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"Bohnen, Jake, Zauberbohnen." (Wilhelm Grimm)

Wiccan Ways 2.02
Grimm

 

Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster.
Schön und anmutig war sie, stark und doch zerbrechlich zugleich, erschien sie einem jedem, der sie betrachtete, und milde im Wesen war sie eines jeden Mannes begehrenswertestes Geschöpf.
Vertieft in ihre Lektüre achtete sie nicht auf die Schärfe der Blattränder und, gerade vertieft in die wohl schönste, aber auch furchtbarste Stelle, schnitt sie sich am Papier.
Einzig zwei Tropfen Blutes fielen zu Boden, hinab in den blütenweißen Schnee ehe die Wunde binnen weniger Liedschläge sich schloss….

….Claudia, so ihr Name, betrachtete die Blutstropfen am Boden, unsicher im Herzen, doch mit dem beklemmenden Gefühl, dass dies das Schicksal so vorgesehen hatte.
In ihr regte sich das Leben, sie fühlte es, wusste es, wie nur eine werdende Mutter es wissen konnte.
Sie stand auf, das Buch auf den kleinen Tisch neben dem Fenster legend, und warf ihr langes, schwarzes Rapunzelhaar zurück. Sie atmete tief ein, ehe sie den Raum durchschritt, kurz blieb sie stehen und warf ihrem Profil im Schrankspiegel einen messenden Blick zu, strich sich über den Bauch und, allen Mut in sich sammelnd, ging fort zur eisenbeschlagenen Tür.
Noch während ihre Rechte nach der Klinke griff, öffnete sich die Tür, geöffnet von der anderen Seite.
„Ich wollte lediglich nach euch sehen.“, entschuldigte der eintretende, große Mann sein Eindringen sogleich. „Die Festlichkeiten beginnen in einer Stunde und die ersten Gäste treffen bald ein. Ihr wisst was für eine ungeduldige Natur Viktor ist.“
„Ich weiß, mein Gemahl.“
Dem großen Mann, der sich durch seinen Ziegenbart strich, entging die Anspannung, die seine Königin heimsuchte nicht. „Ist alles….“
„Es geht mir gut. Ich bin nur … erschöpft.“
Seine Majestät, Angus, der Herrscher über alle Clans seines Volkes, trat näher an die Schönheit heran, deren Züge den Menschen, welche in der Nähe des irgendwann Adria genannten Meeres siedelten, nicht unähnlich war, entgleisten leicht bei dem Versuch zu lächeln.
„Nun gut…doch, falls ihr etwas auf dem Herzen habt, dann sagt mir Bescheid.“ Angus trat einen Schritt zurück und verließ Claudias Kemmenate, wofür die gerade erst gekrönte Königin dankbar war.
Noch war sie nicht bereit dafür.
Ein kurzer Blick hinaus zum nun mehr und mehr hervortretenden Sternenzelt, dass die Sonne hinter den Horizont trieb, sagte ihr dass die Herrschaft des Menschengeschlechts noch nicht allzu lange währte, doch in ein paar tausend Jahren würden sie denn sicherlich die Erde beherrschen, so wie ihre Nachkommen..
Irgendwann, nur nicht heute.
Noch nicht.

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Der Geschmack auf Kaies Zunge erinnerte sie überdeutlich an eine durchzechte Nacht, nur dass sie keinerlei Saufgelage beigewohnt hatte, trotz ihres Brummschädels und dem Pelz auf dem Geschmacklappen.
Glücklicherweise entschied ihr Körper, dass sowohl das Aroma „alter Thunfisch in ranzigem Öl“ als auch der katerhafte Dickkopf sich trollen sollten, da sie, wie Kaie innerlich zustimmte, vollkommen unnötig und überflüssig waren.
Und so dankte sie Gott dafür eine Allererste zu sein.
Also hiefte sie sich aus dem Bett, wenn gleich eine Runde mehr Schlaf nicht so unübel gewesen wäre, denn irgendwie mochte sie es, morgens sich immer noch einmal rumzudrehen.
Trotzdem erhob sie sich – und wäre beinahe wieder ins Bett gefallen, denn sie übermannte ein Gefühl, dass sie nur mit einem Ausdruck beschreiben konnte: schwindelig.
Alles schwankte und drehte sich, die Titanic kurz vor dem Absaufen, ihr Körper signalisierte Schwäche und taumelte, woraus sie schloss, dass es eben jenes Schwindelgefühl sein musste, von dem sie zwar gehört, aber es noch nie erlebt hatte.
So schnell es allerdings gekommen war, so schnell zog sich diese äußerst unangenehme körperliche Erfahrung zurück.
Unerklärlich blieb weiterhin was denn der Grund dafür sein könnte, zwar war der Abend etwas länger geworden, aber sie konnte sich wie gesagt nicht entsinnen, groß getrunken zu haben. Allerdings auch nicht daran, wie sie ins Bett gekommen war, so dass das letzte woran sich Kaie mit Sicherheit erinnern konnte, einzig ihr Gesicht im Spiegel war.
Irgendwie war ihr, als wäre etwas Schiefgelaufen, obschon sie nicht sagen konnte was.
Sie brauchte dringenst frische Luft.
Ein Buch.
Und einen Kaffee.
Oder auch ein Tässchen Tee – was eben zuerst kam.

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„Kosmische Gedanken?“, fragte die Stimme hinter Willow.
Die Gefragte schreckte hoch, riss die Augen auf und suchte im Dunkel des Zimmers nach der Person, die an sie herangetreten war. Alles was sie sehen konnte war ein Schemen.
„Sie...“
„Es ist alles nicht so leicht zu akzeptieren, oder?“
„Oder zu vertrauen. Wieso sollte ich? Ich meine, sie können mir sonst was erzählen. Dass sie....“, Willow gestikulierte fahrig in der Luft herum. „...die Königin von England sind. Oder ... oder meinetwegen Buffys ältere Schwester.“
„Mit britischem Akzent?“
Zähneknirschend schürzte Willow die Lippen. „Okay, das dann vielleicht nicht.“
„Also bleibst du bei der Frage: Wer sind sie? Obwohl du es weißt?“, entgegnete der Schatten im Dunkel.
Verunsichert wich Willow zum Fenster zurück, suchte in ihrem Innersten nach einem Quäntchen Mut, um sich dieser Frage zu stellen und antwortete: „Ja. Ja....nur...“
„Dann sag mir zuerst: Was willst du?“
Unwillkürlich zupfte Willow an ihren Haarspitzen, ihre Gedanken irrten hin und her, ziellos, unfähig sich zu konzentrieren auf einen Punkt in ihrer Gedankenwelt, was sie suchte war ein heller Stern, einen pulsierenden, lebenden Punkt, an den sie sich klammern konnte.
„Wa...ich will wissen, wer sie sind.“
„Was ... willst ... du?“, wiederholte die Gestalt.
Eine grelle Sonne, die in ihrer Gefühlswelt für Masse, für Schwerkraft sorgen konnte, und so alles zentrierte.
Ihr Visavis insistierte: „Was ... willst .... du?“
„Ich.....“ Sie lenkte ihre Gedanken auf Tara, konzentrierte sich nur auf sie, die Hand wieder einmal verkrampft um den Kristall in ihrer Tasche. „....keine Ahnung.“
Sofort entspannte sich die Stimme ihres Gegenübers, man konnte sogar in der Finsternis ein Lächeln sehen. „Die erste gute Antwort.“ Eine Pause. Nur Atem in der Stille. Dann. „Du bist älter geworden... nachdenklicher...hoffe ich zumindest.“
„Haben sie etwa meine Onlinetagebücher angezapft?“
Die Antwort bestand in einem Lachen.
„Nein...deine nicht. Aber bewahre dir deine Ängstlichkeit, Unsicherheit von einst. Deine Unschuld. Von alldem etwas. Sonst kann es passieren, dass du eines Tages in den Spiegel schaust und dich selbst nicht mehr erkennst.“ Ihr Gegenüber ging zur Tür, öffnete sie, wobei ein fahler Lichthauch das Lächeln auf ihrem Gesicht erhellte, begleitet vom Widerschein auf den Brillengläsern, und verschwand.
Willows Augen wanderten hin und her, sie widerstand dem Drang ins Badezimmer zu gehen aber nur für einen Moment, denn schon eilte sie in Richtung Bad, verfehlte den Lichtschalter und entfachte das Licht mit einem Fingerschnippen und starrte in den Spiegel. Nichts Auffälliges, ihrer Ansicht nach, und eine Spiegel log nicht. Dann sah sie an sich hinab.
„Immerhin trag ich keine Latzhosen mehr.“, murmelte sie.

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Seelenruhig stand Vesta Seward in der Küche, in der einen Hand einen Wälzer von Stephen Fry in der Hand, während sie mit der anderen in ihrer Suppe herumrührte.
Es war offensichtlich für den ungeübtesten Beobachter, dass sie sich keinerlei Sorgen machte um ihre Freundin, die fernab in den Staaten sich größter Gefahr aussetzte von den Behörden festgesetzt zu werden.
Kennedy runzelte nur die Stirn.
Sie hatte mit diesen Leuten bislang kaum ein Wort gewechselt, lediglich das Aller notwendigste, hier ein Wort, dort einen Satz, aber von einem richtigen Gespräch konnte man wohl kaum reden.
Aber immerhin wusste sie wer, was, wie, wo und mit wem, denn blöd war sie beileibe nicht, allerdings wunderte sie selbst, dass sie in dieser Runde kaum die Zähne auseinander bekam. Die Wahrheit war: sie fühlte sich unwohl, denn immerhin hatten sie diese Mädels rausgehauen und Kennedy ließ sich nicht gerne retten, zumindest nicht ungefragt.
Sie sah zur Haustür, dann zurück zu Vesta und wieder zur Tür. „Hey, hör mal.....“
>>Bleib nicht zu lange draußen. Gibt bald Essen.<<
„Raus ... aus ... meinem Kopf....“, knirschte sie.
„Hm?“, Vesta sah zu ihr hinüber, dort wo sie direkt im Wohnzimmer stand, von einem Bein aufs andere tretend.
„Tu das ... nie wieder. Klar.“
„Sorry. Hab ich gar nicht gemerkt.“, flötete Vesta. Sie grinste.
Ohne ein weiteres Wort zeigte Kennedy ihr die kalte Schulter, ihr Ziel waren die umliegenden Hügel, dort hatte sie Ruhe, Ruhe und Konzentration zu trainieren.
Vesta schmunzelte ihr hinterher. „Noch so ein Faith-Fall.“
„Das hab ich gehört.“ Faith lehnte, halb lässig, halb abwehrend, die Arme vor der Brust verschränkt und einen Blick aufgesetzt, der Milch auf der Stelle hätte sauer werden lassen, am Türrahmen.
„Wie wäre es denn, wenn ihr einen Club aufmacht?“
„Wir sind schon in einem. Man nennt uns Jägerinnen.“
Irgendwie schien Faiths Gegrummel die Wicca nur noch mehr zu erheitern, denn ihr Grinsen wurde ständig breiter.
Aus dem Hintergrund zwängte sich Satinka an Faith vorbei und steuerte auf die blubbernde Suppe zu. „Born to be wild, hm? Klingt Motorradclub für Frauen. Wie wäre es dann eher mit „Wild sows.“?
„Deine Beliebtheit bei mir steigt mit jedem Wort, Sitting cow.“, schoss Faith zurück.
„Hey...war das gerade wieder Schlagfertigkeit?“ Frech grinsend fischte die Navajo in dem Suppentopf herum.
Sie hatte keine Lust mehr auf dieses Gekabbel, aber das letzte Wort sollte nicht an diese Nervensäge gehen. „Ich hoffe, du verbrennst dir deine Lippen.“, grummelte Faith, riss den Kühlschrank auf, um in der Tiefe dieses Miniökosystems etwas Essbares zu finden, das sich nicht mehr bewegte, doch sie griff lediglich nach dem Apfelsaft und schüttete sich die halbe Tetrapacktüte hinter die Binde.
Urplötzlich würgte Satinka lautstark, begleitet von einem markerschütternden „Yuk“.
Kennedy sah, die Eingangstür beinahe erreicht, davon ab, die Klinke zu drücken und warf einen Blick zurück zur Küche.
Faith sah das Indianermädchen gehässig an. „Na, was hab ich gesagt?“
Statt einen entsprechenden Satz in Richtung der Jägerin zu schleudern, nahm sich Satinka das Buch vor, nach dem Vesta gekocht hatte. „Sag mal.... Entweder du willst uns ins nächste Krankenhaus bringen oder... dir ist schon klar, dass dieses Zeug hier dazu da ist zu starke Hornhaut an den Füßen zu behandeln?“
Kennedy grinste innerlich.
„Ist das nicht das Italienischkochbuch?“, erkundigte sich Vesta.
Den Buchdeckel der anderen Wicca präsentierend, tippte Satinka dem selben Gesichtsausdruck, der auf der Stelle Butter in Käse verwandelt hätte, auf den Titel. „Das homöpathische Hexenrezeptkompendium für den Hausgebrauch..“
Lächelnd, immerhin konnten diese Mädchen sie zum Lächeln bringen, aber zugleich auch kopfschüttelnd verließ Kennedy das Haus und schnupperte in der trüb-feuchten Luft der Highlands.
Faith betrachtete den Tetrapack in ihrer Hand. „Ihr könnt Kriegsbeil und Pistole wieder begraben, dann setzen wir uns in die Stube, machen den Fernseher an und lassen uns beim Powwow von hirnrissiger TV-Soap berieseln. Okay?“
Sofort brachen die beiden Hexen in Gelächter aus, Satinka legte das Buch zur Seite und peilte das Wohnzimmer an, im Vorbeigehen deutete sie aber auf die Suppe. „Da fehlt noch etwas Salz. Ansonsten machst du gute Fortschritte.“ Sie ließ ihre Brauen tänzeln, während sie sich einen Apfel aus der Schale, die auf dem Sideboard stand, griff und Hineinbiss.

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Gedrungene, dicht an dicht, direkt aneinander liegende Häuser, bei dem man teilweise sogar die Steine zählen konnte, mit ihren unzähligen Schornsteinchen und mal in rostrot, dann mal in veilchenblau oder anderen Farben gestrichenen, großzügigen Fensterläden, in denen jeder Ladenbesitzer seine Pfeifen, geistigen Getränke, Bücher oder Süßwaren anpreiste, so präsentierte sich der kleine Ort der unweit von der Liegenschaft ihres Hauses lag.
Zwar hatte sich die Sonne noch nicht dazu entschlossen die düster, melancholische Wolkendecke zu durchdringen, aber immerhin regnete es nicht. Einzig feiner Niesel benetzte ihre Gesichter, während Tara und Dawn die Straße entlang gingen und bald vor jedem Geschäft stehen blieben, obschon sie diese bereits ein halbes Dutzend mal gesehen hatten.
Irgendwie verlor diese Kleinstadt nicht an ihrem Reiz, was wohl daran lag, dass sie seine weitaus längere Geschichte aufwies als jeder us-amerikanische Ort.
Es war der Charme des Fremdartigen, obwohl manches in die amerikanische Kultur einstmals eingeflossen war, so war dies hier das alte Europa – es war anders, heimelig und fremdartig.
Im Korb, ja sie hatten einen Korb, lagen Obst und Gemüse, Nudeln in Tüten, Kartoffeln, Milch und eigentlich eine Menge an anderen Dingen, dass der Korb, wie Dawn argwöhnisch vermutete, sicherlich schon eine gute Tonne wog, aber von Tara mit einer Leichtigkeit getragen wurde, dass man den Eindruck haben konnte alles wäre aus Plaste fantaste und nicht im geringsten schwer.
Sie passierten „Murder and Mayhem“, einen Buchladen der ganz im Zeichen der Kriminalliteratur und Thriller stand und steuerten gleich auf „Cassandra’s Cave“ zu, einem, wie konnte es anders sein, Esoterikladen, denn, auch wenn dies nicht Glastonbury war, so war der keltische Geist hier überall zu finden.
Anders als die übrigen Läden war dieser ein umgebautes Wohnhaus ohne breite Fensterfront, reiner Stein, in der Front kalkweiß gestrichen und mit einer Fachwerkkonstruktion darüber, die bläuliche Markise vor der Eingangstür, die trotz des eher ungemütlichen Wetters weit offen stand und ein Stückchen der Theke offenbarte an die ein Reisigbesen –Tara dachte unwillkürlich an ein Hexenhäuschen- war dieser Laden noch ein Stück weit gemütlicher und kuscheliger als die anderen.
Drinnen sah es aus wie in einem Trödelladen zumindest was die Ordnung anging - eine bunt-wilde Mischung- die, Bücher, Folianten und Pergamentrollen, die sich in den Regalen schon die Bretter verbogen und, wenn es gar nicht anders ging, bis unter die Decke gestapelt waren oder in Vitrinen derart hineingepackt waren, dass jedem Bibliothekar die Haare zu Berge stehen mussten, wenn er dies sah – hier standen reine Dekofiguren und Kerzenständer, gleich daneben die Kerzen, von der 10 Pfund Monsterkerze bis zur kleinen, für den schnellen Gebrauch Winzlingskerze, dort pendelten Pendel, Traumfänger und Anhänger, dufteten Tees aus einem ganz anderen Regal und glitzerten Kristalle von einem Drehständer, der verdächtige Ähnlichkeit mit einem Tannenbaum hatte.
Das ganze Angebot war wohl irgendwann einmal mit einem Lastwagen angekarrt und mit der Schaufel hineingeworfen worden – wo die Sachen stehen oder liegen blieben, standen und lagen sie noch immer.
Einzig die Ladenbesitzerin schien mit einer traumtänzerischen Sicherheit sich in ihrem Etablissements zu Recht zu finden. Sicherlich, alles hatte seinen Platz, aber irgendwie brauchte man doch einen verzauberten Lageplan, wenn man etwas suchte und gedachte es auch zu finden.
Cassandra selbst war gerade irgendwo in den hinteren Gefilden ihres Geschäftes und außer Sicht- und Rufweite; offenbar war sie nicht sonderlich besorgt, jemand könnte etwas aus dem Bestand rein zufällig mitgehen lassen.
Dawn zuckte nur die Achseln und wandte sich den Anhängern zu, während Tara ohne Umschweife auf die Bücher zusteuerte.
Mit dem Finger fuhr sie über die Buchrücken, so schnell, dass jeder andere kaum die Lettern darauf hätte lesen können, sie aber wohl schon.
Unwillkürlich musste sie an Willow denken, wobei ihr Finger gerade auf dem Band mit den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen stehen blieb.
„Ich kapier nicht ganz was du an dieser Willow Rosenberg findest.“, murmelte eine rauchige Stimme hinter ihr. Cassandra wirkte ein bisschen wie eine Kreuzung aus Melanie C und der glubbschäuigen Luna Lovegood aus den Harry Potter Romanen, denn obwohl sie dieselben Augen und Züge wie die britische Sängerin hätte, pflegte sie einen recht individuellen Kleidungsstil. So individuelle, dass es unmöglich war ihn zu beschreiben, doch wer sich einen Schottenrock und eine geblümte Bluse mit einer Jeansjacke darüber vorstellen kann, war trotzdem noch weit davon entfernt sich ein ungefähres Bild von Cassandra zu machen.
„Häm?“, machte Tara automatisch.
„Warst du nicht mal mit der zusammen?“, fragte Cassandra mit leicht verträumtem Gesichtsausdruck.
„I-ich....“
Doch die andere ließ Tara nicht ausreden, sondern fuhr unbeirrt fort. „Die hat sich mal total über uns ausgelassen.“
„Uns?“, erkundigte sich Dawn um den Drehständer herum.
„Wicca.“
„Ich verstehe nicht was du meinst.“, warf Tara ein.
Daraufhin verdrehte Cassandra die Augen. „Was hat die mal gesagt.....irgendwas als sie sich über ne Hexengruppe ausgekotzt hatte...“
Cassandra war auf dem besten Wege sich unbeliebt zu machen.
„ >blahblah Menstruation blahblah Mondphasen....< das hat sie zu ihrer Freundin gesagt.“
„Oh, sie hat nur so eine Möchtegern-Wiccagruppe gemeint, d-die hatten wirklich keinen Dunst worum es wirklich geht.“
„Klar.“ Die Geschäftinhaberin gestikulierte mit den Händen in der Luft, blieb aber hartnäckig. „Gibt viele, die sowas aus der Mode heraus machen und nicht ernsthaft. Aber meinst du nicht, dass ihre Worte tief blicken lassen?“
Ohne dass es eine der beiden älteren Frauen gemerkt hätte, hatte sich Dawn zwischen sie geschoben. „Woher weißt du das überhaupt?“
„Meine Cousine wohnt ihn den Staaten. Hat mir davon geschrieben. Verrücktes Volk ... irgendwie...naja...zumindest schräg.“ Cassandra wandte sich ab und ging mit wehenden Haaren hinter den Thresen, während sich Tara und Dawn bedeutsame blicke zuwarfen. „Seid ihr für uns auch?“, meinte Dawn. „Irgendwie ... schräg.“, sie grinste zerknirscht.
„Hö?“ Die dunklen Ponyfransen fielen Cassandra ins Gesicht.
„Europäer.“, sagte Tara entschuldigend und zog ohne hinzusehen das Buch, auf dem noch immer ihr Finger ruhte, aus dem Regal.
„Achso... schon recht.“ Sprachs und wandte sich buchhalterischer Lektüre direkt neben der Kasse zu.
Dawn deutete mit dem Finger ein Kreisen am Kop an, als sie Tara ansah, will heißen, sie war der Ansicht Cassandra hätte nicht alle Tassen im Schrank. Tara lächelte milde, schüttelte aber gleichsam den Kopf.
Einerseits waren Cassandras Worte irgendwie nachvollziehbar, andererseits wusste sie dies nur aus zweiter Hand und sie selbst war, obschon hellsichtig auch etwas spleenig, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Tara seufzte innerlich – sie war unsicher. Einzig eine kleine Hoffnung war in ihrem menschlichen Herzen, dass Willow ihren Weg finden würde – ob es der bessere oder schlechtere aus Taras Sicht war, war egal, solange Willow wusste was sie wollte – doch zuerst musste sie wissen wer sie war.
Sie schlug das Buch geistesabwesend auf, blätterte kurz darin, sie war nicht sicher, denn obwohl es eine sehr schöne Ausgabe von 1888 war, hatte sie nicht das Geld es zu kaufen und schlug es, leider etwas unachtsam, denn eine Seite wies auf einmal eine Eselsohr auf, wieder zu. Tara öffnete das Buch wieder an besagter Stelle, sog zischend die Luft ein und strich die Stelle glatt, aber der Knick blieb. „Iahhh.“, machte sie leise zu sich gewandt.
Dawn kam und ließ eine Taschenuhr vor Taras Augen hin- und herpendeln, dass die Wicca den Band geistesabwesend wieder zuschlug und zurückstellte.
„Sag bloß nicht....“, Tara nahm das gute Stück, denn der goldene Zeitanzeiger hatte schon einige Jahre auf dem Buckel, sicherlich schon....Taras Augen weiteten sich. „D-die ist ganz schön alt. Aber du hast doch....“
Sofort winkte der Teenager ab. „Nicht für mich. Bin doch kein alter Opa. Ich wollte sie als Geschenk.“
„Für nen alten Opa?“ Tara grinste herausfordernd.
„Wa...? Nein... für... ach... ist eh zu teuer.“ Damit entriss sie Tara die Kette, konnte aber ihre Enttäuschung nicht verbergen, zumindest versuchte sie ihr die Uhr wieder wegzunehmen, doch Tara hielt sie fest umklammert. Sie ließ den Deckel der kleinen, quadratischen Uhr hochschnellen, auf dessen Innenseite etwas in kleinster Schrift etwas eingraviert war. Ein Name und ein Datum – Sebastian, 1888.
„Oh...“, sagte Cassandra von der Theke aus. „Die will irgendwie keiner haben. Ist wohl kaputt.“
Tara hielt das Kleinod an ihr Ohr, doch es machte gemächlich Tick-Tack. „Sie funktioniert aber.“
„Hmmmm? ... Egal, kannst sie haben, Kleine.“
Überrascht starrte Dawn zunächst nur an der Uhr vorbei Tara an, schließlich blickte sie zu Cassandra, die sich bereits aufmachte, um einen Tee anzusetzen, denn noch ehe Dawn sich bedanken konnte, war die Ladenbesitzerin wieder verschwunden und rief nur ein „Auch einen Tee?“ aus dem Hinterzimmer.
„Da-danke, nein. Wir müssen nach haus.“ Tara schubste Dawn mit sanfter Gewalt an und deutete in Richtung Ausgang, während sie Dawn die Uhr in die Hand drückte.
Kurze Zeit später lugte Cassandra aus dem Türrahmen in ihr Geschäft, sie sah nach rechts, dann nach links, leicht enttäuscht darüber, dass die beiden Frauen schon gegangen waren. „Hoffen wir, dass Mr. Sebastian keinen Ärger macht.“ Dann fiel ihr Blick auf den nicht ganz ordentlich zurückgeschobenen Band mit Grimms Märchen und ihr Unterkiefer sackte gen Boden. „Oh..ganz schlecht.“
Kaum hatte sie die Worte über die Lippen gebracht, da stoben bereits Sternenlichter, fast schon wie feinster, glitzernder Staub aus den Seiten und krochen über und in die anderen Bücher.
Cassandra schüttelte den Kopf. „Gar nicht gut.“

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Einen Straßenzug weiter genoss, zumindest versuchte sie es, Kaie Adams ihren Kaffee in einem Buchladen, der zugleich auch Cafe war, um so offenbar Gemütlichkeit und damit den Umsatz zu steigern.
Man sitze genüsslich in seinem Stuhl und lehne sich zurück, blättere dabei in einem Buch und vielleicht nimmt man, zur Freude des Besitzers, auch eines der Bücher längerfristig gegen einen entsprechenden Obolus mit.
Man musste sich schon fragen, wieso Kaie selbst nie auf den Gedanken gekommen war dies auch in die Tat umzusetzen – sicherlich war es ihr durch den Kopf geschossen, doch hätte sie dafür sicherlich weitere Räumlichkeiten anmieten müssen, da ihr eigener Laden einfach zu beengt gewesen ist.
Gerade führte sie die Tasse an die Lippen, als im selben Moment ein kalter Schauer über ihren Rücken kroch, etwas Düsteres aus der Vergangenheit, dass sie verfolgte, bisher im Dunkel gelauert hatte und nun sein abscheuliches Antlitz zeigte.
Automatisch sah sie sich um, doch alles was sie erblickte waren festmeterweise Regale voll mit Büchern und, auf der Fensterseite Tische und Stühle im gleichen eichenen Holz, an und in denen lediglich zwei weitere Bücherwürmer ihre Nasen in die Folianten steckten, während ihre Tees vor sich hin dampften.
Kaies Blick huschte nach draußen, auf die Straße, doch auch dort konnte sie nichts erkennen, einzig ihr schwaches Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Sie zuckte zusammen.
Hatte ihr Spiegelbild gerade gelächelt – flüchtig, hinterhältig, obwohl sie selbst keine Miene verzogen hatte?
Nichts.
Einmal tief Luft holen.
Doch da war es wieder. Dieses Gefühl.
Und schon war es wieder verschwunden.
Trotzdem stand Kaie auf, schlürfte schnell noch den letzten Tropfen Kaffee, nahm das Buch und legte es auf den Tresen vor die Nase des Kassierers.
Dessen Riechkolben war allerdings irgendwo unterhalb der Theke auf Wanderschaft und ließ sich nicht sofort blicken, stattdessen vernahm Kaie ein leises Summen, dann als würde der Mann singen, Wortfetzen.
„...übermorgen hohl ich der Königin ihr Kind.“
Verwundert zuckte Kaie mit der Augenbraue, da sie diese Worte gut kannte, Worte, die eigentlich jedes Kind zwischen Moskau und LA kennen müsste, denn sie hatte sie einmal, da er noch darüber sinnierte wie er die Erzählung am besten zu Papier bringen sollte, von Jacob Grimm gehört, der unermüdlich versuchte eine Version zu schreiben, die einen jedermann ansprach. Das war etwa 1809 in Kassel gewesen.
Der Kopf des Ladenbesitzers tauchte auf, fast davon überzeugt erschrecken zu müssen, zuckte Kaie auch wirklich zusammen, doch der Mann sah nicht aus wie das fiese, kleine Männlein aus dem Walde, sondern wies in seinem feisten, aufgedunsenen Gesicht noch immer seine gutbürgerlichen, schottischen Züge auf.
„Ein Grimm-Fan?“, erkundigte sich Kaie mit einem recht erzwungenen Lächeln, nur um ein bisschen Konversation zu betreiben.
„Was? Ach, so... ich hab gestern nur eine alte Ausgabe hier entdeckt, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe.“, antwortete der alte Knabe, der, wenn man ihn genauer unter die Lupe nahm eine frappierende Ähnlichkeit mit dem schottischen Darsteller Robbie Coltrane auf.
„Ich verstehe.“
„Sie sind Engländerin? Ihr Akzent...“
„Die meiste Zeit.“, jetzt grinste Kaie wirklich aus dem guten, alten Bauchgefühl heraus. Ab und an verfiel sie in ihre gebürtige Sprechweise, die allerdings auch verwaschene Ansätze von walisisch und irisch enthielt, denn die englische Sprache war bei weitem nicht so alt wie sie selbst. Genau genommen gab es, zur Zeit ihrer Geburt auf der späteren britischen Insel kaum Menschen.
Sie klopfte auf den Buchdeckel. „Ich überleg es mir noch einmal.“ Und meinte damit, ob sie es kaufen würde oder nicht.
„In Ordnung.“
Mit einem Schmunzeln verließ Kaie den Laden und hörte nur noch ein „Beannachd leat“ des Besitzers, Schottisch für „Auf Wiedersehen.“
Als sie nochmals zurücksah, durch die Glastür, die sich bereits schloss, um einen Gruß zu erwidern, sah sie lediglich zwei gelbliche Augen kurz aufglimmen und wie der Mann hinter dem Tresen den Mund auf und zumachte, um noch ein „Heute back ich...“ in übelstem, breitesten Schottisch von sich zu geben.
Abermals streifte Kaie dann ihr eigenes Gesicht und abermals hatte sie das Gefühl, als würde ihr Spiegelbild sie ansehen und nicht umgekehrt.

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Innerlich schrack Willow auf, versuchte aber nach außen hin eine möglichst gelangweilte Fassade zu verkaufen, was ihr kaum gelang, denn dafür war sie, wenngleich ihr das Adam nicht sagte, eine zu schlechte Schauspielerin.
Unbemerkt ließ Willow den Kristall in ihrer Tasche verschwinden, den sie immer wieder hervorholte und ansah, ihn ebenso benutzte und doch geheim hielt.
Irgendwie war an diesem Ort nichts wirklich sicher vor den neugierigen Augen und Gedanken anderer.
„Was willst du?“, fragte Adam rundheraus. Eine nur zu vertraute Frage, auf die Willow nicht zu antworten wagte, denn dazu war sie ihr in letzter Zeit zu oft Fragen dieser Art gestellt worden.
„Warum bist du hier?“, fuhr der große Mann unbeirrt fort.
„Das wissen sie....ich ... ich will einfach nur.... dass sie.....“
Gespannt lauschte Adam der noch wirren, ungeordneten Antwort, sicherlich wohl wissend, was Willow trieb. „Nun?“
„Ich will....ach, vergessen sie’s.“ Willow schüttelte sich und stand auf, es war sinnlos mit diesem Mann zu reden, auch wenn sie wusste, das nur er ihr helfen konnte. Noch auf dem Weg zur Tür hielten Adams Worte sie auf, wozu er allerdings nicht einmal den Mund aufmachen musste, denn Willow blieb von selbst stehen und wandte sich zu ihm um. „Was ich wirklich will ist, dass Tara nicht irgendwann ... ohne mich dasteht. Ich will nicht dass sie trauert, nur weil ich irgendwann sterbe. Ich kann genauso wenig ohne sie leben. Ich... ich will leben.“
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln kam Adam auf sie zu. „Gut. Dann lass mich dir einen Weg zeigen.“ Er trat, mit dem geheimen Wissen in seinem Gesicht, dass Willow anlockte wie das Licht die Motte, an ihr vorbei. „Ich will nämlich genau dasselbe.“ Er verharrte, drehte lediglich seinen Kopf leicht zurück. „Folge mir ... in den Garten.“
Besagter Garten war eigentlich ein gigantisches Arboretum voll halb Wildwachsender Pflanzen, eingeschlossen in einem Glaskasten, der nichts von der geradlinigen Konstruktion von Adams Pyramide hatte, sondern geschmeidig, rundlich, organisch sich in die Pflanzenwelt einfügte.
Forsch schritt Adam die gepflasterten Pfade entlang, ließ die viktorianische Sitzbank links liegen und interessierte sich für den, recht im Zentrum stehenden Apfelbaum.
Willow hatte ihn gerade eingeholt, da pflückte er bereits einen der Äpfel – obwohl nicht Zeit für deren Wachstum und Ernte, so wurden hier scheinbar künstlich die Blüte und Reifezeit beeinflusst.
Adam fixierte den Apfel wie Rodins Denker den fiktiven Punkt irgendwo im Nichts, ehe er mit demselben seltsamen Lächeln auf den Lippen zu Willow sah. „Schon mal was von den Äpfeln der Iduna gehört?“
„Nur von Signal Iduna....“, versuchte Willow einen kläglichen Anflug von Humor, der jedoch sofort versackte. „Ja, eine Göttin in der nordischen Mythologie, soweit ich weiß.“
„Genau. Sie bewachte die Äpfel der Jugend, die den Göttern ihre Unsterblichkeit verliehen. Bis Loki sie stahl.“
Bei Willow dämmerte es – Adam musste wissen ob es einen dieser Äpfel gab und wo dieser zu finden war. Trotzdem war sie unsicher, witterte in der Gegenwart ihres einstigen Feindes stets das beklemmende Gefühl des Verrats. Auch wenn er eigentlich keinen Grund dazu hatte.
„Also...wissen sie wo einer dieser Äpfel ist?“
„Weshalb glaubst du..... ahhh, ich verstehe. Natürlich. Wer vertraut schon dem Bösewicht. Wer vertraut einem Ding, dass so viele Gesichter, so viele Lügen in sich vereint hat. Wozu auch?“
„Eben...warum sollte ich ihnen vertrauen? Warum wollen sie mir überhaupt helfen?“
„Wenn mich nicht alles täuscht bist zu zu mir gekommen. Um mich um Hilfe zu bitten. Nicht war?“
„Aber warum...“
„Warum ich zustimmte?“
Ein leises, trotziges und doch auch verschämtes Nicken.
„Weil es Gründe gibt. Du darfst nicht sterben. Ich mache mir Sorgen um meine Schwester und wenn du die ganze Wahrheit kennen würdest, dann wüsstest du warum ich bereit bin dir zu helfen.“ Kurzzeitig sah Adam einfach nur ins Leere mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, dass er weiter als weit von diesem Ort sich wegbewegte, hin zu einer Vergangenheit, die nur er kannte. „Aber...“, fing er langsam wieder an zu sprechen. „...du fühlst bereits warum du so wichtig bist für Tara. Und warum Tara so wichtig ist für dich.“ Unverwandt warf Adam ihr einen rasierklingenscharfen Blick zu und mit einer Mischung aus Verachtung und Resignation sagte er: „Du fühlst es. Ihr Menschen hört zu wenig auf euer Unterbewusstsein.“
Willow seufzte – allein was sollte sie entgegnen, denn er hatte ja Recht, einerseits suchte sie bei ihm nach Möglichkeiten, andererseits traute sie ihm lediglich soweit wie sie einen Tanklastwagen werfen konnte.
„Wo finde ich es?“ Hatte Willow denn eine Wahl? Die Antwort wäre sicherlich Ja gewesen, aber in diesem Augenblick war niemand da, der ihr eine weitere Option anbot. Zwischen den Blättern gewahr sie aus dem Augenwinkel ein Vorbeihuschen, hatte aber keine Gelegenheit zu reagieren, da Adam bereits begann ihr zu erzählen.


Weiter entfernt stand Shanessa und lauschte. Ihr Herz bebte vor Zorn – Adam verriert dieser vermaledeiten Hexe, dieser Schlampe, die mit verantwortlich war für Kevins Tod.
Äpfel der Jugend? Unsterblichkeit vielleicht? Egal wofür sie waren, Shanessa würde Willow einen Strich durch die Rechnung machen.
und was war diese Reserviertheit ihm gegenüber eigentlich?
Hatte sie etwa Interesse und zeigte ihm die kalte Schulter, um so seines zu gewinnen oder bildete sich Shane das nur ein?
Egal was es auch war, es galt die Ohren aufzusperren und jeden Fitzel Information aufzulecken wie ein Hund Rotweintropfen, die sich auf dem gefliesten Boden einer Kelterei zu einem purpuren See sammelte.
Irgendwo war aber ein kleines, schwarzes Männlein, ein schlechtes Gewissen, das unablässig gegen die Tür aus Ignoranz klopfte und sie an ihre Schwester erinnerte.
Doch hatte Shanessa im Moment einfach nicht den Nerv sich darum zu kümmern – dies hier war wichtiger. Und wenn es ihr gelang, vor Willow diesen besagten Apfel zu bekommen, dann würde sie der Hexe nicht nur ein Schnippchen schlagen, sondern sogar die Macht in Händen halten, ihre Jugend zu erhalten. Was war dann mit Adam? – Sie konnte die Frau für ihn werden und nicht nur ein alterndes Stück menschlicher Hardware.
Und für ihre Schwester. Auch für sie, konnte sie etwas erbringen damit.

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Adam war gegangen, hatte Willow in einem konfusen Zustand der Entscheidungsfrage zurückgelassen, dass sie weder ein noch aus wusste.
Irgendwer kam.
Doch Willow ging auf und ab, wobei sie fahrig ihre Hände aneinanderrieb, grübelte, ob sie dem Hinweis zum Apfel der Iduna nachgehen sollte oder besser doch nicht. Ein paar Männerschuhe kamen in ihr Sichtfeld und Willow hob den Kopf, neugierig, wer sie aufsuchte.
Kiyoshi Katsumoto trat auf Willow zu, den Kopf leicht geneigt, wie eine neugierige Eule.
„Warum bist du hier?“ Er hielt inne, irgendwo hinter seiner Stirn fasten offenbar kleine Rädchen ineinander. „Adam? Was hat er dir gesagt?“
Ganz von allein lief Willow ein Schaudern über den Rücken, als sie in die undeutbaren Augen des Japaners sah. „Spielen sie neuerdings Nathans Spitzel? Richten sie diesem Lackaffen aus, dass er gefälligst selbst vorbeikommen soll, wenn er was will.“ Zunächst wollte Willow an dem Mann vorbei, überlegte es sich jedoch und sah ihn so fest an, wie sie konnte, denn der feine Hauch von Furcht legte sich über ihre Gedanken. „Was wollen sie?“
Doch der Japaner dachte nicht daran, ihre Frage zu beantworten, stattdessen blickte er sich im Arboretum um, scheinbar etwas suchend, dann jedoch sah er Willow wieder an – sein Blick war anders. Weicher. Beinahe sanft. „Niemand hier ist exakt das was er zu sein scheint.“, sagte Kiyoshi.
Als Retourkutsche runzelte Willow lediglich die Stirn und schob sich gerade an dem Asiaten vorbeigehen, als dieser sie fragte: „Hast du etwas wofür du lebst?“
Die Antwort war Ja, doch Willow sprach sie nicht aus, stattdessen ließ sie sich bis auf ein leichtes Zucken nichts anmerken, wenngleich sie innerlich erschüttert war. Sie folgte, mit einem Rest an Selbstbeherrschung, den sie zusammenkratzte, ihrem Weg weiter aus dem Garten heraus.
Was sie nicht sah, war der Schemen hinter Kiyoshi, der langsam, wenngleich weiterhin durchsichtig und nur vage, Form annahm, von der man lediglich soetwas wie einen Menschen erahnen konnte.
„Es gibt noch Lücken in ihrem Gedächtnis. Absichtliche Lücken. Die Frage lautet, ob ihr die Antworten gefallen werden.“, sagte Kiyoshi zu der Gestalt, während der Japaner weiter hinter Willow her sah. Schließlich wandte er sich dem Schemen zu, einen Spur von Ungeduld in der Stimme. „Wie lange noch?“
Die Stimme des anderen war ruhig, doch schien sie von weit weg zu kommen, hallend, weder Mann noch Frau. „So lange es nötig ist.“
„Wenn die Götter Yggdrasils wüssten...“
„Sie verstehen das falsch. - Die wissen es.“
Kiyoshi blieb die Luft weg, nur dem Umstand, dass er Japaner war verdankte er, wie er sich selbst sagte, seine Selbstdisziplin in diesem Augenblick.
„Also schließen die Götter einen Handel mit Göttern?“
„Sie...verstehen noch immer nicht.“
Der Blick des Asiaten war undeutbar, doch irgendwo in seinem Augenwinkel blitzte eine leichte Herausforderung auf. „Natürlich. Denn Verständnis ist ein -wie sagt man- dreischneidiges Schwert.“
„Ja.“, murmelte der Andere. Dann verschwand er.
Sofort griff sich Kiyoshi an die Schläfe und versuchte den drängenden Kopfschmerz wegzureiben.
Erfolglos.

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Links neben der Schale eine Rose, rechts davon die Athame, vor Vesta brannten Kerzen im schummrigen Licht des Raumes. Die Kerzen und Teelichter, die überall standen verströmten einen betörend, sinnlichen Duft, der durch das Zimmer waberte und Vesta leicht diesig machte.
Sie ging in sich, tief und tiefer versenkte sie sich in ihren eigenen Geist, auf der Suche nach einem Ruheplatz für ihre Seele.
Mit geschlossenen Augen entzündete sie die große, blaue Kerze in der Mitte des Altars, tastete nach den Lorbeeren und zerrieb sie zwischen den Händen direkt über der Schale, in der bereits Kohle glomm.
Bittersüßer Geruch stieg auf, während die Flammen Öl und Blätter verzeerten.
„Willkommen seid ihr, ihr Mächte des Kosmos
Willkommen bist du, große Göttin, willkommen bist du, Gehörnter
Aradia, hilf, wem meine Gedanken gelten.
Steh ihr bei.
Mögest du stehn zwischen ihr und dem Leid an all den verlassenen Orten, an denen sie wandelt.“
Schließlich öffnete Vesta ihre mahagonifarbenen Augen, ein weinerlicher Ausdruck schilch ihr über das Gesicht und sie wischte sich automatisch die Tränen fort, ehe sie ihr über die Wangen laufen konnten.
„Okay...ich weiß, ich rede normalerweise nicht so offen mit euch. Eher...eher denke ich an euch. Aber sie könnte wirklich etwas Hilfe gebrauchen da drüben.“ Sie seufzte. „Sich euch zu öffnen, von ganzem Herzen fiel ihr nicht immer leicht. Aber trotzdem. Bitte. Helft ihr.“
Schlagartig ging die Tür auf und eine Stimme rief nach der Hohenpriesterin der Wicca, die wie von der Tarantel gestochen herumwirbelte.
„....puhhh. Machst du Räucherlachs?“, fragte Faith.
Vestas ungeduldig fragender Blick ließ sie sofort wieder das Thema wechseln. „Du solltest runterkommen. In den Nachrichten kommt etwas ... Interessantes.“
Mit einem Handstreich löschte Vesta alle Kerzen und die Kohle, raffte ihren Rock und stand auf, mit der linken deutete sie zum Fenster hin, dass sogleich sich entriegelte und frische Luft ins Zimmer ließ.
„Was ist denn so dringend?“ Sichtlich angespannt lief die Hexe die Treppe hinab – es passte ihr nicht mitten in einem Ritual gestört worden zu sein, doch weitaus ungenehmer war ihr, dass es rein persönlicher Natur war.
„Glaubst du mir eh nicht.“, antwortete Faith.
Offenbar war es etwas von allgemeinem Interesse, von geradezu großem, allgemeinem Interesse, denn in der Stube stand und hockten so gut wie alle Kittens beisammen.
Der Fernseher war auf CNN geschaltet.
Vesta wandte sich, die Augen auf die Mattscheibe gerichtet, an Ray, der sich auf die Rückenlehne des Sofas stützte.
„Was ist los?“
„Etwas Unglaubliches. Aber das könnte auch... na, sie selbst.“ Er deutete mit dem Kopf zum Fernseher.
Dort verkündete gerade eine Sprecherin nochmals „...hatte Präsident Marek einen Erlass unterzeichnet, der den Ausnahmezustand und somit das Kriegsrecht zum Wohl und Schutze der Bevölkerung über alle Bundesstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika verhängt. Diese Erweiterung des Patriot Act aus dem Jahre 2001 wurde jedoch von einigen Minderheiten nicht unterstützt, gar kritisch gesehen.“
Das Bild wechselte sofort und zeigte einen Mann hinter einem Stehpult, die schwarz unterlegte Textzeile benannte ihn als Richard Franklin, Gouverneur von Kalifornien, einen in die Jahre gekommenen farbigen Politiker, dem der Anzug etwas zu stramm saß. Franklin war bereits am Ende seiner Rede. „Diese Anordnungen haben uns schlussendlich dazu gezwungen, die Unabhängigkeit des Staates Kalifornien zu erklären. Hiermit schließen wir uns den Staaten Oregon und Alaska an.“
Abermals wurde das Bild gewechselt und die Sprecherin versuchte nun zu erläutern, dass diese Vorgehensweise von den restlichen Staaten und der Regierung missbilligt und entsprechend sanktioniert werden würde.
Neben Vesta atmete Ray vernehmbar ein. „Sie tun was...aber zu welchem Preis? Das könnte zu einem neuen Bürgerkeig führen.“
„Glaubst du etwa, dass Amerikaner das ein zweites Mal machen?“, zischte Vesta.
„Sagen wir einfach, dass Marek nicht so einfach Präsident wäre und sich hätte halten können mit seinem Erlass, wenn er nicht lange vorher seine Leute in den wichtigen Positionen der Politik hat unterbringen lassen.“
„Politisches Schachspiel?“
„So ungefähr.“
„Dann hilft nur beten.“
„Und etwas tun – hoffentlich macht jemand nichts Dummes.“ Darauf drehte sich der Kurator von der Couch weg und ging in die Küche, Vesta trabte hinter ihm her.
„Glaubst du, dass Frey...?“, sie ließ die Frage offen im Raum verhallen, während sich der Mann die Kaffeekanne griff.
Äußerste Sorge stieg augenblicklich in ihr auf und fraß an ihrem Herzen.
„Ich hoffe nicht. Denn wer weiß, ob Marek Ruhe gibt, wenn er seine Tochter wieder hat. – Mist.“ Die Tasse, die er gerade aus dem Schrank geholt hatte, war anscheinend nicht richtig gewaschen, denn er stellte sie sofort ins Waschbecken und kramte nach einer neuen.
„Uns sind die Hände gebunden, Vesta. Wir haben nur wenige Verbindungen in die Staaten.“
Ohne groß überlegen zu müssen, wusste Vesta, dass Ray nicht die Kittens im speziellen, sondern die Verschwörer des Rates meinen musste, die noch immer Kontakte hatten. Und natürlich hatte sie selbst Dr. Oktavius völlig vergessen, der jetzt allerdings keinen Einfluss hatte, denn immerhin wohnte er im nun unabhängigen Kalifornien und somit waren alle Kontakte in die anderen Staaten unterbrochen.
„Das ist doch Wahnsinn.“, flüstere Vesta.
„Natürlich ist es das. Aber immerhin macht Marek es aus einem einzigen, persönlichen Grund. Davon gehe ich zumindest aus. Und das macht ihn berechenbarer als jemanden, der behauptet das Volk zu schützen und das offenbar sogar glaubt. Solche Leute empfinde ich als gefährlicher.“
„Es bleibt Wahnsinn.“

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Bücher über Bücher, der Papierstapel nahm gar keine Ende, kramte Shanessa in allerlei Artikeln, Abhandlungen, seien es nun fachliterarische Werke, die nur ein Promovierter verstand oder populärwissenschaftlichen Ausgaben von teils zweifelhafter Glaubwürdigkeit, hindurch in der schwachbrüstigen Hoffnung etwas zu den Äpfeln der Iduna zu finden.
Brenda stand in der Tür.
Wie lange sie dort bereits verharrte konnte Shane nicht sagen, als sie sie entdeckte schien sie aber schon eine Weile dort am Türrahmen zu lehnen.
„Kann ich....“
Sofort schüttelte Shane den Kopf. „Nein, ich ... ich muss was suchen. Bitte..geh. Ich brauch Ruhe.“
„Die brauchst du öfter in letzter Zeit.“
Fast hätte sie sicherlich „Seit Kevin gestorben ist.“ Gesagt, aber das behielt sie nun mal für sich, und, sein wir einmal ehrlich, Shanessa war dafür dankbar. Sie konnte niemanden wieder lebendig machen mit diesem Apfel, aber vielleicht konnte sie so sicherstellen, dass sie selbst nicht irgendwann weg wäre, dass sie nicht für Brenda da sein konnte. Oder dass ihre kleine Schwester ihr fehlen würde.
Auch wenn sie in letztern Zeit nicht über sie hatte wachen können, wie sie es vielleicht hätte sollen – doch zuviel war zuviel und der mentale Druck war so extrem gewesen, dass sie sich vor allem verschloss und in sich zurück zog.
Egal, sie musste einen Hinweis finden, wollte sie sich nicht einfach an Willow Rosenbergs Versen heften.
„Alles in Ordnung?“, hakte Brenda nach.
Irgendwo in Shanes Hinterkopf begann ein Kessel heißen Wassers leise an zu pfeifen.
„Ich wollte...“
Das Pfeifen wurde lauter. „Hör zu, ich hab jetzt echt keine Zeit, okay?! Geh bitte.“
Mit zerknirschten, doch zusamm auch enttäuscht-wütendem Gesicht wandte sich Brenda ab, doch ehe sie vollends aus Shanes Sichtweite entfleuchte warf diese Stuhl und Bücher um, lief zur Tür und rief „Hey! Später...okay?“
Wer sollte das schon wirklich glauben und so zog Brenda auch eine entsprechende Schnute, nickte nur und ging.
Shanessa wollte sich im gleichen Augenblick am liebsten in den Hintern treten. „Ich Idiot.“, schollt sie sich selbst, dann ging sie zurück in ihr Zimmer.

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Kaie war nicht zu Fuß unterwegs – neben der Unterstützung der Verschwörer, hatte sie Rücklagen und so war sie an einen Wagen gekommen, den sie gerade die Hauptstraße hinunter steuerte, den Blick immer wieder, unruhig zwischen Straße und Rückspiegel hin und herwandern lassend.
Die ganze Sache im Buchladen hatte sie verunsichert und eigentlich gehörte sie nicht zu denen, die sich einfach ins Bockshorn jagen lassen, schließlich war sie älter als die gesamte menschliche Zivilisation, falls es so etwas überhaupt gab.
Unruhig strich sie sich über die rechte Augenbraue.
Und ebenso unruhig fuhr sie, denn der BMW schlenkerte nicht wenige Male, Gott sei Dank gab es keinen nennenswerten Verkehr, auf die gegenüberliegende Fahrbahn – die rechte Seite. Kaie war tatsächlich sogar zunächst auf die andernorts „normale“ rechte Fahrbahn gedüst, merkte ihren Irrtum gerade noch rechtzeitig ehe sie einen Smart aufgegabelt hätte, verfluchte leise, dass sie schon zu lange fern von Großbritannien gelebt hatte und reihte sich dann richtig ein.
Was sie gesehen hatte machte sie dermaßen zitterig, wie seit Jahren nicht, das änderte auch nicht der Umstand, in einer Gasse eine ihr vertraute Gestalt zu erblicken. Im Gegenteil.
Zumindest meinte Kaie für einen kleinen Moment eine schlanken Mittzwanziger, dessen Kleidung nicht ganz in die Zeit zu passen schien zu sehen – der ungepflegte Bart und die Harry-Potter-Brille mit ihren runden Gläsern, ganz zu schweigen von seinem etwas verträumten, manch einer würde dämlich sagen, Blick rief sofort Erinnerungen wach, Erinnerungen an Jacob Grimm.
Sofort wirbelte Kaie herum, erhaschte noch einen Fitzel der Gasse aus dem Augenwinkel, doch entweder hatte sie sich getäuscht und ihre Phantasie machte gerade Überstunden, da nichts mehr von dem Mann zu sehen war oder aber hier geschahen Dinge, die sie mehr als nur beunruhigten.
Ruhe. Ein Wort, das ihr in diesem Zusammenhang zu oft durch den Kopf schoss. Aber genau die brauchte sie jetzt dringend.
Innere Ruhe.
Sie drückte das Gaspedale durch.

Das Wetter verbesserte sich nicht im geringsten. Die trübe Suppe hing noch immer über Schottland und dachte nicht im Entferntesten daran sich zu verdünnisieren. Im Gegenteil.
Je öfter Kaie zum Himmel aufsah, desto sicherer war sie sich, dass dieser beschlossen hatte jetzt und für immerdar so grau in grau zu bleiben.
Ein kurzer Blick in den Rückspiegel, ehe sie abbiegen würde.
Ein kurzer Herzinfarkt noch dazu, denn abermals war ihr Spiegelbild auf eine Art entstellt, die nicht ihr Aussehen betraf, wohl aber das was sich hinter ihrem Gesicht verbarg.
Fast so, als wolle ihr Ich im Narzissenbild sie verhönen.
Der BMW rumpelte gerade über den Feld-Wald-und-Wiesenweg, der anstelle einer richtigen Auffahrt zum Haus führte, als Kaie voll in die Eisen ging.
Der Himmel war noch trüber, es herrschte, trotz des Regens sogar dichter Nebel und die Farben der welt waren grau, braun, irgendwie matschig, doch das war nicht der Grund für die Schulterausrenkende Vollbremsung.
Vor dem Wagen standen, irgendwie zwischen ziemlich dämlich und einfach nur bösartig dreinschauende Ziegen. Eine Herde von gerade einmal sieben Tieren.
Prinzipiell wäre das nichts Aufregendes gewesen, aber die Augen der Zicken waren kalt, leblos – blenden weiß und leer. Sie starrten einfach nur. Tot und durchdringend, mit einer bösartigen Intelligenz beseelt.
Unwillkürlich musste Kaie an den Hof denken. An den Hof der Burg, die sie bewohnt hatte mit ihren Eltern. An die Tiere und Ställe, den Geruch, der dort herrschte, die Pferde, Schafe und die Ziegen.
Ohne eine Sekunde zu zögern, griff Kaie unter den Beifahrersitz, klappte ihn hoch und zog die schwere Walther aus dem Fach darunter hervor.
Mit der Linken drückte sie auf den Schalter für Oberlicht, hielt die Pistole ein Stück weit, nach oben zeigend aus dem Wagen und feuerte.
Mit dem nachfolgenden Kawumm scheuchte sie die Viecher weg, aber nicht weit.
In ein paar Metern Entfernung blieben sie wieder stehen und gafften aus ihren hellen, leeren Augen zu ihr hinüber.
Kaie stieg aus, die Pistole noch immer in der Hand, sachte die Autotür öffnend und ebenso sachte zuwerfend – so langsam wie das eben ging, denn sonst hätte die Tür sich nicht geschlossen und wer weiß, eines der Ziegenviecher wäre eventuell noch auf den Fahrersitz gekrabbelt.
Schritt für Schritt setzte sie ihre Füße den morastig werdenden Weg hinauf, beschleunigte ihre Schritte und lief das letzte Stück bis zur Tür.
Die Ziegen glotzen sie nur an.

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„Was willst du?“, kam es von Willow, als Shanessa ihr im Flur des Herrenhauses nicht den Weg frei machen wollte – stattdessen hatte die andere ihre Augen fixiert und suchte nun sie Niederzustarren, was ihr nicht wirklich gelang.
Was wusste Willow, dies war die Frage und entscheidend für Shane – was hatte Adam der Hexenschlampe geflüstert.
„Hör mal, wenn du nichts zu sagen hast...“ Willow startete den Versuch sich an ihr vorbeizudrängen, doch Shanessa zog es vor, die Rothaarige gegen die Wand zu drücken.
„...Hey, was.....“, sofort funkelte Wut, gepaart mit Unverständnis in Willows Augen.
Keine zwei Sekunden später fasste, unter heftigster Gegenwehr, Shanessa Willows Gesicht zwischen ihre Hände, zog sie nähere an sich heran.
Es widerstrebte ihr.
Willows Widerstand erstarb langsam, während Shanessas Augen so tief in die ihren vordrangen – näher und näher kamen sie einander.
Willows Arme sanken schlaff nach untern, ihr Gesicht versank in völliger Geistesabwesenheit, leer und ergeben.
Angewidert presste Shanessa ihre Lippen auf die der Hexe, alle Informationen, die sie benötigte, suchte sie in dem Geist der anderen, sammelte selektiv alles zusammen und gliederte es in ihre Gedankenwelt ein.


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Die Tür krachte und die Anwesenden wandten sich vom Fernseher ab, denn Kaies überstürztes und gehetztes Erscheinen riss sie aus ihren Gedanken.
Statt jedoch der gaffenden Menge Rechenschaft abzulegen über ihr Verhalten, lief sie ohne Umschweife zu einem der Wohnzimmerschränke, öffnete ihn hastig und griff die Whiskeyflasche.
„Hey...“, begann Faith und wollte Kaie gerade antippen, doch zuckte sie zurück, noch ehe sie sie berührt hatte. „...ähm. Alles klar soweit?“
Kaie wirbelte herum. „Sieht das so aus?!“ Die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte hin und her, als sie die Flasche schüttelte.
Ray Cummings steckte seinen Kopf zur Tür herein, in seinem Gesicht eine Mischung aus Sorge und Neugier, doch kam er nicht dazu irgendwelche rethorischen Fragen zu stellen, denn Kaie fuhr augenblicklich fort.
„Irgendwas...irgendwas geht da draußen vor sich. Ich seh in ein Fenster und sehe...mich.“
Faith schürzte die Lippen „Dann hast du vorher noch nie in den Spiegel geschaut? Du siehst immer so aus.“
Kaie nickte bedächtig. Dann schlug sie zu.
Faith fiel über die Couchlehne, völlig überrascht von dieser Attacke, aber im nächsten Moment rappelte sie sich wieder auf, wenn da nicht Taras Hand gewesen wäre, die einer Autokralle gleich, sich um ihren Unterarm legte.
„Lass mich, die blöde Kuh hat ne Abreibung verdient.“, keuchte Faith, ihre blutende Nase völlig ignorierend.
Im nächsten Moment war Satinka zwischen den Streithennen ehe die Sache eskalieren konnte. Mit einem Summen flackerte kurz ein Kraftfeld zwischen der Jägerin und der Vamirdame auf.
„Schluss damit.“
„Schluss? Wir haben noch nicht mal angefangen.“, knurrte Kaie. Sie rang um Fassung. „Wenn ich noch einmal einen dummen Spruch höre...“
„Da hätte sie aber eher das Recht mir eine zu scheuern.“, zischte Faith und deutete dabei auf Satinka.
Sofort hob Satinka die Brauen – offenbar verstand sie das als Anerkennung und umgekehrt war ihr Stirnrunzeln eine Respektbezeugung Faith gegenüber.
Kaie konnte auch nicht sagen was sie so hatte ausrasten lassen, immerhin wusste sie um Faiths eigenartigen Sinn für Humor und bisher hatten sie sich eigentlich nur aus der Nähe beschnuppert. Etwas Kühles war in ihrer Hand und erst jetzt bemerkte sie die Flasche mit dem Glen Grant. Leicht irritiert, ja ein wenig angewidert von sich selbst, starrte sie den Hochprozenter an, den sie auf Abstand von sich hielt.
Dann nahm sie einen Hieb, ließ die brennende Flüssigkeit ihren Rachen putzen und drückte den Whiskey Ray in die Hand.
„Okay... Erklärung zur Lage der Nation.“
„Wäre nicht die erste.“, schnaubte Kennedy, worauf Kaie ihr einen säuerlichen Blick zuwarf.
„Mir ist soeben etwas .. begegnet. Ich sehe dauernd mich im Spiegel, aber ich bin das nicht. Der Buchhändler hält sich für Rumpelstilzchen, draußen wartet eine untote Ziegenherde, und achja, wenn ich es nicht bester wüsste, hab ich soeben Jacob Grimm gesehen, der schon seit rund hunderfünzig Jahren tot ist. Und? Ist euch irgendwas aufgefallen?“ Mit gespannt geweiteten Augen blickte sie in die Runde.
„Ziegen?“, fragte Ray.
Zögerlich hob Dawn die Hand. „Und wenn du Jacob Grimm sagst, Kaie, meinst du dann, den von den Märchen der Gebrüder Grimm?“ Leicht irritiert sah Kaie ihren Schützling an – der war offenbar gar nicht aufgefallen, dass sie sich neuerdings mit Vornamen anredeten.
„Ja, Ziegen. Geißen. Versteht ihr? Ich habe schon einiges erlebt, aber ganz sicherlich nicht, dass irgendwelche Märchengestalten plötzlich lebendig werden – nein, halt das wäre beinahe gelogen. Jacob und Will haben damals über die Stränge geschlagen, haben sich als angebliche Exorzisten finanziell über Wasser gehalten –vergesst es, steht in keinem Geschichtsbuch. Geschichte wird auch ganz gerne mal, anders interpretiert. Auf jeden Fall, was so ein französischer General ziemlich sauer, weil irgendwas bei Marbaden los war. Kinder, Mädchen verschwanden. Und da hat er die Brüder festsetzen lassen, sie sollten für ihn die Leute ausfindig machen, die im thüringischen Wald bei Marbaden ihr Unwesen trieben, weil er wohl dachte, dass es auch irgendwelcher Hokuspokus-Schwindler waren. Dumm nur, dass es Wirklichkeit war.“ Sinnierend starrte Kaie ins Leere, so seltsam es war, aber sie musste automatisch dabei an ihre Mutter denken. „Egal. Auf jeden Fall war damals der Teufel los. Oder besser eine böse Königin“
„Klar was sonst. Solange es nicht die böse Hexe in ihrem Pfefferkuchenhaus des Grauens ist.“, schmunzelte Vesta und ließ sich in den Sessel fallen, zog ihre Pfeife heraus und begann sie zu stopfen, ganz so als erwarte sie nun von der Allerersten eine Gutenachtgeschichte zu hören oder um, nun da sie die Pfeife entzündete, selbst zu erzählen.
„Und was sollen wir dagegen tun?“, meldete sich Dawn abermals zu Wort.
Hinter ihr raunte jemand. „Erwachsenengespräch, Kleine. Geh lieber mit deinen Puppen spielen.“ Sofort schoss Dawn Kennedy giftige Blicke zu, die jeden anderen sicherlich auf der Stelle umgebracht hätten, aber nicht Kennedy, die locker, lässig gegen die Wand lehnte und lauschte.
„Ich würde...“
„Rumsitzen, in Büchern wälzen und über dann ne kleine Seance abhalten, Stottertriene?“
Tara erröttete und Faith war sofort auf den Beinen, aber der Griff ihrer Schwester, den nur jemand wahrnahm, der wusste wo er hinsehen musste, wie Kaie, die das Verhalten der Schwestern in höchstem Maße interessant fand, hinderte sie daran Kennedy zu Klump zu schlagen. „Hier darf nur eine meine Schwester so nennen. Und zwar ich. Klar?! Wehe du vergreifst dich noch mal im Ton. Darauf hab nämlich nur ich das Copywrite!“
Tara errötete noch mehr. Dann fasste sie ihre Stimme. „Wir sollten erstmal herausfinden was genau los ist. Bislang war es ja nicht bedrohlich, oder?“, damit sah sie Kaie fragend an.
Nein, war es nicht, da hatte sie durchaus Recht. Und das war schon befremdlich, doch wie lange, wie lange würde es so bleiben.


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Shanessa wurmte zwar noch immer, dass sie nicht das ganze Gespräch zwischen Adam und dieser Hexe mitbekommen hatte, doch immerhin hatte sie einen anderen Weg gefunden, zu erfahren was sie interessierte.
Wieder in ihrem Zimmer hatte sie abermals damit begonnen sich in die Tiefen der Bücher zu vergraben, suchte verzweifelt nach einem Anhaltspunkt, derweil die unsinnigsten Gedanken durch ihr Hirn schossen.
Angefangen, davon, dass Adam mit Willow anbandelte oder umgekehrt, aber das war unmöglich, denn die kleine Schlampe stand doch auf Frauen, doch wer wusste schon, ob sie nur vorübergehend auf Lesbos angelegt hatte und die Gestade der eigentlich griechischen Insel nun wieder verließ.
Bis hin zu dem Geschmack von Willow Rosenbergs Lippen, den sie immer noch auf der Zunge hatte und wohl so schnell nicht loswerden würde, egal wie oft sie sich den Mund ausspülte, wenngleich es natürlich ihr eigenes Verschulden war, aber sie wollte nun mal wissen was die beiden besprochen hatten und wenn man dies nur erfuhr, indem man die Information aus jemanden heraussaugte, dann, zum Teufel, würde sie es auch wieder tun.
Adams Lippen wären ihr bei weitem lieber gewesen – aber so hatte Willow auch mal ihren Zweck erfüllt.
Eines der Bücher rutschte währenddessen von einem der babylonischen Stapel, die Buchkante dellte, so wie es sich anfühlte, ihren Kopf beinahe ein, sie schrie fluchend auf, verwünschten den Wälzer, der ihr Haupt hatte spalten wollen, doch der schlug bereits eine Seite auf.
Und diese zeigte Licht, dass das Wasser berührte – umringt von einer grünen Mauer.
„Na klar...das ist dann wohl die Stelle an der man sagt: warum bin ich nicht eher drauf gekommen.“ Shanessa stand ruckartig auf und rannte aus dem Raum, denn womöglich war es schon zu spät.

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Der Wind bließ Willow die spröde Gischt der See ins Gesicht, sie kniff die Augen zu, suchte den Schmerz den das kalte Nass verursachte zu ignorieren, was ihr nur halbherzig gelang, also drehte sie sich um, den Blick schweifen lassend über die kahle Küstenregion Schottlands.
Unweit von hier, das fühlte sie, war Tara, aber sie konnte sich den Luxus jetzt nicht erlauben. Immerhin tat sie das hier alles für sie.
Davon abgesehen – obwohl sie nie mit den Messengern darüber gesprochen hat, stellte sich doch die Frage, inwiefern deren Ziele doch nicht so falsch seien. Wer konnte das schon sagen?
Nein, nicht jetzt, sie würde später darüber nachdenken. Zunächst galt es den Turm zu finden.
In der Ferne, wenn das Licht das Wasser berührte, in einer grünen Mauer, so würde man ihn finden können, hatte ihr Adam erzählt.
Natürlich. Eine grüne Mauer war hier ja auch überall zu sehen.
Also atmete sie einmal tief durch und machte sich daran den Weg, die Hügel hinauf.

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„Sind die Viecher noch da?“, erkundigte sich Dawn über Kaies Schulter hinweg, deren Pupillen fasziniert an der Ziegenherde hafteten und jede Bewegung genauestens beobachteten.
„Ja....“
Die Wächterin hatte, so seltsam es auch klang, nicht den Mut gefunden, auch nur einen Schritt vor die Tür zu machen. Irgendetwas, von dem sie nicht einmal selbst sagen konnte was es war, kroch wie eine grimmige Hand ihr Nervensystem entlang und quetschten ab und an ihr Herz, lehrte sie das Fürchten, wenngleich und zum Glück niemand gleich mit seinen eigenen Knochen kegelte, wie Kaie tapfer grinsend überlegte.
„Alles klar?“ Ihrem Schützling war die Angst der Allerersten nicht entgangen. Was sie wohl von Kaie denken mochte, jetzt da sie die fast nackte Panik auf der Stirn ihrer Wächterin geschrieben sah.
„Ja...“ Lügnerin. „Nein. Ich weiß nicht. Irgendwas ist da draußen und will, dass ich rauskomme. Ich fühle das.“ Sie blickte über den Hof und fragte sich wo Satinka und Oz waren, die als Spähtrupp hinausgegangen waren .
In der Mitte der Eingangshalle hockte Vesta, umringt von Kerzen, die ein Pentagramm bildeten, in einem Kreis aus Arabiklumharz, neben sich eine Athame und vor sich eine kleine Schale aus der dichter Qualm in alle Ritzen des Hauses kroch. Die kleinen Lichtgeister an der Decke spielten regelrecht verrückt, ob aber aus Begeisterung oder weil sie den Geruch genauso wenig leiden konnten wie Kaie, deren Nasenscheidewand sich bereits zu kräuseln begann, konnte sie nicht sagen.
Völlig hektisch tippe Dawn Kaie mit einem Mal auf die Schulter und deutete zum Fenster hinaus, in dem Kaie wieder nur sich selbst, verzerrt und dämonisch sah. „Siehst du es auch?“
Konsterniert sah Dawn sie an. „Was? Ich meine Sati ... oder ist das Oz?“
Ihren Schauder überwindend näherte sich Kaie dem Fenster.
„Oh, Scheiße....“ Sie wirbelte herum und schrie. „Die Tür!“
Wie auf Kommando schoss ein blauer Funken den Flur hinab, verharrte kurz vor der Tür, worauf eine menschliche Form aus ihm löste und Tara schließlich die Hand auf die Türklinke legte. Kaum hatte sie diese gedrückt, splitterte kreischend Holz, als eine pelzige Gestalt gegen sie krachte, über den Boden schlitterte und nur von Vestas beherztem Eingreifen gestoppt wurde – sie schnippte in Richtung der Kommoden, deren Schubladen aufflogen und die Decken und Tischtücher hervorschossen, ein Fangnetz mitten im Korridor errichteten und die Kreatur auffingen.
Ein zweiter Pelzball hechtete, allerdings weitaus eleganter, in den Flur, schlug seine Krallen derart heftig in den Holzboden, um zu bremsen, dass jeder Innenarchitekten in Ohnmacht gefallen wäre.
Der Werwolf fletschte die Zähne, knurrte und schabte mit den Krallen weiter auf dem Boden, dem Angreifer bedeutend, dass dieser es sich schwer mit ihm verscherzen würde.
An Tara vorbei sprang eine Frau, in Jägerskluft, an die teils Felle erlegter Tiere angenäht worden waren, den Bogen hoch erhoben und einen Pfeil auf die Sehne gespannte.
Im gleichen Augenblick trat Faith vor, ihre Waffe, zum Bogen ausgefahren nun auf die andere Frau richtend.
„Keinen Schritt weiter.“
Die Frau sah grimmig zu Faith, senkte aber ihre Waffe nicht, sondern spannte den Bogen noch ein Stück mehr, pustete sich eine braune Locke aus dem Gesicht und machte Anstalten einen Schritt nach vorn zu machen.
„Das glaube ich einfach nicht.“, entfuhr es Kaie, die natürlich alles mitbekommen hatte, ihr Blick haftete an der Frau, die noch immer unbeweglich ím Türrahmen stand. „Angelika?“
Ruckartig drehte die Frau, immer noch auf den Werwolf starrend, den Kopf und blickte schließlich ganz zu Kaie. Ihr Gesichtsausdruck sagte eindeutig: ich kenne dich.
„Wieso kam die hier rein?“, keifte Faith in Richtung Vesta.
„Dummerweise sind Menschen in dem Schild nicht mit inbegriffen.“
„Na, dann sieh mal zu, dass das so wird!“
Im selben Moment, da Vesta die Augen verdrehte, kurz eine Prise aus einem Beutel in den Ring streute, kamen zwei Männer die Stufen emporgehastet, sich offenbar streitend – und knallten gegen eine unsichtbare Mauer, die sie auf den feuchten Boden der Tatsachen zurückwarf.
„Was zur Hölle?“, keuchte der eine.
„Du wirst mir wohl nie glauben...“, begann der andere.
Darauf gab der Erste eine raunendes Stöhnen von sich. „Bohnen, Jake. Zauberbohnen.“
Die Frau, die Kaie mit Angelika angesprochen hatte, drehte sich um, wobei sie ihren Bogen senkte.
Inzwischen verwandelte sich der Werwolf, der nun aufhörte die Zähne zu fletschen, zurück, sein Fell fiel von ihm ab und in kürzester Zeit stand eine erschöpfte, dummerweise auch sehr nackte Satinka im Korridor.
Kaie achtete nicht auf sie, doch die anderen schienen auf einmal peinlich berührt, Satinka zuckte nur mit Achseln. „Das ist das Problem daran – man verwandelt sich nie mit Kleidung.“ Ohne ein Wort zu sagen, warf Tara ihr eine Decke über und ging neben Oz nieder, der, allmählich auch wieder Mensch, ebenfalls eine warme, faserige Abdeckung bekam. Ihre Augen wurden groß.
Dieweil sah Kaie Adams auf die beiden Männer vor der Porch, stutzte und begann zu lachen.
„Lasst sie rein...“, rief sie lachend, fast rollten ihr Tränen die Wangen hinab.
„Nun mach schon.“, bellte Faith darauf in Richtung Vesta.
„Könnt ihr euch mal entscheiden, Tür auf, Tür zu...abgesehen davon: nicht in diesem Ton.“
„Sofort!“, herrschte Faith.
„Na, also, geht doch.“
Die amtierende Jägerin dachte allerdings nicht daran, ihre Waffe wegzustecken, sondern richtete nun die Spitze des summenden Pfeils aus Licht auf die beiden Männer, die sich die Treppe nunmehr hochschleppten. „Und wer sind die Typen da? Butch und Sundance?“
Der Brillenträger hob irritiert den Kopf „Wer sind Butch und Sundance?“, fragte er, leicht nuschelnd.
„Was hat der gesagt?“
Und dann auch noch auf Deutsch genuschelt.
„Das sind...naja, das sind Jacob...“ Kaie deutete auf Vierauge. „Und Wilhelm Grimm.“ Womit sie den Blondschopf meinte, der sich mit stolz geschwellter Brust in Pose stellte.
„Was immer diesen Ort auch bedrücken mag...“ Mit dem Anfang von Wilhelms Rede verdrehte Angelika die Augen und verstaute den Pfeil im Köcher.
„Geschenkt, Will.“, begann Kaie in klarstem Deutsch, das Vesta die Augenbrauen in die Höhe trieb. „Wenn, dann habt ihr ein Problem.“
„Und welches wäre das?“, wollte Wilhelm wissen. „Abgesehen davon, dass der Ort hier wie verhext scheint mit selbstfahrenden Kutschen und so fort. Wer auch immer diesen Hokuspokus veranstaltet, sein Budget....“
„Kannst du dem mal sagen, dass er so reden soll, dass ich’s verstehe.“, fauchte Faith, senkte den Bogen, wobei sie einen kleinen Knopf drückte und die Waffe sich automatisch selbst zusammenklappte.
Jacob deutete auf Faith und den Bogen. „Oh... Will, hast du... hast du das gesehen?“
„Will. Sag mal...welches Jahr haben wir?“, fragte Kaie diesmal in Englisch.
„Ähm, 1809....“
„Will.“ Neugierig sah sich der Ältere im Haus um, dann tippte Jacob seinen Bruder an. „Ich glaube kaum dass wir uns im 19. Jahrhundert befinden.“
„Das hast du soeben schon behauptet, als du diese Zeitung gefunden hast.“, fuhr ihn Wilhelm an. „Bohnen.“ Er dehnte das Wort wie einen Kaugummi im Mund. „Zauberbohnen, Jake. Jemand versucht uns in die Irre zu führen. Nur der Grund....“
„Und wie erklärst du dieses Gefährt existiert, dass uns fast überfahren hätte?“
„Ockhams Gesetz.“, erwiderte Wilhelm.
„Oh, ja natürlich. Simplifikation der Wissenschaft.“
„Jungs.“, rief Kaie dazwischen. Dabei hob sie die Zeigefinger beider Hände mit einem extrem bissigen Gesichtsausdruck. „Erstens ist Ockhams Gesetz etwas, dass sich nur ein Mensch ausdenken kann, der versucht die Geschehnisse im Universum auf die einfachste Art zu erklären und bloß nicht an andere Möglichkeiten zu denken und außerdem...“
Ruppig nahm sich Jacob seine Harry-Potter-Brille ab. „Ah, siehst du, Will. Gottfried Leibniz war auch ein Logiker. Das Prinzip der Vielfalt.“
„Natürlich...was ist wohl wahrscheinlicher? Dass jemand eine futuristisch anmutende Gegend errichtet oder das wir eine Zeitreise gemacht haben.“
„Und außerdem..“, Kaie schrie bereits. „Haben wir das Jahr 2002 und ihr zwei seit tot. Ich war auf euren Beerdigungen.“
Sofort verstummten die beiden Streithähne und sahen dermaßen dämlich drein, dass Jerry Lewis dagegen wirkte wie ein Wissenschaftler mit einem halben Dutzend Doktortiteln.
„Tot?“, fragte Wilhelm, er fiel wieder ins Deutsche.
„Wie jetzt? So richtig?“, wollte Jacob wissen und setze seine Brille wieder auf.
Kaie nickte. Niemand sprach, erst Angelika, die Fallenstellerin brach die Stille als sie Kaie die Hand auf die Schulter legte. „Wie kann es dann sein, dass wir hier sind?“
„Und das, Leute...“, schaltete sich Vesta, ebenfalls in ihrer Muttersprache sprechend, ein. „...das ist die Frage.
Faith verzog das Gesicht, als hätte vor dem Fenster gerade ein Tankwagen mit Gülle gehalten und schürzte die Lippen. „Ich hab noch eine Frage. Wieso verstehe ich dich auf einmal, wenn du Deutsch redest?“
Niemand reagiert.
Dann meldete sich eine Stimme in breitestem Englisch. „Ich habe das Haus darum gebeten.“ Eilis stand auf den Stufen in der Mitte der Treppe, hinter ihr Jack, der aufmerksam in die Runde sah. „Es wird übersetzen. Solange ihr hier seid.“ Dabei sah sie leicht verträumt aus, fast so als hätte sie ihre Verletzung noch nicht ganz weggesteckt. Wie beiläufig nahm Jack ihre Hand, als er zu Tara hinab sah, die über Oz gebäugt auf den Dielen unter ihnen hockte. Wachsamkeit kroch in Eilis Augen und sie suchte Vestas Blick. „Ihr solltet euch um Oz kümmern. Er ist verletzt.“
Jacob Grimm deutete auf das Mädchen. „Also, die ist ... nicht von dieser Welt.“
„Vesta.“, sagte Tara und die andere Hexe reagierte sofort auf ihren Namen. „Ich weiß nicht was ich machen soll...“ Panik fieberte in ihren Augen.
Aus Oz Flanke, unter der Decke hervor, ragte das gefiederte Ende eines Pfeils hervor.


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Dort wo Licht das Wasser berührte, eine blödere Formulierung konnte es beim besten Willen nicht geben, so simpel sie klang, so sehr knobelte Willow an der Lösung, auch wenn sie ziemlich sicher war, lediglich ein Brett vorm Kopf zu haben und die Lösung sicherlich jedem Viertklässler eingefallen wäre.
Nach längerem Marsch erreichte sie ein wie aus dem Nichts auftauchendes Wäldchen, das sich hinter einer Senke versteckt gehalten hatte, auf den ahnlungslosen Wanderer regelrecht lauernd.
Und im gleichen Moment hätte sich Willow ohrfeigen können – denn der feine Nieselregen, der dort niederging, wurde von ein paar Lichtstrahlen angestrahlt, was man nur in Form eines schwachen Regenbogens wahrnehmen konnte.
Licht berührt Wasser. An einer grünen Mauer.
Tatsächlich Mauer, denn dieses Wäldchen, wie man es aus Entfernung Scherzhafterweise bezeichnen mochte, entpuppte sich beim Näher kommen als ausgewachsener Wald oder als Wäldchen, das größer wurde, sobald man sich ihm nährte. So kam es Willow immerhin vor, denn mit jedem Schritt, den so bald nur noch zögerlich machte, war es, als wucherten die Bäume drohend vor dem sich Nähernden und wollten dadurch sagen, noch ehe man den Rand ihres Reiches berühren konnte: bis hierhin sollst du kommen und nicht weiter.
Abgesehen von diesen floristischen Drohgebärden, wollte der Wald niemanden hereinlassen mit einem Dornenbewehrten Stacheldraht als Abschreckung, einer gigantischen Rosenhecke, die zwar wenig Blüten trug und diese waren auch gerade einmal dunkelrot, fast schon schwarz, aber dafür umso mehr Dornen dem Wanderer entgegen reckte.
Ob ihr der Wald sagen wollte, dass sie, Willow Rosenberg, hier falsch war?
Ob sie umkehren sollte, weil sie den falschen Weg beschritten hatte oder weitergehen musste, um es zu Ende zu bringen.
Gab es noch ein Zurück? Hatte sie eine Wahl?
Je näher Willow kam, desto hartnäckiger bohrte sich der Gedanke in ihren Geist, ließ sich nicht abschütteln, denn er wollte erhört werden.
Trotz ihres olivgrünen Parkas fror Willow, sie straffte die Aufschläge, verschnaufte und stapfte weiter den Weg entlang bis sie dicht vor der Hecke stand.
Zaghaft, ohne Hast, aber mit einer gehörigen Portion Nervosität, streckte Willow die Hand aus, doch nichts tat sich, obwohl sie sich vollkommen darauf konzentrierte, all ihre Kraft, ihre Gedanken in die Fingerspitzen zu legen. Aber die Hecke hatte an diesem Tage keine Lust oder Willow hatte vergessen ihre Magiepillen unter die Frühstückszerialien zu rühren.
Sie seufzte.
Ihre Schultern sackten nach unten.
Im nächsten Moment zog sich die Hecke zurück, wie ein Knäuel stacheliger Schlangen und gab den Weg frei.

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„Guter Gott. Dieses... wie nennt man es noch gleich?“ Wilhelm Grimm blickte fragend in die Runde.
„Fernsehen.“, kam es gelangweilt von Faith.
Mit zitternden Händen, ob aus Unsicherheit oder vor Erregung konnte Faith nicht sagen, hielt der Bruder die Fernbedienung. „Also, dieses Fernsehen ist erstaunlich. Man kann praktisch die ganze Welt sehen.“
Kaie umrundete die Couch, sie jedoch zitterte leicht, nervös und abgefrackt. „Und die ganze Welt manipulieren mit dem Mist, den die zeigen.“, murmelte sie.
Inzwischen war die Küche zum Feldlazarett umfunktioniert worden, in der, wie Faith mit einem Seitenblick vorbei an der Vampirlady feststellte, die beiden Hexen den Pfeil aus Oz’ Rippen zogen, wobei sie offenbar aus dem armen Kerl ein Räucherwürstchen machen wollten, denn sie fackelten schon wieder irgendwelches Zeug in einer Schale ab. Was weiter geschah konnte Faith nicht sehen, denn Kaie trat direkt in ihr Sichtfeld. „Wäre es so unmöglich, dass sie aufhören rum zu rennen wie ein aufgescheuchtes Huhn?!“
Abwehrend und beschwichtigend zugleich hob Kaie die Hand, ließ sie aber sofort wieder sinken, denn Faith schaute bereits in eine andere Richtung, also atmete Kaie einmal tief durch, versuchte ihre Gedanken zu ordnen, um einen Hinweis aus ihrem Unterbewusstsein zu erhaschen, was hier genau vor sich ging.
Nichts. Nada.
Wie ein Autor, der plötzlich nicht mehr weiter wusste, ungefähr hatte er eine Ahnung in welche Richtung es zwar gehen sollte, aber sonst nicht wusste, wie er seine Charaktere bewegen sollte.

In der Küche biss Oz derweil die Zähne zusammen, während die scharfen Dämpfe bereits dafür sorgten, dass sich seine Nasenscheidewand kräuselte.
Mit reinem Willen war es Tara gelungen den Pfeil, der, Gottseisgedankt, nicht vergiftet war, zwischen der letzten und vorletzten rippe hervorzuziehen, aber die Wunde war alles andere als ein harmloser Mückenstich.
Die noch übler riechende Pampe, die Vesta im Schweiße ihres Angesichts zusammen gerührt hatte, wobei ihr die Fallenstellerin, die netterweise ihr Geschoss auf ihn abgefeuert hatte, mit einigem Sachverstand half, wurde nun Satinka gereicht.
„Angst?“ Die Navajo grinste beflissen.
Oz versuchte auf den Scherz mit einem Lächeln einzugehen, aber offensichtlich hatten seine Gesichtsmuskeln beschlossen mit denen seines Oberkörpers eine Einheit einzugehen und so ziepte es nicht schlecht, so dass ihm der Versuch der Fröhlichkeit gleich wieder entglitt.
„Ich denke das wird wieder...“ Ohne noch eine Reaktion abzuwarten strich Satinka den Pamps entlang der Ränder der Wunde.
„Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen.“, was Angelika, die Fallenstellerin wähend der vergangenen zwanzig Minuten sicherlich ein gutes Dutzend mal gemacht hatte.
„Das war meine Schuld.“, versuchte Oz sie zu beruhigen. „Ich hätte nicht aussehen dürfen, als hätte ich gerade Rotkäppchen gefressen.“
„Heureka!!“, schallte es aus dem Korridor was Satinka aufschreckte – Oz Augen wurden so groß wie die des Wolfes, der die Geißlein erblickt hatte – allerdings vor Schmerz.
„Entschuldige.“, hauchte Satinka, sogleich funkelte sie den Freudenschreier böse an. „Was soll der Blödsinn.“
„Rotkäppchen, das ist es. Wieso bin ich nicht auf die Idee gekommen?“, war die dürftige Erklärung von Jacob Grimm.
Oz zog eine Augenbraue hoch. „Wie sollte sie denn sonst heißen?“
„Rotmäntelchen.“
Und schon ging die andere Braue an die Decke – nicht zu vergessen die ziemlich dämlichen Gesichter der anderen.
„Rotmäntelchen und der Wolf? Wie klingt das denn?“, erfragte Dawn, die an dem Bruder Grimm vorbeiging, sofort eine Höhlenforschung in den Grotten von Kühlschrankia in Erwägung ziehend, dann aber doch noch die bereits geöffnete Flasche bemerkte und sie sich zur Brust nahm – beziehungsweise zu den Lippen. „Dann kann man ja gleich Rafunzel sagen.“
„Ähhh....“ Mit erhobenem Zeigefinger setzte Jacob gerade an, als sich Kaies Hand auf seine Schulter legte.
„Jake. Lass gut sein. Wir sollten rausfinden warum ihr hier seid.“
Jacob zog die Brauen hoch. „Und dann? Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann sind wir bereits tot. Begraben. Wenn das so ist, wie können wir hier sein?“
Angelika sah prüfend in die Runde, als erwarte sie, dass jemand eine Lösung parat hätte, leider aber sahen alle gleichsam ratlos drein.
„Wenn...“, setzte Kaie an, aber das Klingeln des Telefons unterbrach sie und hörte nicht auf zu nerven.
„Was ist das?“, schallte es von Wilhelm aus dem Wohnzimmer.
Angenervt erhob sich Faith, die das Untätig sein offenbar gründlich satt hatte und man schon regelrecht den Schaum vorm Mund sehen konnte - zumindest bildete sich Satinka diesen ein. „Ich geh schon.“, sagten beide wie aus einem Munde und lieferten sich am Apparat ein Blickduell, dass Satinka zwar nicht verlor, wohl aber ein altes Sprichwort bedachte, dass da hieß: Ein Rückzug, um ein Reich zu schützen ist keine Niederlage.
Faith nahm den Hörer ab. „Ja?!“ Ein paar Sekunden vergingen. „Wer? Ich hab keinen Dunst was ....ähhh.....Moment.“ Mit dem Zeigefinger bedeutete sie Tara ohne Umschweife zu ihr zu kommen („Schnabbel halten, sie kommt.“), dann deckte sie den Hörer ab. „Irgendwer namens Cassandra.“
Taras Augen weiteten sich in einer Ahnung, Verwunderung oder einer emotionalen Reaktion, die Satinka völlig unbekannt war. Leise Bewunderung kroch in die Mundwinkel des Indianermädchens.
„Hallo?“, sprach Tara in das Empfangsteil. „Ja, ich erinnere mich..... d-das Buch? ....wirklich? Aber....“ Fast eine Minute lang herrschte Stille, dann legte Tara mit einem gehauchtem „Danke.“ den Hörer wieder auf die Gabel. Ihr Gesicht war eine unergründliche Maske.
„Alles klar?“, erkundige sich Dawn automatisch. „Hey...“
„Das ist m-meine Sch-Schuld.“
Die Anwesenden sahen sich an, keiner von ihnen verstand auch nur ein Wort. „I-ich hab blöderweise ... ein Buch eingeknickt.“
Der Bann war gebrochen und beinahe hätte Faith aufgelacht, wenn sie den Gesichtsausdruck ihrer Schwester nicht gesehen hätte und die „Still“-Hand von Vesta begleitet von einem warnenden Blick.
Und so begnügte sich die Jägerin mit der simplen Frage: „Wieso ein Buch eingeknickt?“

Fünf Minuten später hätte Vesta Faith am liebsten den Kopf kahl geschoren, denn die Dunkelhaarige (wie lange noch?) bewies einmal mehr, dass sie durchaus die Feinfühligkeit eines Schlachthofgesellen hatte.
Faith lachte nämlich herzlichst, dummerweise so sehr, dass auch Vesta sich irgendwann auch nicht gegen ein leichtes Zucken in der Mundwinkelgegend zur Wehr setzen konnte. Aber die Griechen hatten Trojas Mauern bislang nur zum Erbeben gebracht, also raffte Vesta die Reste ihrer Contenance und dachte an Frey, um einen möglichst betrübten Gesichtsausdruck zu wahren.
Denn irgendwie war die ganze Situation schon etwas aberwitzig – Tara hatte aus Versehen der Seite eines Buches ein Eselsohr verpasst (allein wem war so etwas noch nicht passiert), wohlgemerkt eines Buches, das nicht ihr gehörte, doch anstatt den Fauxpas zu melden, hatte sich die junge Frau gedanklich notiert den Schmöcker in den kommenden Tagen zu kaufen.
Das Gewissen, dass sie nun plagte war eines dieser berühmten Kaufhausgewissen, die einen Menschen, sofern ihm nicht alles an seinem Allerwertesten vorbeiging, wie es offensichtlich bei Faith der Fall zu sein schien, schon mal ins Schwitzen brachte und hoffen ließ, dass niemand merkte, dass ihm der Henkel einer Tasse aus einem sauteuren Service abgebrochen war und er dann die geschundene Tasse so drehte, dass niemanden auffiel was geschehen war.
Allerdings bei einem Eselsohr einen solchen Aufstand zu machen, schien sogar Vesta, zunächst, reichlich übertrieben.
„Das Buch gehört nicht gerade zu den Allerneuesten.“, erklärte Tara.
Gut, an dieser Stelle wurde es verständlicher. Jeder Bibliothekar wurde schon mal grün, wenn er allein bei neuen Büchern einen Umgang durch den Nutzer erblickte, die an fahrlässige Tötung eines bibliophilen Gegenstandes grenzte. Bei Gebrauchsliteratur war dies noch verzeihlich, immerhin diente die Bibliothek den Kunden, nicht umgekehrt. Zumindest sollte sie das.
Allerdings bewegte sich hier der geneigte Bibliotheksbenutzer auf dünnem Eis, wenn er glaubte, sich einen gleichen Umgang mit antiquarischen Büchern leisten zu können.
Alldieweil hatte sich Kaie unter den mehr als neugierigen Blicken von Jacob, der immer wieder ein spocksches „Faszinierend.“ von sich gab, an den Computer gesetzt.
Nun klapperte sie einige Online-Antiquariate ab, auf der Suche nach einem Hinweis und der Lösung, warum sie diese Halluzinationen hatte. Denn all das was Kaie sah, auch wenn die anderen es zum Teil nicht sahen, so stimmten jedoch alle zu, hatte mit dem Buch angefangen. Es galt die Verbindungslinien zu ziehen.
„Bingo.“
Mit leicht besorgter Miene beugte sich Ray zu dem Bildschirm hinab.
„Und?“, fragte er und seine Stimme war ein deutlicher Spiegel seines Gesichtes.
Wehmütig dachte Vesta an Frey. Wie es ihr wohl in den Staaten erging? Hoffentlich war sie nicht den Häschern ihres Vaters in die Finger geraten – obwohl Vesta ihrer Freundin und Mitstreiterin durchaus zutraute, dass sie sich selbst stellte.
„Naja, soweit ich das sehe, hatten einige Antiquariate dieses Buch. Es ist durch viele Hände gegangen und war nicht einmal alleine dabei. Es gibt hier mehrere Exemplare, alle aus demselben Jahr. Aber nur eines hat den weg hierhin gefunden.“
Einzig Rays Stirnrunzeln verriet, dass er an dieser Stelle ebenso wie die anderen, den Faden verloren hatte. „Wie bitte findest du einen bereits verkauften Artikel wieder? Ich weiß, dass man bei ebay das herausfinden kann, aber dann muss man...“
„Oh, heutzutage kauft man in der Regel nur noch online. Also mussten sich die Buchhändler selbst wiederum Kniffe einfallen lassen, wie sie an ihre Informationen herankommen. Die Buchkataloge Bibliophiler gibt es heutzutage online und so ist es kein Problem den Weg eines Buches zurückzuverfolgen. Außerdem habe ich mir auf einem externen Rechner ein Programm abgelegt. Damit kann ich diverse Online-Antiquariate durchforsten.“
„Wovon redet sie?“, fragte Jacob.
Ray schürzte die Lippen, wägte sichtlich ab, wie er dem Mann aus dem 19ten Jahrhundert verklickern sollte, was da auf dem bunten Schirm abging. „Kurz gesagt, sie weiß wie man Bücher wieder findet.“
„So schlau war ich auch schon.“, kam die bissige Antwort, offenbar sah der Bruder seine Intelligenz beleidigt.
„Ist doch egal jetzt.“ Kaie stand auf. „Irgendwer hat mehrere Exemplare dieses Buches herumgereicht, von einem Händler zum anderen, seine Spuren sind so gut verwischt, dass ich nicht sagen kann wer es war, aber... offenbar hat man versucht mir dieses Buch anzudrehen. Denn irgendwann wäre ich darüber gestolpert.“
„Ahja...“, machte Kennedy plötzlich. „Und wozu?“
„Ich weiß nicht. Mich in den Wahnsinn zu treiben? Ich habe keine Ahnung.“
Schmunzelnd wandte sich Kennedy ab und murmelte etwas in ihren nicht vorhanden Bart, womit sie sich einige vereiste Blicke von Kaie einfing, die mit ihren Vampirohren alles verstanden zu haben schien.
Neben ihr tauchte Wilhelm auf. „Und nun? Was hat das mit uns zu tun? Sollen wir dich etwa in den Wahnsinn treiben?“
„Da hat er nicht ganz Unrecht. Das ergibt keinen Sinn. Wozu sollte dir jemand ein Buch andrehen wollen, das dafür sorgt, dass.... naja, plötzlich Fabelwesen –nichts für ungut (sprachs mit besänftigender Geste zu Jacob)- und dergleichen überall auftauchen. Außerdem müsstest du es doch beschädigen.“, sagte Ray und zu Tara gewandt. „Oder hab ich da was missverstanden?“
Kaie sah, aus den Augenwinkeln vernahm sie wie Tara zaghaft den Kopf schüttelte, wiederum Vesta hilfeheischend an, die aber zuckte mit den Schultern. Allzu sehr war Vesta bei Frey gedanklich verhaftet gewesen, die ganze Zeit über, in der die anderen diskutierten war sie nur halb dagewesen. Nun riss sie aber, wiewohl gar nicht Rays beharrliche Fragen oder Kaies Blick, ein Blinken auf dem Schirm des Computers aus ihrer Gedankenwelt. „Ähm.. Leute. Schaut mal.“

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Shanessa hatte beobachtet wie Willow sich einen Weg durch das Gestrüpp des Waldes gebahnt hatte, wenngleich nicht mit dem Schwert wie der tapfere Königssohn, aber mit ihrer lächerlichen Magie war sie weit gekommen. Für Shanessa war dies keine große Herausforderung gewesen.
Immerhin hatte sie die Gabe jedem Wesen ihren Willen aufzuzwingen – das galt auch für Pflanzen, denn, auch wenn es für die Vegetarier an dieser Stelle eng wurde, aber Pflanzen gehörten nun mal mit zu den Lebewesen, was für Shane kolossal praktisch war.
Nun war Schnelligkeit angesagt, wenn sie vor Willow an den Apfel wollte, aber auch nicht zu schnell, denn, wer ehrlich war, würde nur allzu gerne so lange warten, dass der andere eben noch kapieren würde, wer ihm die Tour vermasselt hatte.
Und genau das hielt Shanessa davon ab, zu hastig vorzugehen.
Sie belauerte Willow gerne, wenngleich sie dies niemals offen zugeben würde, dennoch strahlte diese junge Frau eine seltsame Anziehungskraft aus.
Die letzte Zeit hatte Shanessa sich heimlich in den Überwachsungsraum des Unterschlupfes geschlichen, der eigentlich ganz und gar Mauras Reich war. Ihr war aufgefallen wie viel Zeit Willow allein mit der Auswahl ihrer Kleidung verbrachte. Fast so, als hätte sie nie gelernt, sich für einen halbwegs vernünftigen, nicht zu sagen, erwachsenen Stil zu entscheiden.
Andererseits bot die Garderobe, die Nathan ihr zur Verfügung stellte, keine Kleidung, die man als infantil bezeichnen konnte – trotzdem hatte sie oftmals das ein oder andere zunächst in Händen, das merkwürdig an den Versuch eines Teenagers erinnerte, der sich mühte sich wie ein Erwachsener zu kleiden.
Etwas, das Shanessa nur belächeln konnte – sie hatte erwachsen werden müssen, für sich und ihre Schwester, denn niemanden schert es einen Dreck, wenn du keine Verwandten hast, was dann aus dir wird, wenn deine Eltern sterben. Niemanden.
Alle Leute, diese Sozialamtsheinis und all die anderen, die immer wieder versucht hatten ihr Brenda wegzunehmen, all diese heuchlerischen Staatsdiener, hatten doch keine echte Anteilnahme. Sie vergaßen einen doch allerspätestens auf dem Weg nach Hause. Oder aber sie waren engagiert, doch der Rückhalt fehlte – oder besser das Geld von Staat und Gesellschaft. Gesellschaft. Dazu zählten sich die Firmen offenbar nicht. Das größte Übel, wie Shanessa mittlerweile sicher war, war das verdammte Geld.
Inzwischen war Willow vor den Turm getreten, sie hatte ihn entdeckt, was Angesichts seiner Größe und des Umstandes, dass er mitten auf einer Lichtung stand, unvermeidlich gewesen war.
Ein Turm an ferner Küste, umgeben von einer grünen Mauer, wo das Licht das Wasser berührte, gigantisch, filigran und sogar zerbrechlich, dennoch uralt und mächtig wie der Zeigefinger eines Riesen, älter als der Mensch und nicht zu finden von jenen, die nicht wussten wonach sie zu suchen hatten.
Aber Shanessa und Willow wussten auf was sie achten mussten.
Die Steine waren verwittert, vom Wasser und Zahn der Zeit zernagt, überwuchert von Gestrüpp, Pflanzen aller Art, bewohnt von Kleingetier und jeder einzelne schon so porös wie ein Schwamm.
Rings um den Turm, Stonehenge im Kleinformat nicht unähnlich, wachten Steine, dreimal so groß wie ein Mann, über die Lichtung, fast so erweckten sie den Eindruck, als wollten sie jeden, der eintrat überprüfen. Doch mehr als unbewegliche, steinerne Riesen waren sie nicht.
Trotzdem wirkte Willow vorsichtig, bedacht, fast ein bisschen andächtig, als sie noch gerade noch verwegenen Schrittes dahergekommen war, als sie nun die Steinriesen passierte.
Doch nichts geschah.
Die Sphinxen stellten keine Fragen und erwarteten demnach auch keine Antwort.
Oder aber doch und nur die Frage blieb unverstanden – doch wie sollte man antworten, wenn man die Frage nicht verstand.
Shanessa huschte ihrerseits an den Stonehengeimitaten vorüber, sogleich durchfuhr sie das flaue Gefühl aus dem falschen Grund hier zu sein, doch schüttelte sie dieses sofort wieder ab und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.
Nämlich die kniffelige Rätselfrage, wie man in den Turm gelangte.

Kaie wog ihr Schwert, treu wie es war, in der Hand, dann ließ sie die fledermausähnlichen Klingen zurückschnappen und ging in Richtung Haustür. Dort stoppte sie, kritisch beäugt vom Rest der Anwesenden.
Sie wirbelte auf dem Absatz herum.
„Was? Spuckts aus.“
Niemand sprach
Zunächst jedenfalls.
Dann hob Jacob den Finger, er war schon immer derjenige gewesen, das das Passende zum unpassenden Zeitpunkt zu sagen hatte, das was andere nicht hören wollten. „Also, vielleicht sollten wir mitkommen. Will und ich.“
„Woooo....Moment mal, lass mich da bitte heraus.“, mit der flachen Hand wollte Wilhelm schon den Vorschlag beiseite fegen.
„Aber wieso? Wir sind doch deswegen hier. Oder nicht? Das hängt doch alles miteinander zusammen. Unser Auftauchen, diese merkwürdigen Ereignisse, von denen....“
„Bohnen, Jake. Zauberbohnen. Nichts weiter.“
„Na dann bitte. Dann nehme ich die Zauberbohnen. Bleib du hier ruhig auf deinem Hintern sitzen. Erinnerst du dich daran, wie wir die Spiegelkönigin damals...“
Abermals wurde Jacob unterbrochen. Diesmal jedoch von Kaie. „Sekunde, Jacob. Spiegelkönigin?“ Irgendetwas klingelte da.
Irritiert schob der Grimm Bruder seine Brille auf dem Nasenrücken hin und her. „Ja, du warst doch dabei.“
„Ich war bei vielem dabei. Ja, auch dabei...ich kann mich nur dunkel erinnern.“ Dies war gelogen, denn ihre Erinnerung war nur allzu klar, an die Spiegelkönigin, wie sie ihre Jugend und Unsterblichkeit mithilfe der alten Zauberformeln der Bewohner Karlsbadens zu bewahren – und mit dem Opfer ihrer Töchter. Dennoch entfernte sich die Erinnerung daran in Kaies Geist, sie konnte nicht sagen warum, aber es war so. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie andauernd ihr Spiegelbild sah und es doch nicht sie war, die sie sah, sondern – nun – ihr Spiegelbild. Genau genommen sieht man sich nie, auch nicht in einem Spiegel, sondern immer nur eine seitenverkehrte und frühere Version. Denn ehe das Licht auf den Spiegel traf und vom Auge die Reize entgegengenommen wurden, ganz zu schweigen von der Auswertung im Hirn, vergingen Sekundenbruchteile, aber es verging Zeit.
Und so war es nun mal so, dass, wann immer man in den Spiegel sah, blickte man doch immer in die Vergangenheit zurück.
„Nun?“, drängte Kaie – es zog sie förmlich hinaus zu dem besagten Ort, von dem, laut ihres Informaten alles ausging.
„Ich gehe mit.“, konstatierte Jacob, was seinen Bruder dazu veranlasste die Augen zu verdrehen.
Beinahe hätte Dawn sich freiwillig gemeldet, aber Tara kam ihr zuvor und brachte sie mit einem Blick zum Schweigen, noch ehe der Teenager einen Laut von sich geben konnte. Tara konnte, dass musste Kaie einmal festhalten, auch sehr bestimmend, beinahe gebieterisch sein, allerdings stets im richtigen Augenblick. „Ich werde gehen...ich bin dafür verantwortlich.“
„Ein Eselsohr.“, hörte man im Hintergrund Faith flöten, die sich innerlich wohl noch immer kringelte.
„Und der E-esel, der bin ich.“
Hierauf war Faith still, wenngleich sie noch immer leise grinste.
Kennedy trat vor. „Was dagegen, wenn ich mitkomme?“, erkundigte sie sich und pustete sich herausfordernd eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Sie fing sie Kaies Musterung ein; genauestens betrachtete die Vampirin, die angehenden Jägerin, von Kopf bis Fuß. Dann nickte die weitaus ältere Frau, mit geschürzten Lippen, langsam
„Ich sollte vielleicht mitkommen.“, schlug nun auch Ray vor. „Ich kenne mich gut genug mit Pflanzen aus. Wenn es stimmt, was M... unser Informant sagt, dann würde euch ein Schlag durchs Dickicht nur aufhalten. Ich brauch keine Messer. Und kein Feuer.“
Für einen Moment war Kaie versucht ihn als, einzig aktiven, Mann zurückzulassen, dann kam ihr noch Jack in den Sinn, wenngleich dieser noch zu jung war, wie sie fand, aber einerseits hatte Ray einen guten Standpunkt und andererseits: wer war ausgerechnet Kaie, dass sie einen Kerl zurückließ um die Zurückgebliebenen zu beschützen. Immerhin ging sie als Frau mehr als genug hohe Risiken ein – andererseits hatte sie den Vampirbonus. So machte also die Unterscheidung von Geschlechtern, auch wenn man krampfhaft versuchte so zu tun, als würde man keinen machen, um die political correctness zu wahren, auch vor Frauen nicht Halt. Doch Kaie hatte keine Zeit sich eingehend mit den möglichen und unmöglichen Unterschieden der Geschlechter zu beschäftigen.
Eine Sache stellte sie dennoch in diesem Moment noch für sich selbst fest – der Form halber: Frauen hatten ihre starken Seiten.
Und wehe dem, der ihnen ans Bein pinkelte.
Ruckartig drehte sich Kaie um, die Tür flog unter ihrer Hand auf und sie stapfte hinaus in die diesige Natur Schottlands. Grimmig sah sie in die leeren, toten Augen der Ziegen, die sie bereits erwarteten.

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Der Turm war feucht, moderig und jede einzelne Stufe bröckelte – anbei fiel Willow auf, während sie die Kreide wieder zurück in die Tasche gleiten ließ, wie unsinnig die Treppenstufen doch eigentlich waren, hatte sie doch sich eine Tür erst schaffen müssen, mit einem alten Trick. Genau genommen war es ein Fernsehtrick. Richtig umgesetzt konnte aber sogar dieser funktionieren und hatte tatsächlich seine Wirkung entfaltet. Etwas irritierend war dagegen, ein Zeugnis war Willows Brummschädel, von dem sie nicht sagen konnte woher her kam, dass sie für einen Augenblick die Zeit verloren hatte – fast so als würde eine dünne, messerscharfe Schneide durch ihr Gedächtnis führen, zwar passten die Enden zusammen, aber dennoch bemerkte man das Flickwerk, wenn man genau darauf achtete. Ein Riss im Gedächtnis, wo zugleich auch keiner war.
Aus ihrem Mantel ließ sie ihren Stab gleiten, der in ihre Hand rutschte, fest umklammert das Konstrukt aus Metall und Kristallen, stieg Willow höher, die Rechte brauchte sie um das Gleichgewicht zu wahren, denn linker Hand der steinernen Wendeltreppe gab es kein Geländer und jede einzelne Stufe war schmierig von der Feuchtigkeit und dem Moos, so als hätte sich der Turm im Laufe der Zeit in eine Zisterne verwandelt. Willow wagte nicht hinab zu sehen und womöglich jeden Halt zu verlieren, sobald sie die Höhenangst packte.
Zweimal flutschten ihre Schuhe auf dem schmierigen Untergrund weg und sie wäre beinahe über Bord gegangen, gute zehn Meter in die Tiefe.
Die Wände boten nicht sonderlich fiel halt und waren genauso rutschig, Moosbewachsen und glibberig wie alles in diesem nach oben hin unendlich scheinenden Treppenhaus.
Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihren Arm beim zweiten Ausrutscher, als Willow sich gerade festkrallen wollte, – sie hatte sich einen Nagel bis fast zum Nagelfleisch umgeknickt. Willow biss auf die Augen und erklomm die Stufen des Turms, tapfer den stechenden Schmerz ignorierend.

Weiter oben betrat Shanessa inzwischen einen Saal.
Sie hatte Willow im rechten Augenblick praktisch angehalten; sie eine Pause einlegen lassen, nachdem die Hexe eine Tür in die verwitterten Steine mit einem lächerlichen Stück Kreide gemalt hatte – trotzdem hatte sich ein Portal aufgetan und diesen Moment hatte Shane genutzt.
Nun stand sie im obersten Stock, mit einem netten, kleinen Vorsprung vor Willow, doch hatte sie eine runde Kammer erwartet, in der Rapunzel saß und auf ihren Prinzen wartete, und nicht diesen lang gestreckten Raum, einem Thronsaal aus dem französischen Königshaus nicht unähnlich, in seiner Weitläufigkeit, goldenem Zierrat an den Wänden, den roten Brokatvorhängen, Spiegeln über Spiegeln, dass man jeden Augenblick Kardinal Richelieu erwartete.
Und am Ende der Halle entdeckte sie, wie im Schloss des Biestes unter einer gläsernen Glocke, die auf einen Beistelltisch gestellt war, einen Apfel – direkt vor dem gigantischsten Spiegel, den Shanessa je gesehen hatte.
Sie wäre am liebsten sofort auf das funkelnde, goldene Kleinod aus Stiel, Samen und Fleisch zugeeilt, aber irgendetwas in ihr gemahnte zur Vorsicht. Also rannte Shanessa nicht, sondern beschleunigte ihre Schritte nur wenig, sah sich prüfend um, jeden Augenblick die tödlichen Geschosse aus der Wand erwartend, aber nichts dergleichen geschah. Je weiter Shanessa ihrem Ziel kam, desto mehr verstärkte sich ihr erster Eindruck – fast fühlte sie sich in den Louvre versetzt, als dieser noch der Sitz der königlichen Familie war und nicht der einstige Landsitz Versaille.
Endlich hatte sie die Glasglocke erreicht, trotzdem wagte sie nicht sie berühren – zunächst, dann aber packte sie, eine Haarsträhne aus dem Gesicht mit dem Finger nach hinten kämmend, die gläserne Abdeckung und stellte sie beiseite. Der goldene Apfel schwebte kaum merklich in der Luft.
Im gleichen Moment, da sie den Apfel, dessen Färbung in ihren ekstatisch größer werdenden Augen schimmerte, anfassen wollte, krachte ein Strahl neben ihr in den Tisch. Am anderen Ende des Saals stand, abgekämpft aussehend und keuchend, mit erhobenen Stab Willow, die einen Warnschuss abgegeben hatte.
„Du?“
„Was hast du erwartet?“, war Shanessas Antwort. „Dass ich dir den Apfel einfach überlasse. Ausgerechnet dir...“

„Du hast...“
„Die Info. Hab ich aus deinem Kopf.“
Unwillkürlich rieb sich Willow über die Lippen, als könnte sie die vergangene Berührung noch fühlen und schmecken – da war etwas in ihrem Kopf.
„Du hast mich angezapft?“
„Wenn du es so sagst.“
Wenn das so war, wieso war Shanessa noch immer wütend – sicherlich hatten sich alle damals mies gefühlt als man ihren Freund umgebracht hatte, aber wirkliche Schuld trug keiner, zumindest Willow fühlte sich nun nach so langer Zeit –für sie war es länger her, allein da ihr die emotionale Bindung zu dem Mann fehlte- weit weniger schuldig, als Shane diese Schuld in Willow einstufte. Diese dumme Nuss hatte nur selektiv ihrer Erinnerungen abgerufen; sich dagegen gewehrt, eventuell erkennen zu müssen, dass sie falsch lag mit ihrer Schuldzuweisung.
„Du bist sowas von blöd.“, begann Willow.
Die Antwort bestand in einer psychischen Attacke, die an Willows Geist entlangfuhr – Shanessa war zu weit weg, um einen Menschen effektiv beeinflussen zu können. Doch schon der nächste Angriff, begleitet von einem Fauchen des dunkelhaarigen Mädchens, war um so heftiger, kratzte über den geistigen Schild, den Willow nun mühsam aufbaute und noch mühsamer zu halten suchte.
Ein Streich durch die Luft mit ihrem Stab, eine abgehackte ellipsenförmige Bewegung und schon züngelte rotes Licht durch die Halle, das Shanessa von den Beinen riss. Sie knallte gegen den kleinen Tisch und Glasglocke schwankte bedrohlich.

Mit zusammengekniffenen Augen hieb Shane weiter und weiter auf Willows psychische Schilde ein, hinterließ immer tiefere Spuren in ihnen – die Hexe begann bereits sich zu krümmen vor Pein. Zeit für eine Überraschung.
Sie reckte ihre Hände den Spiegeln entlang der langen Halle entgegen – Glas knirschte, feinste Risse, nicht viel breiter als ein Haar, bildeten sich, durchzuckten das reflektierende Glas, brachen es, Sprünge bildeteten sich. Der Befehl war knapp, mit einer grimmigen Handbewegung Shanessas schossen Scherben von rechts und von links auf Willow zu.
Sie lief voran, den Arm schützend vor die Augen gehalten, direkt auf Shanessa zu – komm nur. Komm nur her, dann wirst du dein blaues Wunder erleben.
Kurz vor ihr kam Willow, von explodierenden Spiegeln zu ihrer Gegnenerin getrieben, zum Stehen und fing sich einen saftigen Kinnhaken ein, der den Scherbenschnitt in ihrem Gesicht noch weiter aufplatzen ließ. Die Hexe krachte zu Boden, ihr Stab flog meterweit davon. Nun konnte der Schlussakt beginnen – Shanessa griff sich, mit einem sardonischen Lächeln in den Mundwinkeln, den goldenen Apfel.
Ein Beben durchfuhr den Boden, dann war wieder alles ruhig.
Sie biss hinein.

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„Hat irgendwer ein Kruzifix dabei?“, tönte es vom Rücksitz nach vorne.
Kaie sah irritiert in den Rückspiegel, blinzelte ihr Spiegelbild aus ihren Gedanken und fixierte Jacob Grimm, der sich sichtlich unwohl in der pferdelosen Kutsche fühlte.
„Nur eines umhängen. Wenn du ein großes meinst...“
„Es wäre von Vorteil gewesen.“
Wilhelm lehnte sich leicht nach vorne, ein Schlagloch später knallte er mit dem Kopf gegen das Dach des Wagens, fluchte, aber machte keine Anstalten sich zurückzusetzen. „Überhaupt nichts? Ich meine, wenn deren Budget größer ist...“
„Du hast es selbst erlebt, Will.“, stritt sein Bruder. „Jetzt fang nicht wieder mit deinem ungläubigen Gefasel an.“
„Wenn du aufhörst hinter allem etwas Übernatürliches (bei diesem Wort musste Tara unwillkürlich husten) zu sehen.“
„Ich weiß. Nimm die Bohnen, Jake. Ich bins Leid. Nicht einmal der Kampf mit der Spiegelkönigin....“
„Jungs!“, bellte Kaie in akzentfreiem Deutsch. „Das hier...“, und hob eine Pistole in die Höhe. „...ist meine Intelligenzbestie. Du willst gegen einen ziemlich wirklichen Feind mit Glauben kämpfen? Viel Glück. Sag mir Bescheid, wenn dich ein Blutsauger in den Hals beißt. Manches lässt sich ja mit einem Zauberwörtchen erledigen...aber eben nicht alles.“ Die Gereizte Stimmung ließ sich die gesamte Fahrt über nicht abschütteln – querfeldein jagte Kaie ihren Wagen, dass den Herren auf der Rückbank regelrecht schlecht wurde, über die Hügel und den Nebel hindurch, bis es nicht mehr ging und die Reifen in einem Mulde im Schlamm kapitulierten. Hart zog Kaie die Handbremse an, und warf mit einem „Aussteigen, der Herrschaften.“, die Fahrertür auf.
Eine Anhöhe, mehrere Flüche und Schlammbespritzte Schuhe weiter, erblickten sie das Wäldchen. Ganz so wie es ihr Kontaktmann beschrieben hatte.
„Wo kommt das her?“, die Frage, berichtig wie sie war, kam von Tara. „Ich bin ziemlich sicher, dass das vor ein paar Tagen nicht hier war.“
Innerlich schüttelte Kaie den Kopf, ob der Fragestellung, immerhin hatte sie bei der jungen Frau mit einem Ding zu tun, dass alles andere als ein Mensch, fast als allwissend beschreibbar war – zumindest war das Kaies Sicht von Tara, so wie sie nun war. Doch vielleicht täuschte die eigene Vorstellung und Tara war, ob sie nun schon so lange existierte, trotz und alledem ein Kind; quasi ein Baby, dass gerade einmal ein paar Wochen auf der Welt war, unfähig die Zusammenhänge zu verstehen. Als Mensch den Grenzen des humanen Genoms unterworfen, setzte sich dies nun in neuer Gestalt fort: weise und wissend, aber vielleicht noch zu jung in dieser Welt. „Vielleicht taucht es nur periodisch auf.“, mutmaßte Kaie, allein nur um irgendetwas zu sagen.
„Aber...aber es könnte von Bedeutung sein.“, murmelte Jakob, dem Tara nur mit einem stillen Nicken zustimmte.

„Das.... das erinnert mich an den Turm der Spiegelkönigin.“ Fahrig rückte Jacob Grimm seine Brille zurecht, während er auf den steinernen Hochbau deutete, der im Innern des Wäldchens auf sie wartete, erleuchtet von einer Lichtung und so unmöglich zu verfehlen. Dieweil kämpfte sein Bruder verzweifelt mit den Fangstricken der schlingpflanzenähnlichen Hecke.
„Wäre es zuviel verlangt...?“, erkundigte er sich, doch niemand achtete auf ihn, sondern starrte nur
Während die anderen sich mit Fragezeichengesäumten Häuptern vor dem Haus aufreihten, streifte Wilhelm murrend und klagend das letzte Gestrüpp von seinen Schultern. „Danke, helft mir bloß nicht alle auf einmal.“
„Keine Ursache.“, kam es geistesabwesend von Kaie.
„Damals...“, versuchte sich Jakob zu erinnern, „...wie sind wir da noch mal hineingekommen?
Wilhelm sah seinen Bruder schräg von der Seite an. „Indem ich deinen schweren, dünnen Hintern nach oben gehieft habe.“
Leider hatten sie keinerlei Ausrüstung, um an die obersten Fenster des Turmes zu kommen, vielleicht hätte Taras Magie etwas gebracht, sie allein hätte es sicherlich geschafft, doch –zum Teufel- das alles hatte ohnehin wenig Sinn und Zweck, denn die böse Hexe hatte Rapunzel wohl eingemauert: kurz gesagt war der Turm einfach nur ein Turm, ohne Tür und ohne Fenster.
Auch dies musste Kaie Sekunden später revidieren, als Tara näher an das Steinungetüms trat und irgendetwas zu sehen schien, was den anderen offenbar verborgen war.
Katzenaugen – offenbar war wirklich etwas dran, an dem was man ihr offenbart hatte.
„Hier..h-hier sind feine Linien, wie von...“, sie kniff die Augen zusammen. „....Wie von Kreide. Sie ist blass und verwischt. Sieht aus, als wären sie schon vor langer Zeit weggewaschen worden.“ Sie legte ihre Hand auf die Innenseite der fast unsichtbaren Begrenzunglinie und drückte sanft gegen die ungleichen Quader.
Wilhelm trat näher zu Kaie, sein Blick schweifte über die Lichtung und die einzelnen Steinriesen, die den Turm eingrenzten wie ein urzeitlicher Zaun. „Kommt nur mir das so komisch vor, oder wieso versucht uns keiner aufzuhalten?“

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Sie hatte schon zu lange auf das Bild gestarrt – Gabriels Foto war Dawn in diesen Minuten kein Trost. Sie fühlte sich einsam, zurückgelassen, leer und nutzlos. Unruhe breitete sich aus, es kam einem Flächenbrand gleich, der von jeder Zelle ihres Körpers Besitz ergriff und zu verzehren drohte.
Zwischen ihren Fingern rollte sie das kleine Stückchen Blei hin und her, dachte nach, war zugleich aber geistig leer, ein Zustand, der so irrwitzig war, dass sie es nicht mehr aushielt. Aufstehen, befahl sie sich selbst und dabei streiften ihre Augen ein altes Bild von ihr, Buffy und ihrer Mom. Aber war Joyce ihre Mutter?
Dawn holte vernehmbar Luft.
Und im nächsten Moment wäre ihr beinahe das Herz stehen geblieben. Jack stand in der Tür und hatte sich mit einem Räuspern bemerkbar gemacht.
„Alles klar?“, erkundigte sich der Junge.
Dawn schüttelte den Kopf. „Ja, schon okay.“
„Wenn du reden willst...“
„Ich will nicht reden. Ich will einfach was tun. Das alles...“, womit die letzte der Summers-Frauen unbestimmt in die Gegend deutete. „Ich hänge hier rum und Tara ist da draußen, außerdem...“, sie schluckte. „Außerdem ist da noch Willow.“
„Ja, sicher, aber du kannst da wenig tun im Augenblick.“
„Achja? Und wenn wir uns das immer brav vorsagen, dann werden wir auch niemals was tun. >>Man kann es ja eh nicht ändern.<< Das sind die immer gleichen, beschissenen Sprüche.“
„Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist das ne lahme Ausrede dafür, dass wir einfach nur Schiss haben, was zu unternehmen. Manchmal...weil wir uns selbst beschützen wollen.“
„Immer. Wir wollen immer nur uns selbst beschützten.“, schnauzte Dawn.
„Und andere nicht? Außerdem bringt es nicht immer was, sich für etwas einzusetzen, wenn man dabei vielleicht drauf geht. Ich meine...“ Verzweifelt rang Jack nach der richtigen Formulierung. „...was soll ich jemandem nützen, wenn ich tot bin?“ Jack zog die Brauen zusammen, schürtzte die Lippen. „Es geht uns allen doch gleich. Ich meine, Vesta kann auch nicht einfach in die Staaten, um Frey zurückzuholen. Und ich wette, dass würde sie gern. Als Eilis krank war, konnte ich nichts tun. Nur du.“
Eigenwillig nickte und schüttelte Dawn den Kopf gleichzeitig – was sollte sie sagen – er hatte ja Recht. Ihre Blicke krallten sich in die feinen Ritzen zwischen den Laminatbrettern, doch nur kurz, denn im nächsten Moment stürzte sie los, jagte an Jack vorbei, den sie dabei unsanfter als sie vorhatte, zur Seite stieß und auf der Treppe gleich mehrere Stufen auf einmal nahm.
Doch auf der letzten wurde sie abgefangen, als sich nämlich Oz’ schlanke Arme urplötzlich um ihre Taille legten und sie daran hinderte, einfach aus dem Haus zu laufen. Trotzdem verbiss sich der Teenager in einen Machtkampf und zog so heftigst, dass Oz unter Schmerzen aufstöhnte, sie losließ und sich die Seite hielt, während er keuchend auf dem Treppenabsatz zusammensackte.
Doch kaum hatte Oz losgelassen, da war Satinka zur Stelle und schaltete ihre Hände auf den Schraubzwingenmodus, dass sie Dawn beinahe das Handgelenk brach. „Spinnst du?“ Alle Zärtlichkeit, gar Neckerei, die sonst in der Stimme der Navajo lag, war verschwunden, stattdessen war diese nun so scharf und kalt wie eine Rasierklinge aus Eis. „Willst du dich umbringen?“
„Ich will ihnen helfen.“
„Nicht so....“
„Ich...“, begann Dawn zu protestieren, doch sie wurde von Oz Schmerzgeschwängerten Stimme unterbrochen.
„Wir...müssen auf dich aufpassen.“
„Danke, das kann ich selbst.“, versuchte es Dawn, wenn ihre Entschlusskraft auch entschieden an Boden verloren hatte, nun da sie Oz sah, wie er sich krümmte.
Ein bisschen zu kräftig schüttelte Satinka das Mädchen „Du verstehst nicht. Du bist zu wichtig.“
Was um alles in der Welt sollte das heißen? Ihre Funktion als Schlüssel hatte sich schon vor langem erfüllt – sicherlich hatte sie noch ihre Gabe, aber was bedeutete das schon.
„Glory ist zurück.“, sagte Satinka
Ein Schlag in die Magengrube.
„Aber darum geht es nicht. Es geht um Appleseed und du bist der Schlüssel zu allem.“
„Ich dachte, das wäre vorbei.“ Jetzt versuchte Dawn es mit einem Blickduell.
„Vorbei?!“ Satinka erwiderte die Herausforderung und blieb standhaft, auch wenn Dawn versuchte sie Niederzustarren. „Glaubst du, du kannst einfach abschütteln was du bist, woher du kommst. Woraus du gemacht bist?“
„Sie hat recht.“, keuchte Oz.
Abermals senkte sich Dawns Vorsatz, einfach ihrem Kopf zu folgen, ein bisschen mehr.
„Du bist zu wichtig...für Appleseed.“
„Wen?“
„Nicht jetzt.“, entschied Satinka. „Später. Fürs erste muss es genügen, dass wir dazu da sind auf dich aufzupassen.“
Vesta lehnte kniete sich zu Oz hinunter und legte ihm die Hand auf seine lädierte Flanke. „Schätze mal dass Kaies Vater wenig begeistert wäre, wenn ihr versagen würdet. Stimmt doch. Die Wölfe beschützen die Katzen. Das hat er gesagt.“
Dawns Mund war trocken. Die Ausbildung, das Training, sicherlich nützlich, wenn man die Schwester der Jägerin war, aber das war sie ja nun mal nicht. Oder? Nein. Sie war Buffy. Das hatte ihre „Schwester“ gesagt; hatte so Dawns Leben vor Giles verteidigt.
„Katzen.“ Dawn trat einen Schritt zurück. „Deswegen.....das will Anne. Das will Buffys Klon.“ Aber sie wagte nicht es auszusprechen, sondern ließ Satinkas Augen mehr als genug sagen und bestätigen was sie dachte.
„Du hast Recht.“, sagte Jack vom oberen Treppenabsatz, überdeutlich und zog so die ganze Aufmerksamkeit auf sich. „Wenn wir immer nur fatalistisch denken, nach dem Motto, man könne Missstände ohnehin nicht ändern...naja, dann werden wir sie auch nicht ändern. Aber Wissen. Wissen ist wichtig. Oder Sati? Sie sollte wissen. Um entscheiden zu können.“
„Bald.“, erwiderte die Navajo ernst.

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Wie dumm diese Brut doch war und wie wenig sie in den letzten tausend Jahren gelernt hatten – so war nun mal das Leben und man konnte es nicht ändern. Kann man „Das Leben“ als bequeme Ausrede verwenden, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötete?
Wie aberwitzig diese Gedanken waren, so recht der Geist, der sie gesponnen auch hatte, doch Wissen war nötig und dieses Wissen, und sie wünschte es nie erlangt zu haben, überschwemmte nun Shanessas Gedanken.
Sie sah den Schuss.
Den zusammensackenden Körper.
Sah die Hexen.
Ihren sterbenden Freund.
Den Schützen.
Kevin und dahinter, hinter dem Mörder, das Gesicht eines anderen.
Wissen war durchaus machtvoll und nun wurde das Fatali, dieses selbstverschuldete Schicksal zu einem Mitverschulden – wider Willen. Denn ohne zu wissen, wer dahinter steckte, hätte Shanessa nie vermutet, dass die Schuld bei niemandem Lag, außer dem Mann, der hinter allem steckte und die Fäden der Marionetten bewegte.
Ein Saal, Zeugen und Mitschuldige an Kevins Ermordung, wurde gemietet, das Orchester engagiert, ein Mann mit einer Waffe und nun wollte Adam offenbar wissen, ob Shanessa tanzen konnte.
Nach seiner Pfeife.
Er hatte den Mann dazu angeheuert ihren Freund zu töten – einfach so, nur um sie auf seine Seite zu bringen.
Sie war benutzt worden.
Für höhere Ziele. Vielleicht weil sie das brauchte, aber hatte sie jemand gefragt? Nein, man setzte sich über die Menschen hinweg und missbrauchte sie, wie willige Helfershelfer.
Und Shanessa hatte sich dazu gemacht, dazu machen lassen.
Während der Bissen der Erkenntnis Shanessa im Halse stecken blieb, entglitt der Apfel ihren Fingern und fiel polternd auf den parkettierten Boden.
Das gleichzeitige Beben war derart heftig, dass es Shanessa umwarf – verwirrt und unentschlossen, nahezu hilfesuchend, sah sie zu Willow.
Deren Augen waren groß geworden, wild um sich blickend und dann wieder Shanessa fixierend mit einem geradezu ängstlichen Blick, versuchte sie aufzustehen.
Ein Paar Stiefel traten aus dem gigantischen Spiegel am Ende des Saals, der als einziger nicht zerborsten war, durch das gläserne Meer auf den Boden aus uraltem Wald.
Die Stiefel schritten zu dem Apfel hin, unerreichbar für Willows Verlangen, unerreichbar für ihre Sehnsucht nach Erlösung vom dem Leid der Sterblichkeit, eine Hand griff danach, hob die goldene Frucht auf. Das Wanken und Schaukeln des Turms hörte nicht auf, sondern pflanzte sich fort in jede Ader aus Mörtel, jede Zelle aus Stein, brachte die gesamte Anlage zum Schwanken.
Der Apfel war für Willow verloren, in den Händen einer Fremden, einer Frau mit langem schwarzem Haar, vollkommen in Rot gekleidet, königlich anzuschauen und furchtbar in ihrer Erscheinung. Sie ruckte herum.
Ihre dunklen Augen fixierten Willow – fragenden Blickes, rührte sie sich nicht, sondern hielt nur den Apfel in ihrer Hand, dem Willow einen letzten Blick schenkte, ehe sie sich aufraffte, zu Shanessa eilte und sie mit sich zog.
Im nächsten Augenblick streckte Willow ihre Hand aus, zu ihrem Stab, der ihr in die Hand flog und den sie sogleich auf den Spiegel richtete, einen Knopfdruck später entfaltete sich eine kleine metallische Knospe – Willow bließ den Staub von dieser, gen Spiegel, rote und purpurne Funken stoben auf, der Blick der herrschaftlichen Frau verengte sich bedrohlich, eine Sekunde später zog Willow Shanessa hinter sich her, durch den Spiegel hindurch

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Seine Hand zitterte, als Jakob auf die Frau am Ende des Langestreckten Saales, der eines französischen Königs würdig war, deutete, doch Kaie legte ihre Hand, einen verbissenen Ausdruck in den Augen, auf die seine und drückte sie mit sanfter Gewalt herunter.
Sie hatten es gerade so in das oberste Stockwerk geschafft – ein Rückzug war ausgeschlossen, denn die Treppe war einige Meter innerhalb der ersten Stockwerke weggebrochen.
Nun standen sie in dieser unwirkliche Halle, die so gar nicht zum Rest des Turmes passte, die eigentlich gar nicht hier sein durfte, bedachte man die Formen und das Alter des steinernen Burgfrieds.
„Kaie.“, sagte die Frau, die in rotem Stoff erstrahlte, wie fleischgewordene Apfel der Erkenntnis. „Gott sei Dank....“
„Was?!“ Die Stimme der Allerersten war scharf wie eine Rasierklinge. „Gott sei Dank?“
„Gut dass du da bist, ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“, die Frau blieb wo sie war, doch in ihrer Stimme schwang Besorgnis mit, nicht wie Tara erwartet hätte, Hohn.
„Du sorgst dich... um mich?“
„Ja.“
„Du hast Dracula geschickt.“
„Ich....“
„Du hast ihn geschickt, um mich umbringen zu lassen. Und mein Kind. Meinen Sohn wolltest du umbringen lassen, weil er nicht in deinen Plan passte. Du wolltest eine reine Rasse. Also erzähl mir nichts von Sorgen!“
Kaies Mutter schüttelte ihren Kopf. Noch ehe sie sich jedoch verteidigen konnte, stürmte Kaie auf sie zu, ihr Schwert blitzte auf – einen Meter vor der Gekrönten der Allerersten, der obersten ihres Volkes, verharrte Kaie, als die Hand ihrer Mutter sich ihr entgegenstreckten. Mit einer fast beiläufigen Handbewegung, schleuderte Claudia ihrer Tochter das Schwert aus den Händen. Kaie wurde im nächsten Moment wieder Herr ihrer Glieder.
„Du....“, zischte sie. „Estuans....estuans interius.“ Ihre Augen, Kaies Augen, veränderten zusehends ihre Farbe, das warme Braun zerfloss in einem eisigen, flammenden Blau.
„Tu das nicht.“ flüsterte ihre Mutter.
Doch Kaie lies sich nicht abhalten.

„Estuans interius ira vehementi.“
„Estuans interius ira vehementi.“

Claudia entließ ihre Tochter aus ihrem unsichtbaren Griff.

„Ardens interius ira immensa”

Wilde Böen rissen an Kaies Haar, in einem Moment noch in den Tönen von Ebenholz, dann wurde es jedoch, von den Wurzeln an weiß und weißer bis in die Spitzen.

„Iammane. - Inane. - Immane. - Inane.
Futurum immane et inane.”

Auch die fast gänzlich schwarzen Augen ihrer Mutter glühten nun in unheilvollem Royale, ihr Haar, noch immer gekrönt, ebenso weiß wie das ihrer Tochter.

“Fata nostra. Fata nostra.
Sunt damnanda fata nostra”


Trotzdem hob Claudia beschwichtigend ihre Hand. „Du verstehst nicht.“
„Natürlich. Ich verstehe nie. Ich hab zuerst gedacht, Vater wollte mich aus dem Weg haben, aber das ist nie der Fall gewesen.“
„Das stimmt auch.“, bestätigte Claudia, deren Augen, so eisig sie waren, keinerlei Härte zeigte, sondern nur Sorge.
Aus Kaies Ärmeln sprangen lange, geschwungene Dolche direkt in ihre Hände – sie schlug zu.
Und begegnete dem silbrigen Kamm eines Schwertes, einer Kraft, derer sie nichts entgegen zusetzen hatte, denn Claudia stieß sie weit von sich.
Dennoch kam Kaie halbwegs elegant auf, sie senkte ihr Haupt, ihren ganzen Körper, der gespannt wie der einer Löwin kurz vor dem Sprung auf die ahnungslose Beute war, ein Knie zum Boden gerichtet, das andere in einer Linie mit ihrem Kinn.
„Das ist sie....“, flüsterte Wilhelm Tara zu. „Ausnahmsweise hat mein Bruder einmal Recht. Die Spiegelkönigin.“
Im gleichen Moment warf Claudia ihren Gästen einen irritierten Blick zu, dann klarten ihre Augen auf, sie nickte und sah Kaie an – diese sprang, die Dolche nicht vorgestreckt, sondern an die Unterarme gelehnt, führte sie Streich um Streich gegen Claudia.
Aber diese konnte jeden Schlag erwidern, weder Faust noch Klinge trafen sie, dafür teilte sie umso härter aus.
Mit eisernem Griff hielt sie Kaie fest, die ihr zu nahe gekommen war, die Augen ihrer Mutter wurden größer, drohender „Hör auf.“, doch die Drohung erreichte ihr Ziel nicht, „Hör auf!“ und rammte die Spitze ihres Schwertes in den Boden.
Die Schockwellen trafen Kaie, schleuderten sie abermals durch den Raum, doch diesmal landete sie mit wenig Grazie direkt auf dem Beistelltisch, auf dem kurz zuvor noch der Apfel geruht hatte. Das Möbelstück gab unter Kaies Gewicht nach, die Beine bogen sich und splitterten, Kaie selbst schlug prustend und fluchend auf dem Boden auf.
„Spiegel.“, sagte Claudia. „Trugbilder. Erscheinungen. Sieh in den Spiegel.“, forderte sie ihre Tochter auf.
Doch diese heftete ihre Augen auf ihre Mutter, nicht auf den riesigen Spiegel hinter sich.
„Sieh hin.“, wiederholte Claudia.
Für einen kurzen Augenblick der Schwäche wanderte Kaies Blick zum Spiegel, dann wieder zurück.
Tara bemerkte wie ihr jemand auf die Schulter tippte, wandte den Kopf, ohne den Blick von Mutter und Kind zu lassen, zu Jakob herum. „Nein, Will. (er meinte seinen Bruder, sprach aber auch zu Tara) Sie kann es nicht sein, auch wenn diese Frau da genauso aussieht. Sie sieht genauso aus wie damals, aber sie ist nicht im Spiegel. Sie kannte den Zauberspruch für ewiges Leben, nicht für die Jugend, deswegen sah sie nur im Spiegel jung aus. Aber ihr wirklicher Körper vermoderte für alle Ewigkeit.“
„Und...das heißt?“ überflüssig zu fragen, da Tara bereits eine Ahnung von dem tatsächlichen Geschehen hatte, denn sie hatte den Apfel in der Hand der Frau registriert und zählte nun 1 und 1 zusammen.
Claudia schritt herrschaftlich, grazil und bedrohlich, schön und schrecklich zugleich um ihrer Tochter herum, die Anstalten machte sich aufzurappeln und erneut anzugreifen.
„Das kann nicht die Spiegelkönigin sein, nicht die Frau, die wir bekämpf haben damals. Selbst, wenn sie noch ...naja, leben würde, kann sie es einfach nicht sein.“, ergänzte Jakob. „Irgendetwas Merkwürdiges geht hier vor.“
„Na, immerhin hat er es jetzt endlich begriffen.“, bestrich Wilhelm das Brot mit seinem Senf. „Ich bin dafür, dass wir einen Weg hier raus suchen. Egal wer die da ist. Einmal erstochen zu werden hat mir gereicht.“
„Spiegel.“, sagte Claudia erneut. „Reflektionen. Täuschungen.“
Der Anblick des gläsernen Narzissengemäldes nahm Kaie immer mehr gefangen, denn immer öfter sah sie gehetzt hinter sich.
„Das Buch. Das warst du.“, stellte Kaie fest. „Die ganzen Kreaturen, sogar die beiden...“, womit sie unwirsch auf die Gebrüder deutete. „..all das, wegen dir.“ Sie sprang erneut auf, im gleichen Augenblick war es, als müsse ihr Kopf zerspringen vor Schmerz, aber sie ignorierte die Pein. Stattdessen hieb sie erneut auf ihre Mutter ein.
Wieder eine Parade, wieder eine zurückgeworfene Vampirin, die ihre Mutter anfauchte, wobei sie ihre spitzen Fangzähne entblößte.
Doch Claudia schüttelte vehement den Kopf. Entweder war sie eine ausgesprochen perfekte Schauspielerin, oder aber etwas an der Sachelage stimmte nicht – oder ihrem Rückschluss. „Ich habe keine Ahnung was du meinst. Das hier führt zu nichts, Kind.“
Entschlossenen Blickes, ihre Augen verrieten den unstillbaren Hass auf ihre Mutter, trat Kaie nun auf den Spiegel zu, zeigte ihm aber die kalte Schulter und starrte ihre Mutter an wie das fleischgewordene Böse. „Du hast einen Killer auf mich gehetzte, hast Dracula geschickt, weil mein Kind nicht im Sinne deiner arischen Denkweise war. Und dieses Buch, das hast du geschaffen, damit, sobald ich es haben würde, es mich in den Wahnsinn treibt.“ Fahrig wischte sie sich Speichel von den Lippen. Speichel und Blut, das sie erst gar nicht bemerkt zu haben schien. „Als Strafe, weil du meinen Sohn nicht kriegen konntest. Denn den habe ich in Sicherheit gebracht. Vor dir!“, den letzten Satz spie Kaie ihrer Mutter regelrecht entgegen, im nächsten Moment drehte sie sich zum Spiegel um, in ihre Hand einen der s-förmigen Dolche. „Spieglein, Spieglein an der Wand...“, Kaie hob den Dolch. Sie sah ihrem Spiegelbild direkt ins Augen. Bereit zum Zustechen.
„...wer ist die schönste im ganzen Land?“, entgegnete ihr Spiegelich. Eine Hand schoss hervor und packte Kaies Gelenk, doch diese ließ durch den Schrecken bereits ihr Messer fallen – Kaies Haar wurde im selben Augenblick wieder so dunkel wie zuvor und auch die blauen Flammen erlosch in ihren Augen. Die zweite Hand legte sich auf Kaies Schulter und ihr Spiegelbild trat aus dem Glas heraus direkt in die Halle. „Hallo, Schwester.“

Nicht nur der Turm schwankte, sondern auch Kaie Adams.
Tara sah von Kaie, zurück zu ihrem Spiegel-Ich – zu ihrer Schwester, so wie sich ihre Zwilling vorgestellt hatte.
Fast eine Minute verging, ehe jemand sprach, dann erhob Kaie selbst das Wort. „Was...?“, doch weiter kam sie nicht, denn ihre Kehle war wie ausgedörrt, denn der Rest war nur ein trockenes Krächzen.

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Dawn wurde das Warten allmählich zu dumm, die ganze Zeit über überlegte sie, hin und hergerissen von dem Gedanken doch auf eigene Faust zu gehen, vorzuschlagen, sich eben gemeinsam auf zu machen und Tara und Kaie zu folgen.
Aber irgendwie schien dies nicht gerade das zu sein, was die anderen hören wollten – keiner machte Anstalten, auch nicht diese Fremde, Angelika, die mit den Gebrüdern Grimm gekommen war, sich vom Fleck zu rühren.
Beruhigend, zumindest gab sie sich Mühe, legte ihr Eilis die Hand auf den Arm, aber das fast ungezügelte Verlangen danach, etwas zu tun, selbst wenn es gleichsam mit einer so tierischen Angst verbunden war, aber immerhin war es besser als das Rumgehocke im Haus.
Eilis, den Blick geistesabwesend auf eine unbestimmte Stelle irgendwo im Raum geheftet, sah sie kurz vorher noch Dawn mitfühlend an, ruckte auf, stand und irrte im Wohnzimmer hin und her. Tiefe Falten gruben sich in ihre Stirn, als sie in den Flur hinaustrat – zu tief für ihr Alter, wie es Dawn durch den Kopf schoss – im nächsten Augenblick suchte sie Jacks Blick, der ebenso umherschaute, als ob er etwas suchte im Haus, zugleich auch horchend die Ohren spitzte.
Mit einer so flinken Bewegung, dass man sie kaum sah, bestenfalls erahnen konnte, zog Eilis einen kleinen, schlanken Stab (womit sie Dawn unwillkürlich an eine Figur aus den Harry Potter Romanen erinnerte), ein Laut entrang sich ihrer Kehle, einem Fauchen nicht unähnlich und es hätte sicherlich nicht viel gefehlt, dass sie einen Buckel gemacht hätte. Denn in den nächsten Sekunden wirkte sie mehr wie eine Katze, denn wie ein Mensch.
Vesta war dies nicht unbemerkt geblieben – also wagte sie sich an die Tür, um sie zu öffnen.
„Nein, tu’s nicht!“, rief Eilis noch, doch es war zu spät – Vesta hatte, sie konnte wohl selbst nicht sagen warum – die Klinke heruntergedrückt und blickte auf die kleine Gestalt herunter, die auf der Schwelle stand. Mit rotem Umhang, das Gesicht unerkennbar unter der Kappe, war dieses nur ein schwarzer Fleck.
„Na, toll...“, Vesta drehte sich grinsend zu den andern um. „Es ist nur Rotkäppchen.“
Etwas brach aus dem Umhang aus, packte Vesta und drängte sich mit ihr zusammen durch die Tür, genauso war es mit Oz geschehen, doch es war nicht der junge Rothaarige, sondern etwas wesentlich Größeres....etwas, ein Ding, das größer und größer wurde.
Blaue und rote Funken lösten sich sofort von Eilis Stab, krachten gegen die Brust des Biestes, der Vesta wie eine Puppe zur Seite schleuderte.
Die Magie, die Eilis dem haariges Monstrum entgegenwarf, wirkte, aber nicht so deutlich, dass es sonderlich beeindruckt gewesen wäre – im Gegenteil, es teilte mit seinen Pranken Schläge aus, doch Eilis konnte sich unter diesen wegducken, den Stab weiterhin im Blitzlichtgewitter der Magie auf das Biest gerichtet, wirbelte sie sogar über den gestreckten Arm des Angreifers hinweg.
Mit der linken Hand krallte Eilis sich, als sie aufkam, im Holzboden fest, hinterließ dabei tiefe Schürfwunden im Parkett - ihren ganzen Körper neigte so nahe dem zu, dass sie beinahe berührte. Wieder dieser Laut, der über die Lippen des Mädchens drang.
Im nächsten Moment surrten nacheinander zwei Pfeile in den Brustkorb des Monstrums – der Angreifer brüllte markerschütternd. Angelika kam, den Bogen im Anschlag und bereits den nächsten Pfeil auf der Sehne, den Flur hinab gelaufen.
Dawn selbst war wie im Sessel festgefroren – sie konnte sich nicht rühren, denn, unpassend wie sie war, Angst durchflutete sie in diesem Moment.
Satinka kam die Treppe hinabgestürzt, ihren eigenen, langen Gandalf-Stab schwingend, Feuer spritzte aus dessen Spitze, kleine Flammengeister stiegen auf und umschwärmten den gigantischen Wolf.
Ja, ein Wolf. Und dieser drohte gerade mit einem Hieb auf Eilis, die ihm wieder und wieder auswich, doch dieser würde sie treffen.
Angst.
Angst konnte der schlimmste Feind des Menschen sein – oder sein mächtigster Verbündeter. Denn in Dawn überwog in der nächsten Sekunde die Angst Eilis zu verlieren, als ihre eigene Existenzangst.
Blitzschnell zuckte ihr Schwert aus der linken Handfläche, mit der rechten umfasste sie das Heft, und schlug zu.
Öliges Blut spitzte auf und der baumstammdicke Arm des Wolfes flog quer durch das Wohnzimmer.
Dawn wirbelte um ihre eigene Achse, der linken Krallenpranke entgehend, und riss mit einem Streich eine lange, klaffende Strieme in die Brust des Monsters.
„Ich hab schon einen Wolf besiegt......“, knurrte sie. „Du bist nicht anders.“
Aus irgendeiner Ecke kam Oz herbei, blieb kurz stehen, überblickte die Situation und im nächsten Moment sprang er, verwandelt, mit gefletschten Zähnen den Gegner an.
Wütend taumelte das Biest herum, Oz, der sich in seinen Nacken verbissen hatte, mitreißend.
Satinka warf ihren Stab zur Seite, riss sich die Bluse auf und legte ein ebenso wölfisches Gebaren an den Tag, als sie aus ihren Kleidern stieg und dem weitaus größeren Wolf auf den Pelz rückte.
Zumindest dem was aussah wie ein Wolf....mit einem schwungvollen Hieb fegte das Monster alle aus dem Weg; Dawn fiel rücklings auf den Boden, knallte mit dem Rücken gegen die unterste Stufe der Treppe. Der noch existierende Arm des Biestes wurde neben ihr in den Holzboden gerammt, Splitter stoben auf, die Augen des Gegners waren nun ganz dicht, verengt, angriffslustig.
Dann veränderte es sich.
Zunächst unmerklich, doch kleine Details waren, wurden anders....

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Kaie, die aus dem Spiegel getreten war, sah hinab zu der anderen, die sich auf dem Boden wiedergfunden hatte, niedergestreckt von dem Schock, sich selbst gegenüberzutreten.
Die Spiegel-Kaie sah zu Tara hinüber – „Ihr solltet gehen, sofort, es ist in eurem Haus.“
Unschlüssig starrte Tara sie an, blinzelte, blickte zu Boden, sah wieder auf, immer noch zögerlich, trotzdem war das ein Funken, ein Funken der Entschlossenheit.
„Ihr steht einem Gegner gegenüber, der jede Form annehmen kann. Eine Zvilisation, die euch weit überlegen ist, hat euch, ob ihr das wisst oder nicht, den Krieg erklärt.“
Darauf weiteten sich Taras Augen – sie kannte diesen Feind und hatte ihm bereits gegenübergestanden wie Geister waren sie, da und doch nicht da – etwas ging vor sich. Sofort fasste Tara die beiden Brüder an den Armen. „Festhalten.“, flüsterte sie, nickte der Frau noch einmal kurz zu, ehe sie die beiden Männer in einem blauen Lichwirbel mit sich riss.
„Unsere Welt haben sie bereits übernommen...passt auf eure auf.“, rief die Kaie aus dem Spiegel noch, dann sah sie wieder zu ihrem Ebenbilde, reichte ihr die Hand. „Wir haben zu reden.“
„Das ... kann nicht ... sein.“, stammelte Kaie.
„Was? Was kann nicht sein? Das ich existiere?“
„Ich habe keine Schwester.“, konstatierte Kaie nun wieder mit festerer Stimme. „Das ist doch ein Trick.“
„Deine Freundin hat mir geglaubt. An meinem ehrlichen Gesichts wird’s nicht gelegen haben.“
„Ich HABE keine Schwester.“
Ihr Spiegelbild nickte langsam, suchte kurz den Augenkontakt zu Claudia und wandte sich dann Kaie zu. „Stimmt. In gewisser Weise hast du keine Schwester...mehr.“
„Mehr?“ Kaies Kopf flog zu ihrer Mutter, die aber wandte sich, mit bedrückter Mine ab. Das schwanken des Turmes kam und ging, doch mit jedem neuen Kommen, wurde es heftiger.
„Genau wie ich. Wir sind beide Zwillinge. Du aus diesem Universum. Ich aus dem anderen. Wir sind unser... nunja...“, lächelnd blickte die andere zum Spiegel zurück, „.... Spiegelbilder voneinander. Exakte Spiegelbilder. Mit einem Unterschied.“
„Ach... und der wäre?“
„Du bist krank.“
Trocken, heiser war Kaies Auflachen. Wer es glaubte – allmählich war sie sich sicher, dass dies hier nur ein...
„...abgekartetes Spiel ist? Du siehst wir denken sogar das gleiche. Du leidest an einer Nervenkrankheit. Seit Jahrhunderten gibt es nur ein Mittel dafür, aber die Behandlung braucht eine Weile. Deswegen vertrete ich dich.“
„Du?“ Kaie gluckste.“ „Und wieso erinnere ich mich an alles?“
„Weil alle Erinnerungen, die du sammelst auf mich übertragen werden und alles was ich in der Zeit, in der du .. ja, du ... in Behandlung bist, ansammle dann wieder in deine Erinnerungslücken eingegliedert werden.“ Die Spiegelkaie seufzte. „Als du Dawn gesehen hast, nachdem du aus der Dusche kamst... du hast dich gewundert, warum sie noch da ist, erinnerst du dich? Das war eigentlich ich. Du bist in der Dusche zusammengebrochen.“
Kaie schüttelte stumm den Kopf. Das konnte nicht sein. Nie und nimmer.
„Und als dein Vater mit seinen Truppen, den Hexen zu Hilfe eilte, warst du bei ihnen – hast du dich nie gefragt, warum du auf einmal so bereitwillig warst, ihm zu folgen? Das war meine Schuld. Ich hatte es übertrieben, es zu schnell forciert. Deine Krankheit...“, ihr Spiegelbild war nun ganz nahe, dass Kaie sogar ihren Atem spüren konnte, „...erzeugt, wenn du Behandlung überfällig ist, Halluzinationen, Angstzustände, es fördert den Blutdurst (deswegen hast du Dawn gebissen damals) und Paranoia. Es kommt nicht oft vor, aber ab und zu...sogar dein Verhalten.“
„Und das Buch?“
„Welches Buch? Keine Ahnung was du meinst, aber das hat nichts mit Mutter zu tun. - Tschuldige, deiner Mutter. Ich nenne sie auch schon so... nunja, in meinem Universum ist sie schon tot. Außerdem war ich schon so oft du, dass ich nicht einmal sagen könnte, ob... nun, ob ich du bin, oder du ich.“
Plötzlich legte Claudia, ihre Hand auf die Schulter ihrer Tochter, die gar nicht bemerkt hatte, dass ihre Mutter sich genähert hatte. „Es wird Zeit für deine Medizin. Wir müssen gehen ... wir müssen hier weg.“ Dabei sah sie sich gehetzt um.
„Warum? Wieso nicht gleich hier? Und wieso sind wir dann hier hergekommen? Hergeschickt worden.“, verbesserte sich Kaie.
„Der Apfel.“, sagte Claudia mit ernster Stimme. „Er war eine der Säulen. Sie bricht. Deswegen müssen wir weg.“

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Rote Augen sahen auf Dawn hinab – die Lieder zu Schlitzen verengt, so nahe, dass der faulige Gestank seines geifernden Mauls ihr in die Nase stieg. Im nächsten Moment wich das Rot einem grellen Bernstein und das Monstrum, nun undeutlich, schemenhaft nur, ohne wirkliche Form, richtete sich auf.
Der intakte Arm, wenn es noch ein Arm war, packte Dawn bei der Kehle, seine Haut fühlte sich schmierig an, glitschig, aber nicht nass.
Im nächsten Moment umschwirrte ein blaues Leuchten, ein Ball aus azurem Licht den Angreifer, verwirrte ihn, spie aus seinem Innern zwei Gestalten aus, die mehr schlecht als recht über die Sofagarnitur schlitterten, ehe sie unsanft den Boden knutschten, und materialisierte direkt neben dem Ungeheuer.
Tara streckte ihre Hand zu dem großen Spiegel aus, der im Korridor hing, packte, als dieser angeflogen kam, die Ränder seiner Fassung und hielt dem Biest die reflektierende Oberfläche entgegen.
Der unmenschliche Schrei, der sich den Lippen des Monstrums entrang, erschallte noch im Innern des Spiegel wieder – Dawn sank zu Boden, doch mit einer letzten Kraftanstrengung zerschlug sie mit ihrem Schwert das Reflektionsglas.
Vesta stützte sich gegen die Wand, als sie aus dem Wohnzimmer mehr gekrochen als gelaufen, gestützt von Faith, kam. „Der war antik.“, grinste sie.

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Willow stand schon eine ganze Weile im Stall und beobachtete den Asiaten bei seiner Arbeit mit den Pferden, dem Striegeln und all den anderen Dingen, von denen Willow keine Ahnung hatte – sie konnte Pferde nicht wirklich leiden. Nicht nachdem eines –wie sie damals gedacht hatte- versucht hatte sie zu beißen. Ob sie sich das nur eingebildet hatte oder nicht, war ihr in diesem Augenblick herzlich egal. Also verscheuchte sie den Gedanken.
„Glückwunsch.“, sagte Kiyoshi von der Box seines Pferdes aus, ohne Willow eines Blickes zu würdigen.
„Glückwunsch?“
„Ihr habt die erste Säule zerstört....“
„Wir? Was...?“
Ein Laut kam von der Box, als würde jemand leise auflachen. „Offensichtlich hat er euch nicht gesagt, dass der Apfel der Iduna die erste Säule ist.“
Hätte Willow einen Kamm gehabt, wäre er ihr in diesem Augenblick geschwollen. Shanessa war nicht die einzige, die benutzt worden war. Merkwürdig wie es war, schweißte die beiden Frauen dies nun eventuell enger zusammen, als ihnen lieb war – aber wenn Shanessa Adam zur Rede stellen würde, wenn sie bereit dazu war, soviel hatte sie Willow immerhin offenbart, dann würde Willow mit ihr gemeinsam dem verlogenen Drecksack gegenübertreten.“
„Niemand ist, was er zu sein scheint?, wiederholte Willow den Satz Kiyoshis, den der Asiate, von sich gegeben hatte, ehe sie gegangen war. „Meinten sie das damit? Oder etwas anderes?“
Dieser nickte daraufhin nur bedächtig, tätschelte die Flanke des Pferdes, dass er gerade aufgezäumt hatte, trat dann aus der Box und sah Willow an, ein Lächeln später griff er nach den Zügeln des Wallachs. „Ja.“ Großartig, worauf bezog sich nun nur dieses Ja? „Man muss manchmal in den Spiegel schauen. Aber man wird nie sich selbst sehen. Und manchmal schaut der Spiegel auch zurück.“
„Wenn ich eines gar nicht leiden kann, dann ist es diese Art von Spielchen.“, sprachs und machte abermals auf dem Absatz kehrt.
Kiyoshi hatte nur Augen für das Pferd, dem er einen erneuten Klapps gab, lächelte dabei auch weiterhin milde vor sich hin.
„Sie wollen mir was sagen?“, rief Willow durch die Boxengasse des Stalls zurück. „Dann sagen sie es.“ Sie ging.
Darauf wanderten, was Willow nicht sehen konnte, die Augen des Asiaten zu dem Schemen, der am Tor wartete, wo er sein Pferd hinführte, den anderen dabei aber nicht eine Sekunde aus seinem Blick entließ.
„Es wäre unklug, etwas zu sagen.“
„Sie setzen also auf das Brotkrummenprinzip?“, wollte Kiyoshi wissen, während er einen Fuß in den Siegbügel setzte und sich dann auf den Rücken seines Reittiers schwang.
„Was Yggdrasil recht ist, kann uns nur billig sein. Außerdem...sie sind recht erfolgreich mit diesem Verfahren, ihren Schützlingen nur Stück für Stück alles zu offenbaren.“
Mit einem Schnalzen, lenkte Kiyoshi den Wallach den weg entlang. „Und wenn man klaut, dann nur von den Besten.“, ergänzte der Asiate.

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Die Tür schwang auf, nachdem Eilis den Knauf dreimal gegen den Uhrzeigersinn gedreht hatte – dahinter war nur öde Schwärze, nicht bedrohlich, sondern eher nichts sagend und einfallslos.
„Da sollen wir durch?“
Eilis sah Jakob mit diesem Blick an, der stumm fragte „Kein Vertrauen.“
„Wenn sie sagt, dass ihr da sicher seit.“, sagte Tara.
Jakob sah auf das Buch hinab. Es war das gleiche, genau genommen dasselbe Exemplar aus Cassandras Laden, dass Tara noch ergattert hatte, sich vielmals entschuldigend dafür, dass sie ihren Fauxpas nicht erwähnt hatte. Cassandra schenkte ihr das Buch daraufhin.
„Und das B-buch wird bei den dreien auch sicher sein.“ Mit der Oder?-Frage blickte Tara zu Eilis, die nickte, dann ausdruckslos an Wilhelm vorbei in die Finsternis hinter der Tür starrte, als ob sie dort etwas suchte.
„Na dann...edle und mutige Herren Grimm. Wir sollten gehen. Vielleicht kann man uns in diesem...wie war der Name des Ortes?“, fragte Angelika.
„San Francisco.“
„...naja, vielleicht kann man uns dort helfen. Hoffen wir, dass der Spuk aus dem Buch dort eingedämmt werden kann.“ Sie drehte sich zur Tür hin um. „Und wenn nicht, dann helfe uns Gott.“, murmelte sie zu sich.

Während Vesta, dich sich gleich einige Kopfschmerztabletten eingeworfen hatte, zusah, dass das Haus wieder einigermaßen so aussah wie vor dem Einfall der Hottentotten - genau genommen gab sie die meiste Zeit beherzte Anweisungen von ihrem Stuhl aus, einen Kühlakku gegen die Stirn gepresst – hockte eine mehr als bedröppelt aussehende Kaie auf dem Sofar und hatte ihren Tee inzwischen zum dritten Mal kalt werden lassen.
Einmal mehr strich Satinka mit der Hand über die Tasse, das Gebräu fing wieder an zu blubbern und die Navajo lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Dann winkte sie die Zuckerdose aus Porzellan zu sich heran. „Zuckerchen, hierher.“ Gehorsam kam der Süßungseimer auf sie zugelaufen, auf seinem Weg rempelte es die Kaffeekanne an und wischte einer Tasse eines, mit seinem Löffel.
„Zuckerchen, wann wirst du nun endlich klug? Hat denn das Service nicht Sprünge genug?“, tadelte Satinka grinsend, denn sie musste dabei unwillkürlich an diesen niedlichen Disney-Film denken, in dem der Zauberer Merlin das gesamte Inventar seines Hauses in seinen Handkoffer zu packen versuchte. Bei dem Anblick Kaies verging ihr das Grinsen allerdings gehörig.
Ob sie nun vorläufig genesen war oder nicht, nachdem was Kaie ihnen über sich, ihr Spiegelich, das sie auch als „Schwester“ bezeichnete, erzählt hatte, würde wohl jeder so fertig aussehen wie die Vampirin.
Vampire galten allgemein als untote Kreaturen, doch Kaie sah aus, als würde sie noch eine Stufe weiter darunter liegen.
„Das ist ... irre.“, kommentierte Satinka die Erzählung.
Geistig abwesend, als wäre sie auf Koks, starrte Kaie sie mit leeren Augen an, erhob sich und trabte in Richtung Treppe.
„Moment mal....“, Ray setzte Kaie nach und hielt sie am Arm fest. „Sekunde, warte Du hast gesagt, sie wüsste schon selbst nicht mehr, ob sie du wäre oder so.“
Kaies Stimme war ihren Augen ebenbürtig, leer und nichts sagend, wie eine hohle Gebetsphrase in einer leeren Kirche. „Sie meinte, sie wäre schon oft ich gewesen...sie könnte selbst nicht mehr unterscheiden, wer wer ist.“
„Woher sollen wir wissen, woher willst du wissen, ob du unsere Kaie bist. Oder nicht?“
Kaie drehte sich um, sah kurz hinab auf ihre Hände, dann fing sie Rays besorgten Blick wieder ein. „Gar nicht.“, erwiderte sie.

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Epilog

Ein Lied – sanft wie eine morgendliche, kühle Brise, zart wie die Blätter einer Rose und so kraftvoll wie der abendliche Sonnenuntergang.
So klischeehaft Willows Gedanken auch waren, aber damit verglich sie spontan die Klänge, Töne, Halbtöne und Akkorde, die an ihr Ohr drangen.
Doch keine Menschenseele hätte diese Klänge herbeiführen können, auch wenn gesungen, so war doch jeder Ton wie das Gleiten einer Feder im Wind.
Willow hielt ihre Augen geschlossen. Sie wollte nicht sehen, nur hören, und so sog jedes Bisschen dieser Melodie in sich auf, das hier am Ende der Welt wie die Wellen an den Strand der Unendlichkeit gespült wurde.
Calypso selbst sang, Venus stimmte mit einer, in einer Stimme, einer Zunge, einem Lied, das Willow wiegte und sanft schaukelte.
Hier am Ende der Welt.
Hier in ihrem Refugium.
Hier in der warmen Umarmung, die sich anfühlte wie der Mutterleib, dem Ort, an dem zwei Herzen gleichsam schlugen, im Einklang miteinander.
Der Ring aus weißem Licht, so hell und warm wie Feuer, stieg an ihrer Seele empor.
Plötzlich riss Willow die Augen auf.
Sie hatte es vergessen, völlig vergessen, was damals geschehen war.
Was hatten sie gesagt? Was war Tara? Kein Mensch und doch menschlich, Hexe und Katze; eine Jägerin, wie Adam ihr gesagt hatte, so verrückt wie das auch klang und auch, wenn sie es nicht ganz akzeptieren wollte und konnte, so war Tara doch die Katze.
Alles ergab mit einem Male Sinn – einen erschreckenden und wunderschönen Sinn.
Dort war etwas passiert; damals auf dem Weg in die Anderswelt, irgendwo zwischen dem hier und dem Neatherrealm war ein Funken übergesprungen, hatten sich ihre Herzen vereint und etwas erschaffen.
Willow lauschte dem Lied – es war so weit weg. Und doch so nah.
Und während sie sich zurücklehnte auf die Wiese im Refugium, ließ sie los, öffneten sich ihre Finger und entglitt ihr der Kristall.

Tara sah hinab auf den Kristall in ihrer Hand, die Hälfte, die ihr gehörte, die Verbindung ins Refugium.
Von irgendwoher fühlte sie wie die andere Hälfte fiel, losgelassen in Liebe und machtvoller Ergebenheit in das Schicksal, dass sie gewählt hatten.
Und das, welches man ihnen aufgezwungen hatte – Katze sagten sie, Jägerin sagten sie. Dämon, Kriegerin, Göttin. Und doch...sie war nur ein Mädchen. Schüchtern. Ängstlich.
Und eine Hexe. Eine machtvolle Sterbliche.
Ein Kranz, ein Ring aus weißem Feuer, die Bindung zwischen zwei Leben, die eins wurden, für jetzt und immerdar, dieses Bild drang vor Taras inneres Auge und hielt sie gefangen.
Schließlich schlug sie die Lieder langsam auf und mit einem Lächeln, die Melodie floss in ihren Geist hinein, stetig auf und ab, traurig, hoffnungsvoll, wie ein einsamer Hirte, der vor sich hin pfiff.
Dann drehte sie die Hand, ganz sachte und vorsichtig, bis das Kleinod von ihrem Handteller rutschte, hinabfiel in den Grund des Vergessens und verschwand.

Irgendwo im Nichts, in der warmen Schwärze eines inneren Universums, einzig geschaffen von den Herzen zweier Liebender, irgendwo dort in der Finsternis leuchtete ein Kristall dem anderen, bedeutet ihm sich zu nähern. Ein Reigen zweier tanzender Sterne entfacht in der Unendlichkeit des Vergessens und Süße des Nichts, im Augenblick der Wahrheit, wenn aus zweien ein ganzes wird.
Hellleuchtende Funken stoben davon, erleuchteten die Schwärze dieses Universums und entfachten ein Feuerwerk des Lebens.
Und langsam, wie eine Feder im Wind, glitt der Kristall, leuchtend und im Licht der Sonne glitzernd, in behandschuhte Finger, die ihn liebevoll umschlossen und an die Brust und das kalte Metall des Harnischs drückten.
Sie sah hinab und seufzte, ihre blauen Augen, erst auf ihre Faust, in der der Kristall ruhte fixiert, suchten bald schon am Horizont nach Erlösung, Wärme und Liebe, aber nichts dergleichen erblickte sie dort.
„Euer Ehren, Judge Nike. Eine Zusammenkunft wurde einberufen. Yggdrasil verlangt eine Unterredung.“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Ohne den Blick vom Horizont zu nehmen, drehte sie den Kopf. „Ich habe es gefühlt.“
Zustimmung schwang in der Stimme des anderen Judges, die ältere Frau trug ihren Helm unter dem Arm und sah ebenso hinaus in die Weite wie Judge Nike. Sie verstand, was die Jüngere ihr mit ihren mysteriösen Worten sagen wollte. „Ja, die Linien des Universums laufen langsam, aber sicher zusammen und werden eins. So war es vorgesehen. Nur du warst es nicht.“ Die Frau trat neben sie, unter ihrem Arm trug sie den Helm ihrer Zunft und gekleidet war sie in die schwere Rüstung der Judges, ihr schönes Gesicht ließ aber niemanden Einsicht gewähren in ihre Gedankenwelt. „Ist es nicht seltsam? So sind die Wege unvorhersehbar und doch bestimmen wir sie Tag für Tag. Schicksal? Gott? Zufall? Evolution? Was wenn beides immer existiert hat? Was wenn der Glaube der Menschen an das eine und das andere gleichermaßen gilt. Das Universum kennt viele Sprachen und doch nur eine Stimme. Es ist das Universum das durch uns spricht, durch jeden, egal wie verschieden, denn von dort kommen wir, von einem Punkt, einer Quelle und dorthin... dorthin gehen wir.“
„Wir sind eins mit allem. Ist es das?“
Jetzt endlich lächelte die Ältere. „Niemand hier ist exakt das, was er zu sein scheint, Judge Nike.“ Sie sah die junge Frau neben sich scharf und doch gütig an. „Eure Anwesenheit ist im Rat erwünscht – und erforderlich.“
Die Frau nickte. Sie ging.
Judge Athene, so der Name der Älteren, sah zum Horizont. „Niemand ist das was er zu sein schein. - Durch die Nacht zum Licht hin stehen wir ....“

„...zwischen der Kerze und dem Stern.“, sagte Tara und entzündete den letzten Docht. Der flackernde Schein der Kerzen erhellte das Zimmer, warf zugleich unstete Schatten in alle Ecken des Raumes, ganz so als konnte und wollte das Licht nicht ohne den Schatten sein.
So fühlte sich Tara leer, als wäre ihr eigenes Licht einsam, ohne den Kühle spendenden Schatten von Willow.

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