Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil)
Krimi/Thriller, USA 1958
Regie: Orson Welles Drehbuch: Orson Welles Kamera: Russell Metty Musik: Henry Mancini Produzent: Albert Zugsmith Darsteller: Charlton Heston, Janet Leigh, Orson Welles, Akim Tamiroff, Joseph Calleia, Dennis Weaver u.a.
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In einer amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt wird ein reicher Bürger mit seiner Freundin im Auto in die Luft gesprengt. Als Zeuge trifft der Drogenermittler Vargas (Charlton Heston) auf den ermittelnden Sheriff Hank Quinlan (Orson Welles). Schon bald kommen sie sich aufgrund verschiedener Werte- und Moralvorstellungen in die Quere. Als Vargas' Frau (Janet Leigh) von der Grandi-Familie entführt und unter Drogen gesetzt wird, eskalieren die Ereignisse, denn die Grandi-Familie macht mit Quinlan gemeinsame Sache um den in ihren Augen zu neugierigen Vargas aus dem Weg zu räumen...

Der Film beginnt gleich damit, den Zuschauer in seinen Sehgewohnheiten völlig zu überrumpeln. Bereits seine ersten vier extrem unkonventionellen Minuten machen den Film unverkennbar auf Ewig. In einer einzigen Kamerafahrt sehen wir den Schatten eines Mannes, der einen Sprengsatz in den Kofferraum eines Autos legt, ein Paar das in dieses Auto steigt und los fährt, das jung verheiratete Paar Vargas die Straße und eben an diesem Auto entlang laufen und eine Passkontrolle. Es ist ein perfekt ausbalancierter Tanz zwischen Kamera und der treibenden Musik von Henry Mancini. Die Kamerafahrt wird erst unterbrochen, als das Auto explodiert. Die Eheleute Vargas sind sofort Mitten im Geschehen, denn immerhin wurde das Auto direkt neben ihnen angehalten und nach den Ausweisen gefragt. Die Frau auf dem Beifahrersitz sagte dabei immer wieder - unüberhörbar aber für niemanden inklusive des Zuschauers wirklich wichtig erscheinend - dass sie ein Ticken in ihrem Kopf hört. Erst als das Auto in die Luft gegangen ist, ist klar, dass das Ticken keine Einbildung war und woher es kam. Unorthodox geht es weiter, denn die erste halbe Stunde spielt sich ausschließlich in einer Nacht ab. Hier herrscht eine bedrückende Stimmung aufgrund des Attentats und der Grandi-Familie, die noch eine Rechnung mit Vargas offen haben, weil der ihnen mit seinen Ermittlungen in der Vergangenheits stets die Drogen-Suppe versalzen hat. Sie wollen ihn und seine Frau einschüchtern und einen Denkzettel verpassen. Man sehnt in diesen ersten dreißig Minuten des Tageslicht förmlich herbei.
Touch of Evil steht am Ende einer Entwicklungsphase des Film Noir, die der Autor Paul Werner in seinem Buch über das Subgenre "Obsession" genannt hat. Die USA war zwischen Ende der 40er und Mitte der 50er Jahre schockiert und in Panik vor atomaren Bedrohungen der Sowjetunion, dem Prozess gegen den ehemaligen Beamten des Außenministeriums Alger Hiss, dem man Spionage für Russland vorwarf, außerpolitischen Krisen in Nord- und Südkorea und der Hatz gegen mutmaßliche Kommunisten durch Senator Joseph R. McCarthy im eigenen Land. Und wie so oft in der Filmwelt reagierte diese mit Produktionen, die die psychischen Zustände der Gesellschaft wieder spiegeln. "In dieser von Paranoia und Neurosen geprägten Atmosphäre nach 1949 war es kein Wunder, dass der Film Noir sich Charaktere schuf, die von heftigen Obsessionen gepeinigt wurden. Schließlich war ja McCarthy selbst das irrwitzigste Beispiel eines Neurotikers, der seine große Manie in aller Öffentlichkeit ausleben durfte", so Paul Werner. "Die Perspektive des Film Noir verschob sich - vom entfremdeten Helden als Opfer zum besessenen Helden als Täter." Sogar die ursprünglich romantisierte Figur des Privatdetektiv wurde in diese Zeit verändert. Als extreme Beispiele sind Harry Essex' I, The Jury (1953) und Robert Aldrichs Kiss Me Deadly (1955), die die legendäre Figur Mike Hammer als Hauptcharaktere haben, zu nennen. "Hammer nimmt in beiden Filmen das Recht zu töten in Anspruch, ohne einen Hinweis zu liefern, woraus er dieses abzuleiten glaubt. Sein Sadismus und seine offene Misogynie lassen einzig Rückschlüsse auf seine Sexualneurose zu.", erläutert Werner. Touch of Evil markiert nicht nur das Ende des klassischen Film Noir, sondern treibt mit der Figur des obsessiven und neurotischen Hank Quinlan die nach Paul Werner letzte Phase des Subgenres auf die Spitze. "... und bringt in der barocken Darstellung Welles' das Thema des korrupten Cops bis hart an die Grenze zur Parodie.", meint Werner. Tatsächlich wirkt es parodistisch wenn Quinlan gegenüber einer alten Bekannten (Marlene Dietrich in einem einprägsamen Gastauftritt als müde gewordene Nachtklubtänzerin) zugibt, dass die Schokoriegel oder der Alkohol schuld darin sind, dass er so fett geworden ist. Damit wird aber auch deutlich, dass Quinlan eigentlich ein armes Schwein ist, der weiß dass er Probleme hat aber nicht weiß zu wem er damit gehen kann. Denn alle erwarten von ihm den harten Cop. Sogar seine alte Bekannte heißt ihn in ihrer Wohnung nicht mehr besonders willkommen und ihr gutes Chili bleibt ihm verwehrt. Dieses offensichtliche Krankheitsbild ändert natürlich nichts daran, dass seine Methoden den Fall zu lösen nicht akzeptabel sind. Er lehnt den Grundsatz ab, dass ein Verbrecher laufen gelassen werden muss wenn keine Beweise vorliegen und sorgt daher selbst für die Unterschiebung der notwendigen Beweise.

Dramaturgisch brilliant inszeniert sind die beiden nebeneinander laufenden Handlungsstränge - das Autoattentat und die Rachegelüste der Grandi-Familie, die aber zusammen gehören und dies für den Zuschauer stets klar ist. Denn ein Grund warum sich Vargas in die Sache mit dem explodierten Auto einmischt ist, weil er als Drogenermittler Verbindungen zur Grandi-Familie vermutet. Damit wird das ganze auch eine pesönlich Sache für Vargas - spätestens wenn seine Frau von den Jungspunden der Familie geknidnappt wird. Er begibt sich immer tiefer in die Angelegenheit hinein (verschuldet damit sogar indirekt wenn auch ungewollt die Entführung seiner Frau), verstrickt sich und sein Verständnis von Moral wird auf eine harte Probe gestellt. Liegt doch Quinlan mit seiner Intuition - wie sich am Ende heraus stellt - richtig. Schauspielerisch ist der Film mit Welles, Heston und Janet Leigh (Psycho, 1960) natürlich exzellent besetzt. Die Figuren sind fast alle tiefgründig und überzeugend gezeichnet. Nur Leigh's Charakter ist meiner Meinung nach etwas zu hilflos und schwach dargestellt.
Orson Welles war zunächst nicht als Regisseur vorgesehen, doch Charlton Heston überredete die Universal Welles auch die Regie zu übertragen. Nach Beendigung der Arbeit wurde der Film damals gegen Welles' Willen gekürzt und umgeschnitten. Er schrieb ein 58-seitiges Memorandum, in dem er um Änderungen bat, die aber nicht umgesetzt wurden. Erst 1998, 13 Jahre nach Welles' Tod, erstellten Rick Schmidlin und Walter Murch nach dem Memorandum einen Director's Cut, der heute auf DVD vorliegt. Damals jedoch war Welles zu Recht so verärgert, dass er in Hollywood den Rücken kehrte und dort nie wieder einen Film als Regisseur drehte.
(Stefan Schuster)
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