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“Eines Tages wird die Menschheit zurückschauen
und sagen, dass ich das 20. Jahrhundert eingeleitet habe.” Jack
the Ripper/From Hell
Wiccan Ways 2.03
Ripper
Klack. Klack, so klang es, wenn sein Stock auf die
Pflastersteine traf, wie eine düstere Vorahnung einer entfremdeten
Totenuhr.
Klack. Klack.
Seine Schritte waren gleichmäßig, bedacht, wohl überlegt
und in keinster Weise war er erregt, nie war er das gewesen während
der ganzen letzten Tage nicht, in denen Scotland Yard ihn gejagt hatte.
Nie als er fünf Frauen die Kehlen aufgeschlitzt hatte, sie ausgeweidet
und zerstückelt hatte. Doch genauso fernab wie sein Sinn für
Recht und Unrecht während all dieser Zeit, war auch sein Gefühl
gewesen – es hatte sich kalt angefühlt. Eisig und taub, als
wäre es seine Hand und nicht die seine gewesen, die das listensche
Messer geschwungen hatte gleich einer Fingersense, die Haut, Sehnen,
Knorpel und auch Knochen durchtrennt hatte.
Klack, Klack.
Die Kirche hatte es abgesegnet.
Aber dort draußen waren andere Stimmen gewesen und die sagten
ihm das Gegenteil, hatten ihn seine Fehler vor Augen geführt,am
eigenen Leib all die Schmerzen, den Schrecken und die Todesangst seiner
Opfer bis in die letzte Faser seines Leibes spüren lassen.
Klack, Klack.
Whitechapel –völlig veränder war es, die Straßen
waren sauberer, die Menschen nicht so heruntergekommen wie das Viertel
selbst, doch im wesentlichen hatte sich nichts geändert, wie er
aus der Niesche heraus beobachtete. Da waren sie, die leichten Frauen,
die sich jedem Kerl an den Hals warfen, der ihnen nur genügend
Hochprozentigen verabreichte, für ein bisschen Spaß in einer
Nacht. Dort waren die anderen, die mit einem imaginären Schild
mit der Aufschrift „Hure“ herumstolzierten und dem horizontale
Gewerbe so sicher auch nachgingen, so sicher wie seine Arbeit schon
seit ewigen Zeiten währte.
Doch die Grenzen waren in diesem Jahrhundert, dem ersten Jahr, des neuen
Jahrtausends, weitaus unklarer zu erkennen. Verwischt von den Wogen
der Zeit. Das alte Jahrhundert war noch nicht lange her, jenes Jahrhundert,
dass er auf die Welt gebracht hatte, was die Menschheit, blickte sie
jemals richtig zurück, eines Tages.
Eines Tages würde die Menschheit zurückblicken und erkennen,
dass er das 20. Jahrhundert eingeleitet hatte.
Drüben an der Straßenecke stand sie, klein, zierlich, blond,
ein unschuldiger Engel mochte man meinen, aber er wusste es besser.
Dieses Geschöpf war auf der Jagd, doch es war nicht sein Ziel oder
seine Bestimmung die Jagd zu unterbrechen – er würde also
warten, hier im Schatten der Häuser, beobachten, lauern.
"The Juwes are not The men That Will be Blamed for nothing"
– er erinnerte sich so gut an diese Worte als wäre es wahrhaft
sprichwörtlich erst gestern gewesen, dass diese Worte einen Teil
seines Lebens bestimmten und noch bis heute darüber gestritten
wird, ob er es war, der sie an die Wand geschrieben hatte.
Sie hatte ihre Beute gefunden, den jungen Mann auf seiner Seite der
Straße ins Auge gefasst, doch sah sie nicht die Gestalt hinter
sich, die sich lautlos genähert hatte.
Ehe sie auch nur den Hauch eines Schreis ausstossen konnte, hatte die
Gestalt sie gepackt, doch er, Sebastian, machte keine Anstalten einzugreifen,
denn die Beute war diesmal der Jäger, nicht wie damals, als es
noch galt...aber das war damals. Diesesmal war der Einsatz gestiegen,
der Preis höher, falls er versagte – seine Prioritäten
hatten sich geändert, sein Auftrag war nun ein anderer und dennoch,
der Blutrausch war entfacht, zum Guten oder zum Schlechten, es war und
blieb was es immer gewesen ist: Mord.
Mit Erlaubnis der Obrigkeit.
Sebastian zog sich tiefer in den Schatten zurück, dann huschte
er, den Schatten noch als Kleid zur Verneblung der Sinne nutzend, dass
ihn niemand wahrnahm, der nicht die Augen für diese Art der Wirklichkeit
hatte, über die Straße. Auf der anderen Seite, mit einer
Hand stützte er sich gegen die Ziegelsteinwand des Hauses, holte
kurz Atem, den diese Art der Magie verlangte ihren Tribut von einem
einfachen Mann wie Sebastian, ehe er durch die Lücke schlüpfte,
durch die der andere die junge Frau geschleift hatte.
Klack, Klack, machte sein Stock auf den Pflastersteinen – die
Gegend weckte vertraute Gefühle in ihm – bis das Hallen seines
Stocks von einem leisen Platschen abgelöst wurde. Röte breitete
sich auf dem Boden vor ihm aus, roter Saft, der aus der langen, tiefen
Schnittwunde des Opfers, der gejagten Jägerin, troff und bereits
von ihrer Kleider aufgesogen wurde. Der Kopf war beinahe abgetrennt,
nur ein bisschen Knochen, der teilweise bloß lag und Sehen, teils
zerfetzte Muskeln und Haut hielten ihn noch am Körper.
Sebastian neigte sich hinunter. Den Puls zu fühlen wäre ziemlich
unnötg gewesen, wo keine Schlagader, da kein Puls, doch hatte der
Angreifer etwas hinterlassen.
Ein Stück Kreide.
Sebastian schmunzelte, und verabscheute die Tat zugleich, selbst wenn
an seinen eigenen Hände Blut klebte und nie wieder abzuwaschen
wäre. Im Dunkel war es kaum zu erkennen, doch das Wort war dennoch
mit steter Ruhe und Behutsamkeit, so viel Kontrolle, geschrieben worden.
„Permited“ – „Erlaubt.“
Sebastian hob den Kopf, seine Augen blitzten kurz unterhalb der Krempe
seines Zylinders hervor als er die Ahnung einer Gestalt gerade noch
wahrnahm ehe sie verschwand.
„Werte Mitglieder des Vorstands....“, Nathans
Stimme erhob sich mit einem leicht leiernden Tonfall. „...alles
läuft genauso wie wir es geplant haben. Aber wir brauchen noch
Zeit.“
Das maskenhafte, von den Zeichen der Zeit allerdings unübersehbar
strapazierte Gesicht eines der Ältesten wandte sich Nathan zu.
„Zeit ist ein Luxus, den sie sich nicht mehr leisten können.
Wir haben ihnen alle möglichen Freiheiten eingeräumt, die
uns zur Verfügung stehen – aber Ergebnisse produzieren sie
nicht.“
Nun war es an Nathan so zu tun, als würde er überrascht wirken
– diese Standpredikten hatte er schon ein Dutzend mal gehört,
so oft, dass sie ihm bereits zum Hals heraushingen, ganz zu Schweigen
davon, dass er Ergebnisse produzierte. Ergebnisse, die der Ältestenrat
natürlich nicht sehen wollte. „Meine Herren. Wir sind fast
vollständig im Besitz des Buchs. Ein paar Stücke fehlen uns
noch, um das Puzzle zu vervollständigen. Die Messenger haben und
werden wir unterstützen, damit sie ihr Ziel erreichen können.
Ihr Ziel ist unser Ziel. Malkuth ist der einzige, der uns.....“
„Verzeihung.“, meldete sich ein andere noch zerbrechlicher
wirkender Greis zu Worte. „Welchen Wert Malkuth für uns hat
und für sie persönlich auch, wissen wir nur zu gut. Und über
ihre Fortschritte sind wir im Bilde – soweit es welche gibt. Aber
wir wissen auch, dass der Anjouwein ihnen beinahe durch die Lappen ging.
Und obwohl sie ihn mehr durch Glück, als durch Verstand erlangen
konnten, ist es ihnen nicht gelungen die Schriften zu entschlüsseln.“
Schwermütig setzte Nathan bereits mit einem Seufzen zum Reden an,
doch der Alte ließ ihn nicht. „Unterbrechen sie mich nicht.
Wir sind soweit erfreut, auch wenn manche hier mehr Ergebnisse lieber
sehen würden, was uns aber allen Sorge bereitet sind die Bündnisse,
die sie eingingen.“ Der alte Mann lehnte ich in seinem Sessel
vor, griff zitternd zu seiner Tasse, hob sie kurz an, trank dann aber
doch keinen Kaffee, sondern fixierte Nathans Blick scharf. Seine Augen
waren klarer, als es sein Alter vermuten ließen. „Glory
ist eine unberechenbare Größe. Umbrella ist uns all die Jahre
hindurch ein guter Bündnisspartner gewesen, aber einem politischem
Umschwung ist auch die Corporation nicht gewachsen, falls er kommt.
Und dann noch die Wraith. Großer Gott, Harris, was haben sie sich
dabei gedacht?!“
„Die Wraith sind zu uns gekommen. Nicht umgekehrt.“, verteidigte
sich Nathan promt.
„Und ist ihnen je ihn den Sinn gekommen, dass sie ganz eigene
Ziele verfolgen?.“
Alter Scherzkeks – natürlich war Nathan das in den Sinn gekommen,
aber was hatte er für eine Wahl. Die Schriftrollen waren zu wichtig
und wenn man sie ihm bereitwillig gab, warum sollte man sie ausschlagen.
„Manchmal muss man mit dem Teufel paktieren, um den Himmel zu
erobern.“
Missbilligend nickte der alte Magier. „Ja...ja...vielleicht. Apropos.
Offenbar haben unsere Gegner genauso viele Verbündete. Denken sie
nur an die Verschwörer aus dem Rat der Wächter. Vorher schon
die Allerersten und jetzt auch noch die Prieure. Und man munkelt, dass
sogar ein Interesse in den oberen Etagen herrscht.“
Der Magier mit dem maskenartigen Wachsgesicht schlug mit der Faust auf
den Tisch. „Yggdrasil hätte man sicher noch akzeptieren können.
Aber nun stellen sich die Götter der Hölle...“
„...Hölle?“, entfuhr es Nathan prustend. Sicherlich
der passenste Vergleich, aber nicht ganz der Wahrheit verpflichtet,
war die Vorstellung von Chaosdimensionen etwas zu klischeehaft.
„...das die Herrscher der Unterwelten vorhaben sich mit den Göttern
Yggdrasils zu verbünden. Wiedereinmal. Es heißt, dass Irene
Adler höchstpersönlich sich einmischt. Nicht lange und auch
die anderen werden eingreifen. Das wird ein Krieg der alle Ebenen der
Macht erschüttern wird. Und alle haben sie Interesse daran, dass
er zu ihren Gunsten ausfällt. Der Inquisitor ist ebenfalls wieder
auf Erden.“
Jetzt seufzte Nathan herzhaft, geradezu genüsslich. Es gab viele
Gruppen, die sich gegenseitig auf die Zehen traten, alle stritten sie
um ein Stück vom Kuchen. Die beiden Triumvirate des Himmels und
der Hölle, so hatte man es ihm gelehrt, hatten diesen Streit schon
einmal ausgetragen und schon einmal hatten sie sich verbündet,
um sich ihrer Probleme zu entledigen. Es waren nun andere Namen, andere
Herrscher teils, aber dennoch dieselben Interessen wie damals. Denn
es waren noch immer dieselben Probleme, mit Namen Glory und Malkuth.
Der Krieg um die Vorherrschaft hatte bereits begonnen, eine Säule
war gefallen, ein Schloss zur Freiheit Malkuths gebrochen und sein Wissen
und Wirken für Nathan und die Messenger näher gerückt.
Und das wollte Yggdrasil mit allen Mitteln verhindern. Und nicht nur
Yggdrasil, sondern ebenso der Teufel selbst (bei dem Gedanken schmunzelte
Nathan in sich hinein, denn Irene kokettierte gerne mit ihren Kosenamen,
die die Menschen ihr gaben, egal ob Teufel oder Lucifer), von dessen
beiden Partnern einmal zu schweigen, denn die mochten sich bisher zwar
nicht gerührt haben, aber die hatten genauso ein Interesse daran,
dass Glory nicht zurückkehren konnte. Doch um die Geschicke der
Götter würde sich Nathan nicht einmischen – das war
nicht sein Kampf, nur wenn sie ihm in den Weg kamen, würde er keine
Gnade kennen und wahre Kreativität beweisen – um ein unsterbliches
Wesen zu vernichten, musste man wirklich und wahrhaftig kreativ sein.
Zum Glück hatte er, und das war sein Trumpf, den diese alten Narren
nicht sahen, eben den Stein des Anstoßes, Glory bereits auf seiner
Seite. Oder besser: sie war eine zeitweise Verbündete und durchaus
von temporärem Nutzen gegen den Rest der Götter. Falls es
zum Kapmf gegen diese kam.
Doch wie Nathan die Lage enschätzte, würde die sich im Hintergrund
halten und den Menschen zuflüstern, die sie sich Untertan gemacht
hatten. Diesen Idioten vom Rat der Wächter, die meinten sie könnten
die Welt verändern, diesen Blumenkindern aus den Wicca-Coven, den
Templern oder Prieure oder wie immer sie hießen.
Nathan war unabhängig. Obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach,
denn immerhin musste er diesen alten Trotteln an seinem Konferenztisch
gegenüber Rechenschaft ablegen. Aber er folgte keinem Gott, stattdessen
folgte ein Gott ihm. Zwei, wenn man Adam dazurechnete. Und vielleicht
würde Malkuth der dritte sein.
Soweit war es gekommen. Er begann die Götter zu behrrschen.
Während die Götter diese idiotischen Idealisten von Guardians
beherrschten.
Der Inquisitor hatten sie gesagt....
Ale iacta est.
Der Wüfel ist geworfen worden. – Nun wartet man auf das Ergebniss.
„Meine Herren. Ich erwarte Fortschritte noch innerhalb dieses
Tages. Und ich würde mir nicht allzuviele Sorgen machen. Auch nicht
um den Inquisitor, denn wie sie wissen, hat er keinen Einfluss auf das
Geschehen auf der Erde...nicht mehr.“
„Er nicht. Aber andere seiner Art schon.“, fauchte Wachsgesicht.
„Und sein Arm reicht immer noch weit, genauso weit wie der der
Götter....mit einem Flüstern nur, könnte er das Gleichgewicht
kippen. Sein sie auf der Hut, Harris. Wer immer ihn geschickt hat, der
könnte ebenso ein Interesse am Ausgang dieses Krieges haben.“
Ruckartig, schneller als man es erwarten würde, stand der Alte
auf und entfernte sich vom Tisch, um in einem Dunsthauch zu verschwinden.
Die übrigen Mitglieder der Magierloge taten es ihm gleich, bis
auf den Methusalem, der kurz noch an einem Kaffee nippte, ehe seine
Tasse sich in Rauch verflüchtigte. „Mein Junge, ich fürchte
der Gerichtssaal ist bereits vorbereitet worden. Hoffen wir, es kommt
nicht zu einer Anklage.“ Darauf hin schwand auch er in einem Nebelschleier.
Unwirsch wirbelte Nathan herum, sah dem Japaner Kiyoshi Katsumoto fest
in die Augen, atmete mehrfach stoßweise ein und aus, ehe er schließlich
den Mund aufmachte. „Holen sie Adam. Ich muss ihn sprechen.“
Untergeben nickte Kiyoshi, tat einen Schritt vorwärst, zögerte
dann jedoch. „Was meinte er mit Anklage?“
„Er meinte die Judges. Aber das ist nicht ihre Welt. Sie dürfen
sich nicht einmischen, so lautete das Abkommen zwischen ihnen und Yggdrasil
– soweit ich weiß. Gehen sie jetzt.“
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Das goldene Licht der Frühlingssonne überzog
die walisische Landschaft, die Felder mit ihren buschigen Grenzen, den
Baumalleen und natürlich die Hügelwelten von Wales, besonders
den Ffynnon Garw in der Nähe von Taff’s Well, dessen Hügelkuppe
ganz besonders hervorstach. Wenn irgendein Waliser das gehört hätte,
dann wäre Großbritannien schnell wieder ein geteiltes Land,
sofern diese Gedanken einem Engländer gehörten, was allerdings
im Angesicht der blitzsauberen Zähne, die sich derzeitig im Buttermesser
spiegelten (böse Zungen würden behaupten den Eindruck gehabt
zu haben, die entsprechende Person hätte in das Messer hineinbeißen
wollen – eine Kraftprobe, die das Metall mühelos gewonnen
hätte) wohl eher einen walisisch-amerikanischen Krieg heraufbeschworen
hätte.
Denn Faith bewunderte ihre Beißerchen recht ausgiebig, ehe Vesta
ihr den Butterschneider aus der Hand riss: „Das ist für die
Butter und kein Spiegel. Und auch nicht für deine Zähnchen.“
Sie steckte das Messer zurück in die Butter, wandte sich dann mit
dem Tablett in der einen Hand nochmals Faith zu, die ihre Füße
lässig auf die Lehne des gegenüberliegenden Stuhls abgelegt
hatte. „Ich hol eben noch den Brotaufstrich – soll ich dir
auch was bringen? Ein Kissen für die Füße? Deinen Mundschutz?“
„Wie wäre es mit einem Bier?“
„Einmal rostbraune Brühe, in der Zeugs drin rumschwimmt.
Kommt sofort.“ Mit wehender Schürze stapfte die Wicca wieder
ins Haus.
Faith musste anerkennen, dass den Hexen wirklich gelungen war sogar
das Aussehen des Hauses abzuändern, dass es in die Landschaft gehörte
– als Haus im amerikanisch-viktorianischen Stil, hätte es
so gut dazu gepasst wie eine Elektrogitarre zur Queen von England –
so aber stimmte es sich zum Rest von Wales ab wie King zu Kong.
Stattdessen leuchteten die schweren, groben Steine im Sonnenlicht, die
Fensterläden glänzten in Karmesinrot und Efeu kroch an einer
Ecke bereits gen Dach. Der Vorgarten war eine Kreuzung aus einem gepflegten
„Schöner-Wohnen für draußen“ Blumenbeet
mit Raseneinlage und einem Gemüsefeld zur Selbstversorgung, in
dem gerade Tara auf allen Vieren herumrumkroch und sich um ihre Radischen
und Mörchen kümmerte, Unkraut jätete und Kartoffeln erntete.
Mit einem kreuzgepainigte Gesichtsausdruck hob sie den Kopf und drückte
den Rücken durch, ihr Haupt weit in den Nacken gelegt, noch immer
im dreck knieend, um die imaginären Schmerzen zu vertreiben, denn,
Faith wusste es besser, wie sollte sie auch welche haben, immerhin war
nicht einmal ein Mensch (zumindest nicht so wie die anderen). Als Tara
sich schließlich ächtzender Weise erhob fuhr sie sich mit
der Hand über die Stirn, fast so als würde sie schwitzen,
was sie auch tatsächlich tat, wie Faith irritiert feststellen musste,
daber aber eine Spur aus Erde als das ganz besondere Tatoo des Tages
hinterließ.
„Wenn du Football spielen willst, rate ich dir, den Dreck unter
die Augen zu reiben. Dann soll man nicht so geblendet werden.“,
zwitscherte Vesta als sie heraustrat und Faith sich das georderte Bier
krallte.
„Fingerschnippen wäre bestimmt einfacher.“, murmelte
Faith zwischen zwei Schlucken.
Ray gab den Kampf mit dem Rasensprenger auf, an dem er seit geschlegenen
zwei Stunden gearbeitet hatte, setzte sich, unbestellt, neben Faith
und griff schon zu den Brötchen, als Vesta ihm die Hand mit dem
„Wir warten auf alle Blick.“ wegschlug.„Wie mans nimmt.
Auf jeden Fall wäre es körperlich wenig mühsam und damit
nicht so erstrebenswert.“
„Was ist denn daran >>erstrebenswert<<?“, ätzte
Faith.
„Man kann sich an alles gewöhnen. Auch ans Me-menschsein.“
„O-o-offenbar.“, äffte Faith sie nach, nicht mit einem
leicht verspielten Unterton, mit einer Spur Häme, den nur Tara
wirklich verstand.
Und offenbart wurde auch, dass Kennedy wenig davon hielt, neben Faith
am Kopf des Tisches platziert zu werden, denn die dunkle Schönheit
warf der amtierenden Jägerin einen Blick zu, der sogar einen Hochhofen
der im afrikanischen Hochsommer auf vollen Touren lief mit Eisblumen
überzogen hätte, ehe sie sich dem Text der Zeitung widmete,
die sie mit hinausgebracht hatte.
„Seht, es kann lesen.“ Faith stellte ihre Flasche ab und
griff sich eines der Brötchen – diesmal entging sie Vestas
„hand“lungsreichem Strafgericht, da mittlerweile alle Bewohner
zusammengekommen waren.
„Ich versuchs. Solltest du auch mal probieren.“, schoss
Kennedy zurück.
„Kann der mal einer erklären, dass ich für solche Sprüch
zuständig bin?“, das Messer in Faiths Hand zitterte leicht,
ehe sie es ablegte und zum Aufschnitt griff. „Einen Faith-Klon
brauchen wir nicht.“
„Stimmt.“, pflichtete Satinka vom anderen Ende bei, in ihren
indianischen Augen funkelte es. „Zwei von deiner Sorte, wer soll
das schon ertragen können?“
„Sogar Pocahontas pflichtet mir bei.“
Sofort legte Sati in gespielter Überraschung die recht Hand auf
ihre Brust. „Wow, ich bin....ich weiß nicht was ich sagen
soll. Ich ... ich bin echt gerührt.“
Mit wachem Blick, völlig unschuldig und irgendwie ein bisschen
neugierig, reckte Kennedy den Hals zu der Navajo hin. „Sagt ihr
zwei euch mit diesen Sticheleien eigentlich, wie sehr ihr euch liebt?“
„Was ist dein Vater? Psychologe?“
Kennedy senkte die Zeitung. „Nein. Meine Mutter.“
„Ahhh...“, Faith ertränkte ihren aufkeimenden Zorn
in Bier.
Alldieweil warf Tara, während die kleine Schlammschlacht noch munter
vor sich hin tobte, einen Blick auf die Zeitungsüberschrift des
Leitartikels, der ihre Brauen leicht in die Höhe beförderte.
„Jack is back?“, posaunte die Schlagzeile vollmundig. Und
im Zusatz fand sich der eigentliche Bezug: „Viertes Opfer im bizarren
Rippermord aufgefunden.“
„Rippermord?“, flüsterte Tara vor sich hin.
Bislang hatte Kaie vor sich hingestarrte, ihre Gedanken weit weg, wie
es schien, seit Tagen gedanklich abwesend, doch mit einem Schlag war
sie munter und brachte kauender Weise doch noch einen halbwegs verständlichen
Satz zu stande. „Wie war das? Ripper?“
„Jau.“, entgegnete Kennedy darauf. „Drei der Opfer
davon waren Bordsteinschwalben. Zumindest geht die Polizei davon aus.“
„Geht davon aus?“
„Alles was ich weiß ist, dass vier Frauen auf exakt dieselbe
Weise umgebracht wurden.“ Kennedy machte eine typische Bewegung
mit dem Finger, entlang ihrer Kehle. „Und weil mindestens drei
offenbar im horizontalen Gewerbe zu tun hatten, reden die jetzt schon
von Jack the Ripper Nummer zwei.“
„Yuk. Könntet ihr erstmal aufhören?“, meldete
sich Dawn sichtlich angeekelt zu Wort. „Ich versuche zu essen.“
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Giles las den Zeitungsartikel nun bereits zum vierten
Mal in Folge, nicht etwa, weil er dadurch hoffte, dem Täter auf
die Spur zu kommen, nicht weil die Medien wirkliche Informationen zu
bieten hatten, sondern um sich vor Augen zu halten was gerade geschah.
Mörder liefen vielerorts herum, Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder,
es kam sie wie den sprichwörtlichen Sand am Meer, wenngleich es
immer ein Korn unter Tausenden war, aber von all den anderen kaum zu
unterscheiden, das galt für die meisten der schlechten Kieselchen.
Es war so ähnlich wie einen Quarz inmitten einer sackinhaltgroßen
Menge an Diamanten zu finden.
Interessant waren vielmehr die Opfer – wie so oft richtete sich
das Interesse der Menschen eher auf den Täter, auf seine Strafe,
die Rache der Gesellschaft an denen, die ihr schadeten, weitaus weniger
gekümmert wurde sich dabei um die Opfer. Diese, ersteinmal gefunden
waren schnell als „erledigt“ abgehackt im Kurzzeitgedächtnis
der Menschheit, die eher an die Opfer erinnerte, wenn man ihnen die
Täter vorführte: Bundy, Gein, Manson, Darmer – wer erinnerte
sich noch an die Namen der Opfer?
Die Toten nicht vergessen, welch dramatische, heuchlerische Geste, denn
die Toten waren vergessen, wenn der Täter gestellt, wenn der Böse,
die Inkarnation des Satans gehäutet, gevierteilt, unter Strom gesetzt,
ihnen Gift gespritzt oder sie vergast worden waren – das blutgierige
Volk konnte seinen Rachegelüsten nachgehen, allein nur im Zuschaun.
Zugleich waren sie fasziniert vom Bösen, von den sadistischen Killern,
durchgeknallten Psychopathen – eine perverse Faszination, die
die Menschen durchzog wie ein Krebsgeschwür, dass sein Opfer jedoch
nicht tötete, sondern von ihm lebte, von der Lust am Gaffen, was
auch beinhaltete, dem Mörder einerseits auf dem Stuhl braten sehen
zu wollen, aber zugleich auch befriedigt hinnahm, was diesen Menschen
in die Todeszelle gebracht hatte. Denn andernfalls keine Rache.
Rupert Giles nahm seine Brille ab, rieb sich kurz die Nasenflügel
und putzte dann seine Gläser besonders gründlich, während
er sich umsah und teils nur die Konturen seiner Zuflucht begutachtete.
„Damit wäre der Fall klar. Der Rat hat die ersten Morde noch
vertuschen können, aber dank Travers haben wir es offiziell. Vier
getötete Frauen, drei von ihnen tauchen den Listen des Wächterrates
auf, das erscheint mir etwas zu zufällig.“, diskutierte Nick
Watson, der gemeinsam mit Nalja, wie Giles vermutete, in die Bibliothek
kam.
Als Giles seine Brille wieder aufsetzte, fand er sich nicht nur in seiner
Annahme hinsichtlich der eingetretenen Diskussionsteilnehmer bestätigt,
sondern erblickte auch einen Band der die einzelnen Heftausgaben der
Ratsberichte gebunden zwischen zwei Pappdeckeln in sich trug.
„Und in diesen Büchern tauchen sie ebenfalls auf. Zufall?“
Nalja verschränkte die Arme, beobachtete wie Nick sich in einen
der engen Gänge zweier Bücherregale zwängte und das Buch
wieder an seinen Platz stellte. Giles wurde nicht wirklich beachtet
- er hätte genausogut gebraten als Spanferkelverkleidet mit einem
Apfel im Mund mitten auf einem der Tische liegen können.
„Der Rat führt über viele Leute Buch. Mein Name steht
da auch drin. Eine menge Namen, Männer, Frauen – ich sehe
keinen Zusammenhang.“
Mit seinen schlanken Finger trommelte Nick auf den Buchrücken,
ehe er sich langsam zu Nalja drehte. „Wenn wir diese Aufzeichnungen
mit den Originalen in der Ratsbibliothek vergleichen könnten –
zugegeben, es ist schon pfiffig, Namen in einem Buch, aber die Beziehungen
der Personen, ihre Bedeutung in einem anderen aufzubewahren. Ich komme
mir gerade vor wie Tom Cruise, der diese Agentenliste aufzutreiben versucht.“
Nalja grinste leicht. „Dann hoffen wir mal, dass das hier keine
Maulwurfsjagd wird.“ Und damit wandte sie sich an Giles, der ihr
wohl doch aufgefallen war. „Sie gehörten doch zum inneren
Kreis....“
„Bevor sie weitersprechen, Miss Tucci.“ Giles herhob sich
etwas umständlich von seinem Stuhl, dabei wackelte seine Teetasse
leicht, was Nalja mit einem verwunderten Ausdruck quittierte –
Tee in einer Bibliothek. Das war so wie Taliban als Wachen im Vatikan.
Aber man war ja flexibel.
„Ich war nicht der Leiter der dortigen Bibliothek und sehr viel
weiter als bis zur Tür bin ich nie gekommen.“
„Tatsächlich?“, hakte Nick nach, den diese Information
irritierte, immerhin war Giles selbst ein fähiger Bibliothekar.
„Das Geheimnis der Ratsbibliothek wird von Generation zu Generation
unter den Bibliothekaren, praktisch immer vom Vater auf den Sohn, weitergegeben.“
Für eine Sekunde spürte Giles wie Nicks gedankliche Fühler
ausgestreckt in seinen Gedanken herumfuhrwerkten, woraufhin Rupert ihn
mit einem entsprechenden Blick segnete, der Nick sofort zurückzucken
ließ. „Tschuldigung.“
„Soweit ich weiß gibt es niemanden sonst, der Zugang zu
den Akten hat, es sei denn der Rat selbst, aber das muss der oberste
Wächter bestimmen.“
„Hmmm.“,Nalja kratzte sich am Kopf, entweder eine überzogene
Überlegungsgeste oder sie plagte tatsächlich der Juckreiz.
„Und Travers Rang im Rat ist nicht hoch genug dafür. Zumindest
wissen wir, dass der Rat etwas verbirgt, die Frage lautet was. Und wie
kommen wir da heran.“
Bei dem kalten Schluck seines Tees verzog Giles sofort das Gesicht,
als hätte er in eine Zitrone gebissen, denn das Gebräu war
kalt geworden und schmeckte nun wie fünf Wochen alte Socken. „Wie
kommen sie eigentlich auf diesen Fall?“
Sofort huschten Naljas Augen zu Nick hinüber, der ihr einen ebenso
bedeutungsvollen Blick zuwarf, verschwiegen, rätselhaft, aber sein
Zögern und Naljas steigende Nervosität sprachen die sprichtwörtlichen
Bände, leider so deutlich, dass sie als Hörbuch durchgegangen
wären. – Eine, wie Rupert in Gedanken festhielt, seltsame
Erfindung, ein Beweis auch für den Niedergang der westlichen Kultur
in Komerz und Hektik, in der man nicht einmal mehr die Zeit hatte ein
anständiges Buch zu lesen, sondern sich es von –möglichst
prominenten- Sprechern vorlesen ließ. Faulheit im Angesicht eines
überhektischen Lebenswandels. Giles hatte lediglich ein oder zweimal
in ein solches hineingehört – das eine mochten seinen Reiz
haben, vielleicht auch weil die Stimme ihm zusagte, doch wirklich ungeteilte
Aufmerksamkeit konnte man dem Ganzen nur schwerlich entgegenbringen.
Die feinen, dunklen Züge der Hexe mit dem italienischen Namen sprachen
nun mit der überdeutlichen Stimme eines Prominenten, den Giles
jedoch nicht einordnen konnte – vielleicht weil die Leute, die
heutzutage als prominent galten, ihm nichts sagten und er nur auf den
Klang in der Zeit verlorengeganger Menschen achtete, deren Stimmen eher
dumpf zu ihm vordrangen. Aber er verstand zumindest Teile des Inhalts.
Etwas war an dieser Nachricht, etwas, dass ihm nicht unbedingt gefallen
würde.
Dann fiel sein Blick auf die Akte in Naljas Hand - mit einer Schnelligkeit,
die man ihm nicht zugetraut hätte entriss er ihr die Mappe und
heftete seinen Blick sogleich auf die Fotos die vom letzten Opfer geschossen
worden waren.
„Was sagten sie? Die Namen der ersten Opfer ... wie war das?“
Giles Stimme mochte ruhig klingen, normal sogar, aber ein gutes Ohr
hörte das Beben, das ganz leichte Vibrieren in seiner Stimmmodulation
heraus.
„Die Namen der ersten drei Opfer tauchen in den Unterlagen des
Rates auf, aber wir haben nur die Kopien – die Originale, die
Verbindungen, Bedeutungen dieser Leute für den Rat wurden in Rot
gedruckt, sodass es nicht möglich ist sie zu kopieren.“,
fasste Nick nochmals zusammen, wobei er ein Seufzen und einen weiteren
vielssagenden Blick zu Nalja nicht vermeiden konnte.
„Was weiß man über das letzte Opfer?“
„Abgesehen von der ... Auffälligkeit ihres Aussehen.... wurde
sie auf eine Weise umgebracht, nunja.“, begann der Wicca, doch
er wurde von Giles Augen mitten im Satz durchbohrt und stockte.
„Auffälligkeit ihres Aussehens?“, schnappte Giles.
„DAS?“, er zog eines der Fotos heraus und hielt es Nick
direkt unter die Nase.
Auf dem Bild war eine junge Frau von vielleicht gerade einmal zwanzig
Jahren zu sehen, deren honigblondes Haar in Blut, dass aus einer langen
Schnittwunde am Hals heraustroff, gebadtet um sie herum zerfloss wie
ein Heiligenschein. Das Bild zeigte das Gesicht von Buffy Anne Summers.
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Anne, das war ihr Name, der Name der ihr am meisten
zusagte, denn noch, so hatte sie sich entschieden, so hatte sie eingesehen,
war sie nicht Buffy – sie war Anne. Eine beinahe perfekte Kopie.
Ein Klon mit allen Erinnerungen, allen Gefühlen, allen Stärken
und Schwächen von Buffy Summers und doch – sie war anders.
Sie fühlte wie ihr etwas fehlte, fast so, als würde ihre anständige
Seite geschwächt in ihr sich gegen die aufflammende Wut und den
Hochmut auflehnen, doch nicht erhört werden.
Fehlte ihr die Menschlichkeit?
Anne nahm das schlanken Messe, wirbelte herum und traf nicht einmal
annähernd ins Ziel – fast so, als ob ihr zuallem Überfluss
auch noch die nötige Zielgenauigkeit des Originals fehlte. Sofort,
ohne hinzuschaun nahm sie das nächste Messer und platzierte es
gute zwanzig Zentimeter neben dem ersten, zu ihrem eigenen Erstaunen
punktgenau in die Zielscheibe.
Die letzte Zeit hatte sie sich von den anderen Messengern ferngehalten,
auch und ganz besonders von Willow – so sehr sie zu Anfang immer
wieder einen alten Freund in ihr sah, so sehr wusste sie, dass dies
nicht stimmte. Willow war Buffys Freundin gewesen, nicht die ihre. Und
den Rotschopf zu verwirren wollte Anne nicht, Tatsächlich hielt
sie sich von Willow fern, weil sie ihr nicht schaden wollte, was an
und für sich nicht seltsam war, Tatsache war aber, dass sie Dawn
bedroht hatte und wieder bedrohen würde, zugleich würde sie
sie aber ebenso wie Buffys ihre beste Freundin beschützen.
So widersinnig, so widersprüchlich waren ihre Gedanken, wie die
eines Neugeborenen, dass mit dem Verstand eines Erwachsenen auf die
Welt gekommen war und nicht wusste, wie es die erlebten Dinge, Farben,
Formen, Worte und all das letztlich verarbeiten sollte. Einerseits strotze
es vor Neugier auf die Welt, andererseits fürchtete es sich ungemein
vor ihr.
So ging es Anne – sie war unfähig, noch nicht fähig,
um korrekt zu sein, denn eines Tages würde sie es bezwingen können,
dies alles zu verarbeiten. Eines Tages würde sie wieder ganz sein.
Vollkommen und nicht nur einfach Anne.
Hinter sich vernahm sie das gleichmäßige Klacken von Holz,
umkleidet von einem Ring aus Metall, rythmisch zum Klang der Schuhe,
Schritte über die Fliesen hallend und dem Zuhörer schon von
weitem die Furcht den Nacken hinaufjagte.
Selbst Anne kroch eine Gänsehaut über Rücken und Arme.
Sie warf einen Blick aus dem Übungstand heraus und sah gerade noch
die dunkle Gestalt mit dem Gehstock und Zylinder am Ende des Flures
um die Ecke verschwinden.
Klack, Klack, Klack.
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Willow erstarrte nicht, aber maß den Fremden
mit einer gehörigen Portion Respekt, einer kriechenden Angst, die
versuchte sie dazu zu animieren zu flüchten oder zum Angriff überzugehen
– War es egal wie sie sich entschied?
Der Mann kam einfach in das astrometrische Labor, sein Stock machte
nur „Klack, Klack, Klack“, entfernt und doch so nah, eine
Todesuhr, die für den schlug, der nicht die richtige Antwort wusste,
versagte in seinem eigenen Kreuzzug, seinen Überzeugungen.
„Guten Abend.“, sprach der Mann mit Anzug und Zylinder,
den Stock in der linken Hand. „Ich werde erwartet.“
„Von wem?“, entfuhr es Willow geradeheraus – die Offensive
kam ihr sinnvoller vor; eine passive Offensive, in der der Fremde sich
zu erkennen geben sollte.
„Von ihnen.“, die Andeutung einer Verneigung, ein angespanntes
Lächeln wich aus dem Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den wachen
Augen und den spitzen Brauen, die dem Mann im Anzug ein falkenhaftes
Aussehen verlieh. Willow konnte sich des Eindrucks nicht erwehren in
diesem Mann jemand anderen zu sehen, so als hätte sie ihn schon
einmal gesehen.
Sein Blick war so vereinnahmend und eisig, selbst als er lächelte,
seine Augen lächelten nicht mit ihm, dass Willow sofort wieder
das kleine ängstliche Mädchen war – dennoch stellte
sie sich dem Unbekannten.
„Kennen wir uns?“ – was für ne einzigartig blöde
Frage.
„Meine Name ist Sebastian...“, begann der Mann und umkreiste
wie ein Raubvogel die Wicca in der Mitte des Labors, doch interessierte
er sich weniger für sie, als vielmehr für die Computer und
technischen Spielereien des kathedralenartigen Raumes.. „...ich
hatte meinen Wohnsitz in 14b Heresford Lane in London, im Jahres unseres
Herren 1888.“ Er sah auf, von der Seite, lauernd, fast meinte
man eine Blitzen nicht nur in seinen Augen, sondern auch in seiner rechten
Hand sehen zu können. „Wie kam ich hierher, fragen sie sich?
Ich wurde gerufen, gerufen nicht um meine Aufgabe fortzuführen,
meine Mission. Gerufen einzig wegen ihnen.“
„Mir.....ich....“
„Wer sind sie?“
Willow ahnte bereits, dass jedwede Antwort eigentlich überflüssig
wäre, dennoch gab sie freimütig Auskunft. „Willow Rosen....“
„Nein, das ist nur ihr Name.“
Die rothaarige Hexe war verwirrt.
„Wer sind sie?“, wiederholte der Mann.
„Ich habe keine Ahnung was sie von mir hören wollen.“
„Falsche Antwort. – Wer sind sie?“
„Ich .... warum sind sie hier?“
„Immer noch nicht die korrekte Antwort – nun gut, ich bin
nicht hier, um sie zu verhören, sondern weil ich etwas von ihnen
brauche. Und um ihnen etwas beizubringen, wie man mir sagte.“
„Wer...wer hat sie geschickt.“
Statt zu antworten hielt er ihr den Stock vor die Nase. „Dieselben,
die mich angeworben haben, um ihren Verstand zu testen und im Gegenzug
wollen, dass sie mir einen neuen Stock herstellen.“
Da stand er, herausfordernd und auf der Pirsch, dem finalen Sprung beinahe
liegend wie ein Tier, dass sein Opfer jeden Moment zerfleischen würde,
gekleidet, als wäre er von vorgestern, genau wie er behauptete
und trotzdem verrückt – schlichtweg ein Irrer. Und der Irrsinn
glitzerte bedrohlich in seinen Augen.
Den Augen eines Killers.
1888.
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Sie schlief, soweit wusste sie Bescheid, träumte
oder befand sich zumindest tief in ihrem Unterbewusstsein, die Straßen
Londons, die sie nie zuvor gesehen hatte und die sie dennoch sofort
erkannte, die schmutzigen, nasskalten Pflastersteine, die Droschken,
die über diese ratterten, gezogen von Pferden, der Geruch von Tier,
von Schmutz und von Abfällen, der trotz der zunehmenden Zivilisierung
noch aus den Ecken der Straßen, aus den dreckigen, matschigen
Seitengassen gekrochen kam, die Menschen in ihren veralteten Kleidern,
den Männern mit den hohen Zylindern und den grausam unbequemen
Kragen ihrer Anzüge, die man Vatermörder nannte, die Kleider
der Frauen, die manchmal das Hinterteil äußerst stark betonten,
ebenso die von Miedern eingeschnürten Taillen – all das erkannte
Kennedy sofort.
Und sofort auch fragte sie sich, was sie im alles in der Welt hier tat,
warum sie hier stand in der Straße.
Nein, nicht auf der Straße, sie stand am Fenster und blickte von
dieser hinaus auf die Vekehrsadern des alten London.
“Letzte Nacht wurde eine Bordsteinschwalbe in Georgeyard umgebracht.“
“Was?“, augenblicklich wirbelte Kennedy herum und starrte
dem feisten, sehr großen Mann mit dem schottischem Akzent in die
kleinen Augen.
„In Goergeyard, Inspektor.“
Kennedys Augen flogen durch das Zimmer, auf der Suche nach einer Erklärung
und zwar innerhalb der nächsten zwei Sekunden ehe der dicke Kerl,
der bereits die Augen irritiert zusammenkniff, auf dumme Gedanken kam.
Eigentlich hätte Kennedy jetzt lieber protestiert, aber irgendwas
sagte ihr, dass das keine gute Idee wäre, auch wenn dies ein Traum
war, stattdessen klammerte sie sich mit aller Kraft an das letzte bisschen
klaren Verstand, der bereits größtenteils zum Rückzug
nach Frankreich geblasen hatte, Napoleons Schlittenkutsche vorneweg.
Kennedy mochte aufbrausen können, dessen war sie sich bewusst und
genau aus diesem Grunde wusste sie auch, dass sie beiweitem kein Dummkopf
war, zumindest über eine gewisse Bauernschläue verfügte,
wie man so schön sagte.
Irgendwo schließlich in dem Raum, der teils mit edleren, richtigen
Holzmöbeln bestückt war, fand sie einen Spiegel, gerade groß
genug um zu sehen, wie sie sich gerade in einem weißen Hemd und
mit Weste im Stuhl ihres, tatsächliches ihres, Schreibtisches zurücklehnte.
Sie sah aus wie immer.
Nur die Kleidung befremdete sie und kam ihr gleichsam zu vertraut vor.
„Das......“ sie drehte eine Zigarette zwischen ihren Fingern,
die ihr bis dahin noch nicht aufgefallen war. „....klingt nicht
sehr ungewöhnlich.“, Kennedys Blick war auf die Fallakten
gewandert, die aufgeschlagen auf dem Tisch lagen und mindestens zwei
der Akten, die sie aus dem Augenwinkel ausmachen konnte, behandelten
die Ermordung von Huren im Großraum London.
„Es ist die Art, wie man sie erledigt hat. Die Art wie man die
Bordsteinschwalbe zugerichtet hat, schreit geradezu nach jemandem mit
ihren Fähigkeiten.“
Kennedy zog alle Register ihres Wissens und wenn der Kalender an der
Wand stimmte, dann wäre der folgende Satz unheimlich für den
dicken Sergeant: „Ist der Name der Frau Martha Tabrant?“
„Woher zum Teufel..... sie hatten wieder einen Traum?“
Traum traf den Nagel auf den Kopf.
„Eine Vision? Oh Mann.“, die Dicke, Kennedy wollte der Name
nicht einfallen, schüttelte seinen Schweinkopf. „Früher
hätte man Leute wie sie lebendig verbrannt.“
Kennedy grinste leicht im Mundwinkel.
Mit diesem Grinsen noch immer auf ihren Lippen verhaftet, warf sie die
Bettdecke zur Seite, das Lächeln verflog und Kennedy starrte in
die Finsternis ihres Zimmers.
Einfach nur nach vorne in die Dunkelheit, in der irgendwo das Buch über
die Rippermorde lag.
Morgen würde sie alle Hebel in Bewegung setzen, um nach London
zu kommen, koste es was es wolle.
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„Wer sind sie?“
Vertieft in ihre Arbeit, mehreren Gliedern aus Holz und Metall, die
sie nacheinander, der Größe abwärts vor sich auf den
Tisch legte, sah Willow entnervt auf.
„Wollen sie das den ganzen Tag fragen?“
Mr. Sebastian sah hinüber zur Tür, interessiert, nicht beunruhigt,
dann blickte er zu Willow und antwortete: „Es ist meine Berufung
Fragen zu stellen und wenn es sein muss ohne Unterlass bis derjenige,
der verhört wird, entweder eine akzeptable Antwort gibt oder daran
zerbricht.“
Vorsichtig, mit Fingerspitzengefühl berührte Willow den langen
Stab mit den einzelnen elektronischen Segmenten, mitgebracht von Mr.
Sebastian, einer Technologie die ihr Fremd war und doch verständlich
– seit Stunden arbeitete ihr Gehirn auf Hochtouren. Und bald würde
man sie vermissen, trotzdem tat sie wir ihr geheißen, auch wenn
sie nicht hätte sagen können wieso.
Sebastians Blick ging abermals zur Tür.
„Ich habe sie magisch gesichert, die Barriere sollte einige Zeit
halten.“
„Interessant – wenn das die Kirche wüsste. All ihre
Befürchtungen...doch weiter im Text: Wer sind sie?“
„Eine extrem genervte Hexe.“, murmelte Willow in sich hinein.
„Pardon?“
„Ich... habe keine Ahnung.“ Sie sah auf, versuchte dem Blick
des anderen standzuhalten. „Ich weiß es nicht. Ich habe
alles aufgezählt, was mir einfällt.“
„So haben sie nichts vorzuweisen, nichts als nur Dinge, die beurkundet,
genannt, abgestempelt, durchnummeriert und abgesegnet sind von anderen.
Sonst nichts was sie definiert? Ist dies die einzige Möglichkeit
sich zu definieren? Durch andere?“
„Ja.“
In aller Ruhe legte Sebastian seinen Zylinder beiseite. „Ja? Was:
Ja?“
„Ich definiere mich durch andere, wenn sie das hören wollen.
Ich bin das Produkt natürlicher Genetik. Ich bin Mensch, ich bin
Tier, ich bin Frau. Ansonsten gibt es nur die anderen, die mir meinen
Namen gaben, die mich beeinflussen, die mir Dinge beibringen. So wie
sie.
Und ich definiere sie doch auch...“
„Sie gaben mir nie einen Namen.“
Irgendwo in dieser Bemerkung schwang etwas mit, etwas Bedrohliches,
dass Willow innerlich auf Defcon 2 gehen ließ. „Aber ihre
Eltern. Sie haben ihnen ihren Namen gegeben, sie haben sie aufgezogen,
sie haben sie geformt. Und ich bin ihr Auftrag. Also definiere ich sie
doch genauso. Sie sind genauso abgestempelt, beurkundet und sanktioniert
wie ich“
„Und gibt es nichts, was sie definiert als sie selbst?“
„Ich.“
Schlich dort ein Ausdruck von Bewunderung durch sein hageres Adlergesicht?
„Ein Wort. Doch was war zuerst da? Der Gedanke oder das Wort?
– Abermals definieren sie sich nur durch ein Wort.“
„Einen Gedanken. Eine Vorstellung. Ja und? Sie wollen doch eine
Antwort. ..... Ich.“
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Berons Schritte maßen gleich zweifach die Strecke,
die ein jeder andere zurückgelegt hätte, er lief, nein, stürmte
regelrecht, obwohl er nicht rannte, sondern jeder Bewegung gemessene
Ruhe beimaß, eine fast entspannte Entschlossenheit, den langen
Gang hinab, nördlich des Petersdoms im apostolischen Palast tief
hinein in die Eingeweide des heiligen Stuhls – er hatte den Prunk
der heiligen Mutter Kirche nie viel abgewinnen können, doch Vater
Skarsgard fühlte sich von dem vielen Rot schier erdrückt.
Nicht einmal als er den besagten Raum erreichte, indem ihm eine sehr
erlesene Runde von Kardinälen und dem heiligen Vater Höchstselbst
erwartete, denn im Gegenteil schnürte ihm die bloße Anwesenheit
der kirchlichen Würdenträger den Kollarkragen noch enger.
„...wahnsinnige geworden.“, merkte einer der Kardinäle
gerade an, als Skarsgard den Raum betrat, die erdrückende Wärme
der rötlichen Farben lastete bereits jetzt auf seinen Schultern
wie Blei.
„Vater Skarsgard.“, raunte Kardinal Teuben, sein Blick wanderte
zwischen dem Papst und Skarsgard hin und her – offensichtlich
war Teuben die Zwischeninstanz, die an Stelle des heiligen Vaters sprach.
Die graue Eminenz wie man so schön sagte.
„Euer Eminenz. – Heiliger Vater.“ Skarsgard verneigte
sich leicht vor dem ergrauten Oberhaupt der katholischen Kirche.
„Wir hörten sie hätten Kontakt mit dem Rat der Wächter
gehabt.“
„Korrekterweise....“
„Ja, wir wissen Bescheid. Auch über ihre Beteiligung an einem
Konflikt, der falls er publik würde, eine Glaubenskrise herbeiführen
könnte.“
„Eminenz?“
Teuben faste den Priester scharf ins Auge. „Die Leute, mit denen
sie Kontakt hatten sind Anhänger teils recht fragwürdiger
Überzeugungen und wir müssen wissen, ob ihre Loyalität
der heiligen Mutter Kirche gilt oder nicht.“
Teuben war geradeheraus; immerhin ein Zug an dem alten Mann, den Beron
schätzte, konnte er doch leichter erkennen, was im Kopf seines
Gegenüber vorging. Es war mehr als offensichtlich, dass man im
inneren Zirkel der katholischen Kirche möglichst wenig, am besten
überhaupt nichts mit heidnischen Religionen zu tun haben wollte
– Teuben war ein Kardinal von altem Schlag, das wusste Skarsgard,
ein konservativer, um nicht zu sagen reaktionärer Vertreter der
Kirche, die sich mit ihrem Rechtsruck, hin zu alten Ansichten, in der
Welt nicht unbedingt beliebt gemacht hatte, man bedachte allein nur
die Aberkennung der Evangelen als Kirche durch den Papst selbst. In
solchen Momenten fühlte sich Skarsgard in Zeiten eines Martin Luther
zurückversetzt. Er selbst glaubte, er glaubte an Jesus, ebenso
wie an die Jungfräulichkeit Marias, andernfalls wäre er kein
sehr überzeugender katholischer Priester, aber die immer konservativer
werdende Weltsicht mancher Kardinäle behagte ihm nicht und die
Kirche musste sich vorwärts bewegen, mit der Zeit gehen, wenn sie
bestehen wollte.
„Deswegen werden sie mich nicht herbestellt haben.“, lenkte
Beron vom Thema ab, denn es passte ihm ganz und gar nicht in die Ecke
gedrängt zu werden – und immerhin gab es einen wirklich wichtigeren
Grund für sein Erscheinen im Vatikan, die gespannte Stimmung um
dieses Geheimnis konnte man förmlich greifen.
„Haben sie von der Mordserie in England gehört?, fragte ein
andere der Kardinäle, anstelle Teubens, der derart säuerlich
dreinsah, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.
„Beiläufig. Warum?“
„Offensichtlich gibt es .... religiöse Implikationen bei
diesen Taten.“
„Sie meinen ein religiöses Motiv?“
Teuben schnappte nach Luft und warf dem heiligen Vater einen raschen
Seitenblick zu.
„Die Inquisition ist ihnen sicherlich ein Begriff.“
„Sogar, dass sie noch existiert, euer Eminenz. Nur nennt man es
jetzt anders. Doch letztlich .....“
„Über die Jahrhunderte hat die Inquisition nicht nur das
Ziel verfolgt...nun, sie kennen die Historie. Es gab unter ihnen immer
Leute, die sehr spezielle Aufgaben auszuführen hatten, immer dann
wenn sich die Ziele anderer gegen die Gemeinschaft der Mutter Kirche
richteten.“
Irgendwo in Skarsgards Hinterkopf wurde das Leuten einer Alarmglocke
stetig lauter und lauter.
„Dazu gehörte auch, sich eventuell mit Individuen einzulassen,
die....“
Beron nickte grimmig. „Einen Pakt mit dem Teufel einzugehen, wenn
nötig.“
„Wie können sie....“, erboste sich Teuben, doch mit
einer Handbewegung brachte ihn der Papst zum Schweigen, dann begann
er selbst zu sprechen: „Wenn die Juden sich über Zion erheben
und ein Komet den Himmel teilt, wenn das römische Imperium neu
entsteht, dann... dann endet unser aller Leben.“
Eine Stimme drang zu den alten Männern hinab, die Stimme einer
jungen Frau, die über ihnen auf einer Galerie stand, zu der zwei
Freitreppen führten. Ihr blondes, jungenhaftes Haar fiel in ins
Gesicht und zwei durchsichtige, grüne Augen funkelten herab zu
der Versammlung, als sie die Lippen bewegte und das Gedicht vollendet.
„Aus dem ewigen Meer steigt er empor, stampft Armeen aus dem Boden
hervor. Es töten die Brüder sich, die Erde wird leer...“
Elegant schwang sie sich über die Brüstung und landete direkt
neben Skarsgard auf dem Marmorboden, ihr Körper gespannt wie eine
Feder, angriffslustig und herausfordernd, während sie sich langsam
auf die Anwesenden zubewegte, den Kopf gesenkt, die Augen fest auf den
heiligen Vater gerichtet.. „...und die Menschheit...die Menschheit
existiert nicht mehr.“ Die junge Frau, die in hautenger Jeans,
dem roten Schal und ihrer Lederjacke in den Räumlichkeiten des
Vatikans ebenso deplaziert wirkte wie ein Clown auf einer Beerdigung,
lächelte, ein mysteriöses Lächeln, dass auch nicht erstarb
als Teuben und andere sich nicht nur bekreuzigten, sondern sie sofort
der Örtlichkeiten verwiesen.
„Du kannst hier nicht hinein! Dies ist heiliger Grund –
du bist hier nicht willkommen!“, tobte Teuben bereits und deutete
zur Tür.
Ein leises, unmerkliches Aufflackern in den immergrünen Augen der
Frau ließ ihn verstummen. „Nicht willkommen? Nicht willkommen?
Sie kennen ihre eigene Glaubensbroschüre aber schlecht. Vielleicht
sollten sie sie ihn und wieder lesen. Ich schlage das Buch Hiob vor.
Die Wette, die euch prüft, die ist so alt wie die Menschheit selbst
und sie wird solange dauern bis die Menschheit nur noch ein Flüstern
in der Geschichte des Universums ist....“
„Du.... Verführer, Widersacher...!“
Doch Irene lächelte nur, kalt, überheblich, doch nicht ohne
Grund, als eine der Altvorderen, der großen Alten war tat sie
nie etwas ohne gute Gründe. „Ahja, die Kosenamen.“
„Das ist dein Name. Satan...“
„Ankläger.“, schleuderte Irene zurück. Ein Hauch
von Eis wehte über ihre Lippen. „Satan, der Ankläger.
Ich bin Gottes rechter Arm, der die Menschen anklagt. Ich klage an!“,
sie deutete mit schlanken Fingern auf Teuben, der unwillkürlich
zusammenzuckte. „Ich klage euch der verschiedensten Verbrechen
an. Ich klage euch der Bigotterie an. Ich klage euch der Unchristlichkeit
an. Ich klage euch an, die Werte und Lehren eures eigenen Gottes zu
missachten. Soll ich fortfahren oder sparen wir den Rest bist zum jüngsten
Tage – wenn der je kommen sollte.“ Zu Berons Überraschung
ließ die junge Frau von den kirchlichen Würdenträgern
ab und wandte sich ruckartig an ihn, ihr Haar folgte ihrer Bewegung
ebenso wie das rote Leuchten des Schals, eine Woge aus gleißender
Entschlossenheit, naiver Jugendlichkeit und uralter Weisheit zugleich
– welche Kombination aus Blut, Schweiß und Sperma sie auch
entsprungen sein mochte: einen Engel des Lichts erkannte Beron vor sich.
„Gehen wir. Ich kann ihnen genauso sagen wie die greisen Scharlatane
hier, was zu tun ist.“ Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen
huschte die junge Frau an Vater Skarsgard vorbei.
Beron zögerte sichtlich, er gewahr den warnenden Blick Teubens.
„Mein Sohn, verfalle nicht dem Bösen.“
Er blickte den alten Kardinal direkt in die grauen, trüben Augen.
„Wenn sie herausgefunden haben, wie man die Bösen von den
Guten unterscheidet...dann lassen sie es mich wissen. Eure Heiligkeit.“
Skarsgard verneigte sich knapp und schritt schnellen Fußes der
jungen Frau hinterher, schnell genug, um nicht den Eindruck zu erwecken,
es würde ihn nicht interessieren und er warte nur darauf, dass
Teuben ihn zurückholen ließ und doch nicht zu schnell, um
sich ein Stück Würde zu bewahren, sollte es doch nicht so
aussehen, als wolle er fliehen.
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„Was wissen sie über Prophezeiungen?“,
fragte Kennedy, deren Blick an der Landschaft, die an dem Zugfenster
vorüberschnellte, haftete, als wollte sie diesen Anblick nicht
mehr loslassen – die ganze Fahrt über hatte sie nur mit finsterer
Miene zum Fenster herausgestarrt.
Ray Cummings legte seufzend die London Times aus der Hand und bedauerte
zum ersten Mal in seinem Leben Nichtraucher zu sein – wäre
er Raucher gewesen und hätte man ihn nicht, wenn er dieses Lungenschädigende
Vorhaben in die Tat umsetzen würde, achtkantig aus dem Zug geworfen,
er hätte zumindest etwas zu tun gehabt, statt stundenlang ein und
dieselbe Zeitung hin und herzudrehen, denn mittlerweile konnte er einige
Passagen daraus, witzigerweise am besten die Stellenanzeigen, schon
auswendig aufsagen. „Nur, dass sie in der Regel irgendetwas Schlechtes
vorhersagen. Das gehört dazu wie der dumme Spruch „Wie im
echten Leben.“ wenn im Film einer stirbt oder sowas.“
„Wieso das?“
„Ich hab da ne Vermutung: Der Mensch ist unfähig die guten
Ereignisse in seinem Leben zu schätzen, er nimmt nur die schlechten
Dinge wahr oder sagen wir, er nimmt sie eher zur Kenntnis. Daher gelten
die negativen Geschichten gemeinhin auch als realistischer, auch wenn
sie, genauso wie die Happy Ends auch nur einen Ausschnitt zeigen.“
Kennedy starrte weiterhin nach draußen, ihre Stimme war mehr ein
Murmeln, denn als klar zu bezeichnen. „Also sind wir alle masochistische
Idioten, die sich nur wohl fühlen, wenn’s weh tut?“
„Vielleicht etwas überzogen .... sagen wir, ich denke, dass
da zumindest was Wahres dran ist. Man findet sozusagen Bestätigung
darin...aber wenn du mich fragst, ich halte das alles für einen
Riesenaffenzirkus. Originalität gibt es zwar nicht, aber so richtig
gut zubereitet ist doch kaum etwas, sei es ein Roman oder ein Film.
– Ich glaub wir schweifen ab.“
Kennedy zuckte mit der Augenbraue – der Zug wurde langsamer, die
Durchsage von der Einfahrt in den seit seinen regelmäsßigen
Auftritten in den Büchern einer gewissen Engländerin, deren
Konto höhere Beträge aufwies als das der Königin, nunmehr
berühmten Bahnhof Kings Cross von London. Dieser Rupert Gieves
oder Giles, Kennedys Namensgedächtnis war nicht das beste, besonders
bei Leuten, die ihr eigentlich am Arsch vorbeigingen, würde sie
vom Bahnsteig abholen.
„Um ehrlich zu sein habe ich von Prophezeihungen nicht viel Ahnung,
nur, dass sie meist von Seherinnen gemacht werden, die selbst nicht
die Macht hatten, die Menschen zu lenken. Die Macht lag stets bei den
Priestern.“
„Also nur nützliche Idioten....“, murmelte Kennedy.
Sie seufzte. Irgendwie war ihr nach Schlafen, doch das konnte sie nun
knicken.
„Das klingt zwar leninistisch, aber...ja.“
Plötzlich trat Kaie an ihre Sitzreihe heran, sie hatte ein Stück
der Fahrt weiter vorne den Barmann mit ihren Sorgen beladen, immerhin
hatte dieser rollende Blechsarg soetwas wie einen Speisewagen, doch
nun da sie kurz vor Vollendung der Reise standen trippelte sie mit den
Fingerspitzen auf der Rückenlehne eines irritierten, distinguierten
Herren.
„Wenn wir dann mit dem Grundkurs Leninismus fertig wären,
wir müssen dann so langsam.“
Am Bahnsteig wartete tatsächlich bereits der einstige
Wächter von Buffy Summers, allerdings nicht im erwarteten Tweedjacket,
sondern mit Lederjacke und lockerer Jeans, ein seltsamer Anblick für
das archetypische Fossil eines Bibliothekars, dass man sich zweilsohne
unter Rupert Giles vorstelllen mochte.
Giles verlor keine Worte der Begrüßung, sondern führte
die Neuankömmlinge ohne Umschweife durch den Bahnhof, der ziemlich
genau zur Mitte des 19ten Jahrhunderts aus sandfarbenem und dunkelgrauem
Stein, ein Zeitzeichen der viktorianischen Ära erbaut worden war.
Statt sie aber zur Bahnhofshalle und auf die Straßen Londons zu
eskortieren, und in diesem kurzen Moment hätte man beinahe denken
mögen, er suche das Gleich 9 ¾, das immerhin gut ausgeschildert
war, doch betrat Giles wortlos einen Warteraum und trat an einen der
dort stehenden Getränkeautomaten. „Was möchten sie?“
Ray, der als einziger sowas wie eine Antwort gab, die nur in verwirrt
gutturalen Lauten bestand, einem verenden Röcheln nicht unähnlich,
zuckte mit den Schultern.
„Warum sind sie eigentlich nicht durch die Portale des Hauses
gekommen, dies wäre ein viel direkterer Weg gewesen?“, fragte
Giles, während er sich nochmals umsah, um sicherzugehen, dass niemand
ihnen gefolgt war. „Also, ich ziehe Lemon vor.“, darauf
drehte er sich von seinem Gefolge ab, statt aber zunächst Geld
einzuwerfen, suchte er sofort die Wahltaste, und machte einen Schritt
zurück. Der Automat schwang zur Seite auf und gab den Blick frei
auf einen dieser typischen dunklen Durchgänge, doch dieser endete
nach nur einem Meter gleich an einer eisenbeschlagenen Eichentür.
„Ich stehe nicht so sonderlich auf diese Art des Transports.“,
warf Kennedy ein.
Der lange Gang, der sich hinter dem Automaten verbogen hatte, war, anders
als erwartet, nicht mit Fackeln erleuchtet, sondern glänzte durch
kalte Neonröhren eines ewig langen, einem Fleischwolf nicht unähnlichen
Metallschachtes.
„Soll man sich hier gleich durch die Mangel gedreht fühlen,
oder wie?“, kommentierte Kennedy den innenarchitektonischen Wahnsinn
aus eisigem Metall.
Giles bedachte sie nur kurz mit einem Seitenblick. „Was führt
sie eigentlich hierher? Ihre Anfrage war – gelinde gesprochen-
vage.“
„Sagen sie jetzt nicht, sie hätten nichts von der Mordserie
mitbekommen, die die Polizei hier in Atem hält. Sie haben uns praktisch
extra hierher beordert.“
Bei dem Worte „Mordserie“ zuckte Giles unmerklich zusammen
und Kennedy versuchte mit Ray einen Blick auszutauschen, begegnete jedoch
nur Kaies Augenpaar, dass sie undurchsichtig was sie dachte, regelrecht
durchbohrte. Kennedy sah, halb irritiert, halb wütend, ob des Blickes,
der ihr unangemessen Tadel entgegenzubringen schien. Vielleicht täuschte
sie sich aber auch nur gewaltig.
„Haben wir nicht. Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen,
dass wir sie angefordert hätten Aber wir verfolgen alles das was
von Interesse ist....“
„Also: Ja.“, unterbrach Kennedy Giles und überging
sein Einlenken hinsichtlich des offenkundigen Missverständnisses
zwischen Giles und Nick, und diesmal wurde wirklich tadelnden Blickes
gestraft, von Giles als auch von Kaie, die sachte den Kopf schüttelte.
„Was wissen sie über prophetische Träume?“
Nun war es an Ray finster dreinzuschauen – Kennedy war sich bewusst,
dass sie gerne mit der Tür ins Haus fiel, aber sie sah nicht ein
ihre Zeit mit unnützen Höflichkeiten zu verschwenden und nicht
zum Punkt zu kommen
„Das Besprechen wir besser unter uns. Ich denke nicht, dass man
das hier im Gang erörtern sollte.“
„Oh, wie gewählt er doch parliert. Hören sie, Bücherwurm,
ich hab keine Zeit für diesen Mist.“, zischte Kennedy.
Giles blieb stehen, eine unbewegliche Miene wie in Granit gemeißelt,
doch mit einer drohenden Vibration in der Stimme. „Dann halten
sie einfach den Mund und folgen sie mir.“
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„Ich glaube nur nicht an den Teufel ... in Menschengestalt.“
Irene Adler reckte ihr Kinn der Sonne entgegen. „Man nehme das
eine und lasse das andere liegen. Wie bei einer Salatbar? Oder wie?
Oder sieht man den Teufel heutzutage nur noch als psychologischen Aspekt?
Gott bleibt aber Gott?“
Beron verbrühte sich die Lippen an seinem Espresso, verzog das
Gesicht und stellte das Tässchen wieder ab.
„Wicca glauben so gesehen auch nicht an den Teufel – zumindest
distanziert sich die Mehrheit von dem personifizierten Bösen. Aber
das man nicht an etwas glaub, bedeutet nicht, dass es nicht existiert.“
Eindringlich betrachtete Beron von Skarsgard die Frau mit dem kurzen,
jungenhaften Haarschnitt, die ihm in einem Cafe mitten in der Altstadt
Roms gegenüber saß „Sie sprechen von einer Religion,
die im letzten Jahrhundert gegründet worden ist, lange nach der
Zeit der Aufklärung. Auch wenn sie auf heidnische Naturreligionen
zurückgeht, die älter sind als das Christentum, kann man wohl
eher sagen, dass sie...“
„...modische Erscheinung für orientierungslose Menschen ist,
die sich von den etablierten Religionen abwandten?“
„Sie versuchen eher Altes neu zu ordnen.“
„Interessante Vorstellung. Altes neu ordnen. Eine Modernisierung
von alten Religionen, von altem Glauben. Mit neuen Begriffen und Interpretationen?
Die Gottesvorstellungen im Wandel der Zeit. – Vielleicht bin ich
schon zu alt für die Welt? Verbraucht? Unflexibel geworden?“
Irene blinzelte zu Beron herüber.
„Sie sind nicht der Teufel.“
Ein Lächeln kroch über ihr Gesicht. „Nur weil sie nicht
an mich glauben, heißt das nicht, dass ich nicht existiere. Ihr
Menschen seid wirklich interessant. Selbst wenn ihr einer Tatsache gegenüberstehen
würdet, ihr könnt euch dazu entschließen daran zu glauben
oder nicht.“
Beinahe hätte sich Beron abermals an seinem Espresso verbrüht,
doch zum Glück konnte er die goldumrandete Tasse weit genug von
seinen Lippen fernhalten. „Sie sehen den Teufel als Tatsache?“
„Tatsache ist, dass ihr alltäglich vom Teufel umgeben seid.
Tatsache ist, dass ihr ihm jeden Morgen im Spiegel begegnet. Ich bin
nur eine der vielen Möglichkeiten. Ich bin... der Spiegel. Das
ist meine Aufgabe hier.“
„Aufgabe?“
Seufzend wandte sich Irene mit plötzlich desinteressiertem Blick
von Beron ab. „Sie fangen an mich zu langweilen.“
Doch statt sich weiter mit der undurchsichtigen jungen Frau zu beschäftigen,
warf Beron lieber einen Blick auf seine Bordkarte, die ihm verriet,
dass ihr Flug erst in einigen Stunden ging – gut oder nicht gut,
er hatte noch die Muße sich mit dem unergründlichen Antlitz
von Irene Adler zu beschäftigen.
Oder mit den versiegelten Anweisungen des Vatikans, die ihm einer der
Priester hastig überbrachte, waren die Würdenträger doch
nicht mehr dazu gekommen, ihm alle Einzelheiten zu verraten.
Das Siegel war leicht gebrochen, ein Seufzen und Hoffen, es möge
nicht das siebte aller Siegel sein, öffnete von Skarsgard den dicken
Umschlag und zog das Dossier daraus hervor.
Einige Minuten sah er, verwirrt zu Irene Adler hinüber, eine Sekunde
zweifelnd, abermals die Blätter vor sich überfliegend, doch
letztlich geradezu gezwungen zu glauben was er laß.
„Warum kommen sie zu mir?“
„Sie haben es gelesen. Sie wissen nun um eines der dunkelsten
Kapitel der Kirche.“
Kopfschütteln, mehr aus Trotz, denn aus Erkenntnis, sondern aus
Überzeugung, war Berons ganze Antwort.
„Aber ....“
„Warum? Macht... man stelle sich vor, alles würde nach dem
Willen nur eines Menschen oder einer Organisation laufen. So funktioniert
das nicht. Es funktioniert nur, wenn ein ewig kalter Krieg zwischen
diesen Mächten herrscht. So funktioniert die Welt. Hin und her.
Das ist hier auf Erden so und im ... Himmel oder der Hölle, nennen
sie es wie sie wollen, nicht anders. Wir bewahren das Gleichgewicht.
Das ist unsere Aufgabe. Und nun..“ mit einem Nicken wies Irene
auf das entfaltete Dossier in Berons Händen.
„Nun ist das Gleichgewicht aus den Fugen?“
„Deswegen bin ich hier. Ich und die anderen...“
Doch Beron sollte nicht mehr herausfinden wer diese ominösen anderen
waren, denn Irene schwieg sich von nun an aus, sah meist an ihm vorbei
und besprach nur noch das Nötigste mit dem Priester.
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„Kein größerer Liebesbeweis, kein
größeres Opfer gibt es in der Welt, als sein eigenes Leben
für einen Bruder niederzulegen.“ Mr. Sebastion maß
den Raum mit langen, allerdings nicht übertriebenen, sondern stets
bedachten, autoritären Schritten ab. „Oder Schwester.“
Er sah zu Willow, in deren Händen der Knauf des Stocks ruhte und
den sie genauso maß, wie Sebastian nicht allein den Raum, sondern
vor allem sie musterte.
„Oder.....“, seine Augen wurden zu glühenden Schlitzen
in der Dunkelheit. „....etwas völlig anderes. – Hmmm,
sie müssten inzwischen angekommen sein.“, sprach Sebastian,
mit einem kurzen Blick auf seine Taschenuhr.
Entnervt ließ Willow den Knauf auf den Tisch krachen, ständig
wurde man an der Nase herumgeführt, von Fremden bekam man unverständliches
und völlig verquerstes Zeug erzählt. „Was.....Was wollen
sie?“
„Warum sind sie hier? Wieso sind sie zu denen übergelaufen?“
Wozu immer diese Gegenfragen? Willow schnappte nur kurz nach Luft, zögerte,
ihr Blick streifte die Kristalle, die bereitlagen in den Stock eingebaut
zu werden. „...weil...weil ich sie brauche.“
„Sie?“
„Tara.“
„Wieso? Was könnte ein Mensch, so eingeschlossen in sich
selbst, letztlich doch, der traurigern Wahrheit trotzen, allein mit
sich, an einem anderem so Wichtiges finden? Die Wahrheit ist: Wir sind
alle allein.“
Darauf wusste Willow keine Antwort – sie starrte nur vor sich
hin, leere in ihrem Kopf, unendliche Leere, die ihr kein Leid zufügte,
doch letztlich auch keine Erkenntnis brachte. Das Nichts, wenn man einfach
nicht über das Sein, die Frage nach dem Warum nachdachte, schien
so verlockend im Angesicht all des Schmerzes, den das Wissen mit sich
brachte. So viel einfacher schlichtweg nur im Augenblick zu leben, so
wie Willow viele Jahre lang gelebt hatte und doch, da waren all die
Momente voller Erkenntnis, die sie schmerzten, aber zugleich mit Zufriedenheit
nährten, denn sie machten sie zu weit mehr als sie je hätte
sein können. Wie konnte der Mensch besser sein, ein besseres Leben
führen, strebte er nicht nach Erkenntnis, ein besseres Leben nicht
für sich, sondern vor allem auch für andere. Die anderen,
all ihre Freunde, die ihr Familie geworden waren und die sich weiter
und weiter entfernt hatten, mit der Einsicht, dass sie um diese kämpfen
musste, wollte sie sie behalten. – Willow entschied sich für
das Leid. Und in dem Moment, da sie merkte, dass sie in ein schwarzes
Loch fiel, in der Sekunde, da in ihr die Erkenntnis reifte, da war dort
nur dies eine: Licht.
Sie fiel. Vielleicht hatte sie nie aufgehört zu fallen. Oder fiel
sogar noch immer vom Dach des Hochhauses hinab zur Straße und
hatte sich alles andere nur eingebildet. Auch die Hand, die die ihre
ergriffen hatte.
Doch da war dieses Licht. Das Licht eines Sterns, das Willows Augen
blendete.
Sie sah ihre Hand an, die Finger sich mechanisch krümmend.
Die Hand in der Hand des anderen.
Der Herzschlag, der des anderen war.
Teil eines Ganzen, nur ein Element, ein Stern, ein Teil von dem das
einst alles war.
„Die Wahrheit? – Ihre Wahrheit ist nichts wert... Wir sind
alle Sternenstaub, Behalten sie ihre Glückskeksweisheiten für
sich...“, mit unverholener Angriffslustigkeit sah Willow in das
Dunkel, in dem der Mann mit Anzug und Zylinder stand.
„So? Willow hat Recht und die Welt Unrecht. Aber vielleicht ist
es ja umgekehrt und die Welt hat Recht und Willow Unrecht?“
„Nein.“ Abrupt stand die rothaarige Hexe auf. „Nein.....“,
Unsicherheit in ihrer Stimme, zu dem kleinen Mädchen in Latzhose
werden, doch wozu einknicken – vor Autoritäten, die keine
waren? Sich dem beugen was war? Sie schüttelte ihren rostfarbenen
Schopf „Allein? Das sind wir nicht – wie auch, wir sind
doch nur Teil eines Ganzen ...Teile eines, naja, eines Lebewesens.“
„Lebewesens?“
„Das Universum. – Das ist ein Dings... ein Lebewesen. Und
wir sind nur wie die kleinen Enzym-Typen, die den Zucker das Fett auf
ihren Hubwagen durch die Aterien fahren.“
Reichlich verwirrt sahen sie die stechenden Augen des Inquisitors an.
„Und deswegen habe ich Recht – ich bin das Universum. Jeder
ist das. Ja, ich habe Unrecht, aber deswegen ich habe auch Recht.“
Wütend trat sie ihm gegenüber, in den Fingern deren Knauf
des Stocks, den sie fahrig hin und herdrehte. „Und deswegen sind
wir nicht allein. Deswegen kämpfe ich um sie...um Tara. Und Adam
kann mir dabei helfen!“ – Willow schrie beinahe.
Mr Sebastian hielt dem Blick der Hexe stand, urplötzlich jedoch,
drehte er sich um. „Sie sollten das zu Ende bringen.“ Mit
einem Wink wies er auf den Griff des Stocks, der noch immer in Willows
Hand ruhte und darauf wartete in einen gebrauchsfertigen Zustand versetzt
zu werden.
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Rupert Giles putzte sich bereits zum Hundertsten Male
seine Brille und war sich sicher, dass er sein Gegenüber damit
regelrecht in den Wahnsinn trieb, denn der ohne schon verbissene Ausdruck
im Gesicht Kennedys, verspannte sich von Minute zu Minute zusehends.
Doch darauf nahm Giles keine Rücksicht, denn er zog es vor gehört
zu werden und nicht alles schnell, schnell hinter sich zu bringen. Und
so formulierte er sich in irritierten Blicken und dem obligatorischen
Brillenabnehmen und Putzen desselbigen.
„Es ist nicht üblich, dass Jägerinnen von der Vergangenheit
träumen, eigentlich richten sich ihre Blicke...“, begann
der Bibliothekar seinen Vortrag zu wiederholen.
„Rede ich Lappländisch? Ich träume es nicht einfach...ich
bin da. Es war...da war ein Raum, ein Büro der Polizei. Jahrhundertwende
– also 1800-irgendwas. Und der Dicke Kerl hat mich Inspektor genannt.
Und wehe sie fragen blöde: Ich wusste, dass Martha Tabrant das
Opfer war.“
„Godley.“, kam eine Stimme von hinter Kennedy, die sofort
herumwirbelte.
„Was?“
„Seargent Peter Godley. Er war einem Inspektor beim Yard unterstellt,
der die Ripper-Morde untersucht hatte.“
Etwas zu hastig setzte sich Giles seine Brille wieder auf. „Wir
hatten uns darauf geeinigt.....“
Der schlanke Mann mit dem goldblonden Haar schüttelte den Kopf.
„Nein, sie wollten nicht, dass wir darüber reden.“
Er sah zu Ray und der Vampirin neben ihm, die die Couch mit Beschlag
belegt hatten. „Hallo Ray.... Mrs Adams. Oder waren wir beim Vornamen?“
„Vornamen.“
Raymond Cummings grüßte mit einem Nicken, ehe er mit der
linken nach seinen Kaffee angelte. „Nick. – Willst du damit
sagen.....“
„Moment. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob das miteinander zusammenhängt.“
Kennedy hob, die Schnute eines genervt, schmollenden Kindes aufgesetzte,
die Hand. „Hey, hallo.... ich bin auch noch da und ich hab diesen
Buchabstauber da drüber was gefragt. Wenn das was damit zu hat,
dann will ich, dass man mir sagt....“
„Ich fürchte, so Leid mir das tut....“, Nick deutete
eine leichte Verbeugung an. „...dass man ihnen von Seiten der
Wächter nichts sagen wird. Die Wahrheit ist einfach zu brisant,
als dass sie für ihre Ohren geeignet wären.“
Verächtlich schnaubte Kennedy. „Also, haben die Schiss, dass
jemand rausfinden könnte was Sache ist.“
Giles betrachtete die Bügel seiner Brille, nachdem er diese erneut
abgenommen hatte, setzte das Nasenfahrrad wieder auf und seufzte innerlich.
„So könnte man es nennen .... ich denke...“ Nick bedachte
Giles mit einem Seitenblick. „...dass man über die Phase
dieser Art Unmündigkeit der Schutzbefohlenen hinweg sein sollte,
aber das ist nur meine Meinung.“
Ohne irgendwen anzusehen blickte Giles beabsichtigt ins Leere, vorbei
an den Anwesenden. Er entsann sich an den Tag, an dem Quentin Travers
ihn dazu aufgefordert hatte seine Jägerin zu hintergehen, sie im
Unwissen zu lassen über den Test, den man durchführen wollte,
in der Tradition verharrt, und mit dem man nicht nur Buffy, sondern,
weit schlimmer, die ihr Naheständen in Lebensgefahr gebracht hatte
– ihre Mutter.
„Augenblick, ehe wir hier fortfahren, sollten wir erst einmal
klären, wer Miss Kennedy...“ Die Angesprochene zuckte zusammen
und Giles Vermutung, dass sie diese Anrede seitens Ray Cummings’
nicht sonderlich schätzte, war mit dem kurzen, aber tödlich
giftigen Blick bestätigt. „...hier nun helfen kann. Kaie
und ich sind hier, wegen der Mordserie in der Gegend und es wäre
wohl sinnvoller....“
„....wenn alle im Raum zuhören. Ich denke nämlich, und
ich bin da nicht der einzige, dass die Klärung des einen, hilfreich
sein könnte bei der Lösung des andern.“
Abwehrend hob Giles die Hand, er richtete sich in seinem Sessel demonstrativ
auf. „Moment, das ist bislang nur eine Vermutung. Sonst nichts.
Wir wissen von ihren Träumen gerade einmal ein paar Stunden und
wir sind das währenddessen mehrfach durchgegangen. Die Namensgleichheit
ist....
„...Zufall? Darauf würde ich keinen müden Cent wetten.
Ich nehme an, Mr Giles, sie haben einen noch besseren Witz auf Lager.“
Nick blieb zwar charmant, trotz des deutlichen Sarkasmus’ in seinen
Worten, vor allem aber seine Stimme blieb so weich wie schon die ganze
Zeit über.
„Ist das eigentlich normal hier, dass sich die Leute gegenseitig
ins Wort fallen?“, fragte Kennedy geradeheraus.
Nick und Giles lieferten sich verbissen ein stummes Blickduell, dass
der Wicca gewann. „Zurzeit schon. Eine Frage, Miss Kennedy....“
Ein Brummen entrang sich ihrer Kehle.
„Sagt ihnen der Name Abberline etwas?“
„Ja, das ist zufälligerweise mein Nachname.“, konterte
die Anwärterin auf den Jägerinnenposten.
„Interessant nicht?“, sagte Nick, als er Kaies Reaktion
bemerkte, die sich aufgesetzte hatte und von Nick zu Giles und wieder
zurück blickte. Stille legte sich über den Raum, die einzig
und allein von Zischen der Kaffeekanne her unterbrochen wurde.
„Für die unwissenden Amerikaner bitte noch mal verständlich
bitte.“, beendete Ray die Gesprächsflaute.
„Abberline. Fredderick Abberline, leitender Inspektor im Ripperfall
von 1888.“ Kaies Stimme war leise, mehr wie der Hauch eines Wispern
in der Dunkelheit, doch noch immer laut genug, um sie zu deutlich vernehmen.
„Ich hab ihn gekannt, flüchtig nur, aber...ja., das ergibt
alles langsam einen Sinn.“
„Und ihr Name lautet Kennedy Abberline.“, erklärte
Nick Watson, mehr zu den anderen, als zu Kennedy, die ein Gesicht aufsetzte,
als würde man ihr Informationsrauschen aufbinden, was, aus ihrer
Sicht betrachtet, sogar der Fall war. Lediglich die Angelegenheit mit
dem Inspektor, die musste sie bei all ihrer Vorarbeit über den
Ripperfall wohl vergessen haben oder nie auf ihn gestoßen sein,
was, und das wusste Giles auch so, letztlich unmöglich war. Der
Name war nicht sonderlich verbreitet, doch auch nicht derart selten,
dass man nicht von Zufall sprechen konnte. Und genau das wollte Watson
nicht einsehen, zugleich aber, und zu Giles innerer Scham musste der
Wächter gestehen, dass seine Schlussfolgerung vollkommen zutraf.
Giles kannte die Akten.
„Wir gehen von folgendem aus: Nämlich, dass sie, Kennedy,
in direkter Linie von Freddick Abberline abstammen. Daher wohl auch
ihr Träumen.“
Die Akten über die Jägerinnen; er hatte sie in den vergangenen
Tagen genauestens studiert, denn mit dem Wegfall des Reglements des
Rates der Wächter, gelangte er nunmehr an eben dies brisante Material.
Gerade all die Kopien, die er im Archiv der Templer gefunden hatte,
tief im dunklen Bauch des hiesigen Magistratsgebäudes. Aber die
Frage war, ob sie auch dafür bereit waren.
Für die Wahrheit.
Giles erhob sich so würdevoll wie möglich von seinem Sitzplatz,
ging durch den Warmbeleuchteten, zu einem Wohnzimmer umfunktionierten
Kellergang zu der Schrankwand auf der anderen Seite und öffnete
einer der Schubladen. Wieder ein innerliches Seufzen. Fehler einzugestehen,
die man begangen hatte, dafür war es vielleicht zu spät.
Viel zu spät.
Doch wie viele Fehler mussten noch gemacht werden?
Giles warf Kennedy die Akte zu und die Bilder der ermordeten Frauen
rutschten heraus: eine jede sah aus wie die andere.
Jung, nicht sonderlich groß, mit grünen Augen und honigblondem
Haar.
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In der Gasse war es stockfinster, nur der schwache
Lichtschein der Straßenlaternen beleuchtete ein wenig mit orangrotem
Dunst den schmalen Weg zwischen den Häusern. Beron von Skarsgard
zog sich seine Jacke enger noch als den Priesterkragen, denn zur Dunkelheit
hatte sich nun noch eine feuchte Kälte geschlichen. Das englische
Wetter spielte ihm übel mit, denn nicht wenige seiner Knochen ächzten
und zogen in ihm, als wollten sie schnellstmöglich weg ins Warme
an den Kamin.
Irene Adler hingegen schien die Kälte nicht zu spüren, lediglich
einmal hatte sie ihren roten Schaal gerichtet und das auch nur, weil
dieser verrutscht war. Ansonsten genoss sie entweder das Warten in der
Dunkelheit bei Kälte, die Niesel mitbrachte, der eine geheime,
gemeine Liaison mit dem Frost einzugehen schien und in jede Ritze der
Kleidung kroch. Oder aber sie war vollkommen teilnahmslos. Genau konnte
das Beron nicht sagen, denn die junge Frau mit dem plagiierten Namen
stand im Schatten und –wie Beron mit einem Stirnrunzeln feststellen
musste- las.
„Gutes Buch?“, versuchte Skarsgard ein wenig Smalltalk zu
entfachen, um die Kälte zu vertreiben.
„Eigentlich ein Zeitungsroman, den man irgendwann zwischen zwei
Buchdeckel gepresst hat. – Aber ja. Die drei Musketiere. Schon
mal gelesen?“
„Gesehen. Vincent Price als Richelieu hat mir gut gefallen, aber
auch Tim Curry war irgendwie gut. Auch wenn’s ein Disneyfilm war.“
„Nicht etwa Charlton Heston?“
„Lieber Gott....das Schauspielerin hat der Mann nicht gerade
erfunden.“
„Und Mylady?“
„Das ist eine unfaire Frage.“
„Unfair, weil ich sie einem katholischen Priester stelle?“
Als Antwort räusperte sich Beron lediglich. „Worauf in ....
Namen warten wir eigentlich?“
„Keine Ahnung worauf sie warten, aber ich warte auf das Morgengrauen.
– Still jetzt, sie verscheuchen sonst die Fliege im Honig.“
Welche Fliege auch immer gemeint sein sollte.
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All die Zeit, die sie nun über den Akten von Scotland
Yard nun schon hingen, Akten, die weit über hundert Jahre alt waren
und genauso rochen, hatte Kennedy lediglich eine Reihe von Deja vus,
ohne aber den Eindruck zu haben vorangekommen zu sein.
Im Gegenteil fühlte sie sich eher, als würde sie, jedes Mal
da sie einen Aktendeckel öffnete und ihn dann wieder schloss, sich
im Kreis drehen.
Natürlich war der Mann, der die fünf Frauen jetzt im neuen
Jahrtausend umgebracht hatte ein Trittbrettfahrer. Die Handschrift war
nicht dieselbe, zumal Kennedy nicht daran glaubte, dass der echte Täter
von damals noch aktiv war. Möglich war wohl in ihrem Metier eher
ein Fremdwort, noch befremdlicher für einen Außenstehenden,
dass sie Begriffe wie Metier kannte: Kennedy prahlte nicht gerne mit
dieser Art Wissen, auch wenn sie es gerne ausgekostet hätte, aber
ein Leben unter Menschen, die nur so lebten, sich nur so gaben, so reichlich
ein- und verbildet, so hohl und leer in ihrer Welt der neumodischen
Aristokratie, einem modernen und bereits jetzt Ancien Regime , hatte
sie dazu gebracht sich definitiv nicht so zu verhalten wie ihre reich
und reicher-licht verwahrlosten Erzeuger.
Ihr Blick blieb bei einem der Polizeireporten stehen, der von Abberline
selbst geschrieben worden war – ihr Vorfahre, wenn man den Worten
des windhundartiges Magiers, oder Hexers, oder wie immer die sich schimpfen
mochten, glauben schenken konnte. Sie war keine fünf Minuten auch
nur halbwegs mit dieser seltsamen Mischpoke aus Hexen, Vampiren und
Werwölfen bekannt und schon wurde ihr eine Vergangenheit angedichtet
auf die sie wahrlich verzichten konnte. Andererseits....
„Wo waren die ersten Morde nochmal?“
Der Staturenabstauber, Ray, suchte umständlich in der Akte. „...einer
in der Duward Street und Hunbary Street – soweit die offizielle
Version. Dann noch in...“
„Der Henriques Street. Elizabeth Stride – aber es ist nicht
klar, ob sie wirklich ein Opfer von Jack war.“
Der Kurator blinzelte die junge Frau an. „Vorsicht...“
„Wieso: Vorsicht?“
„Sie nennen ihn bereits beim Vornamen, oder besser Spitznamen.
Sie wissen doch was man sagt über Tiere, denen man Namen gibt?“
Scherzkeks. Aber er hatte nicht völlig Unrecht, auch wenn Kennedy
das nie zugeben würde. „Er war damals schnell. Eine knappe
Dreiviertelstunde nach dem Mord an Stride hatte er bereits Catherine
Eddows umgebracht.“
„Und was ist daran so besonders.“
Besonders war, dass Kennedy sich plötzlich wie nach einem Marathonlauf
fühlte, die kalt-feuchte Luft Londons außer Acht gelassen,
die ihr durch die Kleidung über die Haut in die Knochen kroch.
Neben sich keuchte noch jemand, der etwas zu beleibte Seargent Godley,
der einem Herzinfarkt nahezusein schien. „Wie lange haben wir
gebraucht, Pete?“
„Im Laufschritt etwa....“, Godley sah auf seine Taschenuhr,
die an einer langen Kette an seiner Weste festgemacht war, während
Kennedy sich ein Taschentuch aus der Manteltasche zog und die Stirn
abtrocknete. „....fünfzehn Minuten. Im Laufschritt, Fred.“
„Genau.“ Dass sie sich bei diesen Worten eher anhörte
als Michael Caine, denn als Kennedy Abberline, fiel der Anwärterin
zwar auf, schien sie aber merkwürdigerweise nicht zu stören,
tatsächlich empfand sie ihre Stimme, die eindeutig nicht die ihre
war, als völlig normal. „Genau, Pete. Wir brauchen eine Viertelstunde
um von einem Tatort zum anderen zu gelangen. Und dabei laufen wir. Unser
Freund aber wird nicht rennen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen und
außerdem braucht er einige Zeit, um sein Opfer auszunehmen. Also?“
„Sorry, Fred, denken ist im Augenblick etwas schwierig, ich muss
erst einmal zu Atem kommen.“
„Ganz einfach: eine Dreiviertelstunde zwischen Mord A und Mord
B. Wenn er nicht gerannt ist und er sein zweites Opfer ausgeweidet hat,
zumal er sie noch anlocken musste, können wir von nur einem logischen
Schluss ausgehen.“
Sergeant Godley lehnte sich indes gegen eine Häuserwand und rang
noch immer japsend nach Luft. „Und der wäre, Fred?“
„Dass unser Freund, sofern es derselbe Täter ist, nicht allein
gewesen ist.“
„Sekunde.....wenn er derselbe Täter ist, wie kann er dann
nicht allein sein, denn dann wären es zwei Täter, oder?“
„Ein Komplize, Pete.“, insistierte Kennedy bestimmt. „Ein
Komplize. Erinnere dich, dass der Tatort, an dem man Mary Ann Nichols
gefunden hat, kaum blut besudelt war.“
Noch immer keuchte Godley, schüttelte zudem noch verständnislos
den Kopf, für den beleibten Sergeant waren die Anstrengungen des
Abends etwas zu viel gewesen. Ganz zu schweigen von den geistigen. Doch
dann schloss er messerscharf. „Eine Kutsche. Der Täter kam
mit einer Kutsche. Er benutzt immer eine Kutsche.“
„Und die Kutsche eines feinen Herren wäre auffällig
– so auffällig, dass sie wieder unauffällig wäre,
denn niemand würde einen Mann aus gutem Hause mit einer Mordserie
in Verbindung bringen.“
„Ein Mann aus gutem Hause?“ Kennedy blinzelte, die Worte
kamen nicht von ihr noch von Peter Godley, sondern von dem Museumsheini,
der ich gegenüber stand.
Sie war wieder in dem muffigen Archiv, auch wenn diese Beschreibung
allzu stereotypisch klingen mochte, so entsprach sie der Wahrheit, denn
wer schon einmal im Altbestandsmagazin einer Bibliothek nach Büchern
gewühlt hatte, der wusste dass diese Räumlichkeiten auf lange
Sicht nicht sonderlich gesundheitsfördernd sein konnten.
„Ach, nichts.“ Doch das stimmte nicht. Irgendwas war. Auch
wenn Kennedy nicht sagen konnte was sie irgendwo in der hintersten Ecke
ihrer Gehirnwindungen. Sie blätterte in den Akten, vor und zurück,
dann wieder von vorne auf der verzweifelten Suche nach einem Anhaltspunkt.
Doch sie wurde bitter enttäuscht.
Nichts dergleichen.
Kein Hinweis, kein Gar nichts. „Verdammt...“, wütend
ließ sie ihrer Hand Auslauf am nächstbesten Regal, dabei
rutschte eine Akte aus dem Regal, die bislang nur auf Halbmast darin
hing, fast zur Gänze herausgezogen worden zusammen mit den anderen.
Mit leicht entnervtem Blick bückte sich Ray nach der Kladde am
Boden, setzte bereits dazu an sie zurückzustellen, doch zögerte
für Kennedys Geschmack einen Moment zu lang.
„Hat sich wohl verlaufen.“, kommentierte Ray das Blattwerk
in seinen Händen, als er den Titel las; dann schlug er es auf,
seine Brauen zogen sich zusammen, doch er sagte kein Sterbenswörtchen,
sondern vertiefte sich nur in das was seine Netzhaut an Informationen
auffing, die dann von seinem Gehirn nach Überleitung durch den
Sehnerv interpretiert wurden.
„Was ist das?“
Die Frage seitens Kennedy wehrte der Kurator nur mit einer Hand kurz
ab, las noch weiter und gerade in dem Augenblick da Kennedy ihre Hand
forsch danach austrecken und den Mann anblaffen wollte, reichte ihr
Ray die Akte – gemeinsam mit einem Gesicht, dass mehr Bände
sprach als das gesamte Magazin, in dem beide standen, hatte.
Kennedy überflog nur die erste Seite, sah wieder zu Ray auf, hinab
auf die Akte und alles was ihr einfiel war „Was zum Teufel...?“
„Ich schätze jetzt haben wir die Antwort, die wir gesucht
haben. Von der Kirche höchstselbst abgesegnet.“
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„Wenn das stimmt was hier steht.....“,
Beron überflog zum sicherlich Hundertsten Male die Akte, nur um
sich zu vergewissern, nur um zu hoffen, all das würde sich in Wohlgefallen
auflösen, wenn er die Seiten abermals umblätterte und das
Papier leer und nichts sagend war? Er konnte es nicht sagen.
„Der Papst, aber auch der Rat der Wächter hatten schon immer
vor ihre Untergebenen an den jeweils anderen zu verkaufen – der
heilige Vater ist ein Verräter.“ Irene seufzte.
„Und nicht nur er. Wenn das stimmt, dann sind diejenigen ebenfalls
in Gefahr, die sich dem widersetzen, dem Vatikan, aber auch dem Rat.“
„Keine so neue Politik. Interessant ist nur die Frage, wem man
trauen kann und wem nicht. Erschüttert das ihren Glauben?“
Der bärtige Mann sah Irene aus kleinen Augen an, musternd, vorsichtig,
zugleich auch mit einem Hauch Aggression, denn natürlich warf die
Akte Fragen auf, die, einmal an die Obrigkeit im Vatikan gestellt, nicht
so einfach zu beantworten wären – auch wenn eben diese Leute
ihm die Akte anvertraut hatten. Oder....„Vielleicht wollen sie
auch reinen Tisch machen? Alles auffliegen lassen, zumindest diesen...naja,
kalten Krieg beenden?“
Fragend hob Irene die Brauen, ihr Blick schweifte ab, glich dem eines
Menschen, der etwas hörte, weit entfernt und versuchte herauszufinden
was es war. „Ihren Doppelagenten enttarnen, damit all ihre Bemühungen
zum Teufel gehen? Glauben sie an den Weihnachtsmann? Erinnern sie sich
an Teubens Worte.“
Sofort sah Beron wieder auf die Papiere in seiner Hand, lange, vielleicht
zu lange nach der Antwort schnappend, wie ein Ertrinkender nach Luft.
„Dann ist also ihr eigener Killer wahnsinnig geworden, bringt
die falschen Leute um oder wie? Und nun wollen sie, dass ich ihn aus
dem Weg schaffe? Ist es das?“
Statt zu antworten vertiefte sich die junge Frau jedoch wieder in die
Drei Musketiere.
Ob Richelieu auch seinen getreuen Agenten Rochefort oder Milady de Winter
verraten hätten, wenn sie ihm nicht dienlich gewesen wären?
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Das Glühen in den Augen des Mr Sebastian hatte
nicht abgenommen, im Gegenteil, Willow hatte den Eindruck, es hatte
an Intensität noch zugelegt, glimmende Kühlen in den Augenhöhlen,
die sich bereits zu weißen begannen.
Sie schob die fertigen Bauteile des Stocks ineinander, ließ die
Elemente ineinander einrasten, die einzelnen Puzzlestücke des Gerätes,
dass nun weit mehr war als eine Stütze für einen gebeugten
Mann, denn dies war der Mann, wenngleich nicht körperlich, sondern
innerlich, gebeugt von jahundertealtem Grämnis, einer Schuld, die
er mit sich herumtrug. Zuletzt nahm Willow den Knauf in die Hand, doch
sie zögerte.
„Warum tue ich das eigentlich? Können sie mir das erklären?“
„Weil wir uns gegenseitig helfen, uns beistehen in unserer heiligen
Sache – ohja, auch sie haben eine, Miss Rosenberg.“
Willow stand auf, schob den Drehstuhl zurück und begegnete dem
Mann mit Wut, aber auch verzweifelten Fragen in ihren Augen. „Warum?
Hm? Ich könnte einfach, einfach ablehnen.“ Ihre Brauen beschrieben
undeutbare Bögen, ihre Augen wurden groß – ein Gestikulieren
mit dem Antlitz, statt der Hände.
„Sehen sie, für die da draußen sind wir beide nicht
vielmehr als Freaks. Sollten sich Gleichgesinnte nicht gegenseitig helfen?“
„Freak? Wie sie? Kein bisschen bin ich wie sie...“
„So? Ausgestoßen wie sie sind, freiwillig sogar.
[.........]
„Und was soll ich nun machen?“
Mr. Sebastian drehte sich mit einem schmalen Lächeln zu ihr zurück.
„Durchhalten. Sie können die Wahl Treffen, die sonst keiner
treffen will. Vielleicht sogar.... die richtige Wahl.“
„Gesteuert von denen, die sie geschickt haben – großartig
was man so an Wahl hat heutzutage. Vor ein paar Jahren hieß es
noch: Ohhh, es gibt eine Prophezeiung. Du bist die Auserwählte
und so. Für Buffy galt das immer. Und für mich etwa nicht?“
Sebastian lächelte noch immer, ganz leicht, zurückhaltend,
kaum sichtbar. „Doch. Zugleich haben sie aber auch die Wahl. Wenn
sie wissen wer sie sind.“
Unwillkürlich sah Willow hinab auf ihre Hand. „Um zu wissen
was man will. Das Werkzeug sein. Manus. Die Hand.“ Sie blickte
auf die andere. „Aber jeder hat zwei. Die sind gleich und doch
nicht gleich.“, sie schreckte geradezu hoch. „Wenn es zwei
Mög....“
„Zu spät. Für die Jägerin ist es ebenso zu spät
wie für mich, denn ich bin auch nicht mehr als ein Werkzeug, so
wie mein eigen Blut ein Werkzeug ist. Ein Werkzeug Gottes, ein Werkzeug
von Menschen und solchen, die sich dafür halten – und ich
habe mich dazu entschlossen, dieses Werkzeug zu sein. Nicht erinnert
als Prophet, noch als Reformer, noch als Heiliger oder Visionär.
Erinnert nicht mal als Sebastian. Sondern nur...“ Er zog sich
tief in den Schatten zurück und setzte seinen Zylinder auf. „...erinnert
als Jack.“
„The Ripper.“, flüsterte Willow schaudernd. Dann wurde
ihr das Ausmaß dessen erst bewusst, was Mr Sebastian andeutete.
Ein Werkzeug von Menschen. Abgesegnet. Die Kirche hat’s abgesegnet.
„Ripper.“
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Nervös rollte Dawn die kleine Bleikugel zwischen
ihren Fingern hin und her, schon seit Stunden waren Tara und die anderen
fort und seitdem lief die jüngste der Summersfrauen bereits Furchen
in den Boden der Küche. Ganz allein war sie zugegebenermaßen
jedoch auch nicht und doch war die Stille, welche von dem jüngeren
Mädchen am Küchentisch ausging fast schon bedrückend,
sogar Jacks Schweigen, der sein Hirn mit einer Partie Schach, die er
gegen Eilis spielte und gerade auf unglaublich phänomenale Art
verlor, wie Dawn mit einem Seitenblick feststellen musste, legte sich
wie ein Vorhang aus schwerer Seide über die gesamte Atmosphäre.
Da wäre noch Faith gewesen, doch die war weder in Sicht-, noch
Rufweite, da gerade im Keller mit der Rüstung beschäftigt,
welche seit ihrem ersten und zugegeben einzigen Einsatz ihre Besitzerin
fordernd anschwieg, so wie alle zur Zeit Anwesenden. Denn trotz der
Stille merkte man nur allzu deutlich, wie sehr ein jeder wünschte,
einer möge doch den ersten Stein werfen und endlich seine Quasselluke
öffnen.
Doch nichts tat sich.
Nur Warten.
Unerträgliches Warten.
„Irgendeine Ahnung....“ – Danke, Jack. „...wer
da soeben eigentlich angerufen hat? Ich meine, irgendwie war der Aufbruch...naja,
erinnerte ein wenig an den Rückzug aus Vietnam.“
„Überstürzt.“, ergänzte Eilis.
„Japp.“, der junge Mann griff nach seinem Colaglas, in dem
die knackenden Eiswürfel in dem dunkelbraunen Zuckerwasser hin
und her schwappten. „Naja, mir wäre es lieber, wenn wir nicht
gerade mit Miss Zyankalie....äh, Zynismus, zurückgelassen
worden wären.“
„Lass das bloß nicht Tara hören.“
„Hey, jetzt mal ehrlich, ihre...“, er hob die Finger zum
Anführungszeichen. „...Schwester, wenn die das wirklich ist,
hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Ich meine...wie willst du die
denn sonst beschreiben. okay,..hmmm sagen wir..zynisch, sarkastisch,
spöttisch mit dem Hang zu leichter Erregung.“
„Aber nicht ohne guten Grund.“
„Sie kann einfach nicht in Sätzen reden, die länger
sind als eine Zeile....“, murrte Jack, wobei er lässig auf
Eilis deutete, die den Läufer ihrer Seite um zwei Felder weiter
schob.
„Schach und Matt in fünf Zügen.“
„Sekunde...da...hä?“
Und während Jack noch um eine – weitere – Revenge focht,
grinste Dawn nur in sich hinein, drehte die Kugel, der sie einen leichten
Streifschuss zu verdanken hatte, weiter zwischen den Fingern und starrte
wieder hinaus.
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Die Übungshalle war leer. Dabei hatte Maura eigentlich
damit gerechnet, dass sich Anne noch bis in die Abendstunden hier aufhalten
würde, doch diese hatte, wie ganz offensichtlich festzustellen,
bereits ihre Gemächer aufgesucht oder trieb sich weiß Gott
wo rum. Der Klon der alten Summers war, trotz des Umstandes, dass sie
um ihre Herkunft aus den Laboren der Schweizer Firma wusste, immer wieder
unterwegs gewesen seitdem sie sich den Messengern angeschlossen hatte.
Obwohl nur Erinnerung trieb sie diese wohl doch zu gewohnten Aktivitäten,
der Jagd auf Vampire, oder wie sie es nannte: Patroullie.
Maura wusste es besser und wenn es sich bei ihr nicht um einen Klon
gehandelt hätte, dann wäre Anne bei ihrer Jagd weitaus erfolgreicher
gewesen, als das Original. Der Grund, nun, dieser versendete gerade
zwar keine SMS, die sich der Aufmerksamkeit des Adressaten durch die
Vibrationsfunktion des Handys vergewisserte, wohl aber jemand, der einen
Grund zu benennen wusste. Alles ergab einen Sinn, wenn man nur hinter
die Kulissen zu blicken wagte.
„Ich bin erstaunt, dass du weißt wie man eine SMS abschickt.“,
murmelte Maura, die die Kurznachricht kurz durchlas, den Kopf schieflegte,
dann irgendwo im Nirgendwo einen Ankerpunkt für ihr Augenmerk suchte,
abermals auf das Display des tragbaren Fernsülzapparates warf und
mit zittrigem Finger die Nachricht löschte. Es war nicht mehr aufzuhalten.
Immer wieder hatte er davon geschrieben und sich mit Maura darüber
unterhalten, wieder und wieder seine Besorgnis bekundet, dass sich sein
Vermächtnis verselbstständigen könnte und nun war es
wohl soweit. Maura erinnerte sich noch genau wie sie auf ihn gewartet
hatte, im Le Cafe du Jardin, in der Wellington Street, praktisch in
Sichtweite zur Royal Opera, direkt im Covent Garden gelegen, dessen
Fensterfront, zwei getrennte Fenster im viktorianisch angehauchten Rundbogenstil,
die eine zweiflügelige, moderne Glastür einrahmten, in Indigoblau
leuchtete.
Maura schwenkte noch immer den Chardonnay, V.D.P du Jardin, Les Templiers
zum Preis von 17 Pfund die Flasche in ihrem Glas hin und her, wobei
dies im Vergleich zu den anderen Weinpreisen noch regelrecht moderat
war. Während Maura noch nach dem Kork im Wein suchte, den sie verzweifelt,
wohl auch aus Langeweile, sich herbeiwünschte, trat der Erwartete
in das Lokal und ließ sich sofort in den noch freien Stuhl am
Fensterplatz fallen.
Sekundenlang hatte keiner der beiden etwas gesagt, auch nicht als Rupert
Giles seine Brille abnahm, an seiner Krawatte nestelte und die Gläser
mit dieser malträtierte.
Schließlich hatte Maura die Stille Mauer aus Schweigen durchbrochen.
„Hallo.... Dad.“
„Ist es dafür nicht etwas früh?“, hatte Giles
entgegnet, während er sein Nasenfahrrad wieder umständlicher
als nötig aufsetze.
„Dann: Vater?“
Giles hatte nur vernehmlich geseufzt, sein Blick geradezu verzweifelt
auf der Suche nach dem Kellner, dessen Erscheinen dem Bibliothekar etwas
Zeit erkauft hätte.
„Wieso...wieso jetzt?“
„Weil dich der Rat auch nach deinem Rauswurf nicht aus den Augen
gelassen hat und ich für den Rat arbeite und wenn man praktisch
über Nacht herausfindet, dass der Mann, der einen vor etwa sechs
Jahren einen Posten als Wächterin in Aussicht stellte.“
„Ich sagte nur, du wärst eine gute Anwärterin.“
„Und jetzt ist mein Rang sogar höher als deiner.“
„Falls es dir entgangen sein sollte: Ich bin wieder eingestellt.
Travers...“
„Travers ist ein Lügner. Natürlich hat er dich wieder
eingestellt und natürlich zu den Konditionen, die du, beziehungsweise
deine Jägerin ihm aufs Auge gedrückt haben, aber das auch
nur, weil ich ihm das ans Herz gelegt habe. Quentin mag ja ein hohe
Tier sein, aber so hoch auch wieder nicht.“
Fast schon aus einem Automatismus war die Hand des älteren Wächters
zu seiner Brille gehuscht, doch er hatte sich im letzten Moment noch
zusammengenommen und kratzte sich lediglich am Kopf. „Heißt
das...“
„Oh ja. Und das habe ich dem Spezialauftrag zu verdanken, den
ich angenommen habe.“
„Spezialauftrag?“
In diesem Moment hätte Maura ihm am liebsten alles erzählt,
doch hätte es ihrem alten Herren vermutlich das Herz gebrochen,
sicherlich, die Zukunft war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden,
doch gewisse Kräfte arbeiteten bereits mit aller Kraft daran, dass
die kommenden Ereignisse nicht eventuell rückgängig gemacht
würden und damit das Schicksal der Jägerin nicht einfach nur
geändert würde – unter umständen würde jedweder
Eingriff dazu führen, dass sogar deren eigene Exstenz in Frage
gestellt sein würde. Doch das konnte sie dem Mann, der kurzfristig
ihr Mentor, ehe er nach Sunnydale geschickt worden war, und von dem
sie erst seit ein paar Wochen wusste, dass er ihr Vater war, nicht antun.
Selbst wenn sie ihn noch so sehr dafür verfluchte, dass er ihre
Mutter hatte sitzen lassen, was er zugegebenermaßen nie erfahren
hatte: dass seine kurze Affäre mit Joan Higgins ein Nachspiel gehabt
hatte.
„Darüber darf ich nicht reden.“
Giles zuckte lediglich mir den Augenbrauen. „Manchmal fragt man
sich ob man die Welt zu retten versucht oder nur das Empire im Auftrag
eines verkappten Pseudo-MI6.“
„Vielleicht ist beides irgendwo dasselbe?“
Darauf hatte ihr Vater nur die Lippen geschürzt. „Ein kleiner
Agent muss nicht alles wissen, lediglich ein williges Werkzeug sein.“
„Sei froh, dass es nicht der MI6 ist, sonst hätte man dich
damals einfach aus dem Verkehr gezogen. Wenngleich.... das in Erwägung
gezogen worden ist. Wer die Macht hat, jemanden persönlich und
wirtschaftlich vollkommen zu ruinieren, der hat auch die Macht einen
Mord zu verschleiern.“
„Dann ist es wahr: du bist tiefer im System als ich es je war.“
„Der Rat der Wächter ist kein Golfclub wo man einfach kündigen
kann, Vater.“
Derweil hatte der Kellner schon diverse Ansätze gemacht eine Bestellung
aufzunehmen, schließlich hatte Giles einen Earl Grey in Auftrag
gegeben.
„Und wie heißt es nun? Maura Giles? Oder...“
„Higgins. Vorläufig zumindest, bis mein Auftrag beendet ist,
eingetragen bin ich nun allerdings als Higgins-Giles.“
„Wenigstens wird der Name nicht aussterben.“
„Das scheint wohl die ganze Sorge eines jeden Mannes zu sein,
kann das sein?“
Statt jedoch sofort darauf einzugehen hatte Giles nur rumgedruckst und
den Tee angenommen, den der leicht geschlaucht wirkende Kellner vorbeibrachte.
„Der Name Giles soll uns auch immer an unsere Vorfahren erinnern.“
„Oh, gilt das für die Frauen nicht? Wie Mom.“
„Doch ... es ist, komplizierter.“
„Ich bin ganz Ohr.“
Und Giles hatte, wenngleich sehr vage, nebulös geradezu, angefangen
zu erklären. Rückblickend war Maura sogar dankbar, dass die
Erklärungen eher vage geblieben waren und sie langsam an die Wahrheit
herangeführt worden war. Eine Wahrheit, die sie wiederum vor ihren
Vorgesetzten geheim hielt, die nun allerdings zu den Feinden gehörten,
denn immerhin hatte der Rat den Kurs einiger weniger nicht folgen wollen.
Und nun war es soweit: Das dunkle Erbe der Giles’ war etwas mit
dem ihr Vater bereits einmal gelebt hatte, nun wieder damit lebte und
die Frage lautet, wie man ihn diesmal wieder auf den richtigen Pfad
zu lenken vermochte.
---------------
Klatschend landete die Akte auf dem Konferenztisch
direkt vor Quentin Travers Nase, dessen Gesichtsausdruck von grollen
zu überrascht und wieder zu wütend wechselte, so schnell,
dass wohl niemand so recht den Unterschied ausmachen konnte.
Er stand auf und warf Kennedy vergiftete Blicke zu, die sich auf der
anderen Seite aufbaute und die beiden Wicca Nick und Nalja unbeachtet,
sich voll auf Travers konzentrierte.
„Sie mieses Stück Dreck.“, sagte die junge Frau in
völlig ruhigen Tonfall. „Sie wussten es, nicht wahr?“
„Wussten was?“, forderte Nalja Informationen ein, deren
Anfrage aber für Sekunden unbeantwortet blieb, Augenblicke, in
denen die Distanz zwischen Kennedy und dem Wächter lediglich nur
aus Eis bestand. „Was...Travers ?“
„Dass einer ihrer Wächter ein kaltblütiger Killer ist.
Nicht genug, dass er letztes Jahr offenbar einen Mann namens Ben umgebracht
hat, nein, er hat noch wesentlich mehr getan als das. Und tut es gerade
wieder.“, Ray trat hinter Kennedy um ihr genügend Rückendeckung
zu geben, doch die hatte die Anwärterin nicht nötig.
„Wollen sie wissen, wie ich mir das vorstelle? Na schön...
Giles engster Freund, den er während seines Studiums
kennen lernte, Ethan Rayne, hatte nicht nur die Begabung dem guten Rupert
in bestimmten Fachbereichen auf die Sprünge zu helfen, wenn diesem
der Stoff zuviel wurde oder unverständlich blieb. Darüber
hinaus war es Ethans Einfluss gewesen, der Giles mehr und mehr in die
Kreise jener eher zwielichtigen Gestalten trieb, die sich mit Okkultismus
beschäftigten – dies betrieben sie jedoch mehr zum Spaß
und Vergnügen, ohne echten Glauben an das was sie taten. Lediglich
Rupert Giles, nahm die Sache weitaus ernster als alle anderen, was nebenbei
erwähnt auch für seinen Freund Ethan galt.
„Hey, Ripper.“, Ethan Rayne, schon damals erinnerte sein
Auftreten an das einer Schlange, glitt Giles gegenüber in einen
leeren Stuhl, in einem abgelegenen Winkel der Mensa. „Heute Abend
Zeit? Die Jungs überlegen, ob sie nicht wirklich versuchen eine
Dämonen-Beschwörung durchzuführen. Glaub zwar nicht,
dass denen das gelingt, aber naja... könnte spaßig werden.“
Giles schaute lediglich beiläufig und sehr knapp von seinen Notizen
auf, vertiefte sich dann wieder darin die wesentlichen Punkte aus dem
ihm vorliegenden Buches zusammenzufassen. „Deren Versuche sind
etwa so halbseiden wie dein Hemd.“ Schließlich legte er
seinen Kugelschreiber beiseite und nahm die Brille ab, die er seit einiger
Zeit trug, da seine Sehkraft ihn im Stich zu lassen drohte. „Obwohl....“
„Obwohl, was? Hat der alte Ripper ne Idee, wie man die Geschichte
etwas aufmischen kann?“
„Weißt du was sie genau vorhaben? Ich schau dann mal, ob
man da nicht die Sache etwas... richtiger veranstalten könnte.“
„Also doch mehr Stoff rein geben.“
„Ich bin schon gespannt auf die Gesichter der andern, wenn ihnen
ein Dämon wirklich in den Arsch beißt.“
„Aber sieh zu, dass die Chause nicht aus dem Ruder läuft.“
„Hey...“, Giles grinste beinahe schon etwas verlegen. „Kein
Vertrauen? Was meinst du warum ich mich Ripper nenne.“
Ethans Blick hatte den glasigen Ausdruck von Verwirrung angenommen.
„Weil Rupert zu spießig klingt?“
Statt sofort zu antworten, musterte Giles die Mensa, links und rechts
von sich, doch niemand befand sich in unmittelbarer Nähe „Vor
ein paar Monaten sind sie Sackkleidträger zu mir gekommen...“
„Was für Typen?“
Giles seufzte. „Priester, von der katholischen Kirche. Kein Scheiß,
die wollten sich wirklich mit mir unterhalten. Angeblich wegen irgendeinem
Verwandten. Die meinten nachweisen zu können, dass mein Vorfahre
ein Typ namens Sebastian Giles ist.“
Noch immer wirkte Ethan Rayne nicht viel schlauer, doch in seinen Augen
schimmerte die Erleuchtung derer, die bereits ahnten wohin der Hase
hoppelte, der sich auf der Flucht vor ein paar wild geifernden Hunden
befand...
„Der Typ soll der Ripper gewesen sein.“
„Du meinst?“ ...und der Hase war gefickt.
„Dear Boss.... Sincerely, Jack the Ripper. Ich hab’s nachgeprüft,
alles was sie über den Typen wussten stimmt und es passt alles,
denn gleich am Tag nach dem letzten Mord ist er verschwunden. Futsch.
Wie vom Erdboden verschluckt.“
„Du willst mich verscheißern.“ Der Hase war richtig
gefickt.
„Sowas denkt man sich nicht aus.“ Was im Falle von Giles
sogar stimmte, denn trotz seines enormen Selbstvertrauens in die Magie,
war er dennoch kein Angeber vor dem Herrn und scherzte eher selten.
Tatsächlich war Giles ein ziemlich ernster Kerl und wenn er sowas
sagte, musste auch etwas dran sein.
„Ja und? Was hat das...“
„Warts ab.“
...und so wurde in derselben Nacht noch ein Ritual
abgehalten, eines, das dummerweise Giles familiäre Vorgeschichte
zu Gute kam, wenngleich es genauso gut sein konnte, dass der gute Giles
dies mit einem nicht geringen Maß an Freiwilligkeit durchzog.“
Kennedy atmete durch. „Soll ich weitermachen? Wie sie und andere
vom Rat Giles nach vollbrachter Tat aufsuchten, noch ehe der Vatikan
reagieren konnte und den Jungen zu einem ihrer Agenten gemacht haben.
Denn das ist der ganze Sinn und Zweck der Giles: Dem Vatikan zu dienen.
Genauso wie Sebastian Giles es letztlich tat. Ein religiöser Spinner,
der einmal zu oft in die Kirche gegangen war und den Satz „Eine
Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“ aus der Bibel zu wörtlich
nahm. Von der Kirche abgesegnet, vom Vatikan höchstselbst und mit
Genehmigung der Obrigkeit, der anglikanischen Kirche Englands bis über
die Königin. Deswegen war Jack auch so schnell. Er hatte einen
Komplizen, der ihm half. Dieser Mann wurde sogar von der Obrigkeit angeworben
und verpflichtet dem Ripper zu helfen. Darüber hinaus wurden die
Nachforschungen von Inspektor Abberline auch gehörig sabotiert.
Ihm wurden Nachforschungen teilweise verboten. Der Vatikan verfolgt
nur ein Ziel und die englische Kirche stand dabei voll auf deren Seite:
Die Auslöschung eines ganz bestimmten Zweiges der Jägerinnen.
Die Opfer von Jack waren zwar keine, aber der Vatikan nutzte bereits
früher Hellseher und der Teufel weiß wen, wenn ich das richtig
lese sogar Nostradamus, um Vorraussagen zu machen, wer als möglicher
Vorfahre einer Jägerin in Frage kam. Denn die hatten eine nette
Propehzeihung in Händen. Eine, die alles ändern konnte, auch
den Rat der Wächter, der sich zu allen Zeiten auch aus Mitgliedern
der Kirche zusammensetzte. Die wollten einfach nicht, dass die Prophezeiung
eintraf. Die wollten verhindern, dass ein ganz bestimmer Mensch in diese
Welt trat.
Und weil ihr eigenes Werkzeug, der Ripper nicht funktionierte, haben
sie die Ritter von Byzantium geschickt.
Jetzt fährt der Vatikan eine andere Schiene und hat etwas in Auftrag
gegeben, nämlich Klone, Klone von Buffy Summers. Das konnten sie,
denn ob Giles wollte oder nicht, ob er es wusste oder nicht, er arbeitete
ja noch immer für sie und so kamen in Besitz von Buffys DNA ...und
die bringt er nun im Auftrag des Rates wieder um... Letztlich war er
immer ein Doppelagent, der auf verschiedenen und doch den gleichen Seiten
kämpfte. Daher auch seine Versetzung nach Sunnydale. Um auf Buffy
Summers zu achten und notfalls einzugreifen, falls sich die Dinge nicht
zur Zufriedenheit der Kirche entwickelten. Hab ich was übersehen?“
„Ja.“, versetzte Quentin Travers nur trocken. „Die
Klone wurden vom Rat und der Kirche in Auftrag gegeben. Ich fürchte
nur...“ der alte Wächter schürzte die Lippen, „...Giles
wird sich nicht auf diese allein konzentrieren.“
„Wie meinen sie.....oh, Gott. Dann hat man also ein Monster geschaffen
und das ist jetzt außer Kontrolle.“
Doch Travers dachte nicht daran einzuknicken, stattdessen setzte er
sich wieder seelenruhig hin und trank seinen Tee „Wir haben ihn
nicht geschaffen. Wenn es so wäre, dann wäre es viel leichter.
Nein, Giles, der Ripper, sie waren schon immer so ... wir haben sie
nur… Genutzt. Es war tatsächlich günstig einen Killer
zu haben, einen Mann, der sein Gewissen ausschalten konnte, wenn nötig.
Dummerweise hat die Maschine einen Fehler. Sie lässt sich nicht
kontrollieren.“
Kennedy beugte sich weit über den Tisch. „Das lassen sich
Menschen nun mal nie.“
„Wirklich?“
„Ich werde ihn aufhalten.“ Abrupt wandte sich Kennedy vom
Tisch ab und machte einen Schritt weg, doch Travers Stimme hielt sie
auf. „Und wie damals schon versagen.“
Langsam, bedächtig, nahezu, drehte sich Kennedy mit einem gefährlichen
Blitz in den Augen um. „Wie damals?“
„In ihnen steckt noch immer ein Abberline. Vielleicht mehr von
Fred Abberline, als sie ahnen. Sie haben keine Wahl. Sie werden verlieren.“
Alles was ihr blieb war mit den Zähnen zu malen, denn nur zu gerne
hätte sie den älteren Mann auf der Stelle und postwendend
zu seinem Schöpfer geschickt. „Ich mache es zu meiner Entscheidung.
Da draußen verrecken Menschen.“
„Diese Klone...wissen sie was die sind? Wir können froh sein,
dass Giles da ist. Dass der Ripper für uns ...“
„...die Drecksarbeit macht? Zur Hölle mit ihnen.“,
spie Nalja dem Wächter regelrecht entgegen und wandte sich entsetzt
ab, jetzt wo sie aus ihrer Erstarrung erwachte.
„Wenn sie das so sehen. Sie werden verlieren...“, flüsterte
Quentin über den Rand seiner Teetasse hinweg. Eine Sekunde später
zersprang das Meißner Porzellan in den Händen des Wächters;
Travers blickte irritiert auf und starrte nur in die rauchende Mündung
der Pistole in den Händen Kennedys und wie sie an Ray, der die
Jackentasche zur Seite geschlagen und ebenso verwirrt dreinsah, vorbeizielte.
Schließlich blickte Travers an sich herab und konnte gerade noch
den blutenden Krater in seiner Brust wahrnehmen, ehe er in seinem Stuhl
zurücksank.
„Sie hat Recht: Zu Hölle mit ihnen. Es ist meine Wahl.“,
wisperte Kennedy und sah in die regelrecht entsetzten Gesichter der
übrigen Anwesenden, dann wandte sie sich direkt an die herbeieilende
Katryn de Treville: „Habt ihr hier Waffen?“
Zunächst brachte die Templerin kein Wort heraus, dann, widerstrebend
sah sie von Travers Leiche zu Kennedy. „Klar.“ Und nach
kurzem Zögern setzte sie hinzu: „Kommt mit.“
Im nächsten Moment warf Kennedy Ray seine Waffe zu, der die Pistole
mit einem nicht geringen Widerwillen ansah, eher er zu Kennedy aufblickte.
„Wieso?“, sein Gesicht hatte die Frage bereits gestellt,
noch ehe er sie aussprach.
Ohne zu antworten griff die Anwärterin an Ray vorbei auf den Tisch,
fingerte ein Blatt aus der Akte hervor, das aus dem Ordner gerutscht
war, als sie es dem Wächter vor die Nase geworfen hatte. „Deswegen.“
So dicht wie Kennedy das Blatt vor die Augen des Kurators hielt, zuckte
dieser sofort zurück, allein um überhaupt etwas erkennen zu
können. Vor seiner Nase baumelte ein Bericht unter dem nur all
zu deutlich der Name „Quentin Travers“ prangte. Mehr als
ein Bericht, war es ein Brief an die englisch-anglikanische Kirche und
den Vatikan, in dem einige hochgestellte Tiere namentlich genannt wurden
– mit ausdrücklicher Genehmigung des Rates der Wächter,
hatte dieser Anwärterinnen zu einer Befragung durch die Glaubenkongregation
der katholischen Kirche ermöglicht.
„Die Glaubenskongregation.... ach du...“
„...Scheiße, ganz genau.“
Endlich löste sich Nick Watson aus seiner Erstarrung, mit einem
fixierenden Blick auf Travers, trat er auf Kennedy zu. „Auch wenn
Travers uns verraten hat, das war nicht nötig.“
„Wirklich? Und was wenn er denen gesteckt hätte, was wir
wissen?“
„Dann wissen sie es jetzt erst Recht, wo er tot ist.“
Verärgert pustete sich Kennedy eine Strähne ihres haselnussbraunen
Haares aus dem Gesicht. „Dieses Stück Scheiße hat den
Mann verraten, den er erst in den Rat der Wächter geholt hat, indem
er ihn benutzte. Diese miese Ratte hat...“
„Das ist mir schon bewusst.“
„Dann kommen sie mir jetzt nicht mit Moral.“, fauchte Kennedy.
„Ich will ihnen keine Moralpredigt halten, ich...“, Nick
seufzte und suchte erklärerische Rettung bei Ray.
Doch dieser wusste selbst nicht, wie er das Gedachte formulieren sollte.
Doch so viel Zeit hatte Kennedy nicht, sie rannte Katryn hinterher,
die etwas ungeduldig zu werden schien, Ray gleich hinterdrein und als
er Kennedy endlich eingeholt hatte. „Es ist genauso unpraktisch,
durch seinen Tod auf uns aufmerksam zu machen.“
„Und was sie noch nicht kapiert haben ist, dass ihn am Leben zu
lassen, uns keine Möglichkeit gegeben hätte dieses Spiel zu
gewinnen. Erinnern sie sich? Der Ripper arbeitet nie ganz allein. Er
hätte Giles vor uns gewarnt. Haben sie die Stammbäume gesehen?
Das liest sich wie eine Mordauftragsliste.“ Im Laufen fuhr sich
die junge Frau mit dem Finger über die Kehle. „Lösche
jeden aus, der sich dir in den Weg stellt. Die größte Gefahr
für den verdammten Rat der Wächter ist dieses Projekt Appleseed.
Steht alles in diesem Bericht.“
„Ich ... Moment. Eine neue Generation der Jägerinnen ist
für die, die größte Gefahr?“
„Weil die dann nicht unter ihrer Kontrolle sind; weil dann alles
gekippt wird, das hat tiefer liegende Gründe, die ich auch noch
nicht kapiere. Aber eines verstehe ich: Die haben Angst.“
Im Dämmerlicht der Beleuchtung des aus Backsteinen gefertigten
Ganges, konnte Ray die junge Frau kaum erkennen, lediglich ihre dunklen
Augen schienen regelrecht zu strahlen. „Angst vor einer Revolution
also. Und Travers ... nur ein Doppelagent, der das Projekt jeden Moment
gekippt hätte. Mit Giles als seinem Auftragskiller? Wenn das seine
Jägerin noch mitbekommen hätte.“
Was Ray nicht wusste, Kennedy wohlweißlich für sich behielt,
denn ein entsprechender Bericht lag den Unterlagen ebenso bei, war,
dass dies bereits einmal geschehen war – Travers hatte, angeblich
der Tradition nach, verlangt, dass Buffy Summers einen Test zur Volljährigkeit
hin absolvierte, in dem er Giles ins Vertrauen zog, der seine Jägerin
hintergehen sollte. „Und es war Giles, der uns mit den ganzen
Dokumenten aufmerksam machte. Er weiß, dass er ein Monster ist
und er will aufgehalten werden. Nur damit sie nicht dumm fragen. So
sieht’s aus.“, sprach Kennedy, als sie um eine Ecke bog
und Katryn gerade die Waffenkammer aufschloss.
Vorsichtig trat Nick an den toten Travers heran, noch
sammelte er die letzten Reste Mut und schloss dann mit dem Quäntchen,
dass er an Courage aufzubringen wusste die offen stehenden, leeren Augen
des Wächters. „Ich hätte das wissen müssen.“
„Gott, Nick, du kannst nicht alles...“
„Ich hätte es verhindern können, wenn ich mir mehr Mühe
gegeben hätte. Ihm zu vertrauen war...“, der Wicca seufzte.
„Man muss sich dann nur immer fragen, ob man überhaupt das
Richtige tut. Ich meine, ob man nach der Art lebt, die man sich zum
Ziel gesetzt hat.“
In den blauen Augen der dunkelhäutigen Schönheit ihm gegenüber
glitzerte es kurz auf, dann sah sie betroffen zu Boden. „Aber
was ist eine Moral, die uns aufzwingen würde unmoralisch zu sein,
um moralisch sein zu können?“
„Und was sind dann faule Kompromisse dagegen?“
„Keine Ahnung.“
Eine Locke ihres tizianroten Haares beiseite streichend, trat der Großmeisterin
des Templerordens an den Konferenztisch, setzt die Fingerkuppen sachte
auf dem Eichenholz ab, neigte ihr Haupt ein wenig, dann fixierte sie
die beiden Wicca streng. „Mir ist bewusst, dass sie nicht gut
auf Befehle zu sprechen sind, aber sie sollten besser die übrigen
Mitglieder von Projekt Appleseed benachrichtigen. Travers Tod können
wir vorerst verschleiern, aber die Anwärterinnen müssen geschützt
werden. Um jeden Preis.“ Sie wollte sich abwenden, hielt jedoch
inne und sah sich nochmal um. „Ein Teil davon wurde bereits bezahlt.
Bedauerlicherweise. Und glücklicherweise zugleich.“
---------------
Alldieweil schon schritt die Dreiergruppe, von einem
Trio konnte man nicht wirklich sprechen, da eine unsichtbare Nebelbank
ihren Zusammenhalt trübte, in Abstand von einigen Metern die Straße
des kleinen Städtchens in der Nähe ihrer derzeitigen Unterkunft,
hinab – zwar war es, wie Tara für sich feststellte unsinnig
davon zu sprechen, die Nacht würde Schatten werfen, doch die Dunkelheit
hatte, trotz des milchigen Lichts der Straßenlaternen, alle Helligkeit
für sich vereinnahmt, geradezu verschluckt, auch das Licht, welches
aus den Fenstern und vor allem einem der örtlichen Pubs kam, war
so unwirklich und seltsam verzerrt. Allerdings konnten es genauso gut
nur Taras lädierte Nerven sein, die sich seit Willows Weggang zum
Feindeslager in einem nervösen Dauerkoma der Gefühlsregung
befanden. Die Sorge um Willow machte sie regelrecht wahnsinnig, sogar
krank.
Sie blies sich eine dunkle Strähne ihres Haares aus dem Gesicht
– eigentlich wäre ihr blond lieber gewesen, allein nur um
ihrer eigene Stimmung etwas Glanz zu verleihen, doch leider gehorchte
diese körperliche Gestalt ihr nicht so gut, wie sie es eigentlich
tun sollte.
Vor ihr, beinahe nicht auszumachen in dem nicht vorhandenen, dichten
Nebelschaden der Schatten, ging Oz, den sie nur ab und an durch das
rote Leuchten seines Haarschopfes erkannte – noch weiter vorne
führte Satinka den kleinen Trupp an.
„Oz?“, versuchte Tara dem jungen Mann ein Gespräch
aufzudrängen.
Dieser drehte sich kaum merklich um, blieb jedoch nicht stehen.
„Es tut mir Leid.“, gestand Tara.
Jetzt wandte sich Oz zu ihr um, regelrecht mitten im Schritt eingefroren.
„Was sollte dir Leid tun?
„Das mit Willow.“
„So wie ich das verstehe, war es ihre Entscheidung zu den...“
Zurückhaltend und doch vehement schüttelte Tara ihr Haupt.
„Das meine ich nicht. Ich...es geht darum, dass sie sich gegen
dich entschieden hat.“
Oz Blick war reiner Granit – unbewegt, einem Felsen gleich –
schließlich kehrte er Tara den Rücken zu machte aber keine
Anstalten weiterzugehen, sondern sagte nur. „Es ist nicht deine
Schuld.“
„Sie hat dich nicht erwähnt...ich ... hä-hätte
i-ich...“
„Wenn ich geblieben wäre, dann wäre es noch viel schlimmer
gekommen.“, sagte Oz in neutralem Ton. „Sie hat mir das
gesagt...“
Er meinte Satinka, die Oz zu der Gruppe um Tara und Vesta geholt hatte,
auch wenn Tara seine Bedeutung in diesem Spiel noch nicht völlig
klar war. „Es ist nicht deine Schuld.“, sprach er mit einer
kaum zu schmeckenden Bitterkeit in der Stimme und ging weiter.
Zurück blieb Tara ... die schwersten Prüfungen standen ihr
noch bevor, dessen war sie sich sicher.
„Hey, wo bleibt ihr, wenn ihr so weitermacht ist denen im Pub
das Ale bereits ausgegangen.“, rief Satinka von der Schwelle der
örtlichen Besäufnisstätte aus zu.
Im Innern des Pubs war es ziemlich genauso wie man
sich die dorfübliche Zecherherberge vorstellte, dicke Dunstschwaden
waberten durch den Schankraum, es roch regelrecht penetrant nach Bier
und Qualm, das Licht war diesig warm und die Gestalten an der Theke
waren nicht minder herzerwärmend als jene, die das Dartboard sicherlich
schon seit Stunden quälten – bis sich eine der Pfeilewerfer
umdrehte und halb fluchend, halb lachend zur Theke schwankte. „Morgan,
ich fürchte die Runde geht diesmal auf mich – aber warte
nur, ich krieg den alten Jones, den Kolbenfresser, noch am Wickel und
dann heißt es nicht Polizeistunde.“, drohte Vesta dem Gingerhaarigen
Wirt, der lediglich überheblich grinste. Dann drehte sie sich um,
die Ellbogen auf den Rand der Theke stützend und hielt nachdenklich
inne. „Jungs, wer war jetzt dran?“
„Jones, der Sarg, ist dran.“
Mit einem fast schon entsetzten, irritierten und zugleich leicht belustigten
Gesichtsausdruck, rutschte Tara in die Bank neben Satinka, die das Schauspiel
ebenso mit großen Augen verfolgte. Oz zog lediglich eine Braue
hoch, wandte sich dann aber ab und schaute seine beiden Begleiterinnen
an. „Wieso heißt der eine eigentlich „der Sarg“?“
„Ist, glaube ich, eher eine walisische Sitte, dem Nachnamen noch
eine Beschreibung anzuhängen.....“, murmelte Tara.
Fragend sah Oz sie über den Tisch hinweg an.
„Zu wenig verschiedene Nachnamen.“, erklärte Tara sofort.
„Sowas nennt man Homonymenzusatz.“ Oz hob die Brauen als
er den Blick auf die Getränkekarte warf. „Ich glaube, das
Empfehlenswerteste hier ist Kraneberger.“
Satinka beugte sich vor. „Ist das ne deutsche Marke?“, sagte
sie spöttisch.
„Abend.“, der Wirt hatte sich zu ihnen bemüht, kramte
mit den Fingern nach den kaum ausgetrunken Gläsern, die die vorigen
Gäste noch hatten stehen lassen. „Was kann ich den Herrschaften
bringen?“
„Was können sie denn empfehlen?“
„Ale.“, erwiderte der Gefragte achselzuckend.
„Und...was noch?“, hakte Satinka nach.
„Ale.“
„...und außer Ale?“, probierte es die Navajo nochmals
vorsichtig.
„Kein Grund sich gleich wie ein Engländer aufzuführen.
Ich hol ihnen was.“ Und zu seinem Helfer hinter dem Thresen brüllte
er „Pete, drei Gläser braune Suppe! Zack, zack!“
Satinka seufzte. „Na, da bin ich ja mal gespannt, ob ich gespannt
bin.“ Sie beobachtete noch kurz Vesta, die bereits den ganzen
Abend hier zugebracht haben musste, so wie sie sich ausschüttete
vor Lachen, das sie mit dem Dartpfeil weniger die Zielscheibe, als mehr
die Wand traf. „Wann wollte unser...naja, Kontakt...kommen?“
Sofort glitt Oz’ Blick zu seiner Uhr. „Jetzt.“
„Also, wenn die ganze Nummer nicht in ner Werbeaktion des Wirts
bestand uns billigen Fusel unterzujubeln, dann sehe ich hier sonst keinen,
der...“
Im selben Moment, Tara machte sich bereits Sorgen über den Bierkonsum
Vestas, die auf ein ganzes Platoon von Gläsern zusteuerte, schwang
die Tür auf und eine Frau betrat den Laden mit einer Selbstverständlichkeit,
als würde sie jeden Tag in diesem Etablissement ein und ausgehen,
wo doch jeder Idiot allein dazu in der Lage gewesen wäre, für
sich festzustellen, dass die Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren und
mit einer Fünfziger-Jahre Lederjacke, mit dem hiesigen Lokal in
etwa soviel gemein hatte wie Mozart mit 50 Cent. Die großen Augen
der Frau suchten die Lokalität ab, in der man für wenige Sekunden
eine Stecknadel hätte fallen hören können, doch dann
erblickte sie die kleine Gruppe um Tara und steuerte, unter dem allgemein
wieder anhebenden Schanklärm, auf die sitzend wartende Dreieinigkeit
zu.
„Mr. Osbourne? Oder ist ihnen einfach nur kurz Oz lieber?“
„Heilige......“
„Nicht ganz so heilig.“, entgegnete die Dunkelhaarige, dabei
faltete sie die Hände vor sich auf dem Tisch. Die rechte Hand steckte
in einem metallenen Handschuh.
„Wer sind sie?“, fragte Satinka.
Die Frau antwortete mit einem beinahe abwesenden Lächeln: „Ich
war Jenny Calendar.“
...to be continued
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