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Die meisten Menschen werden noch keine Begegnung mit einer Psychiatrie gehabt
haben. Einige denken an einen Ort, an dem gefängnisartige Zustände mit
Zwangsjacken herrschen. Scharen von Wärter fallen über einen einzelnen
durchdrehenden Patienten her und der diensthabende Arzt setzt dem Patienten
eine Beruhigungsspritze, die den Durchdrehenden in eine rosafarbene Welt
versetzt. Mit einem entspannten Grinsen im Gesicht wird der Patient vom
Personal abgeführt und in ein Fixierbett gelegt, wo er langsam wieder zu
sich kommt und nach einigen Stunden mit Schaum vor dem Mund um Freiheit
schreit...
Zu solch verzerrten Vorstellungen kommen nicht selten Moviefans, die zu viel
Fantasie besitzen. Denn auch, wenn in beinahe jedem Film die Psychiatrie so
dargestellt wird, enspricht es keineswegs der Wahrheit. Aus eigener Erfahrung
kann ich dies nach zwei längeren Psychiatrieaufenthalten widerlegen.
Auf dieser Seite möchte ich Euch die all gegenwärtigen Gerüchte vergessen lassen
und aufklären, wie es wirklich abläuft.
...wenn kein Licht mehr in Deine Seele fällt
Kapitel 1: Psychiatrie - Was ist das eigentlich?
Zunächst ist eine Psychiatrie ist eine Krankenhaus Abteilung, genau wie die Urologie es eine ist. Der Unterschied liegt im
medizinischen Fachgebiet. Während sich die meisten Fachgebiete mit der körperlichen Gesundheit beschäftigen, geht es in der
Psychiatrie schlicht und ergreifend um die Gesundheit der Seele, also der Psyche.
Dieser Unterschied zeigt sich deutlich in der räumlichen Gestaltung. Während körperlich erkrankte Menschen die meiste Zeit
im Bett an vielen Geräten angeschlossen verbringen, wird man in einer psychiatrischen Abteilung eher an eine Jugendherberge
mit vielen Zimmern, einem Aufenthalsraum und einem Gruppenbesprechungsraum erinnert. Dieser Vergleich trifft es meiner
Meinung am ehesten. Abgesehen vom ärtzlichen Untersuchungszimmer und dem Medikamentenzimmer dürfte es nur wenige Abweichungen
geben.
Die Struktur einer Psychiatrie ist in kleinere Unterabteilungen aufgeteilt, in denen die Patienten je nach Krankheitsbild
untergebracht sind. Häufig ist die Einteilung der Stationen auch nach Schweregrad des Einzelfalls unterteilt. So wird ein
depressiver, verschüchterter Patient nie oder in seltenen Fällen Kontakt zu randalierenden stark extrovertierten Patienten
haben, geschweige denn sich ein Zimmer mit ihm teilen müssen.
In der Psychiatrie, in der ich untergebracht war war die Einteilung in etwa wie folgt:
Station P4 und P6 - offene Stationen, für Patienten die in einer "warmen" gesellschaftlichen Umgebung behandelt werden.
Es herrscht ein familiärer Umgang der Mitpatienten untereinander. Patienten sollen an das eigenständige
Leben wieder herangeführt werden. Häufig trifft man auch Patienten an, die in einer geschlossenen Station
untergebracht waren und wieder seelisch soweit stabil sind, daß sie sich nicht Selbst oder Andere gefährden.
In jedem Fall sind alle Patienten nicht akut suizidgefährdet. Oft findet man hier die unterschiedlichsten
Menschen von Depressiven, Vergewaltigungsopfer, Psychosepatienten usw. . Hier werden die meisten
Therapien durchgeführt und die Patienten haben regelmäßigen Ausgang. Patienten übernehmen Aufgaben,
wie Küchendienst. Viele sind freiwillig.
Station P7 - geschlossene Station für Patienten mit Suchtproblemen (Alkohol, Drogen jeder Art). Auf dieser Station
herrscht große Disziplin. Patienten sind teils suizidal. Deswegen sind keine Kabel, Gürtel, Messer erlaubt.
Schränke können nicht abgeschlossen werden. Es stehen Fixierbetten bereit. Hier wird der Alkohol und
Drogenentzug durchgeführt. Oft polizeilich eingewiesene Patienten. Therapien beschränken sich auf wenige.
Immer dabei eine Suchtherapie.
Station P3 - geschlossene Station für Patienten, die oft gewaltbereit gegenüber sich und Anderen sind. Es herrscht
weniger Disziplin. Patienten sind teils suizidal. Deswegen sind keine Kabel, Gürtel, Messer erlaubt.
Schränke können nicht abgeschlossen werden. Es stehen Fixierbetten bereit. Oft polizeilich eingewiesene
Patienten. Therapien sind selten und die medikamentöse Behandlung steht im Vordergrund.
Ich war bei den Psychiatrie Aufenthalten auf Station P6 und P7 untergebracht. Beide Stationen sind unterschiedlicher,
wie sie nicht sein könnten. Bezeichnungen der Stationen variieren. Im Grunde verbirgt sich dahinter aber immer eine
der beschriebenen Stationen.
Einen kleinen Absatz widme ich der Forensik. Der Unterschied zur Psychiatrie besteht darin, daß in einer Forensik
psychisch erkranke Verbrecher einsitzen. Keines falls kommt man also mit solch gefährlichen Menschen in einer Psychiatrie
in Kontakt. Menschen, die in einer Forensik einsitzen sind sehr zu bedauern und verdienen allesamt mein Beileid. Oftmals
haben sie ihre Gewalttaten in einer Wahnvorstellung begangen, in der sie nicht in der Lage waren zwischen Realität und
Einbildung zu unterscheiden.
Kapitel 2: Wie geht eine Einweisung von statten?
Einmal angenommen eines Tages seit Ihr Betroffen. Ihr leidet unter einer psychischen Krankheit und seit am Ende mit
allen Nerven. Es gibt drei mir bekannte Wege in einer Psychiatrie aufgenommen zu werden.
1. Die einfachste Variante: Ihr steht beispielsweise unter Drogen und tickt in der Öffentlichkeit vollkommen aus. Jemand
ruft die Polizei. Die erfahrenen Polizeibeamten erkennen sofort, daß Ihr konsumiert habt. Sie haben das Recht Euch
mitzunehmen und in der Psychiatrie einzuweisen. In diesem Fall wurde Euch die Entscheidung von den Polizeibeamten
abgenommen. Denn Ihr habt nun keine freie Entscheidung darüber, wann ihr wieder aus der geschlossenen Station raus
kommt. Gleiches gilt übrigens, wenn Ihr Euch selber umbringen wollt. Im Fall, daß Euch die Polizei rechtzeitig aufliest,
nsteht der Einweisung nichts im Wege.
Es kam nach meinem Empfinden eigentlich besonders häufig vor, daß ein Neuankömmling von der Polizei gebracht wurde.
2. Ihr geht zu Eurem Hausarzt und der entscheidet, über eine mögliche Tagesklinische Behandlung, bzw. stellt die
Einweisung in die Psychiatrie aus.
3. Ihr sucht den direkten Weg in die Psychiatrie. Dort bittet ihr um ein Gespräche mit dem diensthabenden Psychiater.
Dieser entscheidet weiter, was mit Euch geschieht.
Es sei gesagt, daß die meisten Patienten in einer Psychiatrie tatsächlich freiwillig sind. Wie bei mir gab es nur noch
den Weg in die Psychiatrie oder den Freitod. Dann ist eine Psychiatrie der Beste Platz auf Erden. Es ist gut, daß es
sie gibt.
Um zurück auf die Einweisung in die Psychiatrie zu kommen sei gesagt, daß bei der Aufnahme des Patienten eine gründliche
körperliche Untersuchung und Befragung durchgeführt wird. Dabei entscheider der Psychiater die weitere Vorgehensweise,
vor allem auf welcher Station ihr aufgenommen werdet und ob eine mediakamentöse Behandlung sofort in die Wege geleitet
wird. Dabei macht Ihr so gut es Euch möglich ist Angaben zu Eurer Person und dem Üblichen, was bei einer Aufnahme in ein
Krankenhaus notwendig ist.
Kapitel 3: Weitere Verfahrensweisen und Tagesablauf
Meist beginnt der Aufenthalt in dem Ihr Euch anderen Patienten vorstellt und aus Interesse der Anderen gefragt werdet,
warum Ihr da seit. Nach kurzen Gesprächen werdet Ihr bald feststellen, daß Ihr nicht alleine mit Eurer Krankheit seit
und die meisten Mitpatienten in Ordnung sind und Euch verstehen werden.
Habt Ihr eine medikamentöse Einnahme begonnen, so kann es vorkommen, daß Ihr in der ersten Zeit mit Müdigkeit und der
Eingewöhnung in der Psychiatrie und manchmal auch einem Heimweh zu kämpfen habt. Nach ein paar Tagen habt Ihr das
Schlimmste überstanden. Immer wieder ist mir aufgefallen, daß neue Patienten in Tränen ausbrechen. Eine Psychiatrie ist
eben kein Erholungsurlaub, sondern ein Ort, an dem man an sich arbeitet.
Der Tagesablauf findet meist sehr gleich statt. Früh morgens werdet Ihr geweckt. Eventuell wird das Zimmer kontrolliert.
Das Frühstück, wie auch die anderen Mahlzeiten nehmt Ihr in der Gemeinschaft mit den Mitpatienten wahr. Es ist zu sagen,
daß zu den Mahlzeiten Anwesenheitspflicht herrscht. Nach dem Frühstück beginnt häufig eine Runde in der gesamten
Gemeinschaft, in der Ihr nach Eurem Befinden befragt werdet. Oft werden auch Tagepunkte besprochen oder Informationen
erteilt. Kurz darauf finden vormittags die meisten Therapien statt. Welche Therapien das sind und was dort gemacht wird
findet Ihr auf meiner Homepage unter dem Thema "Depressionen" - Kapitel 6. Ihr werdet merken, daß das ganz schön
erschöpfend ist und nachdem Ihr das Mittagessen eingenommen habt bleibt Euch eine Mittagsruhe. Danach finden wieder ein
paar Therapien statt und der weitere Tagesablauf ist den Patienten innerhalb der Psychiatrie freigestellt. Man beschäftigt
sich, so gut man kann und unterhält sich mit Mitpatienten. Wenn Du das Glück hast in einer offenen Station zu sein, dann
wirst Du den Ausgang für Einkäufe oder Spaziergänge nutzen. Nach der Abendmahlzeit ist häufig noch einmal
ein freier Ausgang, bei dem man sich nach Absprache und Abmeldung frei draussen bewegen kann.
Ich habe Ausgänge häufig dazu genutzt, um mit dem Auto zu meiner Familie zu fahren, oder in meine Wohnung. Denn
Privatsphäre hat man in der Psychiatrie nur auf der Toilette und gelegentlich im Patientenzimmer, das meist mit 2 oder
4 Betten ausgestattet ist.
Sonstige Abläufe sind zum Beispiel die wöchentliche Visite, zu der man sich bei körperlichen Beschwerden eintragen kann.
Aber auch kleine Projekte, wie ein gemeinsames Kuchenbacken gehören dazu. Diese Angebote sind unterschiedlich von
Psychiatrie zu Psychiatrie. Ich habe es genossen gelegentlich mit Mitpatienten zu "kickern". Was mir fehlte war ein
kleiner Fitnessraum. Denn man merkt schnell: Wer rastet, der rostet - oder wird gelegentlich fett.
Kapitel 4: Diagnosen und Krankheiten in einer Psychiatrie
Kommen wir zur Diagnose. Nach längerer Beobachtungsphase wird Euch Euer Psychiater eine Diagnose stellen. Heutzutage
gibt eine einen sogenannten ICD-10 Code, nachdem alle Diagnosen augeschlüsselt sind. Alle Diagnosen hier aufzulisten
wäre quatsch. Das Internet listet unter der "Googlesuche" alle erdenklichen Diagnosen nach ICD-10 Code. Ihr könnt Euch
spaßeshalber ja mal meine Diagnosen samt Beschreibung im Internet anzeigen lassen.
Hier die Diagnosen nach ICD-10, die meine Psychater mir im Laufe der Zeit gestellt haben:
F 10.1 - schädlicher Gebrauch von Alkohol
F 41.2 - Angst und Depressionen gemischt
F 60.6 - abhängige Persönlichkeitsstörung
F 60.7 - ängstliche Persönlichkeitsstörung
F 60.8 - gemischte schwere narzißtische Persönlichkeitsstörung
X 84.9! - Suizidalität
Weitere häufige Krankheitsbilder sind: alle möglichen Formen von Schizophrenie, Psychosen, Depressionen, Boarderliner
Syndrom, Suizid, Persönlichkeitsstörungen jeglicher Art, Alkohol- und Drogenmißbrauchsfälle usw.
Kapitel 5: Die Entlassung aus der Psychiatrie
Wenn Ihr eine gewisse Zeit in der Psychiatrie behandelt worden seit, wird der Tag kommen, an dem Euer Psychiater Euch
entlassen möchte. In allen mir bekannten Fällen wurde ein Wochenende vor der Entlassung der Patient in eine sogenannte
Belastungserprobung geschickt. Darunter ist aber weder zu verstehen, daß Ihr irgendeiner Mutprobe unterzogen werdet,
noch beweisen müßt wieviel Wodka Ihr herunterspülen könnt, ohne umzufallen.
Die Belastungserprobung ist der vorsichtige Versuch, Euch für ein Wochenende nach Hause zu schicken und dort Euch selber
überlassen zu sein. Ihr müßt also das Wochenende alleine klar kommen, ohne ärtzliche Aufsicht. Natürlich bleibt es Euch
gewährt, wenn nichts mehr geht abzubrechen und zurück in die Psychiatrie zu gehen. Aber Ihr solltet schon versuchen die
Belastungserprobung durchzuziehen, um zu sehen wo Ihr steht.
Bestimmt werdet Ihr Euch zunächst zu Hause einsam fühlen, habt Ihr doch so viele neue Leute die letzen Wochen oder Monate
um Euch herum gehabt. Aber auch das wird sich wieder legen. Irgendwann habt Ihr es dann geschafft. Dann ist der Tag X
gekommen, an dem Ihr mit gepackten Taschen in der Tür stehen werdet und nasse Hände haben werdet. Ab jetzt seit Ihr wieder
ganz alleine für Euch selber verantwortlich. Das ist sicher eine Umgewöhnung. Aber es geht. Ihr werdet in nächster Zeit
bestimmt noch weiterhin psychatrische ambulante Hilfe in Anspruch nehmen. Auch wird die eine oder andere Psychiatrie ein
Kaffeetrinken für Patienten und Ex-Patienten veranstalten.
Ich nehme diesen Termin seit einem halben Jahr seit der letzten Entlassung wahr. Ich merke, daß es mir gut tut. Andere
Menschen wenden sich dagegen von der Psychiatrie ab und lassen sich nie wieder blicken. Es steht Euch zum Glück frei zur
Auswahl, was Euch am Besten tut.
Ich wünsche Euch, daß Ihr niemals eine Psychiatrie in Anspruch nehmen braucht. Trotz allem hoffe ich, daß Ihr mit
großem Interesse mitgelesen habt und das ich dem Einen oder Anderen eine Hilfe sein konnte. Kopf hoch...
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