Die Stunde des Wolfs (Vargtimmen)
Psychodrama, Schweden 1968
Regie: Ingmar Bergman Drehbuch: Ingmar Bergman Kamera: Sven Nykvist Musik: Lars Johan Werle Produzent: Lars-Owe Carlberg Darsteller: Max von Sydow, Liv Ullmann, Erland Josephson, Gertrud Fridh, Ingrid Thulin u.a.
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Alma (Liv Ullmann) berichtet vor der Kamera vom mysteriösen Verschwinden ihres Mannes Johan. Sie lebten mehrere Jahre abgeschieden auf einer Insel. Die Idylle wurde jedoch schon recht früh von Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn gestört und eine Einladung auf des Schloss des Inselbesitzers holt seine tiefsten Verzweiflungen und Ängste hervor...
Da wird es einem wieder klar: Reviews zu Filmen zu verfassen, die die Konventionen filmischen Erzählens vollkommen verlassen, ist sehr schwer. Bei einem Ingmar Bergman-Film (Das Gesicht, 1958; Die Jungfrauenquelle, 1960) musste ich aber damit rechnen. Und das ich mich trotzdem hingesetzt habe, um eine Filmbesprechung zu verfassen die dem Film wenigstens annähernd gerecht wird, spricht schon alleine für die Qualität des Werks. So denn, lasst uns beginnen.
Der Film ist eingerahmt in ein Interview, das Alma irgendeiner fiktiven Fernsehstation gibt und bedächtig über ihr Leben mit ihrem Mann Johan berichtet. Dabei nehmen wir quasi die Rolle des Interviewers ein. Sehr bedächtig ist dann auch das Leben der beiden Haupt-Protagonisten gezeigt. Zunächst ist die Stimmung noch harmonisch, doch schon bald liegt eine schwere über der Beziehung und man merkt Johan an, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er wirkt oft abwesend und schwermütig. Und schon bald bekommen wir auch einen Einblick in seine ungewöhnlich reale Traumwelt. Auch der Zuschauer hat es schwer, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Zunächst stellt man aber noch Vermutungen an, was nun Realität ist und was eben nur Einbildung. Einiges wirkt sehr unwirklich, anderes wie beispielsweise die Einladung auf das Schloss aber relativ wirklichkeitsnah. Und da ich mich mit meinen Reviews meistens an Leute wende, die die Filme bereits gesehen haben, kann ich verraten: Am Schluss werden all unsere Thesen über den Haufen geworfen, bzw. ist man gezwungen umzudenken.
Was zunächst nur angedeutet wird, entwickelt sich während des Besuchs auf dem Schloss zu einem Krankheitsbild von Johan. Schizophrenie, Verfolgungswahn und überhaupt beinahe die ganze Palette an Psychosen. Dort tauchen die Leute, die Johan und in einem Einzelfall auch Alma vorher bereits in ihren Einbildungen bzw. Träumen gesehen haben, wieder auf. So real dieser Besuch auch zunächst wirkt, werden die Leute irreal gezeigt. Nah- und Großaufnahmen der Gesichter verdeutlichen einen surrealen Charakter, der für mich als Liebhaber der Werke von Roman Polanski gleich als ein solcher erkennbar war. Auch Polanski verwendete diese gebeugte Kameraaufnahme auf das Gesicht von Menschen in Filmen wie Ekel (1965) oder Der Mieter (1976) als Element zur deutlich Machung von Einbildung und Wahnvorstellungen. Für einen Zuschauer, der dieses Polanski-eske Stilmittel nicht im Kopf hat, ist es zunächst sicher noch schwieriger zwischen Realem und Surrealem zu differenzieren.
Nach dem Besuch im Schloss scheinen die Psychosen Johans offen gelegt. Er entfernt sich geistig immer mehr von Alma, was sich in sexuellen Anspielungen zeigt. Frauen machen ihm Avouncen und Alma fragt ihn einmal: "Warum küssen wir uns so selten?". Auf der anderen Seite ist er aber urplötzlich sehr offen zu ihr, was dass erzählen von seinen intimen Geheimnisen angeht. Jedoch ist es ihm zu diesem Zeitpunkt bereits egal, ob er Alma oder irgendjemand anderen vor sicht hat. Die "Stunde des Wolfs" bezeichnete damals im Volksmund die Stunde der größten Verzweiflung zwischen der Nacht und der Morgenröte. "Die Stunde in der die schlaflosen von ihren Ängsten verfolgt werden", sagt Johan zu Alma. Und so erzählt er in dieser Nacht, welche in der ersten Einstellung auf schwarzem Hintergrund noch mal den Filmtitel zeigt und so die Szene einläutet, seiner Frau von einem Kindheitstrauma durch väterliche Bestrafung. Und er erzählt bildlich von der Wahrheit über den "Schlangenbiss", der ihn zu einer überraschenden Gewalttat treibt, nur um dem verzweifelten Versuch willen, seine eigene Kindheit zu töten.
Vieles in diesem Film mutet sehr horrormäßig an, was viele Kritiker fälschlicherweise dazu bewogen hat, ihn im Horror-Genre einzuordnen. Der Regisseur nutzte die Horror-Motive aber nur - und dies ist eine weitere Verwandschaft mit Polanskis Ekel und Der Mieter - um die Psychosen der Hauptfigur dem Zuschauer verständlich zu machen. Was aber im Umkehrschluss alles nur noch zusätzlich verwirrend macht. Doch dies ist selbstverständlich beabsichtigt und wäre auch kaum vermeidbar. So entsteht ein Zerrbild der Realität, was mit einer dicht verwebten Albtraumcollage dieses Psychogramm Johans ergibt.
Und natürlich ist auch der Besuch im Schloss nicht in der Realität verankert, was das angesprochene Stilmittel der surrealen Nah- und Großaufnahmen der Menschen und auch noch andere Elemente bereits verdeutlicht haben. Doch Alma selbst nennt den Grund am Ende uns als Interviewer gegenüber. Was sie in der Geschichte zu Johan sagt, nämlich dass sie so denken möchte wie er und ihm immer ähnlicher werden möchte, wiederholt sie in dieser letzten Einstellung des Films noch einmal - diesmal aber verallgemeinernd und weniger euphorisch. "Ist es nicht so, dass eine Frau, die lange mit einem Mann zusammenlebt, im Laufe der Jahre diesem Mann ähnlich wird? Wenn sie ihn liebt, beginnt sie zu denken wie ihr Mann, zu sehen wie er. Es heißt, dass sich dadurch ein Mensch verändert. War es deshalb möglich, dass auch ich diese Menschen sehen konnte."
(Stefan Schuster)
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