|
Unsere nächste Tour führte uns in die
Gebirgsregion des Jostedalsbreen Nationalparks. Der Jostedalsbre en
ist Europas größter Festlandsgletscher. Seine Nationalparkfläche
erstreckt sich auf 1310km2 . Die reine Gletscherfläche
beträgt über 500km2 und der höchste Punkt des
Gletschers liegt in etwa 2000m Höhe. Die zahlreichen Gletscherarme,
welche sich in die Täler schieben, zeichnen sich verantwortlich für die
typische norwegische Landschaft und Natur. Einige sogenannte
Gletscherzungen sind zum Beispiel: Bøyabreen, Supphellabreen,
Briksdalsbreen und auch der Nigardsbreen. Auf unserer Tour
zum Jostedalsbreen Nationalpark und zum Jotunheimen Nationalpark, haben
wir beschlossen, uns ein Quartier auf der Nordseite des Sognefjords zu
suchen, da man von dort aus die besten Ausgangsmöglichkeiten für unsere
beiden Touren zum Nigardsbreen und zum Sognefjell hat. Die Fahrt beginnt
von Aadland (40km westlich von Bergen), und führt über die kleine Gebirgsstadt
Voss hinauf zum Vikafjell, von wo man eine herrliche Aussicht hinab in die
Region nordöstlich von Voss hat.
Wenn man das Fjell dann in Richtung Vangsnes überquert hat und wieder
bergab in Richtung Fjord fährt, öffnet sich ein riesiges Tal mit
gigantischer Sicht bis an das Nordufer des Sognefjordes. Nach unzähligen
Serpentinen und einem Gefälle von bis zu 12%
(Achtung: immer mit niedrigem Gang fahren und
auch nicht bei langsamer Fahrt ständig auf der Bremse stehen, wir sprechen
aus Erfahrung) erreichen wir Hopperstadt mit seiner sehenswerten Kirche.
Der nächste Ort den wir erreichen ist Vik direkt am Sognefjord. Jetzt
schlängelt sich unser Weg direkt am Fjord entlang
bis hin nach Vangsnes unserem Fähranleger. Von hieraus setzen wir über
den Sognefjord über nach Hella auf der Nordseite des Fjordes. Zum
Sognefjord ist vielleicht wissenswert, dass er mit 200km der längste
Fjord der Welt und mit bis zu 1300m einer der tiefsten Fjorde ist. Seine
Entstehung geht 2 bis 3 Millionen Jahre zurück und ist das Resultat von
ca. 20 Eiszeiten, die ihm das heutige Relief gaben. Die angrenzenden
Bergmassive sind bis zu 1700m hoch. Es bedarf schon einigem
Vorstellungsvermögen, welche Kräfte hier über
die Zeit gewirkt
haben müssen. Besonders imposant sind die
zahlreichen Wasserfälle, welche sich entlang des Fjordes zu beiden Seiten
in die Tiefe stürzen, aber dieses Thema füllt vielleicht einen eigenen
Reisebericht. Unterdes angekommen in Hella überlegen wir uns schon,
welche Ortschaft der ideale Ausgangspunkt für unsere
Touren sein könnte. Nach einem Blick auf unsere Karte legen wir fest,
dass Sogndal am besten geeignet wäre. Also machen wir uns auf,
Sogendal zu err eichen,
denn die Zeit ist schon ziemlich fortgeschritten. Immer der Straße am
Fjord entlang erreichen wir über Leikanger und Hermannsverk nach etwa
anderthalb Stunden das Zentrum von Sogendal.
Dort schaffen wir es gerade noch vor
Geschäftsschluss in die Touristeninformation, denn so ausgiebige
Öffnungszeiten wie in Deutschland kennt man hier im Norden nicht. Aber
nach so vielen Reisen nach Norwegen müssen
wir sagen, das es dem Lebensstandard überhaupt keinen Abbruch tut.
Im Gegenteil man ist hier oben nicht so im Stress, und die
Leute strahlen eine Gelassenheit aus, an welcher sich so mancher Deutsche
wohl eine Scheibe abschneiden könnte. Aber wie gesagt, wir betreten
die Touristinformation kurz vor 16.oo Uhr, um
uns einige Informationen über geeignete Übernachtungsmöglichkeiten zu
beschaffen. Ausgestattet mit einem Stadtplan und darauf eingezeichneten
Übernachtungsmöglichkeiten beginnen wir die Suche nach unserem neuen
Quartier. Aber nach dem drittem Versuch
mussten wir uns eingestehen, dass die Suche direkt in Sogndal
wahrscheinlich zu keinem Erfolg führen würde, da vor lauter Touristen
und Studenten alle Unterkünfte ausgebucht
sind. Darum beschließen wir - wir fahren weiter. Nun also weiter
in Richtung Luster. Und siehe da: Nach ca.
15km Fahrt werden wir auf einer kleinen Anhöhe
kurz vor Hafslo fündig. Ein kleiner Bauernhof "Hafslotun" hat
sich auf Feriengäste eingerichtet und bietet mit den kleinen roten
Ferienhütten den idealen Platz für jeweils
vier Personen. Nach einem Aufatmen und einem
Blick auf die Uhr sind wir nun vollends zufrieden. Unsere Tour dauerte
fast den ganzen Tag, das heißt ohne Stress und den Pause zum Verweilen
muss man etwa 8-9 Stunden einplanen. Wir richten uns in der Hütte
ein, machen Abendbrot und gehen dann früh zu Bett. Unsere
Tour am nächsten Tag zum Nigardsbreen soll früh losgehen. Am
Morgen dann werden wir von der Sonne, welche durch
das zentral angeordnete Oberlicht unserer Hütte einfällt, gegen
7.oo Uhr geweckt. Wir
frühstücken, packen unsere Ausrüstung zusammen und machen unser
Auto startklar, so das wir unsere Tour zum Nigardsbreen gegen 8.oo
Uhr beginnen können. Mit dem Auto sind es von Hafslo bis zum Startpunkt
unserer Wanderung noch gute 80 km. Wir fahren also die tags zuvor gefahren
Straße weiter in Richtung Luster und biegen dann vor Gaupne in das
Seitental des Jostedalselvi ein. Von nun an ist nicht mehr der Fjord unser
Begleiter sondern ein am Anfang breiter, bisweilen
gemächlich dahinfließender türkisfarbener,
Gebirksfluß. Aus der Karte können wir entnehmen,
dass dieser Fluss einen seiner Ursprünge im
Nigardsbreen hat. Je weiter wir dem Fluss bis zu seinem Ursprung folgen,
desto mehr veränderte er sein Aussehen. Vom
eben noch gemütlich dahinfließenden Fluss, wechselt er zum tosendem
Ungetüm mit reisenden Stromschnellen. Und das alles nur, weil er zwischen
zwei Felsen eingeklemmt scheint. Kurz nach Gjerde öffnet sich das
Jostedal und man kommt an den Punkt an dem mehrere Täler zusammentreffen.
Linker Hand eröffnet sich das mächtigste
der genannten Täler, es ist das Gletschertal des Nigardsbreen. Wir biegen
linker Hand ab und fahren vorbei am Breiheimmuseum direkt auf den
Gletscher zu. Im ersten Augenblick denkt man, man stünde
schon direkt vor den mächtigen Eismassen, aber weit gefehlt. Am eigenen
Leib hatten wir schon früher erfahren müssen,
dass die Optik täuscht. Bei einem frühern Ausflug zum Nigardsbreen
dachten wir, wir lassen das Auto am Breheimsenter stehen und laufen das
Stück bis zum Gletscher. Aber damals hatten wir die Rechnung ohne die
gewaltige Natur gemacht. Wer immer behauptet Norwegen wäre kalt und
regnerisch, dem müssen wir mit allem Nachdruck widersprechen. An jenem
Augusttag waren wir außerdem auch ziemlich spät aufgebrochen. Die Sonne
stand schon hoch am Himmel und es war eigentlich herrlichstes Wetter.
Also begaben wir uns vom ersten Parkplatz am Breheimsenter auf
Wanderschaft. Doch schon bald mussten wir feststellen, dass die
Gebirgsmassive zu beiden Seiten des Tals nicht an uns vorüber ziehen
wollten. Ab da wurde uns die Ge waltigkeit,
welche die Natur hier geschaffen hat, in Ansätzen klar.
Wir liefen also und liefen. Vor uns der Gletscher, der die Gebirgsmassive
zur Rechten und zur Linken auseinander zuschieben zu scheint und über
uns erbarmungslos die Sonne, welche ohne ein
Wölkchen am Himmel stand und brannte. Zu allem Überfluss kam noch hinzu,
dass man den Weg gerade frisch geteert hatte und wir nicht die
sommerlichste Bekleidung gewählt hatten. So
quälten wir uns sprichwörtlich bei gefühlten 35C° zwei Stunden über
den noch heißen Teer bis ans Ende der Straße auf einen riesigen
Parkplatz. Dort mussten wir uns endgültig eingestehen, dass wir uns total
vertan hatten: Der Gletscher lag mindesten
noch einmal ein Stunde entfernt. Es war schon nachmittags gegen 16.00
Uhr und wir mussten eine Entscheidung treffen. Wir entschieden also,
wir genießen die Aussicht auf den Gletscher und verschieben das
schwierigere Stück der Tour, da jetzt kein
Weg mehr vorhanden war und man hätte über
riesige Findlinge klettern müssen, auf eine spätere Tour. Nun sind wir
also wieder hier auf dem riesigen Parkplatz, mit einiger Erfahrung und
doch auch schönen Erinnerungen vom letzten
Mal im Gepäck. Wir suchen unsere Ausrüstung im Auto zusammen,
machen auch gleich die ersten Fotos und brechen noch früh am Tag zu einem
unvergesslichem Erlebnis auf. Zu beginn können wir noch diversen
Trampelpfaden nachgehen, aber je weiter wir in Richtung Glet scher
unterwegs sind desto weniger werden auch die Trampelpfade. Nach einiger
Zeit müssen wir stellenweise sogar wieder ein Stück zurückgehen, um uns
dann erneut an einem großen roten T zu orientieren. Das rote T ist in
Norwegen der Hinweis auf eingetragene Wanderwege und man sollte diese
Routen unter gar keinem Fall ohne kundigen
Führer verlassen. Nachdem wir ein gute
Stunde meist kletternd unterwegs sind, kommen wir der Gletscherzunge
nahe: Wir sind am Gletscherfluss schon hinter
dem Gletschersee angelangt. Auf dem abgeschliffenen Granit bewegen wir uns
nun andächtig in Richtung steil aufragende Eismassen. So richtig wohl ist
uns die ganze Sache aber auch nicht. Den ganzen Weg hierher waren
wir mit den enormen Kräften konfrontiert, welche hier gewirkt haben
mussten um riesige Granitblöcke ins Tal zuschieben oder gar zu zermahlen.
Und jetzt stehen wir zum anfassen nahe an
unserem Ziel, und der Gletscher gibt hin und wieder gefährlich
anmutende Geräusche von sich als wolle er uns warnen. Trotz der
anhaltenden Diskussion um Klimaerwärmung und so weiter muss man fairer
weise schon sagen, das diese Gletscherzunge sich um einige Meter
zurückgezogen hat. Aber die Gletscherzungen auf der Nordseite des Jostedalsbreen
sind in der selben Zeit einige Meter gewachsen. Dies liegt auch viel an
der Niederschlagsverteilung über diesem
riesigem Gebiet. Als wir nun ein relativ windgeschütztes Plätzchen in
einer Ausschürfung gefunden haben, machen wir ein kleines Picknick und
beobachteten die Teilnehmer einer
Gletschertour, welche hier unter sachkundiger Leitung eines erfahrenen
Bergführers den Weg in den Gletscher auf sich nehmen. Nach einiger Zeit
und noch mehr geschossenen Fotos heißt es aufbrechen zum Ausgangsort
unserer Tour. Nach einigen Metern des Rückweges, gelingt es unserem
fünfjährigem Sohn uns doch davon zu überzeugen, das T ouristenboot
zu nehmen. Wie sich herausstellte, ist es
doch keine so schlechte Idee. Vom Bootsführer erfahren wir, wie der
Nigardsbreen zu seinem Namen gekommen ist. Vor langer Zeit war der
Gletscher, nach einer sogenannten Warmzeit, auf dem Vorrücken. Die
Menschen aber hatten die Warmzeit genutzt,
den entstanden Boden zu nutzen und bauten ihre Höfe bis an den
zurückweichenden Gletscher. Jetzt kam die nächste Kaltzeit und der
Gletscher wuchs wieder und schob sich weiter ins Tal hinab. Dabei schob er
mit seiner gewaltigen Kraft den einen wie den anderen Hof
vor sich her und begrub sie dann unter seinem Eispanzer. Dieses Schicksal
ereilte acht Höfe. Vor dem neunten Hof kam der
Gletscher zum Stillstand, ja er zog sich sogar wieder zurück. Und weil ni
auf norwegisch neun und gard Hof heißt, nennt man ihn seit dem
Nigardsbreen. Während dieses interessanten Plausches sind wir mittlerweile
an der Anlegestelle angelangt. Wir bedanken
und verabschieden uns von unserm geselligen
Bootsführer, und steigen zu unserm Auto hinauf auf den Parkplatz. Von
hier aus schauen wir auf den von uns genommenen Weg und lassen
die Tour vor unseren Augen noch einmal Revue passieren.
Die letzten Fotos werden gemacht, dann die Ausrüstung ins Auto verstaut.
Die Heimfahrt zu unserem Quartier in Hafslo geht wie von alleine,
denn es muss jeder von uns die erlebten Eindrücke erst
mal verdauen. Nach diesem herrlichen Tag steht für uns fest, dass
wir irgendwann wieder eine solche Tour
unternehmen werden und wenn nicht gerade zum Nigardsbreen, dann
vielleicht zu einem der vielen andern nicht so bekannten Gletschern
Norwegens.
|