Spider Baby, or the Maddest Story ever told

Grusel/Komödie, USA 1964
Regie: Jack Hill
Drehbuch: Jack Hill
Kamera: Alfred Taylor
Musik: Ronald Stein
Produzenten: Gil Lasky, Paul Monka
Darsteller: Lon Chaney Jr., Jill Banner, Beverly Washburn, Carol Ohmart,
Quinn K. Redeker, Sid Haig u.a.


Drei geisteskranke Geschwister leben zusammen mit Bruno (Lon Chaney Jr.), dem Chauffeur ihres verstorbene Vaters in einer einsamen Villa. Die drei Kinder leiden an einer seltsamen Krankheit, welche sie seit dem zehnten Lebensjahr physisch nicht mehr altern und sie bereits so weit degenerieren ließ, dass sie dem mittlerweile Kannibalismus frönen. Als eines Tages ihr neuer Vormund, Tante Emily (Carol Ohmart) samt Rechtsanwalt vor der Türe steht, versucht Bruno die Kinder zunächst zu schützen vor der feindlichen Umwelt. Doch als dies nicht gelingt, nimmt das Unheil seinen Lauf...


Die beiden durchgeknallten Schwestern und ihr Beschützer Bruno

Wenn man den Untertitel ",or the Maddest Story ever told" auf den geistigen Zustand der Geschwister münzt, ist das korrekt. Nicht mehr alle Tassen im Schrank haben Virginia, Elizabeth und Ralph wahrlich. Der Film an sich ist jedoch nicht als krank oder böse zu bezeichnen. Die Atmosphäre ist gruselig, aber charmant und ein sich wie ein roter Faden durchziehender leiser schwarzer Humor blitzt immer wieder durch. Man kann den Film als Horrorfilm wahrlich nicht ernst nehmen. Doch dies war auch sicher nicht Jack Hill's Absicht. Sicher gibt es ein paar unangenehmene "Gimmicks", wie eingesperrte menschenfressende Freaks im Keller oder eine skelettierte Leiche im Bett. Aber alles wirkt so überspitzt, dass es Kenner des Grusel- oder Horrorgenres nicht gerade in Angst und Schrecken versetzt wird. Dennoch wird der Film aufgrund der kannibalistischen Szenen von manchen Leuten als Prä-Version von Tobe Hooper's The Texas Chainsaw Massacre (1974) bezeichnet. Auch wenn Ähnlichkeiten da sind, ist ein Vergleich aber ehrlich gesagt Blödsinn.
Die Qualitäten von "Spider Baby" liegen woanders. Nämlich genau in dieser Mischung aus Grusel und Humor. Es ist herrlich mit anzusehen, wie Bruno versucht den beiden Mädchen klar zu machen, dass es falsch ist einen Menschen zu töten. Er bleibt immer geduldig, schimpft nie mit ihnen. Selbst wenn Virginia wieder mal einen Briefträger zum Opfer ihres Spinnenticks gemacht hat. Bruno spricht mit den beiden gerade so wie ein Vater, der seine Kinder maßregelt warum sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. In solchen Szenen zeigt sich dass Bruno, der eigentlich von der Krankheit verschont ist, auch nicht ganz richtig tickt. Sehr amüsant ist auch die Szene beim Abendessen. Die Kinder, Bruno und die ungebetenen Gäste sitzen zusammen und es gibt... ein leidlich fleischiges Kaninchen - oder war es doch eine Katze? - und einfaches Gras als Salat. Der Bruder von Tante Emily, Peter Howe tut dabei so, als sei es ein Festmahl und versucht vergebens es auch den anderen Schmackhaft zu machen. Nur vor einer würmerähnlichen Speise macht er - dank Brunos gut gemeinten Rat - dann doch halt. Dabei zeigt sich auch eine ganz neue Art von Vegetarismus, den besonders Virginia an den Tag legt. Der stumme, geistig zurück gebliebene und von Peter liebevoll als "großes Kind" bezeichnete Ralph ist auch immer für ein Schmunzeln gut. Seine Mimik ist einfach köstlich.
Das alles nicht so ernst werden wird, wie es die Story vielleicht erwarten lässt, merkt man auch schon am Vorspann. In dem schrägen Titelsong, von Lon Chaney jr. persönlich gesungen, werden Monster wie Frankenstein's Kreatur oder der Wolfsmensch erwähnt. Und genau diese Gestalten waren es es auch, die Lon Chaney jr. in den 40er Jahren zum Horrorfilm-Star machten. Besonders für seine Verkörperung der Titelfigur in dem Universal-Hit Der Wolfsmensch (1941) hat er auf ewig einen verdienten Platz in der Geschichte des Horrorfilms - neben seinem berühmten Vater, dem Stummfilm-Star Lon "Phantom of the Opera" Chaney sr. . Carol Ohmart als die Tante der Kinder war zu der Entstehungszeit des Films auch keine unbekannte im Gruselgenre. In House on Haunted Hill (1959) spielte sie die hinterhältige Ehefrau von Vincent Price's Charakter des Frederick Loren. Ansonsten spielte sie aber in keinem nennenswerten Film mehr mit.
Eine sehr bemerkenswerte Karriere machte der stumme Ralphie, kein Geringerer als Sid Haig. In den 70er Jahren war Haig in vielen Exploitation-Filmen zu sehen. Hier spielte er oft unter Jack Hill, u. a. in dessen B-Movie-Klassikern The Big Doll House (1971), The Big Bird Cage (1972), Coffy (1973) und Foxy Brown (1974). Aber auch in größeren und beim Mainstream-Publikum bekannteren Produktionen tauchte er manchmal auf, so z. B. als kleiner Ganove in James Bond 007 - Diamantenfieber (1971). Nachdem ihn 1997 Quentin Tarantino in Jackie Brown, einer Hommage an die Blaxploitation-Queen und mehrmalige Kollegin Haig's Pam Grier, für einen Cameo-Auftritt als Richter wieder vor die Kamera holte, begann so etwas wie eine zweite Karriere in Rob Zombie's Filmen Haus der 1000 Leichen (2003) und The Devil's Rejects (2005). Dank dieser Erfolge ist er wieder regelmäßig - wenn auch fast ausschließlich im Horrorgenre - in Filmen zu sehen.


(Stefan Schuster)