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"Bohnen, Jake, Zauberbohnen." (Wilhelm Grimm)
Wiccan Ways 2.02
Grimm
Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken
fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an
einem Fenster.
Schön und anmutig war sie, stark und doch zerbrechlich zugleich,
erschien sie einem jedem, der sie betrachtete, und milde im Wesen war
sie eines jeden Mannes begehrenswertestes Geschöpf.
Vertieft in ihre Lektüre achtete sie nicht auf die Schärfe
der Blattränder und, gerade vertieft in die wohl schönste,
aber auch furchtbarste Stelle, schnitt sie sich am Papier.
Einzig zwei Tropfen Blutes fielen zu Boden, hinab in den blütenweißen
Schnee ehe die Wunde binnen weniger Liedschläge sich schloss….
….Claudia, so ihr Name, betrachtete die Blutstropfen
am Boden, unsicher im Herzen, doch mit dem beklemmenden Gefühl,
dass dies das Schicksal so vorgesehen hatte.
In ihr regte sich das Leben, sie fühlte es, wusste es, wie nur
eine werdende Mutter es wissen konnte.
Sie stand auf, das Buch auf den kleinen Tisch neben dem Fenster legend,
und warf ihr langes, schwarzes Rapunzelhaar zurück. Sie atmete
tief ein, ehe sie den Raum durchschritt, kurz blieb sie stehen und warf
ihrem Profil im Schrankspiegel einen messenden Blick zu, strich sich
über den Bauch und, allen Mut in sich sammelnd, ging fort zur eisenbeschlagenen
Tür.
Noch während ihre Rechte nach der Klinke griff, öffnete sich
die Tür, geöffnet von der anderen Seite.
„Ich wollte lediglich nach euch sehen.“, entschuldigte der
eintretende, große Mann sein Eindringen sogleich. „Die Festlichkeiten
beginnen in einer Stunde und die ersten Gäste treffen bald ein.
Ihr wisst was für eine ungeduldige Natur Viktor ist.“
„Ich weiß, mein Gemahl.“
Dem großen Mann, der sich durch seinen Ziegenbart strich, entging
die Anspannung, die seine Königin heimsuchte nicht. „Ist
alles….“
„Es geht mir gut. Ich bin nur … erschöpft.“
Seine Majestät, Angus, der Herrscher über alle Clans seines
Volkes, trat näher an die Schönheit heran, deren Züge
den Menschen, welche in der Nähe des irgendwann Adria genannten
Meeres siedelten, nicht unähnlich war, entgleisten leicht bei dem
Versuch zu lächeln.
„Nun gut…doch, falls ihr etwas auf dem Herzen habt, dann
sagt mir Bescheid.“ Angus trat einen Schritt zurück und verließ
Claudias Kemmenate, wofür die gerade erst gekrönte Königin
dankbar war.
Noch war sie nicht bereit dafür.
Ein kurzer Blick hinaus zum nun mehr und mehr hervortretenden Sternenzelt,
dass die Sonne hinter den Horizont trieb, sagte ihr dass die Herrschaft
des Menschengeschlechts noch nicht allzu lange währte, doch in
ein paar tausend Jahren würden sie denn sicherlich die Erde beherrschen,
so wie ihre Nachkommen..
Irgendwann, nur nicht heute.
Noch nicht.
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Der Geschmack auf Kaies Zunge erinnerte sie überdeutlich
an eine durchzechte Nacht, nur dass sie keinerlei Saufgelage beigewohnt
hatte, trotz ihres Brummschädels und dem Pelz auf dem Geschmacklappen.
Glücklicherweise entschied ihr Körper, dass sowohl das Aroma
„alter Thunfisch in ranzigem Öl“ als auch der katerhafte
Dickkopf sich trollen sollten, da sie, wie Kaie innerlich zustimmte,
vollkommen unnötig und überflüssig waren.
Und so dankte sie Gott dafür eine Allererste zu sein.
Also hiefte sie sich aus dem Bett, wenn gleich eine Runde mehr Schlaf
nicht so unübel gewesen wäre, denn irgendwie mochte sie es,
morgens sich immer noch einmal rumzudrehen.
Trotzdem erhob sie sich – und wäre beinahe wieder ins Bett
gefallen, denn sie übermannte ein Gefühl, dass sie nur mit
einem Ausdruck beschreiben konnte: schwindelig.
Alles schwankte und drehte sich, die Titanic kurz vor dem Absaufen,
ihr Körper signalisierte Schwäche und taumelte, woraus sie
schloss, dass es eben jenes Schwindelgefühl sein musste, von dem
sie zwar gehört, aber es noch nie erlebt hatte.
So schnell es allerdings gekommen war, so schnell zog sich diese äußerst
unangenehme körperliche Erfahrung zurück.
Unerklärlich blieb weiterhin was denn der Grund dafür sein
könnte, zwar war der Abend etwas länger geworden, aber sie
konnte sich wie gesagt nicht entsinnen, groß getrunken zu haben.
Allerdings auch nicht daran, wie sie ins Bett gekommen war, so dass
das letzte woran sich Kaie mit Sicherheit erinnern konnte, einzig ihr
Gesicht im Spiegel war.
Irgendwie war ihr, als wäre etwas Schiefgelaufen, obschon sie nicht
sagen konnte was.
Sie brauchte dringenst frische Luft.
Ein Buch.
Und einen Kaffee.
Oder auch ein Tässchen Tee – was eben zuerst kam.
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„Kosmische Gedanken?“, fragte die Stimme
hinter Willow.
Die Gefragte schreckte hoch, riss die Augen auf und suchte im Dunkel
des Zimmers nach der Person, die an sie herangetreten war. Alles was
sie sehen konnte war ein Schemen.
„Sie...“
„Es ist alles nicht so leicht zu akzeptieren, oder?“
„Oder zu vertrauen. Wieso sollte ich? Ich meine, sie können
mir sonst was erzählen. Dass sie....“, Willow gestikulierte
fahrig in der Luft herum. „...die Königin von England sind.
Oder ... oder meinetwegen Buffys ältere Schwester.“
„Mit britischem Akzent?“
Zähneknirschend schürzte Willow die Lippen. „Okay, das
dann vielleicht nicht.“
„Also bleibst du bei der Frage: Wer sind sie? Obwohl du es weißt?“,
entgegnete der Schatten im Dunkel.
Verunsichert wich Willow zum Fenster zurück, suchte in ihrem Innersten
nach einem Quäntchen Mut, um sich dieser Frage zu stellen und antwortete:
„Ja. Ja....nur...“
„Dann sag mir zuerst: Was willst du?“
Unwillkürlich zupfte Willow an ihren Haarspitzen, ihre Gedanken
irrten hin und her, ziellos, unfähig sich zu konzentrieren auf
einen Punkt in ihrer Gedankenwelt, was sie suchte war ein heller Stern,
einen pulsierenden, lebenden Punkt, an den sie sich klammern konnte.
„Wa...ich will wissen, wer sie sind.“
„Was ... willst ... du?“, wiederholte die Gestalt.
Eine grelle Sonne, die in ihrer Gefühlswelt für Masse, für
Schwerkraft sorgen konnte, und so alles zentrierte.
Ihr Visavis insistierte: „Was ... willst .... du?“
„Ich.....“ Sie lenkte ihre Gedanken auf Tara, konzentrierte
sich nur auf sie, die Hand wieder einmal verkrampft um den Kristall
in ihrer Tasche. „....keine Ahnung.“
Sofort entspannte sich die Stimme ihres Gegenübers, man konnte
sogar in der Finsternis ein Lächeln sehen. „Die erste gute
Antwort.“ Eine Pause. Nur Atem in der Stille. Dann. „Du
bist älter geworden... nachdenklicher...hoffe ich zumindest.“
„Haben sie etwa meine Onlinetagebücher angezapft?“
Die Antwort bestand in einem Lachen.
„Nein...deine nicht. Aber bewahre dir deine Ängstlichkeit,
Unsicherheit von einst. Deine Unschuld. Von alldem etwas. Sonst kann
es passieren, dass du eines Tages in den Spiegel schaust und dich selbst
nicht mehr erkennst.“ Ihr Gegenüber ging zur Tür, öffnete
sie, wobei ein fahler Lichthauch das Lächeln auf ihrem Gesicht
erhellte, begleitet vom Widerschein auf den Brillengläsern, und
verschwand.
Willows Augen wanderten hin und her, sie widerstand dem Drang ins Badezimmer
zu gehen aber nur für einen Moment, denn schon eilte sie in Richtung
Bad, verfehlte den Lichtschalter und entfachte das Licht mit einem Fingerschnippen
und starrte in den Spiegel. Nichts Auffälliges, ihrer Ansicht nach,
und eine Spiegel log nicht. Dann sah sie an sich hinab.
„Immerhin trag ich keine Latzhosen mehr.“, murmelte sie.
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Seelenruhig stand Vesta Seward in der Küche, in
der einen Hand einen Wälzer von Stephen Fry in der Hand, während
sie mit der anderen in ihrer Suppe herumrührte.
Es war offensichtlich für den ungeübtesten Beobachter, dass
sie sich keinerlei Sorgen machte um ihre Freundin, die fernab in den
Staaten sich größter Gefahr aussetzte von den Behörden
festgesetzt zu werden.
Kennedy runzelte nur die Stirn.
Sie hatte mit diesen Leuten bislang kaum ein Wort gewechselt, lediglich
das Aller notwendigste, hier ein Wort, dort einen Satz, aber von einem
richtigen Gespräch konnte man wohl kaum reden.
Aber immerhin wusste sie wer, was, wie, wo und mit wem, denn blöd
war sie beileibe nicht, allerdings wunderte sie selbst, dass sie in
dieser Runde kaum die Zähne auseinander bekam. Die Wahrheit war:
sie fühlte sich unwohl, denn immerhin hatten sie diese Mädels
rausgehauen und Kennedy ließ sich nicht gerne retten, zumindest
nicht ungefragt.
Sie sah zur Haustür, dann zurück zu Vesta und wieder zur Tür.
„Hey, hör mal.....“
>>Bleib nicht zu lange draußen. Gibt bald Essen.<<
„Raus ... aus ... meinem Kopf....“, knirschte sie.
„Hm?“, Vesta sah zu ihr hinüber, dort wo sie direkt
im Wohnzimmer stand, von einem Bein aufs andere tretend.
„Tu das ... nie wieder. Klar.“
„Sorry. Hab ich gar nicht gemerkt.“, flötete Vesta.
Sie grinste.
Ohne ein weiteres Wort zeigte Kennedy ihr die kalte Schulter, ihr Ziel
waren die umliegenden Hügel, dort hatte sie Ruhe, Ruhe und Konzentration
zu trainieren.
Vesta schmunzelte ihr hinterher. „Noch so ein Faith-Fall.“
„Das hab ich gehört.“ Faith lehnte, halb lässig,
halb abwehrend, die Arme vor der Brust verschränkt und einen Blick
aufgesetzt, der Milch auf der Stelle hätte sauer werden lassen,
am Türrahmen.
„Wie wäre es denn, wenn ihr einen Club aufmacht?“
„Wir sind schon in einem. Man nennt uns Jägerinnen.“
Irgendwie schien Faiths Gegrummel die Wicca nur noch mehr zu erheitern,
denn ihr Grinsen wurde ständig breiter.
Aus dem Hintergrund zwängte sich Satinka an Faith vorbei und steuerte
auf die blubbernde Suppe zu. „Born to be wild, hm? Klingt Motorradclub
für Frauen. Wie wäre es dann eher mit „Wild sows.“?
„Deine Beliebtheit bei mir steigt mit jedem Wort, Sitting cow.“,
schoss Faith zurück.
„Hey...war das gerade wieder Schlagfertigkeit?“ Frech grinsend
fischte die Navajo in dem Suppentopf herum.
Sie hatte keine Lust mehr auf dieses Gekabbel, aber das letzte Wort
sollte nicht an diese Nervensäge gehen. „Ich hoffe, du verbrennst
dir deine Lippen.“, grummelte Faith, riss den Kühlschrank
auf, um in der Tiefe dieses Miniökosystems etwas Essbares zu finden,
das sich nicht mehr bewegte, doch sie griff lediglich nach dem Apfelsaft
und schüttete sich die halbe Tetrapacktüte hinter die Binde.
Urplötzlich würgte Satinka lautstark, begleitet von einem
markerschütternden „Yuk“.
Kennedy sah, die Eingangstür beinahe erreicht, davon ab, die Klinke
zu drücken und warf einen Blick zurück zur Küche.
Faith sah das Indianermädchen gehässig an. „Na, was
hab ich gesagt?“
Statt einen entsprechenden Satz in Richtung der Jägerin zu schleudern,
nahm sich Satinka das Buch vor, nach dem Vesta gekocht hatte. „Sag
mal.... Entweder du willst uns ins nächste Krankenhaus bringen
oder... dir ist schon klar, dass dieses Zeug hier dazu da ist zu starke
Hornhaut an den Füßen zu behandeln?“
Kennedy grinste innerlich.
„Ist das nicht das Italienischkochbuch?“, erkundigte sich
Vesta.
Den Buchdeckel der anderen Wicca präsentierend, tippte Satinka
dem selben Gesichtsausdruck, der auf der Stelle Butter in Käse
verwandelt hätte, auf den Titel. „Das homöpathische
Hexenrezeptkompendium für den Hausgebrauch..“
Lächelnd, immerhin konnten diese Mädchen sie zum Lächeln
bringen, aber zugleich auch kopfschüttelnd verließ Kennedy
das Haus und schnupperte in der trüb-feuchten Luft der Highlands.
Faith betrachtete den Tetrapack in ihrer Hand. „Ihr könnt
Kriegsbeil und Pistole wieder begraben, dann setzen wir uns in die Stube,
machen den Fernseher an und lassen uns beim Powwow von hirnrissiger
TV-Soap berieseln. Okay?“
Sofort brachen die beiden Hexen in Gelächter aus, Satinka legte
das Buch zur Seite und peilte das Wohnzimmer an, im Vorbeigehen deutete
sie aber auf die Suppe. „Da fehlt noch etwas Salz. Ansonsten machst
du gute Fortschritte.“ Sie ließ ihre Brauen tänzeln,
während sie sich einen Apfel aus der Schale, die auf dem Sideboard
stand, griff und Hineinbiss.
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Gedrungene, dicht an dicht, direkt aneinander liegende
Häuser, bei dem man teilweise sogar die Steine zählen konnte,
mit ihren unzähligen Schornsteinchen und mal in rostrot, dann mal
in veilchenblau oder anderen Farben gestrichenen, großzügigen
Fensterläden, in denen jeder Ladenbesitzer seine Pfeifen, geistigen
Getränke, Bücher oder Süßwaren anpreiste, so präsentierte
sich der kleine Ort der unweit von der Liegenschaft ihres Hauses lag.
Zwar hatte sich die Sonne noch nicht dazu entschlossen die düster,
melancholische Wolkendecke zu durchdringen, aber immerhin regnete es
nicht. Einzig feiner Niesel benetzte ihre Gesichter, während Tara
und Dawn die Straße entlang gingen und bald vor jedem Geschäft
stehen blieben, obschon sie diese bereits ein halbes Dutzend mal gesehen
hatten.
Irgendwie verlor diese Kleinstadt nicht an ihrem Reiz, was wohl daran
lag, dass sie seine weitaus längere Geschichte aufwies als jeder
us-amerikanische Ort.
Es war der Charme des Fremdartigen, obwohl manches in die amerikanische
Kultur einstmals eingeflossen war, so war dies hier das alte Europa
– es war anders, heimelig und fremdartig.
Im Korb, ja sie hatten einen Korb, lagen Obst und Gemüse, Nudeln
in Tüten, Kartoffeln, Milch und eigentlich eine Menge an anderen
Dingen, dass der Korb, wie Dawn argwöhnisch vermutete, sicherlich
schon eine gute Tonne wog, aber von Tara mit einer Leichtigkeit getragen
wurde, dass man den Eindruck haben konnte alles wäre aus Plaste
fantaste und nicht im geringsten schwer.
Sie passierten „Murder and Mayhem“, einen Buchladen der
ganz im Zeichen der Kriminalliteratur und Thriller stand und steuerten
gleich auf „Cassandra’s Cave“ zu, einem, wie konnte
es anders sein, Esoterikladen, denn, auch wenn dies nicht Glastonbury
war, so war der keltische Geist hier überall zu finden.
Anders als die übrigen Läden war dieser ein umgebautes Wohnhaus
ohne breite Fensterfront, reiner Stein, in der Front kalkweiß
gestrichen und mit einer Fachwerkkonstruktion darüber, die bläuliche
Markise vor der Eingangstür, die trotz des eher ungemütlichen
Wetters weit offen stand und ein Stückchen der Theke offenbarte
an die ein Reisigbesen –Tara dachte unwillkürlich an ein
Hexenhäuschen- war dieser Laden noch ein Stück weit gemütlicher
und kuscheliger als die anderen.
Drinnen sah es aus wie in einem Trödelladen zumindest was die Ordnung
anging - eine bunt-wilde Mischung- die, Bücher, Folianten und Pergamentrollen,
die sich in den Regalen schon die Bretter verbogen und, wenn es gar
nicht anders ging, bis unter die Decke gestapelt waren oder in Vitrinen
derart hineingepackt waren, dass jedem Bibliothekar die Haare zu Berge
stehen mussten, wenn er dies sah – hier standen reine Dekofiguren
und Kerzenständer, gleich daneben die Kerzen, von der 10 Pfund
Monsterkerze bis zur kleinen, für den schnellen Gebrauch Winzlingskerze,
dort pendelten Pendel, Traumfänger und Anhänger, dufteten
Tees aus einem ganz anderen Regal und glitzerten Kristalle von einem
Drehständer, der verdächtige Ähnlichkeit mit einem Tannenbaum
hatte.
Das ganze Angebot war wohl irgendwann einmal mit einem Lastwagen angekarrt
und mit der Schaufel hineingeworfen worden – wo die Sachen stehen
oder liegen blieben, standen und lagen sie noch immer.
Einzig die Ladenbesitzerin schien mit einer traumtänzerischen Sicherheit
sich in ihrem Etablissements zu Recht zu finden. Sicherlich, alles hatte
seinen Platz, aber irgendwie brauchte man doch einen verzauberten Lageplan,
wenn man etwas suchte und gedachte es auch zu finden.
Cassandra selbst war gerade irgendwo in den hinteren Gefilden ihres
Geschäftes und außer Sicht- und Rufweite; offenbar war sie
nicht sonderlich besorgt, jemand könnte etwas aus dem Bestand rein
zufällig mitgehen lassen.
Dawn zuckte nur die Achseln und wandte sich den Anhängern zu, während
Tara ohne Umschweife auf die Bücher zusteuerte.
Mit dem Finger fuhr sie über die Buchrücken, so schnell, dass
jeder andere kaum die Lettern darauf hätte lesen können, sie
aber wohl schon.
Unwillkürlich musste sie an Willow denken, wobei ihr Finger gerade
auf dem Band mit den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen stehen
blieb.
„Ich kapier nicht ganz was du an dieser Willow Rosenberg findest.“,
murmelte eine rauchige Stimme hinter ihr. Cassandra wirkte ein bisschen
wie eine Kreuzung aus Melanie C und der glubbschäuigen Luna Lovegood
aus den Harry Potter Romanen, denn obwohl sie dieselben Augen und Züge
wie die britische Sängerin hätte, pflegte sie einen recht
individuellen Kleidungsstil. So individuelle, dass es unmöglich
war ihn zu beschreiben, doch wer sich einen Schottenrock und eine geblümte
Bluse mit einer Jeansjacke darüber vorstellen kann, war trotzdem
noch weit davon entfernt sich ein ungefähres Bild von Cassandra
zu machen.
„Häm?“, machte Tara automatisch.
„Warst du nicht mal mit der zusammen?“, fragte Cassandra
mit leicht verträumtem Gesichtsausdruck.
„I-ich....“
Doch die andere ließ Tara nicht ausreden, sondern fuhr unbeirrt
fort. „Die hat sich mal total über uns ausgelassen.“
„Uns?“, erkundigte sich Dawn um den Drehständer herum.
„Wicca.“
„Ich verstehe nicht was du meinst.“, warf Tara ein.
Daraufhin verdrehte Cassandra die Augen. „Was hat die mal gesagt.....irgendwas
als sie sich über ne Hexengruppe ausgekotzt hatte...“
Cassandra war auf dem besten Wege sich unbeliebt zu machen.
„ >blahblah Menstruation blahblah Mondphasen....< das hat
sie zu ihrer Freundin gesagt.“
„Oh, sie hat nur so eine Möchtegern-Wiccagruppe gemeint,
d-die hatten wirklich keinen Dunst worum es wirklich geht.“
„Klar.“ Die Geschäftinhaberin gestikulierte mit den
Händen in der Luft, blieb aber hartnäckig. „Gibt viele,
die sowas aus der Mode heraus machen und nicht ernsthaft. Aber meinst
du nicht, dass ihre Worte tief blicken lassen?“
Ohne dass es eine der beiden älteren Frauen gemerkt hätte,
hatte sich Dawn zwischen sie geschoben. „Woher weißt du
das überhaupt?“
„Meine Cousine wohnt ihn den Staaten. Hat mir davon geschrieben.
Verrücktes Volk ... irgendwie...naja...zumindest schräg.“
Cassandra wandte sich ab und ging mit wehenden Haaren hinter den Thresen,
während sich Tara und Dawn bedeutsame blicke zuwarfen. „Seid
ihr für uns auch?“, meinte Dawn. „Irgendwie ... schräg.“,
sie grinste zerknirscht.
„Hö?“ Die dunklen Ponyfransen fielen Cassandra ins
Gesicht.
„Europäer.“, sagte Tara entschuldigend und zog ohne
hinzusehen das Buch, auf dem noch immer ihr Finger ruhte, aus dem Regal.
„Achso... schon recht.“ Sprachs und wandte sich buchhalterischer
Lektüre direkt neben der Kasse zu.
Dawn deutete mit dem Finger ein Kreisen am Kop an, als sie Tara ansah,
will heißen, sie war der Ansicht Cassandra hätte nicht alle
Tassen im Schrank. Tara lächelte milde, schüttelte aber gleichsam
den Kopf.
Einerseits waren Cassandras Worte irgendwie nachvollziehbar, andererseits
wusste sie dies nur aus zweiter Hand und sie selbst war, obschon hellsichtig
auch etwas spleenig, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Tara seufzte
innerlich – sie war unsicher. Einzig eine kleine Hoffnung war
in ihrem menschlichen Herzen, dass Willow ihren Weg finden würde
– ob es der bessere oder schlechtere aus Taras Sicht war, war
egal, solange Willow wusste was sie wollte – doch zuerst musste
sie wissen wer sie war.
Sie schlug das Buch geistesabwesend auf, blätterte kurz darin,
sie war nicht sicher, denn obwohl es eine sehr schöne Ausgabe von
1888 war, hatte sie nicht das Geld es zu kaufen und schlug es, leider
etwas unachtsam, denn eine Seite wies auf einmal eine Eselsohr auf,
wieder zu. Tara öffnete das Buch wieder an besagter Stelle, sog
zischend die Luft ein und strich die Stelle glatt, aber der Knick blieb.
„Iahhh.“, machte sie leise zu sich gewandt.
Dawn kam und ließ eine Taschenuhr vor Taras Augen hin- und herpendeln,
dass die Wicca den Band geistesabwesend wieder zuschlug und zurückstellte.
„Sag bloß nicht....“, Tara nahm das gute Stück,
denn der goldene Zeitanzeiger hatte schon einige Jahre auf dem Buckel,
sicherlich schon....Taras Augen weiteten sich. „D-die ist ganz
schön alt. Aber du hast doch....“
Sofort winkte der Teenager ab. „Nicht für mich. Bin doch
kein alter Opa. Ich wollte sie als Geschenk.“
„Für nen alten Opa?“ Tara grinste herausfordernd.
„Wa...? Nein... für... ach... ist eh zu teuer.“ Damit
entriss sie Tara die Kette, konnte aber ihre Enttäuschung nicht
verbergen, zumindest versuchte sie ihr die Uhr wieder wegzunehmen, doch
Tara hielt sie fest umklammert. Sie ließ den Deckel der kleinen,
quadratischen Uhr hochschnellen, auf dessen Innenseite etwas in kleinster
Schrift etwas eingraviert war. Ein Name und ein Datum – Sebastian,
1888.
„Oh...“, sagte Cassandra von der Theke aus. „Die will
irgendwie keiner haben. Ist wohl kaputt.“
Tara hielt das Kleinod an ihr Ohr, doch es machte gemächlich Tick-Tack.
„Sie funktioniert aber.“
„Hmmmm? ... Egal, kannst sie haben, Kleine.“
Überrascht starrte Dawn zunächst nur an der Uhr vorbei Tara
an, schließlich blickte sie zu Cassandra, die sich bereits aufmachte,
um einen Tee anzusetzen, denn noch ehe Dawn sich bedanken konnte, war
die Ladenbesitzerin wieder verschwunden und rief nur ein „Auch
einen Tee?“ aus dem Hinterzimmer.
„Da-danke, nein. Wir müssen nach haus.“ Tara schubste
Dawn mit sanfter Gewalt an und deutete in Richtung Ausgang, während
sie Dawn die Uhr in die Hand drückte.
Kurze Zeit später lugte Cassandra aus dem Türrahmen in ihr
Geschäft, sie sah nach rechts, dann nach links, leicht enttäuscht
darüber, dass die beiden Frauen schon gegangen waren. „Hoffen
wir, dass Mr. Sebastian keinen Ärger macht.“ Dann fiel ihr
Blick auf den nicht ganz ordentlich zurückgeschobenen Band mit
Grimms Märchen und ihr Unterkiefer sackte gen Boden. „Oh..ganz
schlecht.“
Kaum hatte sie die Worte über die Lippen gebracht, da stoben bereits
Sternenlichter, fast schon wie feinster, glitzernder Staub aus den Seiten
und krochen über und in die anderen Bücher.
Cassandra schüttelte den Kopf. „Gar nicht gut.“
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Einen Straßenzug weiter genoss, zumindest versuchte
sie es, Kaie Adams ihren Kaffee in einem Buchladen, der zugleich auch
Cafe war, um so offenbar Gemütlichkeit und damit den Umsatz zu
steigern.
Man sitze genüsslich in seinem Stuhl und lehne sich zurück,
blättere dabei in einem Buch und vielleicht nimmt man, zur Freude
des Besitzers, auch eines der Bücher längerfristig gegen einen
entsprechenden Obolus mit.
Man musste sich schon fragen, wieso Kaie selbst nie auf den Gedanken
gekommen war dies auch in die Tat umzusetzen – sicherlich war
es ihr durch den Kopf geschossen, doch hätte sie dafür sicherlich
weitere Räumlichkeiten anmieten müssen, da ihr eigener Laden
einfach zu beengt gewesen ist.
Gerade führte sie die Tasse an die Lippen, als im selben Moment
ein kalter Schauer über ihren Rücken kroch, etwas Düsteres
aus der Vergangenheit, dass sie verfolgte, bisher im Dunkel gelauert
hatte und nun sein abscheuliches Antlitz zeigte.
Automatisch sah sie sich um, doch alles was sie erblickte waren festmeterweise
Regale voll mit Büchern und, auf der Fensterseite Tische und Stühle
im gleichen eichenen Holz, an und in denen lediglich zwei weitere Bücherwürmer
ihre Nasen in die Folianten steckten, während ihre Tees vor sich
hin dampften.
Kaies Blick huschte nach draußen, auf die Straße, doch auch
dort konnte sie nichts erkennen, einzig ihr schwaches Spiegelbild in
der Fensterscheibe.
Sie zuckte zusammen.
Hatte ihr Spiegelbild gerade gelächelt – flüchtig, hinterhältig,
obwohl sie selbst keine Miene verzogen hatte?
Nichts.
Einmal tief Luft holen.
Doch da war es wieder. Dieses Gefühl.
Und schon war es wieder verschwunden.
Trotzdem stand Kaie auf, schlürfte schnell noch den letzten Tropfen
Kaffee, nahm das Buch und legte es auf den Tresen vor die Nase des Kassierers.
Dessen Riechkolben war allerdings irgendwo unterhalb der Theke auf Wanderschaft
und ließ sich nicht sofort blicken, stattdessen vernahm Kaie ein
leises Summen, dann als würde der Mann singen, Wortfetzen.
„...übermorgen hohl ich der Königin ihr Kind.“
Verwundert zuckte Kaie mit der Augenbraue, da sie diese Worte gut kannte,
Worte, die eigentlich jedes Kind zwischen Moskau und LA kennen müsste,
denn sie hatte sie einmal, da er noch darüber sinnierte wie er
die Erzählung am besten zu Papier bringen sollte, von Jacob Grimm
gehört, der unermüdlich versuchte eine Version zu schreiben,
die einen jedermann ansprach. Das war etwa 1809 in Kassel gewesen.
Der Kopf des Ladenbesitzers tauchte auf, fast davon überzeugt erschrecken
zu müssen, zuckte Kaie auch wirklich zusammen, doch der Mann sah
nicht aus wie das fiese, kleine Männlein aus dem Walde, sondern
wies in seinem feisten, aufgedunsenen Gesicht noch immer seine gutbürgerlichen,
schottischen Züge auf.
„Ein Grimm-Fan?“, erkundigte sich Kaie mit einem recht erzwungenen
Lächeln, nur um ein bisschen Konversation zu betreiben.
„Was? Ach, so... ich hab gestern nur eine alte Ausgabe hier entdeckt,
von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe.“, antwortete
der alte Knabe, der, wenn man ihn genauer unter die Lupe nahm eine frappierende
Ähnlichkeit mit dem schottischen Darsteller Robbie Coltrane auf.
„Ich verstehe.“
„Sie sind Engländerin? Ihr Akzent...“
„Die meiste Zeit.“, jetzt grinste Kaie wirklich aus dem
guten, alten Bauchgefühl heraus. Ab und an verfiel sie in ihre
gebürtige Sprechweise, die allerdings auch verwaschene Ansätze
von walisisch und irisch enthielt, denn die englische Sprache war bei
weitem nicht so alt wie sie selbst. Genau genommen gab es, zur Zeit
ihrer Geburt auf der späteren britischen Insel kaum Menschen.
Sie klopfte auf den Buchdeckel. „Ich überleg es mir noch
einmal.“ Und meinte damit, ob sie es kaufen würde oder nicht.
„In Ordnung.“
Mit einem Schmunzeln verließ Kaie den Laden und hörte nur
noch ein „Beannachd leat“ des Besitzers, Schottisch für
„Auf Wiedersehen.“
Als sie nochmals zurücksah, durch die Glastür, die sich bereits
schloss, um einen Gruß zu erwidern, sah sie lediglich zwei gelbliche
Augen kurz aufglimmen und wie der Mann hinter dem Tresen den Mund auf
und zumachte, um noch ein „Heute back ich...“ in übelstem,
breitesten Schottisch von sich zu geben.
Abermals streifte Kaie dann ihr eigenes Gesicht und abermals hatte sie
das Gefühl, als würde ihr Spiegelbild sie ansehen und nicht
umgekehrt.
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Innerlich schrack Willow auf, versuchte aber nach außen
hin eine möglichst gelangweilte Fassade zu verkaufen, was ihr kaum
gelang, denn dafür war sie, wenngleich ihr das Adam nicht sagte,
eine zu schlechte Schauspielerin.
Unbemerkt ließ Willow den Kristall in ihrer Tasche verschwinden,
den sie immer wieder hervorholte und ansah, ihn ebenso benutzte und
doch geheim hielt.
Irgendwie war an diesem Ort nichts wirklich sicher vor den neugierigen
Augen und Gedanken anderer.
„Was willst du?“, fragte Adam rundheraus. Eine nur zu vertraute
Frage, auf die Willow nicht zu antworten wagte, denn dazu war sie ihr
in letzter Zeit zu oft Fragen dieser Art gestellt worden.
„Warum bist du hier?“, fuhr der große Mann unbeirrt
fort.
„Das wissen sie....ich ... ich will einfach nur.... dass sie.....“
Gespannt lauschte Adam der noch wirren, ungeordneten Antwort, sicherlich
wohl wissend, was Willow trieb. „Nun?“
„Ich will....ach, vergessen sie’s.“ Willow schüttelte
sich und stand auf, es war sinnlos mit diesem Mann zu reden, auch wenn
sie wusste, das nur er ihr helfen konnte. Noch auf dem Weg zur Tür
hielten Adams Worte sie auf, wozu er allerdings nicht einmal den Mund
aufmachen musste, denn Willow blieb von selbst stehen und wandte sich
zu ihm um. „Was ich wirklich will ist, dass Tara nicht irgendwann
... ohne mich dasteht. Ich will nicht dass sie trauert, nur weil ich
irgendwann sterbe. Ich kann genauso wenig ohne sie leben. Ich... ich
will leben.“
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln kam Adam auf sie zu. „Gut.
Dann lass mich dir einen Weg zeigen.“ Er trat, mit dem geheimen
Wissen in seinem Gesicht, dass Willow anlockte wie das Licht die Motte,
an ihr vorbei. „Ich will nämlich genau dasselbe.“ Er
verharrte, drehte lediglich seinen Kopf leicht zurück. „Folge
mir ... in den Garten.“
Besagter Garten war eigentlich ein gigantisches Arboretum voll halb
Wildwachsender Pflanzen, eingeschlossen in einem Glaskasten, der nichts
von der geradlinigen Konstruktion von Adams Pyramide hatte, sondern
geschmeidig, rundlich, organisch sich in die Pflanzenwelt einfügte.
Forsch schritt Adam die gepflasterten Pfade entlang, ließ die
viktorianische Sitzbank links liegen und interessierte sich für
den, recht im Zentrum stehenden Apfelbaum.
Willow hatte ihn gerade eingeholt, da pflückte er bereits einen
der Äpfel – obwohl nicht Zeit für deren Wachstum und
Ernte, so wurden hier scheinbar künstlich die Blüte und Reifezeit
beeinflusst.
Adam fixierte den Apfel wie Rodins Denker den fiktiven Punkt irgendwo
im Nichts, ehe er mit demselben seltsamen Lächeln auf den Lippen
zu Willow sah. „Schon mal was von den Äpfeln der Iduna gehört?“
„Nur von Signal Iduna....“, versuchte Willow einen kläglichen
Anflug von Humor, der jedoch sofort versackte. „Ja, eine Göttin
in der nordischen Mythologie, soweit ich weiß.“
„Genau. Sie bewachte die Äpfel der Jugend, die den Göttern
ihre Unsterblichkeit verliehen. Bis Loki sie stahl.“
Bei Willow dämmerte es – Adam musste wissen ob es einen dieser
Äpfel gab und wo dieser zu finden war. Trotzdem war sie unsicher,
witterte in der Gegenwart ihres einstigen Feindes stets das beklemmende
Gefühl des Verrats. Auch wenn er eigentlich keinen Grund dazu hatte.
„Also...wissen sie wo einer dieser Äpfel ist?“
„Weshalb glaubst du..... ahhh, ich verstehe. Natürlich. Wer
vertraut schon dem Bösewicht. Wer vertraut einem Ding, dass so
viele Gesichter, so viele Lügen in sich vereint hat. Wozu auch?“
„Eben...warum sollte ich ihnen vertrauen? Warum wollen sie mir
überhaupt helfen?“
„Wenn mich nicht alles täuscht bist zu zu mir gekommen. Um
mich um Hilfe zu bitten. Nicht war?“
„Aber warum...“
„Warum ich zustimmte?“
Ein leises, trotziges und doch auch verschämtes Nicken.
„Weil es Gründe gibt. Du darfst nicht sterben. Ich mache
mir Sorgen um meine Schwester und wenn du die ganze Wahrheit kennen
würdest, dann wüsstest du warum ich bereit bin dir zu helfen.“
Kurzzeitig sah Adam einfach nur ins Leere mit einem Ausdruck auf dem
Gesicht, dass er weiter als weit von diesem Ort sich wegbewegte, hin
zu einer Vergangenheit, die nur er kannte. „Aber...“, fing
er langsam wieder an zu sprechen. „...du fühlst bereits warum
du so wichtig bist für Tara. Und warum Tara so wichtig ist für
dich.“ Unverwandt warf Adam ihr einen rasierklingenscharfen Blick
zu und mit einer Mischung aus Verachtung und Resignation sagte er: „Du
fühlst es. Ihr Menschen hört zu wenig auf euer Unterbewusstsein.“
Willow seufzte – allein was sollte sie entgegnen, denn er hatte
ja Recht, einerseits suchte sie bei ihm nach Möglichkeiten, andererseits
traute sie ihm lediglich soweit wie sie einen Tanklastwagen werfen konnte.
„Wo finde ich es?“ Hatte Willow denn eine Wahl? Die Antwort
wäre sicherlich Ja gewesen, aber in diesem Augenblick war niemand
da, der ihr eine weitere Option anbot. Zwischen den Blättern gewahr
sie aus dem Augenwinkel ein Vorbeihuschen, hatte aber keine Gelegenheit
zu reagieren, da Adam bereits begann ihr zu erzählen.
Weiter entfernt stand Shanessa und lauschte. Ihr Herz bebte vor Zorn
– Adam verriert dieser vermaledeiten Hexe, dieser Schlampe, die
mit verantwortlich war für Kevins Tod.
Äpfel der Jugend? Unsterblichkeit vielleicht? Egal wofür sie
waren, Shanessa würde Willow einen Strich durch die Rechnung machen.
und was war diese Reserviertheit ihm gegenüber eigentlich?
Hatte sie etwa Interesse und zeigte ihm die kalte Schulter, um so seines
zu gewinnen oder bildete sich Shane das nur ein?
Egal was es auch war, es galt die Ohren aufzusperren und jeden Fitzel
Information aufzulecken wie ein Hund Rotweintropfen, die sich auf dem
gefliesten Boden einer Kelterei zu einem purpuren See sammelte.
Irgendwo war aber ein kleines, schwarzes Männlein, ein schlechtes
Gewissen, das unablässig gegen die Tür aus Ignoranz klopfte
und sie an ihre Schwester erinnerte.
Doch hatte Shanessa im Moment einfach nicht den Nerv sich darum zu kümmern
– dies hier war wichtiger. Und wenn es ihr gelang, vor Willow
diesen besagten Apfel zu bekommen, dann würde sie der Hexe nicht
nur ein Schnippchen schlagen, sondern sogar die Macht in Händen
halten, ihre Jugend zu erhalten. Was war dann mit Adam? – Sie
konnte die Frau für ihn werden und nicht nur ein alterndes Stück
menschlicher Hardware.
Und für ihre Schwester. Auch für sie, konnte sie etwas erbringen
damit.
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Adam war gegangen, hatte Willow in einem konfusen Zustand
der Entscheidungsfrage zurückgelassen, dass sie weder ein noch
aus wusste.
Irgendwer kam.
Doch Willow ging auf und ab, wobei sie fahrig ihre Hände aneinanderrieb,
grübelte, ob sie dem Hinweis zum Apfel der Iduna nachgehen sollte
oder besser doch nicht. Ein paar Männerschuhe kamen in ihr Sichtfeld
und Willow hob den Kopf, neugierig, wer sie aufsuchte.
Kiyoshi Katsumoto trat auf Willow zu, den Kopf leicht geneigt, wie eine
neugierige Eule.
„Warum bist du hier?“ Er hielt inne, irgendwo hinter seiner
Stirn fasten offenbar kleine Rädchen ineinander. „Adam? Was
hat er dir gesagt?“
Ganz von allein lief Willow ein Schaudern über den Rücken,
als sie in die undeutbaren Augen des Japaners sah. „Spielen sie
neuerdings Nathans Spitzel? Richten sie diesem Lackaffen aus, dass er
gefälligst selbst vorbeikommen soll, wenn er was will.“ Zunächst
wollte Willow an dem Mann vorbei, überlegte es sich jedoch und
sah ihn so fest an, wie sie konnte, denn der feine Hauch von Furcht
legte sich über ihre Gedanken. „Was wollen sie?“
Doch der Japaner dachte nicht daran, ihre Frage zu beantworten, stattdessen
blickte er sich im Arboretum um, scheinbar etwas suchend, dann jedoch
sah er Willow wieder an – sein Blick war anders. Weicher. Beinahe
sanft. „Niemand hier ist exakt das was er zu sein scheint.“,
sagte Kiyoshi.
Als Retourkutsche runzelte Willow lediglich die Stirn und schob sich
gerade an dem Asiaten vorbeigehen, als dieser sie fragte: „Hast
du etwas wofür du lebst?“
Die Antwort war Ja, doch Willow sprach sie nicht aus, stattdessen ließ
sie sich bis auf ein leichtes Zucken nichts anmerken, wenngleich sie
innerlich erschüttert war. Sie folgte, mit einem Rest an Selbstbeherrschung,
den sie zusammenkratzte, ihrem Weg weiter aus dem Garten heraus.
Was sie nicht sah, war der Schemen hinter Kiyoshi, der langsam, wenngleich
weiterhin durchsichtig und nur vage, Form annahm, von der man lediglich
soetwas wie einen Menschen erahnen konnte.
„Es gibt noch Lücken in ihrem Gedächtnis. Absichtliche
Lücken. Die Frage lautet, ob ihr die Antworten gefallen werden.“,
sagte Kiyoshi zu der Gestalt, während der Japaner weiter hinter
Willow her sah. Schließlich wandte er sich dem Schemen zu, einen
Spur von Ungeduld in der Stimme. „Wie lange noch?“
Die Stimme des anderen war ruhig, doch schien sie von weit weg zu kommen,
hallend, weder Mann noch Frau. „So lange es nötig ist.“
„Wenn die Götter Yggdrasils wüssten...“
„Sie verstehen das falsch. - Die wissen es.“
Kiyoshi blieb die Luft weg, nur dem Umstand, dass er Japaner war verdankte
er, wie er sich selbst sagte, seine Selbstdisziplin in diesem Augenblick.
„Also schließen die Götter einen Handel mit Göttern?“
„Sie...verstehen noch immer nicht.“
Der Blick des Asiaten war undeutbar, doch irgendwo in seinem Augenwinkel
blitzte eine leichte Herausforderung auf. „Natürlich. Denn
Verständnis ist ein -wie sagt man- dreischneidiges Schwert.“
„Ja.“, murmelte der Andere. Dann verschwand er.
Sofort griff sich Kiyoshi an die Schläfe und versuchte den drängenden
Kopfschmerz wegzureiben.
Erfolglos.
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Links neben der Schale eine Rose, rechts davon die
Athame, vor Vesta brannten Kerzen im schummrigen Licht des Raumes. Die
Kerzen und Teelichter, die überall standen verströmten einen
betörend, sinnlichen Duft, der durch das Zimmer waberte und Vesta
leicht diesig machte.
Sie ging in sich, tief und tiefer versenkte sie sich in ihren eigenen
Geist, auf der Suche nach einem Ruheplatz für ihre Seele.
Mit geschlossenen Augen entzündete sie die große, blaue Kerze
in der Mitte des Altars, tastete nach den Lorbeeren und zerrieb sie
zwischen den Händen direkt über der Schale, in der bereits
Kohle glomm.
Bittersüßer Geruch stieg auf, während die Flammen Öl
und Blätter verzeerten.
„Willkommen seid ihr, ihr Mächte des Kosmos
Willkommen bist du, große Göttin, willkommen bist du, Gehörnter
Aradia, hilf, wem meine Gedanken gelten.
Steh ihr bei.
Mögest du stehn zwischen ihr und dem Leid an all den verlassenen
Orten, an denen sie wandelt.“
Schließlich öffnete Vesta ihre mahagonifarbenen Augen, ein
weinerlicher Ausdruck schilch ihr über das Gesicht und sie wischte
sich automatisch die Tränen fort, ehe sie ihr über die Wangen
laufen konnten.
„Okay...ich weiß, ich rede normalerweise nicht so offen
mit euch. Eher...eher denke ich an euch. Aber sie könnte wirklich
etwas Hilfe gebrauchen da drüben.“ Sie seufzte. „Sich
euch zu öffnen, von ganzem Herzen fiel ihr nicht immer leicht.
Aber trotzdem. Bitte. Helft ihr.“
Schlagartig ging die Tür auf und eine Stimme rief nach der Hohenpriesterin
der Wicca, die wie von der Tarantel gestochen herumwirbelte.
„....puhhh. Machst du Räucherlachs?“, fragte Faith.
Vestas ungeduldig fragender Blick ließ sie sofort wieder das Thema
wechseln. „Du solltest runterkommen. In den Nachrichten kommt
etwas ... Interessantes.“
Mit einem Handstreich löschte Vesta alle Kerzen und die Kohle,
raffte ihren Rock und stand auf, mit der linken deutete sie zum Fenster
hin, dass sogleich sich entriegelte und frische Luft ins Zimmer ließ.
„Was ist denn so dringend?“ Sichtlich angespannt lief die
Hexe die Treppe hinab – es passte ihr nicht mitten in einem Ritual
gestört worden zu sein, doch weitaus ungenehmer war ihr, dass es
rein persönlicher Natur war.
„Glaubst du mir eh nicht.“, antwortete Faith.
Offenbar war es etwas von allgemeinem Interesse, von geradezu großem,
allgemeinem Interesse, denn in der Stube stand und hockten so gut wie
alle Kittens beisammen.
Der Fernseher war auf CNN geschaltet.
Vesta wandte sich, die Augen auf die Mattscheibe gerichtet, an Ray,
der sich auf die Rückenlehne des Sofas stützte.
„Was ist los?“
„Etwas Unglaubliches. Aber das könnte auch... na, sie selbst.“
Er deutete mit dem Kopf zum Fernseher.
Dort verkündete gerade eine Sprecherin nochmals „...hatte
Präsident Marek einen Erlass unterzeichnet, der den Ausnahmezustand
und somit das Kriegsrecht zum Wohl und Schutze der Bevölkerung
über alle Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika verhängt.
Diese Erweiterung des Patriot Act aus dem Jahre 2001 wurde jedoch von
einigen Minderheiten nicht unterstützt, gar kritisch gesehen.“
Das Bild wechselte sofort und zeigte einen Mann hinter einem Stehpult,
die schwarz unterlegte Textzeile benannte ihn als Richard Franklin,
Gouverneur von Kalifornien, einen in die Jahre gekommenen farbigen Politiker,
dem der Anzug etwas zu stramm saß. Franklin war bereits am Ende
seiner Rede. „Diese Anordnungen haben uns schlussendlich dazu
gezwungen, die Unabhängigkeit des Staates Kalifornien zu erklären.
Hiermit schließen wir uns den Staaten Oregon und Alaska an.“
Abermals wurde das Bild gewechselt und die Sprecherin versuchte nun
zu erläutern, dass diese Vorgehensweise von den restlichen Staaten
und der Regierung missbilligt und entsprechend sanktioniert werden würde.
Neben Vesta atmete Ray vernehmbar ein. „Sie tun was...aber zu
welchem Preis? Das könnte zu einem neuen Bürgerkeig führen.“
„Glaubst du etwa, dass Amerikaner das ein zweites Mal machen?“,
zischte Vesta.
„Sagen wir einfach, dass Marek nicht so einfach Präsident
wäre und sich hätte halten können mit seinem Erlass,
wenn er nicht lange vorher seine Leute in den wichtigen Positionen der
Politik hat unterbringen lassen.“
„Politisches Schachspiel?“
„So ungefähr.“
„Dann hilft nur beten.“
„Und etwas tun – hoffentlich macht jemand nichts Dummes.“
Darauf drehte sich der Kurator von der Couch weg und ging in die Küche,
Vesta trabte hinter ihm her.
„Glaubst du, dass Frey...?“, sie ließ die Frage offen
im Raum verhallen, während sich der Mann die Kaffeekanne griff.
Äußerste Sorge stieg augenblicklich in ihr auf und fraß
an ihrem Herzen.
„Ich hoffe nicht. Denn wer weiß, ob Marek Ruhe gibt, wenn
er seine Tochter wieder hat. – Mist.“ Die Tasse, die er
gerade aus dem Schrank geholt hatte, war anscheinend nicht richtig gewaschen,
denn er stellte sie sofort ins Waschbecken und kramte nach einer neuen.
„Uns sind die Hände gebunden, Vesta. Wir haben nur wenige
Verbindungen in die Staaten.“
Ohne groß überlegen zu müssen, wusste Vesta, dass Ray
nicht die Kittens im speziellen, sondern die Verschwörer des Rates
meinen musste, die noch immer Kontakte hatten. Und natürlich hatte
sie selbst Dr. Oktavius völlig vergessen, der jetzt allerdings
keinen Einfluss hatte, denn immerhin wohnte er im nun unabhängigen
Kalifornien und somit waren alle Kontakte in die anderen Staaten unterbrochen.
„Das ist doch Wahnsinn.“, flüstere Vesta.
„Natürlich ist es das. Aber immerhin macht Marek es aus einem
einzigen, persönlichen Grund. Davon gehe ich zumindest aus. Und
das macht ihn berechenbarer als jemanden, der behauptet das Volk zu
schützen und das offenbar sogar glaubt. Solche Leute empfinde ich
als gefährlicher.“
„Es bleibt Wahnsinn.“
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Bücher über Bücher, der Papierstapel
nahm gar keine Ende, kramte Shanessa in allerlei Artikeln, Abhandlungen,
seien es nun fachliterarische Werke, die nur ein Promovierter verstand
oder populärwissenschaftlichen Ausgaben von teils zweifelhafter
Glaubwürdigkeit, hindurch in der schwachbrüstigen Hoffnung
etwas zu den Äpfeln der Iduna zu finden.
Brenda stand in der Tür.
Wie lange sie dort bereits verharrte konnte Shane nicht sagen, als sie
sie entdeckte schien sie aber schon eine Weile dort am Türrahmen
zu lehnen.
„Kann ich....“
Sofort schüttelte Shane den Kopf. „Nein, ich ... ich muss
was suchen. Bitte..geh. Ich brauch Ruhe.“
„Die brauchst du öfter in letzter Zeit.“
Fast hätte sie sicherlich „Seit Kevin gestorben ist.“
Gesagt, aber das behielt sie nun mal für sich, und, sein wir einmal
ehrlich, Shanessa war dafür dankbar. Sie konnte niemanden wieder
lebendig machen mit diesem Apfel, aber vielleicht konnte sie so sicherstellen,
dass sie selbst nicht irgendwann weg wäre, dass sie nicht für
Brenda da sein konnte. Oder dass ihre kleine Schwester ihr fehlen würde.
Auch wenn sie in letztern Zeit nicht über sie hatte wachen können,
wie sie es vielleicht hätte sollen – doch zuviel war zuviel
und der mentale Druck war so extrem gewesen, dass sie sich vor allem
verschloss und in sich zurück zog.
Egal, sie musste einen Hinweis finden, wollte sie sich nicht einfach
an Willow Rosenbergs Versen heften.
„Alles in Ordnung?“, hakte Brenda nach.
Irgendwo in Shanes Hinterkopf begann ein Kessel heißen Wassers
leise an zu pfeifen.
„Ich wollte...“
Das Pfeifen wurde lauter. „Hör zu, ich hab jetzt echt keine
Zeit, okay?! Geh bitte.“
Mit zerknirschten, doch zusamm auch enttäuscht-wütendem Gesicht
wandte sich Brenda ab, doch ehe sie vollends aus Shanes Sichtweite entfleuchte
warf diese Stuhl und Bücher um, lief zur Tür und rief „Hey!
Später...okay?“
Wer sollte das schon wirklich glauben und so zog Brenda auch eine entsprechende
Schnute, nickte nur und ging.
Shanessa wollte sich im gleichen Augenblick am liebsten in den Hintern
treten. „Ich Idiot.“, schollt sie sich selbst, dann ging
sie zurück in ihr Zimmer.
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Kaie war nicht zu Fuß unterwegs – neben
der Unterstützung der Verschwörer, hatte sie Rücklagen
und so war sie an einen Wagen gekommen, den sie gerade die Hauptstraße
hinunter steuerte, den Blick immer wieder, unruhig zwischen Straße
und Rückspiegel hin und herwandern lassend.
Die ganze Sache im Buchladen hatte sie verunsichert und eigentlich gehörte
sie nicht zu denen, die sich einfach ins Bockshorn jagen lassen, schließlich
war sie älter als die gesamte menschliche Zivilisation, falls es
so etwas überhaupt gab.
Unruhig strich sie sich über die rechte Augenbraue.
Und ebenso unruhig fuhr sie, denn der BMW schlenkerte nicht wenige Male,
Gott sei Dank gab es keinen nennenswerten Verkehr, auf die gegenüberliegende
Fahrbahn – die rechte Seite. Kaie war tatsächlich sogar zunächst
auf die andernorts „normale“ rechte Fahrbahn gedüst,
merkte ihren Irrtum gerade noch rechtzeitig ehe sie einen Smart aufgegabelt
hätte, verfluchte leise, dass sie schon zu lange fern von Großbritannien
gelebt hatte und reihte sich dann richtig ein.
Was sie gesehen hatte machte sie dermaßen zitterig, wie seit Jahren
nicht, das änderte auch nicht der Umstand, in einer Gasse eine
ihr vertraute Gestalt zu erblicken. Im Gegenteil.
Zumindest meinte Kaie für einen kleinen Moment eine schlanken Mittzwanziger,
dessen Kleidung nicht ganz in die Zeit zu passen schien zu sehen –
der ungepflegte Bart und die Harry-Potter-Brille mit ihren runden Gläsern,
ganz zu schweigen von seinem etwas verträumten, manch einer würde
dämlich sagen, Blick rief sofort Erinnerungen wach, Erinnerungen
an Jacob Grimm.
Sofort wirbelte Kaie herum, erhaschte noch einen Fitzel der Gasse aus
dem Augenwinkel, doch entweder hatte sie sich getäuscht und ihre
Phantasie machte gerade Überstunden, da nichts mehr von dem Mann
zu sehen war oder aber hier geschahen Dinge, die sie mehr als nur beunruhigten.
Ruhe. Ein Wort, das ihr in diesem Zusammenhang zu oft durch den Kopf
schoss. Aber genau die brauchte sie jetzt dringend.
Innere Ruhe.
Sie drückte das Gaspedale durch.
Das Wetter verbesserte sich nicht im geringsten. Die
trübe Suppe hing noch immer über Schottland und dachte nicht
im Entferntesten daran sich zu verdünnisieren. Im Gegenteil.
Je öfter Kaie zum Himmel aufsah, desto sicherer war sie sich, dass
dieser beschlossen hatte jetzt und für immerdar so grau in grau
zu bleiben.
Ein kurzer Blick in den Rückspiegel, ehe sie abbiegen würde.
Ein kurzer Herzinfarkt noch dazu, denn abermals war ihr Spiegelbild
auf eine Art entstellt, die nicht ihr Aussehen betraf, wohl aber das
was sich hinter ihrem Gesicht verbarg.
Fast so, als wolle ihr Ich im Narzissenbild sie verhönen.
Der BMW rumpelte gerade über den Feld-Wald-und-Wiesenweg, der anstelle
einer richtigen Auffahrt zum Haus führte, als Kaie voll in die
Eisen ging.
Der Himmel war noch trüber, es herrschte, trotz des Regens sogar
dichter Nebel und die Farben der welt waren grau, braun, irgendwie matschig,
doch das war nicht der Grund für die Schulterausrenkende Vollbremsung.
Vor dem Wagen standen, irgendwie zwischen ziemlich dämlich und
einfach nur bösartig dreinschauende Ziegen. Eine Herde von gerade
einmal sieben Tieren.
Prinzipiell wäre das nichts Aufregendes gewesen, aber die Augen
der Zicken waren kalt, leblos – blenden weiß und leer. Sie
starrten einfach nur. Tot und durchdringend, mit einer bösartigen
Intelligenz beseelt.
Unwillkürlich musste Kaie an den Hof denken. An den Hof der Burg,
die sie bewohnt hatte mit ihren Eltern. An die Tiere und Ställe,
den Geruch, der dort herrschte, die Pferde, Schafe und die Ziegen.
Ohne eine Sekunde zu zögern, griff Kaie unter den Beifahrersitz,
klappte ihn hoch und zog die schwere Walther aus dem Fach darunter hervor.
Mit der Linken drückte sie auf den Schalter für Oberlicht,
hielt die Pistole ein Stück weit, nach oben zeigend aus dem Wagen
und feuerte.
Mit dem nachfolgenden Kawumm scheuchte sie die Viecher weg, aber nicht
weit.
In ein paar Metern Entfernung blieben sie wieder stehen und gafften
aus ihren hellen, leeren Augen zu ihr hinüber.
Kaie stieg aus, die Pistole noch immer in der Hand, sachte die Autotür
öffnend und ebenso sachte zuwerfend – so langsam wie das
eben ging, denn sonst hätte die Tür sich nicht geschlossen
und wer weiß, eines der Ziegenviecher wäre eventuell noch
auf den Fahrersitz gekrabbelt.
Schritt für Schritt setzte sie ihre Füße den morastig
werdenden Weg hinauf, beschleunigte ihre Schritte und lief das letzte
Stück bis zur Tür.
Die Ziegen glotzen sie nur an.
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„Was willst du?“, kam es von Willow, als
Shanessa ihr im Flur des Herrenhauses nicht den Weg frei machen wollte
– stattdessen hatte die andere ihre Augen fixiert und suchte nun
sie Niederzustarren, was ihr nicht wirklich gelang.
Was wusste Willow, dies war die Frage und entscheidend für Shane
– was hatte Adam der Hexenschlampe geflüstert.
„Hör mal, wenn du nichts zu sagen hast...“ Willow startete
den Versuch sich an ihr vorbeizudrängen, doch Shanessa zog es vor,
die Rothaarige gegen die Wand zu drücken.
„...Hey, was.....“, sofort funkelte Wut, gepaart mit Unverständnis
in Willows Augen.
Keine zwei Sekunden später fasste, unter heftigster Gegenwehr,
Shanessa Willows Gesicht zwischen ihre Hände, zog sie nähere
an sich heran.
Es widerstrebte ihr.
Willows Widerstand erstarb langsam, während Shanessas Augen so
tief in die ihren vordrangen – näher und näher kamen
sie einander.
Willows Arme sanken schlaff nach untern, ihr Gesicht versank in völliger
Geistesabwesenheit, leer und ergeben.
Angewidert presste Shanessa ihre Lippen auf die der Hexe, alle Informationen,
die sie benötigte, suchte sie in dem Geist der anderen, sammelte
selektiv alles zusammen und gliederte es in ihre Gedankenwelt ein.
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Die Tür krachte und die Anwesenden wandten sich
vom Fernseher ab, denn Kaies überstürztes und gehetztes Erscheinen
riss sie aus ihren Gedanken.
Statt jedoch der gaffenden Menge Rechenschaft abzulegen über ihr
Verhalten, lief sie ohne Umschweife zu einem der Wohnzimmerschränke,
öffnete ihn hastig und griff die Whiskeyflasche.
„Hey...“, begann Faith und wollte Kaie gerade antippen,
doch zuckte sie zurück, noch ehe sie sie berührt hatte. „...ähm.
Alles klar soweit?“
Kaie wirbelte herum. „Sieht das so aus?!“ Die bernsteinfarbene
Flüssigkeit schwappte hin und her, als sie die Flasche schüttelte.
Ray Cummings steckte seinen Kopf zur Tür herein, in seinem Gesicht
eine Mischung aus Sorge und Neugier, doch kam er nicht dazu irgendwelche
rethorischen Fragen zu stellen, denn Kaie fuhr augenblicklich fort.
„Irgendwas...irgendwas geht da draußen vor sich. Ich seh
in ein Fenster und sehe...mich.“
Faith schürzte die Lippen „Dann hast du vorher noch nie in
den Spiegel geschaut? Du siehst immer so aus.“
Kaie nickte bedächtig. Dann schlug sie zu.
Faith fiel über die Couchlehne, völlig überrascht von
dieser Attacke, aber im nächsten Moment rappelte sie sich wieder
auf, wenn da nicht Taras Hand gewesen wäre, die einer Autokralle
gleich, sich um ihren Unterarm legte.
„Lass mich, die blöde Kuh hat ne Abreibung verdient.“,
keuchte Faith, ihre blutende Nase völlig ignorierend.
Im nächsten Moment war Satinka zwischen den Streithennen ehe die
Sache eskalieren konnte. Mit einem Summen flackerte kurz ein Kraftfeld
zwischen der Jägerin und der Vamirdame auf.
„Schluss damit.“
„Schluss? Wir haben noch nicht mal angefangen.“, knurrte
Kaie. Sie rang um Fassung. „Wenn ich noch einmal einen dummen
Spruch höre...“
„Da hätte sie aber eher das Recht mir eine zu scheuern.“,
zischte Faith und deutete dabei auf Satinka.
Sofort hob Satinka die Brauen – offenbar verstand sie das als
Anerkennung und umgekehrt war ihr Stirnrunzeln eine Respektbezeugung
Faith gegenüber.
Kaie konnte auch nicht sagen was sie so hatte ausrasten lassen, immerhin
wusste sie um Faiths eigenartigen Sinn für Humor und bisher hatten
sie sich eigentlich nur aus der Nähe beschnuppert. Etwas Kühles
war in ihrer Hand und erst jetzt bemerkte sie die Flasche mit dem Glen
Grant. Leicht irritiert, ja ein wenig angewidert von sich selbst, starrte
sie den Hochprozenter an, den sie auf Abstand von sich hielt.
Dann nahm sie einen Hieb, ließ die brennende Flüssigkeit
ihren Rachen putzen und drückte den Whiskey Ray in die Hand.
„Okay... Erklärung zur Lage der Nation.“
„Wäre nicht die erste.“, schnaubte Kennedy, worauf
Kaie ihr einen säuerlichen Blick zuwarf.
„Mir ist soeben etwas .. begegnet. Ich sehe dauernd mich im Spiegel,
aber ich bin das nicht. Der Buchhändler hält sich für
Rumpelstilzchen, draußen wartet eine untote Ziegenherde, und achja,
wenn ich es nicht bester wüsste, hab ich soeben Jacob Grimm gesehen,
der schon seit rund hunderfünzig Jahren tot ist. Und? Ist euch
irgendwas aufgefallen?“ Mit gespannt geweiteten Augen blickte
sie in die Runde.
„Ziegen?“, fragte Ray.
Zögerlich hob Dawn die Hand. „Und wenn du Jacob Grimm sagst,
Kaie, meinst du dann, den von den Märchen der Gebrüder Grimm?“
Leicht irritiert sah Kaie ihren Schützling an – der war offenbar
gar nicht aufgefallen, dass sie sich neuerdings mit Vornamen anredeten.
„Ja, Ziegen. Geißen. Versteht ihr? Ich habe schon einiges
erlebt, aber ganz sicherlich nicht, dass irgendwelche Märchengestalten
plötzlich lebendig werden – nein, halt das wäre beinahe
gelogen. Jacob und Will haben damals über die Stränge geschlagen,
haben sich als angebliche Exorzisten finanziell über Wasser gehalten
–vergesst es, steht in keinem Geschichtsbuch. Geschichte wird
auch ganz gerne mal, anders interpretiert. Auf jeden Fall, was so ein
französischer General ziemlich sauer, weil irgendwas bei Marbaden
los war. Kinder, Mädchen verschwanden. Und da hat er die Brüder
festsetzen lassen, sie sollten für ihn die Leute ausfindig machen,
die im thüringischen Wald bei Marbaden ihr Unwesen trieben, weil
er wohl dachte, dass es auch irgendwelcher Hokuspokus-Schwindler waren.
Dumm nur, dass es Wirklichkeit war.“ Sinnierend starrte Kaie ins
Leere, so seltsam es war, aber sie musste automatisch dabei an ihre
Mutter denken. „Egal. Auf jeden Fall war damals der Teufel los.
Oder besser eine böse Königin“
„Klar was sonst. Solange es nicht die böse Hexe in ihrem
Pfefferkuchenhaus des Grauens ist.“, schmunzelte Vesta und ließ
sich in den Sessel fallen, zog ihre Pfeife heraus und begann sie zu
stopfen, ganz so als erwarte sie nun von der Allerersten eine Gutenachtgeschichte
zu hören oder um, nun da sie die Pfeife entzündete, selbst
zu erzählen.
„Und was sollen wir dagegen tun?“, meldete sich Dawn abermals
zu Wort.
Hinter ihr raunte jemand. „Erwachsenengespräch, Kleine. Geh
lieber mit deinen Puppen spielen.“ Sofort schoss Dawn Kennedy
giftige Blicke zu, die jeden anderen sicherlich auf der Stelle umgebracht
hätten, aber nicht Kennedy, die locker, lässig gegen die Wand
lehnte und lauschte.
„Ich würde...“
„Rumsitzen, in Büchern wälzen und über dann ne
kleine Seance abhalten, Stottertriene?“
Tara erröttete und Faith war sofort auf den Beinen, aber der Griff
ihrer Schwester, den nur jemand wahrnahm, der wusste wo er hinsehen
musste, wie Kaie, die das Verhalten der Schwestern in höchstem
Maße interessant fand, hinderte sie daran Kennedy zu Klump zu
schlagen. „Hier darf nur eine meine Schwester so nennen. Und zwar
ich. Klar?! Wehe du vergreifst dich noch mal im Ton. Darauf hab nämlich
nur ich das Copywrite!“
Tara errötete noch mehr. Dann fasste sie ihre Stimme. „Wir
sollten erstmal herausfinden was genau los ist. Bislang war es ja nicht
bedrohlich, oder?“, damit sah sie Kaie fragend an.
Nein, war es nicht, da hatte sie durchaus Recht. Und das war schon befremdlich,
doch wie lange, wie lange würde es so bleiben.
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Shanessa wurmte zwar noch immer, dass sie nicht das
ganze Gespräch zwischen Adam und dieser Hexe mitbekommen hatte,
doch immerhin hatte sie einen anderen Weg gefunden, zu erfahren was
sie interessierte.
Wieder in ihrem Zimmer hatte sie abermals damit begonnen sich in die
Tiefen der Bücher zu vergraben, suchte verzweifelt nach einem Anhaltspunkt,
derweil die unsinnigsten Gedanken durch ihr Hirn schossen.
Angefangen, davon, dass Adam mit Willow anbandelte oder umgekehrt, aber
das war unmöglich, denn die kleine Schlampe stand doch auf Frauen,
doch wer wusste schon, ob sie nur vorübergehend auf Lesbos angelegt
hatte und die Gestade der eigentlich griechischen Insel nun wieder verließ.
Bis hin zu dem Geschmack von Willow Rosenbergs Lippen, den sie immer
noch auf der Zunge hatte und wohl so schnell nicht loswerden würde,
egal wie oft sie sich den Mund ausspülte, wenngleich es natürlich
ihr eigenes Verschulden war, aber sie wollte nun mal wissen was die
beiden besprochen hatten und wenn man dies nur erfuhr, indem man die
Information aus jemanden heraussaugte, dann, zum Teufel, würde
sie es auch wieder tun.
Adams Lippen wären ihr bei weitem lieber gewesen – aber so
hatte Willow auch mal ihren Zweck erfüllt.
Eines der Bücher rutschte währenddessen von einem der babylonischen
Stapel, die Buchkante dellte, so wie es sich anfühlte, ihren Kopf
beinahe ein, sie schrie fluchend auf, verwünschten den Wälzer,
der ihr Haupt hatte spalten wollen, doch der schlug bereits eine Seite
auf.
Und diese zeigte Licht, dass das Wasser berührte – umringt
von einer grünen Mauer.
„Na klar...das ist dann wohl die Stelle an der man sagt: warum
bin ich nicht eher drauf gekommen.“ Shanessa stand ruckartig auf
und rannte aus dem Raum, denn womöglich war es schon zu spät.
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Der Wind bließ Willow die spröde Gischt
der See ins Gesicht, sie kniff die Augen zu, suchte den Schmerz den
das kalte Nass verursachte zu ignorieren, was ihr nur halbherzig gelang,
also drehte sie sich um, den Blick schweifen lassend über die kahle
Küstenregion Schottlands.
Unweit von hier, das fühlte sie, war Tara, aber sie konnte sich
den Luxus jetzt nicht erlauben. Immerhin tat sie das hier alles für
sie.
Davon abgesehen – obwohl sie nie mit den Messengern darüber
gesprochen hat, stellte sich doch die Frage, inwiefern deren Ziele doch
nicht so falsch seien. Wer konnte das schon sagen?
Nein, nicht jetzt, sie würde später darüber nachdenken.
Zunächst galt es den Turm zu finden.
In der Ferne, wenn das Licht das Wasser berührte, in einer grünen
Mauer, so würde man ihn finden können, hatte ihr Adam erzählt.
Natürlich. Eine grüne Mauer war hier ja auch überall
zu sehen.
Also atmete sie einmal tief durch und machte sich daran den Weg, die
Hügel hinauf.
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„Sind die Viecher noch da?“, erkundigte
sich Dawn über Kaies Schulter hinweg, deren Pupillen fasziniert
an der Ziegenherde hafteten und jede Bewegung genauestens beobachteten.
„Ja....“
Die Wächterin hatte, so seltsam es auch klang, nicht den Mut gefunden,
auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen. Irgendetwas, von
dem sie nicht einmal selbst sagen konnte was es war, kroch wie eine
grimmige Hand ihr Nervensystem entlang und quetschten ab und an ihr
Herz, lehrte sie das Fürchten, wenngleich und zum Glück niemand
gleich mit seinen eigenen Knochen kegelte, wie Kaie tapfer grinsend
überlegte.
„Alles klar?“ Ihrem Schützling war die Angst der Allerersten
nicht entgangen. Was sie wohl von Kaie denken mochte, jetzt da sie die
fast nackte Panik auf der Stirn ihrer Wächterin geschrieben sah.
„Ja...“ Lügnerin. „Nein. Ich weiß nicht.
Irgendwas ist da draußen und will, dass ich rauskomme. Ich fühle
das.“ Sie blickte über den Hof und fragte sich wo Satinka
und Oz waren, die als Spähtrupp hinausgegangen waren .
In der Mitte der Eingangshalle hockte Vesta, umringt von Kerzen, die
ein Pentagramm bildeten, in einem Kreis aus Arabiklumharz, neben sich
eine Athame und vor sich eine kleine Schale aus der dichter Qualm in
alle Ritzen des Hauses kroch. Die kleinen Lichtgeister an der Decke
spielten regelrecht verrückt, ob aber aus Begeisterung oder weil
sie den Geruch genauso wenig leiden konnten wie Kaie, deren Nasenscheidewand
sich bereits zu kräuseln begann, konnte sie nicht sagen.
Völlig hektisch tippe Dawn Kaie mit einem Mal auf die Schulter
und deutete zum Fenster hinaus, in dem Kaie wieder nur sich selbst,
verzerrt und dämonisch sah. „Siehst du es auch?“
Konsterniert sah Dawn sie an. „Was? Ich meine Sati ... oder ist
das Oz?“
Ihren Schauder überwindend näherte sich Kaie dem Fenster.
„Oh, Scheiße....“ Sie wirbelte herum und schrie. „Die
Tür!“
Wie auf Kommando schoss ein blauer Funken den Flur hinab, verharrte
kurz vor der Tür, worauf eine menschliche Form aus ihm löste
und Tara schließlich die Hand auf die Türklinke legte. Kaum
hatte sie diese gedrückt, splitterte kreischend Holz, als eine
pelzige Gestalt gegen sie krachte, über den Boden schlitterte und
nur von Vestas beherztem Eingreifen gestoppt wurde – sie schnippte
in Richtung der Kommoden, deren Schubladen aufflogen und die Decken
und Tischtücher hervorschossen, ein Fangnetz mitten im Korridor
errichteten und die Kreatur auffingen.
Ein zweiter Pelzball hechtete, allerdings weitaus eleganter, in den
Flur, schlug seine Krallen derart heftig in den Holzboden, um zu bremsen,
dass jeder Innenarchitekten in Ohnmacht gefallen wäre.
Der Werwolf fletschte die Zähne, knurrte und schabte mit den Krallen
weiter auf dem Boden, dem Angreifer bedeutend, dass dieser es sich schwer
mit ihm verscherzen würde.
An Tara vorbei sprang eine Frau, in Jägerskluft, an die teils Felle
erlegter Tiere angenäht worden waren, den Bogen hoch erhoben und
einen Pfeil auf die Sehne gespannte.
Im gleichen Augenblick trat Faith vor, ihre Waffe, zum Bogen ausgefahren
nun auf die andere Frau richtend.
„Keinen Schritt weiter.“
Die Frau sah grimmig zu Faith, senkte aber ihre Waffe nicht, sondern
spannte den Bogen noch ein Stück mehr, pustete sich eine braune
Locke aus dem Gesicht und machte Anstalten einen Schritt nach vorn zu
machen.
„Das glaube ich einfach nicht.“, entfuhr es Kaie, die natürlich
alles mitbekommen hatte, ihr Blick haftete an der Frau, die noch immer
unbeweglich ím Türrahmen stand. „Angelika?“
Ruckartig drehte die Frau, immer noch auf den Werwolf starrend, den
Kopf und blickte schließlich ganz zu Kaie. Ihr Gesichtsausdruck
sagte eindeutig: ich kenne dich.
„Wieso kam die hier rein?“, keifte Faith in Richtung Vesta.
„Dummerweise sind Menschen in dem Schild nicht mit inbegriffen.“
„Na, dann sieh mal zu, dass das so wird!“
Im selben Moment, da Vesta die Augen verdrehte, kurz eine Prise aus
einem Beutel in den Ring streute, kamen zwei Männer die Stufen
emporgehastet, sich offenbar streitend – und knallten gegen eine
unsichtbare Mauer, die sie auf den feuchten Boden der Tatsachen zurückwarf.
„Was zur Hölle?“, keuchte der eine.
„Du wirst mir wohl nie glauben...“, begann der andere.
Darauf gab der Erste eine raunendes Stöhnen von sich. „Bohnen,
Jake. Zauberbohnen.“
Die Frau, die Kaie mit Angelika angesprochen hatte, drehte sich um,
wobei sie ihren Bogen senkte.
Inzwischen verwandelte sich der Werwolf, der nun aufhörte die Zähne
zu fletschen, zurück, sein Fell fiel von ihm ab und in kürzester
Zeit stand eine erschöpfte, dummerweise auch sehr nackte Satinka
im Korridor.
Kaie achtete nicht auf sie, doch die anderen schienen auf einmal peinlich
berührt, Satinka zuckte nur mit Achseln. „Das ist das Problem
daran – man verwandelt sich nie mit Kleidung.“ Ohne ein
Wort zu sagen, warf Tara ihr eine Decke über und ging neben Oz
nieder, der, allmählich auch wieder Mensch, ebenfalls eine warme,
faserige Abdeckung bekam. Ihre Augen wurden groß.
Dieweil sah Kaie Adams auf die beiden Männer vor der Porch, stutzte
und begann zu lachen.
„Lasst sie rein...“, rief sie lachend, fast rollten ihr
Tränen die Wangen hinab.
„Nun mach schon.“, bellte Faith darauf in Richtung Vesta.
„Könnt ihr euch mal entscheiden, Tür auf, Tür zu...abgesehen
davon: nicht in diesem Ton.“
„Sofort!“, herrschte Faith.
„Na, also, geht doch.“
Die amtierende Jägerin dachte allerdings nicht daran, ihre Waffe
wegzustecken, sondern richtete nun die Spitze des summenden Pfeils aus
Licht auf die beiden Männer, die sich die Treppe nunmehr hochschleppten.
„Und wer sind die Typen da? Butch und Sundance?“
Der Brillenträger hob irritiert den Kopf „Wer sind Butch
und Sundance?“, fragte er, leicht nuschelnd.
„Was hat der gesagt?“
Und dann auch noch auf Deutsch genuschelt.
„Das sind...naja, das sind Jacob...“ Kaie deutete auf Vierauge.
„Und Wilhelm Grimm.“ Womit sie den Blondschopf meinte, der
sich mit stolz geschwellter Brust in Pose stellte.
„Was immer diesen Ort auch bedrücken mag...“ Mit dem
Anfang von Wilhelms Rede verdrehte Angelika die Augen und verstaute
den Pfeil im Köcher.
„Geschenkt, Will.“, begann Kaie in klarstem Deutsch, das
Vesta die Augenbrauen in die Höhe trieb. „Wenn, dann habt
ihr ein Problem.“
„Und welches wäre das?“, wollte Wilhelm wissen. „Abgesehen
davon, dass der Ort hier wie verhext scheint mit selbstfahrenden Kutschen
und so fort. Wer auch immer diesen Hokuspokus veranstaltet, sein Budget....“
„Kannst du dem mal sagen, dass er so reden soll, dass ich’s
verstehe.“, fauchte Faith, senkte den Bogen, wobei sie einen kleinen
Knopf drückte und die Waffe sich automatisch selbst zusammenklappte.
Jacob deutete auf Faith und den Bogen. „Oh... Will, hast du...
hast du das gesehen?“
„Will. Sag mal...welches Jahr haben wir?“, fragte Kaie diesmal
in Englisch.
„Ähm, 1809....“
„Will.“ Neugierig sah sich der Ältere im Haus um, dann
tippte Jacob seinen Bruder an. „Ich glaube kaum dass wir uns im
19. Jahrhundert befinden.“
„Das hast du soeben schon behauptet, als du diese Zeitung gefunden
hast.“, fuhr ihn Wilhelm an. „Bohnen.“ Er dehnte das
Wort wie einen Kaugummi im Mund. „Zauberbohnen, Jake. Jemand versucht
uns in die Irre zu führen. Nur der Grund....“
„Und wie erklärst du dieses Gefährt existiert, dass
uns fast überfahren hätte?“
„Ockhams Gesetz.“, erwiderte Wilhelm.
„Oh, ja natürlich. Simplifikation der Wissenschaft.“
„Jungs.“, rief Kaie dazwischen. Dabei hob sie die Zeigefinger
beider Hände mit einem extrem bissigen Gesichtsausdruck. „Erstens
ist Ockhams Gesetz etwas, dass sich nur ein Mensch ausdenken kann, der
versucht die Geschehnisse im Universum auf die einfachste Art zu erklären
und bloß nicht an andere Möglichkeiten zu denken und außerdem...“
Ruppig nahm sich Jacob seine Harry-Potter-Brille ab. „Ah, siehst
du, Will. Gottfried Leibniz war auch ein Logiker. Das Prinzip der Vielfalt.“
„Natürlich...was ist wohl wahrscheinlicher? Dass jemand eine
futuristisch anmutende Gegend errichtet oder das wir eine Zeitreise
gemacht haben.“
„Und außerdem..“, Kaie schrie bereits. „Haben
wir das Jahr 2002 und ihr zwei seit tot. Ich war auf euren Beerdigungen.“
Sofort verstummten die beiden Streithähne und sahen dermaßen
dämlich drein, dass Jerry Lewis dagegen wirkte wie ein Wissenschaftler
mit einem halben Dutzend Doktortiteln.
„Tot?“, fragte Wilhelm, er fiel wieder ins Deutsche.
„Wie jetzt? So richtig?“, wollte Jacob wissen und setze
seine Brille wieder auf.
Kaie nickte. Niemand sprach, erst Angelika, die Fallenstellerin brach
die Stille als sie Kaie die Hand auf die Schulter legte. „Wie
kann es dann sein, dass wir hier sind?“
„Und das, Leute...“, schaltete sich Vesta, ebenfalls in
ihrer Muttersprache sprechend, ein. „...das ist die Frage.
Faith verzog das Gesicht, als hätte vor dem Fenster gerade ein
Tankwagen mit Gülle gehalten und schürzte die Lippen. „Ich
hab noch eine Frage. Wieso verstehe ich dich auf einmal, wenn du Deutsch
redest?“
Niemand reagiert.
Dann meldete sich eine Stimme in breitestem Englisch. „Ich habe
das Haus darum gebeten.“ Eilis stand auf den Stufen in der Mitte
der Treppe, hinter ihr Jack, der aufmerksam in die Runde sah. „Es
wird übersetzen. Solange ihr hier seid.“ Dabei sah sie leicht
verträumt aus, fast so als hätte sie ihre Verletzung noch
nicht ganz weggesteckt. Wie beiläufig nahm Jack ihre Hand, als
er zu Tara hinab sah, die über Oz gebäugt auf den Dielen unter
ihnen hockte. Wachsamkeit kroch in Eilis Augen und sie suchte Vestas
Blick. „Ihr solltet euch um Oz kümmern. Er ist verletzt.“
Jacob Grimm deutete auf das Mädchen. „Also, die ist ... nicht
von dieser Welt.“
„Vesta.“, sagte Tara und die andere Hexe reagierte sofort
auf ihren Namen. „Ich weiß nicht was ich machen soll...“
Panik fieberte in ihren Augen.
Aus Oz Flanke, unter der Decke hervor, ragte das gefiederte Ende eines
Pfeils hervor.
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Dort wo Licht das Wasser berührte, eine blödere
Formulierung konnte es beim besten Willen nicht geben, so simpel sie
klang, so sehr knobelte Willow an der Lösung, auch wenn sie ziemlich
sicher war, lediglich ein Brett vorm Kopf zu haben und die Lösung
sicherlich jedem Viertklässler eingefallen wäre.
Nach längerem Marsch erreichte sie ein wie aus dem Nichts auftauchendes
Wäldchen, das sich hinter einer Senke versteckt gehalten hatte,
auf den ahnlungslosen Wanderer regelrecht lauernd.
Und im gleichen Moment hätte sich Willow ohrfeigen können
– denn der feine Nieselregen, der dort niederging, wurde von ein
paar Lichtstrahlen angestrahlt, was man nur in Form eines schwachen
Regenbogens wahrnehmen konnte.
Licht berührt Wasser. An einer grünen Mauer.
Tatsächlich Mauer, denn dieses Wäldchen, wie man es aus Entfernung
Scherzhafterweise bezeichnen mochte, entpuppte sich beim Näher
kommen als ausgewachsener Wald oder als Wäldchen, das größer
wurde, sobald man sich ihm nährte. So kam es Willow immerhin vor,
denn mit jedem Schritt, den so bald nur noch zögerlich machte,
war es, als wucherten die Bäume drohend vor dem sich Nähernden
und wollten dadurch sagen, noch ehe man den Rand ihres Reiches berühren
konnte: bis hierhin sollst du kommen und nicht weiter.
Abgesehen von diesen floristischen Drohgebärden, wollte der Wald
niemanden hereinlassen mit einem Dornenbewehrten Stacheldraht als Abschreckung,
einer gigantischen Rosenhecke, die zwar wenig Blüten trug und diese
waren auch gerade einmal dunkelrot, fast schon schwarz, aber dafür
umso mehr Dornen dem Wanderer entgegen reckte.
Ob ihr der Wald sagen wollte, dass sie, Willow Rosenberg, hier falsch
war?
Ob sie umkehren sollte, weil sie den falschen Weg beschritten hatte
oder weitergehen musste, um es zu Ende zu bringen.
Gab es noch ein Zurück? Hatte sie eine Wahl?
Je näher Willow kam, desto hartnäckiger bohrte sich der Gedanke
in ihren Geist, ließ sich nicht abschütteln, denn er wollte
erhört werden.
Trotz ihres olivgrünen Parkas fror Willow, sie straffte die Aufschläge,
verschnaufte und stapfte weiter den Weg entlang bis sie dicht vor der
Hecke stand.
Zaghaft, ohne Hast, aber mit einer gehörigen Portion Nervosität,
streckte Willow die Hand aus, doch nichts tat sich, obwohl sie sich
vollkommen darauf konzentrierte, all ihre Kraft, ihre Gedanken in die
Fingerspitzen zu legen. Aber die Hecke hatte an diesem Tage keine Lust
oder Willow hatte vergessen ihre Magiepillen unter die Frühstückszerialien
zu rühren.
Sie seufzte.
Ihre Schultern sackten nach unten.
Im nächsten Moment zog sich die Hecke zurück, wie ein Knäuel
stacheliger Schlangen und gab den Weg frei.
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„Guter Gott. Dieses... wie nennt man es noch
gleich?“ Wilhelm Grimm blickte fragend in die Runde.
„Fernsehen.“, kam es gelangweilt von Faith.
Mit zitternden Händen, ob aus Unsicherheit oder vor Erregung konnte
Faith nicht sagen, hielt der Bruder die Fernbedienung. „Also,
dieses Fernsehen ist erstaunlich. Man kann praktisch die ganze Welt
sehen.“
Kaie umrundete die Couch, sie jedoch zitterte leicht, nervös und
abgefrackt. „Und die ganze Welt manipulieren mit dem Mist, den
die zeigen.“, murmelte sie.
Inzwischen war die Küche zum Feldlazarett umfunktioniert worden,
in der, wie Faith mit einem Seitenblick vorbei an der Vampirlady feststellte,
die beiden Hexen den Pfeil aus Oz’ Rippen zogen, wobei sie offenbar
aus dem armen Kerl ein Räucherwürstchen machen wollten, denn
sie fackelten schon wieder irgendwelches Zeug in einer Schale ab. Was
weiter geschah konnte Faith nicht sehen, denn Kaie trat direkt in ihr
Sichtfeld. „Wäre es so unmöglich, dass sie aufhören
rum zu rennen wie ein aufgescheuchtes Huhn?!“
Abwehrend und beschwichtigend zugleich hob Kaie die Hand, ließ
sie aber sofort wieder sinken, denn Faith schaute bereits in eine andere
Richtung, also atmete Kaie einmal tief durch, versuchte ihre Gedanken
zu ordnen, um einen Hinweis aus ihrem Unterbewusstsein zu erhaschen,
was hier genau vor sich ging.
Nichts. Nada.
Wie ein Autor, der plötzlich nicht mehr weiter wusste, ungefähr
hatte er eine Ahnung in welche Richtung es zwar gehen sollte, aber sonst
nicht wusste, wie er seine Charaktere bewegen sollte.
In der Küche biss Oz derweil die Zähne zusammen,
während die scharfen Dämpfe bereits dafür sorgten, dass
sich seine Nasenscheidewand kräuselte.
Mit reinem Willen war es Tara gelungen den Pfeil, der, Gottseisgedankt,
nicht vergiftet war, zwischen der letzten und vorletzten rippe hervorzuziehen,
aber die Wunde war alles andere als ein harmloser Mückenstich.
Die noch übler riechende Pampe, die Vesta im Schweiße ihres
Angesichts zusammen gerührt hatte, wobei ihr die Fallenstellerin,
die netterweise ihr Geschoss auf ihn abgefeuert hatte, mit einigem Sachverstand
half, wurde nun Satinka gereicht.
„Angst?“ Die Navajo grinste beflissen.
Oz versuchte auf den Scherz mit einem Lächeln einzugehen, aber
offensichtlich hatten seine Gesichtsmuskeln beschlossen mit denen seines
Oberkörpers eine Einheit einzugehen und so ziepte es nicht schlecht,
so dass ihm der Versuch der Fröhlichkeit gleich wieder entglitt.
„Ich denke das wird wieder...“ Ohne noch eine Reaktion abzuwarten
strich Satinka den Pamps entlang der Ränder der Wunde.
„Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen.“, was Angelika,
die Fallenstellerin wähend der vergangenen zwanzig Minuten sicherlich
ein gutes Dutzend mal gemacht hatte.
„Das war meine Schuld.“, versuchte Oz sie zu beruhigen.
„Ich hätte nicht aussehen dürfen, als hätte ich
gerade Rotkäppchen gefressen.“
„Heureka!!“, schallte es aus dem Korridor was Satinka aufschreckte
– Oz Augen wurden so groß wie die des Wolfes, der die Geißlein
erblickt hatte – allerdings vor Schmerz.
„Entschuldige.“, hauchte Satinka, sogleich funkelte sie
den Freudenschreier böse an. „Was soll der Blödsinn.“
„Rotkäppchen, das ist es. Wieso bin ich nicht auf die Idee
gekommen?“, war die dürftige Erklärung von Jacob Grimm.
Oz zog eine Augenbraue hoch. „Wie sollte sie denn sonst heißen?“
„Rotmäntelchen.“
Und schon ging die andere Braue an die Decke – nicht zu vergessen
die ziemlich dämlichen Gesichter der anderen.
„Rotmäntelchen und der Wolf? Wie klingt das denn?“,
erfragte Dawn, die an dem Bruder Grimm vorbeiging, sofort eine Höhlenforschung
in den Grotten von Kühlschrankia in Erwägung ziehend, dann
aber doch noch die bereits geöffnete Flasche bemerkte und sie sich
zur Brust nahm – beziehungsweise zu den Lippen. „Dann kann
man ja gleich Rafunzel sagen.“
„Ähhh....“ Mit erhobenem Zeigefinger setzte Jacob gerade
an, als sich Kaies Hand auf seine Schulter legte.
„Jake. Lass gut sein. Wir sollten rausfinden warum ihr hier seid.“
Jacob zog die Brauen hoch. „Und dann? Wenn ich dich richtig verstanden
habe, dann sind wir bereits tot. Begraben. Wenn das so ist, wie können
wir hier sein?“
Angelika sah prüfend in die Runde, als erwarte sie, dass jemand
eine Lösung parat hätte, leider aber sahen alle gleichsam
ratlos drein.
„Wenn...“, setzte Kaie an, aber das Klingeln des Telefons
unterbrach sie und hörte nicht auf zu nerven.
„Was ist das?“, schallte es von Wilhelm aus dem Wohnzimmer.
Angenervt erhob sich Faith, die das Untätig sein offenbar gründlich
satt hatte und man schon regelrecht den Schaum vorm Mund sehen konnte
- zumindest bildete sich Satinka diesen ein. „Ich geh schon.“,
sagten beide wie aus einem Munde und lieferten sich am Apparat ein Blickduell,
dass Satinka zwar nicht verlor, wohl aber ein altes Sprichwort bedachte,
dass da hieß: Ein Rückzug, um ein Reich zu schützen
ist keine Niederlage.
Faith nahm den Hörer ab. „Ja?!“ Ein paar Sekunden vergingen.
„Wer? Ich hab keinen Dunst was ....ähhh.....Moment.“
Mit dem Zeigefinger bedeutete sie Tara ohne Umschweife zu ihr zu kommen
(„Schnabbel halten, sie kommt.“), dann deckte sie den Hörer
ab. „Irgendwer namens Cassandra.“
Taras Augen weiteten sich in einer Ahnung, Verwunderung oder einer emotionalen
Reaktion, die Satinka völlig unbekannt war. Leise Bewunderung kroch
in die Mundwinkel des Indianermädchens.
„Hallo?“, sprach Tara in das Empfangsteil. „Ja, ich
erinnere mich..... d-das Buch? ....wirklich? Aber....“ Fast eine
Minute lang herrschte Stille, dann legte Tara mit einem gehauchtem „Danke.“
den Hörer wieder auf die Gabel. Ihr Gesicht war eine unergründliche
Maske.
„Alles klar?“, erkundige sich Dawn automatisch. „Hey...“
„Das ist m-meine Sch-Schuld.“
Die Anwesenden sahen sich an, keiner von ihnen verstand auch nur ein
Wort. „I-ich hab blöderweise ... ein Buch eingeknickt.“
Der Bann war gebrochen und beinahe hätte Faith aufgelacht, wenn
sie den Gesichtsausdruck ihrer Schwester nicht gesehen hätte und
die „Still“-Hand von Vesta begleitet von einem warnenden
Blick.
Und so begnügte sich die Jägerin mit der simplen Frage: „Wieso
ein Buch eingeknickt?“
Fünf Minuten später hätte Vesta Faith
am liebsten den Kopf kahl geschoren, denn die Dunkelhaarige (wie lange
noch?) bewies einmal mehr, dass sie durchaus die Feinfühligkeit
eines Schlachthofgesellen hatte.
Faith lachte nämlich herzlichst, dummerweise so sehr, dass auch
Vesta sich irgendwann auch nicht gegen ein leichtes Zucken in der Mundwinkelgegend
zur Wehr setzen konnte. Aber die Griechen hatten Trojas Mauern bislang
nur zum Erbeben gebracht, also raffte Vesta die Reste ihrer Contenance
und dachte an Frey, um einen möglichst betrübten Gesichtsausdruck
zu wahren.
Denn irgendwie war die ganze Situation schon etwas aberwitzig –
Tara hatte aus Versehen der Seite eines Buches ein Eselsohr verpasst
(allein wem war so etwas noch nicht passiert), wohlgemerkt eines Buches,
das nicht ihr gehörte, doch anstatt den Fauxpas zu melden, hatte
sich die junge Frau gedanklich notiert den Schmöcker in den kommenden
Tagen zu kaufen.
Das Gewissen, dass sie nun plagte war eines dieser berühmten Kaufhausgewissen,
die einen Menschen, sofern ihm nicht alles an seinem Allerwertesten
vorbeiging, wie es offensichtlich bei Faith der Fall zu sein schien,
schon mal ins Schwitzen brachte und hoffen ließ, dass niemand
merkte, dass ihm der Henkel einer Tasse aus einem sauteuren Service
abgebrochen war und er dann die geschundene Tasse so drehte, dass niemanden
auffiel was geschehen war.
Allerdings bei einem Eselsohr einen solchen Aufstand zu machen, schien
sogar Vesta, zunächst, reichlich übertrieben.
„Das Buch gehört nicht gerade zu den Allerneuesten.“,
erklärte Tara.
Gut, an dieser Stelle wurde es verständlicher. Jeder Bibliothekar
wurde schon mal grün, wenn er allein bei neuen Büchern einen
Umgang durch den Nutzer erblickte, die an fahrlässige Tötung
eines bibliophilen Gegenstandes grenzte. Bei Gebrauchsliteratur war
dies noch verzeihlich, immerhin diente die Bibliothek den Kunden, nicht
umgekehrt. Zumindest sollte sie das.
Allerdings bewegte sich hier der geneigte Bibliotheksbenutzer auf dünnem
Eis, wenn er glaubte, sich einen gleichen Umgang mit antiquarischen
Büchern leisten zu können.
Alldieweil hatte sich Kaie unter den mehr als neugierigen Blicken von
Jacob, der immer wieder ein spocksches „Faszinierend.“ von
sich gab, an den Computer gesetzt.
Nun klapperte sie einige Online-Antiquariate ab, auf der Suche nach
einem Hinweis und der Lösung, warum sie diese Halluzinationen hatte.
Denn all das was Kaie sah, auch wenn die anderen es zum Teil nicht sahen,
so stimmten jedoch alle zu, hatte mit dem Buch angefangen. Es galt die
Verbindungslinien zu ziehen.
„Bingo.“
Mit leicht besorgter Miene beugte sich Ray zu dem Bildschirm hinab.
„Und?“, fragte er und seine Stimme war ein deutlicher Spiegel
seines Gesichtes.
Wehmütig dachte Vesta an Frey. Wie es ihr wohl in den Staaten erging?
Hoffentlich war sie nicht den Häschern ihres Vaters in die Finger
geraten – obwohl Vesta ihrer Freundin und Mitstreiterin durchaus
zutraute, dass sie sich selbst stellte.
„Naja, soweit ich das sehe, hatten einige Antiquariate dieses
Buch. Es ist durch viele Hände gegangen und war nicht einmal alleine
dabei. Es gibt hier mehrere Exemplare, alle aus demselben Jahr. Aber
nur eines hat den weg hierhin gefunden.“
Einzig Rays Stirnrunzeln verriet, dass er an dieser Stelle ebenso wie
die anderen, den Faden verloren hatte. „Wie bitte findest du einen
bereits verkauften Artikel wieder? Ich weiß, dass man bei ebay
das herausfinden kann, aber dann muss man...“
„Oh, heutzutage kauft man in der Regel nur noch online. Also mussten
sich die Buchhändler selbst wiederum Kniffe einfallen lassen, wie
sie an ihre Informationen herankommen. Die Buchkataloge Bibliophiler
gibt es heutzutage online und so ist es kein Problem den Weg eines Buches
zurückzuverfolgen. Außerdem habe ich mir auf einem externen
Rechner ein Programm abgelegt. Damit kann ich diverse Online-Antiquariate
durchforsten.“
„Wovon redet sie?“, fragte Jacob.
Ray schürzte die Lippen, wägte sichtlich ab, wie er dem Mann
aus dem 19ten Jahrhundert verklickern sollte, was da auf dem bunten
Schirm abging. „Kurz gesagt, sie weiß wie man Bücher
wieder findet.“
„So schlau war ich auch schon.“, kam die bissige Antwort,
offenbar sah der Bruder seine Intelligenz beleidigt.
„Ist doch egal jetzt.“ Kaie stand auf. „Irgendwer
hat mehrere Exemplare dieses Buches herumgereicht, von einem Händler
zum anderen, seine Spuren sind so gut verwischt, dass ich nicht sagen
kann wer es war, aber... offenbar hat man versucht mir dieses Buch anzudrehen.
Denn irgendwann wäre ich darüber gestolpert.“
„Ahja...“, machte Kennedy plötzlich. „Und wozu?“
„Ich weiß nicht. Mich in den Wahnsinn zu treiben? Ich habe
keine Ahnung.“
Schmunzelnd wandte sich Kennedy ab und murmelte etwas in ihren nicht
vorhanden Bart, womit sie sich einige vereiste Blicke von Kaie einfing,
die mit ihren Vampirohren alles verstanden zu haben schien.
Neben ihr tauchte Wilhelm auf. „Und nun? Was hat das mit uns zu
tun? Sollen wir dich etwa in den Wahnsinn treiben?“
„Da hat er nicht ganz Unrecht. Das ergibt keinen Sinn. Wozu sollte
dir jemand ein Buch andrehen wollen, das dafür sorgt, dass....
naja, plötzlich Fabelwesen –nichts für ungut (sprachs
mit besänftigender Geste zu Jacob)- und dergleichen überall
auftauchen. Außerdem müsstest du es doch beschädigen.“,
sagte Ray und zu Tara gewandt. „Oder hab ich da was missverstanden?“
Kaie sah, aus den Augenwinkeln vernahm sie wie Tara zaghaft den Kopf
schüttelte, wiederum Vesta hilfeheischend an, die aber zuckte mit
den Schultern. Allzu sehr war Vesta bei Frey gedanklich verhaftet gewesen,
die ganze Zeit über, in der die anderen diskutierten war sie nur
halb dagewesen. Nun riss sie aber, wiewohl gar nicht Rays beharrliche
Fragen oder Kaies Blick, ein Blinken auf dem Schirm des Computers aus
ihrer Gedankenwelt. „Ähm.. Leute. Schaut mal.“
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Shanessa hatte beobachtet wie Willow sich einen Weg
durch das Gestrüpp des Waldes gebahnt hatte, wenngleich nicht mit
dem Schwert wie der tapfere Königssohn, aber mit ihrer lächerlichen
Magie war sie weit gekommen. Für Shanessa war dies keine große
Herausforderung gewesen.
Immerhin hatte sie die Gabe jedem Wesen ihren Willen aufzuzwingen –
das galt auch für Pflanzen, denn, auch wenn es für die Vegetarier
an dieser Stelle eng wurde, aber Pflanzen gehörten nun mal mit
zu den Lebewesen, was für Shane kolossal praktisch war.
Nun war Schnelligkeit angesagt, wenn sie vor Willow an den Apfel wollte,
aber auch nicht zu schnell, denn, wer ehrlich war, würde nur allzu
gerne so lange warten, dass der andere eben noch kapieren würde,
wer ihm die Tour vermasselt hatte.
Und genau das hielt Shanessa davon ab, zu hastig vorzugehen.
Sie belauerte Willow gerne, wenngleich sie dies niemals offen zugeben
würde, dennoch strahlte diese junge Frau eine seltsame Anziehungskraft
aus.
Die letzte Zeit hatte Shanessa sich heimlich in den Überwachsungsraum
des Unterschlupfes geschlichen, der eigentlich ganz und gar Mauras Reich
war. Ihr war aufgefallen wie viel Zeit Willow allein mit der Auswahl
ihrer Kleidung verbrachte. Fast so, als hätte sie nie gelernt,
sich für einen halbwegs vernünftigen, nicht zu sagen, erwachsenen
Stil zu entscheiden.
Andererseits bot die Garderobe, die Nathan ihr zur Verfügung stellte,
keine Kleidung, die man als infantil bezeichnen konnte – trotzdem
hatte sie oftmals das ein oder andere zunächst in Händen,
das merkwürdig an den Versuch eines Teenagers erinnerte, der sich
mühte sich wie ein Erwachsener zu kleiden.
Etwas, das Shanessa nur belächeln konnte – sie hatte erwachsen
werden müssen, für sich und ihre Schwester, denn niemanden
schert es einen Dreck, wenn du keine Verwandten hast, was dann aus dir
wird, wenn deine Eltern sterben. Niemanden.
Alle Leute, diese Sozialamtsheinis und all die anderen, die immer wieder
versucht hatten ihr Brenda wegzunehmen, all diese heuchlerischen Staatsdiener,
hatten doch keine echte Anteilnahme. Sie vergaßen einen doch allerspätestens
auf dem Weg nach Hause. Oder aber sie waren engagiert, doch der Rückhalt
fehlte – oder besser das Geld von Staat und Gesellschaft. Gesellschaft.
Dazu zählten sich die Firmen offenbar nicht. Das größte
Übel, wie Shanessa mittlerweile sicher war, war das verdammte Geld.
Inzwischen war Willow vor den Turm getreten, sie hatte ihn entdeckt,
was Angesichts seiner Größe und des Umstandes, dass er mitten
auf einer Lichtung stand, unvermeidlich gewesen war.
Ein Turm an ferner Küste, umgeben von einer grünen Mauer,
wo das Licht das Wasser berührte, gigantisch, filigran und sogar
zerbrechlich, dennoch uralt und mächtig wie der Zeigefinger eines
Riesen, älter als der Mensch und nicht zu finden von jenen, die
nicht wussten wonach sie zu suchen hatten.
Aber Shanessa und Willow wussten auf was sie achten mussten.
Die Steine waren verwittert, vom Wasser und Zahn der Zeit zernagt, überwuchert
von Gestrüpp, Pflanzen aller Art, bewohnt von Kleingetier und jeder
einzelne schon so porös wie ein Schwamm.
Rings um den Turm, Stonehenge im Kleinformat nicht unähnlich, wachten
Steine, dreimal so groß wie ein Mann, über die Lichtung,
fast so erweckten sie den Eindruck, als wollten sie jeden, der eintrat
überprüfen. Doch mehr als unbewegliche, steinerne Riesen waren
sie nicht.
Trotzdem wirkte Willow vorsichtig, bedacht, fast ein bisschen andächtig,
als sie noch gerade noch verwegenen Schrittes dahergekommen war, als
sie nun die Steinriesen passierte.
Doch nichts geschah.
Die Sphinxen stellten keine Fragen und erwarteten demnach auch keine
Antwort.
Oder aber doch und nur die Frage blieb unverstanden – doch wie
sollte man antworten, wenn man die Frage nicht verstand.
Shanessa huschte ihrerseits an den Stonehengeimitaten vorüber,
sogleich durchfuhr sie das flaue Gefühl aus dem falschen Grund
hier zu sein, doch schüttelte sie dieses sofort wieder ab und konzentrierte
sich auf ihre Aufgabe.
Nämlich die kniffelige Rätselfrage, wie man in den Turm gelangte.
Kaie wog ihr Schwert, treu wie es war, in der Hand,
dann ließ sie die fledermausähnlichen Klingen zurückschnappen
und ging in Richtung Haustür. Dort stoppte sie, kritisch beäugt
vom Rest der Anwesenden.
Sie wirbelte auf dem Absatz herum.
„Was? Spuckts aus.“
Niemand sprach
Zunächst jedenfalls.
Dann hob Jacob den Finger, er war schon immer derjenige gewesen, das
das Passende zum unpassenden Zeitpunkt zu sagen hatte, das was andere
nicht hören wollten. „Also, vielleicht sollten wir mitkommen.
Will und ich.“
„Woooo....Moment mal, lass mich da bitte heraus.“, mit der
flachen Hand wollte Wilhelm schon den Vorschlag beiseite fegen.
„Aber wieso? Wir sind doch deswegen hier. Oder nicht? Das hängt
doch alles miteinander zusammen. Unser Auftauchen, diese merkwürdigen
Ereignisse, von denen....“
„Bohnen, Jake. Zauberbohnen. Nichts weiter.“
„Na dann bitte. Dann nehme ich die Zauberbohnen. Bleib du hier
ruhig auf deinem Hintern sitzen. Erinnerst du dich daran, wie wir die
Spiegelkönigin damals...“
Abermals wurde Jacob unterbrochen. Diesmal jedoch von Kaie. „Sekunde,
Jacob. Spiegelkönigin?“ Irgendetwas klingelte da.
Irritiert schob der Grimm Bruder seine Brille auf dem Nasenrücken
hin und her. „Ja, du warst doch dabei.“
„Ich war bei vielem dabei. Ja, auch dabei...ich kann mich nur
dunkel erinnern.“ Dies war gelogen, denn ihre Erinnerung war nur
allzu klar, an die Spiegelkönigin, wie sie ihre Jugend und Unsterblichkeit
mithilfe der alten Zauberformeln der Bewohner Karlsbadens zu bewahren
– und mit dem Opfer ihrer Töchter. Dennoch entfernte sich
die Erinnerung daran in Kaies Geist, sie konnte nicht sagen warum, aber
es war so. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie andauernd ihr
Spiegelbild sah und es doch nicht sie war, die sie sah, sondern –
nun – ihr Spiegelbild. Genau genommen sieht man sich nie, auch
nicht in einem Spiegel, sondern immer nur eine seitenverkehrte und frühere
Version. Denn ehe das Licht auf den Spiegel traf und vom Auge die Reize
entgegengenommen wurden, ganz zu schweigen von der Auswertung im Hirn,
vergingen Sekundenbruchteile, aber es verging Zeit.
Und so war es nun mal so, dass, wann immer man in den Spiegel sah, blickte
man doch immer in die Vergangenheit zurück.
„Nun?“, drängte Kaie – es zog sie förmlich
hinaus zu dem besagten Ort, von dem, laut ihres Informaten alles ausging.
„Ich gehe mit.“, konstatierte Jacob, was seinen Bruder dazu
veranlasste die Augen zu verdrehen.
Beinahe hätte Dawn sich freiwillig gemeldet, aber Tara kam ihr
zuvor und brachte sie mit einem Blick zum Schweigen, noch ehe der Teenager
einen Laut von sich geben konnte. Tara konnte, dass musste Kaie einmal
festhalten, auch sehr bestimmend, beinahe gebieterisch sein, allerdings
stets im richtigen Augenblick. „Ich werde gehen...ich bin dafür
verantwortlich.“
„Ein Eselsohr.“, hörte man im Hintergrund Faith flöten,
die sich innerlich wohl noch immer kringelte.
„Und der E-esel, der bin ich.“
Hierauf war Faith still, wenngleich sie noch immer leise grinste.
Kennedy trat vor. „Was dagegen, wenn ich mitkomme?“, erkundigte
sie sich und pustete sich herausfordernd eine dunkle Strähne aus
dem Gesicht. Sie fing sie Kaies Musterung ein; genauestens betrachtete
die Vampirin, die angehenden Jägerin, von Kopf bis Fuß. Dann
nickte die weitaus ältere Frau, mit geschürzten Lippen, langsam
„Ich sollte vielleicht mitkommen.“, schlug nun auch Ray
vor. „Ich kenne mich gut genug mit Pflanzen aus. Wenn es stimmt,
was M... unser Informant sagt, dann würde euch ein Schlag durchs
Dickicht nur aufhalten. Ich brauch keine Messer. Und kein Feuer.“
Für einen Moment war Kaie versucht ihn als, einzig aktiven, Mann
zurückzulassen, dann kam ihr noch Jack in den Sinn, wenngleich
dieser noch zu jung war, wie sie fand, aber einerseits hatte Ray einen
guten Standpunkt und andererseits: wer war ausgerechnet Kaie, dass sie
einen Kerl zurückließ um die Zurückgebliebenen zu beschützen.
Immerhin ging sie als Frau mehr als genug hohe Risiken ein – andererseits
hatte sie den Vampirbonus. So machte also die Unterscheidung von Geschlechtern,
auch wenn man krampfhaft versuchte so zu tun, als würde man keinen
machen, um die political correctness zu wahren, auch vor Frauen nicht
Halt. Doch Kaie hatte keine Zeit sich eingehend mit den möglichen
und unmöglichen Unterschieden der Geschlechter zu beschäftigen.
Eine Sache stellte sie dennoch in diesem Moment noch für sich selbst
fest – der Form halber: Frauen hatten ihre starken Seiten.
Und wehe dem, der ihnen ans Bein pinkelte.
Ruckartig drehte sich Kaie um, die Tür flog unter ihrer Hand auf
und sie stapfte hinaus in die diesige Natur Schottlands. Grimmig sah
sie in die leeren, toten Augen der Ziegen, die sie bereits erwarteten.
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Der Turm war feucht, moderig und jede einzelne Stufe
bröckelte – anbei fiel Willow auf, während sie die Kreide
wieder zurück in die Tasche gleiten ließ, wie unsinnig die
Treppenstufen doch eigentlich waren, hatte sie doch sich eine Tür
erst schaffen müssen, mit einem alten Trick. Genau genommen war
es ein Fernsehtrick. Richtig umgesetzt konnte aber sogar dieser funktionieren
und hatte tatsächlich seine Wirkung entfaltet. Etwas irritierend
war dagegen, ein Zeugnis war Willows Brummschädel, von dem sie
nicht sagen konnte woher her kam, dass sie für einen Augenblick
die Zeit verloren hatte – fast so als würde eine dünne,
messerscharfe Schneide durch ihr Gedächtnis führen, zwar passten
die Enden zusammen, aber dennoch bemerkte man das Flickwerk, wenn man
genau darauf achtete. Ein Riss im Gedächtnis, wo zugleich auch
keiner war.
Aus ihrem Mantel ließ sie ihren Stab gleiten, der in ihre Hand
rutschte, fest umklammert das Konstrukt aus Metall und Kristallen, stieg
Willow höher, die Rechte brauchte sie um das Gleichgewicht zu wahren,
denn linker Hand der steinernen Wendeltreppe gab es kein Geländer
und jede einzelne Stufe war schmierig von der Feuchtigkeit und dem Moos,
so als hätte sich der Turm im Laufe der Zeit in eine Zisterne verwandelt.
Willow wagte nicht hinab zu sehen und womöglich jeden Halt zu verlieren,
sobald sie die Höhenangst packte.
Zweimal flutschten ihre Schuhe auf dem schmierigen Untergrund weg und
sie wäre beinahe über Bord gegangen, gute zehn Meter in die
Tiefe.
Die Wände boten nicht sonderlich fiel halt und waren genauso rutschig,
Moosbewachsen und glibberig wie alles in diesem nach oben hin unendlich
scheinenden Treppenhaus.
Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihren Arm beim zweiten Ausrutscher, als
Willow sich gerade festkrallen wollte, – sie hatte sich einen
Nagel bis fast zum Nagelfleisch umgeknickt. Willow biss auf die Augen
und erklomm die Stufen des Turms, tapfer den stechenden Schmerz ignorierend.
Weiter oben betrat Shanessa inzwischen einen Saal.
Sie hatte Willow im rechten Augenblick praktisch angehalten; sie eine
Pause einlegen lassen, nachdem die Hexe eine Tür in die verwitterten
Steine mit einem lächerlichen Stück Kreide gemalt hatte –
trotzdem hatte sich ein Portal aufgetan und diesen Moment hatte Shane
genutzt.
Nun stand sie im obersten Stock, mit einem netten, kleinen Vorsprung
vor Willow, doch hatte sie eine runde Kammer erwartet, in der Rapunzel
saß und auf ihren Prinzen wartete, und nicht diesen lang gestreckten
Raum, einem Thronsaal aus dem französischen Königshaus nicht
unähnlich, in seiner Weitläufigkeit, goldenem Zierrat an den
Wänden, den roten Brokatvorhängen, Spiegeln über Spiegeln,
dass man jeden Augenblick Kardinal Richelieu erwartete.
Und am Ende der Halle entdeckte sie, wie im Schloss des Biestes unter
einer gläsernen Glocke, die auf einen Beistelltisch gestellt war,
einen Apfel – direkt vor dem gigantischsten Spiegel, den Shanessa
je gesehen hatte.
Sie wäre am liebsten sofort auf das funkelnde, goldene Kleinod
aus Stiel, Samen und Fleisch zugeeilt, aber irgendetwas in ihr gemahnte
zur Vorsicht. Also rannte Shanessa nicht, sondern beschleunigte ihre
Schritte nur wenig, sah sich prüfend um, jeden Augenblick die tödlichen
Geschosse aus der Wand erwartend, aber nichts dergleichen geschah. Je
weiter Shanessa ihrem Ziel kam, desto mehr verstärkte sich ihr
erster Eindruck – fast fühlte sie sich in den Louvre versetzt,
als dieser noch der Sitz der königlichen Familie war und nicht
der einstige Landsitz Versaille.
Endlich hatte sie die Glasglocke erreicht, trotzdem wagte sie nicht
sie berühren – zunächst, dann aber packte sie, eine
Haarsträhne aus dem Gesicht mit dem Finger nach hinten kämmend,
die gläserne Abdeckung und stellte sie beiseite. Der goldene Apfel
schwebte kaum merklich in der Luft.
Im gleichen Moment, da sie den Apfel, dessen Färbung in ihren ekstatisch
größer werdenden Augen schimmerte, anfassen wollte, krachte
ein Strahl neben ihr in den Tisch. Am anderen Ende des Saals stand,
abgekämpft aussehend und keuchend, mit erhobenen Stab Willow, die
einen Warnschuss abgegeben hatte.
„Du?“
„Was hast du erwartet?“, war Shanessas Antwort. „Dass
ich dir den Apfel einfach überlasse. Ausgerechnet dir...“
„Du hast...“
„Die Info. Hab ich aus deinem Kopf.“
Unwillkürlich rieb sich Willow über die Lippen, als könnte
sie die vergangene Berührung noch fühlen und schmecken –
da war etwas in ihrem Kopf.
„Du hast mich angezapft?“
„Wenn du es so sagst.“
Wenn das so war, wieso war Shanessa noch immer wütend – sicherlich
hatten sich alle damals mies gefühlt als man ihren Freund umgebracht
hatte, aber wirkliche Schuld trug keiner, zumindest Willow fühlte
sich nun nach so langer Zeit –für sie war es länger
her, allein da ihr die emotionale Bindung zu dem Mann fehlte- weit weniger
schuldig, als Shane diese Schuld in Willow einstufte. Diese dumme Nuss
hatte nur selektiv ihrer Erinnerungen abgerufen; sich dagegen gewehrt,
eventuell erkennen zu müssen, dass sie falsch lag mit ihrer Schuldzuweisung.
„Du bist sowas von blöd.“, begann Willow.
Die Antwort bestand in einer psychischen Attacke, die an Willows Geist
entlangfuhr – Shanessa war zu weit weg, um einen Menschen effektiv
beeinflussen zu können. Doch schon der nächste Angriff, begleitet
von einem Fauchen des dunkelhaarigen Mädchens, war um so heftiger,
kratzte über den geistigen Schild, den Willow nun mühsam aufbaute
und noch mühsamer zu halten suchte.
Ein Streich durch die Luft mit ihrem Stab, eine abgehackte ellipsenförmige
Bewegung und schon züngelte rotes Licht durch die Halle, das Shanessa
von den Beinen riss. Sie knallte gegen den kleinen Tisch und Glasglocke
schwankte bedrohlich.
Mit zusammengekniffenen Augen hieb Shane weiter und
weiter auf Willows psychische Schilde ein, hinterließ immer tiefere
Spuren in ihnen – die Hexe begann bereits sich zu krümmen
vor Pein. Zeit für eine Überraschung.
Sie reckte ihre Hände den Spiegeln entlang der langen Halle entgegen
– Glas knirschte, feinste Risse, nicht viel breiter als ein Haar,
bildeten sich, durchzuckten das reflektierende Glas, brachen es, Sprünge
bildeteten sich. Der Befehl war knapp, mit einer grimmigen Handbewegung
Shanessas schossen Scherben von rechts und von links auf Willow zu.
Sie lief voran, den Arm schützend vor die Augen gehalten, direkt
auf Shanessa zu – komm nur. Komm nur her, dann wirst du dein blaues
Wunder erleben.
Kurz vor ihr kam Willow, von explodierenden Spiegeln zu ihrer Gegnenerin
getrieben, zum Stehen und fing sich einen saftigen Kinnhaken ein, der
den Scherbenschnitt in ihrem Gesicht noch weiter aufplatzen ließ.
Die Hexe krachte zu Boden, ihr Stab flog meterweit davon. Nun konnte
der Schlussakt beginnen – Shanessa griff sich, mit einem sardonischen
Lächeln in den Mundwinkeln, den goldenen Apfel.
Ein Beben durchfuhr den Boden, dann war wieder alles ruhig.
Sie biss hinein.
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„Hat irgendwer ein Kruzifix dabei?“, tönte
es vom Rücksitz nach vorne.
Kaie sah irritiert in den Rückspiegel, blinzelte ihr Spiegelbild
aus ihren Gedanken und fixierte Jacob Grimm, der sich sichtlich unwohl
in der pferdelosen Kutsche fühlte.
„Nur eines umhängen. Wenn du ein großes meinst...“
„Es wäre von Vorteil gewesen.“
Wilhelm lehnte sich leicht nach vorne, ein Schlagloch später knallte
er mit dem Kopf gegen das Dach des Wagens, fluchte, aber machte keine
Anstalten sich zurückzusetzen. „Überhaupt nichts? Ich
meine, wenn deren Budget größer ist...“
„Du hast es selbst erlebt, Will.“, stritt sein Bruder. „Jetzt
fang nicht wieder mit deinem ungläubigen Gefasel an.“
„Wenn du aufhörst hinter allem etwas Übernatürliches
(bei diesem Wort musste Tara unwillkürlich husten) zu sehen.“
„Ich weiß. Nimm die Bohnen, Jake. Ich bins Leid. Nicht einmal
der Kampf mit der Spiegelkönigin....“
„Jungs!“, bellte Kaie in akzentfreiem Deutsch. „Das
hier...“, und hob eine Pistole in die Höhe. „...ist
meine Intelligenzbestie. Du willst gegen einen ziemlich wirklichen Feind
mit Glauben kämpfen? Viel Glück. Sag mir Bescheid, wenn dich
ein Blutsauger in den Hals beißt. Manches lässt sich ja mit
einem Zauberwörtchen erledigen...aber eben nicht alles.“
Die Gereizte Stimmung ließ sich die gesamte Fahrt über nicht
abschütteln – querfeldein jagte Kaie ihren Wagen, dass den
Herren auf der Rückbank regelrecht schlecht wurde, über die
Hügel und den Nebel hindurch, bis es nicht mehr ging und die Reifen
in einem Mulde im Schlamm kapitulierten. Hart zog Kaie die Handbremse
an, und warf mit einem „Aussteigen, der Herrschaften.“,
die Fahrertür auf.
Eine Anhöhe, mehrere Flüche und Schlammbespritzte Schuhe weiter,
erblickten sie das Wäldchen. Ganz so wie es ihr Kontaktmann beschrieben
hatte.
„Wo kommt das her?“, die Frage, berichtig wie sie war, kam
von Tara. „Ich bin ziemlich sicher, dass das vor ein paar Tagen
nicht hier war.“
Innerlich schüttelte Kaie den Kopf, ob der Fragestellung, immerhin
hatte sie bei der jungen Frau mit einem Ding zu tun, dass alles andere
als ein Mensch, fast als allwissend beschreibbar war – zumindest
war das Kaies Sicht von Tara, so wie sie nun war. Doch vielleicht täuschte
die eigene Vorstellung und Tara war, ob sie nun schon so lange existierte,
trotz und alledem ein Kind; quasi ein Baby, dass gerade einmal ein paar
Wochen auf der Welt war, unfähig die Zusammenhänge zu verstehen.
Als Mensch den Grenzen des humanen Genoms unterworfen, setzte sich dies
nun in neuer Gestalt fort: weise und wissend, aber vielleicht noch zu
jung in dieser Welt. „Vielleicht taucht es nur periodisch auf.“,
mutmaßte Kaie, allein nur um irgendetwas zu sagen.
„Aber...aber es könnte von Bedeutung sein.“, murmelte
Jakob, dem Tara nur mit einem stillen Nicken zustimmte.
„Das.... das erinnert mich an den Turm der Spiegelkönigin.“
Fahrig rückte Jacob Grimm seine Brille zurecht, während er
auf den steinernen Hochbau deutete, der im Innern des Wäldchens
auf sie wartete, erleuchtet von einer Lichtung und so unmöglich
zu verfehlen. Dieweil kämpfte sein Bruder verzweifelt mit den Fangstricken
der schlingpflanzenähnlichen Hecke.
„Wäre es zuviel verlangt...?“, erkundigte er sich,
doch niemand achtete auf ihn, sondern starrte nur
Während die anderen sich mit Fragezeichengesäumten Häuptern
vor dem Haus aufreihten, streifte Wilhelm murrend und klagend das letzte
Gestrüpp von seinen Schultern. „Danke, helft mir bloß
nicht alle auf einmal.“
„Keine Ursache.“, kam es geistesabwesend von Kaie.
„Damals...“, versuchte sich Jakob zu erinnern, „...wie
sind wir da noch mal hineingekommen?
Wilhelm sah seinen Bruder schräg von der Seite an. „Indem
ich deinen schweren, dünnen Hintern nach oben gehieft habe.“
Leider hatten sie keinerlei Ausrüstung, um an die obersten Fenster
des Turmes zu kommen, vielleicht hätte Taras Magie etwas gebracht,
sie allein hätte es sicherlich geschafft, doch –zum Teufel-
das alles hatte ohnehin wenig Sinn und Zweck, denn die böse Hexe
hatte Rapunzel wohl eingemauert: kurz gesagt war der Turm einfach nur
ein Turm, ohne Tür und ohne Fenster.
Auch dies musste Kaie Sekunden später revidieren, als Tara näher
an das Steinungetüms trat und irgendetwas zu sehen schien, was
den anderen offenbar verborgen war.
Katzenaugen – offenbar war wirklich etwas dran, an dem was man
ihr offenbart hatte.
„Hier..h-hier sind feine Linien, wie von...“, sie kniff
die Augen zusammen. „....Wie von Kreide. Sie ist blass und verwischt.
Sieht aus, als wären sie schon vor langer Zeit weggewaschen worden.“
Sie legte ihre Hand auf die Innenseite der fast unsichtbaren Begrenzunglinie
und drückte sanft gegen die ungleichen Quader.
Wilhelm trat näher zu Kaie, sein Blick schweifte über die
Lichtung und die einzelnen Steinriesen, die den Turm eingrenzten wie
ein urzeitlicher Zaun. „Kommt nur mir das so komisch vor, oder
wieso versucht uns keiner aufzuhalten?“
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Sie hatte schon zu lange auf das Bild gestarrt –
Gabriels Foto war Dawn in diesen Minuten kein Trost. Sie fühlte
sich einsam, zurückgelassen, leer und nutzlos. Unruhe breitete
sich aus, es kam einem Flächenbrand gleich, der von jeder Zelle
ihres Körpers Besitz ergriff und zu verzehren drohte.
Zwischen ihren Fingern rollte sie das kleine Stückchen Blei hin
und her, dachte nach, war zugleich aber geistig leer, ein Zustand, der
so irrwitzig war, dass sie es nicht mehr aushielt. Aufstehen, befahl
sie sich selbst und dabei streiften ihre Augen ein altes Bild von ihr,
Buffy und ihrer Mom. Aber war Joyce ihre Mutter?
Dawn holte vernehmbar Luft.
Und im nächsten Moment wäre ihr beinahe das Herz stehen geblieben.
Jack stand in der Tür und hatte sich mit einem Räuspern bemerkbar
gemacht.
„Alles klar?“, erkundigte sich der Junge.
Dawn schüttelte den Kopf. „Ja, schon okay.“
„Wenn du reden willst...“
„Ich will nicht reden. Ich will einfach was tun. Das alles...“,
womit die letzte der Summers-Frauen unbestimmt in die Gegend deutete.
„Ich hänge hier rum und Tara ist da draußen, außerdem...“,
sie schluckte. „Außerdem ist da noch Willow.“
„Ja, sicher, aber du kannst da wenig tun im Augenblick.“
„Achja? Und wenn wir uns das immer brav vorsagen, dann werden
wir auch niemals was tun. >>Man kann es ja eh nicht ändern.<<
Das sind die immer gleichen, beschissenen Sprüche.“
„Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist das ne lahme Ausrede
dafür, dass wir einfach nur Schiss haben, was zu unternehmen. Manchmal...weil
wir uns selbst beschützen wollen.“
„Immer. Wir wollen immer nur uns selbst beschützten.“,
schnauzte Dawn.
„Und andere nicht? Außerdem bringt es nicht immer was, sich
für etwas einzusetzen, wenn man dabei vielleicht drauf geht. Ich
meine...“ Verzweifelt rang Jack nach der richtigen Formulierung.
„...was soll ich jemandem nützen, wenn ich tot bin?“
Jack zog die Brauen zusammen, schürtzte die Lippen. „Es geht
uns allen doch gleich. Ich meine, Vesta kann auch nicht einfach in die
Staaten, um Frey zurückzuholen. Und ich wette, dass würde
sie gern. Als Eilis krank war, konnte ich nichts tun. Nur du.“
Eigenwillig nickte und schüttelte Dawn den Kopf gleichzeitig –
was sollte sie sagen – er hatte ja Recht. Ihre Blicke krallten
sich in die feinen Ritzen zwischen den Laminatbrettern, doch nur kurz,
denn im nächsten Moment stürzte sie los, jagte an Jack vorbei,
den sie dabei unsanfter als sie vorhatte, zur Seite stieß und
auf der Treppe gleich mehrere Stufen auf einmal nahm.
Doch auf der letzten wurde sie abgefangen, als sich nämlich Oz’
schlanke Arme urplötzlich um ihre Taille legten und sie daran hinderte,
einfach aus dem Haus zu laufen. Trotzdem verbiss sich der Teenager in
einen Machtkampf und zog so heftigst, dass Oz unter Schmerzen aufstöhnte,
sie losließ und sich die Seite hielt, während er keuchend
auf dem Treppenabsatz zusammensackte.
Doch kaum hatte Oz losgelassen, da war Satinka zur Stelle und schaltete
ihre Hände auf den Schraubzwingenmodus, dass sie Dawn beinahe das
Handgelenk brach. „Spinnst du?“ Alle Zärtlichkeit,
gar Neckerei, die sonst in der Stimme der Navajo lag, war verschwunden,
stattdessen war diese nun so scharf und kalt wie eine Rasierklinge aus
Eis. „Willst du dich umbringen?“
„Ich will ihnen helfen.“
„Nicht so....“
„Ich...“, begann Dawn zu protestieren, doch sie wurde von
Oz Schmerzgeschwängerten Stimme unterbrochen.
„Wir...müssen auf dich aufpassen.“
„Danke, das kann ich selbst.“, versuchte es Dawn, wenn ihre
Entschlusskraft auch entschieden an Boden verloren hatte, nun da sie
Oz sah, wie er sich krümmte.
Ein bisschen zu kräftig schüttelte Satinka das Mädchen
„Du verstehst nicht. Du bist zu wichtig.“
Was um alles in der Welt sollte das heißen? Ihre Funktion als
Schlüssel hatte sich schon vor langem erfüllt – sicherlich
hatte sie noch ihre Gabe, aber was bedeutete das schon.
„Glory ist zurück.“, sagte Satinka
Ein Schlag in die Magengrube.
„Aber darum geht es nicht. Es geht um Appleseed und du bist der
Schlüssel zu allem.“
„Ich dachte, das wäre vorbei.“ Jetzt versuchte Dawn
es mit einem Blickduell.
„Vorbei?!“ Satinka erwiderte die Herausforderung und blieb
standhaft, auch wenn Dawn versuchte sie Niederzustarren. „Glaubst
du, du kannst einfach abschütteln was du bist, woher du kommst.
Woraus du gemacht bist?“
„Sie hat recht.“, keuchte Oz.
Abermals senkte sich Dawns Vorsatz, einfach ihrem Kopf zu folgen, ein
bisschen mehr.
„Du bist zu wichtig...für Appleseed.“
„Wen?“
„Nicht jetzt.“, entschied Satinka. „Später. Fürs
erste muss es genügen, dass wir dazu da sind auf dich aufzupassen.“
Vesta lehnte kniete sich zu Oz hinunter und legte ihm die Hand auf seine
lädierte Flanke. „Schätze mal dass Kaies Vater wenig
begeistert wäre, wenn ihr versagen würdet. Stimmt doch. Die
Wölfe beschützen die Katzen. Das hat er gesagt.“
Dawns Mund war trocken. Die Ausbildung, das Training, sicherlich nützlich,
wenn man die Schwester der Jägerin war, aber das war sie ja nun
mal nicht. Oder? Nein. Sie war Buffy. Das hatte ihre „Schwester“
gesagt; hatte so Dawns Leben vor Giles verteidigt.
„Katzen.“ Dawn trat einen Schritt zurück. „Deswegen.....das
will Anne. Das will Buffys Klon.“ Aber sie wagte nicht es auszusprechen,
sondern ließ Satinkas Augen mehr als genug sagen und bestätigen
was sie dachte.
„Du hast Recht.“, sagte Jack vom oberen Treppenabsatz, überdeutlich
und zog so die ganze Aufmerksamkeit auf sich. „Wenn wir immer
nur fatalistisch denken, nach dem Motto, man könne Missstände
ohnehin nicht ändern...naja, dann werden wir sie auch nicht ändern.
Aber Wissen. Wissen ist wichtig. Oder Sati? Sie sollte wissen. Um entscheiden
zu können.“
„Bald.“, erwiderte die Navajo ernst.
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Wie dumm diese Brut doch war und wie wenig sie in den
letzten tausend Jahren gelernt hatten – so war nun mal das Leben
und man konnte es nicht ändern. Kann man „Das Leben“
als bequeme Ausrede verwenden, wenn ein Mensch einen anderen Menschen
tötete?
Wie aberwitzig diese Gedanken waren, so recht der Geist, der sie gesponnen
auch hatte, doch Wissen war nötig und dieses Wissen, und sie wünschte
es nie erlangt zu haben, überschwemmte nun Shanessas Gedanken.
Sie sah den Schuss.
Den zusammensackenden Körper.
Sah die Hexen.
Ihren sterbenden Freund.
Den Schützen.
Kevin und dahinter, hinter dem Mörder, das Gesicht eines anderen.
Wissen war durchaus machtvoll und nun wurde das Fatali, dieses selbstverschuldete
Schicksal zu einem Mitverschulden – wider Willen. Denn ohne zu
wissen, wer dahinter steckte, hätte Shanessa nie vermutet, dass
die Schuld bei niemandem Lag, außer dem Mann, der hinter allem
steckte und die Fäden der Marionetten bewegte.
Ein Saal, Zeugen und Mitschuldige an Kevins Ermordung, wurde gemietet,
das Orchester engagiert, ein Mann mit einer Waffe und nun wollte Adam
offenbar wissen, ob Shanessa tanzen konnte.
Nach seiner Pfeife.
Er hatte den Mann dazu angeheuert ihren Freund zu töten –
einfach so, nur um sie auf seine Seite zu bringen.
Sie war benutzt worden.
Für höhere Ziele. Vielleicht weil sie das brauchte, aber hatte
sie jemand gefragt? Nein, man setzte sich über die Menschen hinweg
und missbrauchte sie, wie willige Helfershelfer.
Und Shanessa hatte sich dazu gemacht, dazu machen lassen.
Während der Bissen der Erkenntnis Shanessa im Halse stecken blieb,
entglitt der Apfel ihren Fingern und fiel polternd auf den parkettierten
Boden.
Das gleichzeitige Beben war derart heftig, dass es Shanessa umwarf –
verwirrt und unentschlossen, nahezu hilfesuchend, sah sie zu Willow.
Deren Augen waren groß geworden, wild um sich blickend und dann
wieder Shanessa fixierend mit einem geradezu ängstlichen Blick,
versuchte sie aufzustehen.
Ein Paar Stiefel traten aus dem gigantischen Spiegel am Ende des Saals,
der als einziger nicht zerborsten war, durch das gläserne Meer
auf den Boden aus uraltem Wald.
Die Stiefel schritten zu dem Apfel hin, unerreichbar für Willows
Verlangen, unerreichbar für ihre Sehnsucht nach Erlösung vom
dem Leid der Sterblichkeit, eine Hand griff danach, hob die goldene
Frucht auf. Das Wanken und Schaukeln des Turms hörte nicht auf,
sondern pflanzte sich fort in jede Ader aus Mörtel, jede Zelle
aus Stein, brachte die gesamte Anlage zum Schwanken.
Der Apfel war für Willow verloren, in den Händen einer Fremden,
einer Frau mit langem schwarzem Haar, vollkommen in Rot gekleidet, königlich
anzuschauen und furchtbar in ihrer Erscheinung. Sie ruckte herum.
Ihre dunklen Augen fixierten Willow – fragenden Blickes, rührte
sie sich nicht, sondern hielt nur den Apfel in ihrer Hand, dem Willow
einen letzten Blick schenkte, ehe sie sich aufraffte, zu Shanessa eilte
und sie mit sich zog.
Im nächsten Augenblick streckte Willow ihre Hand aus, zu ihrem
Stab, der ihr in die Hand flog und den sie sogleich auf den Spiegel
richtete, einen Knopfdruck später entfaltete sich eine kleine metallische
Knospe – Willow bließ den Staub von dieser, gen Spiegel,
rote und purpurne Funken stoben auf, der Blick der herrschaftlichen
Frau verengte sich bedrohlich, eine Sekunde später zog Willow Shanessa
hinter sich her, durch den Spiegel hindurch
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Seine Hand zitterte, als Jakob auf die Frau am Ende
des Langestreckten Saales, der eines französischen Königs
würdig war, deutete, doch Kaie legte ihre Hand, einen verbissenen
Ausdruck in den Augen, auf die seine und drückte sie mit sanfter
Gewalt herunter.
Sie hatten es gerade so in das oberste Stockwerk geschafft – ein
Rückzug war ausgeschlossen, denn die Treppe war einige Meter innerhalb
der ersten Stockwerke weggebrochen.
Nun standen sie in dieser unwirkliche Halle, die so gar nicht zum Rest
des Turmes passte, die eigentlich gar nicht hier sein durfte, bedachte
man die Formen und das Alter des steinernen Burgfrieds.
„Kaie.“, sagte die Frau, die in rotem Stoff erstrahlte,
wie fleischgewordene Apfel der Erkenntnis. „Gott sei Dank....“
„Was?!“ Die Stimme der Allerersten war scharf wie eine Rasierklinge.
„Gott sei Dank?“
„Gut dass du da bist, ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“,
die Frau blieb wo sie war, doch in ihrer Stimme schwang Besorgnis mit,
nicht wie Tara erwartet hätte, Hohn.
„Du sorgst dich... um mich?“
„Ja.“
„Du hast Dracula geschickt.“
„Ich....“
„Du hast ihn geschickt, um mich umbringen zu lassen. Und mein
Kind. Meinen Sohn wolltest du umbringen lassen, weil er nicht in deinen
Plan passte. Du wolltest eine reine Rasse. Also erzähl mir nichts
von Sorgen!“
Kaies Mutter schüttelte ihren Kopf. Noch ehe sie sich jedoch verteidigen
konnte, stürmte Kaie auf sie zu, ihr Schwert blitzte auf –
einen Meter vor der Gekrönten der Allerersten, der obersten ihres
Volkes, verharrte Kaie, als die Hand ihrer Mutter sich ihr entgegenstreckten.
Mit einer fast beiläufigen Handbewegung, schleuderte Claudia ihrer
Tochter das Schwert aus den Händen. Kaie wurde im nächsten
Moment wieder Herr ihrer Glieder.
„Du....“, zischte sie. „Estuans....estuans interius.“
Ihre Augen, Kaies Augen, veränderten zusehends ihre Farbe, das
warme Braun zerfloss in einem eisigen, flammenden Blau.
„Tu das nicht.“ flüsterte ihre Mutter.
Doch Kaie lies sich nicht abhalten.
„Estuans interius ira vehementi.“
„Estuans interius ira vehementi.“
Claudia entließ ihre Tochter aus ihrem unsichtbaren
Griff.
„Ardens interius ira immensa”
Wilde Böen rissen an Kaies Haar, in einem Moment
noch in den Tönen von Ebenholz, dann wurde es jedoch, von den Wurzeln
an weiß und weißer bis in die Spitzen.
„Iammane. - Inane. - Immane. - Inane.
Futurum immane et inane.”
Auch die fast gänzlich schwarzen Augen ihrer Mutter
glühten nun in unheilvollem Royale, ihr Haar, noch immer gekrönt,
ebenso weiß wie das ihrer Tochter.
“Fata nostra. Fata nostra.
Sunt damnanda fata nostra”
Trotzdem hob Claudia beschwichtigend ihre Hand. „Du verstehst
nicht.“
„Natürlich. Ich verstehe nie. Ich hab zuerst gedacht, Vater
wollte mich aus dem Weg haben, aber das ist nie der Fall gewesen.“
„Das stimmt auch.“, bestätigte Claudia, deren Augen,
so eisig sie waren, keinerlei Härte zeigte, sondern nur Sorge.
Aus Kaies Ärmeln sprangen lange, geschwungene Dolche direkt in
ihre Hände – sie schlug zu.
Und begegnete dem silbrigen Kamm eines Schwertes, einer Kraft, derer
sie nichts entgegen zusetzen hatte, denn Claudia stieß sie weit
von sich.
Dennoch kam Kaie halbwegs elegant auf, sie senkte ihr Haupt, ihren ganzen
Körper, der gespannt wie der einer Löwin kurz vor dem Sprung
auf die ahnungslose Beute war, ein Knie zum Boden gerichtet, das andere
in einer Linie mit ihrem Kinn.
„Das ist sie....“, flüsterte Wilhelm Tara zu. „Ausnahmsweise
hat mein Bruder einmal Recht. Die Spiegelkönigin.“
Im gleichen Moment warf Claudia ihren Gästen einen irritierten
Blick zu, dann klarten ihre Augen auf, sie nickte und sah Kaie an –
diese sprang, die Dolche nicht vorgestreckt, sondern an die Unterarme
gelehnt, führte sie Streich um Streich gegen Claudia.
Aber diese konnte jeden Schlag erwidern, weder Faust noch Klinge trafen
sie, dafür teilte sie umso härter aus.
Mit eisernem Griff hielt sie Kaie fest, die ihr zu nahe gekommen war,
die Augen ihrer Mutter wurden größer, drohender „Hör
auf.“, doch die Drohung erreichte ihr Ziel nicht, „Hör
auf!“ und rammte die Spitze ihres Schwertes in den Boden.
Die Schockwellen trafen Kaie, schleuderten sie abermals durch den Raum,
doch diesmal landete sie mit wenig Grazie direkt auf dem Beistelltisch,
auf dem kurz zuvor noch der Apfel geruht hatte. Das Möbelstück
gab unter Kaies Gewicht nach, die Beine bogen sich und splitterten,
Kaie selbst schlug prustend und fluchend auf dem Boden auf.
„Spiegel.“, sagte Claudia. „Trugbilder. Erscheinungen.
Sieh in den Spiegel.“, forderte sie ihre Tochter auf.
Doch diese heftete ihre Augen auf ihre Mutter, nicht auf den riesigen
Spiegel hinter sich.
„Sieh hin.“, wiederholte Claudia.
Für einen kurzen Augenblick der Schwäche wanderte Kaies Blick
zum Spiegel, dann wieder zurück.
Tara bemerkte wie ihr jemand auf die Schulter tippte, wandte den Kopf,
ohne den Blick von Mutter und Kind zu lassen, zu Jakob herum. „Nein,
Will. (er meinte seinen Bruder, sprach aber auch zu Tara) Sie kann es
nicht sein, auch wenn diese Frau da genauso aussieht. Sie sieht genauso
aus wie damals, aber sie ist nicht im Spiegel. Sie kannte den Zauberspruch
für ewiges Leben, nicht für die Jugend, deswegen sah sie nur
im Spiegel jung aus. Aber ihr wirklicher Körper vermoderte für
alle Ewigkeit.“
„Und...das heißt?“ überflüssig zu fragen,
da Tara bereits eine Ahnung von dem tatsächlichen Geschehen hatte,
denn sie hatte den Apfel in der Hand der Frau registriert und zählte
nun 1 und 1 zusammen.
Claudia schritt herrschaftlich, grazil und bedrohlich, schön und
schrecklich zugleich um ihrer Tochter herum, die Anstalten machte sich
aufzurappeln und erneut anzugreifen.
„Das kann nicht die Spiegelkönigin sein, nicht die Frau,
die wir bekämpf haben damals. Selbst, wenn sie noch ...naja, leben
würde, kann sie es einfach nicht sein.“, ergänzte Jakob.
„Irgendetwas Merkwürdiges geht hier vor.“
„Na, immerhin hat er es jetzt endlich begriffen.“, bestrich
Wilhelm das Brot mit seinem Senf. „Ich bin dafür, dass wir
einen Weg hier raus suchen. Egal wer die da ist. Einmal erstochen zu
werden hat mir gereicht.“
„Spiegel.“, sagte Claudia erneut. „Reflektionen. Täuschungen.“
Der Anblick des gläsernen Narzissengemäldes nahm Kaie immer
mehr gefangen, denn immer öfter sah sie gehetzt hinter sich.
„Das Buch. Das warst du.“, stellte Kaie fest. „Die
ganzen Kreaturen, sogar die beiden...“, womit sie unwirsch auf
die Gebrüder deutete. „..all das, wegen dir.“ Sie sprang
erneut auf, im gleichen Augenblick war es, als müsse ihr Kopf zerspringen
vor Schmerz, aber sie ignorierte die Pein. Stattdessen hieb sie erneut
auf ihre Mutter ein.
Wieder eine Parade, wieder eine zurückgeworfene Vampirin, die ihre
Mutter anfauchte, wobei sie ihre spitzen Fangzähne entblößte.
Doch Claudia schüttelte vehement den Kopf. Entweder war sie eine
ausgesprochen perfekte Schauspielerin, oder aber etwas an der Sachelage
stimmte nicht – oder ihrem Rückschluss. „Ich habe keine
Ahnung was du meinst. Das hier führt zu nichts, Kind.“
Entschlossenen Blickes, ihre Augen verrieten den unstillbaren Hass auf
ihre Mutter, trat Kaie nun auf den Spiegel zu, zeigte ihm aber die kalte
Schulter und starrte ihre Mutter an wie das fleischgewordene Böse.
„Du hast einen Killer auf mich gehetzte, hast Dracula geschickt,
weil mein Kind nicht im Sinne deiner arischen Denkweise war. Und dieses
Buch, das hast du geschaffen, damit, sobald ich es haben würde,
es mich in den Wahnsinn treibt.“ Fahrig wischte sie sich Speichel
von den Lippen. Speichel und Blut, das sie erst gar nicht bemerkt zu
haben schien. „Als Strafe, weil du meinen Sohn nicht kriegen konntest.
Denn den habe ich in Sicherheit gebracht. Vor dir!“, den letzten
Satz spie Kaie ihrer Mutter regelrecht entgegen, im nächsten Moment
drehte sie sich zum Spiegel um, in ihre Hand einen der s-förmigen
Dolche. „Spieglein, Spieglein an der Wand...“, Kaie hob
den Dolch. Sie sah ihrem Spiegelbild direkt ins Augen. Bereit zum Zustechen.
„...wer ist die schönste im ganzen Land?“, entgegnete
ihr Spiegelich. Eine Hand schoss hervor und packte Kaies Gelenk, doch
diese ließ durch den Schrecken bereits ihr Messer fallen –
Kaies Haar wurde im selben Augenblick wieder so dunkel wie zuvor und
auch die blauen Flammen erlosch in ihren Augen. Die zweite Hand legte
sich auf Kaies Schulter und ihr Spiegelbild trat aus dem Glas heraus
direkt in die Halle. „Hallo, Schwester.“
Nicht nur der Turm schwankte, sondern auch Kaie Adams.
Tara sah von Kaie, zurück zu ihrem Spiegel-Ich – zu ihrer
Schwester, so wie sich ihre Zwilling vorgestellt hatte.
Fast eine Minute verging, ehe jemand sprach, dann erhob Kaie selbst
das Wort. „Was...?“, doch weiter kam sie nicht, denn ihre
Kehle war wie ausgedörrt, denn der Rest war nur ein trockenes Krächzen.
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Dawn wurde das Warten allmählich zu dumm, die
ganze Zeit über überlegte sie, hin und hergerissen von dem
Gedanken doch auf eigene Faust zu gehen, vorzuschlagen, sich eben gemeinsam
auf zu machen und Tara und Kaie zu folgen.
Aber irgendwie schien dies nicht gerade das zu sein, was die anderen
hören wollten – keiner machte Anstalten, auch nicht diese
Fremde, Angelika, die mit den Gebrüdern Grimm gekommen war, sich
vom Fleck zu rühren.
Beruhigend, zumindest gab sie sich Mühe, legte ihr Eilis die Hand
auf den Arm, aber das fast ungezügelte Verlangen danach, etwas
zu tun, selbst wenn es gleichsam mit einer so tierischen Angst verbunden
war, aber immerhin war es besser als das Rumgehocke im Haus.
Eilis, den Blick geistesabwesend auf eine unbestimmte Stelle irgendwo
im Raum geheftet, sah sie kurz vorher noch Dawn mitfühlend an,
ruckte auf, stand und irrte im Wohnzimmer hin und her. Tiefe Falten
gruben sich in ihre Stirn, als sie in den Flur hinaustrat – zu
tief für ihr Alter, wie es Dawn durch den Kopf schoss – im
nächsten Augenblick suchte sie Jacks Blick, der ebenso umherschaute,
als ob er etwas suchte im Haus, zugleich auch horchend die Ohren spitzte.
Mit einer so flinken Bewegung, dass man sie kaum sah, bestenfalls erahnen
konnte, zog Eilis einen kleinen, schlanken Stab (womit sie Dawn unwillkürlich
an eine Figur aus den Harry Potter Romanen erinnerte), ein Laut entrang
sich ihrer Kehle, einem Fauchen nicht unähnlich und es hätte
sicherlich nicht viel gefehlt, dass sie einen Buckel gemacht hätte.
Denn in den nächsten Sekunden wirkte sie mehr wie eine Katze, denn
wie ein Mensch.
Vesta war dies nicht unbemerkt geblieben – also wagte sie sich
an die Tür, um sie zu öffnen.
„Nein, tu’s nicht!“, rief Eilis noch, doch es war
zu spät – Vesta hatte, sie konnte wohl selbst nicht sagen
warum – die Klinke heruntergedrückt und blickte auf die kleine
Gestalt herunter, die auf der Schwelle stand. Mit rotem Umhang, das
Gesicht unerkennbar unter der Kappe, war dieses nur ein schwarzer Fleck.
„Na, toll...“, Vesta drehte sich grinsend zu den andern
um. „Es ist nur Rotkäppchen.“
Etwas brach aus dem Umhang aus, packte Vesta und drängte sich mit
ihr zusammen durch die Tür, genauso war es mit Oz geschehen, doch
es war nicht der junge Rothaarige, sondern etwas wesentlich Größeres....etwas,
ein Ding, das größer und größer wurde.
Blaue und rote Funken lösten sich sofort von Eilis Stab, krachten
gegen die Brust des Biestes, der Vesta wie eine Puppe zur Seite schleuderte.
Die Magie, die Eilis dem haariges Monstrum entgegenwarf, wirkte, aber
nicht so deutlich, dass es sonderlich beeindruckt gewesen wäre
– im Gegenteil, es teilte mit seinen Pranken Schläge aus,
doch Eilis konnte sich unter diesen wegducken, den Stab weiterhin im
Blitzlichtgewitter der Magie auf das Biest gerichtet, wirbelte sie sogar
über den gestreckten Arm des Angreifers hinweg.
Mit der linken Hand krallte Eilis sich, als sie aufkam, im Holzboden
fest, hinterließ dabei tiefe Schürfwunden im Parkett - ihren
ganzen Körper neigte so nahe dem zu, dass sie beinahe berührte.
Wieder dieser Laut, der über die Lippen des Mädchens drang.
Im nächsten Moment surrten nacheinander zwei Pfeile in den Brustkorb
des Monstrums – der Angreifer brüllte markerschütternd.
Angelika kam, den Bogen im Anschlag und bereits den nächsten Pfeil
auf der Sehne, den Flur hinab gelaufen.
Dawn selbst war wie im Sessel festgefroren – sie konnte sich nicht
rühren, denn, unpassend wie sie war, Angst durchflutete sie in
diesem Moment.
Satinka kam die Treppe hinabgestürzt, ihren eigenen, langen Gandalf-Stab
schwingend, Feuer spritzte aus dessen Spitze, kleine Flammengeister
stiegen auf und umschwärmten den gigantischen Wolf.
Ja, ein Wolf. Und dieser drohte gerade mit einem Hieb auf Eilis, die
ihm wieder und wieder auswich, doch dieser würde sie treffen.
Angst.
Angst konnte der schlimmste Feind des Menschen sein – oder sein
mächtigster Verbündeter. Denn in Dawn überwog in der
nächsten Sekunde die Angst Eilis zu verlieren, als ihre eigene
Existenzangst.
Blitzschnell zuckte ihr Schwert aus der linken Handfläche, mit
der rechten umfasste sie das Heft, und schlug zu.
Öliges Blut spitzte auf und der baumstammdicke Arm des Wolfes flog
quer durch das Wohnzimmer.
Dawn wirbelte um ihre eigene Achse, der linken Krallenpranke entgehend,
und riss mit einem Streich eine lange, klaffende Strieme in die Brust
des Monsters.
„Ich hab schon einen Wolf besiegt......“, knurrte sie. „Du
bist nicht anders.“
Aus irgendeiner Ecke kam Oz herbei, blieb kurz stehen, überblickte
die Situation und im nächsten Moment sprang er, verwandelt, mit
gefletschten Zähnen den Gegner an.
Wütend taumelte das Biest herum, Oz, der sich in seinen Nacken
verbissen hatte, mitreißend.
Satinka warf ihren Stab zur Seite, riss sich die Bluse auf und legte
ein ebenso wölfisches Gebaren an den Tag, als sie aus ihren Kleidern
stieg und dem weitaus größeren Wolf auf den Pelz rückte.
Zumindest dem was aussah wie ein Wolf....mit einem schwungvollen Hieb
fegte das Monster alle aus dem Weg; Dawn fiel rücklings auf den
Boden, knallte mit dem Rücken gegen die unterste Stufe der Treppe.
Der noch existierende Arm des Biestes wurde neben ihr in den Holzboden
gerammt, Splitter stoben auf, die Augen des Gegners waren nun ganz dicht,
verengt, angriffslustig.
Dann veränderte es sich.
Zunächst unmerklich, doch kleine Details waren, wurden anders....
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Kaie, die aus dem Spiegel getreten war, sah hinab zu
der anderen, die sich auf dem Boden wiedergfunden hatte, niedergestreckt
von dem Schock, sich selbst gegenüberzutreten.
Die Spiegel-Kaie sah zu Tara hinüber – „Ihr solltet
gehen, sofort, es ist in eurem Haus.“
Unschlüssig starrte Tara sie an, blinzelte, blickte zu Boden, sah
wieder auf, immer noch zögerlich, trotzdem war das ein Funken,
ein Funken der Entschlossenheit.
„Ihr steht einem Gegner gegenüber, der jede Form annehmen
kann. Eine Zvilisation, die euch weit überlegen ist, hat euch,
ob ihr das wisst oder nicht, den Krieg erklärt.“
Darauf weiteten sich Taras Augen – sie kannte diesen Feind und
hatte ihm bereits gegenübergestanden wie Geister waren sie, da
und doch nicht da – etwas ging vor sich. Sofort fasste Tara die
beiden Brüder an den Armen. „Festhalten.“, flüsterte
sie, nickte der Frau noch einmal kurz zu, ehe sie die beiden Männer
in einem blauen Lichwirbel mit sich riss.
„Unsere Welt haben sie bereits übernommen...passt auf eure
auf.“, rief die Kaie aus dem Spiegel noch, dann sah sie wieder
zu ihrem Ebenbilde, reichte ihr die Hand. „Wir haben zu reden.“
„Das ... kann nicht ... sein.“, stammelte Kaie.
„Was? Was kann nicht sein? Das ich existiere?“
„Ich habe keine Schwester.“, konstatierte Kaie nun wieder
mit festerer Stimme. „Das ist doch ein Trick.“
„Deine Freundin hat mir geglaubt. An meinem ehrlichen Gesichts
wird’s nicht gelegen haben.“
„Ich HABE keine Schwester.“
Ihr Spiegelbild nickte langsam, suchte kurz den Augenkontakt zu Claudia
und wandte sich dann Kaie zu. „Stimmt. In gewisser Weise hast
du keine Schwester...mehr.“
„Mehr?“ Kaies Kopf flog zu ihrer Mutter, die aber wandte
sich, mit bedrückter Mine ab. Das schwanken des Turmes kam und
ging, doch mit jedem neuen Kommen, wurde es heftiger.
„Genau wie ich. Wir sind beide Zwillinge. Du aus diesem Universum.
Ich aus dem anderen. Wir sind unser... nunja...“, lächelnd
blickte die andere zum Spiegel zurück, „.... Spiegelbilder
voneinander. Exakte Spiegelbilder. Mit einem Unterschied.“
„Ach... und der wäre?“
„Du bist krank.“
Trocken, heiser war Kaies Auflachen. Wer es glaubte – allmählich
war sie sich sicher, dass dies hier nur ein...
„...abgekartetes Spiel ist? Du siehst wir denken sogar das gleiche.
Du leidest an einer Nervenkrankheit. Seit Jahrhunderten gibt es nur
ein Mittel dafür, aber die Behandlung braucht eine Weile. Deswegen
vertrete ich dich.“
„Du?“ Kaie gluckste.“ „Und wieso erinnere ich
mich an alles?“
„Weil alle Erinnerungen, die du sammelst auf mich übertragen
werden und alles was ich in der Zeit, in der du .. ja, du ... in Behandlung
bist, ansammle dann wieder in deine Erinnerungslücken eingegliedert
werden.“ Die Spiegelkaie seufzte. „Als du Dawn gesehen hast,
nachdem du aus der Dusche kamst... du hast dich gewundert, warum sie
noch da ist, erinnerst du dich? Das war eigentlich ich. Du bist in der
Dusche zusammengebrochen.“
Kaie schüttelte stumm den Kopf. Das konnte nicht sein. Nie und
nimmer.
„Und als dein Vater mit seinen Truppen, den Hexen zu Hilfe eilte,
warst du bei ihnen – hast du dich nie gefragt, warum du auf einmal
so bereitwillig warst, ihm zu folgen? Das war meine Schuld. Ich hatte
es übertrieben, es zu schnell forciert. Deine Krankheit...“,
ihr Spiegelbild war nun ganz nahe, dass Kaie sogar ihren Atem spüren
konnte, „...erzeugt, wenn du Behandlung überfällig ist,
Halluzinationen, Angstzustände, es fördert den Blutdurst (deswegen
hast du Dawn gebissen damals) und Paranoia. Es kommt nicht oft vor,
aber ab und zu...sogar dein Verhalten.“
„Und das Buch?“
„Welches Buch? Keine Ahnung was du meinst, aber das hat nichts
mit Mutter zu tun. - Tschuldige, deiner Mutter. Ich nenne sie auch schon
so... nunja, in meinem Universum ist sie schon tot. Außerdem war
ich schon so oft du, dass ich nicht einmal sagen könnte, ob...
nun, ob ich du bin, oder du ich.“
Plötzlich legte Claudia, ihre Hand auf die Schulter ihrer Tochter,
die gar nicht bemerkt hatte, dass ihre Mutter sich genähert hatte.
„Es wird Zeit für deine Medizin. Wir müssen gehen ...
wir müssen hier weg.“ Dabei sah sie sich gehetzt um.
„Warum? Wieso nicht gleich hier? Und wieso sind wir dann hier
hergekommen? Hergeschickt worden.“, verbesserte sich Kaie.
„Der Apfel.“, sagte Claudia mit ernster Stimme. „Er
war eine der Säulen. Sie bricht. Deswegen müssen wir weg.“
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Rote Augen sahen auf Dawn hinab – die Lieder
zu Schlitzen verengt, so nahe, dass der faulige Gestank seines geifernden
Mauls ihr in die Nase stieg. Im nächsten Moment wich das Rot einem
grellen Bernstein und das Monstrum, nun undeutlich, schemenhaft nur,
ohne wirkliche Form, richtete sich auf.
Der intakte Arm, wenn es noch ein Arm war, packte Dawn bei der Kehle,
seine Haut fühlte sich schmierig an, glitschig, aber nicht nass.
Im nächsten Moment umschwirrte ein blaues Leuchten, ein Ball aus
azurem Licht den Angreifer, verwirrte ihn, spie aus seinem Innern zwei
Gestalten aus, die mehr schlecht als recht über die Sofagarnitur
schlitterten, ehe sie unsanft den Boden knutschten, und materialisierte
direkt neben dem Ungeheuer.
Tara streckte ihre Hand zu dem großen Spiegel aus, der im Korridor
hing, packte, als dieser angeflogen kam, die Ränder seiner Fassung
und hielt dem Biest die reflektierende Oberfläche entgegen.
Der unmenschliche Schrei, der sich den Lippen des Monstrums entrang,
erschallte noch im Innern des Spiegel wieder – Dawn sank zu Boden,
doch mit einer letzten Kraftanstrengung zerschlug sie mit ihrem Schwert
das Reflektionsglas.
Vesta stützte sich gegen die Wand, als sie aus dem Wohnzimmer mehr
gekrochen als gelaufen, gestützt von Faith, kam. „Der war
antik.“, grinste sie.
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Willow stand schon eine ganze Weile im Stall und beobachtete
den Asiaten bei seiner Arbeit mit den Pferden, dem Striegeln und all
den anderen Dingen, von denen Willow keine Ahnung hatte – sie
konnte Pferde nicht wirklich leiden. Nicht nachdem eines –wie
sie damals gedacht hatte- versucht hatte sie zu beißen. Ob sie
sich das nur eingebildet hatte oder nicht, war ihr in diesem Augenblick
herzlich egal. Also verscheuchte sie den Gedanken.
„Glückwunsch.“, sagte Kiyoshi von der Box seines Pferdes
aus, ohne Willow eines Blickes zu würdigen.
„Glückwunsch?“
„Ihr habt die erste Säule zerstört....“
„Wir? Was...?“
Ein Laut kam von der Box, als würde jemand leise auflachen. „Offensichtlich
hat er euch nicht gesagt, dass der Apfel der Iduna die erste Säule
ist.“
Hätte Willow einen Kamm gehabt, wäre er ihr in diesem Augenblick
geschwollen. Shanessa war nicht die einzige, die benutzt worden war.
Merkwürdig wie es war, schweißte die beiden Frauen dies nun
eventuell enger zusammen, als ihnen lieb war – aber wenn Shanessa
Adam zur Rede stellen würde, wenn sie bereit dazu war, soviel hatte
sie Willow immerhin offenbart, dann würde Willow mit ihr gemeinsam
dem verlogenen Drecksack gegenübertreten.“
„Niemand ist, was er zu sein scheint?, wiederholte Willow den
Satz Kiyoshis, den der Asiate, von sich gegeben hatte, ehe sie gegangen
war. „Meinten sie das damit? Oder etwas anderes?“
Dieser nickte daraufhin nur bedächtig, tätschelte die Flanke
des Pferdes, dass er gerade aufgezäumt hatte, trat dann aus der
Box und sah Willow an, ein Lächeln später griff er nach den
Zügeln des Wallachs. „Ja.“ Großartig, worauf
bezog sich nun nur dieses Ja? „Man muss manchmal in den Spiegel
schauen. Aber man wird nie sich selbst sehen. Und manchmal schaut der
Spiegel auch zurück.“
„Wenn ich eines gar nicht leiden kann, dann ist es diese Art von
Spielchen.“, sprachs und machte abermals auf dem Absatz kehrt.
Kiyoshi hatte nur Augen für das Pferd, dem er einen erneuten Klapps
gab, lächelte dabei auch weiterhin milde vor sich hin.
„Sie wollen mir was sagen?“, rief Willow durch die Boxengasse
des Stalls zurück. „Dann sagen sie es.“ Sie ging.
Darauf wanderten, was Willow nicht sehen konnte, die Augen des Asiaten
zu dem Schemen, der am Tor wartete, wo er sein Pferd hinführte,
den anderen dabei aber nicht eine Sekunde aus seinem Blick entließ.
„Es wäre unklug, etwas zu sagen.“
„Sie setzen also auf das Brotkrummenprinzip?“, wollte Kiyoshi
wissen, während er einen Fuß in den Siegbügel setzte
und sich dann auf den Rücken seines Reittiers schwang.
„Was Yggdrasil recht ist, kann uns nur billig sein. Außerdem...sie
sind recht erfolgreich mit diesem Verfahren, ihren Schützlingen
nur Stück für Stück alles zu offenbaren.“
Mit einem Schnalzen, lenkte Kiyoshi den Wallach den weg entlang. „Und
wenn man klaut, dann nur von den Besten.“, ergänzte der Asiate.
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Die Tür schwang auf, nachdem Eilis den Knauf dreimal
gegen den Uhrzeigersinn gedreht hatte – dahinter war nur öde
Schwärze, nicht bedrohlich, sondern eher nichts sagend und einfallslos.
„Da sollen wir durch?“
Eilis sah Jakob mit diesem Blick an, der stumm fragte „Kein Vertrauen.“
„Wenn sie sagt, dass ihr da sicher seit.“, sagte Tara.
Jakob sah auf das Buch hinab. Es war das gleiche, genau genommen dasselbe
Exemplar aus Cassandras Laden, dass Tara noch ergattert hatte, sich
vielmals entschuldigend dafür, dass sie ihren Fauxpas nicht erwähnt
hatte. Cassandra schenkte ihr das Buch daraufhin.
„Und das B-buch wird bei den dreien auch sicher sein.“ Mit
der Oder?-Frage blickte Tara zu Eilis, die nickte, dann ausdruckslos
an Wilhelm vorbei in die Finsternis hinter der Tür starrte, als
ob sie dort etwas suchte.
„Na dann...edle und mutige Herren Grimm. Wir sollten gehen. Vielleicht
kann man uns in diesem...wie war der Name des Ortes?“, fragte
Angelika.
„San Francisco.“
„...naja, vielleicht kann man uns dort helfen. Hoffen wir, dass
der Spuk aus dem Buch dort eingedämmt werden kann.“ Sie drehte
sich zur Tür hin um. „Und wenn nicht, dann helfe uns Gott.“,
murmelte sie zu sich.
Während Vesta, dich sich gleich einige Kopfschmerztabletten
eingeworfen hatte, zusah, dass das Haus wieder einigermaßen so
aussah wie vor dem Einfall der Hottentotten - genau genommen gab sie
die meiste Zeit beherzte Anweisungen von ihrem Stuhl aus, einen Kühlakku
gegen die Stirn gepresst – hockte eine mehr als bedröppelt
aussehende Kaie auf dem Sofar und hatte ihren Tee inzwischen zum dritten
Mal kalt werden lassen.
Einmal mehr strich Satinka mit der Hand über die Tasse, das Gebräu
fing wieder an zu blubbern und die Navajo lehnte sich in ihrem Sessel
zurück. Dann winkte sie die Zuckerdose aus Porzellan zu sich heran.
„Zuckerchen, hierher.“ Gehorsam kam der Süßungseimer
auf sie zugelaufen, auf seinem Weg rempelte es die Kaffeekanne an und
wischte einer Tasse eines, mit seinem Löffel.
„Zuckerchen, wann wirst du nun endlich klug? Hat denn das Service
nicht Sprünge genug?“, tadelte Satinka grinsend, denn sie
musste dabei unwillkürlich an diesen niedlichen Disney-Film denken,
in dem der Zauberer Merlin das gesamte Inventar seines Hauses in seinen
Handkoffer zu packen versuchte. Bei dem Anblick Kaies verging ihr das
Grinsen allerdings gehörig.
Ob sie nun vorläufig genesen war oder nicht, nachdem was Kaie ihnen
über sich, ihr Spiegelich, das sie auch als „Schwester“
bezeichnete, erzählt hatte, würde wohl jeder so fertig aussehen
wie die Vampirin.
Vampire galten allgemein als untote Kreaturen, doch Kaie sah aus, als
würde sie noch eine Stufe weiter darunter liegen.
„Das ist ... irre.“, kommentierte Satinka die Erzählung.
Geistig abwesend, als wäre sie auf Koks, starrte Kaie sie mit leeren
Augen an, erhob sich und trabte in Richtung Treppe.
„Moment mal....“, Ray setzte Kaie nach und hielt sie am
Arm fest. „Sekunde, warte Du hast gesagt, sie wüsste schon
selbst nicht mehr, ob sie du wäre oder so.“
Kaies Stimme war ihren Augen ebenbürtig, leer und nichts sagend,
wie eine hohle Gebetsphrase in einer leeren Kirche. „Sie meinte,
sie wäre schon oft ich gewesen...sie könnte selbst nicht mehr
unterscheiden, wer wer ist.“
„Woher sollen wir wissen, woher willst du wissen, ob du unsere
Kaie bist. Oder nicht?“
Kaie drehte sich um, sah kurz hinab auf ihre Hände, dann fing sie
Rays besorgten Blick wieder ein. „Gar nicht.“, erwiderte
sie.
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Epilog
Ein Lied – sanft wie eine morgendliche, kühle
Brise, zart wie die Blätter einer Rose und so kraftvoll wie der
abendliche Sonnenuntergang.
So klischeehaft Willows Gedanken auch waren, aber damit verglich sie
spontan die Klänge, Töne, Halbtöne und Akkorde, die an
ihr Ohr drangen.
Doch keine Menschenseele hätte diese Klänge herbeiführen
können, auch wenn gesungen, so war doch jeder Ton wie das Gleiten
einer Feder im Wind.
Willow hielt ihre Augen geschlossen. Sie wollte nicht sehen, nur hören,
und so sog jedes Bisschen dieser Melodie in sich auf, das hier am Ende
der Welt wie die Wellen an den Strand der Unendlichkeit gespült
wurde.
Calypso selbst sang, Venus stimmte mit einer, in einer Stimme, einer
Zunge, einem Lied, das Willow wiegte und sanft schaukelte.
Hier am Ende der Welt.
Hier in ihrem Refugium.
Hier in der warmen Umarmung, die sich anfühlte wie der Mutterleib,
dem Ort, an dem zwei Herzen gleichsam schlugen, im Einklang miteinander.
Der Ring aus weißem Licht, so hell und warm wie Feuer, stieg an
ihrer Seele empor.
Plötzlich riss Willow die Augen auf.
Sie hatte es vergessen, völlig vergessen, was damals geschehen
war.
Was hatten sie gesagt? Was war Tara? Kein Mensch und doch menschlich,
Hexe und Katze; eine Jägerin, wie Adam ihr gesagt hatte, so verrückt
wie das auch klang und auch, wenn sie es nicht ganz akzeptieren wollte
und konnte, so war Tara doch die Katze.
Alles ergab mit einem Male Sinn – einen erschreckenden und wunderschönen
Sinn.
Dort war etwas passiert; damals auf dem Weg in die Anderswelt, irgendwo
zwischen dem hier und dem Neatherrealm war ein Funken übergesprungen,
hatten sich ihre Herzen vereint und etwas erschaffen.
Willow lauschte dem Lied – es war so weit weg. Und doch so nah.
Und während sie sich zurücklehnte auf die Wiese im Refugium,
ließ sie los, öffneten sich ihre Finger und entglitt ihr
der Kristall.
Tara sah hinab auf den Kristall in ihrer Hand, die
Hälfte, die ihr gehörte, die Verbindung ins Refugium.
Von irgendwoher fühlte sie wie die andere Hälfte fiel, losgelassen
in Liebe und machtvoller Ergebenheit in das Schicksal, dass sie gewählt
hatten.
Und das, welches man ihnen aufgezwungen hatte – Katze sagten sie,
Jägerin sagten sie. Dämon, Kriegerin, Göttin. Und doch...sie
war nur ein Mädchen. Schüchtern. Ängstlich.
Und eine Hexe. Eine machtvolle Sterbliche.
Ein Kranz, ein Ring aus weißem Feuer, die Bindung zwischen zwei
Leben, die eins wurden, für jetzt und immerdar, dieses Bild drang
vor Taras inneres Auge und hielt sie gefangen.
Schließlich schlug sie die Lieder langsam auf und mit einem Lächeln,
die Melodie floss in ihren Geist hinein, stetig auf und ab, traurig,
hoffnungsvoll, wie ein einsamer Hirte, der vor sich hin pfiff.
Dann drehte sie die Hand, ganz sachte und vorsichtig, bis das Kleinod
von ihrem Handteller rutschte, hinabfiel in den Grund des Vergessens
und verschwand.
Irgendwo im Nichts, in der warmen Schwärze eines
inneren Universums, einzig geschaffen von den Herzen zweier Liebender,
irgendwo dort in der Finsternis leuchtete ein Kristall dem anderen,
bedeutet ihm sich zu nähern. Ein Reigen zweier tanzender Sterne
entfacht in der Unendlichkeit des Vergessens und Süße des
Nichts, im Augenblick der Wahrheit, wenn aus zweien ein ganzes wird.
Hellleuchtende Funken stoben davon, erleuchteten die Schwärze dieses
Universums und entfachten ein Feuerwerk des Lebens.
Und langsam, wie eine Feder im Wind, glitt der Kristall, leuchtend und
im Licht der Sonne glitzernd, in behandschuhte Finger, die ihn liebevoll
umschlossen und an die Brust und das kalte Metall des Harnischs drückten.
Sie sah hinab und seufzte, ihre blauen Augen, erst auf ihre Faust, in
der der Kristall ruhte fixiert, suchten bald schon am Horizont nach
Erlösung, Wärme und Liebe, aber nichts dergleichen erblickte
sie dort.
„Euer Ehren, Judge Nike. Eine Zusammenkunft wurde einberufen.
Yggdrasil verlangt eine Unterredung.“, sagte eine Stimme hinter
ihr.
Ohne den Blick vom Horizont zu nehmen, drehte sie den Kopf. „Ich
habe es gefühlt.“
Zustimmung schwang in der Stimme des anderen Judges, die ältere
Frau trug ihren Helm unter dem Arm und sah ebenso hinaus in die Weite
wie Judge Nike. Sie verstand, was die Jüngere ihr mit ihren mysteriösen
Worten sagen wollte. „Ja, die Linien des Universums laufen langsam,
aber sicher zusammen und werden eins. So war es vorgesehen. Nur du warst
es nicht.“ Die Frau trat neben sie, unter ihrem Arm trug sie den
Helm ihrer Zunft und gekleidet war sie in die schwere Rüstung der
Judges, ihr schönes Gesicht ließ aber niemanden Einsicht
gewähren in ihre Gedankenwelt. „Ist es nicht seltsam? So
sind die Wege unvorhersehbar und doch bestimmen wir sie Tag für
Tag. Schicksal? Gott? Zufall? Evolution? Was wenn beides immer existiert
hat? Was wenn der Glaube der Menschen an das eine und das andere gleichermaßen
gilt. Das Universum kennt viele Sprachen und doch nur eine Stimme. Es
ist das Universum das durch uns spricht, durch jeden, egal wie verschieden,
denn von dort kommen wir, von einem Punkt, einer Quelle und dorthin...
dorthin gehen wir.“
„Wir sind eins mit allem. Ist es das?“
Jetzt endlich lächelte die Ältere. „Niemand hier ist
exakt das, was er zu sein scheint, Judge Nike.“ Sie sah die junge
Frau neben sich scharf und doch gütig an. „Eure Anwesenheit
ist im Rat erwünscht – und erforderlich.“
Die Frau nickte. Sie ging.
Judge Athene, so der Name der Älteren, sah zum Horizont. „Niemand
ist das was er zu sein schein. - Durch die Nacht zum Licht hin stehen
wir ....“
„...zwischen der Kerze und dem Stern.“,
sagte Tara und entzündete den letzten Docht. Der flackernde Schein
der Kerzen erhellte das Zimmer, warf zugleich unstete Schatten in alle
Ecken des Raumes, ganz so als konnte und wollte das Licht nicht ohne
den Schatten sein.
So fühlte sich Tara leer, als wäre ihr eigenes Licht einsam,
ohne den Kühle spendenden Schatten von Willow.
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