nicht, was ich geschrieben hatte und holte zehn Tage vor Drehbeginn Ben Hecht dazu. Ben sagte: Ich schreibe euch ein drehbares Skript in zehn Tagen und kriege täglich 1000 Dollar ausbezahlt. Hecht war brillant, brauchte aber immer Geld. Ich denke, Ben Hecht war letztlich dafür verantwortlich, dass der Film gedreht wurde." Nun, andere Quellen erzählen jedoch andere Geschichten. Es muss damals ein ziemliches Kuddelmuddel gewesen sein. Und zu allem Überfluss mischte sich auch noch der Mann ein, um den sich die Story des Films inoffiziell drehte - der große Al Capone höchstpersönlich. Oder vielmehr seine finsteren Handlanger, wie Capone-Biograph John Kobler zu berichten weiß: "Eines Nachts, so erzählte Hecht später, klopfte es plötzlich an der Tür seines Hotelzimmers in Los Angeles. Als er öffnete, standen zwei finster blickende Unbekannte vor ihm. Auf irgendeine Weise waren sie an eine Kopie seines Drehbuchs gekommen. "Sind Sie der Mensch, der das geschrieben hat?", fragte der Mann mit dem Skript in der Hand. Hecht bejahte. "Wir haben es gelesen." - "Und wie fanden Sie es?" - "Ist dieses Zeug über Al Capone?" - "Gott bewahre! Ich kenne Al noch nicht mal." Er nannte die Namen einiger Gangster, die er in Chicago als Reporter kennen gelernt hatte - Colosimo, O'Bannion, Hymie Weiß... "Okay. Wir sagen Al, dass dieses Zeug über andere Brüder ist." Als sie gerade gehen wollten, fiel ihnen noch etwas ein: "Wenn das Zeug nicht über Capone ist, warum haben Sie es dann Scarface genannt? Jeder denkt, dass er es ist." - "Genau deshalb. Al ist einer der berühmtesten und faszinierensten Männer, die es gibt. Wenn man den Film Scarface nennt, will jeder ihn sehen, weil er glaubt, er sei über Al. Das gehört zu den Tricks im Showgeschäft." - "Werde ich Al sagen. Und was ist dieser Howard Hughes für ein Kerl?" - "Der hat damit nichts zu tun. Das ist der Dummkopf mit dem Geld." - "Okay. Hol ihn der Teufel." Befriedigt zogen sie ab." Al Capone blieb jedoch weiterhin skeptisch und so veranlasste er, dass einige seiner Leute die Dreharbeiten ständig aus dem Hintergrund überwachten. Letzlich gefiel Capone der Film, weil er durch ihn noch mehr Aufmerksamkeit bekam. Nur das Ende missfiel ihm verständlicherweise. Doch soviel Macht, um es umschreiben zu lassen, hatte er dann glücklicherweise aber doch nicht.

Bevor die Dreharbeiten begannen, war da aber natürlich noch die Suche nach den Darstellern. Bis auf Boris Karloff (Frankenstein, 1931) wurden relativ unbekannte Schauspieler engagiert. Hauptdarsteller Paul Muni, der bereits als Kind neben seinen Eltern auf der Bühne jüdischer Theater stand, machte der Film zu einem Weltstar. Zwar erhielt er bereits für seine erste Filmrolle in The Valiant (1929) eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller, aber die Rolle als Scarface war die seines Lebens. Muni wurde im österreichischen Galizien geboren und floh mit seinen Eltern nach dem ersten Weltkrieg vor dem polnischen Terror gegen die Juden in die USA. Er selbst hielt sich für eine Fehlbesetzung in Scarface. Er war sich seinem sympathischen Aussehen bewusst und sicherlich findet man in anderen Filmen Gangster, die dem echten Al Capone ähnlicher sehen. Doch Produzent Howard Hughes und Regisseur Hawks spielten mit der Besetzung wohl darauf an, dass Capone durchaus nicht der bösartige Kriminelle war, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Davon abgesehen, das er aus einer gutbürgerlichen Familie stammt (in der weder Vater noch Mutter etwas mit kriminellen Machenschaften zutun hatten), machte sich Capone zunächst ausschließlich Verbrechen schuldig, die lediglich gegen staatliche Verbote gingen. Alkoholschmuggel in Zeiten von Prohibition und Glücksspiel waren seine schwersten Verstoße. Diese machten ihm aber gerade bei den einfachen Bürgern eher beliebt. Erst als Staat und Neider ihm immer mehr zusetzten, schlug er zurück. Mit Bestechung von Politikern und Polizei, Schutzgelderpressung und Mord unter Konkurrenten. Dabei überließ der intelligente Mann die Drecksarbeit aber seinen Schergen. Meiner Meinung nach spielt Paul Muni diese Verwandlung vom Kleinkriminellen zum Gangsterboss sehr überzeugend. Zwar erscheint Tony Camonte in seinem asozialen, psychopathischen Verhalten als Bösartig, gewinnt jedoch durch seine Präsenz starke Faszinationskraft. Auch die Facette eines Mannes, der bis zum Schluss mit sich selbst und seinem Leben nicht ins Reine kommt, verdeutlicht sich durch Munis brilliantes Spiel. Inszenierungstechnisch wird diese Facette durch die Geschwisterbeziehung zwischen ihm und seiner Schwester angereichert. Angenehm weil sie nie allzu melodramatisch wird, ist sie aber in manchen Szenen etwas zu oberflächlich und wirkt damit etwas gestellt. Was will man aber schon in dieser Hinsicht von einem Hawks-Film erwarten, dessen Metier ansonsten US-Western mit John Wayne um Ehre und Männlichkeit waren.
Scarface ist auch für heutige Sehgewohnheiten noch bemerkenswert temporeich inszeniert. Relativ schnelle Schnitte und für die damalige Zeit ungewöhnliche Kameraeinstellungen- und fahrten sind sehr beeindruckend. Letztere Qualität fällt vor allem in einer Szene zu Beginn auf, wenn die Kamera ungeachtet der Wände seitlich durch verschiedene Räume fährt.
Bei aller Härte kommt auch - wiederum unter anderem aufgrund Munis genialem Spiel - der Humor nicht zu kurz. Camonte hat immer einen pfiffigen Spruch auf den Lippen und sein bereits angesprochenes schelmisches Grinsen ist zum schießen. Eine humorvolle Note bringt auch der beinahe zum Overacting neigende Privatsekretär von Tony Camonte in das Geschehen. Dieser dümmliche Kerl, der immer vergisst nach dem Namen des Anrufers zu fragen, hat Glück mit Camonte einen Gangster mit weichem Kern vor sich zu haben. Das sich Camonte so einen gewissermaßen Idioten zu seinem Privatsekretär macht, soll zusätzlich seine schwache Seite aufzeigen. Ebenfalls einen Kratzer auf seinem scheinbar glanzvollen Äußeren symbolisiert die kreuzförmige Narbe auf seiner Wange. Der echte Capone hatte zwar auch eine Narbe und damit den Spitznamen Scarface (dt.: Narbengesicht) inne, jedoch war die bei weitem nicht so groß und auffällig wie die Camontes im Film.
Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, ist es mir wichtig die große schauspielerische Leistung von Paul Muni besonders hervor zu heben. Der Grund ist ganz einfach die Tatsache, dass Muni bedauerlicherweise viele Rollenangebote nicht annehmen konnte und früh die Bühne des Lebens verließ. Aufgrund einer Herzschwäche und einer drohenden Erblindung konnte er nur in 22 Filmen im Laufe seiner Karriere spielen. Er starb mit 72 Jahren zurückgezogen in Kalifornien aufgrund seiner lebenslangen Herzschwäche.
(Stefan Schuster)
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