Tübingen 11.11.03

 

Jean-Pol Martin

Individuell fördern – zu Höchstleistungen führen

 MDH

„Dass Menschen verschieden sind, ist ein hoher Wert - und nicht selten ein Problem.“ So lautet der erste Satz von Frau Dr.Ruep in ihrem Einladungsbrief zu diesem Symposium. Wie also kann es uns gelingen, die Verschiedenheit der Menschen im Unterricht positiv zu nutzen? Wenn ich  meinen gegenwärtigen Französisch-Leistungskurs mit 11 Mädchen und 9 Jungen betrachte, so verfüge ich über einen Ressourcenpool an Wissen und Energie, der gewaltig ist, aber zunächst erschlossen werden muss.  Johannes beispielsweise war zunächst zwei Jahre in Pennsylvanien und im Anschluss drei Jahre an der Deutschen Schule in Seoul, Elisabeth interessiert sich sehr für Literatur und hat schon Bücher von Houellebecq gelesen, Sebastien, Maria und Julia waren mit mir bereits in Istanbul und haben Projekte zum Vergleich Islam und westlicher Kultur durchgeführt, Christoph hat im Sommer 5 Wochen in Paris allein verbracht und in einer französischen Firma für Medizintechnik ein Praktikum absolviert, Silvia war ebenfalls in diesem Sommer zwei Wochen in einer französischen Familie als Au-pair-Mächen und hatte den Auftrag, den Kindern Deutsch beizubringen. Wie kann ich hier vorgehen, damit dieses Wissen und diese Fähigkeiten im Unterricht fruchtbar werden? Wie kann ich vorgehen, damit ich meine Schüler genug fordere und sie von meinem Unterricht profitieren? Dabei ist zu betonen, dass die Schüler, die eine sehr breite Palette von Aktivitäten entwickeln, nicht zwangsmäßig “gut in Französisch” im engeren Sinne, also im Sinne einer fehlerfreien mündlichen und schriftlichen Textproduktion sind. Das verstärkt noch die Gefahr, dass man sie unterschätzt! Diese Unterschätzung führt grundsätzlich zur Unterforderung. Meine Hauptthese ist, dass wir unsere Schüler vielfach unterfordern, und zwar nicht gelegentlich und in geringem Maße sondern grundsätzlich und skandalös! 

(1. Das Unterrichtsarrangement)

Nach wie vor ist trotz jahrzehntelanger Propagandazügen zugunsten offener Unterrichtsformen der normale Unterricht frontal. Hier wird der Stoff vom Lehrer - also von  einer Quelle aus - an die Schüler weitergeleitet.  Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass der Lehrer genau überschauen kann, welche Inhalte den Schülern präsentiert werden. Durch entsprechende Fragen, Tests und Aufgaben kann er dann prüfen, ob diese Inhalte - möglichst in ihrer Totalität - von den einzelnen Schülern wirklich aufgenommen wurden. Die Beurteilung der Schülerleistung richtet sich danach, ob und inwiefern der Schüler den Stoff verstanden und memoriert hat. So hat der Lehrer Input und Output im Griff und kann die Leistung zuverlässig beurteilen. Er kann erfassen, ob der Schüler Christoph die Verwendung des Subjonctifs beherrscht oder nicht und beurteilt ihn auch danach. Der Nachteil dieses Verfahrens ist, dass der Lehrer nur diesen Aspekt der Schülerleistung sieht. Wie wird erfasst, dass der hochmotivierte Christoph bei seinem Praktikum in Paris glänzte, vielfältige Kontakte knüpfte und die Stadt bei Tag und Nacht beherrschte? In einem lehrerzentrierten Unterricht wird der Lehrer möglicherweise nicht einmal erfahren, dass Christoph in Paris war. Er wird nur abrufen, was er selbst vorher eingeführt hat, nämlich den Subjonctif und Christoph nach dieser engen kognitiven Leistung beurteilen. Der Lehrer weiß also nicht, wer vor ihm sitzt. Um aber seine Schüler zu fordern, muss sich der Lehrer zunächst einen tiefen Einblick in ihre Fähigkeiten verschaffen.

Eine Möglichkeit ist der Einsatz der Methode “Lernen durch Lehren” (in der Folge LdL). Bei LdL wird der Stoff in kleinen Portionen auf die Schüler aufgeteilt mit der Aufgabe, diese kleinen Abschnitte nach einer Vorbereitungsphase ihren Mitschülern zu vermitteln.

(2.  LdL verschafft dem Lehrer breite Einblicke in die Schülerfähigkeiten)

Beim Frontalunterricht gewinnt der Lehrer vor allem Einblick in die kognitiven Fähigkeiten seiner Schüler. Dies gilt natürlich auch für LdL, denn bei der Aufgabe, einen Stoffabschnitt zu präsentieren, muss der Schüler in der Lage sein, umfangreiche Inhalte auf ihre Kernsubstanz zu reduzieren und das Wesentliche an die Mitschüler weiterzuleiten. Insofern werden selbst in dem Bereich, in dem der Frontalunterricht seine Stärken hat, Vorteile des LdL-Verfahrens sichtbar. Im Gegensatz zum Frontalunterricht bekommt der Lehrer bei LdL die Möglichkeit, längere Handlungsstränge der Schüler zu beobachten und Fähigkeiten wahrzunehmen, die in einem traditionellen Unterrichtsarrangement nie zum Vorschein kommen. Bei der Stoffpräsentation durch Schüler sieht der Lehrer:

-          über welches Wissen der Lerner verfügt, auch über den engen Rahmen des Stoffes hinaus

-          wie der Schüler sich im Klassenraum bewegt, wie er auf seine Mitschüler wirkt, ob er Ausstrahlung besitzt,

-          ob er die Gabe hat, bei längeren Darbietungen sein Publikum zu fesseln,

-          wenn es sich um Sprachunterricht handelt, wie er kommuniziert, wie er auf Fragen eingeht, wie seine Aussprache und      die Satzmelodie klingt,

-          wie kreativ er ist, ob er zeichnen kann oder singen oder gar tanzen,

-          wie er die von ihm vorzustellenden Inhalte visualisiert (Plakate, Übersichten, Bilder)

-          ob er didaktisches Talent besitzt und mit geeigneten Arbeitsaufträgen seine Mitschüler an den Stoff heranführt und für       deren Behandlung motiviert.

Bei Schülermoderationen erkennt er:

-          ob der Schüle in der Lage ist, eine Diskussion zu leiten, kontroverse Standpunkte zu erkennen und aufeinander zu  beziehen, ob er Mitschüler durch direktes Ansprechen ermutigt, ihre Meinung zu äußern, ob er  sich mit Standardantworten zufrieden gibt oder anspruchsvolle Beiträge herausfordert, ob er in Gesprächen Empathie zeigt.

Mehr noch: der Einsatz von LdL macht den Unterricht zum Projekt. Das bedeutet, dass - wie bei jedem anderen Projekt auch -, eine Fülle von Fähigkeiten verlangt werden, die ich hier nennen möchte:

-     Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit

-     Planungsfähigkeit und die Fähigkeit zur Teamarbeit

-     Bereitschaft, sich in einer Gruppe dem Ziel unterzuordnen

-     Kommunikationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit

-     Exploratives Verhalten und Durchhaltevermögen

-     Optimismus

(3. Schüler zu Höchstleistungen führen)

Schüler zu Höchstleistungen herausfordern bedeutet, dass man sie dazu bringt, ihre Ressourcen vollständig für die Erreichung eines Zieles einzusetzen. Wie kann man Menschen dazu bewegen, ihre Ressourcen voll einzusetzen? An einer anthropologischen Reflexion kommt man nicht vorbei! Warum handeln Menschen? Sie handeln, das ist nun meine Setzung, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Nach Maslow sind es bekanntlich:

-          die physiologischen Bedürfnisse  (Schlaf, Hunger, Sexualität),

-          das Sicherheitsbedürfnis,

-          das Affiliationsbedürfnis, also das Bedürfnis nach Zugehörigkeit,

-          das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung,

-          das Selbstverwirklichungsbedürfnis

-          das Bedürfnis nach Transzendenz.

 Will der Lehrer seine Schüler zu Höchstleistungen führen, muss er ihnen Ziele anbieten, die möglichst alle Bedürfnisse möglichst intensiv ansprechen. Ein auf Leistung abzielender Unterricht wird in besonderem Maße die drei höheren Kategorien mobilisieren, nämlich das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, das Selbstverwirklichungsbedürfnis und das Bedürfnis nach Transzendenz, also das Bedürfnis, dem eigenen Leben einen Sinn über die eigene Existenz hinaus zu verleihen. Ein Lehrer, der seine Schüler zu Höchstleistungen führen will, muss ihnen das Gefühl vermitteln, das sie an der Verbesserung der Welt arbeiten. Wenn man erwartet, dass der Schüler alle seine Ressourcen einsetzt, muss man ihm ein entsprechendes Feld anbieten. Es muss ein Unterrichtssetting vorliegen, das den Schülern die maximale Gestaltungsmöglichkeit eröffnet. Ferner muss der Lehrer über den Unterricht hinaus den Blick seiner Schüler auf die Welt lenken und aufzeigen, wo es überall Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Gleichzeitig wird das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung angesprochen und, das nach sozialer Anerkennung, denn der Schüler kann bei solchen hohen Leistungen erwarten, dass er mit einer entsprechenden sozialen Anerkennung belohnt wird.

Was bedeutet es nun konkret für den Unterricht? Ich stütze mich bei den folgenden Beschreibungen auf die Arbeit in meinem Französisch-Leistungskurs am Willibald-Gymnasium in Eichstätt.

Wie bereits zu Beginn dieser Ausführungen erörtert, besteht der erste Schritt darin, eine Bestandsaufnahme der Ressourcen im Lernsystem „Klasse“ vorzunehmen. Wer kann was und wie können wir die in der Klasse vorhandenen Ressourcen optimal nutzen? Der zweite Schritt besteht darin, Kommunikationsstrukturen zu schaffen, die eine optimale Informationsverarbeitung im Lernsystem Klasse ermöglichen. Es hat sich bisher gezeigt, dass die Methode „Lernen durch Lehren“ eine solche optimale Struktur ist, weil sie eine reibungslose Aufnahme und Verinnerlichung des Lernstoffes ermöglicht. Allerdings verlangt eine effektive Informationsverarbeitung im Lernsystem Klasse eine stetige Aufmerksamkeit für die ablaufenden Prozesse: ist die eingespeiste Information zu dicht und verursacht Überforderung, oder zu dünn und verursacht Unterforderung? Ist die gewählte Sozialform die richtige für diese Art von Information? Ist die Präsentationsform ideal für  den zu vermittelnden Inhalt? Werden die in der Klasse vorhandenen Ressourcen in jeder Phase optimal genutzt? Ist das Niveau des Klassendiskurses anspruchsvoll genug und sind alle Beteiligten bedacht, das Niveau zu erhöhen?

Diese Perspektive soll allen Schülern bewusst gemacht werden. Vor kurzem kam ich auf die Idee, Sebastian, der aufgrund seiner sehr raschen Auffassungsgabe gelegentlich von Langeweile befallen wird, zum Strukturbeauftragten zu machen. Er ist dafür verantwortlich, dass das Lernsystem Klasse reibungslos funktioniert und sitzt – metaphorisch - mit einem Ölkännchen vorne rechts in der Klasse. Nun steht also das Informationsverarbeitungssystem Klasse denk- und arbeitsbereit. Neue Informationen werden eingespeist und kollektiv verarbeitet. Wenn beispielsweise der Satz „Ton père a faim“ in die komplexe Fragestellung umgeformt werden muss, so werden spontan Vorschläge geäußert: „A ton père faim?“, „A faim ton père?“, „Il a faim ton père?“ und von der Klasse schrittweise hinterfragt, diskutiert und modifiziert, bis am Ende die Lösung „Ton père a-t-il faim?“ als Ergebnis des kollektiven Denkprozesses emergiert. Dies gilt für jeden Stoff, dessen Wahrheitsgehalt im kollektiven Diskurs geklärt werden muss. An dieser Stelle darf ich von Hentig zitieren: „Die Menschen stärken, die Sache klären“.

Wenn also das Informationssystem Klasse denkbereit steht, und dies gelingt sehr rasch, stellt sich für mich als Lehrer die Frage der Inhalte. Welche Inhalte können diese jungen, tollen Menschen mobilisieren und wachsen lassen? Ich sagte es schon: es müssen Inhalte sein, die ihnen ermöglichen, die Welt besser zu verstehen und die Probleme der Welt zu erkennen. In meinem Leistungskurs wird folgende Linie verfolgt:

Im Zuge der Globalisierung entsteht eine Konkurrenzsituation zwischen unterschiedlichen Kulturen, die zu Verwerfungen führen. In dieser Situation gilt es, sich der eigenen Herkunft und der eigenen Identität zu vergewissern. Es muss also eine Reflexion einsetzen über die Europäische Tradition, die in erster Linie aus der Antike und dem Christentum gespeist ist. Welche Eigenschaften haben bewirkt, dass Europa eine so dominierende Stellung in der Welt seit der Renaissance eingenommen hat? Welche Eigenschaften weisen andere Kulturen auf? Ist es denkbar, dass durch das Herauslösen von positiven Merkmalen aus verschiedenen Kulturen Wertvorstellungen entstehen, die weltweit anerkennt werden und zur Basis unseres Zusammenlebens in einer globalisierten Welt werden könnten. Welchen Problemen werden wir auf dem Weg zu dieser Vereinheitlichung begegnen und wie werden wir diese Probleme lösen? Das sind die Fragen, die ich meinen Schülern zur Bearbeitung anbiete und die wir versuchen, in einem kollektiven Reflexionsprozess anzugehen.

Meine Schüler sind der Meinung, dass „Lernen durch Lehren“ eine Methode ist, die den aktuellen Unterricht verbessern kann. Insofern liegt ihre Entscheidung, mich heute nach Mössingen zu begleiten, in der Linie unseres Projektes: es geht darum, auf dem Weg zur Weltverbesserung, gleich heute, bei uns und in unserem Alltag zu beginnen!