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Gerhard Keiderling
Heißes Pflaster im Kalten Krieg
Der Potsdamer Platz zwischen 1945 und 1990

Vom alten Potsdamer Platz, den Franz Hessel bei seinen Spaziergängen durch Berlin nicht als einen städtischen Raum, sondern als ein riesiges Straßenkreuz empfunden hatte, auf dem sich - überwacht vom berühmten Verkehrsturm - in unendlichem Strom Menschen, Automobile, Omnibusse und Straßenbahnen dahinschoben, waren bei Kriegsende nur Ruinen geblieben. Dennoch verschwand er nicht in historischer Bedeutungslosigkeit. Als Dreisektoreneck in der nach 1948 zerrissenen Stadt und als ein Brennpunkt des Kalten Krieges machte der Potsdamer Platz über vierzig Jahre lang Schlagzeilen. An diese Zeit der Teilung und Konfrontation erinnern nachstehend einige markante Ereignisse

2. Mai 1945
Am zwölften Tag der Eroberung Berlins durch die Rote Armee toben die letzten Straßenkämpfe rund um den Potsdamer Platz. In dem 200 m entfernten Führerbunker der Reichskanzlei haben sich Hitler und Goebbels bereits entleibt, Bormann und andere einen Ausbruch unternommen. Dennoch betreibt SS-General Mohnke von der »Leibstandarte Adolf Hitler« die Verteidigung von »Zitadelle«, dem Regierungsviertel. Am Vortage ist am Askanischen Platz General Krebs, Chef des Generalstabs des Heeres, mit Parlamentären unter weißer Fahne über die Frontlinie gegangen, um eine Waffenruhe anzubieten. Das Sowjetkommando besteht jedoch auf bedingungsloser Kapitulation. Am Morgen des 2. Mai überschreitet der Kampfkommandant von Berlin, General Weidling, an der Potsdamer Brücke die Frontlinie und kapituliert. Am Nachmittag verstummt in der ganzen Stadt der Gefechtslärm.

4. Juli 1945
Die ersten amerikanischen und britischen Truppen - die Franzosen folgen später - treffen in Berlin ein, um sich gemäß alliierter Vereinbarungen an der Viermächteverwaltung der deutschen Hauptstadt zu beteiligen. Am Potsdamer Platz stoßen drei Besatzungssektoren aufeinander. Entsprechend dem Verlauf der alten Verwaltungsbezirksgrenzen gehört der Platz selbst mitsamt den Ausbuchtungen Lenné-Dreieck zwischen Hotel »Esplanade« und Tiergarten sowie Potsdamer Bahnhof einschließlich der Ruine des »Hauses Vaterland« bis zum Schöneberger Ufer zum sowjetischen Sektor. Der westlich angrenzende Bereich zwischen Link- und Bellevuestraße liegt im britischen Sektor. Der amerikanische Sektor stößt im spitzen Winkel zwischen Köthener und Stresemannstraße auf das Dreisektoreneck. Zur Markierung der Sektorengrenze werden dreisprachige Schilder aufgestellt: »You are leaving the American sector« oder »Sie betreten den Sowjetischen Sektor.« Die Berliner können unbehindert die kaum wahrnehmbaren Sektorengrenzen überschreiten, müssen sich aber nach den Regeln der jeweiligen Besatzungsmacht verhalten.
Da die Anlagen der Reichsbahn (Fern-, Güter- und S-Bahn-Verkehr) in ganz Berlin der Reichsbahndirektion der SBZ unterstehen, kommt es in der Folge am Potsdamer Bahnhof und auf dem weit in den US-Sektor hineinreichenden Reichsbahngelände immer wieder zu Zwischenfällen.

2. Juni 1946
Der S-Bahnhof Potsdamer Platz wird wieder geöffnet. In den letzten Kriegstagen hatte die SS die Unterführung des Landwehrkanals gesprengt, wodurch der Nord-Süd- S-Bahn- Tunnel geflutet wurde. Das Leerpumpen des Tunnels und die Beseitigung der Schlammmassen nimmt unter den Nachkriegsbedingungen viel Zeit in Anspruch. Der durchgängige Verkehr auf der Nord-Süd-Bahn zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Anhalter Bahnhof erfolgt erst am 15. November 1947. Der Fernbahnhof wird nach dem Kriege nicht mehr in Betrieb genommen.

1947
Der Potsdamer Platz hat sich neben dem Gelände an der Reichstagsruine und dem Alexanderplatz zu einem Zentrum des schwarzen Marktes entwickelt. Hier wechseln tagtäglich Bündel von Geldscheinen, Schmuckstücke, Zigarettenstangen, Lebensmittel und tausenderlei andere Dinge ihren Besitzer. Auch Besatzungsangehörige nehmen am Schwarzhandel teil. Immer wieder finden Großrazzien der Polizei statt. Im Dreisektoreneck gibt es aber unzählige Schlupfwinkel und Pfade, auf denen sich die Schieber durch Flucht in einen anderen Sektor der Verhaftung entziehen.

Mai 1948
Der Potsdamer Platz ist zu einem Schnittpunkt zwischen Ost und West geworden. Die Vier Mächte entzweien sich über Deutschland und Berlin. Der Alliierte Kontrollrat, der seinen Sitz im Kleistpark an der Potsdamer Straße hat, stellt im März und die Alliierte Kommandantur der Stadt Berlin im Juni die Arbeiten ein. Der von der UdSSR lancierte und von der SED geführte Deutsche Volkskongreß für Einheit und gerechten Frieden hat zu einem Volksbegehren für einen Volksentscheid über die Einheit Deutschlands aufgerufen. Am 23. Mai, dem ersten Einzeichnungstag, liegen auf der Ostseite des Potsdamer Platzes wie an allen Sektorenübergängen Eintragungslisten aus, denn die Aktion ist in den Westsektoren verboten worden. Die Anteilnahme der Westberliner entspricht aber nicht den östlichen Erwartungen.

24. Juni 1948
Die Berliner, die an diesem Tag den Potsdamer Platz ober- oder unterirdisch queren, erfahren, daß ihre Stadt von nun an währungspolitisch geteilt ist. Am Vortag stimmte die Mehrheit der 1946 frei gewählten Stadtverordnetenversammlung einer Währungslösung zu, wonach im Ostsektor allein die neue Währung der SBZ (DM-Ost), in den Westsektoren hingegen zusätzlich die Währung der Westzonen (DM-West) in Gestalt einer besonders gekennzeichneten »B-Mark« als »Doppelwährung« gelten soll. Der CDU-Stadtverordnete Helmut Brandt ruft besorgt aus, die Doppelwährung bedeute, »daß der Stacheldraht am Potsdamer Platz errichtet wird. Und Stacheldraht am Potsdamer Platz, das ist das Ende der Einheit Berlins.« Aus den Reihen der CDU, LDP und SPD erhält er Schmähungen wie den protokollarisch vermerkten Zuruf: »Oller Meckerer!« Die Sowjetunion verhängt seit dem 18. Juni eine Blockade der Westsektoren, die Westmächte antworten am 25. Juni mit der Einrichtung einer Luftbrücke.

2. Juli 1948
Bei drei Razzien auf dem Potsdamer Platz werden Passanten die im Ostsektor verbotene DM-West abgenommen. Drei Tage später beginnt Ostberliner Polizei auch hier mit der Kontrolle aller Fahrzeuge im grenzüberschreitenden Verkehr.

2. August 1948
Im britischen und ab 10. August auch im US-Sektor werden private Wechselstuben eingerichtet, in denen zu einem schwankenden Tageskurs DM-West in DM-Ost und umgekehrt getauscht werden können. Wenige Tage später öffnen die ersten Wechselstuben auch auf der Westseite des Potsdamer Platzes.

19. bis 22. August 1948
Bei Großrazzien durch Ostberliner Polizei am Potsdamer Platz und Umgebung kommt es zu Massenverhaftungen und zu Zwischenfällen mit Schwarzhändlern und unbeteiligten Passanten, gegen die die Polizisten mit Gummiknüppeln und sogar mit der Schußwaffe vorgehen. Sowjetische Militärpolizei dringt in die angrenzenden Westsektoren ein, verhaftet Westberliner Polizisten und nimmt sogar ein Mitglied der US- Militärregierung fest. Auf Grund eines Protestes des US-Stadtkommandanten, Oberst Howley, werden alle Festgenommenen wieder freigelassen. Am 21. August sichern die Briten ihre Sektorengrenze am Potsdamer Platz nach Osten hin durch

16. November 1948
Im Untergeschoß der Ruine des Hotels »Fürstenhof« gegenüber dem Potsdamer Bahnhof (sowjetischer Sektor) eröffnet ein »Freies Restaurant«. Auf der Speisekarte stehen Gerichte, die Berliner ohne Abgabe von Lebensmittelmarken bestellen können. Die Bildung einer Staatlichen Handelsorganisation (HO) in der SBZ am Vortage ist in Berlin mit der Absicht verbunden, möglichst viele Westberliner anzuziehen und ihnen eine Nutzlosigkeit der Lebensmittellieferungen über die Luftbrücke zu suggerieren.

8. und 9. Juni 1949
Während des Streiks der Westberliner Eisenbahner, die von der Reichsbahndirektion der SBZ ihre Entlohnung in DM-West verlangen, besetzen Streikende das Gebäude der Reichsbahndirektion am Schöneberger Ufer (US-Sektor). Sowjetische Offiziere drängen die Eisenbahner mit vorgehaltener Pistole zurück. Auf Anweisung der US-Militärregierung müssen die Barrikaden um das Gebäude beseitigt werden.

Juni 1950
Inmitten der Ruinenlandschaft um den Potsdamer Platz wird das im Krieg beschädigte neunstöckige Columbus-Haus zum Streitobjekt. Das an der Ecke Bellevuestraße/Potsdamer Platz gelegene Geschäftshaus hatte das Bezirksamt Tiergarten 1938 an den Bezirk Mitte übertragen. Jetzt verlangt das Bezirksamt Tiergarten die Rückgabe, was de facto eine Begradigung des Sektorenverlaufs am Lenné-Dreieck bedeuten würde.Ostberlin lehnt dies ab. Am 11. Juni besetzt Volkspolizei das Gebäude und nötigt Westberliner Firmen zur Räumung. Wenig später richtet die HO hier ein Kaufhaus ein, das sich mit der Losung: »Der kluge Berliner kauft in der HO« speziell an Westberliner Kunden wendet.

10. Oktober 1950
Auf der Westseite des Potsdamer Platzes, vor dem Hotel »Esplanade«, wird eine Leuchtschriftanlage »Die freie Berliner Presse meldet« in Betrieb genommen. Stahlträger tragen in 25 Meter Höhe ein 30 Meter langes und mit mehr als 2 000 Glühbirnen bestücktes Tableau, auf dem pausenlos Nachrichten laufen. Da die Buchstaben eineinhalb Meter hoch sind, können sie bis weit in den Ostsektor hinein gesehen werden.

28. März 1951
Volkspolizisten schießen auf dem Potsdamer Platz auf vier US-Touristenbusse. Nach ihrer Darstellung habe der Fahrer des ersten Busses sich einer Kontrolle entziehen wollen und sei plötzlich angefahren, wobei ein Polizist verletzt worden sei. Die anderen Polizisten geben Warnschüsse auf die Reifen der Busse ab, die sich in schneller Fahrt in den Westsektor entfernen. In Protestschreiben schieben sich der amerikanische und der sowjetische Stadtkommandant gegenseitig die Verantwortung für den Zwischenfall zu.

5. bis 19. August 1951
Während der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin folgen viele Festivalteilnehmer einer Einladung des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter zum Besuch Westberlins. Volkspolizei und FDJ-Ordner versuchen, durch Kontrollen auf dem Potsdamer Platz und in den S- und U-Bahn-Zügen die Jugendlichen aus der DDR davon abzuhalten. Während des Festivals unterbindet die Volkspolizei fast den gesamten Autoverkehr zwischen West- und Ostberlin.

13. August 1951
Anläßlich des 80. Geburtstages von Karl Liebknecht legt DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl vor dem Potsdamer Bahnhof den Grundstein für ein Denkmal für den KPD- Mitbegründer, der an dieser Stelle am 1. Mai 1916 auf einer Kundgebung ausgerufen hatte: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!« Zur Ausführung des Denkmals kommt es aber nie.

27. Oktober 1951
Die Reichsbahndirektion der DDR verlegt ihre letzten Dezernate aus ihrem Dienstgebäude am Schöneberger Ufer (US-Sektor) nach Ostberlin. Es bleiben hier technische Einrichtungen und seit 1958 eine Poliklinik für Westberliner Eisenbahner.

7. November 1951
Anläßlich des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ist auf dem von der Deutschen Reichsbahn der DDR verwalteten Gelände des Potsdamer Güterbahnhofes eine rote Fahne gehißt worden. Ein Kommando der Westberliner Polizei stürmt das Bahnbetriebswerk, um die Fahne und Transparente niederzureißen. Der Polizeioffizier Hermann Zuncker streckt den Reichsbahn-Dienststellenleiter Ernst Kamieth mit einem Schlag der Faust gegen die Halsschlagader nieder. Ein Gerichtszeuge: »Als wollte er einen Ochsen töten.« Kamieth verstirbt noch am gleichen Tag. Bei der Trauerfeier auf dem Platz vor dem Potsdamer Bahnhof wenige Tage später geht die Westberliner Polizei mit Schlagstöcken gegen Teilnehmer vor. Im November 1952 dringt erneut Westberliner Polizei in das Bahnbetriebswerk ein, um einen Gedenkstein für Kamieth zu entfernen. Einen sowjetischen Protest weist der US-Stadtkommandant zurück, weil ein Denkmal »nicht dem öffentlichen Reiseverkehr, sondern politischer Propaganda« diene. Zuncker wird im Mai 1954 vom Landgericht Berlin im Zusammenhang mit anderen Straftaten zu einer geringen Haftstrafe verurteilt, die er nicht anzutreten braucht. Seine Ehefrau wird zur gleichen Zeit bei einer der üblichen »Schieberkontrollen« auf dem S-Bahnhof Potsdamer Platz mit einer Einkaufstasche voller in Ostberlin eingekaufter Lebensmittel von der Volkspolizei gestellt.

26. Mai 1952
Den Abschluß des Deutschlandvertrages und des Vertrages der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zwischen der BRD und den Westmächten, die der Osten als Spalter- und Kriegspläne bezeichnet, beantwortet die DDR-Regierung mit »Schutzmaßnahmen« auch gegenüber Westberlin, wie Unterbindung des Telefonverkehrs und verschärfte Kontrollen an den Sektorenübergängen.

16. Juni 1952
Die BVG (West) verweigert einer aus Ostberlin kommenden Straßenbahn der Linie 74 am Potsdamer Platz die Weiterfahrt, weil sie von einer Frau gesteuert wird. Das ist der Auftakt zur endgültigen Unterbindung der sieben intersektoralen Straßenbahnlinien, die am 15. Januar 1953 erfolgt.

16. und 17. Juni 1953
Der Potsdamer Platz ist ein Brennpunkt des Arbeiteraufstandes. Die von der SED und der DDR-Regierung angeordnete Erhöhung der Arbeitsnormen führt am Morgen des 16. Juni bei den Bauarbeitern der Stalinallee zur Arbeitsniederlegung. Ein langer Demonstrationszug formiert sich, um der Regierung im »Haus der Ministerien« in der Leipziger Straße/ Ecke Wilhelmstraße eine Resolution zu überbringen. Als der Zug dort eintrifft, wird der Ruf zum Generalstreik und zum Rücktritt der Regierung laut. Von der Westseite des Potsdamer Platzes beobachten Politiker und Journalisten das Geschehen. Am Morgen des 17. Juni legen die Arbeiter vieler Ostberliner Betriebe - durch RIAS über die Ereignisse informiert - die Arbeit nieder und schließen sich Demonstrationszügen durch die Innenstadt an. Vielerorts, besonders am Potsdamer Platz, gehen Fahnen, Transparente, Kioske und »Aufklärungslokale der Nationalen Front« in Flammen auf. In den Mittagsstunden erscheinen sowjetische Panzer in der Innenstadt. Sie stoßen auch zum Potsdamer Platz vor und drängen die Demonstranten nach Westberlin ab. Sowjetsoldaten und Volkspolizei machen von der Schußwaffe Gebrauch. Das HO-Geschäft im Columbus-Haus wird geplündert und in Brand gesteckt. (Die Ruine wird drei Jahre später abgerissen.) Auch die Ruine des »Café Vaterland« brennt. Aufgrund der Verhängung des Ausnahmezustandes und einer Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr werden die Sektorengrenzen für den freien Personenverkehr hermetisch abgesperrt und der S-Bahn-Verkehr in Westberlin eingestellt. Die Sperren werden erst am 9. Juli wieder aufgehoben.

27. Juli 1953
In Westberlin beginnt eine Lebensmittelhilfeaktion der USA für die »hungernde Zonen-bevölkerung«. DDR-Bürger können sich an Ausgabestellen kostenlos Lebensmittelpakete abholen. Sie enthalten eine Dose Schmalz, vier Büchsen Kondensmilch, ein Pfund Hülsenfrüchte und ein Kilo Mehl. Bei Kontrollen auch auf den S- und U-Bahnhöfen Potsdamer Platz werden von der Volkspolizei die Pakete abgenommen und in Ostberlin an Westberliner Arbeitslose verteilt. Die Aktion, von beiden Seiten mit großem Propagandaaufwand begleitet, dauert bis Ende August.

13. Oktober 1957
In einer Blitzaktion werden in der DDR und in Ostberlin die seit 1948 gültigen Banknoten der DM-Ost in neue Banknoten umgetauscht. Am Potsdamer Platz wie an allen Sektorenübergängen finden rigorose Kontrollen statt, um Währungsspekulationen zu unterbinden. Zeitweise wird auf der U-Bahn-Linie A der durchgehende Fahrbetrieb unterbrochen.

Ende der 50er Jahre
Es ist ruhiger um den Potsdamer Platz geworden. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West hat eine Pause eingelegt. Auf der Ostseite haben die Enttrümmerungs- und Aufräumarbeiten der letzten Jahre den Blick frei gemacht bis zum Brandenburger Tor. Aus der Rasenfläche zwischen Wilhelm- und Voßstraße, wo einst Hitlers Reichskanzlei stand, ragt nur noch der Hügel über dem früheren »Führerbunker« hervor. Die Straßenbahnen der Linie 74 enden auf dem Leipziger Platz, dessen einstige Ausmaße nur am Verlauf der Bordsteine auszumachen sind. An der Sektorengrenze, unter dem Schild »Sie betreten den Demokratischen Sektor«, stehen Volkspolizisten und Mitarbeiter des »Amtes für Zoll und Kontrolle des Warenverkehrs«, um stichprobenartig Personaldokumente und Taschen der Passanten zu kontrollieren. Auf der Westseite, in die Potsdamer Straße hinein, herrscht reges Leben vor Wechselstuben, Flachbauten der Grenzhändler, Zeitungskiosken und Imbißbuden. Wer aus dem Osten hier einkauft, meidet den direkten Rückweg über den Platz. In Grenzkinos können Ostbesucher ihre Eintrittskarten im Verhältnis 1:1 von DM-Ost zu DM-West kaufen. Auf dem Programm stehen meist Heimat-, Schnulzen- oder Horrorfilme. Seit dem sogenannten Chruschtschow-Ultimatum vom November 1958, das eine »friedliche Lösung des Westberlinproblems« verlangt, wird das Ost-West- Klima wieder rauher. Zu Beginn der sechziger Jahre verspüren die Berliner, daß die »idyllischen« Tage am Dreisektoreneck Potsdamer Platz gezählt sind.

Einem Paukenschlag gleich riß der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, den Potsdamer Platz aus seinem politischen Dornröschenschlaf, in den er Ende der 50er Jahre versunken war. Noch einmal rückte er in den Brennpunkt der großen Politik. Als in den 70er Jahren der Entspannungsprozeß zwischen Ost und West vorankam, wurde es wieder ruhiger. Damals erstreckte sich hinter der Grenzmauer zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor eine öde Brache. Von einer Plattform auf der Westseite warfen tagtäglich mit Bussen herbeigekarrte Besuchergruppen mit Abscheu und Verwunderung einen Blick auf die Hauptstadt der DDR. Erst die stürmischen Ereignisse im Herbst 1989 brachten unverhofft neues Leben in den bis dato »toten Winkel«. Im Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer steht die größte innerstädtische Baustelle Europas für den Aufbruch der wieder geeinten deutschen Hauptstadt. Es erfüllt sich auf neue Weise, was Theodor Fontane einst schrieb: »Der Potsdamer Platz, da ist das meiste Leben. Und Leben ist nun mal das Beste, was eine große Stadt hat.«

13. August 1961
Gegen 1.00 Uhr beginnen die am Vortag von den Warschauer-Pakt-Staaten angekündigten »Maßnahmen zur Sicherung des Friedens«. Grenzpolizei und Betriebskampfgruppen reißen auch am Potsdamer Platz das Pflaster auf, senken Betonpfosten in die Erde und entrollen Stacheldraht. Auf dem freien Gelände zwischen Pariser Platz und Leipziger Straße parken Stoßstange an Stoßstange Armeefahrzeuge. Dahinter gehen T34-Panzer in Stellung. Als Berlin an diesem Sonntagmorgen erwacht, ist die bislang offene DDR-Grenze zu West-Berlin abgeriegelt. Nach der Schließung des U-Bahnhofs Potsdamer Platz enden die von Pankow kommenden Züge der Linie A auf der Station Thälmannplatz (heute Mohrenstraße). Die S-Bahn-Züge der Nord-Süd-Bahn halten in Ostberlin nur noch auf dem Bahnhof Friedrichstraße. westberliner Polizisten, die in dieser Nacht an der Grenze ihren Dienst verrichten, melden ihren vorgesetzten Dienststellen laufend die ungewöhnlichen Aktivitäten auf der Ostseite. Amerikanische und britische Offiziere erscheinen erst nach 3.00 Uhr am Potsdamer Platz und stellen erleichtert fest, daß keine offensiven Maßnahmen gegenüber West-Berlin zu erwarten seien. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, trifft gegen 8.30 Uhr, vom Bundestagswahlkampf aus Hannover kommend, auf dem Flughafen Tempelhof ein und begibt sich sofort zum Potsdamer Platz, um sich ein Bild von den Ereignissen zu machen. Später erscheint auf der Ostseite der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, mit einem großen Gefolge von Partei- und Armeefunktionären zu einer Frontbesichtigung. Im Laufe des Vormittags sammelt sich auf der Westseite des Platzes eine auf mehrere Tausende anwachsende Menge, die ihrem Protest lautstark und mit Steinwürfen Luft macht. Die Situation ist explosiv. Über Lautsprecher fordert die Volkspolizei, einen Abstand von 100 Metern zur »Staatsgrenze« zu halten, und unterstreicht dies durch Rauch- und Tränengasgranaten. Aus Furcht, die Lage könne völlig außer Kontrolle geraten, drängt schließlich Westberliner Polizei die Menge ab. Ostberliner, durch Morgenpresse und Sonderberichte im Rundfunk informiert, werden von der Volkspolizei schon an der Leipziger Straße zurückgehalten.

15. August 1961
In einem Befehl weist der Ostberliner Polizeipräsident an, an »Schwerpunkten« wie dem Potsdamer Platz alle »Zusammenrottungen an der Grenze nach West-Berlin und in der Tiefe« grundsätzlich zu verhindern.Auf der Ostseite des Platzes beginnt - wie auch an anderen Grenzabschnitten - die Errichtung einer von Stacheldraht bewehrten Mauer aus 1,5 Meter hohen Betonplatten.

22. August 1961
Während seines ersten Westberlin-Besuchs nach dem 13. August kommt Bundeskanzler Konrad Adenauer auch zum Potsdamer Platz. Aus östlichen Lautsprechern tönt es: »Sieh dir diese Mauer an und begreife, daß sie das Ergebnis deiner Politik ist!«

21. November 1961
Die Pressestelle des DDR-Innenministeriums teilt mit, daß in der Zeit vom 19. bis 21. November mit der Errichtung einer »festen Mauer« begonnen wurde. Am Potsdamer Platz sind zusätzlich »Panzersicherungen« in Gestalt von isenbahnschienen und Betonblöcken angelegt worden. Das sei nach der tagelangen Konfrontation von amerikanischen und sowjetischen Panzern am nahen Checkpoint Charlie Ende Oktober notwendig geworden.

23.-26. Mai 1962
Von Westberlin aus werden zahlreiche Sprengstoffanschläge auf die Mauer - auch im Bereich des Potsdamer Platzes - verübt. Die DDR-Grenzorgane reagieren mit der Anlage von Beobachtungstürmen und Bunkern für die Grenzpolizei.

22. Juli 1962
In der Stresemannstraße, unweit der Ruine des Hauses Vaterland, explodiert ein Sprengsatz, der ein etwa zweieinhalb Meter breites und einen Meter hohes Loch in die Mauer reißt. Am 25. Juli wird im benachbarten Grenzabschnitt in der Niederkirchnerstraße erneut ein Sprengkörper gezündet.

17. August 1962
Am Nachmittag versuchen zwei junge Ostberliner, in der Nähe des Kontrollpunktes Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße nach Westberlin zu flüchten. Während dem einen der Sprung über die Mauer gelingt, wird der andere - Peter Fechter - von Schüssen der DDR-Grenzpolizisten getroffen und verblutet hilflos. Auf Westberliner Seite versammelt sich eine empörte Menge, die entlang der Mauer bis zum Potsdamer Platz zieht.

29. Juli 1965
Vom Dach des Hauses der Ministerien, unweit des Potsdamer Platzes, gelingt in der Nacht einer dreiköpfigen Leipziger Familie mit einem 200 Meter langen gespannten Seil die Flucht nach Westberlin.

Anfang der 70er Jahre
Der Potsdamer Platz, jetzt im Niemandsland zwischen Ost und West gelegen, ähnelt einer öden Sandwüste. Auf Ostberliner Seite sind weiträumig alle Ruinen und Gebäude abgerissen, die dem DDR-Grenzsystem im Wege standen. Wo einst die Leipziger Straße in den Leipziger Platz mündete, endet in Höhe des ehemaligen Preußischen Herrenhauses, das noch Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften der DDR birgt, der öffentliche Verkehr an einer vorgezogenen Sperrmauer. Auf Westberliner Seite steht neben der Halbruine des Hotels »Esplanade« nur noch das Weinhaus Huth. Auf einem benachbarten Grundstück hat sich eine Hundedressieranstalt angesiedelt. Zwischen Potsdamer Straße und Kemperplatz entsteht seit Mitte der 60er Jahre das Kulturforum nach den Plänen von Hans Scharoun. Direkt an der mit bunten Graffitis und Sprüchen »verzierten« Grenzmauer halten Reisebusse. Von einer Besucherplattform kann man einen Blick auf das beängstigend leere Terrain mit seinen Grenzanlagen werfen. Zahlreiche Budenbesitzer leben vom Verkauf von Souvenirs und Currywürsten an Mauer-Touristen. Im Untergrund rattern ununterbrochen die S-Bahn-Züge. Grenzpolizisten kontrollieren Tag und Nacht im fahlen Lampenschein die beiden Geisterbahnsteige, um »Provokationen« zu verhindern.

21. Juli 1972
Im Rahmen des im Vierseitigen Abkommen vom 3. September 1971 vereinbarten Gebietsaustausches zur Regelung der Frage von Enklaven kommen die Regierung der DDR und der Senat von Berlin (West) überein, ein Gebiet am ehemaligen Potsdamer Bahnhof bei einem Wertausgleich von 31 Millionen DM dem Senat zu übereignen. Für die weitere Nutzung der U-Bahn-Anlage am Potsdamer Bahnhof zahlt der Senat in einer Zusatzvereinbarung vom 3. Juni 1975 jährlich 9 000 DM.

15. Oktober 1983
Zum Auftakt der von der Friedensbewegung in der Bundesrepublik initiierten Aktionswoche gegen die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenraketen bildet sich entlang der Mauer zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz eine Menschenkette, die Luftballons mit der Aufschrift »Macht Schwerter zu Pflugscharen von Jena bis Aachen« nach Osten fliegen läßt.

6. Dezember 1983
Während einer Protestaktion gegen das Waldsterben in West und Ost werfen Mitglieder der Umweltschutz-Organisation »Robin Wood« am Potsdamer Platz von einem LKW aus rund 50 abgestorbene Kiefernkronen über die Mauer auf Ostberliner Gebiet.

1. Mai 1984
Auf der Grundlage einer Vereinbarung mit der DDR vom Januar 1983 nimmt die Westberliner BVG auch den S-Bahn-Betrieb im Nord-Süd-Tunnel zwischen Gesundbrunnen und Anhalter Bahnhof wieder auf.

27. Mai 1985
Während ihres Staatsbesuchs in der Bundesrepublik und West-Berlin besichtigt die britische Königin Elizabeth II. die Mauer am Potsdamer Platz.

4. Oktober 1986
Aus Protest gegen den »Berlin Wall« balanciert der als »Mauerläufer« bekannte US-Bürger John Runnings auf der vier Meter hohen Grenzmauer vom Potsdamer Platz in Richtung Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße. Er wird von DDR-Grenzposten heruntergeholt und zwei Tage später nach West-Berlin zurückgeschickt.

31. März 1988
Auf Grund einer Vereinbarung zwischen der Regierung der DDR und dem Senat von Berlin (West) über die Einbeziehung von weiteren Enklaven und anderen kleinen Gebieten in die Vereinbarung vom 20. Dezember 1971 über die Regelung der Frage von Enklaven durch Gebietsaustausch wird das Lenné- Dreieck - ein bisher zu Ostberlin gehörendes unbebautes Gebiet zwischen Lennéstraße am Tiergartenrand im Norden, Ebertstraße im Osten und Bellevuestraße im Süden - an Westberlin übergeben. Die ersten Gespräche über diesen Gebietsaustausch waren im März 1984 aufgenommen worden.

1. Juli 1988
Vor der offiziellen Übergabe des Lenné-Dreiecks in die Hoheit West-Berlins am 1. Juli haben Umweltschützer und autonome Jugendliche das rund vier Hektar große Areal, das westlich der Mauer nur durch einen Maschendrahtzaun abgesperrt ist, besetzt und ein »alternatives Hüttendorf« errichtet. Sie wollen das »Grenz-Biotop« mit seinen vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten vor der Vernichtung durch einen Autobahnbau bewahren. Die Westberliner Polizei provoziert tagelang die Jugendlichen mit Tränengaseinsätzen und sperrt die Zugänge ab. Am Morgen des 1. Juli räumt sie mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas das »Öko-Dorf«. Mehr als 180 Jugendliche flüchten über die Mauer nach Ost-Berlin, wo sie freundlich aufgenommen werden und mit der U-Bahn nach Kreuzberg zurückkehren.

9. November 1989
Nachdem gegen 19.00 Uhr im DDR-Fernsehen scheinbar unbeabsichtigt die Öffnung der Grenzen verkündet wird, strömen wenige Stunden später Tausende Ost-Berliner an den verblüfften Grenzposten vorüber nach Westberlin. Die »Berliner Zeitung« schreibt zwei Tage später: »Hunderttausende DDR-Bürger schauten sich West-Berlin an. Ein denkwürdiger Tag. Die meisten kommen zurück. Vertrauen wächst wieder.«

12. November 1989
Am Potsdamer Platz wird der fünfte Grenzübergang eingeweiht. Die Oberbürgermeister der beiden Teilstädte, Erhard Krack (SED) und Walter Momper (SPD), treffen sich auf der weißen Linie, die bislang Ost und West teilte. Momper sagt: »Hier am Potsdamer Platz war das alte Herz Berlins. Dieses Herz wird jetzt wieder schlagen.«