Das Testament des Dr. Mabuse

Krimi/Thriller, Deutschland 1933
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Fritz Lang, Thea von Harbour
Kamera: Fritz Arno Wagner, Karl Vash
Musik: Hans Erdmann, Walter Sieber
Produzenten: Seymour Nebenzahl, Fritz Lang
Darsteller: Otto Wernicke, Rudolf Klein-Rogge, Oskar Beregi Sr., Theodor Loos, Gustav Diessl, Karl Meixner, Rudolf Schündler, Theo Lingen u.a.




Der gefährliche Schurke Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge) sitzt in einer Irrenanstalt, während Kommissar Lohmann (Otto Wernicke) gegen das immer weiter zunehmende Verbrechen in der Stadt ankämpft. Durch den Tod eines Informanten, der eigentlich nur Geldfälscher entlarven wollte, bekommt er einen Hinweis auf den möglichen Drahtzieher der Verbrechenswelle. Doch der genannte, Dr. Mabuse, sitzt doch eigentlich schon seit Jahren in der Anstalt. Lohmann macht sich auf den Weg in die Klinik von Prof. Dr. Baum (Oskar Beregi Sr.), um alles über die bereits mehrere Jahre zurück liegenden Taten von Mabuse heraus zu finden. Bald muss er fest stellen, dass nicht alles mit irdischen Dingen zugeht...

Der in Wien geborene Fritz Lang gilt mit seiner Allegorie auf den aufstrebenden Nationalsozialismus in M - Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) als einer der ersten Filmschaffenden, der sich mit dieser neuen Machtpolitik auseinander setzte. Man sagt ihm nach, dass er bereits mit Dr. Mabuse, der Spieler (1922) visionärisch einen Film über einen machtbesessenen Mann wie Hitler inszenierte. Lang selber hat dies immer bestritten. Tatsächlich zeigte er das Bild von Deutschland nach dem ersten Weltkrieg, dass von Depression, Hysterie und Zynismus gesprägt war. Armut lebte gleich neben dem großen Reichtum so genannter Neureicher. Mabuse ist ein solcher Neureicher. Fritz Langs Hauptanliegen war es aber einen übermenschlichen Superschurken auf die Leinwand zu bringen. Heute ist eine gewisse Parallele zwischen dem Übermensch aus Lang's Stummfilmklassiker und dem leider allzu menschlichen Diktator natürlich nicht zu leugnen. Der frühe Mabuse von 1922 verkörpert jedoch nach Langs eigener Aussage den verbrecherischen "Antistaat", während Hitler für den "starken Staat" stehe. Erst in der Fortsetzung Das Testament des Dr. Mabuse legte Lang einigen Protagonisten ganz bewusst Sätze und Leitfäden der Hitlerbewegung in den Mund. Doch dazu später mehr.
Dr. Mabuse war der erste Superschurke der Filmgeschichte, größenwahnsinnig und mit verblüffenden technischen Errungenschaften ausgestattet. Er ist einer von den Superverbrechern, wie man sie erst ab den 60er Jahren vor allem in der Filmserie um James Bond wieder antreffen wird. Dr. Mabuse, der Spieler, der aufgrund seiner sehr langen Laufzeit als Zweiteiler in die Kinos kam, war ein Sensationserfolg.

Die Figur des Dr. Mabuse, die seit jeher in zahlreichen Filmen Anleihen findet (von den Filmen der 60er Jahre, die sich sowieso mit Mabuse beschäftigen, abgesehen), erschuf der deutschsprachige Schriftsteller luxemburgischer Herkunft Norbert Jacques. Der Roman Dr. Mabuse, der Spieler erschien 1922 und wurde von Lang nur kurz darauf zusammen mit seiner Ehefrau Thea von Harbou zu einem Drehbuch umgeschrieben und beinahe gleichzeitig realisiert. Zusammen mit Harbou schrieb er all seine Drehbücher bis zu seiner Emigration 1933. Die Rolle des Dr. Mabuse spielte der überragende Rudolf Klein-Rogge, der mit Harbou bis 1921 verheiratet war. Die Beziehung ging aber schon bereits drei Jahre früher in die Brüche. Der Unterstützung Thea von Harbou's ist es zu verdanken, dass Klein-Rogge mit Fritz Lang in Kontakt kam. Er spielte nach Dr. Mabuse, der Spieler unter Lang auch noch in Die Nibelungen (1924) und Metropolis (1926) mit. Und in Das Testament des Dr. Mabuse schlüpfte er erneut in die Rolle des Dr. Mabuse. Womit wir nun auch endlich bei der Filmbesprechung zu diesem Meisterwerk angekommen wären, dessen Vorlage der Roman Dr. Mabuses letztes Spiel von Norbert Jacques war.

Das Testament des Dr. Mabuse ist ein sehr spannender Kriminalfilm mit Mystery-Einschlag, der nicht nur aufgrund des prototypischen Ober-Bösewichtes einen unschätzbar großen Einfluss auf das Krimi-, Thriller- und auch Horrorgenre hatte und wohl auch immer noch hat. Die düstere und dichte Atmosphäre, die geschickt aufgebaute Dramaturgie und den Suspense dieses Films, scheinen Leute wie Alfred Hitchcock oder David Lynch (z. B. Blue Velvet, 1986) verinnerlicht zu haben. Gerade die unleugbare Ähnlichkeit zu den filmischen Altraumszenarien David Lynch's beeindruckt besonders. Da gibt es einen mysteriösen Vorhang in einem Raum, hinter dem sich eine geheimnisvolle Macht zu verbergen scheint. Ein Mann, der mit telepathischen Fähigkeiten anderen befehlen kann, Dinge zu tun die eigentlich gegen ihren eigenen Willen streben. Vergleicht man Das Testament des Dr. Mabuse mit heutigen ähnlich gelagerten Filmen, wird schnell klar, wie sehr auch das gegenwärtige Kino von seinen Ideen in Story und Inszenierung und seinem Stil profitiert hat.

Der überaus modern inszenierte Film vereint auch tolle und sehr überzeugend aufspielende Schauspieler. Da wäre zum einen natürlich Otto Wernicke als Kommissar, der in M ebenfalls als Kommissar Lohmann den Mörder suchen durfte, hier aber einen noch größeren Part inne hatte. Außerdem fallen besonders Karl Meixner als der von der übernatürlichen geistigen Kraft des Dr. Mabuse wahnsinnig werdende Informant Hofmeister und Oskar Beregi Sr. als Professor der Irrenanstalt auf. Und natürlich Rudolf Klein-Rogge als der Superschurke höchstpersönlich. Auch wenn Mabuse nichts zu sagen hat und im Gegensatz zum ersten Teil von 1922 relativ leblos wirkt: Selten wurde ein ausdruckloses Gesicht so ausdrucksvoll gespielt wie hier.


Der Superschurke mit den übernatürlichen Kräften (links) und der um einiges irdischere Kommissar Lohmann

Nachdem Fritz Lang bereits für seinen ersten Tonfilm M große Achtung für seine kunstvolle und effektive Nutzung des Medium Ton bekam, entwickelte er dies in "Das Testament des Dr. Mabuse" weiter fort. Der einstige Gegner der Einführung des Tonfilms, legte die Messlatte erneut ein Stück höher. Bereits die erste Szene ist ein gutes Beispiel dafür. Unter dumpfen, eintönigen Maschinengeräuschen sieht man einen Mann, der sich in einer Art Kellerraum zu verstecken versucht. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben, als zwei Männer den Raum betreten. Ihre Schritte werden übertönt von dem Maschinengeräusch und lassen sie stummfilmartig wirken. Die beiden entdecken den Mann zwar, lassen ihn aber vorerst laufen. Nur um in kurz darauf durch eine Straße zu jagen und mit einer Explosion beinahe zu töten. Erst diese Explosion (die nebenbei erwähnt für die damaligen Mittel unfassbar gut gemacht ist) löst die anderen Umgebungsgeräusche wieder aus. Was ebenfalls noch erwähnenswert ist, ist eine Technik die heutzutage nur allzu gegenwärtig in der Filmwelt ist. Eine Verknüpfung von Szenen, in dem am Ende einer Szene bereits Dialoge beginnen, die eigentlich zur darauf folgenden gehören. Genial auch das Ticken einer Zeitbombe, das sich in das Geräusch von Ei-Aufschlagen am Frühstückstisch eines Ganoven verwandelt. Viele der Techniken verwendete Lang bereits in M, doch hier perfektionierte er sie. So unglaublich es aus heutiger Sicht klingt, aber nur die wenigsten Regisseure trauten sich zur damaligen Zeit solche Kapriolen. Oder hatten überhaupt die nötigen innovativen Ideen.
Als ausgezeichnet ist auch die ausgefeilte Kameraarbeit von Haupt-Kameramann Fritz Arno Wagner zu bezeichnet. In subtilen Bildern trägt die ihren Anteil zu der düsteren und unheilschwangeren Grundstimmung bei.

Den Nazis missfiel natürlich Lang's kritische Beobachtung der Geschehnisse in Deutschland zu dieser Zeit und seine spiegelbildartige Verarbeitung in "Das Testament des Dr. Mabuse". Bereits weiter oben erwähnte ich Sätze und Leitfäden der nationalsozialistischen Bewegung, die Lang ganz bewusst den Protagonisten seines Films in den Mund legte. Die eigentliche Begründung, warum Dr. Joseph Goebbels den Film bereits vor der ersten Aufführung in Deutschland verbieten ließ, lieferte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda aber selbst: "Der Film zeigt, wie eine bis zum äußersten entschlossene Gruppe von Männern einen Staat aus den Angeln hebt". Eigentlich ziemlich widersprüchlich bzw. ironisch gerade das von der Seite des Nazis zu hören, hatte das Adolf Hiter mit seiner Partei doch auch so gemacht. Aber eine wirkliche Stellungnahme hatte Goebbels natürlich auch nicht nötig gehabt. Ein gewisser Respekt vor dem einflussreichen deutschen Filmregisseur blieb aber doch, und so machten die Führungskräfte der Nationalsozialisten das aus ihrer Sicht einzig richtige: Ein Tag nach einem Abendessen, zu dem Hitler Lang mitsamt seiner Ehefrau Thea von Harbou einlud und bei dem Goebbels bekundete, dass Die Nibelungen einer der Lieblingsfilme des Führers sei, bot Goebbels in Hitlers Namen Fritz Lang die Leitung der deutschen Filmindustrie an. Man gab Lang eine Bedenkzeit. Doch noch in der gleichen Nacht packte er seine Koffer und bestieg einen Zug nach Paris. 1934 ging Fritz Lang von Frankreich in die USA. Seine ohnehin schon seit Jahren zerrüttete Ehe mit Thea von Harbou wurde geschieden. Harbou beugte sich dem Willen der Nationalsozialisten und wurde 1940 Mitglied der NSDAP. Fritz Lang dagegen hatte es geschafft, den Fängen der Nazis zu entkommen und baute sich eine neue Filmkarriere in den USA auf, welche 1936 mit Blinde Wut ihren Anfang nahm. Er hatte aber auch viel mit Einschränkungen zu kämpfen und aufgrund von polit- und sozialkritischen Filmen sowie Freundschaften mit potentiellen Kommunisten geriet er ins Blickfeld des Kommunistenjäger Senator McCarthy. 1956 kehrte er zurück nach Europa. Im Jahr 1960 drehte Lang mit Die 1000 Augen des Dr. Mabuse einen weiteren Film über den Superschurken. Dieser Krimi mit Gerd Fröbe als Kommissar gilt als Metapher für Totalitarismus und löste eine Welle von neuen Mabuse-Filmen in den 60er Jahren aus. Es war Langs letzter Film. Ein schweres Augenleiden zwang ihn seine Arbeit aufzugeben. 1963 bekam er den Bundesfilmpreis verleihen, 1966 das große Bundesverdienstkreuz. Er starb 1976 in Beverly Hills, Kalifornien.


(Stefan Schuster)