Special

Sid Haig

Sid Haig gilt bei Fans des Exploitation-Kinos der 60er und 70er Jahren als Kult-Star. Meist spielte er hier nur Nebenrollen, doch durch sein Spiel und natürlich durch seine äußerliche Erscheinung wurde er zum unaustauschbaren Charakterkopf. Seinem Erscheinungsbild konnte sich auch das Hochglanz-Kino nicht entziehen und so ist er in so manchen populären Kinofilmen der 60ties und 70ties als zwielichtige Gestalt zu sehen.
Vor einigen Jahren wurde er von jungen Regisseuren wieder entdeckt und es begann für ihn eine zweite Karriere als Horror-Star.

Sidney Eddy Mosesian wurde am 14. Juli 1939 im kalifornischen Fresno geboren. Sein Vater, Haig Mosesian, von dem er sich zu Beginn seiner Schauspieler-Karriere den Vornamen lieh und ihn zu seinem neuen Nachnamen machte, war Elektriker. Die Mutter war Hausfrau.
Bereits mit sieben Jahren war Sid beinahe so groß wie sein Vater und seine schlacksige Gestalt bereitete ihm Rückenprobleme. Er wurde von seinen Eltern in eine Tanzschule für Ballett- und Steptanz geschickt, wo er lernen sollte, seinen Körper zu kontrollieren. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war für ihn Tanzen sein Leben. Auf der High School gründete er mit Kollegen die Rock & Roll- Band T-Birds, bei denen er als Schlagzeuger fungierte. Schon seit Jahren trommelte er zum Spaß Zuhause auf seinem Schlagzeug, welches ihm seine Eltern geschenkt hatten. Die Band unterschrieb sogar einen Plattenvertrag und veröffentlichten sechs Singles. Die Musik nahm viel Zeit in Anspruch und verdrängte das Tanzen.

Auf der High School gab es auch eine Theatergruppe und da die Schauspielerei ein weiteres Interesse von Sid war, schrieb er sich dort ein. Die dortige Leiterin war die bekannte Broadway Schauspielerin Alice Merrill, welche Sid nach dessen eigener Aussage immer und immer wieder anspornte und ihn überzeugte eine Karriere als Schauspieler anzustreben. Merrill machte ihn mit Dennis Morgan, einem Musical-Star der 40er Jahre, bekannt. Morgan verschaffte Sid eine Rolle in einem Stück des bekannten Pasadena Playhouse in Kalifornien, wo schon Gene Hackman, Dustin Hoffman und Charles Bronson ihre Karrieren starteten. Im Pasadena Playhouse spielte Sid Haig zwei Jahre in den unterschiedlichsten Rollen, unter anderem in der klassischen Tragödie Antigone von Sophokles. Danach reichte Haig Bewerbungsfotos bei Schauspielagenturen für den Film ein.

Ein solches Bewerbungsfoto muss es einem jungen Regisseur namens Jack Hill angetan haben, der für seinen Studentenfilm The Host (1960), einem 30 minütigem Western, nach Darstellern suchte. So kam Haig also zu seiner ersten Filmrolle. Die Filmkarrieren von ihm und Jack Hill starteten damit im gleichen Film und es kam zu einer langen Verbundenheit der Beiden. Sid Haig spielte unter Hill u. a. in Spider Baby, The Maddest Story Ever Told (1964), Pit Stop (1969), Coffy (1973) und Foxy Brown (1974). In den beiden zuletzt genannten Filmen spielte Pam Grier die Hauptrolle. Neben der Blaxploitation-Queen spielte Haig in einigen weiteren B-Movies wie beispielsweise dem Frauen-Gefängnisfilm Frauen in Ketten (1972), wobei er immer ihren Gegenspieler darstellen durfte. Eine Ironie also, dass Filmfreak Quentin Tarantino in seiner Blaxploitation-Pam-Grier-Jack-Hill-Hommage Jackie Brown (1997) Sid Haig ausgerechnet als Richter Pam Griers Charakter verurteilen lässt.
Sid Haigs Schauspielkarriere spielte sich zumeist innerhalb von Exploitation- bzw. B-Movies ab. Meistens spielte er aufgrund seiner äußeren Erscheinung mit Aknenarben, markantem Bart und Glatze (bereits mit 20 hatte er die ersten Geheimratsecken) sowie seiner rauhen Stimme einen Schurken.


Sid Haig als Bösewicht in Beyond Atlantis (1973)

Doch auch Regisseure und Produzenten von ambitionierteren Kinofilmen konnten nicht über Haig als Charakterkopf hinweg sehen und so wurde er immer wieder mal in großen Kinoproduktionen für kleine Rollen eingesetzt. Man kann ihn sehen in Point Blank (1967) mit Lee Marvin, im Bond-Film Diamantenfieber (1971) als fiesen Handlanger oder in Der scharlachrote Pirat (1976) mit Robert Shaw. Es blieb aber dabei, dass er seine Haupteinnahmen aus B-Movies zog. Genau dies brachte ihm später aber bei Filmfreunden des "abseitigen Films" einen hohen Kult-Status ein.
Oft war Haig auch in ein oder zwei Folgen von populären TV-Serien zu sehen. Dazu gehört Batman (1966) genauso wie Star Trek (1967) und Mission Impossible (1969-70). In den 80er Jahren, als sich das Exploitation-Subgenre verabschiedete und die B-Movies immer "trashiger" im negativen Sinne des Wortes wurden, verlagerte sich Haig auf Gastrollen in TV-Serien. Er spielte in Buck Rogers in the 25th Century (1980-81), The Dukes of Hazzard (1982), dem A-Team (1983), MacGyver (1985-86) und Sledge Hammer (1987). Auch hier spielte er stets die zwielichtigen Figuren. Lange Zeit schien es, als gefalle ihm dieser Rollentypus. Doch Anfang der 90er zog er sich vom Business langsam zurück. In seiner Stellungnahme dazu kam sein Unmut heraus: "I just didn’t want to play stupid heavies anymore. They just kept giving me the same parts but just putting different clothes on me." Tatsächlich spielte er fünf Jahre lang in keinem Film mehr mit, auch nicht im TV. Während dieser Zeit wurde er lizensierter Hypnosetherapeut und praktizierte in Simi Valley, Kalifornien.
Ebenfalls in dieser Zeit bot ihm Quentin Tarantino die Rolle des Marsellus Wallace in Pulp Fiction (1995) an. Sid hatte Angst wieder ins Filmbusiness zu gehen, denn er war überzeugt davon dass die ganzen TV-Serien seine Karriere ruiniert hatten. Und so sagte er ab und die Rolle ging an Ving Rhames. Doch Tarantino ließ nicht locker und offerierte ihm den kleinen Gastauftritt als Richter in Jackie Brown (1997). Bei dieser Hommage an seine alten Weggefährten Pam Grier und Jack Hill wollte er dann doch dabei sein und erklärte sich bereit, mitzuspielen.

Doch es war Rob Zombie, der nach weiteren fünf Jahren ohne Arbeit im Filmgeschäft den alten Haudegen Sid Haig wieder in einer größeren Rolle Ärsche treten ließ. Als fieser Clown Captain Spaulding spielte er in Rob Zombie's Regiedebüt Haus der 1000 Leichen (2003). Diese Figur wurde zum Kult der neuesten Horror-Ära, Haig gewann den Award des besten Nebendarstellers bei den "Fangoria Chainsaw Awards" 2004 und er wurde in die "Horror Hall of Fame" aufgenommen. Leute, die Rob Zombie's Film gut fanden, informierten sich plötzlich wer dieser ältere Herr mit Bart und Glatze ist. Eine neue Generation von Fans entdeckten somit die alten Exploitation-Filme der 6ßer und 70er Jahre wieder, in denen Sid Haig sein Können zum Besten gab. Eine Hauptrolle spielte er in Rob Zombie's Nachfolger seines Erstlings, The Devil's Rejects (2005). Hierfür gewann er den Award als bester männlicher Schauspieler bei den Fangoria Chainsaw Awards.
In der Folgezeit spielte er regelmäßig wieder in Filmen mit, zumeist Horrorfilme wie Razor (2006) oder Brotherhood of Blood (2007). Auf Fantreffen des phantastischen Films ist er ein gern gesehener Gast und er gehört dort zu den Schauspielern, die von Autogrammjägern am stärksten belagert werden.

Sehr dankbar, dass Rob Zombie ihm die Möglichkeit einer zweiten Karriere gab, zeigte sich Sid Haig bei den Dreharbeiten zu The Devil's Rejects: "Für drei Regisseure würde ich jederzeit ohne Geld arbeiten - Jack Hill, Quentin Tarantino und Rob Zombie." Und mit Jack Hill, dem Haig den Beginn seiner Filmkarriere zu verdanken hat, ist er auch heute noch sehr befreundet. Beide tauchen öfters zusammen auf Fantreffen auf und lassen sich gemeinsam von Liebhabern des einschlägigen Films feiern.




(Stefan Schuster)