Tenebre

Thriller (Giallo), Italien 1982
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Kamera: Luciano Tovoli
Musik: The Goblins
Produzent: Claudio Argento
Darsteller: Anthony Franciosa, Daria Nicolodi, Mirella D' Angelo, Giuliano Gemma
Veronica Lario, Christian Borromeo, John Saxon u.a.




Der amerikanische Schriftsteller Peter Neal (Anthony Franciosa) reist nach Rom. Dort soll er sein neuestes Buch Tenebre vorstellen. Bereits kurz nach seiner ankunft wird er in einen Mordfall verwickelt. Eine Frau wird bestialisch getötet - genau auf die Weise, wie es Neal in seinem Buch beschrieben hat. Kurz darauf bekommt er Drohbriefe mit Zitaten aus seinen Büchern, und immer mehr Leute fallen einem Mörder zum Opfer. Die Polizei bittet Neal, ihnen bei ihren Ermittlungen zu helfen...

Nachdem Dario Argento Anfang der 70er Jahre das Giallo-Genre wie zuvor nur Maria Bava (Blutige Seide, 1964) prägte, wandte er sich mit seinem Meisterwerk Suspiria (1976) dem übernatürlichen Horrorfilm zu und setzte dies mit Horror Infernal (1980) fort. Mit Tenebre kehrte er danach aber zwischenzeitlich zum Genre des Giallo zurück, bei dem es zwar einen menschlichen Mörder gibt, diesen jedoch fast nie zu Gesicht bekommt sondern meistens nur seine schwarz behandschuhten Hände. Was bei Argento's Filmen aber immer besonders war, sind seine Darstellungen der Morde. Er inszenierte sie stets brutal und blutig, aber immer mit einer beeindruckenden und kunstvollen Ästhetik. Die Bilder waren Argento immer wichtiger als die Handlung, was auch in Tenebre so ist. Man darf keinen bis ins letzte Detail super-ausgeklügelten Thriller erwarten. Ein richtiger italienischer Giallo zeichnet sich durch andere Dinge aus. Beispielsweise das Visuelle. Und dies ist auch in Tenebre ein wahrer Augenschmauß.
Wieder einmal wirken die Mordszenen wie Kunstwerke. Phänomenal ist auch der Einsatz der verschiedenen Möglichkeiten mit der Kamera umzugehen, die wie Dario Argento einmal selbst sagte, in seinen Filmen "zu einem Darsteller mit akrobatischen Fähigkeiten" wird. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang eine lange Kamerafahrt ohne Schnitt die von einer Nahaufnahme des Fenster des Opfers beginnend ein ganzes Haus über die Außenwände des Hauses und das Dach hinweg erkundet bis zu einem Hinterfenster, durch das der Mörder einzubrechen versucht.
Genial auch der gewählte Einsatz der Farben, Ausleuchtung und der Ausstattung, die völlig dem Titel (Tenebre = Finsternis) und der Thematik des Films entgegenwirkend Weiß als Hauptton haben. Viel Helligkeit und grelles Licht in dem nichts verborgen bleibt und das keine schützende Finsternis bietet. Visuell fährt Argento wie in allen seinen Filmen ganz große Geschütze auf.

Eine klare Schwäche des Films ist jedoch die Gesamtheit der Atmosphäre. Ehrlich gesagt ist er nur selten spannend und der Erzählstil hielt mich nicht auf Draht, was natürlich suboptimal für einen Thriller bzw. auch für einen typischen Giallo ist. Aber es gibt in Tenebre Sequenzen, die so genial inszeniert sind dass man ihn als Liebhaber des italienischen Genrefilms einfach mögen muss. Exemplarisch zu nennen ist die Flucht eines Mädchens vor dem wohl bösartigsten Hund der Filmgeschichte, die in einer noch gefährlicheren Flucht vor dem Killer endet. Richtig nervenaufreibend und aufgrund des angesprochenen Schwachpunktes in der Spannung zuvor sehr überraschend.
Man kann also klare Schwächen im Erzählerischen nicht leugnen, aber mit Tenebre ist Argento ohne Zweifel sein Experiment des konsequenten Auslotens der visuellen Möglichkeiten meisterhaft gelungen. Ein weiteres Mal zeigt er wie viel Kunst ein Horrorfilm sein kann. Und das hat mich einfach überzeugt.


(Stefan Schuster)