Der Löwe von Anjou


von Jochen Richter






TEIL 1



"Siehe, da kommt der König, der Sieger!"

kirchlicher Choral


Kapitel 1


Paris im August 1151

Gottfried V. Plantagenet, genannt der Schöne, Herzog der Normandie und Graf von Anjou und Maine, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ein heißer Augusttag. Die Sonne stand im Zenit und brannte erbarmungslos herab. Normalerweise suchte man zu dieser Tageszeit ein schattiges Plätzchen zum ausruhen aus. Vielleicht vergnügt man sich dabei noch ein wenig mit einem der Bauernmädchen oder mit Wein. Stattdessen saß der Herzog im Sattel seines Roßes, begleitet von seinem Sohn Heinrich und ein paar Knappen und ging mit den Falken jagen. Doch was war in diesen Zeiten schon normal?
Er und sein Troß lagerten vor Paris um mit dem König von Frankreich zusammen zu treffen, damit sein Sohn Heinrich den Lehenseid der Normandie ablegen konnte. Doch die Zusammenkunft stand unter einem schlechten Stern: Es hatte Krieg in der Normandie gegeben. Der Anlaß waren wie so oft in diesen Zeiten Grenzstreitigkeiten gewesen. Seit Jahren schon war die Normandie ein umkämpftes Land. Hatte es doch einst zum Königreich England gehört. Doch ein schrecklicher Bürgerkrieg, der nunmehr seit fast sechzehn Jahren tobte, hinderte König Stephan von Blois die Normandie anzugreifen. Stattdessen hatte sich die französische Krone als viel gefährlicherer Gegner erwiesen. Vor drei Jahren sah sich Gottfried von Anjou gezwungen den Seneschall des französischen Königs im Poitou, Giraurd Berlai, anzugreifen. Er nutzte die Gunst der Stunde, dass Ludwig VII. von Frankreich zu einem bewaffneten Pilgerzug im Heiligen Land weilte. Allerdings sahen die kirchlichen Gesetze für solche Fälle die Exkommunikation vor. Und so wurde Gottfried der Schöne mit dem Kirchenbann belegt. Doch er machte sich nicht allzu viel daraus, was die Gerüchte nährte, die besagten, dass die Herren unter dem Ginsterzweig, dem Plantagenet, dem Wappen des Hauses Anjou, mit dem Leibhaftigen im Bunde seien.
Berlai hatte drei Jahre lang in seiner Burg Montreuil-Bellay dem Grafen getrotzt. Bis es endlich dem Angeviner gelungen war, die Burg zu stürmen und Giraud Berlai festzusetzen. Daraufhin war der König, der inzwischen aus dem Heiligen Land zurück gekehrt war, in der Normandie eingefallen. Und weil es seinen Plänen entgegenkam, fiel auch Eustachius von Boulogne, der Sohn des englischen Königs Stephan von Blois, in die Lande des Grafen und Herzoges ein. Schließlich erhoben die Angeviner den Anspruch auf den englischen Thron, und Eustachius sah seine große Chance gekommen, die großen Widersacher zu vernichten.
Fast schon als eine Ironie des Schicksals erschien es, dass ausgerechnet eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Kirche, der Abt Bernhard von Clairvaux, die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch gebracht hatte. Doch wenn an den Gerüchten die im Umlauf waren etwas Wahres dran war, dann war es gar nicht so ungewöhnlich.
Gottfried lächelte bei dem Gedanken an Eleonore von Aquitanien. Sie war eine außerordentlich schöne Frau, die jeden Mann in Wallung brachte. Sie hatte den Lebensmut und Fröhlichkeit, wie sie für die Aquitanier üblich ist, reichlich im Blut. Gleichzeitig galt sie als willensstark und romantisch, was sich in ihrer Gunst für die Troubadoure widerspiegelte. Ja, sie hatte das Blut von Wilhelm IX. geerbt, den man den ersten Troubadour nannte. Und jene Gerüchte besagten nun, dass Eleonore nach fünfzehn Jahren Ehe mit einem König der mehr ein Mönch statt Herrscher war, ihren Lebensmut verloren habe. Vergeblichst warteten der König und sein Hof auf einen Sohn, auf einen Erben der Krone. Man erzählte sich, dass beide - Ludwig und Eleonore - die Trennung anstreben würden. Wenn dies der Wahrheit entspräche würde das Königreich Frankreich das Herzogtum Aquitanien verlieren - und damit einen großen Teil des Staatsgebietes. Die Krondomäne von Frankreich würde sich nur noch auf die Ile-de-France begrenzen. Und dann wäre Gottfried, der Herzog der Normandie, Graf von Anjou und Maine, ein mächtiger und gefährlicher Gegner. Ludwig VII. hatte also allen Grund Verhandlungen mit Gottfried zu suchen.
Die Stimme seines Sohnes holte Gottfried von Anjou aus seinen Gedanken zurück. "Da, seht Vater. Euer Falke hat etwas geschlagen! Laßt die Hunde los bevor er sich über die Beute hermachen kann!"
Die Hunde jagten los und sicherten die Beute, bevor der Falke sie zerkleinern konnte. Als Gottfried und Heinrich dazu stießen, konnte Heinrich ein Grinsen nicht verkneifen. "Oh, nicht gerade die fetteste Beute. Nur ein Feldhamster. Da sollte mein Falke aber doch etwas größere Beute machen können."
"Nur zu, bringt mir den Beweis", forderte Gottfried seinen Sohn mürrisch auf. Heinrich streckte den Arm aus und der Falkner überreichte ihm seinen Falken. Heinrich entfernte die Lederhaube und wartete bis der Greifvogel sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Dann ließ er ihn los und der Falke stieg in die Höhe. In kleinen Kreisen stieg er immer höher und höher.
"Er sucht viel zu lange", brummte Gottfried und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"Auf die Beute kommt es an. Wartet es ab", meinte Heinrich und schützte seine Augen vor dem Sonnenlicht. Plötzlich stieß der Falke in einem atemberaubenden Tempo herab. Ein kurzes Verzögern knapp über dem Boden und dann krallten sich seine kräftigen Krallen in einen jungen Feldhasen fest.
Heinrich gab seinem Pferd die Sporen. Als er zu seinem Falken kam, zappelte der Hase noch. Mit einem heftigen und kräftigen Schlag betäubte der junge Herzog den Hasen, ehe er ihm die Kehle durchschnitt und in kurzen geübten Griffen und Schnitten das Fell abzog. Triumphierend hob er den Hasen hoch. "Unser Abendessen, Vater."
Gottfried von Anjou nickte anerkennend. Dann nickte er dem Falkner zu. "Genug für heute. Wir kehren ins Lager zurück."
Heinrich runzelte die Stirn. Irgendetwas beschäftigte seinen Vater. Als sie zum Lager zurück ritten, meinte Heinrich so leise, dass der Falkner ihn nicht hören konnte, der wenige Schritte voraus ritt: "Was beschäftigt Euch, Vater. Das ist nicht üblich wenn Ihr auf die Jagd geht, dass Eure Gedanken nicht bei der Jagd sind?!"
"Ja, mein Sohn. Du hast es richtig erkannt."
"Ihr macht Euch Sorgen wegen Ludwig?" fragte er seinen Vater und beschrieb mit seiner Hand eine wegwerfende Geste. "Ich bin überzeugt, dass alles gutgehen wird."
"Da wäre ich mir nicht so sicher, mein Sohn", gab Gottfried zurück, "ja, ich mache mir Sorgen. Ludwig hat zuletzt zu viele Rückschläge hinnehmen müssen. Es wird schwierig werden mit ihm zu verhandeln."
"Wäre es dann nicht besser, Ihr würdet dann Berlai die Ketten abnehmen?"
Gottfrieds Miene verdüsterte sich. Voller Haß spie er hervor: "Niemals werde ich diesem Bastard die Ketten abnehmen lassen."
Heinrich befürchtete fast, dass ein Anfall der `schwarzen Galle´ nahte, unter den man die heftigen Wutausbrüche der Angeviner verstand. Er versuchte die Situation zu entschärfen und wechselte das Thema: "Die Königin soll eine sehr schöne Frau sein. Man sagt, nach dem Tode des engsten Beraters des Königs, Abt Suger, habe niemand so deutlich sichtbar aufgeatmet wie sie. Warum haßten sie sich? Fürchteten sich beide vor dem Einfluß des anderen beim König?"
Gottfried hatte sich wieder im Griff. "Sie ist eine sehr starke Frau. Mönche fürchten sich vor starken Frauen mehr als vor dem Teufel!"
"Will sich Ludwig deswegen von seiner Frau trennen? Weil er mehr ein Mönch als ein König ist? Oder liegt es daran, dass sie während des Kreuzzuges Raimund von Antiochia, ihren Onkel, verführte und dem König Hörner aufsetzte?"
Gottfried zuckte mit den Achseln. "Es gibt so viele Gerüchte, dass man sehr vorsichtig sein sollte, was man glaubt", sagte er und vollendete den Satz in Gedanken: Aber in dieser Angelegenheit ist es wohl kein Gerücht! Allerdings war es gar nicht so sicher, dass sie ihn, und nicht umgekehrt verführt hatte.
"Und doch höre ich Zweifel in Euren Worten. Mir scheint, die zu enge Verwandschaft, wie sie der Hof zu erkennen vermag - und die bei der Hochzeit keinen gestört hat - findet bei Euch keinen Glauben."
Gottfried sah seinen Sohn an. Er hatte recht. Mögen Eleonore und Ludwig im vierten Grade miteinander verwandt sein, bei der Heirat hatte es keine Rolle gespielt. Da waren machtpolitische Gedanken die Triebfeder. Erst jetzt, als der langersehnte Thronfolger ausblieb, fand man einen Vorwand dafür, dass die Königin nur Töchter gebar: Der Herr strafte das Königshaus wegen der engen Verwandschaft. Zumindest verbreitete man dies am französischen Hof.
Gottfried zügelte sein Pferd und sah seinem Sohn fest in die Augen. "Wie immer auch Du darüber denkst: Halte bei Gott Dich zurück. Sage nichts unbedachtes. Provoziere nicht. Überlege Dir zweimal was Du zu wem sagst. Hast Du mich verstanden? Wir werden den Lehnseid leisten, um Frieden in unseren Landen zu erhalten. Nur dann wird jemals ein Plantagenet auf dem Thron von England sitzen. Daran mußt Du immer denken. Ohne Deine Anerkennung als Herzog und Graf wirst Du nie Ansprüche in England durchsetzen können. Dann wird Stephan von Blois triumphieren."
Heinrich wandte den Blick nach Norden ab. Dorthin wo irgendwo England lag. Sein Vater hatte recht. Die Krone von England war das Ziel. Ein Ziel um das seine Mutter Mathilde schon so lange gegen den Ursupator Stephan von Blois kämpfte.
Mathilde war eines von drei legitimen Kindern des englischen Königs Heinrich I. Beauclerc. Insgesamt hatte Heinrich I. zwanzig Kinder gezeugt. Heinrich I. Beauclerc war ein Normanne durch und durch. Er nahm sich die Frauen wie sie ihm gefielen. Doch trotz seiner Zeugungskraft hatte er nur einen legitimen Sohn - und dieser ertrank bei einem Schiffsunglück vor der englischen Küste. Es war ein schwerer Schlag für den König gewesen, der jedoch überzeugt war, noch einen Thronerben zeugen zu können. Seine Tochter Mathilde hatte er einst mit dem deutschen Kaiser Heinrich V. - der letzte aus dem Geschlecht der Salier - verheiratet. Und Heinrich V. regierte zusammen mit Mathilde sein Reich, die eine glückliche Zeit an dessen Seite verlebte. Doch im Mai des Jahres 1125 verstarb der Kaiser. Und da Heinrich I. Beauclerc zu dieser Zeit unter Druck stand beorderte er sie nach England zurück. Noch immer gab es keinen Thronerben und man musste befürchten, dass es dabei blieb. Gleichzeitig erwies sich das Haus Anjou mit dem Grafen Gottfried an der Spitze als der größte Feind in der Normandie. Um den ehrgeizigen Angeviner im Zaum zu halten arrangierte Heinrich die Heirat zwischen Mathilde, die man nur die "Kaiserin" nannte, und dem Grafen von Anjou. Der englische Adel beäugte die Heirat mit Mißtrauen. Der Angeviner stand in keinem guten Ruf. Damit stand der Adel nicht alleine. Auch Mathilde mochte den Grafen nicht und auch dieser konnte sich an seiner Seite eine andere Gemahlin vorstellen. Gerüchten zufolge soll Mathilde ihr Herz an dem Neffen des Königs, Stephan von Blois, verloren haben. Ob dies nun der Wahrheit entsprach oder nicht: Gottfried von Anjou witterte seine Chance. Die Heirat mit Mathilde eröffnete für das Haus Anjou völlig neue Perspektiven. Wenngleich die Ehe nicht glücklich war, so zeugte Gottfried mit Mathilde drei Söhne: 1133 wurde Heinrich in Le Mans geboren. In den drei folgenden Jahren folgten die Söhne Gottfried und Wilhelm.
1127 zwang Heinrich I. den Adel seine Tochter Mathilde als seine Thronerbin anzuerkennen. Nur widerwillig leistete der Adel den Eid ab, denn noch nie hatte eine Frau auf dem Thron von England gesessen. Und würde Mathilde Königin von England, dann würde ihr Gemahl, der verhaßte Angeviner, mit ihr den Thron besteigen.
1134 kam es dann zum Streit mit Heinrich I. Beauclerc. Gottfried forderte mit Unterstützung seiner Gemahlin die Herzogswürde der Normandie. Seit Wilhelm dem Eroberer habe der Thronfolger diesen Titel getragen. Aber Heinrich I. war nicht gewillt ihm den Titel zu geben. Gottfried musste also annehmen, dass Heinrich I. ihn und Mathilde hintergangen habe und noch auf einen Thronerben hoffte. So kam es zum Aufstand. Nur ein Jahr später verstarb Heinrich I. Beauclerc in der Normandie, nachdem er ein üppiges Mahl - bestehend aus Neunaugen - zu sich genommen hatte. Mathilde und Gottfried wähnten sich am Ziel. Doch sie hatten nicht die Rechnung ohne dem englischen Adel und Klerus gemacht. Der Adel war an den Neffen des Königs, Stephan von Blois, herangetreten und drängte ihn, die Krone zu nehmen. Man wies darauf hin, dass man den Eid nie auf den Angeviner abgelegt habe. Stephans ehrgeiziger Bruder Heinrich, Bischof von Winchester, überzeugte den Klerus, dass man Stephan zum König krönen müsse. Und so eilte Stephan von Blois nach London und ließ sich kurz vor dem Weihnachtsfest krönen, noch bevor Mathilde eingreifen konnte. Doch Mathilde war nicht bereit einfach so diesen Verrat hinzunehmen und so kam es zum Bürgerkrieg, der in der Normandie seinen Ausgang nahm. Doch so beliebt Stephan gewesen war, so unglücklich fiel seine Regierung aus. Er erwies sich als zögerlicher und schwacher Feldherr und zahlreiche Gefolgsleute kehrten ihm den Rücken. Schon 1138 musste er einen Waffenstillstand mit Gottfried und Mathilde schließen.
Dann machte Stephan wohl den größten Fehler seines Lebens. Da er seinem Bruder, dem Bischof von Winchester, nicht traute, machte er Theobald von Bec zum Erzbischof von Canterbury. Heinrich von Blois, der selbst das Amt als Primas der Kirche angestrebt hatte, wandte sich von ihm enttäuscht ab. Politisch so geschwächt konnte Stephan den Einfall von Mathilde in England nicht verhindern. 1141 geriet Stephan von Blois in die Gefangenschaft von Mathilde, die wiederum von einem kirchlichen Konzil, dem Heinrich von Blois vorstand, zur rechtmäßigen Königin von England erhoben wurde. Aber auch Mathilde hatte keine glückliche Hand beim regieren. Die Schatzkammer war leer und die Anhänger Stephans kontrollierten noch weite Teile Englands. Überzogene Steuer- und militärische Beistandsforderungen führten dazu, dass viele sich Stephan zurück auf den Thron wünschten. Noch 1141 wechselte Heinrich von Blois erneut die Seite und unterstützte nun die Sache seines Bruders. Mathilde musste fliehen und bat ihren Gemahl um Truppen. Doch Gottfried dachte nicht daran Truppen zu senden. Er hatte nun die Normandie unter Kontrolle und um die Macht zu sichern benötigte er jeden Mann. 1144 war Gottfried am Ziel. Ludwig VII. von Frankreich übertrug ihm die Normandie als Lehen. Was Heinrich I. ihm einst verwehrte, das sprach ihm nun der Lehensherr selbst zu.
Der Krieg in England plänkelte vor sich hin und erst 1148 schien die Sache zu Gunsten von Stephan von Blois entschieden zu sein. Mathildes Halbbruder Robert von Gloucester war den Anhängern von Stephan in die Hände geraten und so kam Stephan bei einem Gefangenenaustausch frei. Mathilde floh nun aus England. Sie war wütend auf Gottfried, weil er ihr keine Unterstützung gewährt hatte. Doch dieser hatte nun selbst genug Probleme in der Normandie mit dem Seneschall von Frankreich. Und so gab Mathilde den Kampf um die Krone Englands fast auf. Doch sie wollte, dass wenigstens ihr ältester Sohn Heinrich sein Recht bekam. Und dieser - seit 1150 auch Herzog der Normandie - war ehrgeizig genug, den Kampf mit Stephan von Blois auszufechten. Doch bevor er nach England ziehen konnte, musste der Frieden in der Normandie wieder hergestellt werden und im Gegenzug würde er den Treueeid leisten.
Heinrich ähnelte seinem Vater im Charakter. Er war wild und furchtlos, jähzornig und gerecht. Er hatte schon viel über die Schreckenstaten der flämischen Söldner gehört, die Stephan von Blois ins Land geholt hatte und nun sehr eigenmächtig auftreten. Heinrich war fest entschlossen diese Mißstände zu beseitigen und eines Tages England mit harter, aber gerechter Hand zu regieren.
Inzwischen waren sie längst am Lager angekommen, dass in Sichtweite der Stadtmauern von Paris lag. Knappen reinigten Rüstungen, versorgten die Pferde und stahlen den Dienstmädchen im Gefolge nach. Irgendwo schmiedete der Schmid ein Eisen und der Geruch von fettigen Suppen aus den Kesseln über den brennenden Lagerfeuern drang in Heinrichs Nase. Ein paar Ritter übten sich im Schwertkampf und andere sprachen dem Wein zu.
Kaum hatten sie ihr geräumiges Zelt erreicht, abgesessen und die Pferde den Stallburschen überlassen, als ein Bote auf sie zutrat und ehrfurchtsvoll das Knie beugte.
"Gottfried, Herzog der Normandie und Graf von Anjou. Ich bin von meinem Herrn König Ludwig beauftragt worden, Euch eine Botschaft zu überbringen."
Gottfried von Anjou nickte dem Boten aufmunternd zu. "Was habt Ihr mir zu melden?"
"Mein König bittet Euch morgen zur Mittagsstunde zu erscheinen."
Gottfried von Anjou nickte bedächtig. Damit würde Ludwig ihn zwei Tage warten lassen. Doch er würde diese Demütigung hinnehmen. Hatte er nicht den König mit der Gefangennahme seines Seneschalls gedemütigt? Zu vieles stand auf dem Spiel.
"Richtet Eurem Herrn aus, dass ich mit meinem Sohn Heinrich erscheinen werde. Bestellt ihm und seiner bezaubernden Gemahlin meine besten Grüße."
Der Kopf des Boten schnellte nach oben. Auch ihm war klar, dass die Grüße an die Königin verbale Spitzfindigkeiten darstellten. Zu sehr war Gottfried darauf bedacht gewesen, das Wort `bezaubernde Gemahlin´ zu betonen. Gottfried nahm auf diese Art und Weise verbale Rache dafür, daß Ludwig ihn zwei Tage vor der Stadt schmachten ließ.
Der Bote entfernte sich und Gottfried schenkte sich einen Becher Wein ein. Mit einem Schluck leerte er ihn. Dann wischte er sich den Mund ab und brummte mißmutig: "Zwei Tage. Zwei volle Tage läßt er mich warten."

Kapitel 2


Als sie am nächsten Tag zur Mittagsstunde in die königliche Burg einzogen, hatten sich dunkle Gewitterwolken am Himmel aufgetürmt. Sollte dies ein schlechtes Omen sein?
Trotz der Bitte Heinrichs, wurde der Seneschall in Ketten gelegt und so auf die Burg gebracht. Der Anblick des in Ketten gelegten Seneschalls ließ den Beobachtern den Atem stocken. Fanfarenstöße begleiteten den Einzug des Herzoges der Normandie und seines Sohnes beim Einzug. Fähnchen und Wimpel flatterten im Wind. Im großen Saal erwartete sie Ludwig mit einem ausdruckslosen Gesicht. Die Edlen des Reiches flankierten ihn. Eine eisige Atmosphäre lastete über der Versammlung.
Der französische König Ludwig VII. war groß und hager. Sein langes blondes Haar fiel ihm bis fast auf die Schultern. Er trug einen langen, mit Goldfäden durchwirkten Mantel. Er wirkte blaß und müde.
Zu seiner linken Seite saß eine, in einem teuren Gewand gekleidete, wunderschöne Frau. Aufrecht sah sie den Gästen entgegen. Ihre Körperhaltung und ihr Blick strahlten Stolz, Kampfeslust und einen starken Willen aus. Es war Eleonore von Aquitanien, die Königin von Frankreich. Und obwohl sie bereits zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, war ihr Körper noch wie der eines jungen Mädchens, wie Heinrich nach einem langen und prüfenden Blick feststellte.
Unwillkürlich fühlte Heinrich sich von dieser Frau angezogen. Was mußte der König doch für ein Narr sein, wenn er auf diese Frau verzichtet, dachte sich Heinrich und verbeugte sich wie sein Vater vor dem Königspaar. Fasziniert sah er Eleonore beinahe unentwegt an.
Eleonore waren die begierlichen Blicke des jungen Grafen nicht entgangen. Sofort hatte sich ihre Körperhaltung gestrafft. Sie dachte nicht daran, dem Angeviner einen Eindruck einer leichten Beute zu hinterlassen. Er würde sich einen blutigen Kopf holen, sollte er mehr als seine Anerkennung als Herzog der Normandie und Graf von Anjou von ihr verlangen, dachte sie. Doch sofort entspannte sich ihr Körper wieder. Eigentlich sah er sehr gut aus, dachte sie, und lächelte seinem Vater, Gottfried dem Schönen, entgegen. Sie mochte den Grafen und Herzog und fand ihn sehr charmant. Und er war ein Gegner von Ludwig VII. was ihm damit automatisch ihre Sympathie einbrachte.
Zur rechten Seite des Königs stand ein alter, finster dreinblickender Mönch. Trotz der Kutte konnte man sehen, daß sein Körper ausgemergelt war. Ein Asket durch und durch. Es war Bernhard von Clairvaux. Der wohl einflußreichste Mönch Frankreichs, vielleicht sogar von Europa in dieser Zeit. Da er Frauen gegenüber geringschätzend auftrat, waren sich er und Eleonore spinnefeind. Für ihn waren Frauen nur dazu da, Kinder zu gebären. Wenn ein Mann bei der Kopulation Freude und Spaß empfand, begann er seiner Meinung nach, eine Sünde. Zwei Kreuzzüge ins heilige Land hatte er vehement unterstützt. Für ihn war Eleonore Gift für den König. Sie liebte das Leben, den Spaß und die Troubadoure. Es machte ihr Spaß sich von diesen verbal verführen zu lassen und sie hatte immer versucht den König zu beeinflussen. Für Bernhard war sie schlichtweg von der Sünde umgeben. Aber hatte man zuletzt nicht immer wieder von häretischen Strömungen im Süden gehört? Von Ketzern die sich als Katharer- die Reinen - bezeichneten?
"Seid willkommen Gottfried, Herzog der Normandie und Graf von Anjou. Auch Euren Sohn heiße ich herzlich Willkommen. Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise", begrüßte sie der König emotionslos.
"Oh ja", gab Gottfried verschlagen lächelnd zurück, "es ist immer wieder etwas besonderes, wenn man nach Paris reist."
Ludwig nickte höflich. "Ich als Euer Lehensherr habe Euch hier einbestellt, weil Ihr gegen Eure Lehenspflicht verstoßen und meinen Seneschall Giraud Berlai in meiner Abwesenheit angegriffen habt. Dafür hat Euch die Kirche aus Ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Doch als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, führt Ihr meinen Seneschall wie einen räudigen Bastard in Ketten gelegt vor." Ludwig gab Bernhard von Clairvaux ein Zeichen, dass er ihm das Wort übergebe.
Die Stimme des Mönchs lies es den Anwesenden kalt den Rücken herunterlaufen. Raoul von Vermandois, einer der Edlen, der neben dem Präzeptor der Tempelritter in Frankreich, Evrard des Barres, stand, flüsterte diesem zu: "Ich glaube, wir werden jetzt Zeugen eines sehr interessanten Duells zweier Starrköpfe."
Der Tempelritter nickte nur mit dem Kopf.
"Gottfried, Graf von Anjou und Herzog der Normandie, höre gut zu. Ihr seid schuldig am Tod vieler aufrechter Männer und habt gegen das Verbot verstoßen, Frieden zu bewahren, während einer Zeit, in der Euer Lehensherr dem Ruf des Herrn zu einer bewaffneten Pilgerfahrt gegen die Ungläubigen in das heilige Land folgte. Während dieser bereit war für die Befreiung des geknechteten Landes zu sterben, habt ihr Zwietracht und Krieg gesät. Es soll Euch aber angerechnet werden, dass Ihr den König auf jener bewaffneten Pilgerfahrt begleitet habt. Allerdings seid Ihr verfrüht heimgekehrt und habt - wie so viele andere - den König im Stich gelassen. Aber die Kirche wäre nicht das Haus Gottes, wenn sie Euch nicht vergeben würde. Die Exkommunizierung kann aufgehoben werden. Doch es kommt alleine auf Euch an. Kehrt in den Schoß der Kirche zurück und laßt Giraud Berlai, Seneschall des Königs in der Normandie frei. Doch bedenket eines: Eure Pflichtverletzung aus dem Lehensverhältnis kann nur der König alleine verzeihen."
Gottfried der mit jedem Wort des verschlagenen Mönchs immer wütender wurde, hatte Mühe sich zu beherrschen. "Ich kann keine Pflichtverletzung erkennen, wenn ich mein Land verteidige. Der Seneschall war es, der in die Normandie eingefallen ist."
"Das behauptet Ihr", rief Ludwig aus, "doch wie kommt es, dass Ihr ins Vexin eingefallen seid? Das war nicht Euer Land. Welches Gebiet hat den der Seneschall beansprucht? Ist es denn nicht wirklich so, dass Ihr schon lange ein Auge auf das Vexin geworfen habt und den Seneschall so lange provoziert habt, bis Ihr einen Vorwand hattet?"
Gottfried legte seine Hand ans Herz. "Mein König, Ihr erhebt schwere Vorwürfe gegen mich. Meine Ehre muss den Beweis einfordern."
Bernhard von Clairvaux schnaubte verächtlich. "Schluss mit dieser Komödie! Wir sind hier nicht im Amphittheater des kaiserlichen Roms, sondern am Hofe des Königs von Frankreich. Es ist ein altes und offenes Geheimnis, dass die Herzöge der Normandie das Vexin für sich beanspruchen. Das war schon unter Wilhelm dem Eroberer so und das ist auch jetzt noch so. Mit dem Unterschied, dass Wilhlem ein barbarischer Normanne war und Eure Wiege im Anjou stand."
Gottfried funkelte den Abt wütend an. "Auch Ihr müsst den Beweis erbringen, wenn Ihr mich beschuldigt. Liefert Ihn mir und ich will vor Euch demütig auf die Knie fallen."
"Ist es nicht Beweis genug wie Ihr den Seneschall in Ketten gelegt vor uns führt? Einen Ritter und Edelmann legt Ihr in Ketten? Ich sage Euch Ihr verschlimmert Eure Lage nur. Laßt den Seneschall frei. Nur dann ist die Kirche bereit Euch Absolution zu gewähren und den Bannstrahl gegen Euch aufzuheben", rief Bernhard von Clairvaux aus.
"Ihr möget den Seneschall als Edelmann kennen. Mir gegenüber ist er als Feind aufgetreten. Er hat mich bekämpft und ich habe ihn besiegt. Und deshalb ist er mein rechtmäßiger Gefangener. Ich weigere mich meinen Gefangenen freizulassen! Wenn es ein Fehler ist, einen Gefangenen festzuhalten, dann will ich Eure Absolution nicht!" preßte er wütend hervor.
Ein Raunen ging durch die Versammelten. Das war Gotteslästerung!
"Blasphemie", rief Raoul von Vermandois, wütend und entsetzt zugleich, aus. Einige griffen zu ihren Schwertern, und manche zogen es gar. Doch auch die Gefolgsmänner des Grafen griffen nervös zu den Schwertern. König Ludwig war aufgesprungen und hob den Arm als Zeichen, daß niemand den Grafen von Anjou und sein Gefolge angreifen möge. Bernhard von Clairvaux schien die Worte nicht vernommen zu haben. Regungslos sah er den Grafen und seine Brut, seinem Sohn Heinrich, an. Die Augen sendeten jedoch tödliche Blicke aus. Die Angeviner mußten vom Teufel besessen sein!
Doch noch bevor man dem Grafen eine Antwort geben konnte, wandte dieser sich um und stapfte aus dem Saal. Sein Sohn Heinrich folgte ihm, nicht minder wütend.
Bevor die Ritter des Grafen den Seneschall abführen konnten, trat dieser vor Bernhard. "Gebt mir Euren Segen, Vater. Nicht mein Schicksal beklage ich, sondern das der Meinen, die mit mir sterben werden."
Bernhards Blick wurde sanft. "Fürchte nichts. Sei sicher, dass Gott Dir und den Deinen helfen wird. Früher als Du es hoffen wirst."
Noch bevor der Seneschall fragen konnte, wie diese Worte zu verstehen seien, wurde er von den Rittern des Grafen abgeführt.
Eleonore hatte dem Disput schweigend zugesehen. Sie und der junge Graf Heinrich, hatten während der Versammlung mehrere Blicke ausgetauscht. Es gab etwas an diesem jungen Mann, was sie in einer Weise fesselte, von dem sie aber nicht wußte, was es war.
Gottfried und sein Sohn Heinrich kamen wütend ins Lager zurück. Die Anschuldigungen des Mönches waren ungeheuerlich. Gottfried von Anjou zog sich in sein Zelt zurück und wurde an diesem und am darauffolgenden Tage nicht gesehen. Selbst sein Sohn Heinrich durfte nicht zu ihm. Dieser wußte, dass der Graf und Herzog über die Versammlung brütete. Da Heinrich unschlüssig war, was er tun solle, ging er zu seiner so geliebten Falkenjagd. Aber auch er machte sich Gedanken. Er konnte soviel nachdenken wie er wollte, letztendlich würde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als den Seneschall freizugeben.
Am späten Abend - es war schon dunkel - trat Gottfried aus dem Zelt. Heinrich erhob sich von dem Lagerfeuer und trat auf seinen Vater zu. Gottfried wirkte erschöpft. "Sende morgen früh einen Boten zum König. Teilt ihm mit, dass wir seinen Seneschall freigeben werden."
Heinrich war etwas überrascht, gleichzeitig aber auch froh, dass sein Vater Vernunft angenommen hatte.
"Aber diese Freilassung ist an eine Bedingung geknüpft. Ich verlange die Anerkennung, dass ich mein Land verteidigt habe und erst nach dem Angriff des Seneschalls in das Land des Königs eingefallen bin. Ich habe somit meine Lehenspflicht nicht verletzt."
Am nächsten Morgen wurde der Bote losgeschickt. Es dauerte mehrere Stunden bis er wieder zurückkehrte. Heinrich war während der ganzen Zeit nervös auf und abgegangen. Inzwischen ergoß sich ein erfrischender Sommerregen vom Himmel. Dies schien ihn aber nicht zu stören. Unablässig ging er auf und ab. Endlich kam der Bote. Sofort geleitete er ihn in das Zelt seines Vaters.
"Verflucht, warum hat das so lange gedauert?" herrschte Heinrich ihn an. Sein Vater erhob die Hand und bedeutete ihm zu Schweigen.
"Mein Herr, ich habe die Botschaft an den König überbracht. Er las sie und gab mir diesen Brief an Euch zur Antwort mit", sagte der Bote. Zögernd fuhr er fort: "Ich fürchte, es stehen keine guten Nachrichten drinnen." Der Bote übergab den Brief und Gottfried zerbrach hastig das königliche Siegel und überflog die Zeilen. Er lief rot an. Der Bote hatte noch eine weitere Nachricht und beeilte sich, sie loszuwerden.
"Als ich gerade die königliche Burg verlassen wollte, hielt mich eine Zofe der Königin zurück und bat mich, Euch diesen Brief der Königin zu überreichen."
Jetzt war Gottfried allerdings überrascht. Hastig las auch er den Brief:

"Gottfried, Herzog der Normandie und Graf von Anjou!
Ich weiß, welche Antwort Ihr auf Eure Botschaft hin erhalten habt. König Ludwig besteht auf die Übergabe des Vexin und der Festung Gisor. Ich rate Euch - auch wenn es Euch im Herzen widerstrebt - folgt dieser Forderung. Ich weiß, es ist anmaßend von mir, Euch um Vertrauen zu bitten! Ich bitte Euch trotzdem darum. Sorgt dafür, dass das Vexin unter der Verwaltung des Ordens der Ritter des Tempels gestellt wird. Erfüllt auch die Forderung des Königs und leistet ihm den Treueeid als Graf von Anjou und Herzog der Normandie. Ebenso soll Euer Sohn dies tun. Ich kann Euch zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, warum ich diese Bitte ausgesprochen habe, aber Ihr werdet es nicht bereuen.

Gezeichnet: Eleonore König von Frankreich und Herzogin von Aquitanien"

Gottfried übergab den Brief an seinen Sohn. Dieser las ihn und runzelte die Stirn. "Was hat das zu bedeuten?" fragte er
Gottfried zuckte nur mit den Achseln und schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht, mein Sohn. Ich weiß es wirklich nicht."

Kapitel 3


Eleonore hatte das Gespräch zwischen Ludwig, Bernhard von Clairvaux, Raoul von Vermandois und Evrard des Barres, dem Präzeptor der Tempelritter, interessiert verfolgt. Sie stand an dem Fenster und sah auf den Burghof und den Westturm.
Ludwig saß vor einem großen Tisch, auf den mehrere Dokumente ausgebreitet lagen. Sie hörte, wie die Männer die weitere Vorgehensweise berieten. Es war Bernhard von Clairvaux, der schließlich bemerkte, dass Eleonore interessiert zuhörte. "Was meint die Königin zu diesem teuflischen Angeviner?" fragte er verschlagen.
Eleonore drehte sich um und schenkte ihm ihr freundlichstes Lächeln. "Seit wann fragt Ihr mich um meine Meinung? Haben doch Eurer Meinung nach Frauen in der Politik nichts zu suchen. Und hat sich Eure Meinung so plötzlich gewandelt?"
Die Miene Bernhards von Clairvaux gefror zu Eis. "Vielleicht seid Ihr in der Lage den Angeviner besser einzuschätzen. Ihr habt Euch mit ihm doch immer gut verstanden", stichelte der Mönch boshaft.
"Und wenn schon", gab Eleonore achselzuckend zurück, "Eure Haßtiraden können mir nichts mehr anhaben. Gebt mir lieber Antwort auf die Frage, wie die Kirche zur Ehe zwischen Ludwig und mir steht. Muß sie annulliert werden?"
Ludwig seufzte auf. "Eleonore, ich bitte Dich. Nicht jetzt. Du weißt, dass dies vom Papst geprüft wird."
"Wie lange noch? Wie lange noch soll ich mit der Ungewissheit leben, ob unsere Kinder in Sünde erzeugt wurden oder nicht? Wie lange soll ich mir noch den Kopf zerbrechen, ob diese Sünde, für den ausbleibenden Thronfolger verantwortlich ist?" rief sie aus. Sie war den Tränen nahe. Aber nicht weil sie dieser Gedanke quälte, sondern weil sie wissen wollte, wie lange sie noch mit diesem Mann vermählt sein mußte. Sie sehnte sich nach der Freiheit. Ohne eine Antwort abzuwarten verließ sie den Raum und zog sich in ihre Gemächer zurück. Sie warf sich auf das Bett und schloß erschöpft die Augen. Es dauerte nicht lange bis ihr Heinrichs Abbild in den Gedanken erschien. Plötzlich schnellte sie hoch. Sie wußte plötzlich was sie zu tun hatte. Wenn sie frei war, war sie Herzogin von Aquitanien. Es war zu befürchten, dass man entweder über Aquitanien herfiel oder sie gewaltsam zu einer neuen Ehe zwang. Sie mußte um sich und ihr Land zu schützen einen Mann heiraten. Warum dann nicht einen, der ihr gefiel? Warum dann nicht den jungen Grafen und Herzog Heinrich? Die Normandie, das Anjou und Aquitanien zusammen, würden eines der größten Reiche des Okzident ergeben. Der Gedanke gefiel ihr. Aber wie sollte sie es anstellen? Auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie rief nach ihrer Zofe. Als diese eintrat, befahl Eleonore ihr: "Hole mir Feder und Tinte. Ich habe etwas zu schreiben!"

Kapitel 4


Gottfried und sein Sohn Heinrich knieten vor König Ludwig und legten ihre Hände in die Seinen und schworen vor den Versammelten des Reiches im großen Saal denTreueeid als Grafen von Anjou und Herzöge der Normandie ab. Der Saal war prächtig mit Fahnen, Bändern und Wandteppichen geschmückt.
König Ludwig und Eleonore hatten ihre prächtigsten Gewänder an. Eleonore erschien Heinrich die Schönste aller Edeldamen zu sein. In Ludwigs Blick lag ein Triumph. Er hatte auch allen Grund dazu. Erstaunlich leicht war es gewesen, dem Angeviner das Vexin abzuringen. Zwar mußte er es unter die Verwaltung der Templer stellen, doch die Hauptsache war, dass die Festung Gisor, die Krondomäne nicht mehr länger bedrohte. Feierlich verlieh Ludwig nach dem erbrachten Eid die Lehen Anjou und Normandie und erkannte nicht nur Gottfried, sondern auch seinen Sohn Heinrich als Herzog der Normandie an.
Am Abend kam es zu einem feierlich Festbankett im großen Saal. Man hatte frisches Stroh ausgelegt und die Fenster geöffnet. Die Fackeln waren ausgetauscht worden und tauchten den Saal in ein warmes Licht. Ludwig und Eleonore saßen voneinander getrennt. Es war kein Geheimnis mehr, dass die Ehe zerrüttet war. In der Mitte des Saales vollführten Zauberkünstler ihre Tricks und Kunsttücke. Troubadoure gaben ihre Lieder zum besten und Jongleure jonglierten mit Kugeln und Fackeln.
Zwischen Eleonore und ihrem Gemahl saßen der junge Herzog und Graf Heinrich, Raoul von Vermandois und Gottfried von Anjou. Zur Rechten des Königs saß Bernhard von Clairvaux, der dem Treiben in der Mitte des Saales mißmutig zusah.
Eleonore lächelte Heinrich freundlich zu, der ihr Lächeln erwiderte. "Es freut mich Euch endlich mal unter anderen Umständen kennenzulernen", meinte sie.
Heinrich antwortete nicht minder galant: "Die Freude ist ganz auf meiner Seite." Er senkte die Stimme. "Ich muss gestehen, dass Euer Brief uns reichlich verwirrt hat." Dann erhob er seine Stimme wieder: "Ich betrachte es als große Ehre neben einer so schönen Frau zu sitzen."
"Ihr schmeichelt", gab sie zurück
"Durchaus nicht, meine Königin!"
"Euer Vater macht keinen sonderlich glücklichen Eindruck", bemerkte sie und nippte am Wein.
"Wie sollte er auch. Er hat das Vexin verloren, sich dem König unterwerfen müssen und nun sitzt er auch noch zwischen zwei Männern. Nur ein schönes Weib könnte ihn vielleicht aufheitern."
Dieses Vergnügen hatte nun sein Sohn Heinrich. Es wurde reichlich Wildbrett, Wachteln, Fisch und Wein aufgetischt. Ständig rannten Diener zwischen der Küche und dem großen Saal hin und her und mußten aufpassen, dass sie nicht über einen der zahlreichen Jagdhunde stolperten.
"Euer Gemahl und der Abt sind auch nicht gerade der besten Laune wie mir scheint. Liegt es daran, weil Euer Gemahl uns beweisen konnte, dass wir die Lehenspflicht verletzt haben?", stellte Heinrich fest.
"Das ist schwierig zu sagen", gab Eleonore zurück, "es ist nicht leicht festzustellen wie sein Gemütszustand ist. Und Bernhard von Clairvaux betrachtet jegliches Treiben das Vergnügen bereitet als die Wiedergeburt von Sodom und Gomorrha."
"Ihr mögt den Abt nicht besonders, wie?"
"Wie sollte ich auch. Er ist falsch und gefährlich."
"Und Euer Gemahl?"
Eleonore zuckte zusammen. Nervös sah sie um sich. "Was meint Ihr?"
"Ist er auch falsch und gefährlich? Setzt er den Charme seines Weibes ein um einen Vertrag zu schließen, der ihm viele Vorteile einbringt?"
"Glaubt Ihr das wirklich?" fragte Eleonore nervös.
"Ich weiß es nicht. Aber vermutlich ist es nicht so. Denn wenn es so wäre, müsste er ja glücklicher aussehen. Doch seit der Anerkennung meier Ansprüche auf die Herzogskrone der Normandie scheint ihn irgendetwas zu beschäftigen. Liegt das an Euch?" fragte Heinrich scheinbar nebensächlich.
Eleonore war der spöttische Ton nicht entgangen. Ärgerlich sagte sie: "Ich wüßte nicht, was ich damit zu tun haben könnte."
Heinrich nahm einen Schluck Wein.
"Wirklich nicht?" fragte er unverschämt grinsend.
"Was wollt Ihr damit sagen?"
"Man ist auf Euch hier in Frankreich nicht gut zu sprechen, wie man hört."
"So?" fragte sie kurzangebunden. "Was erzählt man sich über mich?"
Er zuckte mit den Achseln. Frech grinste er sie an und schwieg vielsagend.
"Ich glaube, Ihr solltet Eure temperamentvolle Zunge besser im Zaum halten", sagte sie verärgert.
"Oh, verzeiht. Aber ich habe in der Tat zuviel Temperament. Das liegt uns Angevinern so im Blut."
"Dann versteckt Euer Temperament nicht gerade unter der Zunge und setzt es sinnvoll ein", meinte sie etwas versöhnlicher.
"Ich befolge Euren Rat sehr gerne. Ich stehe Euch als Vasall jederzeit zur Verfügung", sagte er und lächelte vielsagend.
Diese Zweideutigkeit, die recht eindeutig war, raubte ihr für einen kurzen Moment den Atem. Sie lief rot an. Seine Frechheit machte sie wütend. "Ich dachte, man könnte mit Euch auch eine angenehme Unterhaltung führen. Aber da habe ich mich wohl leider getäuscht."
"Oh, es tut mir leid, wenn ich Euch verletzt habe. Wechseln wir das Thema."
"Das wäre sehr nett von Euch!" Sie atmete auf.
Doch Heinrich provozierte sie weiter. "Erzählt mir von Konstantinopel und Antiochia. Wie war Antiochia? Ich habe gehört Euer Onkel war Fürst von Antiochia?"
Sie spürte, wie ihr vor Wut das Blut ins Gesicht schoß. Was bildete sich dieser freche Kerl ein. Es war ihr klar, dass er auf die Gerüchte um die Affäre mit Ihrem Onkel anspielte. Doch sie beherrschte sich. "Konstantinopel ist sicherlich die prächtigste Stadt des Erdkreises. Die Leute dort sind sehr kultiviert und daran könntet Ihr Euch ein großes Beispiel nehmen", giftete sie zurück.
"Oh, man hört in der Tat viel über die Pracht von Konstantinopel. Aber das erzählt man sich auch von den Palästen und Gärten von Cordoba. Wenngleich die Pracht dort nicht mehr so groß sein soll wie vor zweihundert Jahren unter dem Kalifat. Und wie ist es in Antiochia?"
"Gleichenfalls", sagte sie obwohl sie genau wußte, dass dies nicht stimmte und Antiochia weder mit Cordoba oder Konstantinopel zu vergleichen war. Nach einer Pause fügte sie auf Langue d´oc hinzu: "Und es war wesentlich angenehmer mit meinem Onkel das Lager zu teilen, als sich mit Euch zu unterhalten." Sie war wirklich wütend.
"Oh, das Lager mit einer Dame zu teilen, würde mir auch mehr Vergnügen bereiten, als diese Unterhaltung. Vielleicht könntet Ihr mir eine Dame vermitteln. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich mich mit Euch langweile", antwortete Heinrich ebenfalls in Langue d´oc.
Eleonore ließ vor Schreck beinahe ihren Becher Wein fallen. Er hatte verstanden was sie gesagt hatte! Und er beherrschte ihre Sprache auch! Sie wurde ganz verlegen und wußte plötzlich nicht was sie sagen sollte. Sie zupfte an ihrem Ärmel einen Krümel weg. Sie blickte in die andere Richtung, weil sie sich schämte ihm in die Augen zu sehen. "Ihr sprecht Langue d´oc?"
"Das überrascht Euch, nicht wahr?"
Eleonore erwiderte nichts. In der Tat war sie überrascht. Das hätte sie diesem frechen Kerl nicht zugetraut. Sie ging nicht weiter darauf ein. "Wie fandet Ihr die Darbietung des Troubadours?" fragte Eleonore.
Heinrich zuckte mit den Achseln. "Er macht Euch mit Liedern den Hof. Eine seltsame Art, wenn Ihr mich fragt."
"Ach, ja? Wie würdet Ihr einer Dame denn den Hof machen?" fragte sie spöttisch.
Heinrich legte einen abgenagten Knochen zur Seite und erwiderte: "Warum interessiert Euch das?"
"Vielleicht möchte ich wissen, ob Ihr auch charmant sein könnt. Immerhin steht Ihr Normannen diesbezüglich in keinem guten Ruf. Außerdem erzählte man mir, dass Ihr zwei Bastardsöhne gezeugt habt. Mich würde interessieren ob die arme Frau - oder waren es verschiedene Frauen - sich Eurer Lust mit Gewalt beugen mussten?" Sie wollte ihn jetzt in die Enge treiben.
Heinrich schien keineswegs verärgert zu sein, sondern schien sich zu amüsieren. "Gewiß können wir Normannen charmant sein. Wir lieben schöne Frauen. Auch stolze Frauen. Ihr Gnädigste seid beides. Das fordert einen Normannen immer heraus."
Sie sah ihn nicht an. Aber es schmeichelte ihr. "Verwechselt Forschheit und Kühnheit nicht mit Charme", riet sie.
Heinrich lachte auf.
Sie sah ihn an und runzelte die Stirn. "Darf man fragen weshalb Ihr lacht?"
"Es ist überaus amüsant sich mit Euch zu unterhalten. Ihr müßt eine sehr interessante Ehefrau abgeben."
Eleonore schwieg. Er hatte sie provoziert und herausgefordert. Aber er hatte sie auch umgarnt. Wenn auch auf eine sehr seltsame Art und Weise. Er wollte sie brechen. Beweisen, wer der Stärkere ist. Er liebte den Kampf und wollte wissen, wer der Stärkere war. Und er hatte lange kämpfen müssen. Doch es schien so, als hätte er es letztendlich doch geschafft. Sie spürte, wie es ihr warm wurde. Etwas an diesem jungen Angeviner faszinierte sie. Er war ganz anders, als die meisten Ritter. Er war gewohnt alle Frauen zu bekommen die er wollte. Doch sie waren nur zu seinem fleischlichen Vergnügen. Aber Eleonore schien ihn nicht nur fleischlich zu reizen. Doch er wollte sie brechen. Sie sollte sich ihm annähern. Inzwischen war es Mitternacht geworden und die meisten waren schon betrunken. Sie stand auf.
"Ihr verzeiht, wenn ich mich jetzt zurückziehe", sagte sie und lächelte ihm freundlich zu. Dann verließ sie den Saal um ihr Gemach aufzusuchen. Sie hatte es kaum betreten und begann sich mit Hilfe ihrer Zofen zu entkleiden, da klopfte es an die Tür. Sie befahl einer ihrer Zofen zu öffnen. Es war Heinrich. Ohne eine Aufforderung zum Eintreten abzuwarten, trat er ein.
"Was fällt Euch ein hier so einzudringen? Ich war im Begriff zu Bett zu gehen."
"Verzeiht mir", sagte er und trat auf sie zu, "ich war der Meinung, dass wir die Unterhaltung nicht zu Ende geführt hatten. Sie war einfach zu anregend."
Sie spürte wieder diese Wärme in ihrem Bauch. War es ein Verlangen? Sie sahen sich in die Augen. Lange standen sie, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, da. Schließlich wandte sie den Blick zu ihren Zofen.
"Ihr könnt gehen. Ich brauche Euch nicht mehr."
Die Zofen nickten und konnten nur mühsam ein Grinsen unterdrücken. Kaum waren die Zofen verschwunden lagen sie sich leidenschaftlich küssend in den Armen. Sie verspürten eine tiefe Begierde. Heftig nach Atem ringend lösten sich ihre Lippen voneinander.
"Der König könnte jederzeit kommen?" flüsterte Eleonore.
"Ein schwacher Versuch Euch zu wehren", meinte Heinrich, "es ist doch allgemein bekannt, dass der König Euch schon lange nicht mehr berührt hat. Zu groß ist seine Angst vor einer Sünde mit einer Verwandten."
"Ihr seid erstaunlich gut informiert."
"Und das hat mir eine Eure Zofen gesagt ohne dass ich sie berühren musste."
"Ihr seid ein Schuft."
"Möglicherweise habt Ihr da recht."
Seine Hände wanderten von ihrer Taille entlang nach oben zu ihren festen Brüsten. Sanft strich er über sie hinweg. Sie schloß die Augen und ließ es zu, daß er ihr Gewand löste. Sie standen eng aneinandergepreßt da. Sie rieb ihren Unterleib an dem seinen. Seine Hände streiften das Gewand ab und glitten über ihren straffen Po. Er drückte sie auf das Bett und streichelte Ihr zwischen den Beinen. Willig öffnete sie die Beine leicht, und er glitt mit einem seiner Finger in ihre feuchte Lustzone. Sie stöhnte leise auf. Sie zerrte an seinem Wams und hastig entkleidete er sich. Als sie nackt auf dem Bett lagen, zog sie ihn an sich. Langsam drang er in sie ein. Sie bäumte sich auf und rhythmisch bewegten sie sich. Erst ganz langsam und dann immer schneller. Sie lag auf dem Rücken und hatte die Beine um ihn geschlungen. Sie stöhnte lustvoll. Leidenschaftlich und hemmungslos verfielen sie dem Rausch der Lust bis sie schließlich beide in einer wilden Explosion zum Höhepunkt kamen und sie die Lust laut herausschrie. Es dämmerte bereits, als sie beide völlig erschöpft voneinander abließen. Dreimal hatte er sie zum Höhepunkt gebracht. So oft wie es Ludwig in fünfzehn Jahren Ehe es geschafft hatte. Sie war glücklich. Sie strich ihm über das Haar, während er kurz vor dem einschlafen war.
"Ich werde bald frei sein", sagte sie vorsichtig.
Er brummte kurz, war dann aber hellwach.
"Wenn Aquitanien ohne Herzog bleibt, dann fürchte ich das Schlimmste um mich und mein Herzogtum."
Heinrich richtete sich auf und sah ihr in die Augen. Er wußte worauf sie hinaus wollte und der Gedanke faszinierte ihn. "Du meinst, wir könnten unsere Reiche vereinen? Nun, ich muß zugeben, die Idee ist mir auch schon gekommen. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass dies hinter Deinem Brief steckte. Aber Ludwig würde dies nie zulassen."
"Wir könnten schnell heiraten. Ihn vor vollendeten Tatsachen stellen."
"Und einen neuen Krieg heraufbeschwören. Als Lehnsherr kann er sich eine solche Affront nicht gefallen lassen."
"Und wenn schon? Er hätte keine Chance. Mit diesem Reich im Rücken kann Dir kein König von Frankreich gefährlich werden."
Heinrich lachte. "Du bist ein ganz schönes Biest. Du hintergehst immerhin Deinen Gemahl. Noch ist er Dein Gemahl."
Sie wandte ihr Gesicht ab. "Ich hatte Ludwig sehr gerne. Aber geliebt habe ich ihn nie. Und er liebte nie mein Aquitanien. Nein, ich muß jetzt an mich denken. Wenn ich frei bin, wird es nicht lange dauern, bis man über Aquitanien herfallen wird. An Deiner Seite wäre es sicher. Oder begehrst Du mich nach dieser Nacht nicht mehr? Bin ich nun eine von Deinen vielen Eroberungen?"
Heinrich lächelte zärtlich. "Nein, gewiß nicht. Du bist eine wunderschöne Frau. Ich begehre Dich und das wird auch nach dieser Nacht so bleiben."
Sie sah ihm direkt in die Augen. "Dann heirate mich."
Heinrich sah aus dem Fenster hinaus und bemerkte die ersten Sonnenstrahlen. Er sprang auf und griff nach seinen Kleidern. "Wer weiß, vielleicht tue ich es wirklich", grinste er, "aber für den Moment wäre es besser, wenn ich mich in mein Quartier zurückziehe, bevor jemand Verdacht schöpfen kann."
Er gab ihr noch einen flüchtigen Kuß auf die Wange und verschwand aus den Gemächern der Königin.
Gottfried von Anjou bemerkte sofort, dass seinem Sohn Schlaf fehlte. Er konnte sich denken was geschehen ist. Ihm war nicht entgangen, dass die Königin und sein Sohn den ganzen Abend am Bankett ein verbales Duell ausfochten. Er mochte gar nicht daran denken, welche Folgen es haben könnte, wenn Ludwig von den Lusteskapaden seines Sohnes und der Königin erfuhr.

Kapitel 5


Sie verließen Paris in gelöster Stimmung. Heinrich und Eleonore hatten sich am Tag vor der Abreise, vor den Toren von Paris in einem Wäldchen zu einem Ausritt getroffen, der in einem Feuer der Leidenschaft im hohen Gras auf einer Waldlichtung endete.
Eleonore war glücklich und zutiefst betrübt zugleich. Glücklich, weil sie in einen zehn Jahre jüngeren Mann verliebt war, der diese Liebe erwiderte und sie geradezu animalisch begehrte. Ihr Herz hüpfte vor Freude, wenn sie an ihn dachte. Ein Gefühl, dass sie in ihrem bisherigen Leben nur in der Gegenwart ihres Onkels Raimund gekannt hatte. Zutiefst betrübt deshalb, weil sie nicht mit Heinrich zusammen von Paris fortgehen konnte. Sie mußte sich noch gedulden. Ein Konzil sollte über die Rechtmäßigkeit der Ehe entscheiden. Und mit diesem Konzil war erst zum Jahresanfang des nächsten Jahres zu rechnen. Solange mußte sie es noch mit Ludwig und seinem Gefolge - womit sie in allererster Linie Bernhard von Clairvaux meinte - aushalten. Doch sie hatte mit Heinrich verabredet, daß sie schnellstmöglich nach Poitiers eilen würde, wenn sie frei sei. Dort sollten sie wieder aufeinander treffen und heiraten.
Als Heinrich seinem Vater von diesen Plänen erzählte, war dieser alles andere als begeistert. Ja, es war ihm so, als sei sein Vater eifersüchtig. Zudem hatte er große Bedenken wegen Ludwig. Mit diesen Plänen würde Heinrich wieder alles auf das Spiel setzen, was sie jetzt in Paris erreicht hatten. Es kostete Heinrich schon an erheblicher Überredungskunst, seinem Vater die Vorteile aus dieser Vermählung deutlich zu machen. Zwar erkannte Gottfried schnell die Vorteile eines solchen Vorhabens, aber er fürchtete einen erneuten Krieg mit Ludwig, der seine Kräfte an das Festland band, während das große Ziel, der Thron von England, wieder einmal hintenan stehen mußte.
Etwa zu dieser Zeit wurden Heinrich Gerüchte bekannt, nach denen, Gottfried und Eleonore während des Kreuzzuges ebenfalls eine Liebesbeziehung eingegangen waren. Zuerst gab Heinrich darauf nichts. Doch je mehr sich Gottfried gegen die Vermählung stellte, begann der Zweifel in Heinrich zu nagen. Doch noch ehe er seinen Vater offen fragen konnte, trat etwas ein, was viele als eine Ironie des Schicksals sahen.
Nach einem langen Tagesritt an einem heißen Septembertag gelüstete es den Grafen und Herzog ein Bad im Fluß bei Chateau-du-Loir ein erfrischendes Bad zu nehmen. Staub und Schweiß klebten an ihm und er genoß das Bad im kühlen Fluß. Doch noch am selben Abend übermannte ihn ein Fieber und man weckte Heinrich.
"Eurem Vater geht es nicht gut. Steht auf. Er verlangt Euch zu sehen."
Schlaftrunken erhob sich Heinrich vom Lager und sein Knappe half ihm beim Anziehen. Er teilte das Zelt mit seinem Bruder Gottfried, der ebenfalls aufgestanden war und sich beim Ankleiden helfen ließ.
"Was kann passiert sein?" fragte er.
Heinrich zuckte mit den Achseln.
"Euer Vater hat hohes Fieber", sagte Gottfrieds Knappe.
"Fieber? Aber das ist doch noch keine Grund uns zu wecken und vor ihm zu erscheinen."
"Man befürchtet, er könnte die Nacht nicht mehr überleben", gab der Knappe zurück.
"Mein Gott, ist es so ernst? Er ritt doch heute mittag noch im Sattel wie ein junger Gott", rief Heinrich aus.
Der Knappe zuckte zusammen. "Ich bitte um Verzeihung, aber in Angesicht der Situation würde ich jeden göttlichen Vergleich unterlassen."
Heinrich und Gottfried eilten aus dem Zelt und liefen zum Zelt ihres Vaters, der schweißüberströmt in seinem Lager lag. Mehrere Männer hatten sich um das Lager versammelt. Als Heinrich und Gottfried eintraten, machte man Platz um sie vorzulassen.
"Wie geht es ihm?" fragte Gottfried besorgt.
"Er kämpft gegen das Fieber. Doch es ist vielleicht zu stark."
"Dann tut etwas", fuhr Heinrich den Arzt an.
"Wir tun unser bestes mein Herr. Wir haben ihm kalte Umschläge gemacht. Wir haben ihm heilende Kräuter verabreicht, aber ich fürchte es ist nicht genug."
"Hört er uns?"
"Im Moment schläft er wieder. Aber sein Schlaf ist unruhig."
"Gut, dann wollen wir ihm seinen Schlaf lassen. Wir werden hier bleiben für den Fall, dass er aufwacht und uns zu sprechen wünscht."
Sie blieben die ganze Nacht am Bett des Vaters. Mehrmals wachte der Herzog auf und rief nach seinen Söhnen, die ans Bett eilten.
"Vater, was habt Ihr?" fragte Heinrich besorgt.
Der Herzog lächelte mühselig. "Gut das Ihr bei mir seid. Ich wünschte Wilhelm wäre auch hier, damit ich von ihm Abschied nehmen könnte."
"Ihr dürft nicht so etwas sagen", raunte sein Sohn Gottfried, "Ihr habt bloß ein starkes Fieber. Ihr werdet sehen, in ein oder zwei Tagen sitzt Ihr wieder im Sattel. Ihr müsst Euch nur etwas schonen. Wenn es Euch morgen früh nicht besser ergeht, dann wird man Euch zur Ader lassen."
Gottfried stöhnte. "Ich werde es nie verstehen, weshalb man einem Kranken auch noch sein Blut abnimmt."
"Das schlechte Blut muß aus Eurem Körper entweichen", antwortete Heinrich ein wenig erstaunt über den Einwand des Vaters.
"Ja, ja. Ich weiß, warum sie das machen. Aber wieso habe ich noch nie gesehen, wie ein jüdischer oder arabischer Arzt seine Patienten zur Ader lässt?"
Heinrich und Gottfried sahen sich betroffen an. Was redete er da? Es musste am Fieber liegen. Es blieb Ihnen nur zu hoffen, dass das Fieber zurück gehen würde. Doch das Fieber ließ ihn nicht los. Als es am Morgen nicht herunterging nahm man einen Aderlaß vor, der jedoch nichts bewirkte. Das Fieber stieg weiter und hielt mehrere Tage an. Zwischendurch wachte Gottfried auf und sprach lange mit seinen Söhnen. Und fast schien es so, als würde Gottfried das Fieber besiegen. Doch am 07. September verstarb der große Kämpfer Gottfried, der an zahllosen Kämpfen teilgenommen hatte, einem Kreuzzug folgte und es mit Bernhard von Clairvaux aufgenommen hatte, an einem Fieber nach einem Bad im Fluß.
Gerade diese Ironie war es, die Heinrich schockte. Der Tod seines Vaters traf ihn sehr. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Gottfried war ebenfalls am Totenbett anwesend. Wilhelm, der dritte Bruder weilte in Rouen. Nun war Heinrich der Graf von Anjou und Herzog der Normandie. Schneller als alle gedacht hatten.
Als man den Leichnam bestattet hatte, zog sich Heinrich alleine in ein Wäldchen zurück, wo er sich an einem Bach niedersetzte und über die Zukunft nachdachte. Als er zum Lager zurückritt war er fest entschlossen seine Pläne zu verwirklichen. Er würde Eleonore heiraten und sobald wie es ihm nur möglich sein würde nach England übersetzen. Seine Mutter Mathilde - dessen war er sich sicher - würde ihn in seinen Plänen unterstützen. Die Frage war nur, ob er seinem jüngeren Bruder Gottfried trauen konnte. Vor Wilhelm fürchtete er sich nicht. Wilhelm war aufrichtig und treu.

Kapitel 6


Im Frühjahr 1152 löste das Konzil von Beaugency die Ehe von Ludwig VII. und Eleonore von Aquitanien wegen zu enger Verwandschaft auf.
Als man Eleonore die Nachricht überbrachte, beeilte sie sich Ludwig und Paris zu verlassen. Binnen weniger Stunden hatte man Ihr Gepäck verstaut und auf die Packtiere verladen. Ludwig sah vom Turm seines Gemaches zu, wie Eleonore und ihr Gefolge auf die Pferde stiegen und sich zum Abmarsch bereit machten. Vom Turm aus sah er wie Bernhard von Clairvaux in Begleitung des Präzeptors der Tempelritter erschien, um Eleonore zu verabschieden. Er verbarg seine Freude über ihre Abreise in keinster Weise.
"Ich nehme an, Euer Weg führt nach Poitiers? Seid in Acht, denn der Weg ist voller Gefahren" meinte Bernhard von Clairvaux spöttisch.
Sie saß auf ihrem Lieblingspferd - einem Apfelschimmel - und sah ausdruckslos auf ihn herab. "Nur halb so gefährlich, wie ein Leben an diesem Hof. Jedes Räubergesicht ist mir lieber, als das Eurige."
Bernhard von Clairvaux´ Augen glühten vor Zorn. "Eure Unverschämtheiten sind kaum zu übertreffen. Gott möge Euch verzeihen, ich kann es nicht. Mögen Euch viele Räubergesichter begegnen", erwiderte er, "doch hoffentlich erkennen Sie rechtzeitig den Teufel in Euch."
Sie mußte unverwandt lachen. "Nun, dann wünsche ich Euch viel Erfolg, bei Eurem Werk, den Hof von meinen teuflischen Spuren zu säubern. Aber ehrwürdiger Vater laßt Euch eines gesagt sein: Ihr habt soviel Leid und Tod über den Okzident und den Orient mit Euren Predigten gebracht, dass Ihr keineswegs vergessen solltet, Euch selbst zu reinigen. Ihr stinkt und ein Bad täte Euch ganz gut!" rief sie aus und gab den Befehl zum Abmarsch.
Wutentbrannt sah Ihr der Abt hinterher. "Geht hinfort damit wir endlich beginnen können die Stadt und die Burg von dem Geruch Eurer Sünden zu befreien. Ihr habt den König verraten und habt die Ehe gebrochen und vor Gott gesündigt. Dafür werdet Ihr die gerechte Strafe erhalten. Gott vergißt die Seinen nicht."
Eleonore warf einen kurzen Blick hinauf zum Turm wo Ludwig stand, dann warf sie einen letzten Blick auf den fanatischen Abt vor sich. "Raimund von Antiochia war ein Mann, ein edler Kämpfer für das Himmelsreich. Ludwig war nie ein Mann. Vielleicht hätte er es werden können, aber Ihr und Abt Suger habt Euren Einfluß immer so weit geltend gemacht, dass Ludwig nie ein Mann hätte werden können. Ihr tragt an dem Ehebruch nicht weniger Schuld als ich. Und nun geht mir aus den Augen." Eleonore gab ihrem Pferd einen Tritt in die Flanke und es galoppierte durch das Tor aus der Burg hinaus und durch die Stadt. Sie ließen Paris schnell hinter sich und weit vor den Toren der Stadt stoppte Eleonore ihr Pferd und drehte sich um. "Ich hoffe, dass ich diese Stadt nie wieder betreten muß", murmelte sie und trieb ihr Pferd an.
Die Reise war nicht ungefährlich, und sie wollte schnellstmöglich nach Blois.

Als sie Blois erreichten, wurden sie von Theobald, dem Grafen von Blois, herzlichst empfangen. Beinahe zu freundlich, wie Eleonore empfand. Und schon bald mußte sie feststellen, worin der Grund lag: Offenbar war auch Theobald auf sie und Aquitanien aus. Sie fürchtete als Geisel genommen zu werden. Als freigewordene Herzogin mit einem reichen und großen Herzogtum mußte sie unweigerlich ein Objekt der Begierde werden. Nicht wenige würden sie gerne zur Heirat zwingen. Es fiel ihr auf, daß er zahlreiche Gewappnete in der Burg zusammenzog.
Noch in der Nacht verließ sie fluchtartig die Stadt, nachdem sie ursprünglich vorgehabt hatte, in Blois zu nächtigen. Sie ritten die ganze Nacht durch, da sie befürchten mußten, dass Theobald versuchen würde, sie zurückzuholen.
Bei Port-de-Piles wollte sie den Fluß Creuse überschreiten. Doch in weiser Voraussicht hatte sie ein paar Knappen als Kundschafter vorausgesandt. Diese kamen ihr wenige Meilen vor dem Fluß in heller Aufregung entgegen.
"Wir müssen die Route ändern, Herzogin. Wir haben Bewaffnete an der Furt gesehen. Es ist sicherer, wenn wir die Furt umgehen."
Eleonore runzelte besorgt die Stirn. "Dann laßt uns versuchen die Vienne nördlich des Zusammenflußes mit der Creuse zu überqueren", meinte sie schließlich erschöpft. Seit ihrer Flucht aus Blois waren sie scharf geritten und eine Pause würde allen - auch den Pferden - gut tun. Doch sie wußte, dass an eine Pause nicht zu denken war.
Sie warf einen Blick auf die Felder die unter der Blütenpracht nach einem langen Winter zu neuem Leben erwachten. Wie gern hätte sie angehalten und diesen Anblick genoßen. "Und wer ist es diesmal, der uns auflauert? Habt ihr ein Wappen erkennen können?" fragte sie und spürte, wie ein neuer Kampfesmut sie erfaßte. Sie würde sich nicht geschlagen geben. Sie hatte den Strapazen und Gefahren einer bewaffneten Pilgerfahrt getrotzt, also würde sie auch dieser Gefahr voller Mut ins Gesicht sehen. Mehr als einmal waren sie auf dem Zug in den Orient in akuter Gefahr gewesen. Nirgends war sie größer als bei Konstantinopel. Doch sie hatten dem allem getrotzt.
Der ältere der Knappen nickte und biß sich auf die Lippen. Er zögerte.
"Und wer ist es?" fragte die Herzogin barsch.
"Ihr Anführer trug das Wappen eines Ginsterzweiges."
Eleonore zuckte zusammen. Ein Ginsterzweig? Das war doch das Wappen der Plantagenets?
"Wir haben ihn erkannt, Herzogin. Es war Gottfried Plantagent, der Bruder des Grafen und Herzoges", sagte der Knappe leise.
Eleonore atmete tief durch. Sie hatte gehört, dass Heinrich und Gottfried im Streit lagen. Gottfried beanspruchte den Grafentitel und das Land von Anjou. Der verstorbene Gottfried der Schöne habe am Totenbett verfügt, dass Heinrich zwar Herzog der Normandie bleiben, aber das Anjou abtreten solle. Dies bestritt Heinrich. Zwar habe der Vater den jüngeren Sohn alleine zu sich gerufen, aber niemand wisse was gesprochen worden sei. Denn noch ehe Gottried der Schöne dies allen mitteilen konnte, sei er verstorben. Heinrich war nicht bereit seine Macht zu teilen. Schon gar nicht mit seinem jüngeren Bruder, der nicht minder machtbesessen war, wie er selbst. Noch war es nicht zu einem offenen Krieg zwischen den Brüdern gekommen, aber der Versuch des jüngeren Bruder, Eleonore, die Braut von Heinrich zu entführen und gewaltsam zu ehelichen, kam einer offenen Kriegserklärung gleich. Sie umgingen den Hinterhalt und gelangten schließlich in die sichere Stadt Poitiers, welche sie so liebte.
Poitiers war so ganz anders als Paris. Hier liebten die Menschen sie. Hier waren die Menschen viel fröhlicher und strahlten eine herzliche Wärme aus. Hier war Eleonore die anerkannte Herrscherin. In Paris wurde sie von den Untertanen nie so richtig akzeptiert. Selbst nach fünfzehn Jahren Ehe mit dem König nicht. Doch diese Zeit war nun vorbei. Sie würde das Poitou und Aquitanien nur noch verlassen, wenn es unbedingt notwendig sei. Es war ihr Herzogtum und sie würde es regieren.

Poitiers im Frühjahr 1152

Der 17. Mai des Jahres 1152 war ein strahlender Frühlingstag. Die Luft war erfüllt von Leben und überall blühten die Bäume und Wiesen. Eleonore wähnte sich im Himmel.
Vor wenigen Tagen war Heinrich in Poitiers eingetroffen und allein sein Anblick genügte, um ihr Herz höher schlagen zu lassen. Und auch der Herzog konnte es kaum erwarten, Eleonore in die Arme schließen zu können.
Die Stadt war festlich geschmückt und die Straßen und Gassen wurden sorgfältig gekehrt. Heinrich ritt an der Spitze eines Trupps von etwa zweihundert Rittern und Knappen ein. Sie alle trugen volle Rüstung und die Kettenhemden und Schienen waren blank poliert. Die Pferde waren mit den prachtvollsten Schabracken geschmückt und die Schilder frisch bemalt. Man bereitete Heinrich einen großen Empfang. Fanfaren erklangen als er durch das Tor mit dem hochgezogenen Fallgitter in das Innere der Burg einzog.

Als sie dann endlich im Gemach der Herzogin alleine gegenüberstanden, fielen sie sich wie zwei Liebestrunkene in die Arme und küßten sich leidenschaftlich.
"Endlich", meinte Eleonore als sie sich voneinander lösten.
Heinrich warf einen Blick auf das Bett. "Nun, wir könnten das jetzt ja dort drin fortsetzen."
"Damit wirst Du bis heute Nacht warten müssen. Wir wollen doch den Anstand waren. Es gibt einen Geheimgang von Deinem Gemach hierher. Ich zeige ihn Dir später. Doch nun erzähl´ mir was Du von Deinem Bruder gehört hast?"
Heinrich war etwas überrascht. "Von welchem? Wilhelm oder Gottfried?"
"Gottfried natürlich. Man erzählt sich, dass Ihr einen Streit miteinander habt."
"Ach der, keine Sorge. Der legt sich wieder. Er kann es nicht verkraften, dass unser Vater mich zu seinem alleinigen Erben gemacht hat. Warum interessiert es Dich?"
Eleonore zog die Stirn kraus. "Auf dem Ritt hierher versuchte nicht nur Theobald von Blois mir eine Falle zu stellen, sondern auch dein Bruder. Es stellt sich daher für mich die Frage, ob er wirklich nur - sagen wir - vorübergehend verstimmt ist?"
Heinrichs Blick verdüsterte sich. "Das wußte ich nicht. Dieser Schuft hat doch tatsächlich versucht mir die Braut wegzunehmen?" flüsterte er wütend.
"Auch wenn ich Eurer Liebe sicher bin, dürftet Ihr jetzt nicht nur an Eure Braut denken", erwiderte Eleonore spitz.
"Wie meint Ihr das?"
"Habt Ihr es schon vergessen? Eine Heirat mit mir bringt Euch die Krone von Aquitanien ein. Ihr habt nun die Macht nach der Krone Englands zu greifen. Doch lassen wir das. Aber Ihr solltet nicht so leichtgläubig sein, was Euren Bruder betrifft."
"Vermutlich habt Ihr recht. Doch nun laßt uns zum Abendessen gehen. Mein Magen knurrt wie der eines ausgehungerten Wolfes."
Sie speisten in der großen Halle zu Abend und vergnügten sich an den Ge-schichten, die sich die Ritter bei Tisch erzählten. Es war schon lange Nacht, als sie in ihre Gemächer gingen und sie ihm den Geheimgang zeigte, damit er in der Nacht zu ihr kommen konnte. Die halbe Nacht verbrachten sie damit Pläne zu schmieden nachdem sie sich leidenschaftlich geliebt hatten. Heinrich machte kein Geheimnis daraus, dass er bereits zwei Söhne - zwei Bastarde - hatte. Einen davon hatte er nach seinem Vater Gottfried genannt, den anderen Wilhelm. Er liebte sie beide. Und er hatte Eleonore unmißverständlich erklärt, dass er sie eines Tages an seinem Hof erziehen lassen wollte. Ob er noch die Mutter seines geliebten Sohnes ab und zu traf und mit ihr intim wurde, hatte sie wissen wollen. Heinrich wich ihr damals aus. Sie sei eine Hure gewesen. Natürlich wisse er, wo sie in England wohnte. Aber auf die Frage, ob er noch mit ihr schlief, wenn er sie sah, ging er nicht ein. Eleonore hätte zwar zu gerne eine Antwort von ihm bekommen, doch sie wagte nicht weiter danach zu fragen. Sie war nicht so blauäugig anzunehmen, dass er während seiner Feldzüge auf fleischliche Lüste verzichten würde. Solange es nur für eine Nacht war, würde es ihr ziemlich gleichgültig sein. Und schon morgen würden sie verheiratet sein. Dann war sowieso alles ganz anders.
"Ich liebe Dich. Ich fürchte, wenn Ludwig von unserer Hochzeit erfährt, dann platzt er vor Wut und Eifersucht", meinte Eleonore und küßte ihn sanft.
Heinrich lachte. "Schon möglich. Und Bernhard von Clairvaux wird triumphieren. Damit hat er wieder einen Beweis, wie niederträchtig Frauen sind."
Erst in den Morgenstunden fielen sie in einen kurzen, aber tiefen Schlaf, ehe sie von einer erstaunten Dienerschaft geweckt wurden. Wie war der Herzog in die Gemächer der Herzogin gelangt? Niemand hatte ihn gesehen, aber niemand wagte es zu fragen.
Die Glocken der Kathedrale Saint-Pierre in Poitiers läuteten, als Heinrich und Eleonore vor den Altar traten. Sie hatten die prachtvollsten Gewänder angelegt. Sie hatte Heinrich beinahe nicht wiedererkannt. Trug er doch sonst einfache, bequeme und unmoderne Kleidung - meist einen kurzen Mantel, der ihm den Spitznamen "Kurzmantel" eingebracht hatte - so hatte er sich nun einen hermelinbesetzten Mantel umgelegt.
Nur die engsten Getreuen und Vasallen waren nach Poitiers gekommen. Nicht einmal die "Kaiserin" war erschienen. Wären sie alle gekommen, dann hätte man die Hochzeit nicht so lange geheim halten können. Und genau das war die Absicht. Man wollte Ludwig VII. keinerlei Gelegenheit geben, diese Verbindung zweier bedeutender Herzogtümer, zu unterbinden. So konnte es auch nicht die prunkvolle Hochzeit geben, die sie sich vielleicht gewünscht hätten, wie sie zweier Menschen ihres Standes gebührte.
Als sie der Bischof von Poitiers vermählt hatte, setzte dieser Heinrich die Herzogskrone von Aquitanien auf und überreichte ihm die Insignien der Herzogswürde. Dann verfuhr er auch mit Eleonore so, die die Krone der Normandie aufgesetzt bekam. Heinrich und Eleonore strahlten sich an. Schließlich war die Trauung beendet und sie schritten langsam aus der Kathedrale. Die Bevölkerung der Stadt jubelte dem Brautpaar zu. Blumen wurden gestreut und man ließ das Brautpaar hochleben. Drei Tage lang wurde gefeiert, getrunken, gegessen und gelacht.
Heinrich und Eleonore zogen sich immer wieder zurück, was von den meisten Gästen mit einem leisen und diskreten Lächeln quittiert wurde. Ein jeder wußte, was sich hinter den Mauern der herzöglichen Gemächer abspielte.

Paris, 1152

Als Ludwig VII. von der Hochzeit erfuhr wurde er blaß. Er taumelte wie ein Verletzter und verzog das Gesicht schmerzhaft. Eine Welle von Haß, Wut und Eifersucht durchfuhr ihn. Er hielt sich an einem Stuhl fest.
Bernhard von Clairvaux versprühte sein Gift: "Sie haben Euch gedemütigt vor aller Welt. Niemals hätten sie ohne Eure Einwilligung eine Ehe eingehen dürfen. Das mußte schon von langer Hand geplant worden sein. Man hat Euch hereingelegt. Dahinter kann nur die Aquitanierin stecken. Heinrich alleine hätte diesen Mut nicht gehabt."
"Ihr vergeßt wer sein Vater war. Die Angeviner haben noch nie jemanden gefürchtet. Und was soll ich nun machen? Er weiß, dass ich nicht genug Truppen zur Verfügung habe um ihn anzugreifen. Er ist mir militärisch überlegen."
"Ihr könntet ihm das Lehen entziehen", schlug der Abt vor.
Der Präzeptor der Templer schüttelte den Kopf. "Heinrich würde sein Lehen niemals kampflos aufgeben. Er weiß, dass er in der stärkeren Position ist. Und genauso verhält er sich auch."
König Ludwig hörte ihm nicht zu. Fassungslos trat er zum Fenster. "Eleonore, Eleonore! Warum hast Du das getan?" flüsterte Ludwig unhörbar und sah aus dem Fenster auf den Burghof. Tränen schossen ihm in die Augen. Nur mühselig konnte er sie zurückhalten. War es nicht schlimm genug, dass sie ihn nicht geliebt hatte? War es nicht schon schlimm genug, dass sie ihm keinen Sohn gebar? Dass sie ihn in Antiochia betrogen hatte? Mußte sie ihn auch noch damit demütigen, dass sie einen seiner Vasallen heiratete und ihn mit dieser Heirat mächtiger machte als ihn, den König von Frankreich? Mußte sie ihn damit demütigen, dass sie gerade einmal zwei Monate mit der Hochzeit seit ihrer Scheidung gewartet hatte?
"Ihr hört mir nicht zu", schalt der Abt.
Ludwig drehte sich zu ihm um. "Was habt Ihr gesagt?"
"Die Vereinigung der Herzogtümer ist eine Gefahr für Euer Land. Euer Vasall ist nun mächtiger als Ihr es seid. Seht Euch vor diesem Weib vor, seht Euch vor dem Angeviner vor. Befestigt Eure Burgen."
"Er wird es nicht wagen mich anzugreifen."
Der Abt schnaubte verächtlich.
"Seid Ihr Euch dessen so sicher? Worauf stützt Ihr Euer Wissen?"
Ludwig sah ihn scharf an. Er spürte wie die Kraft in ihm zurückströmte.
"Ihr ehrwürdiger Abt, seid mein bestes Pferd im Stall. Euer Ansehen in Europa und beim Papst ist hoch genug, um jeden Angriff auf Frankreich von vorneherein zum Scheitern zu verurteilen. Anders wird es sein, wenn Ihr das Zeitliche segnet."
"Und noch etwas wird Heinrich abhalten jetzt mit Euch einen Krieg zu beginnen", warf der Templer ein.
"Was denn?" wollte Bernhard von Clairvaux wissen.
Der Templer grinste. Es kam nicht oft vor, dass der Abt etwas übersah. "Ganz einfach, die Krone Englands ist ihm nun zum greifen nah. Stephan von Blois wird sich einer solchen großen Macht nicht lange widersetzen können."
Ludwig nickte bedächtig. "Ob das für unser Land von Vorteil ist vermag ich im Moment nicht zu sagen."

Aquitanien, 1152

Sie hatten nach Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten Poitiers verlassen.
Eleonore bestand darauf ihm sein neues Herzogtum zu zeigen. Wobei sie bei ihrer Wortwahl strengstens darauf bedacht war, von ihrem Aquitanien zu sprechen. Sie wollte damit klar machen, dass sie Aquitanien als ihr Reich betrachte und sich da von niemanden hereinreden lassen wolle. Sie wollte nicht noch einmal wie bei Ludwig den gleichen Fehler machen. Damals wollte sie unbedingt, daß er ihr Land lieben sollte. Doch Ludwig mochte Aquitanien genausowenig wie Aquitanien ihn mochte. Ludwig war geradezu eifersüchtig auf die Liebe ihrer Untertanen zu ihr gewesen. Umso mehr hatte er versucht in Aquitanien seine Ansprüche zu untermauern.
Heinrich erwies sich als ein ganz anderer Mensch. Zum einen war er trotz seiner jungen Jahre reif genug, zu erkennen, daß sie eine starke Frau war und notfalls alleine regieren konnte. Zum anderen würde er nie zulassen, dass sie im Anjou oder in der Normandie zuviel Macht bekam.
Heinrich blieb auf der Reise durch das Herzogtum zurückhaltend. Ihm entging nicht, dass auch die Menschen in den Dörfern und Städten ihm mit Mißtrauen begegneten, wenngleich
sie nicht unhöflich waren. Sie fürchteten einfach diesem "Fremden". Unglücklicherweise war er auch noch ein Normanne, was die Sache nicht einfacher machte.
Im Kloster Fontevrault, welches Eleonore sehr am Herzen lag, blieben sie einige Tage. Hatte Eleonore sonst ein gespaltenes Verhältnis zur Kirche nach ihren Erfahrungen mit dem Abt Suger und Bernhard von Clairvaux, so war ihr Verhältnis zu dem Kloster Fontevrault umso inniger, deren Äbtissin Mathilde, eine Tante von Heinrich Plantagenet war.
Sie hatten die Abendmesse besucht und das Nachtmahl eingenommen, als ein Bote das Kloster erreichte. Er überbrachte dem Herzogspaar einen Brief des französischen Königs.
Heinrich überflog die Zeilen und legte das Dokument zur Seite. Er saß an dem Tisch an dem gewöhnlich seine Tante, die Äbtissin saß und sah Eleonore ernst ins Gesicht.
"Ludwig bestellt uns vor sich. Er will Gericht über uns halten, weil wir ohne seine Genehmigung geheiratet haben. Dies stellt eine Verletzung seiner Lehenshoheit dar, die er nicht übersehen könne."
Eleonore lächelte. Es war ja zu erwarten, dass es soweit kommen würde. "Und? Was wirst Du tun?" wollte sie wissen.
Er zuckte mit den Achseln. "Gar nichts. Ich werde es nicht beachten. Ich werde fortfahren, als sei die Botschaft nie bei uns angekommen."
Das war ein gefährliches Spiel, aber sie war zufrieden. Auch sie gedachte nicht der
Aufforderung nachzukommen. Heinrich war so ganz anders. Er war stark und fürchtete sich vor nichts. Stolz erfüllte sie.
Da schaltete sich die Äbtissin ein, die in einem hohen Stuhl am Fenster saß und nach draußen sah. Ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen waren die einzige Lichtquelle in diesem kühlen Raum. "Wie sicher könnt Ihr Eurer Sache sein?" fragte sie.
Eleonore und Heinrich tauschten Blicke aus. Eleonore trat hinter den Stuhl der Äbtissin.
"Wie meint Ihr das verehrte Äbtissin?"
"Gottfried Plantagenet, der Bruder von Eurem Gemahl, hat schon einst versucht, Aquitanien sich durch Euch zu bemächtigen. Nun bietet sich ihm eine weitere Chance, nicht wahr? Was würde dagegen sprechen, wenn er sich jetzt mit dem König von Frankreich verbündet?"
Heinrich spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Die Äbtissin hatte recht. Gottfried war ehrgeizig und hatte seine Ansprüche auf das Anjou nicht aufgegeben. "Wenn mein Bruder, mein eigen Fleisch und Blut es noch einmal wagen sollte, mich zu verraten, dann möge ihm der Hergott seiner Seele beistehen", knurrte er leise.
Doch die Äbtissin hatte ihn gehört. "Den Plantagenets bedarf es nicht Gottes Hilfe. Verstand und weniger Machtgier würden da schon ausreichen", gab sie zur Antwort.
Heinrich Plantagenet antwortete erst Tage später auf Ludwigs Brief. Aus-weichend gab er in seiner Antwort kund, dass er zur Zeit auf einer Reise durch sein Reich sei. Nach deren Beendigung wolle er der Aufforderung des Königs gerne nachkommen. Dies war jedoch nicht die Antwort, die Ludwig hören wollte und so beschlich Heinrich ein Gefühl, dass er schnellstmöglich wieder nach Norden ziehen sollte.
Heinrich und Eleonore setzten trotzdem ihre Rundreise durch das Reich fort, die sie auch nach Bordeaux führte, wo Heinrich die Kathedrale und die Festung bewunderte.
Die Ernte in Aquitanien und der Gascogne drohte in diesem Jahr schlecht auszufallen. Es wurde erstmals mehr Bier als Wein getrunken. Aber schon bald drängte Heinrich wieder zum Aufbruch. Ihn hatte eine innere Unruhe erfaßt. Er wollte wieder nach Norden in die Normandie. Er befürchtete nach wie vor einen Angriff Ludwigs auf die Normandie. Außerdem plante er nach England zu gehen, um endlich seine Ansprüche auf die Krone durchzusetzen.
In Eilritten zog er nach Norden und erreichte binnen kurzer Zeit die normannische Küste und begab sich nach Barfleur, wo er sich nach England einschiffen wollte.
Als kurze Zeit nach seiner Ankunft ein Bote schließlich mit der Nachricht zu ihm kam, dass der französische König in die Normandie eingefallen war, befand er sich inmitten der Vorbereitungen zum Einschiffen.
Eleonore, die die Nachricht entgegengenommen hatte, ließ den König sofort in die Burg zurückrufen. Verärgert erschien Heinrich in seiner einfachen Kluft im großen Saal, wo Eleonore auf ihn ebenso wartete, wie mehrere seiner Getreuen.
"Was soll das? Wir waren gerade beim Verladen der Pferde als Dein Bote kam, und mir verkündete, ich solle zur Burg zurückkehren. Ich bin doch kein Stallbursche nachdem man so einfach schickt. Ich hoffe es ist etwas dringendes!" rief er aus und griff nach einem Humpen Bier.
Eleonore nickte und warf einen verstohlenen Blick auf den Boten, der sich reichlich unwohl fühlte. "Ludwig ist in die Normandie eingefallen", sagte Eleonore und erntete einen dankbaren Blick des Boten, dass sie Heinrich die schlechte Nachricht überbracht hatte.
Heinrich war gerade dabei mit seinem Messer ein Stück von dem kalten Wildbrett abzuschneiden, daß auf einem der Tische des großen Saales stand. Wütend warf er das Messer so kräftig auf den Tisch, dass es stecken blieb. "Verflucht!" entfuhr es ihm. Wütend drehte er sich zu Elenore um und sah ihr düster in die Augen. Die Anwesenden im Saal hielten die Luft an. Es entstand eine lange Pause.
"Ja", gab Eleonore zurück, "Dein Bruder Gottfried hat sich dem König ange-schlossen. Er erhebt Anspruch auf das Anjou."
Heinrich verzog gequält das Gesicht zu einer Grimasse. Gottfried behauptete noch immer, der verstorbene Vater habe es so verfügt. Heinrich schützte sich hinter der Behauptung, dass Gottfried der Schöne dies seinem jüngeren Sohn unter vier Augen gesagt haben mag, aber es nie verkündet oder es testamentarisch verfügen konnte. Was außer Heinrich in diesem Saal niemand wußte, war, dass es Gottfried der Schöne seinen beiden Söhnen gleichzeitig gesagt hatte, aber niemand außer den Brüdern den Wunsch des verstorbenen Vaters bezeugen konnte. Und Heinrich dachte nicht im Geringsten daran, seine Macht zu teilen. Sein Gesicht wurde feuerrot, ja fast schwarz. Schaum bildete sich vor Heinrichs Mund und er begann am ganzen Leib zu zittern. Er fiel zu Boden und stieß unkontrollierte Schreie aus und zuckte wirr.
Entsetzt sah sich Eleonore um. Niemand schien helfen zu wollen. Dies mußte einer der berühmten Anfälle der sogenannten `schwarzen Galle´ sein. Verzweifelt sah Eleonore von einem zum anderen, dann zu Heinrich der am Boden tobte und dann wieder zu den Umstehenden. Die Schreie erfüllten den Saal und ihr wurde es unheimlich zumute. Er rollte seine Augen, so dass nur das Weiße darin zu sehen war. Nach einigen Minuten wurde er leiser und ruhiger und die furchtbaren Schreie verstummten nach und nach. Heinrich war schweißgebadet und beruhigte sich langsam. Erst jetzt traten ein paar Ritter an ihn heran und zogen ihn hoch. Völlig erschöpft und ausgelaugt verlangte er nach dem Bier.
"Wir werden uns so schnell wie möglich sammeln und aufbrechen", befahl er heftig atmend. "Das werden sie beide bereuen."
"Wann werdet Ihr losreiten?" wollte Eleonore wissen.
"Noch heute", gab Heinrich zurück.
Sie runzelte die Stirn. "Ist das nicht zu voreilig? Vieles ist doch schon auf den Schiffen verladen."
"Wir werden entladen so viel es geht, alles andere muss uns folgen. Wenn wir schnell und überraschend handeln, dann haben wir einen entscheidenden Vorteil auf unserer Seite. Diesen will ich nicht so einfach aufgeben."
Noch am selben Tag ritten sie los. Heinrich wollte so schnell wie möglich nach Rouen. Er war kein Freund des Krieges. Heinrich gehörte nicht zu jener Sorte von Menschen, die mit viel Freude oder Enthusiasmus in den Krieg zogen. Auch übte er nicht ständig an den Waffen. Und wenn er es dann doch mal tat, dann mehr aus Gründen der Vernunft. Das bedeutete aber nicht, dass er den Kampf scheute. Wenn er in die Schlacht zog, dann war er in vorderster Linie dabei.
Das erste Ziel war Neufmarché, welches vor Ludwigs Truppen kapituliert hatte. Er eroberte es ebenso wieder zurück wie Pacy, Brezolles, Marcouville und Bonmoulins. Dann wandte sich Heinrich nach der Festung Montsoreau im Anjou, wo sein rebellischer Bruder Gottfried die Feste hielt. Der Krieg war noch keine sechs Wochen alt, als Heinrich fast schon wieder Herr der Lage war. Er musste nur noch seinen Bruder unterwerfen. Wenn ihm dies schnell gelänge, dann würde Ludwig den Mut verlieren.
Obwohl es August war, war es kühl im Anjou. Heinrich war darüber nicht undankbar. Eine Belagerung konnte immer lange dauern. Und bei allzugroßer Hitze breiteten sich schneller Krankheiten aus oder der Gestank aus den Latrinen wurde bestialisch. Statt dessen regnete es häufig, was das Lager aber wiederum in ein Schlammloch verwandelte.
Die Belagerung dauerte nach dem Geschmack von Heinrich schon viel zu lange. Dieser Feldzug hielt ihn von seinem eigentlichen Ziel, nämlich England, zu lange ab.
An einem kühlen Morgen stand er weit vor Sonnenaufgang auf und durchschritt das Lager. Die meisten schliefen noch. Ein paar Knappen waren bereits wach und schürten die Lagerfeuer. Andere kümmerten sich um die Pferde oder Rüstungen.
Am Ende des Lagers war das Zelt mit den Huren, die die Ritter auf jedem Feldzug begleiteten. Für sie waren die Feldzüge ein lohnendes Geschäft. Und unterlagen die Truppen, die sie begleiteten, dann spreizten sie eben bereitwillig die Beine für die Gewinner des Krieges.
Die Nacht davor hatte sich Heinrich mit einer Dirne aus Flandern vergnügt. Sie war ein junges Ding von höchstens sechzehn Jahren gewesen. Aber sie hatte bereits ausgereifte Brüste und langes, gelocktes Haar. Sie erinnerte ihn an die Mutter seiner Bastardsöhne Gottfried und Wilhelm, die er schon zu lange nicht mehr gesehen hatte. Heinrich seufzte auf und machte kehrt.
Morgennebel stieg auf und es dämmerte. Es war Zeit für den Angriff. Er sollte die endgültige Entscheidung bringen. Am Vortag hatte Gottfried noch ein Verhandlungsangebot mit spöttischen und höhnischen Worten abgelehnt. Heinrich war fest entschlossen, Gottfried noch an diesem Tage, um Vergebung bittend, vor sich zu sehen.
So nach und nach waren alle im Lager wach. An der entschlossenen Miene des Herzogs erkannten sie, dass die Schlacht unmittelbar bevorstand.
"Bringt mir meinen Helm und mein Schlachtroß!" befahl er den Knappen kurz angebunden. Zu seinen Getreuen gewandt sagte er: "Laßt uns zum Angriff übergehen."
Der Angriff begann mit den Wurf- und Schleudermaschinen. Riesige Felsbrocken wurden auf die Burg ebenso geschleudert, wie riesige brennende Pfeile. Der Belagerungsturm konnte aufgrund der Lage der Burg nur ungenügend eingesetzt werden. Und doch reichte es aus um die Ramme, auch Widder genannt, in Position zu bringen.
Mehrere Stunden vergingen mit dem Geschoßhagel ehe Heinrich den Befehl zum Sturmangriff gab. Seine Barone waren schon ganz ungeduldig geworden. Einer der Türme der Festung brannte und dicke, schwarze Rauchschwaden stiegen in den Himmel. Heinrich befahl die Wurfschleudern auf diesen Turm zu konzentrieren. Schließlich war er mit dem Ergebnis zufrieden. Der Turm war sturmreif.
"Konzentriert ein Drittel Eurer Truppen auf den Turm und legt die Sturmleitern an. Der Rest soll es über die Westseite versuchen. Möge Gott uns bei diesem Ablenkungsmanöver beistehen. Ich selbst werde beim Turm kämpfen. Wenn Gottfried mich dort sieht, wird er seine Truppen auf den Turm konzentrieren, während ihr von der Westseite die Mauern überwindet", befahl Heinrich seinen Baronen.
Und so geschah es. Wie Heinrich es vorausgesehen hatte, fiel Gottfried auf diese List herein und schon bald hatten Heinrichs Truppen die Mauern der Westseite erstürmt. Kaum erkannten die Belagerten die Finte, als auch der Turm erstürmt wurde. Heinrich kämpfte in der ersten Linie und erschlug zahlreiche Feinde. Es war nur eine Frage der Zeit wann die Festung fiel. Schließlich kapitulierten die Belagerten.
Im Burghof trafen Heinrich und Gottfried schließlich aufeinander. Während die Belagerer gemeinsam mit den Besiegten versuchten das Feuer zu löschen um ein Übergreifen auf die anderen Trakte der Burg zu verhindern, traten sich Heinrich und Gottfried gegenüber. Beide waren vom Kampf erschöpft.
Heinrich hielt das blutige Schwert noch in der Hand. Sein Schild hatte er während des Kampfes verloren. Seine Rüstung und das Kettenhemd waren vom Blut der erschlagenen Feinde besudelt.
Er klappte das Visier hoch und sah triumphierend auf Gottfried. Dieser hatte ein vom Ruß verschmiertes Gesicht. In seinen Augen brannte der Haß, aber auch die Furcht vor der Rache seines Bruder.
Minutenlang standen sie sich wortlos, heftig atmend, gegenüber. Schließlich brach Heinrich die beinahe unheimliche Stille.
"Ich sollte Dich für diesen Verrat wie einen Vogelfreien erschlagen. Und ich hätte gute Lust dieses zu tun. Aber Du bist mein Bruder. Du bist es nicht wert, daß ich mit dem Kainsmal gezeichnet werde. Unsere Mutter würde diesen Brudermord nie verzeihen. Das ist Deine Rettung. Unterwirf Dich und Du sollst Dein Leben behalten können. Unterwirfst Du Dich nicht, so lasse ich Dich zwar am Leben, werde Dich aber bis an Dein Lebensende einkerkern lassen. Und ob der Tod nicht der Kerkerhaft vorzuziehen wäre...", Heinrich sprach den Satz nicht zu Ende. "Entscheide Dich!"
Gottfried schloß für einen Moment die Augen. Der Rauch biß in seinen Augen. Aber es sollte auch niemand sehen, wie er mit den Tränen zu kämpfen hatte. All das wofür er gekämpft hatte, hatte er verloren. Nun blieb ihm die Demütigung des Kniefalles nicht erspart, wollte er überleben. Er wußte, die Kerkerhaft wäre nichts anderes als der Tod. Nur schleichender.
Er fiel auf die Knie und senkte den Kopf. "Ich unterwerfe mich dem Grafen von Anjou und Herzog der Normandie und bitte diesen um Vergebung."
Heinrich nickte triumphierend. "Dir sei Vergebung gewährt." Dann stapfte er davon. Es gelüstete ihn nach einem Bad und einer Dirne. Irgendwie mußte er jetzt versuchen den Verrat und die Niedertracht seines Bruders zu vergessen. Der Sieg über Gottfried beendete auch den Krieg. Ludwig erkannte im Gegenzug für den Frieden die Heirat an. Etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig.
Eleonore hatten schon von diesen guten Nachrichten gehört, als Heinrich noch auf dem Weg zu ihr nach Caen war. Sie fieberte der Begegnung ebenso entgegen, wie Heinrich. Sie hatte ihn schon nach wenigen Tagen vermißt und freute sich auf das Wiedersehen.
Endlich überbrachte ihre Zofe die Nachricht, dass der Herzog im Burghof eingetroffen sei. Sie ließ alles stehen und liegen und eilte ihm auf der Treppe entgegen. Überschwenglich fielen sie sich in die Arme und küßten sich.
"Willkommen in Caen", sagte sie und sah ihm in die Augen. Sie strahlten nicht minder weniger als ihre.
"Danke", gab er zurück, "ich bedaure es sehr, Euch solange allein gelassen zu haben, aber die Verhandlungen zogen sich lange hin."
"Das Ergebnis entschädigt mich dafür", antwortete sie und streichelte ihm über das Gesicht.
"Es ist schön wieder bei Dir zu sein", sagte er zu ihr.
Sie lächelte dankbar.
"Leider werde ich nicht allzu lange bleiben können. Der Aufbruch nach England duldet keinen langen Aufschub mehr. Sobald wie möglich breche ich auf."
Sie seufzte. Heinrich fand nie Ruhe. Er reiste ständig von einem Ort zum anderen. Ludwig war da ganz anders gewesen. Doch ihr gefiel es. Ja, sie hatte immer mehr das Gefühl, dass Eleonore und Heinrich füreinander geschaffen waren. Sie blühte an seiner Seite auf. Zwar waren die vielen Reisen anstrengend, aber nie langweilig. Und sie lernte so auch seine Länder und dessen Bewohner kennen. Dafür liebte sie ihn.
"Aber Du wirst doch hoffentlich noch diese Nacht bei mir bleiben und das Bett mit mir teilen. Immerhin hast Du mich lange genug alleine gelassen", meinte Eleonore und sah ihn hoffnungsvoll an.
Er erwiderte den Blick und musste grinsen.
"Natürlich", sagte er und küßte sie leidenschaftlich.

Kapitel 7


England 1153

Ein kalter und stürmischer Winterwind fegte über die englische Küste. Eine dünne Schneeschicht lag über dem Land und es schien so, als wolle der Schnee das Elend und die Armut in diesem Lande bedecken.
Heinrich saß auf seinem Schlachtroß hoch über den Steilklippen und sah zum kleinen Strand hinab, wo die Schiffe gelandet waren und nun Mensch und Tier, Waffen und Proviant entluden. Heinrich überkam eine nervöse Anspannung. Endlich war es soweit. Nachdem er Weihnachten noch mit Eleonore zusammen verbracht hatte, war er im Januar mit seinen Vorbereitungen zur Überfahrt über den Kanal soweit, dass er übersetzen konnte. Am Epiphaniastag landete er nach einer unruhigen Überfahrt in England.
Dieser Feldzug, von dem so mancher meinte, dass es ein Fehler sei, im Winter anzugreifen, sollte ihm die Krone von England einbringen. Die Vorzeichen standen nicht schlecht. Stephan von Blois hatte sich beim Volk unbeliebt gemacht, als er die flämischen Söldner ins Land holte, die nicht nur die arme Bevölkerung ausplünderten, sondern teilweise in manchen Gegenden, die königliche Macht ersetzten und die Gewalt buchstäblich ausübten. Zahlreiche Mädchen und Frauen wurden von ihnen geschändet und mißhandelt.
Heinrich hatte früher schon Gelegenheit gehabt, die brutale Willkür der Flamen kennenzulernen und hatte sie zu hassen gelernt. Dieser Haß paarte sich mit der Wut auf das Haus Blois. Das sollte jetzt ein Ende haben. Er trieb sein Pferd an und ritt zum Strand hinab. Er befahl seinen Heeresführern die Entladung fortzusetzen und nahm eine Handvoll Ritter und Gewappnete.
Gleich in der Nähe der Küste war ein kleines Dorf. Die Straße durch den Ort war schlammig und morastig. Eine trügerische Ruhe umschloß den Ort, ja man mochte annehmen, dass der Krieg nie den Ort erfaßt hatte und alles in eine friedvolle Atmosphäre tauchte. Ein paar Gänse schnatterten aufgeregt, als die Reiter erschienen. Ein paar magere Schweine waren in einem Verschlag eingepfercht und grunzten laut. Niemand von seinen Bewohnern war zu sehen. Am Ende des Ortes war eine Kirche, die zu einem großen Teil aus Holz gebaut war.
Heinrich und sein Gefolge zügelten die Pferde und saßen ab. Sie hörten Stimmen aus der Kirche. Sie öffneten das Portal und sahen, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war. Offenbar waren alle Anwohner hier zusammengekommen. Alle Augenpaare sahen ihm entgegen, aber sie unterbrachen das Lied, dass man angestimmt hatte, nicht.

"Siehe, da kommt der König, der Sieger!"

Einen Moment lang zögerte Heinrich, dann beugte er das Knie und bekreuzigte sich. Sollte dies ein gutes Omen sein? Ein Zeichen des Himmels? Heinrich sah in die Gesichter der Leute und beschloß es als ein gutes Omen zu betrachten. Sie schienen müde und ausgemergelt zu sein. Der Gesang verstummte und eine unheimliche Stille breitete sich aus.
Ein Hüne von einem Bauern - er maß bestimmt zwei Meter - zeigte keine Furcht. Er musterte das Wappen des Fremden, schien es jedoch nicht zu kennen. "Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?" rief er mit seiner tiefen Stimme Heinrich entgegen.
Heinrich sah zuerst ihn, dann jeden einzelnen von ihnen an. Dann sagte er so laut, dass es jeder hören konnte: "Ich bin Heinrich Plantagenet. Herzog der Normandie und Graf von Anjou und Maine. Und mein Begehr ist die Krone von England."
Die Leute antworteten ihm mit einem tiefen Schweigen. Es war wieder der Hüne, der das Wort ergriff. "Verzeiht, wenn wir unser Knie nicht beugen. Aber Euer Erscheinen bedeutet wieder Krieg und Leid. Davon hatten wir in den letzten Jahren genug. Wir wissen also nicht, ob wir über Euer erscheinen froh sein sollen oder ob wir diesen Tag verfluchen sollen. Doch wenn Ihr gekommen seid um die Flamen aus dem Land zu jagen, Gerechtigkeit einzusetzen und Frieden zu bringen, dann seid willkommen."
Heinrich sah in die feindseligen Gesichter. Er nickte langsam. "Ihr habt Mut. Das gefällt mir. Und ich wünsche mir von meinen künftigen Untertanen, dass sie auch in Zukunft nicht vor einem fremden Herrn Ihr Knie beugen."
Sie verließen die Kirche und schlossen das Portal. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, stimmte die Gemeinde ein neues Lied an.
Die Landung von Heinrich Plantagenet an der Küste Englands im Winter löste einen Schock bei Stephan von Blois aus. Eilig zog er seine Truppen zusammen. Er war nicht gewillt, sich dem Sohn Mathildes, der "Kaiserin" und langjährigen Gegnerin, zu unterwerfen. Doch er konnte es nicht verhindern, dass der Ort Malmesbury und seine dort stationierten Truppen überrannt wurden. Und auch bei den folgenden Scharmützeln zogen die Truppen des Königs meist die Flucht vor. Die Moral unter den königlichen Truppen war sehr schlecht.
Als Heinrich in England landete war Stephan gerade dazu übergegangen die Festung Wallingford, in der sich einer von Mathildes - und damit von Heinrichs - Anhänger verschanzt hatte, zu belagern. Da sie strategisch sehr wichtig war, zögerte Stephan die Belagerung aufzugeben. Doch der Vormarsch des Plantagenet zwang ihn schließlich, dem Emporkömmling doch entgegen zu ziehen. An der Themse trafen beide Heere aufeinander. Doch es regnete ununterbrochen und der Fluß schwoll zunehmend an. Keiner der Gegner wagte es den Fluß zu überschreiten. Die meisten wären in ihren schweren Rüstungen in die Fluten gerissen worden, und diejenigen, die es vielleicht doch ans andere Ufer schaffen würden, würden von einem ausgeruhten Gegner niedergemacht werden. Und so lagerten sich beide Heere an den Flußufern gegenüber. Mehrere Tage vergingen und es dauerte nicht lange bis sich Unmut breit machte.
Heinrich saß in seinem Zelt und lauschte auf das Prasseln der Regentropfen. Wenn doch wenigstens der Regen aufhören würde, grollte er. Viele seiner Soldaten waren krank und husteten unaufhörlich, viele waren sogar kampfunfähig. Von Spionen wusste er, dass es Stephan von Blois jedoch nicht besser erging. Das Holz war naß und kein Lagerfeuer konnte entzündet werden, was die Kälte erträglicher gemacht hätte.
Heinrich wanderte in seinem Zelt unruhig auf und ab. In Sichtweite lagerte sein ärgster Feind. Es war die Gelegenheit sich mit ihm zu schlagen und eine Entscheidungsschlacht herbeizuführen. Stattdessen saßen sie hier fest und konnten nicht das Geringste tun. Ein paar Knappen hatten versucht sich Wärme zu verschaffen, indem sie ein kleines Feuer in einem der Zelte machten, welches daraufhin Feuer fing und abbrannte. Und selbst die Huren zogen die Wärme der Bordelle in den Städten vor, anstatt dem Troß zu folgen.
So verging Tag um Tag. Endlich hörte der Regen auf, doch der Fluß war noch immer gefährlich angeschwollen, so dass an ein Übersetzen oder an eine entscheidende Schlacht nicht zu denken war. Die Unterbrechung war nur von kurzer Dauer und es begann erneut zu regnen.
Schließlich gab Stephan von Blois entnervt auf und zog sich vom Fluß zurück. Heinrich fluchte. Er hätte es lieber gesehen, wenn er Stephan zur Entscheidungsschlacht hätte zwingen können, konnte jedoch nichts dagegen machen, dass Stephan ihm nun auswich. Sofort begab sich Heinrich nach Wallingford. Heinrich wollte dort jedoch nur solange bleiben, wie es gerade notwendig war, neue Kraft zu sammeln, ausreichend Proviant und Brennholz zu laden, und seine Strategie zu überdenken. Er wußte, dass er schnellstmöglich weiterziehen mußte, bevor Stephan seine Verteidigung neu aufbauen konnte. Heinrich wollte nach Oxford ziehen. Hier waren die wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebiete Mittelenglands, und die galt es zu sichern, bevor Stephan das Gebiet um Oxford ausreichend sichern konnte.
Der Marsch auf Oxford wurde zu einem wahren Triumphzug. Dort wo man auf Widerstand stieß, wurde er schnell gebrochen. Aber in den meisten Ortschaften wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen, besonders als bekannt wurde, dass er hart gegen die flämischen Söldner vorging, die überall verhaßt waren. Die Bevölkerung von Oxford öffnete die Tore der Stadt. Sie hatte genug vom Krieg.
Heinrich und seine Ritter bezogen die Burg, die einst einer von Stephans Anhänger ausgebaut hatte, der jedoch den Mut verloren hatte, nachdem die Bürger der Stadt die Tore geöffnet hatten. Widerstandslos marschierte der junge Plantagenet in die Burg ein. Hier stieß auch seine Mutter Mathilde zu ihm, die aus der Normandie frische Truppen heranführte.

Er brütete gerade über das weitere Vorgehen, als ihm Robert von Salisbury, einer der engsten Anhänger des Angeviners das Eintreffen seiner Mutter verkündete. Heinrich wollte ihr entgegengehen, doch sie trat hinter dem Grafen in den Raum.
"Mutter", rief er aus und machte eine Verbeugung und küßte ihre Hand.
Sie sah noch sehr gut aus und das Wiedersehen mit ihrem Sohn bereitete ihr eine sichtbare Freude. Sie streichelte ihm über das Haupt und lächelte. "Mein Sohn, ich freue mich Dich zu sehen", sagte sie und strahlte.
"Die Freude ist ganz meinerseits", gab Heinrich zur Antwort, "aber es war riskant für Euch die Normandie zu verlassen."
Mathilde winkte ab. "Viel zu lange habe ich auf diesen Tag warten müssen. Ich will nicht tatenlos mit ansehen, wie Du Dich in einen langen Feldzug verstrickst. Doch offenbar habe ich mich getäuscht. Auf dem Weg hierher hörte ich von großen Fortschritten, die Du gemacht hast."
Heinrich´s Stolz war unübersehbar. Doch dann schüttelte er mißmutig den Kopf. "Leider ist der Feldzug nicht so erfolgreich, wie ich in mir wünschte. Einmal nur schien es so, als würde sich Stephan der Schlacht stellen. Doch dann verhinderte dies der Regen."
"Wie ich von den Leuten hörte, ist es um die Armee des Ursupators schlecht bestellt. Das wird der Grund sein, weshalb er Dir ausweicht. Was gedenkst Du zu tun?"
"Ich werde hier die Stellung ausbauen und dann direkt in sein Herz zielen. Und das ist London."
Sie nickte und sah sich um. "Du hast Deine Gemahlin in der Normandie ge-lassen?" meinte sie. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Heinrich nickte. "Ja, ich brauche sie dort. Ich kann Ludwig und auch Eurem jüngsten Sohn nicht trauen. Eleonore hat in Aquitanien bewiesen, dass sie ein Herzogtum regieren kann."
Bei der Erwähnung Gottfrieds verdunkelten sich kurz ihre Augen. Sie sah zum Fenster hinaus. "Gottfried wird sich ruhig verhalten. Ich habe ihm geschrieben. Und er hat es mir versprochen." Sie erwähnte nicht, dass sie ihm damit gedroht hatte, ihn zu verfluchen und gegen ihn zu Felde zu ziehen, sollte er Heinrich nochmals verraten. "Eleonore ist wohl eine kluge Frau", meinte sie, "ich habe schon viel von ihr gehört."
Heinrich lächelte bei den Gedanken an sie. "Oh, ja. Das ist sie. Ich bedaure es, dass Ihr sie noch nicht kennengelernt habt. Und sie ist schön."
Der Anstand verbat ihr zu sagen, dass ihr die Männer leicht verfielen und auch ihr verstorbene Gatte von ihr angetan war. Ob es zu mehr gekommen war, wußte sie nicht. Und es interessierte sie auch nicht. "Hast Du ihr von den Bastarden erzählt, die Du hast?"
Er nickte. "Ja, ich will sie auch an meinem Hof erziehen lassen. Aber sagt, wie geht es meinem Sohn Gottfried?"
Das war wieder typisch für ihn, dachte sie. Von seinem zweiten Kind Wilhelm wollte er nichts wissen. "Soweit ich es weiß ganz gut. Und der Mutter auch.? "Heinrich zuckte mit den Achseln. "Ich weiß es noch nicht. Aber ich denke schon."
Sie seufzte auf und nahm das Gesicht ihres Sohnes zwischen ihre Hände. Sie streichelte ihm die Wangen. Dann ließ sie ihn los. "Ich bin etwas müde von der Reise. Ich werde mich jetzt zurückziehen."
Heinrich küßte ihre Hand und verbeugte sich leicht.
Sie ging. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, griff er nach einem Becher Wein und leerte ihn in einem Zug. Dann setzte er sich an den Eichentisch und lehnte sich in dem Stuhl zurück. Das Wetter war die letzten Tage besser geworden und es drängte ihn zum Aufbruch nach London. Aber er wußte auch, dass er Stephan in London nicht besiegen könnte. Es muß in einer offenen Feldschlacht sein. Nur da habe ich eine Chance, dachte der junge Plantagenet.
Einige Tage später erschien eine berittene Abordnung. Die Abordnung wurde von einem Geistlichen angeführt, der mittleren Alters war, und dessen Tonsur kaum noch sichtbar war.
Heinrich empfing sie in der großen Halle. Seine Mutter erkannte sofort in wessem Auftrag sie kamen. "Ein Bote von Theobald, dem Erzbischof von Canterbury", sagte sie und sah der Abordnung ebenso gespannt entgegen, wie Heinrich.
Ein Augustinermönch schien ihr Anführer zu sein. Er trat vor Heinrich. Heinrich fiel sofort auf, dass der Augustiner sehr respektvoll und höflich auftrat, aber keinesfalls unterwürfig.
"Wir bringen Euch einen Brief des Erzbischofs von Canterbury, Mylord. Wir haben die Order so lange zu warten, bis Ihr eine Antwort formuliert habt", sagte der Augustiner und überreichte dem Grafen und Herzog den Brief.
Heinrich nickte und deutete auf einen großen Kochtopf über eine der Feuerstellen. "Wenn Ihr Hunger haben solltet, dann bedient Euch. Man wird Euch Brot und Wein bringen."
"Verzeiht, Mylord. Wir haben sehr wohl Hunger. Es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten auf dem Weg hierher Proviant zu sich zu nehmen. Aber als Zeichen meiner Verbundenheit mit den Bauern bitte ich Euch um nichts anderes als gewürztes Wasser", gab der Mönch zurück.
Heinrich sah ihn erstaunt an. "Das ist selbst für einen Augustiner ein sehr bescheidenes Mahl. Ich hätte nicht gedacht, dass es dies in England noch gibt. Aber nun gut. Euer Wunsch möge erfüllt werden. Wo habt Ihr Eure Ausbildung gemacht?"
"Im Seminar von Menton", antwortete der Mönch. Ein seltsamer Mönch. Aber er war Heinrich sympathisch. Bei allem Machthunger hatte Heinrich nie den Sinn für Gerechtigkeit verloren. Und ihm schien, als sei hier ein Mensch, der genauso wie er dachte.
Er nahm den Brief, brach das Siegel und las ihn. Danach legte er ihn zur Seite, und lehnte sich in dem feingeschnitzten und reichhaltig verziehrten Stuhl zurück und sah dem Mönch in die Augen. Dann sah er seine Getreuen nacheinander an und letztendlich auch seine Mutter. Ein Anflug von Triumph lag in seinen Augen.
"Es ist ein Brief von Theobald, dem Erzbischof von Canterbury"
Er hielt inne um seine Worte wirken zu lassen. An den Blicken, die ausgetauscht wurden, erkannte Heinrich, dass alle vor Neugier platzten. "Der Erzbischof bietet sich als Vermittler in Verhandlungen zwischen Stephan von Blois und mir an", vermeldete Heinrich laut, wobei er bewußt das Wort "König" vermied, "er schreibt, das Land sei ausgeblutet vom Bürgerkrieg, die Not groß, und die flämischen Söldner drangsalieren die Bevölkerung, als seien sie eine von den Plagen, die Gott gesandt habe. Zu viele Söhne seien gemordet, zu viele Töchter geschändet worden. Stephan von Blois habe ihn zu Verhandlungen bevollmächtigt."
Ein Raunen ging durch die Runde. Manch einer sah erleichtert aus. Sollte der Krieg endlich eine Ende nehmen? Frieden war plötzlich in Sicht. Man könnte nun wieder die Felder bestellen und ernten ohne Angst zu haben, plötzlich überfallen, geplündert oder gar ermordet zu werden. Der Hunger im Land, der in den letzten Jahren zum Alltag gehörte, würde verschwinden. Manche Leibeigene könnten wieder zu ihren Familien nach Hause gehen. Und auch der Adel müßte nicht mehr unter den Kriegslasten leiden.
Heinrich kannte die Stimmung unter der Bevölkerung. Hatte er sie nicht selbst verspürt; hatte ihn seine Mutter nicht oft genug daran erinnert? Und auch für Heinrich käme diese Verhandlungslösung zugute. Er konnte so vielleicht schnellstmöglich in die Normandie zurück, die er immer noch von seinem Bruder und Frankreichs König bedroht sah. Zwar hielten beide für den Augenblick still, aber man konnte es nie wissen, was sie ausheckten. Und letztendlich würde es seine eigene Kriegskasse entlasten. Zudem vermißte er Eleonore, die im Poitou und in der Normandie die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Doch sie war schwanger und er hoffte, in ihrer Nähe sein zu können, wenn es soweit war. Alle diese Dinge schwirrten Heinrich durch den Kopf.
"Ein in der Tat überraschendes Angebot", bemerkte Mathilde eisig, "aber was ist mit den anderen Bischöfen? Und dem Adel? handelt Stephan mit dessen Unterstützung?"
"Ihr habt Zweifel weil Ihr nur das Siegel des Primas unter dem Brief findet?" fragte der Mönch höflich.
"Genau das. Wir alle wissen, dass ohne dem Siegel des Bischofs von Winchester, Heinrich von Blois, dem Bruder des Königs, dieser Brief wenig Wert hat."
"Verzeiht, aber ich glaube Ihr überschätzt den Einfluß des Bischofs von Winchester. Aber seid versichert, dass auch Heinrich von Blois dieses Vorhaben unterstützt. Ich war selbst dabei als er dem Primas und dem König seine Unterstützung zusagte."
Heinrich erhob sich. "Und trotzdem: Wir alle wissen, dass das Verhältnis zwischen Stephan von Blois und dem Primas von England nicht immer das Beste war. Ein Brief, der die Siegel des Königs und des Bischofs von Winchester tragen würde, würde unser Mißtrauen beseitigen. Genau dies werde ich als Antwort mitteilen." Heinrich trat vor den Augustiner und musterte ihn. "Schreiber", rief er schließlich, "gebt den Bischöfen diese Antwort. Aber schreibt auch nieder, dass wir zu Verhandlungen bereit, aber unsere Forderungen hoch sind."
Man gab die Antwort dem Boten wieder mit, der sich umgehendst auf den Weg machte.
Es folgte ein reger Briefwechsel zwischen Heinrich, den Bischöfen und dem König, in denen die Bedingungen ausgehandelt wurden. Inzwischen erreichte Heinrich die Kunde, daß der König schwerkrank sei. Daraufhin forderte Heinrich die Anerkennung zum Nachfolger des Königs. Als der Brief mit der Forderung des jungen Plantagenets am Hofe Stephans eintraf, machte sich zunächst Entrüstung breit.
"Wie kann er eine solche Forderung erheben?" rief Eustachius von Boulogne, der Sohn des Königs, erbost aus.
Stephan saß auf einem reichverzierten und mit prachtvollen Schnitzereien versehenen Stuhl im großen Saal des Palastes von Westminster. Sein grauer, sorgsam gestutzter Bart unterstrich die Blässe. Er wirkte müde. Um ihn hatten sich die Bischöfe von Winchester und Canterbury, aber auch mehrere Barone versammelt.
"Eine ungeheuerliche Forderung", rief der Graf von Arundel aus.
Stephan musterte den Grafen und seinen Sohn mit müden Augen. Er fror in dem schlechtbeheizten Saal und legte sich seinen Mantel auf die Beine. Stephan von Blois hatte sich die Krone aufgesetzt, die schwer auf ihn drückte.
"Ich fürchte, die Idee ist - aus der Sicht des Angeviners - gar nicht einmal dumm", meinte Heinrich von Blois schließlich, der wesentlich kräftiger und jünger als sein Bruder auf dem Thron wirkte. Sein Gesicht war von gesunder Farbe und sein Haar war nur leicht ergraut, während das des Königs schon fast weiß war. Heinrich von Blois - so sagte man - rasierte sich täglich mit einem scharfen Messer und verachtete Eustachius von Boulogne wegen seiner Grausamkeit.
"Seid Ihr verrückt? Was ist in Euch gefahren?" schrie Eustachius und trat drohend einen Schritt auf seinen Onkel zu. Sein Gesicht war feuerrot angelaufen. Eustachius´ Hände zitterten vor Wut.
Stephan erhob seine zittrige Stimme und fuhr seinen Sohn an: "Haltet Euch zurück. Lasst Ihn reden."
Nur mühsam konnte sich Eustachius von Boulogne zurück halten.
"Heinrich Plantagenet ist nicht dumm. Er weiß, dass wir Frieden wollen. Er selbst weiß, dass im Falle eines Krieges der Vorteil auf seiner Seite liegt. Aber er will die Sache möglichst unblutig beenden. Das erspart allen viel Leid, spart Kosten und Zeit."
"Was wollt Ihr damit sagen?" fragte Stephan seinen Bruder, dem Bischof von Winchester. Heinrich von Blois sah seinen Bruder an. Es gab mal eine Zeit, da verehrten sich die Brüder gegenseitig und standen zu einander. Doch inzwischen war eine unüberbrückbare Distanz errichtet worden. Stephan hatte einst seinen Bruder bei der Besetzung des Primasstuhls hintergangen. Und Heinrich hatte sich gerächt, indem er die Sache von Mathilde unterstützt hatte. Trotzdem hatten sie wieder zu einander gefunden. Ihre gemeinsamen und persönliche Interessen machten sie von Natur aus zu Verbündeten. Doch beide wussten, dass ihre persönlichen Interessen sie auch schnell trennen und zu Gegnern machen konnten.
"Ich glaube der Bischof von Winchester versucht uns klar zu machen, dass wir kaum eine Wahl haben", meinte Theobald von Bec und Erzbischof von Canterbury.
"Ihr meint, wir sollten auf diese Forderung eingehen?" fragte Stephan und erblaßte noch mehr.
"Vater", rief Eustachius, "wie könnt Ihr daran auch nur denken. Ihr verratet mich."
Stephan von Blois erhob seine zitternde Hand. "Warte. Lasst den Erzbischof sprechen."
Theobald sah sich unsicher um. Er konnte in den Augen der Versammelten ablesen, dass sie ihm beipflichten würden. "Nun, Heinrich von Blois hat es richtig gesagt. Lehnen wir ab, wird es zu einer militärischen Lösung kommen. Wie diese aussieht ist uns allen klar."
"Und wenn schon", rief erzürnt Eustachius aus, "lieber mit dem Schwert in der Hand sterben, als diesem Angeviner nachzugeben."
"Das mag Eure Empfindung sein. Doch wir müssen an England denken. Das Land leidet. Man ist des Bruderkrieges leid. Adoptiert Ihr Heinrich Plantagenet, so könnt Ihr von ihm einfordern, dass ihr König von England bleibt. Ein Anspruch auf die Krone ergibt sich für Heinrich erst nach dem Tod des Königs und seines Sohnes Eustachius. Doch so lange diese am Leben sind, kann der Angeviner nicht nach der Krone greifen."
"Das ist ein fauler Handel. Was sollte den Angeviner abhalten nach dem Tode des Königs mich von der Thronfolge zu verdrängen?"
"Heinrich wird einen Eid vor Gott ablegen müssen. Darauf werden wir bestehen", gab Stephan zu verstehen. Man sah dem König an, dass er verzweifelt nach einer anderen Lösung suchte.
Verächtlich schnaubte Eustachius aus. "Ihr wißt doch wie die Angeviner sind. Ich bitte Euch, ich flehe Euch an: Lehnt diesen Pakt ab. Bleibt hart." Bei diesen Worten war er auf die Knie gefallen und mit tränengefüllten Augen sah er seinen Vater an. Dieser wich ihm unsicher aus. "Wir haben keine Wahl. Schreibt Heinrich, dass wir seine Forderung unter der Voraussetzung erfüllen, dass er mich und meinen Sohn als König und Erben anerkennt. Erfüllt er diese Bedingung werde ich seinem Wunsch entsprechen."
Wutentbrannt sprang Eustachius auf und lief aus dem Saal noch ehe er zurück gehalten werden konnte.
Eustachius von Boulogne, der Sohn des Königs, sah sich, mit den Verhandlungen und der ungeheuerlichen Forderung des jungen Plantagenet, plötzlich von der Thronfolge ausgeschlossen. Darüber geriet er so in Wut, dass er auszog und die Ländereien des Erzbischofes verwüstete, dem er die Schuld an der entstandenen Situation gab.
Er wollte den Kampf. Mit einem Schlag wurde er allen Hoffnungen auf die Krone beraubt.
Als bekannt wurde, dass Eustachius mit seinen Horden, die Ländereien des Erzbischofes verwüstete, trafen Heinrich und Stephan von Blois in Westminster aufeinander. Zu diesem Zeitpunkt überschlugen sich die Schreckensbotschaften aus den Gegenden, die Eustachius bereits durchzogen hatte.
Zunächst wagte Heinrich es nicht, die Höhle des Löwen zu betreten. Erst als ihm die Bischöfe freies Geleit und Unversehrtheit zusicherten, ritt Heinrich zum königlichen Palast in Westminster.
Stephan von Blois war krank, müde und gebrochen. Heinrich wurde von Robert von Salisbury und einem Normannen namens Richard Fitzgilbert de Clare begleitet. Der Erzbischof von Canterbury war in Begleitung von Roger von Pont-l´Eveque, dem Erzdiakon von Canterbury, und dem Augustinermönch erschienen, den Heinrich bereits kennengelernt hatte, dessen Namen er aber immer noch nicht kannte.
Heinrich von Blois, Bruder des Königs und Bischof von Winchester, flankierte den König, während der Erzbischof zum König Abstand hielt. Das Verhältnis zwischen dem König und Theobald war nicht immer ohne Probleme und Differenzen gewesen.
Heinrich trat dem König selbstbewußt entgegen und zollte ihm nur das Mindestmaß an Respekt. Gerade so viel, dass es nicht als frech und unhöflich bezeichnet werden konnte.
"Heinrich Plantagenet", eröffnete Theobald von Canterbury die Verhandlungen und machte somit allen deutlich, auf wessen Betreiben diese Verhandlungen überhaupt zustande gekommen waren, "Ihr seid vor den König von England mit Forderungen getreten, die einen Frieden kaum möglich machen. Seid Ihr Euch bewußt dessen, was Ihr fordert? Eustachius von Boulogne muss ja zwangsläufig in Euch eine Gefahr sehen. Wie wollt Ihr es da je zum Frieden bringen?"
Heinrich nickte und lächelte den Erzbischof spöttisch lächelnd an. "Ehrwürdiger Vater", sagte er, "es sind Eure Ländereien, die Eustachius verwüstet. Weshalb versucht Ihr ihn in den Schutz zu nehmen? Fünfzehn Jahre wurde Krieg um eine Krone geführt, die das Haus Blois nur deshalb trug, weil der Adel sein Wort gebrochen hatte. Das Wort, welches dem König von England, meinem Großvater, gegeben wurde. Wir könnten um die Krone kämpfen. Wie schon seit fünfzehn Jahren auch. Aber jeder hier im Saal weiß, dass der Krieg nur sinnloses Blutvergießen bedeuten würde. Die militärische Ausgangslage für Stephan von Blois ist aussichtslos. Das Volk will das Ende des Krieges. Ich also verlange nichts anderes als Gerechtigkeit. Ich verlange die Krone Englands."
Stephan von Blois sog die Luft scharf ein. Sein Blick wurde kalt und für einen Moment schien die Kraft in seinen ausgelaugten Körper zurückzukehren.
Der Augustiner beugte sich zu Theobald vorüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser nickte nur kurz.
"Ihr verlangt Gerechtigkeit, sagt Ihr. Was aber gibt Euch das Recht zu urteilen, was Recht und Unrecht ist? Warum wählte der Adel Stephan von Blois zum König? Weil es das Schlimmste für England befürchtete, wenn Euer Vater König geworden wäre. Ist es Unrecht nach seinem Gewissen, das Wohl eines Landes zu gewahren, zu handeln? Und vergeßt nicht:
Die Adoption ändert nicht die Thronfolge. Als legitimer Sohn folgt Eustachius von Boulogne dem König auf den Thron"
Heinrich lächelte säuerlich. Statt Theobald sah er den Augustiner an, der seinem Blick stand hielt. "Wer war im Recht als Arius und Athanasios ihren Streit austrugen? Wer war im Recht? Aristoteles oder die Bürger von Athen? Oder wer ist im Unrecht wenn die Kirche ein Gottesurteil fordert? Es ist immer derjenige gewesen, der gewonnen hat. Der überlebt hat. Der Stärkere. Wer also ist der Stärkere? Stephan von Blois oder ich, Heinrich Plantagenet? Stephan von Blois hat Bedingungen gestellt. Ich kenne sie. Ich für meinen Teil bin bereit diese Bedingung zu erfüllen, soweit weder Gesetz und Ordnung gebrochen werden"
"Was meint Ihr damit?" wollte Heinrich von Blois wissen.
"Eustachius von Boulogne verwüstet die Ländereien und Güter des Erzbischofes von Canterbury. Ich kann sein Handeln nicht gutheißen."
"Ihr erklärt somit hier öffentlich, dass Ihr Eustachius von Boulogne nicht als den Thronerben anerkennt?" rief Stephan von Blois erstaunt aus. Ein Raunen ging durch den Saal.
"Eustachius von Boulogne verwüstet die Ländereien des Primas von England entgegen Eurem ausdrücklichem Befehl. Oder verwüstet er das Land auf Euer Geheiß? Wenn ja, dann wäre es ein Bruch des Waffenstillstandes. Oder soll ich besser sagen, dass es eine Kriegserklärung gegen mich darstellt? Doch dies will und kann ich nicht glauben. Aber wenn Eustachius entgegen Eurem Befehl handelt, wie nennt Ihr das dann? Ich nenne es Hochverrat! Ist England schon so tief gesunken, dass es einen Hochverräter auf dem Thron duldet?"
Erneut erfüllte ein Raunen den Saal. Heinrich erntete bewundernde Anerkennung des Augustiners. Der Erzdiakon Roger von Pont-l´Eveque dagegen lächelte säuerlich.
Stephan von Blois richtete sich auf dem Thron auf und funkelte den Angeviner wütend an.
"Heinrich Plantagenet, Graf von Anjou und Herzog der Normandie. Ihr habt eine kühne Zunge. Der Papst in Rom hat mich als rechtmäßiger König von England anerkannt. Wollt Ihr dem Papst Unrecht vorwerfen? Ich bin mit Gottes Gnaden zum König gewählt worden. Vergeßt das nicht. Alles andere wäre Ketzerei."
Robert von Salisbury und Richard Fitzgilbert de Clare wurde es zunehmend mulmiger zumute. Die Atmosphäre wurde zunehmend hitziger und angespannter.
"Es ändert nichts an der Tatsache, dass Ihr die Lage in England nicht mehr unter Kontrolle habt", konterte Heinrich, "sogar über Euren eigenen Sohn habt Ihr die Kontrolle verloren.
Der König stöhnte auf und lehnte sich auf dem Thron zurück. Er sah blaß aus. Die Nachricht vom Aufstand seines Sohnes hatte ihn schwer getroffen.
Theobald spürte, dass er vermittelnd eingreifen mußte. Verspürte er doch eine gewisse Sympathie für den Angeviner, so spürte er auch instinktiv, daß Heinrich Plantagenet ein sehr unbequemer Gegner sein würde. In welcher Eigenschaft auch immer. Man mußte sich vor ihm in Acht nehmen.
"Eustachius von Boulogne ist ein Heißsporn....", versuchte er zu beschwichtigen.
"...der das Land verwüstet, weil er die Krone mit Gottes Gnaden verloren hat", fiel ihm Heinrich ins Wort.
"Die Ihr ihm rauben wollt!" rief der König erbost aus.
Der Bischof von Winchester legte die Hand zur Beruhigung auf den Arm des Königs.
Doch nun geriet Heinrich so richtig in Wut. Er lief vor Zorn rot an und schleuderte dem König entgegen: "Er hat sich gegen Euch erhoben! Dies ist eindeutig Hochverrat! Stephan von Blois, Ihr seid isoliert. Euer Sohn hat sich von Euch abgewendet. Meine Truppen könnten binnen weniger Tage vor den Toren Londons stehen. Ihr habt verloren. Gebt auf. Macht mich zu Eurem Thronfolger und beendet den Krieg. So wird Euch Ehre getan und mir Recht gegeben. Zum Wohle Englands."
Theobald von Canterbury beendete den Tumult mit kräftigen Hieben mit dem Bischofstab auf den Boden. Er mahnte zur Ruhe.
Der Bischof von Winchester, Heinrich von Blois, richtete das Wort an den Grafen und Herzog: "Ihr verlangt, dass der König gegen seinen Sohn zu Felde zieht? Ihm die Krone entreißt?"
Heinrich nickte bestimmt. "Es ist Hochverrat. Wenn es Stephan von Blois nicht tut, werde ich gegen Eustachius ziehen. Auf keinen Fall darf der Hochverrat ungesühnt bleiben. Wenn dies Schule macht, ist kein Reich mehr sicher. Nicht das von England und auch meines nicht."
"Auf Hochverrat steht der Tod", warf der Bischof ein.
"Und der König hat das Recht Gnade zu gewähren", antwortete Theobald für Heinrich auf diese provokante Bemerkung hin.
Heinrich sah den Erzbischof dankbar an.
Stephan von Blois straffte sich und erhob die Stimme: "Heinrich Plantagenet, ich habe Eure Worte gehört. Auch wenn es mich schmerzt, so muß ich zugeben, dass mein Sohn sich gegen mich, den König, erhoben hat. Dafür soll ihm eine gerechte Strafe zuteil werden. Ich.....bitte Euch lediglich um Zeit."
Heinrich verkniff sich ein triumphierendes Lächeln. Der König bat ihn um etwas. Er wußte, dass er damit einen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen war. Aber er wußte auch, daß es noch lange nicht bedeutete, dass ihm die Krone sicher war. Stephan von Blois hatte zwar Verhandlungen angestrebt, aber auf die Krone würde er niemals freiwillig verzichten. Die Verhandlungen wurden vorläufig verschoben.
Heinrich und seine Begleiter verließen Westminster. Noch bevor sie Oxford wieder erreichten, verstarb Eustachius von Boulogne plötzlich und unerwartet. Es gab nur wenige, die nicht erleichtert aufatmeten. Zum einen war ein Störenfried gestorben, zum anderen wurde England vor einem brutalen Thronfolger bewahrt, und letztendlich war ein Frieden in Sicht.
Wenige Wochen nach dem Tod des rechtmäßigen Thronfolgers erreichten Reiter Oxford. Der Erzbischof von Canterbury selbst, ritt an der Spitze. Er wurde von seinem Sekretär Johannes von Salisbury und jenem Augustiner begleitet.
Heinrich empfing sie mit allergrößtem Respekt. Er empfing Theobald, Roger von Pont-l´Eveque und den Augustiner im großen Saal und bot ihnen eine Erfrischung an. Obwohl es inzwischen September geworden war, war es noch recht warm. Heinrich war guter Laune. Hatte er doch Botschaft von Eleonore erhalten, dass ihm im
August ein Sohn geboren wurde. Sie hatte ihn nach Wilhelm den Eroberer auf den Namen Wilhelm getauft. Was mußte der französische König vor Neid und Wut platzen? Erst nahm Heinrich Eleonore zur Frau und dann gebar sie ihm auf Anhieb einen Sohn, während Ludwig noch immer auf seinen Thronfolger warten mußte.
Und als ob dies nicht Schicksalsschläge genug gegen Ludwig wären, verstarb am 20. August Bernhard von Clairvaux, einer seiner wichtigsten Ratgeber. Doch es gab nicht wenige - besonders unter den lebend zurückgekehrten Rittern der zweiten bewaffneten Pilgerfahrt - die nicht aufatmeten. Und auch Eleonore verspürte eine gewisse Genugtuung über das Hinscheiden des Abtes.
"Verehrter Vater, was bringt Euch persönlich zu mir?" fragte Heinrich vergnügt und schenkte sich einen Becher Wein ein.
Theobald seufzte und sah sehnsüchtig auf die noch warmen Hähnchenschlegel auf dem Tisch. Es gab Momente, da fiel es ihm schwer zu fasten.
"Ihr fastet?" fragte Heinrich erstaunt.
"Ein Gelübde, welches ich Stephan von Blois gegeben habe. Damit bitte ich Gott unterwürfigst um Aufnahme des verstorbenen Eustachius im Himmel", gab der Bischof zur Antwort.
"Nun, wenn dem so ist, dann habe ich keinen Grund mich Euren Gebeten anzuschließen", meinte Heinrich.
Den Begleitern des Erzbischofs schien es ebenso zu gehen, griffen sie doch herzhaft zu, ließen jedoch wieder ab, nachdem sie böse Blicke vom Erzbischof geerntet hatten.
"Aber ich habe nicht den weiten Weg hierher nach Oxford gemacht, um mich mit Euch über fasten zu unterhalten", sagte der Erzbischof und wandte den Blick von den Hühnchenschlegel ab.
Heinrich konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und langte nach einem Schlegel. "Das kann ich mir sehr gut vorstellen", antwortete er.
"Wie ihr wißt, ist England zur Zeit ohne Thronfolger. Eustachius ist tot und der König ist krank und England braucht einen kraftvollen Regenten", begann Theobald seufzend, "sobald der König stirbt, geht es um dessen Nachfolge los. Ohne Zweifel werdet Ihr Euren Anspruch auf die Krone erheben. Doch niemand weiß, wer noch Anspruch erheben wird. Vielleicht versucht sogar eine fremde Macht sich der Krone zu bemächtigen. Die Gelegenheit wäre günstig, nicht wahr?"
Heinrich sah dem Erzbischof in die Augen. "Ihr meint nicht etwa den französischen König?"
Theobald zuckte mit den Achseln. "Ein Beispiel. Aber es könnte auch der schottische König sein. Eine schottisch-französische Allianz würde England in große Bedrängnis bringen. Vielleicht sogar zerstören. Wie dem auch sei, kann niemand ein Interesse haben, dass es soweit kommt. Denn das würde wieder Krieg bedeuten. Doch das Land braucht Ruhe."
Der Graf von Anjou und Herzog der Normandie sah den Erzbischof mit höchstem Interesse an.
Ohne das einer der Anwesenden es gemerkt hatte, hatte Mathilde den großen Saal betreten. "Stephan von Blois und England haben nur eine Wahl", sagte sie in die entstandene Pause. Alle sahen sich erstaunt nach ihr um.
"Mutter", rief Heinrich aus und erhob sich.
Mathilde ergriff die ihr gebotene Hand ihres Sohnes. "Stephan von Blois adoptiert Heinrich Plantagenet und macht ihn somit zu seinem Nachfolger, und mein Sohn erkennt ihn als König an."
Der Erzbischof stieß leise Luft aus und nickte. "So ist es, Madame. Genau so ist es."
Heinrich war aufgestanden. Eine innere Erregung hatte ihn erfaßt. Er schritt auf und ab. "Ist das auch der Wille von Stephan von Blois?" fragte er.
Theobald nickte. "Es hatte uns zwar viel Kraft gekostet ihn dazu zu überreden, denn nach dem Tod seines Sohnes schien es beinahe so, als wolle er doch noch den Kampf suchen, aber der Bischof von Winchester hat ihn letztendlich dazu überreden können. Stephan von Blois ist bereit Euch zu adoptieren. Und nach dem kanonischen Recht spricht dem auch nichts entgegen. Ich habe es durch meine beiden tüchtigen und studierten Begleiter prüfen lassen."
Heinrich blieb stehen und sah Theobald an. "Und jetzt wollt Ihr von mir wissen, ob ich bereit bin, ihn als rechtmäßigen König anzuerkennen und somit den Krieg für beendet zu erklären?"
Theobald nickte.
Heinrich holte tief Luft. Dann antwortete er laut und deutlich: "Nun. Ich hatte den Vorschlag eingebracht. Es hat sich aus meiner Sicht keine Veränderung ergeben, warum ich jetzt ablehnen sollte. Im Gegenteil: Nach Eustachius´ Tod bin ich meinem Ziel sehr nahe gekommen. Ja, so soll es geschehen. Für das Wohl von England."

Kapitel 8


England und Normandie 1153/54

Am 06. November erkannte Heinrich Plantagenet öffentlich in der Kathedrale von Winchester, Stephan von Blois, als rechtmäßigen König von England an. Im Gegenzug adoptierte ihn der kranke König und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Die vor und in der Kathedrale versammelten Barone, Geistliche und einfachen Leuten atmeten erleichtert auf. Damit war der Bürgerkrieg endgültig beendet und überall im Lande wurde ein Fest gefeiert, sofern die Gebiete nicht von flämischen Söldnern beherrscht wurden, die bereits ahnten, dass sie mit Heinrich Plantagenet einen nicht zu unterschätzenden Gegner hatten. Aus seiner Abneigung gegen die Söldner hatte er schließlich nie einen Hehl gemacht.
Im Dezember ritt Heinrich Seite an Seite mit Stephan von Blois in London ein. Überall waren die Häuser mit Fahnen geschmückt. Die reichen Bürger der Stadt hatten ihre teuersten Gewänder angezogen. Überall wurden sie mit großem Jubel empfangen. Und selbst die Huren der Stadt erschienen und jubelten ihnen zu. Es war ein triumphaler Einzug. Durch London hindurch führte der Zug bis zum Tower. Hier wurde ein großes Fest gegeben. Aber es war unübersehbar, dass die Mauern in einem schlechten Zustand waren und eine Restauration dringend benötigten.
Das Verhältnis zwischen Stephan und seinem Adoptivsohn blieb jedoch kühl. Und wo es ging, mied man sich gegenseitig.
Wenige Tage nach dem Dreikönigstag suchte Heinrich seine Bastardsöhne Gottfried und Wilhelm und dessen Mutter auf. Sie lebten zurückgezogen in einem Dorf bei Bermondsey. Er hatte seinen Sohn schon lange nicht mehr ge-sehen. Es dämmerte bereits, als er zu dem kleinen schiefergedeckten Häuschen kam und an die Tür klopfte. Sekunden später machte sie auf. Im ersten Moment erschien sie ihn nicht zu erkennen, dann fiel sie auf die Knie. Heinrich befahl ihr aufzustehen. Sie bat ihn herein. Die Hütte war klein, aber sauber und ein Feuer über die Feuerstelle spendete eine wohltuende Wärme.
Heinrich setzte sich an den kleinen Tisch und bat das Mädchen sich zu ihm zu setzen. Die beiden Kinder hatten sich furchtsam in ihre Schlafecke verkrochen.
"Sie sind für ihr Alter groß und kräftig", meinte Heinrich zur Mutter.
Diese, ein Bauernmädchen aus Kent, deren Eltern von flämischen Söldnern getötet wurden und der Hof in Flammen aufging, sah dem zukünftigen Herrscher von England ehrfurchtsvoll in die Augen. "Ja, sie sind groß und kräftig", stimmte sie ihm schüchtern zu.
Er sah sie an. Sie war eine Angelsächsin und sprach nur gebrochen französisch. Ihre Sprache war englisch. Der Normanne vor ihr hatte sie nur geschwängert. Weder empfand er etwas für sie, noch sie für ihn. Sie war nur seine Geliebte gewesen und er hatte ihren Vater reich dafür belohnt. "Ich werde Gottfried an meinen Hof holen und dort erziehen lassen, wenn ich der König von England bin", sagte er in einem Ton der keinen Widerspruch duldete.
In ihren Augen flackerte es kurz ängstlich auf und sie öffnete den Mund, schloß ihn jedoch sofort wieder. Sie senkte den Blick.
"Was ist?" fragte er. "Mir scheint, Dir gefällt meine Entscheidung nicht?"
Sie sah wieder auf und nickte fast unmerklich. In ihren Augen schimmerte es feucht. "Sie sind die einzigen Menschen, die ich habe. Wenn Ihr sie mir nehmt, bin ich ganz alleine. Was wird dann aus mir?" fragte sie leise.
Heinrich durchschritt ihr winziges Haus, welches Wohn- und Schlafraum, Küche und Hühnerstall zugleich war. Er sah sich um. Ein übler Geruch hatte sich - trotz aller Sauberkeit - überall ausgebreitet.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Wilhelm lasse ich hier bei Euch. Er ist zwar groß, aber nicht sehr kräftig. Er ist nicht für das Leben eines Ritters geboren. Ich sorge für Euch. Du wirst heiraten oder in ein Kloster gehen. Aber Gottfried kommt zu mir."
"Aber ich liebe ihn", protestierte sie schwach.
"Das hier ist kein Leben für ihn. Auch wenn er nur ein Bastard des Königs ist. Für Dich kann ich nichts anderes tun. Du bist eine Bäuerin. Du gehörst zum Gesindel. Daran wird sich nichts ändern. Vielleicht heiratest Du eines Tages einen Schmied oder einen Maurer."
"Wer sollte mich schon heiraten, so ganz ohne Mitgift. Warum nehmt Ihr nicht auch uns an den Hof?", gab sie verbittert zurück.
Heinrich wandte sich zu ihr um und machte eine wegwerfende Geste.
"Ihr würdet Euch am Hof unglücklich fühlen. Für Eure Mitgift werde ich schon sorgen. Damit solltest Du keine Gedanken verschwenden. Ich werde sooft es geht zu Besuch kommen
und nach Euch sehen. Wie behandeln Euch die Leute im Dorf?" wollte er wissen.
Sie nickte leidenschaftslos. "Man behandelt uns gut. Die Leute im Dorf glauben, dass der Vater der Kinder gefallen sei. Aber einige wissen um ihrenVater. Die haben mich am Anfang als Hure beschimpft. Doch jetzt, da sie wissen, dass Ihr eines Tages der König seid, schweigen auch sie."
Heinrich nickte nachdenklich, dann trank er den Humpen Bier auf einen Schluck leer, den sie ihm angeboten hatte und verabschiedete sich von ihr, ging nach draußen und saß auf. Sie sah ihm noch eine Weile nach und hoffte, daß der König noch lange leben möge.
Der kleine Gottfried riß sie schließlich aus den Gedanken. "Man erzählt sich im Dorf, dass er ein großer König wird."
Sie strich ihm über den Kopf. Sie warf einen Blick auf Wilhelm, der in einer Ecke des Hauses saß und in das Feuer des Kamins starrte.
"Ja, das wird er ganz sicher", meinte sie und strich sich eine Träne aus den Augen. "Er haßt die Söldner aus Flandern und wird sie verjagen. Und das kann uns allen nur gut tun."
Im Frühjahr setzte Heinrich in die Normandie über. Er wollte endlich wieder bei Eleonore sein und seinen Sohn sehen. Heinrich ritt auf dem kürzesten Wege nach Rouen, wo er mit Eleonore Ostern verbringen wollte. Auch Mathilde, die "Kaiserin" hatte sich für Ostern angekündigt.
Es war ein nebliger und kalter Abend als Heinrich Rouen endlich erreichte. Man wußte, dass der Herzog auf dem Weg nach Rouen war, aber man rechnete erst am nächsten Tag mit seiner Ankunft. Heinrich untersagte den Dienstboten seine Ankunft anzukündigen und schritt eilig zu den Gemächern des Südturms, in denen Eleonore wohnte. Es war kurz vor
Mitternacht und sie wollte sich gerade zu Bett begeben. Sie saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes, goldenes Haar. Sie trug nur ein dünnes Schlafgewand. Als er ohne anzuklopfen eintrat, fuhr sie erschrocken und wütend zugleich, auf. Doch da erkannte sie ihn und sprang mit einem lauten Freudenschrei auf und flog ihm in die ausgebreiteten Arme.
"Heinrich", rief sie und erwiderte seinen leidenschaftlichen Kuß.
"Eleonore", sagte er sanft und strich ihr über das Haar. "Ich habe Dich so vermißt."
"Ich Dich auch", sagte sie und schmiegte sich glücklich an seine Brust.
Er strich ihr über den Rücken. "Wo ist mein Sohn?" fragte er und sah sich um.
"Er schläft bei seiner Amme. Du mußt bis morgen früh warten."
"Meine Ritter haben mir berichtet, dass Ludwig von Frankreich verzweifelt reagiert haben soll, nachdem er erfuhr, dass Du mir einen Sohn geboren hast."
"Oh", meinte sie, "das kann ich mir gut vorstellen. Armer Ludwig, man könnte beinahe Mitleid mit ihm haben."
"Wir wollen es doch nicht übertreiben", lachte Heinrich, "ist er ein hübsches Kind?" fragte er gespannt.
Sie lachte. "Ja, so wie Du. Ganz der Vater. Das heißt....", sie brach ab.
"Was hast Du?" fragte er und seinen Augen verdunkelten sich voller Sorge.
"Nun", sagte sie, "er ist etwas schwächlich. Neulich hatte er ein Fieber bekommen, dass ich schon das Schlimmste befürchtet hatte."
In Heinrichs Gesicht waren seine Sorgen zu sehen. "Er ist doch gerade mal etwas mehr als ein halbes Jahr alt. Das wird sich noch ändern."
Sie nickte und gab ihm einen Kuß. "Vermutlich hast Du recht. Doch nun laß uns zu Bett gehen. Mir ist kalt und ich brauche menschliche Wärme."
Am nächsten Morgen sah er zum ersten mal seinen Sohn Wilhelm. Stolz nahm er der Amme das Bündel aus den Arm und betrachtete das Kind. "Du hattest recht, er ähnelt mir sehr", sagte er zu Eleonore, die neben ihm stand.
Da begann der Kleine zu schreien. Für einen Moment sah sich Heinrich hilflos um. Die Amme lächelte und meinte: "Er hat wohl Hunger, Mylord. Ich glaube, Ihr gebt ihn mir wieder. Es kommt selten vor, dass er wegen Hunger schreit. Dann sollte man ihm auch gleich etwas geben, wenn er mal Hunger hat."
Er übergab ihr seinen Sohn. Eleonore sah etwas betrübt drein. "Er ißt nur sehr wenig. Zunächst hatten wir gedacht, ihm schmeckt die Milch der Amme nicht. Aber er stößt jede Brust schnell ab."
Eleonore sah, dass Heinrich bekümmert schien und wechselte schnell das Thema. "Mein lieber Gemahl, ich fände es eine gute Idee, wenn wir heute gemeinsam zur Falkenjagd gingen. Ich hatte schon lange keine Gelegenheit mit Dir zusammen zur Jagd zu gehen."
Heinrich grinste und gab ihr einen Kuß auf die Wange. "Ich muß sagen, Eure Idee gefällt mir", gab er zur Antwort, "dann laßt uns also gehen."

Die "Kaiserin" Mathilde traf kurz vor Ostern ein. Ihr zu Ehren gab Heinrich ein abendliches Festbankett. Dabei begegneten sich Mathilde und Eleonore zum ersten mal. Eleonore war vor diesem ersten Zusammentreffen mit einer für sie ungewohnten Nervosität behaftet.
Als Heinrich sie zu Tisch führte, um sie miteinander bekannt zu machen, zeigte die "Kaiserin" keinerlei Regung.
Eleonore lief rot an und beugte leicht das Knie. "Es ist mir eine große Ehre Euch hier begrüßen zu dürfen", sagte Eleonore höflich.
Die "Kaiserin" musterte sie und neigte höflich leicht den Kopf. "Die Ehre ist ganz auf meiner Seite", sagte sie kühl und setzte sich auf den ihr dargebotenen Stuhl.
Eleonore setzte sich rechter Hand zur ihr. Sie saßen nebeneinander während des Banketts. Beide hatten ihre prächtigsten und teuersten Gewänder angelegt, und auch Heinrich hatte die einfache Kleidung abgelegt und sich festlich gekleidet. Die beiden Frauen sprachen nur wenig miteinander und meist handelte es sich um die üblichen Höflichkeitsfloskeln. Heinrich blieb dies nicht unbemerkt und er runzelte zweifelnd die Stirn.
"Ich muß schon sagen, dass Ihr einen ausgezeichneten Geschmack habt, was Eure Kleider betrifft", meinte Mathilde zu Eleonore.
Eleonore hatte ihre Hemmungen abgelegt, da sie sich über die kühle Art der Normannin ärgerte. Eleonore meinte gar eine gewisse Ablehnung zu spüren. Vermutlich, weil sich immer noch hartnäckig Gerüchte hielten, die besagten, dass zwischen Eleonore und Gottfried von Anjou, genannt der Schöne, mehr als eine platonische Beziehung bestanden hatte.
"Vielen Dank", gab sie zurück, "aber der Eurige steht dem in keinster Weise nach. Stammt es
aus dem Reich der Deutschen?"
Mathilde nickte und sah nun freundlicher drein. "Ja, Verehrteste. Es stammt aus Köln. Ich bin erstaunt, dass Ihr das erkannt habt."
Nun, die deutsche Mode zeichnete sich durch langweilige Schlichtheit oder übertriebenen Prunk aus, dachte Eleonore und ordnete das Kleid der "Kaiserin" in die letzte Kategorie ein.
Gaukler gaben ihre Vorstellung zum Besten und vollführten beeindruckende Kunststücke. Je später es wurde, umso mehr fühlte sich Eleonore an der Seite von Mathilde unwohler. Sie wünschte sich sehnsüchtig einen Troubadour herbei, der sie mit seinen Liedern etwas erheitern würde, aber am Hof von Heinrich Plantangenet lehnte man diese Art der Kunst und Darbietung ab. Sie ertappte sich dabei, wie sich sich nach ihr geliebtes Poitou sehnte. Sie hatte schon mit Heinrich darüber gesprochen und er hatte ihr versichert, dass sie nach dem Osterfest nach Poitiers reisen würden.
Während Heinrich am nächsten Morgen sich an die Überprüfung der eingezogenen Abgaben machte, bat Mathilde Eleonore, sie bei einem Spaziergang durch den Rosengarten zu begleiten. Es war ein kühler, aber sonniger Frühlingstag. Der Atemhauch tanzte vor ihren Gesichtern, als sie sprachen. "Ich bin froh, dass Heinrich eine so schöne Frau für sich gewonnen hat. Man hat mir viel von Euch erzählt", begann Mathilde das Gespräch und reckte ihr Gesicht in die Sonne.
"Danke", gab Eleonore zurück und hüllte sich fester in ihren Mantel, "ich hoffe, man hat Euch nur Gutes über mich erzählt."
Mathilde ging darauf nicht ein. "Ihr sollt sehr klug sein. Nun, das solltet Ihr an der Seite eines Mannes auch sein, der schon bald über ein Reich regiert, welches nur vom Reich der deutschen Kaiser übertroffen wird."
Eleonore wurde mißtrauisch. "Ja, aber ich werde Heinrich in Aquitanien entlasten. Ich kenne das Land und die Leute dort."
Sie hätte es auch anders sagen können, dachte sie insgeheim, nämlich, dass ich mir in Aquitanien von niemanden - auch von Heinrich nicht - hereinreden lasse.
Mathilde verstand Eleonore genau. "Das ist auch gut so. Heinrich braucht eine starke Hand an seiner Seite. Nur so kann das Reich auf Dauer bestehen. Und ich will ganz offen zu Euch sein, ich traue Eurem ehemaligen Gemahl, dem König von Frankreich, nicht über den Weg. Heinrich wird auch als englischer König ein Vasall des französischen Königs sein. Die Normandie und Anjou bleiben ein Lehen. Und Gott allein weiß, was Ludwig alles versuchen wird, um Heinrich das Leben schwer zu machen."
"Nun, ich kenne Ludwig", sagte Eleonore, "und ich weiß, dass er nur wenig Entscheidungsfreudig ist. Bevor er eine Entscheidung trifft, holt er sich den Rat von seinen Vertrauten ein. Und diese verlassen Ludwig zunehmend."
Mathilde hörte den spöttischen Unterton heraus.
"Ihr spielt auf Suger und den Zisterzienser an, deren Leben von Gott ge-nommen wurde?"
fragte sie, obwohl sie die Antwort im voraus wußte.
Eleonore nickte. "Es war schon eine Genugtuung, nein, eine Befreiung für mich als Abt Suger starb. Als letztes Jahr auch Bernhard von Clairvaux das Zeitliche segnete, habe ich sicherlich meinen schlimmsten Gegner verloren." Eleonore sprach das letzte Wort höhnisch aus.
"Ich habe Bernhard von Clairvaux nie persönlich kennengelernt", stellte Mathilde fest.
"Da habt Ihr keinen Grund traurig zu sein", gab Eleonore zurück, "wie Ihr sicherlich wißt, habe ich die zweite bewaffnete Pilgerfahrt ins Heilige Land mitgemacht. Wer all das Leid und die Toten gesehen hat, wie mir es widerfahren ist, stellt sich die Frage, warum die Priester nicht selber kämpfen."
Mathilde sah sie nachdenklich an. "Ihr habt Gedanken in Euch, die der Ketzerei nahe kommen", warnte Mathilde, "Ihr seht also das Grab Christi lieber in den Händen der Ungläubigen? Ihr seht keinen Sinn darin, die Stadt Jerusalem zu verteidigen?"
"Wenn dieser Eindruck entstanden ist, so bitte ich dies zu entschuldigen. Dies lag nicht in meiner Absicht. Aber ich hatte den Eindruck, der Kirche ging es mehr darum byzantinisches Gebiet unter die eigene Kontrolle zu bekommen."
"Das versucht sie schon seit Jahrhunderten. Mir scheint, Ihr habt nicht das beste Verhältnis zur Kirche?"
Eleonore schüttelte den Kopf. "Nein, meine Erfahrungen mit dem Klerus haben dazu geführt, dass ich diesen am liebsten von hinten sehe."
"Dann seht Euch gut vor, wenn Ihr eines Tages Königin von England seid. Der Erzbischof von Canterbury ist ein Mann mit erheblicher Macht. Und sein Verhältnis zum Papst ist ausgezeichnet. Der Klerus wird nichts unversucht lassen um Einfluß auf Heinrich zu nehmen. Und unterschätzt auch Heinrich von Blois nicht."
Sie nahm Eleonores Hände in die ihre und sah sie fest an. "Heinrich ist sehr impulsiv. Gebt auf ihn acht. Mir scheint, es stimmt, was man über Euch erzählt hat. Darum bitte ich Euch, auf meinen Sohn zu achten. Er wird ein großer und starker König werden. Aber er wird auch eine starke Hand an seiner Seite benötigen. Ich bitte Euch diese zu sein."
Das Osterfest ging vorüber und danach durchreisten Heinrich und Eleonore das Poitou und Aquitanien. Sie war glücklich wieder in ihrer Heimat zu sein. Sie verbrachten fast den gesamten Sommer in Aquitanien. Heinrich hielt es jedoch nie lange an einem Ort aus und drängte zum Aufbruch. Aber das war Eleonore nicht unrecht. Auch sie reiste gerne und freute sich ebenso sehr, wie ihre Untertanen, wenn sie möglichst jeden Winkel ihres Herzogtums aufsuchte. Im Herbst kehrten sie wieder nach Rouen zurück.

Kapitel 9


England 1154/1155

"Mylord, der König von England ist tot!"
Die Wirkung dieser Worte hätte nicht heftiger sein können. Heinrich sprang auf und sah den Boten, einem Ritter, den Patrick von Salisbury geschickt hatte, an. Dann wandte er sich zu Eleonore um, die hinter dem großen Eichentisch saß, und soeben einen Brief an die Äbtissin von Fontevrault verfaßte.
Sie sah auf und in ihren Augen leuchtete es ebenso, wie in Heinrichs Augen. Eine innere Erregung hatte beide erfaßt. Das große Ziel war erreicht. Nun würden sie König und Königin von England sein. Zusammen mit der Normandie, dem Anjou, Aquitanien und der Gascogne würden sie nach dem Reich des deutschen Kaisers, die bedeutendste Macht in Europa darstellen. Zwar blieb Heinrich ein Vasall des französischen Königs, doch was konnte dieser ihm dann schon groß anhaben?
"Wann ist er gestorben?" fragte Heinrich und unterdrückte nur mühsam seine Freude.
"Am 25. Oktober in Dover, Mylord."
Heinrich sah aus dem Fenster. Es war ein regnerischer und kalter Novembertag. Doch ihm erschien es, als würden die dunklen Wolken nicht existieren, und stattdessen die Sonne scheinen und ein Chor von himmlischen Engeln singen.
"Ich danke Euch für die Botschaft", sagte Heinrich und wandte sich vom zugigen Fenster ab und ging zu dem Kamin, indem ein wärmendes Feuer brannte. Doch eigentlich war ihm nicht kalt. Er versuchte sich zu sammeln. Er rief nach den Dienern. "Es ist unverzüglich alles für unsere sofortige Abreise veranlassen. Wir werden so schnell wie es nur geht nach England übersetzen, bevor sich einer der Barone um Stephan die Krone aufsetzt." Heinrich sprach damit aus, was alle dachten und wußten. Sein Anspruch auf die Thronfolge war - trotz der Adoption durch den verstorbenen König - alles andere als gesichert. Zuviele Barone mußten durch den Angeviner den Verlust von Macht und Gütern befürchten. Einzig der Primas der Kirche, Theobald von Canterbury, sicherte mit seinem Einfluß die Krone für den Angeviner. Vielleicht hatte er auch in Heinrich von Blois einen bedeutenden Verbündeten, aber bei ihm war sich Heinrich nicht sicher.
Nachdem alles für die Abreise veranlaßt wurde, ritten sie nach Barfleur, wo sie mit dem Schiff übersetzen wollten. Doch als sie in Barfleur ankamen, verschlechterte sich das Wetter zunehmend. Die See war aufgewühlt und ein heftiger Sturm fegte über die Normandie und trieb abwechselnd Regen, Schnee oder Eisregen vor sich her. Fast schien es so, als wollten ihn überiridische Kräfte davon abhalten von der Krone Englands besitz zu nehmen.
Heinrichs Ritter hatten Mühe Schiffe aufzutreiben. Niemand wagte es bei diesem Sturm in die See zu stechen. Heinrich bekam daraufhin einen seiner berüchtigten Wutanfälle. Doch war er bei weitem nicht so heftig, wie beim letzten mal. Eleonore konnte ihn sehr schnell beruhigen. Nachdem er sich erholt hatte, begab er sich selbst in die Wirtshäuser und Schenken und sprach mit den Kapitänen.
"Mylord", sagte einer der Kapitäne verlegen, "jetzt auf das Meer hinauszufahren wäre glatter Selbstmord. Glaubt mir, es ist zu gefährlich."
"Seht doch, wie die Schiffe sogar hier im Hafen auf den Wellen tanzen. Selbst eine Verladung wäre im Augenblick zu gefährlich", meinte ein anderer vorsichtig.
Heinrich knurrte. Er erkannte, dass er mit Drohungen oder gar Gewalt nicht weiterkommen würde. Ihm blieb nichts anderes übrig als einzugestehen, dass sie recht hatten. Er zog sich mit seinen Gefolgsleuten mit der Erkenntnis auf die Burg zurück, dass sie nichts anderes tun
konnten als zu warten bis das Wetter besser wurde.
Es wurde eine lange Zeit. Sechs Tage lang saßen sie herum während draußen der Sturm und der Regen kaum nachlies. Sie spielten Karten oder Schach, wärmten sich am Feuer des großen Kamins und ließen weitere Wandteppiche aufhängen, um den Wind abzuhalten, der durch die Fensterritzen und Türen blies.
Heinrichs Laune wurde von Tag zu Tag schlechter. Schließlich sprach er fast kein Wort mehr und selbst Eleonore konnte ihn nicht mehr erheitern. Inzwischen waren auch seine Brüder Gottfried und Wilhelm in Barfleur eingetroffen. Das Verhältnis zwischen den Brüdern war zwar nie ein gutes oder inniges, aber Heinrich war doch froh, dass sie kamen und ihn auf andere Gedanken brachten. Durch die Vermittlung ihrer Mutter Mathilde hatten sich Gottfried und Heinrich ausgesöhnt, wenngleich Heinrich ihm nicht vollständig traute.
"Eleonore ist wieder schwanger", bemerkte Gottfried anerkennend und setzte Heinrich mit seinem Springer schachmatt.
Heinrich nickte und sah auf die prachtvoll verzierten Schachfiguren und erhob sich seufzend. "Ja, das ist mit ein Grund, weshalb ich nicht schon längst abgefahren bin. Ich hasse es, hier herumsitzen zu müssen und zur Untätigkeit verdammt zu sein."
"Sei vernünftig", beschwor Gottfried seinen Bruder, "oder soll sich die Tragödie des `Weißen Schiffes´ wiederholen?"
Heinrich sah seinen Bruder an. Er hatte recht. Mit dem `Weißen Schiff´ ging bei einem Sturm der einzige eheliche Sohn Heinrich I. unter. Obwohl sein Großvater zwanzig Kinder gezeugt hatte, war nur einer legitim. Und dieser starb in den Fluten zwischen Frankreich und England. Das war der Beginn der Tragödie um Englands Thron. Man wählte Stephan von Blois zum König und beschwor damit den Bürgerkrieg zwischen Mathilde und Stephan hervor.
"Was wirst Du als erstes tun, wenn Du in England bist?" wollte Wilhelm wissen. Heinrich nahm vom Schachbrett die Figur des Königs und der Königin und stellte sie vor sich hin. "Ich werde vom Adel den Treueeid verlangen, wie es jeder in meiner Situation machen würde. Dann muss alles ziemlich schnell und in Hand und Hand gehen: Die Staatsfinanzen müssen bereinigt werden, die wichtigsten Burgen im Land gesichert werden und jeder Aufruhr muss sofort unterdrückt werden. Es muss unbedingt erst einmal Ruhe in das Land kommen."
"Ich denke, Du handelst so weise", meinte Wilhelm und nahm die Figur des Läufers. "Doch das wirst Du nicht alleine schaffen. Du brauchst einen fähigen Kanzler."
"Du hast recht. Das werde ich nicht alleine schaffen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass Gottfried, Du und unsere geliebte Mutter hier auf dem Festland bleiben. Hier in der Normandie brauche ich Eure Hilfe", sagte Heinrich und sah bei den letzten Worten seinen älteren Bruder eindringlich an. Noch immer war er voller Mißtrauen, doch er mußte es riskieren. Dieser sah ihm fest in die Augen und antwortete: "Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Sobald ihr gekrönt seid, werden wir uns wieder in die Normandie begeben."
"Und wer ist nun Dein Kanzler?" fragte Wilhelm und stellte den Läufer ab.
Heinrich sah auf die Figuren. Dann nahm er den Turm und stellte ihn zu den anderen Figuren dazu. "Vielleicht ist der Turm der bessere Kanzler", meinte er und erhob sich von dem geschnitzten Stuhl. Er ging zum Fenster und sah hinaus. Das Wetter schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Plötzlich drehte er sich um und sagte: "Morgen ist Nikolaus. Er ist der Schutzpatron der Seeleute. Morgen setzen wir über."
Wilhelm und Gottfried sahen ihn entsetzt an. Auch Eleonore schien verwundert, doch niemand von ihnen wagte zu widersprechen. Am Gesichtsausdruck war abzulesen, dass Heinrich fest entschlossen war, am anderen morgen auszulaufen.

Und so kam es, dass Heinrich den Befehl gab, am Nikolaustag auszulaufen. Wenn es einen Tag gab, an dem man das Auslaufen riskieren konnte, dann war es dieser. Die Kapitäne waren entsetzt, aber diesesmal duldete Heinrich keine Ausflüchte mehr. Er drohte die Kapitäne notfalls aufzuknüpfen, wenn sie sich weigerten. Die Verladung sollte schnell und zügig erfolgen. Als im Morgengrauen die Meldung kam, dass alles verladen und abfahrtsbereit sei, ging Heinrich und sein Gefolge an Bord.
"Mylord", trat einer der Kapitäne an ihn heran, bevor er den Befehl gab, die Leinen loszumachen, "ich hoffe, Ihr wißt was Ihr riskiert. Ich erinnere an das `Weiße Schiff´."
"Jaja", winkte Heinrich unwirsch ab und befahl, dass man seine schwangere Frau und seinen Sohn Wilhelm gut unterbringe.
Doch Eleonore widersetzte sich und übergab Wilhelm der Zofe mit der Anordnung ihn unter deck zu bringen. Sie würde an der Seite ihres Mannes bleiben. Sie trat an die Seite ihres Mannes und hüllte sich fest in ihren Mantel ein. Seite an Seite verbrachten sie die Überfahrt. Der Sturm warf das Schiff hin und her. Die Schiffe wurden durch den Sturm schon bald getrennt und waren durch den dichten Nebel und dem peitschenden Regen nicht mehr auszumachen. Mehr als einmal befürchtete Eleonore sich übergeben zu müssen, doch sie klagte nicht. Binnen kurzer Zeit waren Heinrich und Eleonore völlig durchnässt. Doch sie blieben auf der Brücke beim Kapitän und trotzten dem Sturm. Nach zwei langen Tagen erreichten sie völlig erschöpft die englische Küste bei Southampton. Die Schiffe waren völlig zerstreut.
Man machte sich auf den Weg nach Winchester. Auf den Weg dorthin traf man sich nach und nach. Alle hatten die Überfahrt gut überstanden, auch wenn einige seekrank waren und der Schrecken der Überfahrt in den Gesichtern deutlich abzulesen war. Doch die Kunde, dass der Heinrich und Eleonore den Naturgewalten erfolgreich getrotzt hatten und im Sturm nach England kamen, machte sehr schnell die Runde. Sie kamen auf ihrem Ritt nach London nur sehr langsam voran. Überall wurden sie von der jubelnden Bevölkerung empfangen und aufgehalten. Als sie schließlich nach London kamen, ritten sie durch die Stadt nach Westminster. Auch hier jubelten die Bürger der Stadt ihnen zu.
Erzbischof Theobald von Canterbury wartete in Westminster bereits auf das Königspaar ebenso wie die Bischöfe Heinrich von Blois, Arnulf von Lisieux und Roger von Pont-l´Eveque, der erst kurz zuvor zum Erzbischof von York ernannt wurde. Zum neuen Erzdiakon hatte Theobald den Augustinermönch berufen.
Heinrich befahl, sofort die Feierlichkeiten zur Krönung vorzubereiten. "Es soll ein großes Fest werden", rief er aus, "alle Bürger sollen daran teilhaben können. Ich lege die Krönung auf den 19. Dezember fest."


London, Westminster Abbey, 19. Dezember 1154

Es war eine prunkvolle Krönungszeremonie. Der gesamte Adel und Klerus erschien zu den Krönungsfeiern in der Westminster Abtei. Die Abtei war mit bunten Fahnen und Wimpeln und teuren Wandteppichen geschmückt. Nicht alle erschienen mit guten Gefühlen. So Heinrich von Blois, der der Krönung am liebsten ferngeblieben wäre. Aber auch einige Barone, die auf der Seite von Stephan von Blois gekämpft haben, kamen mit gemischten Gefühlen.
Heinrich war purpurrot gekleidet. Das königliche Wappen, die Löwen Albions, zierten den Wams. Er trug - wie Eleonore auch - einen hermelinbesetzten Mantel.
Eleonore trug ein mit Goldfäden besticktes Gewand. Sie glich darin einem Engel und zog alle Blicke auf sich. Man war von ihrer Schönheit beeindruckt. Und selbst der Erzbischof, der die Krönung vollzog, bewunderte ihre Schönheit.
Nach der Lesung des Gottesdienstes knieten Heinrich und Eleonore vor dem Altar nieder. Theobald salbte sie. Heinrich und Eleonore legte ihre Hände in die des Erzbischofes, während dieser den Segen über sie sprach. "Empfangt mit Gottes Gnaden den Segen und die Krone Englands", sprach er laut und nahm die Kronen und setzte sie dem Paar auf das Haupt. "Schützt England vor seinen Feinden mit diesem Schwert", rief Theobald und überreichte Heinrich ein kostbares und reichverziehrtes Schwert und gürtete es ihm um. Dann griff er zum Zepter und hielt es hoch. "Handelt und regiert weise, zum Wohle Englands und seiner Einwohner. Ob Normanne, Angel oder Sachse. Laßt Gerechtigkeit walten und achtet die Gesetze Euer Vorfahren." Schließlich führte er sie zu den großen, schweren und reichverzierten Thronsesseln. Dort saßen sie dann für jeden sichtbar bis Theobald die Feierlichkeiten beendete.
Unter dem Gesang eines Chores zogen Heinrich und Eleonore aus der Kirche aus. Als sie an den Reihen vorbeischritten hörte Heinrich wie einer der Barone zu seinem Nebenmann sagte, dass nur der Basileus, der Kaiser von Byzanz, prunkvoller gekrönt wurde.
Mit stolz geschwellter Brust trat er gemeinsam mit Eleonore vor die Kirche, wo sie ein jubelndes Volk empfing. Hurra- und Hochrufe brandeten dem Paar entgegen.
Patrick von Salisbury und sein Bruder Gottfried hielten zwei weiße Schimmel am Zügel und hielten dem Paar den Steigbügel.
Es war ein triumphaler Zug durch London, der erst am Westminster Palast sein Ende fand. Die Feierlichkeiten dauerten drei Tage an.
Nicht nur im Palast zu Westminster wurde gefeiert, sondern auch auf den Straßen. Man trank auf das Königspaar und den Frieden. So geschah es, dass das Weihnachtsfest 1154 eines der fröhlichsten und friedvollsten Weihnachtsfeste nach langer Zeit wurde. Als die Feierlichkeiten und die Weihnachtsfeiertage vorüber waren, ließ Heinrich Boten in alle Landesteile senden.
Er berief für den Februar einen Hoftag in den Palast von Bermondsey ein. Bermondsey lag dem maroden Tower gegenüber am anderen Themseufer.
Alle die die Vorladung erhielten, wußten das Heinrich nicht nur den Treueeid von den Baronen, sondern auch das Reich neu ordnen wollte. Es gab so manchen Adligen und Kleriker, der insgeheim schon seine Verteidigung vorbereitete.
Theobald, der Erzbischof von Canterbury, dachte tagelang hinter verschlossener Türe über den Angeviner auf dem Thron nach. Er kam schließlich zum Schluß, dass Plantagenet, der nun England als Heinrich II. regierte, schon bald vergessen würde, wem er die Krone zu verdanken hatte. Wäre die Kirche nicht als Vermittler aufgetreten, wäre es für Heinrich kein leichtes gewesen, an die Macht zu kommen. Doch Theobald sah die Machtgier in Heinrichs Augen und wußte, dass er einen seiner Vertrauten in den engeren Kreis des Königs plazieren mußte, wollte er der Kirche ihre Eigenständigkeit, ihre erworbenen Freiheiten, erhalten. Niemand anders als der Erzdiakon von Canterbury schien Theobald besser geeignet zu sein.
Er seufzte. Der Erzdiakon war ihm nicht nur eine große Hilfe und ein enger Vertrauter, nein, Theobald hatte ihn beinahe als seinen Sohn gesehen. Er verzichtete nur schweren Herzens auf seine Hilfe. Und wie würde der Erzdiakon reagieren? Der Erzbischof war sich ganz sicher, dass er seine Pflicht erfüllen würde. Doch zunächst galt es erst einmal den König von dem Vorschlag zu überzeugen. Wenn auch nicht als Justitiar, so wollte er den Erzdiakon wenigstens zum Kanzler machen.

Rom im Dezember 1154

Papst Anastasius IV. verstarb. Nur einen Tag nach dessen Tod wählten die Kardinäle den Engländer Nikolaus Breakspear zum neuen Papst. Breakspear nahm den Namen Hadrian IV. an.
Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte er in Paris studiert und trat später in das Kloster St. Rufus zu Avignon ein. Von dort trat er seinen Weg in den Vatikan an. Papst Eugen III. hatte ihn zum Kardinalbischof von Abano ernannt und übertrug ihm einige verantwortungsvolle Missionen nach Skandinavien. Doch seine englische Heinmat verlor er nie aus den Augen. Und so wußte er, was er von dem neuen König zu erwarten hatte.

Palast von Bermondsey, Februar 1155

Die Spannung im großen Saal des Palastes war deutlich zu spüren. Der gesamte Adel und Klerus Englands war zugegen.
Heinrich II. saß auf dem erhöhten Sessel und spürte die Blicke seiner Untertanen und Vasallen auf sich ruhen. Eleonore war an seiner Seite, obwohl sie hochschwanger war, und es nur noch wenige Tage bis zur Niederkunft waren. Sie fühlte sich nicht wohl, wollte bei diesem wichtigen Ereignis auf keinen Fall fehlen.
Die Tage zuvor hatte Heinrich sich viele Gedanken gemacht, wen er an seine Seite haben wollte. Die leichteste Entscheidung war die des Justitiars: Richard de Lucé war der geeignete Mann für den Posten des Justitiars. Obwohl er bereits unter seinem Vorgänger Stephan von Blois Justitiar gewesen war, und ihm bis zur letzten Minute die Treue gehalten hatte, schätzte Heinrich ihn sehr. Ohne zu zögern hatte er ihn auch zu seinem Justitiar ernannt.
Doch wer sollte sein Kanzler sein? Patrick von Salisbury war zwar ein enger Vertrauter des Königs, doch zu wertvoll um ihn in seiner Nähe zu haben. Noch wußte niemand, wie es mit England weitergehen sollte und ob Heinrich tatsächlich die Söldner aus Flandern vertreiben konnte. Würde er dies tun, dann brauchte er Patrick von Salisbury als fähigen Feldherrn und nicht als Kanzler.
Zur Freude des Erzbischofs von Canterbury war Heinrich noch vor der Eröffnung des Hoftages zu ihm gekommen und hatte ihn um die Benennung eines Kandidaten gebeten. Heinrich hatte auch die Bischöfe Arnulf von Lisieux, Philipp von Bayeux und Heinrich von Blois gebeten zu erscheinen. Heinrich von Blois und Arnulf von Lisieux waren ein wenig erstaunt gewesen, waren sie doch erklärte Anhänger - der Bischof von Winchester gar Verwandter - des verstorbenen Königs gewesen.
Der Erzbischof ließ sich mit der Antwort Zeit. Er wollte nicht den Eindruck hinterlassen, als habe er sich schon Gedanken gemacht. Schließlich antwortete er: "Oh Majestät, ich glaube, dass sich dafür niemand so sehr eignet wie mein Erzdiakon. Er ist mit vierunddreißig erfahren genug um einen solchen verantwortungsvollen Posten anzunehmen. Zudem hat er in Paris und an der Universität von Bologna Recht studiert und ist sehr klug."
Der König vernahm die Antwort mit Erstaunen und antwortete ihm nicht sofort. Heinrich durchschritt sein Privatgemach. Vor einem kleinen Spiegel, der in der Ecke über dem Waschbecken angebracht war, blieb er stehen und betrachtete sein Spiegelbild. Das Wasser in dem kleinen steinernen Waschbecken war von einer dünnen Eisschicht überzogen. Obwohl ein Feuer im Kamin brannte und dicke Wandteppiche aufgehängt waren, war es eisig kalt im Raum.
Würde er den Kandidaten Theobalds nehmen, dann hätte er in der Tat einen klugen Kanzler. Aber er kam aus der Kirche. Und zwar aus der unmittelbaren Umgebung des Erzbischofes. Theobald von Bec war ein kluger und raffinierter Zeitgenosse. Außerdem verteidigte er seine Interessen vehement. Es kam nicht von ungefähr, dass er einst einen heftigen Streit mit Stephan von Blois ausgefochten hatte. Stephan von Blois hatte den Erzbischof zwar wieder in den Kreis seiner berater aufgenommen, aber niemals richtig verziehen. Heinrich ahnte, dass eine große Portion Eigennutz hinter dem Vorschlag steckte. Aber andererseits hätte er mit dem Erzbischof die mächtigste Kraft der englischen Kirche und vielleicht den zweitmächtigsten Mann Englands, auf seiner Seite. Er konnte nur mit ihm und nicht gegen ihn das Land regieren.
Er sah die anderen Bischöfe nacheinander an und ein jeder von ihnen nickte zustimmend. "Wie heißt der Mann, der Euch so selten von der Seite weicht?" wollte Heinrich wissen und drehte sich um.
"Becket. Thomas Becket, Majestät."
"Gut", nickte der König, "ich werde über den Vorschlag nachdenken. Seid so gut und laßt mich jetzt alleine. Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten."
Der Erzbischof lächelte verstohlen und die Bischöfe verließen den Raum mit einer leichten Verbeugung.
Heinrich ließ durch seinen Justitiar den Hoftag eröffnen. Die Spannung stieg, denn alle ahnten, daß dieser Hoftag ein ganz besonderer Hoftag sein würde.
Der König trug die Krone und einen purpurroten Mantel mit den königlichen Wappen und hielt den Königsstab in seiner rechten Hand. Er winkte Richard de Lucé zu, der hervortrat und eine Charta verlas:
"Heinrich, durch Gottes Gnaden König von England, Herzog der Normandie, Herzog von Aquitanien und Graf von Anjou entbietet allen seinen Grafen, Baronen und französischen und englischen Getreuen seinen Gruß. Wisset, dass ich zu Ehren Gottes und der Heiligen Kirche und zum allgemeinen Wohl in meinem ganzen Königreich Gott alle Abtretungen und Schenkungen, Freiheiten und freie Gewohnheiten, die mein Großvater Heinrich Beauclerc der Heiligen Kirche und allen meine Baronen, Grafen und Untertanen bewilligt und zugestanden hat, gewähre und zurückerstatte und dies durch die vorliegende Charta bestätige. Desgleichen gewähre ich Vergebung für alle schlechten Gewohnheiten und schaffe diese für mich und meine Erben ab, so wie auch er sie vergeben und abgeschafft hat. Darum will ich und schreibe fest vor, dass die Heilige Kirche, alle Grafen, Barone und alle meine Untertanen sämtliche Gewohnheiten, Schenkungen, Freiheiten und freie Gewohnheiten für sich und ihre Erben in vollem Umfang erhalten und behalten sollen, die ihnen mein Großvater Heinrich gegeben, zugestanden und durch seine Charta zugesichert hat."
Ein Raunen ging durch die Reihen, andere hielten die Luft an. Dies bedeutete, dass alle von Stephan von Blois verliehenen Schenkungen, Lehen und Güter den Grafen und Baronen, aber auch den Abteien und Klöstern wieder entzogen werden konnten.
Heinrich hatte damit gerechnet, dass die Charta von den meisten als Provokation betrachtet wurde, bedeutete es doch für einige Barone und Kleriker erhebliche Gebietsverluste. Manche Grafen mußten sogar befürchten, dass ihnen der Titel entzogen würde.
"Diese Charta ist eine Provokation!" rief einer der Bischöfe durch den Saal.
Heinrich stand auf und erhob zornig die Stimme: "Zwanzig Jahre war das Land der Anarchie, Gewalt, Willkür und dem Terror unterworfen. Es werden nicht die Wahlen durch den Klerus und die Bestätigung durch den Heiligen Vater abgeschafft. Es wird nur abgeschafft und zugestanden, was bereits unter Heinrich I. bereits abgeschafft und zugestanden wurde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieses Land ist ausgeblutet, die Schatzkammern sind leer und vielerortes wird gehungert. Ich bin nicht bereit Unrecht zu dulden, wo Unrecht getan wurde. Jeder soll wissen, dass ich jeden Widerstand als Hochverrat ansehe und jeder Widerstand entsprechend behandelt wird."
Niemand wagte es dem König zu widersprechen.
"Nun seid Ihr Edlen des Reiches aufgefordert, England und dem König Treue und Gehorsam zu beeiden. Ihm zu dienen und loyal zu Ihm zu stehen", verkündete der Justitiar und rief die Edlen einzeln namentlich auf.
Die Aufgerufenen traten vor und knieten vor dem König nieder. Sie legten ihre aneinandergelegten Hände in die des Königs und leisteten den von ihnen geforderten Eid. Nachdem jeder Aufgerufene den Eid geleistet hatte, war es Abend geworden und der Hoftag wurde für diesen Tag für beendet erklärt.
Es folgte am Abend ein großes Bankett zu dem auch Eleonore anwesend war. Sie saß an Heinrichs Seite. Auf der anderen Seite saß der Erzbischof von Canterbury. Neben diesem saß Thomas Becket. Die Spannung hatte sich etwas gelöst, war aber noch keinesfalls gänzlich entschwunden.
"Ihr werdet noch viel Arbeit vor Euch haben und viel Widerstand brechen müssen, wollt Ihr die Zustände zurückführen, wie sie unter Eurem Großvater waren. Nicht jede Festung, nicht jedes Gut wird Euch kampflos übergeben werden", meinte der Erzbischof zu Heinrich.
Der zwanzigjährige König stimmte ihm zu. "Zweifelsohne habt Ihr Recht. Doch da, wo Worte nicht ausreichen, wird das Schwert sprechen. Zu viele der Edlen haben sich in meinem Reich eingenistet wie Kreuzspinnen. Die Abgaben kommen nur spärlich oder überhaupt nicht. Ich weiß nicht einmal, welche Abgaben an mich zu leisten sind."
"Eine große Aufgabe, die nicht nur einen, sondern eine ganze Reihe von zuverlässigen Leuten bedarf", warf Becket ein, der nur einen Becher mit gewürzten Wasser vor sich stehen hatte.
"Wie würdet Ihr an diese Aufgabe herangehen?" wollte Heinrich wissen.
Becket hob abwehrend die Hände. "Oh, verzeiht. Mir steht es nicht zu Ratschläge zu erteilen."
"Wenn ich aber gerne einen Ratschlag von Euch hören würde? Wenn Ihr nun den Titel eines Erzdiakons von Canterbury führt, müßt Ihr ein kluger Kopf sein."
"Ist es nicht viel mehr so, dass man eine größere Last auf sich trägt?" erwiderte Becket.
"Das sicherlich auch, aber worauf wollt Ihr mit dieser Frage hinaus?"
"Ist man ein so kluger Kopf, wenn man sich größere Lasten aufbürdet?" wollte Becket wissen.
Heinrich sah ihn erstaunt an. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Für ihn war es immer selbstverständlich, dass er eines Tages König von England werden würde. War er doch verantwortungsbewußt, und hatte das Regieren noch nie als Last empfunden.
"Ich sehe, ich werde mich mit Euch über philosophische Fragen nicht messen können. Offenbar habt ihr Aristoteles und Plato studiert und gelesen. Also kommen wir auf meine Frage zurück. Was würdet Ihr tun?"
Becket wog den Kopf hin und her. "Nun, Ihr müßt Sheriffs Euren Vertrauens einsetzen, damit Ihr das Vertrauen des Volkes gewinnt. Sie müssen das Recht so ausüben, wie es das Gesetz vorsieht. Ein jeder muß sich an den Friedensrichter wenden können. Haltet regelmäßig Gerichtstage ab. Führt die Steuerbücher korrekt und Ihr wißt, was für Abgaben Euch zustehen. Und was ganz wichtig ist, vereinheitlicht das Münzwesen. Zuviele Barone haben ihre eigenen Münzen in ihrem Gebiet prägen lassen."
Heinrich war beeindruckt. Genau das wollte er tun. Becket war ein Mann der die Ansichten des Königs teilte.
Nach dem Bankett blieb das königliche Paar noch lange wach und sprach in den Privatgemächern über den Tag.
"Einigen fiel es sichtbar schwer den Eid abzuleisten", lachte Heinrich.
Eleonore lächelte. Es ging ihr im Vergleich zum Nachmittag wieder besser. Erstaunlicherweise zeigte sie keine Anzeichen von Müdigkeit. "Wen wirst Du nun zu Deinem Kanzler machen? Wirst Du den Ratschlägen der Bischöfe folgen und diesen Thomas Becket zu Deinem Kanzler machen?" fragte sie, während sie ihr Haar kämmte.
Heinrich biß sich auf die Unterlippe. "Ja, ich denke schon. Er ist ein kluger Kopf und gebildet. Und er weiß, was getan muß, damit das Reich wieder eines ist. Er hat sehr richtig erkannt, dass das Münzwesen vereinheitlicht werden muß und zuverlässige Steuerbücher geführt werden müssen. Korrekte und zuverlässige Sheriffs müssen eingesetzt werden, die das Recht aufrechterhalten. Ja, ich glaube, er ist der richtige Mann dafür."
Eleonore erwiderte nichts.
Heinrich gähnte herzhaft und ließ sich auf das Bett fallen. Ihm entging dadurch der skeptische und zweifelnde Blick, den Eleonore auf ihn warf. Sie war anderer Meinung. Sie konnte es sich nicht erklären weshalb, aber sie mochte Becket auf Anhieb nicht. Und der Gedanke, dass dieser Augustiner Kanzler und Vertrauter an der Seite ihres Mannes sein sollte, gefiel ihr gar nicht. Sie zuckte mit den Achseln und folgte ihm ins Bett und löschte die Kerzen. Noch bevor sie einschlief, dachte sie, dass ihre Abneigung daher rühren mußte, weil sie mit Abt Suger und Bernhard von Clairvaux als Berater an der Seite ihres ehemaligen Mannes zu viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Sie mißtraute allen Kirchenmännern, die Einfluß nehmen wollten auf die Staatsgeschäfte und den Reichsbelangen.
Am anderen Morgen zog Theobald von Canterbury nach dem Verlesen der Frühmesse seinen Erzdiakon Becket zur Seite.
"Becket, ich habe Euch etwas mitzuteilen. Es wird an der Zeit, dass Ihr es erfahrt. Aber ich habe mit Zustimmung von Heinrich von Blois, Philipp von Bayeux und Arnulf von Lisieux Euch beim König als zukünftiger Kanzler an der Seite des Königs vorgeschlagen."
Sie standen in der Mitte des Hofes des Palastes. Schnee fiel vom grauen Himmel auf sie herab und sie hüllten die Umhänge noch enger, um sich vor den scharfen und kalten Wind zu schützen. Eine dünne Schneeschicht bedeckte bereits den Boden und bei jedem Schritt knirschte es.
Becket war stehengeblieben und sah den Erzbischof erschrocken an. "Mich? Aber wieso mich verehrter Vater?" fragte er verwirrt.
Theobald seufzte auf und nahm in am Arm und gemeinsam schritten sie durch den Hof. "Zum einen seid ihr ein kluger und studierter Mann. Ich habe Euch an die Universität von Bologna geschickt um Recht zu studieren. Nun könnt Ihr Euer Wissen zum Wohle Englands und der Kirche einbringen. Heinrich Plantagenet ist ein starker König. Er eifert seinem Großvater Heinrich I. Beauclerc nach. Habt Ihr schon die Worte der Charta vergessen, die Richard de Lucé verlesen hat. Alles was Stephan von Blois an Privilegien und Schenkungen getätigt hat, ist wieder zurückzugeben, wenn es der König verlangt. Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, dass auch die Heilige Kirche zahlreiche Schenkungen erhalten hat. Die Heilige Kirche braucht einfach einen Mann an der Seite des Königs um ihren Einfluß zu behalten. Ihr seid der richtige Mann dafür. Der König ist von Euch schon seit längerer Zeit beeindruckt. Ich bitte Euch darum, schlagt meine Bitte nicht ab."
Becket fühlte sich nicht wohl in seiner Haut und sah Theobald an. "Es ist eine zu hohe Verantwortung für mich", gab Becket zur Antwort, "ich habe mein Leben Gott und der Kirche gewidmet. Nun wollt Ihr mich in einen Interessenkonflikt stürzen. Ich bitte Euch, tut mir dies nicht an."
Der Primas der Kirche schüttelte den Kopf. "Eure Motive und Euer Handeln ist sehr edel, Becket. Aber ich bitte Euch meinem Wunsch Folge zu leisten. Zwingt mich nicht, es Euch zu befehlen."
Thomas Becket schluckte und atmete zweimal tief durch. Dann fiel er vor Theobald auf die Knie und küßte den Ring des Erzbischofs. "Wenn Gott es so will, dann werde ich es tun. Euer Wunsch ist mir Befehl."
Theobald beugte sich hinab und ergriff Becket am Arm. "Steht auf, gehet hin und sammelt Euch. Der König wird den Hoftag bald weiterführen."

Kapitel 10


"Auf Anraten der Bischöfe der Heiligen Kirche ernenne ich den Erzdiakon von Canterbury, Thomas Becket, zu meinem Kanzler."
Die Worte des Königs hallten durch den großen Saal. Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen.
Eleonore, die heute wieder an der Seite ihres Gemahls saß, verzog keine Miene, obwohl sie mit der Ernennung des Augustiners ihre Bedenken hatte.
Thomas Becket wurde hervorgerufen. Mit langsamen Schritten, fast zögerlich, trat er vor den König und kniete nieder. Heinrich stand auf und nahm den Treueeid ab.
Becket schwirrten die Gedanken durch den Kopf. Auf seinem Weg nach vorne, hatten sich für einen kurzen Moment seine Blicke mit denen von Roger von Pont-l´Eveque, dem Erzbischof von York, gekreuzt. Neid und Haß waren in den Augen seines eifrigsten Widersacher zu lesen. Becket schien es so, als würde er eine große Last aufgebürdet bekommen. Seine Gedanken schwirrten von seinen Eltern, einer einfachen normannischen Kaufmannsfamilie, die einst recht wohlhabend waren, deren Vermögen wegen Feuerbrünste und hohen Steuern, die einst Mathilde, die "Kaiserin" den Londoner
Kaufleuten abverlangte, zusammengeschmolzen war. Er dachte an seine Mutter, die ihn immer anhielt Almosen zu verteilen, und an seine Zeit als Student in Paris. Dieses Studium war nur möglich gewesen, weil sein Vater ihn zu den Augustinern in die Ausbildung geschickt hatte. Und dieses Studium brachte ihn schließlich in die Kreise um den Erzbischof von Canterbury, der ihn schließlich zu einem weiteren Studium nach Bologna sandte. Die Zeremonie erlebte er wie ihn Trance und er bat Gott um Hilfe und Kraft.
"Erhebt Euch, Becket", befahl der König.
Becket stand auf und sah dem König in die Augen. Heinrich lächelte ihn freundlich an. Nur zögerlich erwiderte Becket das Lächeln. Dann wurde ihm ein Stuhl geboten auf den er sich dann setzte und den Hoftag von dort verfolgte.
Der Hoftag dauerte noch mehrere Tage an. Nach und nach machte sich Becket mit Hilfe des Justitiars Richard de Lucé mit der Lage und den Staatsgeschäften vertraut: Man behandelte zahlreiche Beschwerden, ernannte neue Sheriffs und Friedensrichter, überprüfte Schenkungen und Besitzverhältnisse, forderte Barone zur Herausgabe von Burgen auf und ordnete das Münzrecht.
Becket gewöhnte sich sehr schnell an seine neuen Aufgaben und Pflichten. Und schon bald erwarb er sich den Respekt der Barone und des Königs mit seinen klugen Ratschlägen und Entscheidungen. Als der Hoftag endlich beendet wurde, waren Becket und der König gänzlich erschöpft.
"Becket, ich danke Euch. Ihr habt mich nicht enttäuscht", sagte der König zufrieden und schenkte sich einen Becher Wein ein und setzte sich in den großen Sessel hinter seinen großen Eichentisch.
Sie befanden sich in den Privatgemächern des Königs. Nachdem die letzten Adligen und Kleriker den Palast verlassen hatten, war Ruhe eingekehrt.
Becket setzte sich auf dem ihm gebotenen Sessel.
"Wollt Ihr auch einen Becher?"
Becket zögerte einen Moment, dann nickte er. "Ausnahmsweise werde ich mir einen Becher Wein zu Gemüte ziehen", sagte Becket und griff zu.
"Becket, tut mir den Gefallen und begleitet mich morgen zur Jagd. Nach soviel Staatsgeschäften gelüstet es mich nach Vergnügen."
"Wie Ihr wünscht, Majestät."
"Und noch etwas"" sagte der König und legte seine Füße auf den Tisch, "sobald die Königin entbunden hat, sorgt dafür, dass mein Bastardsohn Gottfried in den Palast nach Westminster geholt wird. Er soll dort erzogen werden. Die Königin wird es zwar nicht gerne sehen, sich damit aber abfinden." Heinrich sah aus dem Fenster und sah die Turmspitzen des Weißen Turms des Towers. Er deutete auf den Tower und sagte: "Das wird eine Eurer ersten Aufgaben, Becket. Baut den Tower wieder zu einer Festung aus, die den Namen auch verdient. Das wird zwar eine hübsche Summe Geld kosten, aber notfalls reitet nach Winchester und greift den Kronschatz an. Oder das was davon noch übrig ist."

Kapitel 11


England, 1155

Am 28. Februar gebar Eleonore einen gesunden Jungen. Er wurde auf den Namen Heinrich getauft. Damit sollte in allererster Linie Heinrich I. Beauclerc gedacht werden, aber natürlich auch dem Vater.
Heinrich, der Jüngere, wie man den Zweitgeborenen nun nannte, war kräftiger und größer als der erstgeborene Sohn Wilhelm. Wilhelm war noch immer recht schwächlich und kränkelte oft.
Heinrich Plantagenet übertrug seinem Kanzler die Verantwortung für die Restaurierung des Towers. Der König selbst gab den Befehl alles für eine Abreise aus London vorzubereiten. Er wollte alle Teile des Landes bereisen und so die Umsetzung der Beschlüsse von Bermondsey überwachen. Heinrich war sich bewußt, dass sich einige Barone gegen ihn stellen würden und es zu Kämpfen kommen würde.
Als erstes verjagte er die flämischen Söldner. Mehrere Burgen oder Güter mußten gestürmt werden. Dabei gingen die Ritter des Königs stellenweise sehr brutal vor. Es schien als hätte sich die aufgestaute Wut entladen. Nach den ersten Erfolgen verschwand der Widerstand und die Flamen räumten freiwillig die Burgen und verließen das Land.
Um möglichst überraschend aufzutauchen, gestaltete sich der Reiseverlauf zu dem Unwillen seiner Begleiter höchst unstet. Kündigte er an, an einem Ort nur kurz zu rasten, so konnten Tage vergehen bis er den Befehl zum Aufbruch gab. Andererseits konnte es geschehen, dass er eine längere Pause ankündigte und dann bereits nach nur einer kurzen Rast den Befehl gab, weiterzuziehen. Oft erfolgte der Befehl zum Aufbruch noch vor Anbruch der Morgendämmerung.
Eleonore betrachtete es als ihre Pflicht, als Königin ihrem Gemahl auf seinem Zug durch das Reich zu folgen. Sie folgte ihm ohne zu murren. Im Gegenteil, sie schien von der gleichen Unrast befallen zu sein, wie ihr Gemahl. Fast schien es so, als empfände sie eine Freude darüber, zu sehen, wie das Gefolge oft völlig verschlafen und müde folgte, während Heinrich und Eleonore immerzu frisch und gestärkt wirkten. Es war für Eleonore so ein ganz anderes Leben als an der Seite ihres ersten Gatten Ludwig VII. An seiner Seite schien das Leben furchtbar langweilig. An Heinrichs Seite dagegen, war es aufregend und abwechslungsreich.
Der Kanzler begleitete den König sooft es ging. Doch es galt auch das soge-nannte Domesday Book wieder genauestens zu führen. In diesem Buch wurden sämtliche Statistiken über Einwohnerzahlen, Größe und Ertragskraft der Güter und Klöster erfaßt, die für die Steuererhebungen dringend notwendig waren, und unter Stephan vernachlässigt wurde.
Heinrich versäumte es nicht in den Dörfern anzuhalten und vom Pferd aus mit den Leuten, die sein Pferd umringten zu reden und ihre Klagen anzuhören. Oft genug kamen ihm Klagen zu Ohren, worauf er den zuständigen Sheriff zu sich kommen ließ, um diesen zur Rede zu stellen.
Es sprach sich schnell unter dem Volk herum, dass Heinrich ein harter, aber gerechter König sei und das Volk mochte - ja - liebte ihn.
Oft genug suchten sie Burgen und Güter auf, deren Besitzverhältnisse ungeklärt waren. Dann wurde
ein Gericht einberufen. Der Sheriff der Grafschaft mußte dann vier Ritter der Grafschaft ernennen, die wiederherum zwölf Ritter bestimmen mußten, die als Jury die verschiedenen Zeugenaussagen und Dokumente prüfen mußten und dann ein Urteil fällten.
Die Idee zu einem solchen Gericht hatte sein Kanzler Thomas Becket, der den König so oft es ging, begleitete. Heinrich war über die Idee begeistert und dankte seinem Kanzler mit Hochachtung. Das Verhältnis des Königs zu seinem Kanzler wurde immer inniger. Schon bald dankte Heinrich dem Allmächtigen und dem Erzbischof von Canterbury für die Wahl Beckets zum Kanzler.
Der Kanzler selbst durchlebte eine Wandlung, die ihm viele nicht zugetraut hatten. Zwar hielt er sich immer noch an gewürzten Wasser und vollzog sich selbstverordneten Geißelungen, aber dies waren die einzigsten Hinweise auf seine kirchliche Vergangenheit, wenn man seine Keuschheit übersah. Der Kanzler begann den Luxus zu genießen und schätzen. Er begann sich nach der Mode der Zeit zu kleiden und das Tuch, welches er zu seinen Gewändern verarbeiten ließ, wurde immer wertvoller und teurer. Es dauerte nicht lange, da war der Kanzler in teureres Tuch gekleidet, als der König, was dieser auch immer wieder beklagte.
Eleonore entging das vertraute Verhältnis ihres Gemahls zu seinem Kanzler nicht. Sie spürte, wie die Eifersucht in ihr keimte. Es war die Eifersucht auf den besten Freund des Mannes, die Frauen oft einfing. Dies wiederum entging dem Kanzler nicht, und er ahnte was die Ursache für Ihre ablehnende Haltung war. So kam es, dass beide sich mieden.

Burg Arundel in der ersten Frühlingstagen 1155

Eine ihrer Reisen durch das Land führte sie auch zur Burg des Grafen von Arundel. Der Graf Wihelm nahm sie mit Freude als seine Gäste auf seiner Burg auf, auch wenn solche Gastspiele sich oft als kostspieliges Vergnügen erwiesen. Er gab dem König zu Ehren ein festliches Bankett.
Das Bankett war überladen mit zartem Fleisch vom Wild, Fasanen und Wachteln, gebratenen Fischen und reichlich Wein. Der Graf hatte frisches Stroh streuen lassen und lud Gaukler und Zauberkünstler ein, ihre Künste vorzuführen. Es war ein fröhliches Bankett und sogar Becket ließ sich von der Fröhlichkeit mitreißen.
"Mein lieber Graf, dieses Fest ist Euch gelungen. Dafür danke ich Euch. Nicht überall im Lande ist unser Erscheinen gern gesehen," lobte Heinrich den Grafen, der sich leicht verbeugte.
"Ich danke Euch, mein König. Was den Widerstand der Barone anbelangt, so seid versichert, dass Ihr Euch meiner Treue gewiß sein könnt," erwiderte der Graf.
Heinrich nickte ihm dankend zu. Er wußte, dass der Graf Stephan von Blois unterstützt hatte. Doch in den wenigen Tagen seiner Regierung hatte Arundel den König voll und ganz unterstützt.
"Ihr könnt Eure Worte zu Wallingford wiederholen", gab der König zurück.
Graf Wihelm von Arundel sah ihn fragend an und warf einen Blick zu Becket, der ebenso ratlos schien.
"Verzeiht, mein König", meinte Becket, "aber der Graf von Arundel versteht nicht, was Ihr meint. Und offen gestanden, ich auch nicht."
"Mein teurer Kanzler", rief Heinrich aus, nachdem sie den Becher geleert hatten, "Ihr werdet morgen nach Westminster zurückkehren. Ich wünsche, dass Ihr für den 10. April eine Reichsversammlung nach Wallingford beruft."
Becket war überrascht. "Eine Reichsversammlung? Verzeiht mir gnädigst, aber darf man den Grund für diese Versammlung erfahren? Immerhin war vor wenigen Wochen in Bermondsey ein Reichstag abgehalten worden."
Heinrich sah Eleonore verschmitzt an, die ihm zulächelte. Dann wandte er sich wieder an Becket.
"Ich verlange den Treueeid der Barone. Und ich verlange, dass sie diesen auch gegenüber meinen Söhnen ablegen. Auf das sie meine Söhne als Erben anerkennen."
Augenblicklich verstummte jedes Gespräch im Saal. Es war Wilhelm, der Graf von Arundel, der sich entsetzt in das Gespräch einschaltete. "Mein König, habt Ihr Euch das genau überlegt? Ich meine, was meint der Primas dazu? Was sagen die Barone? Verzeiht mir.....aber das hat es noch nie gegeben. Die Nachfolge des Königs erfolgte immer durch Wahl. Ihr entzieht dem Adel jegliches Stimmrecht. Das wird Euren Feinden nur Zulauf bringen."
Heinrich grinste vergnügt. "Ich weiß", antwortete er, "dass es sich um ein Novum handelt. Doch ich bin der König. Und ich verlange ja nicht die Krönung, sondern den Treueeid. Im übrigen hatte schon mein Großvater zu Lebzeiten bei den Baronen durchgesetzt, dass seine Tochter Mathilde - also meine verehrungswürdige Mutter - als Thronerbin anerkannt wurde. Ich habe in Bermondsey angekündigt, dass wir zu den Rechten und Gewohnheiten unter Heinrich I. zurück kehren werden. Wird der Adel mir dies verweigern, wird er sich fragen lassen müssen, weshalb sie unter meinem Großvater zu solchen Zugeständnissen bereit waren und heute nicht. "
"Aber die Leistung eines Treueeides kommt einer Anerkennung als Thronfolger gleich. Die Barone werden sich diesem versuchen zu widersetzen. Jeder hat noch vor Augen, welche schrecklichen Folgen dies für England nachgezogen hatte. Verlangt Ihr den Treueeid auf Eure Söhne, dann würdet Ihr damit den Versuch machen, den Titel zu vererben. Es wäre die Grundlage für eine Erbdynastie. Dem werden sich die Barone nach den Erfahrungen der letzten Jahre gewiß widersetzen!"
"Sie werden es tun," gab Heinrich zurück, "weil ich es so will. Weigern sie sich, werden sie um ihre Besitzungen auf dem Festland bangen müssen. Eure bedenken habe ich vernommen, doch ich halte sie für haltlos. Was soll aus England werden, wenn ich plötzlich sterbe? Glaubt Ihr denn, dass dann andere Verhältnisse eintreten würden? Das eine Thronfolge ohne Blutvergießen und Krieg erfolgen würde? Nein, ganz sicher nicht. Und deshalb werden die Barone den Eid leisten."
Becket war nicht überzeugt. "Ihr werdet viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, mein König. Ihr solltet unbedingt vorher mit dem Primas sprechen."
"Das werdet Ihr für mich tun", gab der König zurück.
Becket nickte und leerte den Becher und erhob sich. "Ihr verzeiht, wenn ich mich zurückziehe. Aber vor einem solchen Tag wäre es besser, wenn ich früh schlafen gehe."
Früh am nächsten Morgen begab sich Becket zum Sitz des Primas, der ihn freudig empfing. Doch Becket machte ein besorgtes Gesicht und der Erzbischof ahnte, dass er mit schlechten Nachrichten aufgetaucht war. Er bat den Kanzler in sein Arbeitszimmer. Dort berichtete ihm der Kanzler, was Heinrich beabsichtigte und was seine Aufgabe war.
Der Primas war nicht minder entsetzt wie Becket oder der Graf Arundel. "Der König kann nur durch Wahl ernannt werden! Das ist schon seit Wilhelm den Eroberer so gewesen", rief er aus.
"So war es bisher. Doch es besteht kein Gesetz. Es ist lediglich eine Gewohnheit. Der König verlangt den Treueeid und die Anerkennung seiner Söhne als Thronfolger. So wie man Heinrich I. schwor, Mathilde als seine Erbin anzuerkennen. Verweigert man ihm dies, wird er fragen, weshalb die Barone damals bereit waren den Eid zu leisten. Die Zeiten damals seien nicht anders als heute."
Theobald sah Becket forschend an. "Und wenn ich mich weigere dies zu tun?"
Becket wich dem Blick des Erzbischofes aus. "Habt Ihr selbst nicht den Angeviner auf dem Thron als gefährlich bezeichnet?" gab Becket zurück.
"Er wird damit nur die Barone gegen sich aufbringen. Er riskiert viel. Noch hat er seine Macht nicht genügend gesichert. Noch widersetzen sich mehrere Barone, besonders im Norden."
Becket pflichtete ihm bei, fügte jedoch hinzu: "Doch Ihre Macht wird nicht ausreichen. Heinrich verfügt über einen großen Rückhalt in der Bevölkerung und bei zahlreichen Baronen im Süden, die ihm treu ergeben sind. Und hinter ihm steht die Normandie, das Anjou und Maine. Und vergeßt Eleonore mit Aquitanien nicht. Heinrich ist kein Stephan. Langfristig haben die Barone militärisch keine Chance. Und Ihr werdet dafür sorgen müssen, dass der Klerus - am besten über ein Konzil - die Pläne des Königs unterstützt. Wie wird Heinrich von Blois dazu stehen?"
"Ihr habt recht. Dann hat es auch keinen Sinn, wenn wir uns widersetzen. Heinrich von Blois hat nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren. Er hat seine Hoffnungen auf den Titel eines Primas längst aufgegeben. Er ist über die Jahre klüger und weniger ehrgeiziger geworden. Fast scheint es mir so, als setze er das Wohl Englands über allen anderen. Was meint Ihr: Inwieweit steckt hinter diesen Plänen die Königin?"
"Ich fürchte, sie ist die treibende Kraft. Mir scheint, dass sie die Idee dazu hatte. Heinrich hatte mir gegenüber zuvor mit keinem Wort eine Andeutung gemacht. Ich war nicht weniger überrascht worden als Ihr."
"Vielleicht beginne ich langsam zu verstehen, weshalb Bernhard von Clairvaux Ihr größter Feind war. Es scheint so, als ob ich die Königin etwas unterschätzt habe. Aber wie steht Ihr ganz persönlich dazu Becket?"
Becket erhob sich. "Ich muß weiter. Wie ich persönlich dazu stehe spielt keine Rolle. Ich bin der Kanzler des Königs und muss ihm treu und loyal dienen. Das heißt, auch ich werde jeden Widerstand als Hochverrat betrachten."
Auch Theobald von Bec hatte sich erhoben und begleitete Becket an das Tor. "Jede andere Antwort von Euch hätte mich enttäuscht. Aber Ihr und der König werdet viel Kraft brauchen. Die Barone werden alles andere als glücklich über diesen Vorstoß sein."
Becket schwang sich auf sein Pferd und sah auf den Primas herab. "Wie ist es mit Eurer Unterstützung? Noch habt Ihr Euch nicht klar und deutlich geäußert."
Theobald von Bec runzelte die Stirn. "Ich dachte, meine Antwort war eindeutig. Ich werde den König mit seinen Plänen unterstützen, wenngleich ich es persönlich für einen Fehler halte."
Becket nickte. Das genügte ihm. Er winkte nocheinmal zum Abschied und ritt los. Becket kehrte nach London zurück, um die Bauarbeiten am Tower zu überwachen, aber auch um die Versammlung nach Wallingford einzuberufen.

Wallingford, 10. April 1155

Die Stimmung unter den Versammelten war gereizt und angespannt. Die meisten hatten erhebliche Bedenken, zum Teil sogar offenen Widerstand, verkündet. Doch in zahlreichen Gesprächen vor und während der Versammlung, gelang es Becket, dem Erzbischof von Canterbury und Heinrich von Blois, die Barone zum Eid zu bewegen. Zu deutlich hatte Heinrich verkündet, wie er es bewerten würde, wenn die Barone dem Eid nicht Folge leisten würden.
Die Burg war festlich geschmückt und wertvolle Wandteppiche schmückten den großen Saal, indem die Versammelten zusammen traten. Doch die Pracht übertrug sich nicht auf die Stimmung der Versammelten. Fanfarenstöße eröffneten die Reichsversammlung und Richard de Lucé verlas den Grund für diese Reichsversammlung. Ein leises Murren ging durch den Saal, denn schließlich wußte jedermann schon, was der Grund für diese Versammlung war. Heinrichs Söhne Wilhelm und Heinrich saßen festlich gekleidet neben ihm und machten einen unbeteiligten Eindruck. Sie waren zu jung um zu begreifen, was da vor sich ging.
Als alle Versammelten den Treueeid gegenüber Heinrich und seinen Söhnen geleistet hatten, stand Heinrich auf und trat vor den zusammengekommenen Adel und Klerus. "Ich habe feststellen müssen, dass einige Barone meines Reiches meiner Anordnung nicht Folge leisten, die Anzahl der Söldner zu verringern und einige Burgen an mich zu übergeben. Darunter ist auch mein Vetter Graf Roger von Hereford."
Der Angesprochene fuhr bei der Nennung seines Namens sichtbar zusammen. Heinrich wandte sich abrupt ihm zu und sah ihm scharf in die Augen. "Könnt Ihr, verehrter Vetter, einen guten Grund nennen, warum dies nicht geschehen ist?"
Roger von Hereford schluckte und sah betreten zu Boden.
"Nun", rief Heinrich laut, so dass jeder in der Halle ihn hören konnte, "ich warte auf eine Antwort."
Roger von Hereford ging unterwürfig auf die Knie. "Mein König", sagte er laut genug, "ich benötige die Besatzungen zur Sicherung meiner Burgen."
Heinrich winkte mit einer kurzangebundenen Geste ab. "Schweigt. Ist es nicht so, dass Ihr ein Anhänger Stephan von Blois ward und mich als Gegner betrachtet? Wollt Ihr vielleicht deswegen nicht Eure Söldner verringern?"
Roger von Hereford lief rot an. Nur mühsam nahm er diese öffentliche Demütigung hin.
"Niemand der den Befehlen des Königs gehorcht, braucht diesen zu fürchten", wandte sich der König an die Allgemeinheit, "aber wer diesen sich widersetzt, soll wissen, dass ich jeden zwingen kann zu gehorchen." Heinrich trat vor den niedergeknieten Roger von Hereford. "Und wenn Ihr nicht genug Ritter habt, Eure Burgen zu besetzen, dann übergebt mir die Burgen Gloucester und Hereford. Ich habe genug Ritter um diese zu besetzen."
Roger von Hereford wäre vor Wut beinahe aufgesprungen. In seinen Augen glomm der Haß.
Heinrich drehte ihm den Rücken zu. In der großen Halle von der Burg Wallingford wurde es totenstill. Man hätte ein Stecknadel fallen hören können.
Heinrich wechselte einen Blick mit seinem Kanzler Thomas Becket. Heinrich kannte Becket inzwischen gut genug um zu wissen, was dieser dachte. Sie hatten sich einen Feind gemacht. Doch diese Machtdemonstration war notwendig gewesen.
"Es wäre besser, wir würden den Graf genau im Auge behalten", raunte Becket seinem König zu.
Dieser nickte. "Ich glaube, Ihr habt recht."
Wenige Tage später wurde die Versammlung von Wallingford beendet. Sie endete mit einem Turnier und einem Festbankett. Schließlich kehrten die Barone und Kleriker zu ihren Burgen, Güter und Klöster zurück. Heinrich, Eleonore und Becket kehrten gemeinsam nach London zurück.
Eine Woche nach ihrer Ankunft im Westminster-Palast traf die Nachricht ein, dass Roger von Hereford sich offen erhoben hatte. Sein Nachbar Hugh von Mortimer schloß sich diesem Aufstand ebenso wie der Graf von Yorkshire, Wilhelm von Aumale, an.
Der König begutachtete gerade die Pläne für die Befestigung einiger königlicher Burgen, die strategisch eine wichtige Rolle spielen um das Reich zu sichern, als Thomas Becket den Raum betrat und ihm die schlechten Nachrichten überbrachte. Heinrich sah ihm sofort an, dass etwas passiert sein musste. Becket spürte, dass die Blicke von Theobald von Bec, Heinrich von Blois, Richard de Lucé und Eleonore gespannt auf ihm ruhten.
"Was gibt es, Becket?"
Becket überbrachte die eingetroffenen Nachrichten.
Heinrich schlug wütend mit der flachen Hand auf den Tisch mit den Bauplänen. "Verdammt, ich werde diesem verrückten Hund zeigen, was es heißt, es sich mit mir anzulegen. Bereitet sofort alles vor, für einen Feldzug nach Hereford."
Becket nickte. Doch er machte keinerlei Anstalten zu gehen.
"Ist noch etwas?"
"Verzeiht mir, Majestät. Aber wäre es nicht klüger, Ihr würdet erst Wilhelm von Aumale in seine Schranken weisen? Bedenkt bitte, dass Yorkshire unweit von Schottland ist. Man weiß nie, ob die Schotten solche Aufstände nutzen, um mit England die Schwerter zu kreuzen. Immerhin erhebt Malcom IV. Ansprüche auf Westmoreland und Northumberland."
Richard de Lucé pflichtete ihm bei. "Er hat recht mein König. Die schottischen Könige waren schon immer ein abenteuerlustiges Gesindel. Ich traue es ihm durchaus zu, dass er diesen Aufstand für einen Einfall nach England nutzen würde um sich endlich diese Gebiete anzueignen. Bislang hat er immer wieder neue Ausreden gefunden, dass er Euch gegenüber den Treueeid schuldig geblieben ist. "
"Ich glaube, beide haben recht", meinte auch der Bischof von Winchester, Heinrich von Blois, "König Malcolm ist mutiger und furchtloser Mann bekannt."
Heinrich sah von einem zum anderen. Schließlich breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. "Ich glaube zwar, dass Malcolm genug Schwierigkeiten im eigenen Reich hat, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Sendet einen Boten zum Erzbischof von York. Er soll mit seinen Truppen versuchen die Grafschaft zu sichern bis wir eintreffen. Also gut, dann laßt uns zuerst nach Yorkshire aufbrechen."
"Wird die Königin uns begleiten?" wollte Becket wissen.
Eleonore wandte sich leicht erstaunt um. "Falls es Euch in irgendeiner Weise beruhigt: Nein, ich werde nach dem Festland segeln."
Heinrich trat an sie heran und gab ihr einen Kuß auf die Wange. "Wir sind schon viel zu lange in England. Eleonore wird in die Normandie und ins Poitou gehen und nach den Dingen sehen. So sehr ich sie auch vermissen werde, ich brauche sie dort."
Becket verbeugte sich leicht und nickte. "Ich werde alles für Eure Abreise veranlassen."
Während Eleonore England in Richtung Festland verließ und nacheinander die Normandie, das Poitou, Bordeaux und die Gascogne aufsuchte, wandte sich Heinrich von seinem Kanzler begleitet nach Norden in Richtung Yorkshire.
"Wenn Wilhelm von Aumale es auf einen Kampf ankommen läßt, dann wird es schwer für uns", meinte Becket, der an der Seite von Heinrich ritt, "wir haben zwar viele Ritter, aber die Burgen des Grafen sind hervorragend befestigt und werden uns ein hohes Blutzoll abverlangen."
"Ihr habt recht, Becket. Aber wenn die letzten Nachrichten stimmen, die wir erhalten haben, weilt Wilhelm von Aumale in York und wartet dort auf uns. Es wird wesentlich leichter sein ihn dort zu schlagen, als in seiner Festung Scarborough", antwortete Heinrich ihm.
"Wenn der Erzbischof von York treu zu Euch hält und genug Truppen mobilisieren kann", meinte becket in einem zweifelnden Ton, der Heinrich aufhorchen ließ.
"Ihr mißtraut dem Erzbischof? Nun, angesichts Eurer Antipathie, die von beiden Seiten ausgeht, wäre es, alles andere zu glauben, sicherlich vermessen. Aber ich hege keinen Zweifel, dass der Erzbischof von York uns treu zu Diensten steht."
"Was aber wenn die Tore von York verschlossen bleiben? Wenn der Erzbischof gar nicht mehr Herr der Lage ist?" fragte Becket und riß einen tiefhängenden Zweig ab.
"Becket, Ihr seid ein unverbesserlicher Pessimist wie mir scheint. Wir werden in wenigen Tagen die Antwort wissen."
Doch der Optimismus des Königs erwies sich als zu groß. Bereits am nächsten Tag kam ihnen ein Trupp Reiter entgegen, der von Roger von Pont-l´Evéque, dem Erzbischof von York, angeführt wurde. Als Heinrich das Wappen des Erzbischofes erkannte, eilte er ihm im schnellen Galopp entgegen. Nur wenige Meter voneinander entfernt kamen beide Reiter zum stehen.
"Was zum Teufel macht Ihr hier?" rief Heinrich aus.
Der Erzbischof und sein Gefolge waren über und über mit Staub bedeckt. "Wilhelm von Aumale hat die Kontrolle über York gewonnen. Uns ließ er gnädigerweise laufen. Er führe keinen Krieg gegen uns, sagte er", antwortete der Erzbischof schwer atmend. An seiner Seite hing sein Schwert und er selbst trug Kettenhemd, Harnisch und Helm.
"Was ist mit Euren Truppen und Vasallen?" wollte Becket wissen, der inzwischen dazu gestoßen war.
"Sie wurden überrumpelt. Es ging alles sehr schnell. Die meisten ergaben sich widerstandslos."
Heinrich fluchte und der Erzbischof ließ zerknirscht den Kopf hängen. "Roger von Pont-l´Evéque, ich weiß nicht, wie Ihr Euer Regiment führt. Aber nun wendet Eure Pferde und schließt Euch uns an. Vielleicht könnt Ihr noch etwas lernen", rief Heinrich bissig aus und gab den Befehl zum weitermarsch.
Wenige Tage später standen sie vor den Toren Yorks. Die Tore blieben erwartungsgemäß verschlossen. Offenbar suchte Wilhelm von Aumale die Entscheidung im Kampf.
Heinrich befahl sofort eine Belagerung der Stadt. Aber er hatte nicht vor sofort anzugreifen. Nachdem das Lager und die Belagerungsmaschinen aufgebaut waren, verlangte Heinrich nach einem Schreiber. Er diktierte ein Schreiben und ließ es mit seinem Siegel versiegeln.
"Becket, reitet vor die Mauern der Stadt und überbringt die Botschaft an Wilhelm von Aumale. Laßt Euch eine Antwort geben", befahl der König.
Becket nahm den Brief schweigend entgegen und verbeugte sich. Er klappte das Visier herunter und bestieg sein Pferd.
"Und Becket", rief ihm Heinrich hinterher, "seid vorsichtig."
Becket zog zur Antwort das Schwert und klopfte auf das Schild zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Im scharfen Galopp ritt er zur Stadt und verlangte Einlaß. Dieser wurde ihm zwar nicht gewährt, aber ein Ritter kam aus der Stadt geritten und nahm den Brief entgegen und ritt wieder hinein. Nach fast einer Stunde öffnete sich die Zugbrücke erneut und ein einzelner Ritter in voller Rüstung
erschien. Am Wappen war zu erkennen, dass es sich um Wilhelm von Aumale höchstpersönlich handelte. Darauf hatte Heinrich gewartet und er bestieg sein Schlachtroß und ritt ihm entgegen. In der Mitte des Weges zwischen der Stadt und dem Lager trafen sie sich.
"Wilhelm von Aumale, ich fordere Euch auf, aufzugeben und jedes unnötige Blutvergießen zu vermeiden", rief Heinrich ihm zu.
Auch Wilhelm von Aumale klappte das Visier hoch. Er war ein Ritter in den mittleren Jahren. Sein Bart und Haupthaar begann zu ergrauen. Seine Augen musterten zunächst den König und dann das Lager, welches schon fast vollständig aufgebaut war. Am Gesichtsausdruck war abzulesen, dass der aufständische Graf von Yorkshire nicht mit einem so großen Aufgebot gerechnet hatte. "York hat wehrhafte Mauern. Ihr werdet lange brauchen um sie zu erstürmen", gab Wilhelm von Aumale vorsichtig zurück.
Heinrich nickte. "Ihr habt recht, aber sie wird fallen. Und dann wird Euch keine Gnade gewährt werden. Noch bin ich bereit Euch zu vergeben. Übergebt Ihr die Stadt und Eure Burg Scarborough nicht, dann werdet Ihr als Hochverräter abgeurteilt."
Wilhelm von Aumale zeigte keine Regung. Sein Pferd tänzelte unruhig. Der König hatte recht. Auch wenn York eine Stadt mit trutzigen Mauern war, so hatte er zu wenig Leute um sie dauerhaft zu verteidigen. Die flämischen Söldner hatten ihn im Stich gelassen und die Ritter des Erzbischofes mussten auch bewacht werden. Die Flamen hatten vom Schicksal ihrer Landsleute gehört und waren außer Landes geflohen. Und zu allem Ungemach kam es, dass der König von Schottland den Aufstand auch nicht für einen Einmarsch nutzte. Seit Tagen wartete er auf einen Boten mit der erlösenden Nachricht, dass die Schotten eingerückt wären. Er befand sich in einer verdammt aussichtslosen Situation.
"Gewährt Ihr mir eine Bedenkzeit?" wollte Wilhelm wissen.
Heinrich überlegte es sich kurz. Dann nickte er. "In Ordnung. Ihr habt zwei Stunden Zeit. Seid Ihr zur Aufgabe bereit, hißt eine weiße Flagge. Lehnt Ihr das Angebot ab, setzt eine schwarze Flagge."
Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete Heinrich sein Pferd und preschte in das Lager zurück. Dort angekommen stieg Heinrich vom Pferd und übergab es einem der Knappen zur Obhut. "Behaltet die Mauern in den Augen. Wenn sich etwas rührt, will ich es sofort wissen. Wilhelm von Aumale hat zwei Stunden Zeit sich zu entscheiden."
Becket spähte zu den Mauern der Stadt hinüber. "Meint Ihr, dass er versucht Zeit zu gewinnen?" wollte er wissen.
"Ich habe keinen Zweifel daran, aber vielleicht nimmt er auch Vernunft an. Eine Schlacht wäre zwar verlustreich für uns, aber er weiß, dass er sich nicht auf Dauer halten kann." Heinrich nahm einen Schluck Wein aus einem der Lederschläuche und zog Becket dann zur Seite. "Becket, ich will Eure Meinung hören: Wieviel Glauben schenkt Ihr den Worten des Erzbischofes?"
Thomas Becket schob die Kettenhaube vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Roger von Pont-l´Evéque war noch nie ein besonders mutiger Mann. Er hat es immer prächtig verstanden seinen Günstlingen zu schmeicheln. Ich fürchte Theobald von Bec hat mit seiner Ernennung zum Erzbischof von York einen großen Fehler gemacht. Ihr tätet gut daran Euch vor ihm in Acht zu nehmen."
Heinrich nickte. Becket bestätigte damit seine eigenen Vermutungen. "Ihr glaubt also, er hat es nicht einmal versucht York für uns zu halten?"
Becket wog seine Antwort sorgfältig ab. "Wenn es denn so gewesen wäre, wie sollte man das beweisen? Ich bin sicher, dass der Erzbischof genug Gold in den erzbischöflichen Truhen besitzt, um jeden zu bestechen."
"Ich glaube die Antworten genügen mir. Lasst uns wieder nach vorne gehen."
Als man die Sanduhr viermal gewendet hatte, lief die Frist ab. Zufrieden und erleichtert bemerkte man im königlichen Lager, dass nach zwei Stunden auf dem höchsten Turm eine weiße Flagge gehißt wurde. Wilhelm von Aumale übergab die Stadt und die Festung kampflos.
Heinrich wandte sich daraufhin so schnell es ging nach Hereford. Aber auch hier kam es zu keinem Kampf. Der Bischof von Hereford, Gilbert Foliot, ritt dem König entgegen und verhandelte mit Heinrich im Auftrag seines Vetters Graf Roger von Hereford. Man fand schließlich eine Verhandlungslösung. Heinrich gewährte Gnade und erhielt im Gegenzug die geforderten Burgen.
Hugh von Mortimer dagegen wollte sich um keinen Preis beugen. So war Heinrich gezwungen sein Heer vor die Burg Cleobury zu führen.
Sie überquerten einen Bach und ritten durch ein Wäldchen mit zahlreichen moosbewachsenen Bäumen. Sie waren schon seit mehreren Tagen unterwegs und näherten sie der Festung Cleobury, in der sich Hugh von Mortimer verschanzt hatte.
Die Burg war von den Aufständischen in den letzten Wochen stark befestigt worden und ein Angriff auf sie würde mit einem hohen Blutzoll bezahlt werden müssen. Je näher sie sich Cleobury näherten, desto schweigsamer wurde der König. Er war sich der Schwere seiner Aufgabe bewußt. Und er hoffte dies verhindern zu können.
"Mein König, ich glaube es wäre besser, Ihr würdet Eure Rüstung anlegen. Wir sind in Reichweite der Aufständischen."
Heinrich war wegen der herrschenden Sommerhitze im Juli ohne Rüstung geritten. Nun war es an der Zeit, die beengende Rüstung anzulegen. "Ihr habt recht, Becket. Laßt uns anhalten und kurz rasten und die Rüstung anlegen."
Sie stoppten in dem dichten Wald und legten die Rüstungen an. Danach ritten sie weiter und schon bald verließen sie den Wald. Schließlich zogen sie an ein paar Dörfern vorbei, die in der Nähe der Festung lagen. Mit Sicherheit war Hugh von Mortimer inzwischen über das Herannahen des königlichen Heeres gewarnt. Dann kam die Festung in Sicht. Heinrich ließ stoppen und befahl ein Lager außerhalb der Reichweite jeder Wurfmaschine aufzuschlagen.
Wie vor York auch, versuchte Heinrich ein Blutvergießen zu vermeiden und sandte Becket vor die Tore der Burg. Doch Hugh von Mortimer war uneinsichtiger als Wilhelm von Aumale und schoß als Antwort einen Pfeil auf Becket ab.
Heinrich zögerte daraufhin keinen Moment lang, den Angriff zu befehlen. Es war ein harter Kampf und erst im vierten Anlauf gelang es den königlichen Truppen die Mauern zu erstürmen.
Heinrich und Becket kämpften bei dem Sturm Seite an Seite in vorderster Linie. Der Widerstand war schnell gebrochen, nachdem Heinrich Plantagenet und Thomas Becket zahlreiche Ritter erschlagen hatten. Mit blutbesudelter Rüstung drangen sie in die große Halle der Burg ein. Hugh von Mortimer stellte sich ihnen in voller Rüstung entgegen. Doch ehe man die Schwerter kreuzte, ließ Mortimer das Schwert und Schild sinken und ging in die Knie und kapitulierte.
Die schnelle Niederschlagung des Aufstandes verhinderte eine allgemeine Erhebung des Adels. Die Mischung aus Härte und taktvolles Vorgehen beeindruckte die unschlüssigen Barone zutiefst. Sie verhielten sich daraufhin ruhig. Nicht zuletzt auch deswegen, weil viele von ihnen Güter und Ländereien in der Normandie besaßen. Bei einem Aufstand riskierten sie nicht nur den Verlust von
ein paar Burgen in England, sondern auch ihre Besitztümer in der Normandie.
Doch kaum war Hugh von Mortimer in die Knie gezwungen, zwangen Grenzstreitigkeiten Heinrich zu einem Feldzug nach Wales. Doch bereits im Herbst war auch dort der Aufstand niedergerungen und Heinrich kehrte an der Seite seines Kanzlers nach Winchester zurück, wohin er die Barone einberufen hatte, weil in Irland blutige Unruhen tobten und diese drohten, nach England überzugreifen.
Die Kirche Irlands hatte nach Meinung Roms zu viel keltisches Brauchtum übernommen und verlangte deren Abschaffung. Doch die Mönche weigerten sich und provozierten einen Streit mit dem Papst.

Winchester im September 1155

Schon seit Stunden berieten sie die Lage in Irland. Heinrich saß auf seinem Thron im großen Saal des Palastes von Winchester. Vor ihm hatten sich die bedeutendsten Männer des Reiches versammelt. Vom Adel waren mit Richard Fitzgerald de Clare, Patrick von Salisbury, der Graf von Arundel und der Justitiar Robert de Lucé die wichtigsten Barone vertreten. Richard Fitzgerald de Clare hatte im Feldzug gegen die Waliser tapfer und erfolgreich gekämpft und zur Belohnung mit der Grafschaft Pembroke belehnt. Man rief ihn im allgemeinen Strongbow. An der Seite Heinrichs stand sein Kanzler Thomas Becket. Vom Klerus waren Thobald von Bec, Heinrich von Blois, Hilarius von Chichester, Roger von Pont-l´Évéque und Gilbert Foliot, Bischof von Hereford, und Arnulf von Lisieux vertreten.
Richard Fitzgerald de Clare war einer der Barone, die Heinrich drängten, nach Irland zu segeln und es zu erobern. "Die Gelegenheit ist günstig. Der Adel Irlands ist zerstritten und uneins", sprach Richard Fitzgerald de Clare vor der Versammlung aus, was viele zwar wußten, aber trotzdem nicht überzeugen konnte. Er stand in der Mitte des großen Saals und sah sich um. Sein Blick blieb beim Erzbischof von Canterbury, Theobald von Bec, hängen.
"Seid Ihr nicht vom Papst legitimiert die Reformgedanken in Irland zu verbreiten und den Kultbrauchtum in den keltischen Gemeinden auszurotten?"
Theobald nickte beinahe unmerklich.
"Doch Eure kirchliche Autorität in Irland verschwindet zunehmend. Man widersetzt sich der Heiligen Kirche Roms. Und wir alle hier, die in Winchester versammelt sind, wissen, dass das keltische Gedankengut leicht bis nach Wales oder Schottland getragen werden kann. Zahlreiche irischen Mönche fliehen oder sind geflohen. Wo werden sie landen? Sie segeln bestimmt nicht nach Spanien. Nein, sie landen an den Küsten von Wales, Northumbias und Schottlands. Schottland war schon immer ein Land, dass gerne Krieg mit England führte. Und Wales? Sie sind wie die Schotten. Immer zu Kämpfen bereit. Und schließlich vergeßt nicht, dass die Sachsen auf uns Normannen nicht gut zu sprechen sind. Wir sollten nach Irland segeln und die Insel erobern, bevor die Unruhen herübergetragen werden. Der Papst in Rom wird uns für diese Unternehmung seinen Segen geben, führen wir doch die verlorenen Schäflein zurück an die Mutterbrust der römischen Kirche." Richard Fitzgerald de Clare verneigte sich in Richtung des Königs und setzte sich auf seinen Platz.
"Ich möchte aber zu bedenken geben, dass die Herrschaft König Heinrichs im Moment gefestigt scheint, aber keineswegs gesichert ist. Ich halte es für einen schweren Fehler, wenn er jetzt England verlässt", gab Heinrich von Blois zu bedenken.
"Ich bin erstaunt, solche Worte aus Eurem Mund zu hören", meinte Patrick von Salisbury, "aber ich stimme den Worten des Bischofs von Winchester zu. Euer Platz kann in dieser Zeit nur in England sein."
Heinrich sah in die Runde. Dann bat er Richard de Lucé um dessen Meinung. Dieser antwortete vorsichtig: "Es ist verlockend in Irland einzugreifen. Eine solche Gelegenheit wie diese bietet sich vielleicht nie wieder. Aber ich bitte zu bedenken, dass wir zwar das Domesday Book wieder sorgfältig führen und einen Überblick über die königliche Schatzkammer gewonnen haben, aber die Staatsfinanzen sind noch nicht so gut, dass wir über einen Feldzug nachdenken sollten. Die Burgen und Festungen in England werden für ihren Ausbau noch riesige Summen verschlingen."
Es war der Erzbischof von York, der mit einem gehässigen Grinsen den König aufforderte, des Kanzlers Meinung zu hören.
Thomas Becket sah seinen Rivalen an und bat um das Wort. Es wurde ihm erteilt. "Ihr habt Recht, de Clare. Die Autorität des Primas von Canterbury wird in Irland mit den Füßen getreten. Und sicherlich würdet Ihr im Interesse des Papstes handeln. Richtig ist auch, dass die Sachsen in uns Normannen noch die Eroberer sehen, die vor rund einhundert Jahren unter Wilhelm in England einfielen. Vergeßt aber nicht, dass es die irischen Mönche waren, die Europa zu Christus führten. Noch immer genießen die irischen Mönche ein hohes Ansehen. Ohne ihren Missionseifer hätte es vielleicht nie ein Reich der Franken unter Karl den Großen gegeben. Der Einfall in ein Land - auch wenn dort scheußliche Unruhen toben - welches ein so hohes Ansehen genießt, sollte nicht ohne ausdrückliche Billigung des Papstes vollzogen werden. Ich rate der Versammlung eingehend, eine Gesandschaft nach Rom zu senden. Sie sollen zu Papst Hadrian IV. gehen und um den Segen für die Rückführung Irlands erteilen. Und nur mit diesem halte ich es für ratsam einen Feldzug nach Irland ins Auge zu fassen. "
Becket lächelte den Erzbischof von York an. Hatte dieser sich eine klare Antwort erhofft, so sah dieser sich getäuscht. Becket hatte sich als wahrer Diplomat erwiesen und rhetorisch alles offen gelassen.
Es war der Graf von Northumberland, der Bedenken äußerte: "Das kostet Zeit. Zuviel Zeit. Bis die Gesandschaft mit der Antwort des Papstes wieder in England ist, kann es schon zu spät sein."
Becket wandte sich an ihn um. "Vielleicht habt Ihr recht, Mylord. Aber ich warne trotzdem ausdrücklich vor einem Einfall ohne der Billigung durch den Papst."
"Wollen wir unsere künftige Staatspolitik von den Entscheidungen des Papstes abhängig machen?" warf Robert von Salisbury ein.
"Nein", antwortete Becket streng, "aber manche Entscheidungen werden ohne den Papst nicht gefällt werden können."
Heinrich unterbrach den Kanzler verärgert: "Ich werde meine Politik niemals vom Willen des Papstes oder einem anderen Herren abhängig machen. Mögen die Normannen in Sizilien und Süditalien den Papst als Oberherrn anerkennen, so gilt das nicht für das Haus Anjou."
Die Versammlung brach in ein tiefes Schweigen aus. Niemand hatte beabsichtigt die Autorität des Königs in Frage zu stellen. Und doch hatte Becket dies - ohne es zu wollen - getan. Becket schien für einen Moment aus der Fassung geraten zu sein. Doch dann hatte er sich wieder im Griff. "Verzeiht mein König, ich wollte lediglich darstellen, dass Irland aufgrund seiner Geschichte und seiner Bedeutung nicht wie ein anderes Land angesehen werden kann und wir deshalb äußerst sorgfältig planen sollten. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass über England ein Interdikt verhängt wird."
Der Erzbischof von Canterbury erhob sich und trat zu Becket. "Ich stimme dem Kanzler des Königs zu", sprach er zu den Versammelten, "auch wenn ich derjenige bin, dessen Autorität vom irischen Klerus untergraben wurde. Aber der politische Wind könnte sich wenden und England heftig ins Gesicht blasen. Laßt uns erst den Papst konsultieren."
Alle sahen nun auf den König, der die Entscheidung fällen mußte. Heinrich erhob sich vom Stuhl und hob die Hand. Obwohl er sich in seiner Politik von niemanden hereinreden lassen wollte, erkannte er, dass er hier eine Entscheidung des Papstes abwarten mußte. "Ich folge dem Rat meines Kanzlers und des Erzbischofs von Canterbury. Sendet eine Gesandschaft zum Papst. Wir werden seine Antwort abwarten."
Am 09. Oktober brach eine Gesandschaft unter Führung des Bischofes Arnulf von Lisieux nach Rom auf. Der Abt Robert von St. Albans und Johannes von Salisbury, ein Freund des Kanzlers, begleiteten Arnulf von Lisieux ebenso wie die Bischöfe von Le Mans und Evreux.
Heinrich und sein Kanzler verließen Winchester und ritten nach London zurück. Inzwischen war zwischen Heinrich und seinem Kanzler eine enge Freundschaft gewachsen. Heinrich genoß die Gesellschaft Beckets und waren sie einmal mehrere Tage voneinander getrennt, dann erschien es Heinrich wie eine Ewigkeit.
Heinrich genoß die letzten sonnigen Tage des Herbstes auf der Jagd, bei der ihn sein Kanzler begleitete, der diese Leidenschaft mit dem König teilte. Auf einer der Jagden erklärte ihm Heinrich plötzlich: "Becket, ich möchte, dass Ihr meinen Sohn Heinrich in Eure Obhut nehmt, wenn er alt genug ist."
Becket der gerade seinem Falken die Lederkappe über den Kopf stülpte, sah den König erstaunt an.
"Was meint die Königin dazu?"
"Sie wird es akzeptieren müssen. Ich wüßte sonst niemanden, der so geeignet wäre, wie Ihr", entgegnete Heinrich und gab das Zeichen zur Beendigung der Jagd. "Ihr seid studiert, erfahren und versteht es die Regierungsgeschäfte zu führen. Ich wünsche, dass mein Sohn Heinrich dies eines Tages von Euch lernt."
Becket übergab seinen Falken einem Falkner.
"Verzeiht", meinte Becket vorsichtig, "aber was ist mit Eurem Erstgeborenen Wilhelm? Mir ist nicht entgangen, dass er in Euren Plänen offenbar nur eine geringe Bedeutung spielt."
Heinrich atmete tief durch. Becket hatte recht. Die Frage zwang ihn erstmals das auszusprechen, was er noch nie wagte auszusprechen. Es sei denn, er verweigere die Antwort. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, gab er die Antwort: "Wilhelm ist noch immer ein schwächlicher und kränkelnder Junge. Möge Gott es verhindern, aber die Fieberanfälle schwächen ihn immer mehr. Und diesen schwachsinnigen Ärzten fälllt nichts besseres ein, als ihn zur Ader zu lassen. Einem Kind. Nein, Becket. Wilhelm ist der Erbfolge zwar der zukünftige König, doch niemand weiß, ob er je alt genug wird um den Thron zu besetzen."
Becket erwiderte darauf nichts. Er verspürte, dass der König darunter litt, aber es nicht wünschte, dass es jemand sah. "Wir könnten versuchen jüdische Ärzte aus Spanien zu rufen. Wie ich gehört habe, haben sich die jüdischen Ärzte als ausgesprochen gebildet, fortschrittlich und erfolgreich bewiesen. Man sagt, sie hätten von den Arabern vieles gelernt und seien unserem Wissen um ein vielfaches voraus."
Heinrich war abgestiegen und warf den Bluthunden für die erfolgreiche Jagd Fleischbrocken zum Fraß vor. "Ich habe davon gehört. Eleonore hat mir geschrieben, dass ein solcher Arzt in Bordeaux weilte. Aber aus irgendwelchen Gründen wurde dieser eines Nachts in einer dunklen Gasse überfallen und erschlagen."
Becket schwieg betroffen. Die Intoleranz gegenüber Juden schien überall die gleiche zu sein. Auch in England kam es immer wieder zu Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung.
"Ich habe Euren Bastardsohn Gottfried nach Westminster bringen lassen. Er wird von den Augustinern ausgebildet", sagte Becket schließlich um vom Thema abzulenken.
Heinrich nickte dankbar, stieg wieder auf das Pferd und gab ihm die Sporen und ritt alleine voraus. Becket folgte ihm nicht. Er verspürte Mitleid mit dem König.
Kurz vor Weihnachten erklärte Heinrich, daß er baldmöglichst, in die Normandie zurückkehren werde. Kurz nach den Weihnachtsfeiertagen setzte er auf das Festland über.

Kapitel 12


Normandie 1156

Anfang Februar trafen Heinrich und Eleonore in Rouen zusammen. Es waren kalte und schneereiche Tage und ein Sturm fegte über die Normandie hinweg, so dass sich Heinrichs Ankunft um einige Tage verzögerte. Er sehnte sich nach Eleonore. Trotz der Sehnsucht nächtigte Heinrich im Palast des Erzbischofs von Rouen, in Sichtweite der Stadt. Er wußte, dass der Kämmerer des Erzbischofes eine außerordentlich hübsche Tochter besaß, die dieser ihm voller Lobesworte anpries. Und so kam es, dass er die Nacht in den Armen der hübschen Tochter des erzbischöflichen Kämmerers von Rouenverbrachte. Aber sie hatte ihm nur eine körperliche Befriedigung verschaffen können. Sie war noch Jungfrau und obwohl sich Heinrich sich bemühte auf ihre Ängste einzugehen, schien sie erleichtert gewesen zu sein, als der König von ihr abließ. Der Kämmerer hatte sie Heinrich förmlich aufgedrängt. Dafür verlangte er als Ersatz für die verlorene Jungfräulichkeit eine hohe Summe in Gold. Der Kämmerer hatte mit dieser Nacht mehr verdient, als er in zwei Jahren hätte verdienen können. Vermutlich würde das Mädchen ein weniger angenehmes Schicksal erleiden. Welcher Mann wollte sie nun noch nehmen? Und so würde sie ihr Leben in einem Kloster beenden. Dem Erzbischof von Rouen war das Treiben seines Kämmerers und des Königs nicht entgangen, hielt es jedoch für klüger zu schweigen. Weshalb sollte er seinen Einfluß wegen eines Mädchens beeinträchtigen, die nicht besser als die Huren am anderen Ende der Stadt war? Nach dieser Nacht im Hause des Erzbischofes ritt Heinrich am nächsten Morgen zur Burg, wo er Eleonore in die Arme schließen wollte. Ihr Wiedersehen war stürmisch und leidenschaftlich.
"Und mir war es schon so, als hätten sich gestern abend im Palast des Erzbischofes Reiter eingefunden", meinte Eleonore und legte den Kopf an seine Schulter.
Heinrich murmelte etwas von der Vorhut und zog sie an sich. Er spürte ihren Druck der Brustwarzen. Sofort wuchs sein Verlangen nach ihr und sie setzte sich seinem Verlangen nicht zur Wehr. Erst als es dämmerte und Heinrich ein heißes Bad genommen hatte, ließ er sich von Eleonore die Neuigkeiten be-richten.
"Ich habe veranlaßt, dass regelmäßige Weinlieferungen aus der Gascogne nach London erfolgen", sagte Eleonore und setzte sich auf einen freien Stuhl nahe dem Kamin. Es war bitterkalt und das Wasser in dem steineren Waschbecken war zugefroren. "In London scheint man gute Weine weder zu kennen noch zu schätzen", meinte sie, "außer Bier scheint es dort nichts zu geben."
Heinrich lachte auf. Er trat an sie heran, beugte sich über sie und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn.
"Wie geht es meinen Söhnen?" fragte er.
"Oh, ganz gut. Heinrich ist schon ganz schön gewachsen. Wilhelm geht es zur Zeit auch gut. Du wirst sie heute noch sehen - ah - da kommen sie schon."
Die Zofe trat ein und führte Wilhelm an der Hand und trug Heinrich im Arm. Der König begrüßte Wilhelm und riß ihn hoch. Wilhelm quietschte vergnügt auf. Er gab ihn einen Kuß und setzte ihn wieder ab. Wilhelm klammerte sich an das Bein seines Vaters und hustete. Dann nahm Heinrich seinen jüngsten Sohn in die Arme. "Zwei prächtige Söhne hast Du mir geschenkt, Eleonore." In seiner Stimme schwankte Stolz und Dankbarkeit mit. Er schickte die Zofe fort. "Gibt es was neues von meinem Bruder Gottfried, meiner Mutter und Ludwig?"
"Gottfried verhält sich ruhig. Man hat mir aber berichtet, dass er murrt. Aber Eure Mutter hat ihn im
Griff. Übrigens, sie kommt hierher."
"Meine Mutter kommt bei diesem Wetter?" fragte Heinrich zweifelnd.
Eleonore lachte. "Ja, sie ist eine typische Beauclerc-Plantagenet. Sie ließ sich nicht davon abbringen."
"Und Ludwig?"
Sie zuckte mit den Achseln. "Wartet immer noch auf seinen Erben", meinte sie gleichgültig.
Die Zofe trat wieder ein. "Die Kaiserin, Eure Mutter ist eingetroffen."
"Na, dann will ich sie begrüßen gehen", sagte Heinrich und drückte ihr Heinrich den Jüngeren in die Arme und gab Wilhelm einen Klaps ihr zu folgen.
Mathilde umarmte ihren Sohn herzlich. Sie erkundigte sich nach seinem Befinden, und dem seiner Frau und Kinder. Dann begrüßte sie Eleonore. Die beiden Frauen verstanden sich nun besser, wenngleich von einer Freundschaft keine Rede sein konnte. Eher von einem respektvollen Verhältnis.
"Ich habe gehört, die Gesandschaft nach Rom hat den Papst nicht angetroffen?" fragte sie.
Heinrich staunte. Woher wußte sie das? Aber bei seiner Mutter wunderte ihn eigentlich nichts mehr.
"Ja, Hadrian hatte vor der republikanischen Bevölkerung Roms fliehen müssen. Es gab mal wieder Unruhen. Er ist nun im Benevent. Dort hat ihn unsere Gesandschaft getroffen."
"Ihr habt klug gehandelt, auf den Rat Eures Kanzlers zu hören. Eine Invasion in Irland ohne päpstliche Zustimmung wäre töricht gewesen."
Heinrich winkte ab. "Genug der Worte um Politik. Laßt uns heute abend ein Bankett feiern."
Es wurde ein großes Fest. Heinrich und Eleonore erlebten einen unbeschwerten Abend und zogen sich nach Mitternacht zurück. Sie waren leicht angetrunken, aber dies tat dem körperlichen Verlangen keinen Abbruch. Heinrich und Eleonore zeugten in dieser Nacht ihr drittes gemeinsames Kind. Für Eleonore war es bereits das fünfte. Doch sie war schlank und schön wie eh und je. Keine andere Frau weckte in Heinrich ein solches Verlangen, wie sie.
Heinrich und Eleonore verbrachten den Frühling gemeinsam und völlig unbeschwert. Es lief alles nach Wunsch im Königreich. Die Barone hatten seine Autorität anerkannt und verhielten sich loyal.
Fast schien es so, als regiere Friede und Eintracht das Königreich des Plantagenet. Und dank seines tüchtigen Kanzlers konnte Heinrich es sich leisten auf dem Kontinent zu verweilen. Doch Heinrich hatte die Warnung Eleonores und seiner Mutter ernst genommen, und ließ sich über jeden Schritt den Gottfried tat, informieren. Im Frühjahr besuchte sie Heinrichs jüngster Bruder Wilhelm. Wilhelm und Heinrich spielten fast jeden Abend eine Partie Schach gegeneinander. Meist waren sie im großen Saal von interessierten Rittern und Knappen umringt. Eines Abends verlegten sie die Partie jedoch in das Privatgemach Wilhelms. An diesem Abend warnte auch Wilhelm seinen Bruder vor Gottfried.
"Gottfried ist frustriert und ehrgeizig. Es gelüstet ihn ein Land zu regieren. Du solltest seinem Wunsch nachkommen. Gottfried hat nichts. Er ist der Bruder des Königs und des Herzoges der Normandie, kann aber weniger Besitz als sein eigen nennen, als der ärmste englische Baron. Damit machst Du ihn Dir zum Feind."
Heinrich brummte mißmutig. Wilhelm hatte ihn in die Enge getrieben. In zwei oder drei Zügen wäre er schachmatt, wenn ihm nicht schnell ein genialer Zug einfallen würde. "Hat Gottfried Dich zu mir geschickt?"
"So solltest Du nicht denken, Bruder. Welches Interesse außer Dein Wohl sollte ich verfolgen? Ich bin glücklich und zufrieden und werde demnächst mein Studium beenden. Mich dürstet es nicht nach weltlicher Macht. Ich werde mich in ein Kloster begeben und dem Herrn treu dienen."
"Dann ist es also die Sorge um die Familie die Dich hierher getrieben hat?" meinte Heinrich spöttisch.
Wilhelm ließ sich nicht beirren. "Auch wenn es Dir schwerfällt dies zu glauben, aber genau das ist der Grund."
"Ich glaube, Du hast gewonnen", meinte Heinrich und stand auf. Er verließ schnellen Schrittes das Gemach. Wenige Tage später reiste Wilhelm ab.

Im Juni des Jahres 1156 verstarb nach einem heftigen Fieber der erstgeborene Sohn Wilhelm. Als man dem König die Nachricht überbrachte, brach er in Tränen aus und verlangte allein gelassen zu werden. Zwei Tage lang nahm er kaum etwas Nahrung zu sich.
Schließlich war es Eleonore selbst, die ihn trösten konnte. Obwohl sie selbst wieder hochschwanger war, fand sie auch noch die Kraft Heinrich aufzurichten. "Sieh nach vorne", ermahnte sie ihren Gatten eindringlich und hielt seine Hände in den ihren, "Du hast noch Deinen Sohn Heinrich. Er ist gesund und kräftig. Wilhelm war nie so. Und wer weiß, vielleicht schenkt Dir Gott noch einen weiteren Sohn."
Heinrich sah sie traurig lächelnd an. Sie war erleichtert. Wenigstens lächelte er mal wieder, wenngleich es ihm sichtlich schwer fiel.
"Als einer seiner Söhne verstarb, soll der Frankenkönig, den man heute Karl den Großen nennt, gesagt haben, dass er wußte, dass er einen Sterblichen gezeugt hatte."
"War es denn sein Thronfolger?" wollte Heinrich wissen.
Eleonore schüttelte den Kopf. "Das weiß ich nicht. Aber Du mußt Dir ständig vor Augen halten, dass das Leben zum Tod genauso gehört wie der Tod zum Leben. Sie sind beide miteinander untrennbar verbunden. Das ist der Lauf unseres Schicksals."
Heinrich sah seine hochschwangere Gemahlin bewundernd an. Sie hatte soeben ihr erstes Kind verloren und jeden Augenblick konnte das nächste kommen und sie fand noch die Kraft, ihn zu trösten. Fast schien es als konnte sie seine Gedanken lesen.
"Glaub´mir. Niemand weiß das besser als ich", sagte sie und streichelte ihm über den Kopf.
Er küßte sie und meinte anerkennend: "Was bist Du doch für eine tolle Frau?! Ich muß dem Herrn dankbar sein."
Noch im gleichen Monat gebar Eleonore eine Tochter. Der "Kaiserin" zu ehren, wurde sie auf den Namen Mathilde getauft.
Im Juli erreichten zwei Nachrichten den königlichen Hof, die von äußerster Wichtigkeit waren, und die Politik in Europa veränderte: Friedrich von Schwaben, genannt Rotbart, oder Barbarossa, wie die Italiener sagten, in Rom von Papst Hadrian IV. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurde. Der deutsche König hatte den Papst vor den römischen Aufständischen unter Führung von Arnold von Brescia gerettet. Dabei war der Führer der Aufständischen von Friedrich gefangen genommen worden. Als Dank für seine Hilfe erhielt der König die Kaiserwürde.
Die zweite Nachricht erreichte den König in Poitiers und wurde ihm von der Gesandschaft überbracht, die acht Monate zuvor ausgezogen war, um die Erlaubnis des Papstes einzuholen, Irland zu erobern.
Arnulf von Lisieux trat im großen Saal der Burg von Poitiers vor den König, der mit seinem Justitiar Richard de Lucé und Eleonore die Listen mit den Erzlieferungen kontrollierte. Als man dem König die Rückkehr der Gesandschaft ankündigte unterbrach er seine Tätigkeit und befahl den Bischof vorzulassen. Arnulf von Lisieux hielt in der rechten Hand eine versiegelte Bulle und strahlte über das Gesicht: "Der Papst hat Euch die Oberhoheit über Irland zugesprochen. Gemäß der Bulle des Kaisers Konstantin hat die römische Kirche die Hoheit über alle Inseln. Auf dieser Grundlage sprach der Papst Euch die irische Insel zu. Eine Abschrift der konstantinischen Bulle hat der ehrwürdige Papst uns mitgegeben."
Heinrich war aufgestanden und hatte ihm die Bulle abgenommen und las sie sorgfältig durch. Dann erhob er den Blick und durchschritt die Halle. Leise wiederholte er die Worte des Bischofes. Verwundert sahen ihm die Gesandten zu. Dann blieb er stehen, sah erst Arnulf von Lisieux und dann den Bischof von Le Mans an und sprach: "Auch England ist eine Insel."
Arnulf von Lisieux wurde bleich. Erst jetzt wurden ihm die bedeutungsvollen Worte bewußt.
"Mein König, der Papst hat Eure Macht mit keinem Wort angezweifelt. Sicherlich meinte der Papst damit am allerwenigsten England."
"Seid ihr sicher?" rief Heinrich aus und streichelte einen der Jagdhunde, die am Boden lagen und die letzten Knochen verdauten.
"Aber ja, mein König", gab Arnulf zurück. Ihm wurden die Knie weich und hoffte baldmöglichst
entlassen zu werden. Hilfesuchend blickte er Richard von Lucé und die Königin an. Doch beide schwiegen.
"Bei Gott, ich hoffe, es ist so", meinte Heinrich verstimmt, "stärkt Euch und reitet nach England. Und sendet Thomas Becket hierher. Es ist so leer ohne ihn und seinen erfrischenden Geist."
Der Bischof nickte und verließ erleichtert die Halle. Wie konnte er nur so töricht gewesen sein, und die Worte des Papstes wörtlich wiederzugeben. In der Bulle des Papstes stand doch alles was gesagt werden mußte. So einen Fehler durfte er nicht noch einmal machen.

Kapitel 13


Poitiers 1156

Das Wiedersehen mit Thomas Becket war ein Wiedersehen voller Freude. Heinrich ging seinem Kanzler entgegen, als dieser im Burghof vom Pferd stieg. Sie umarmten sich und begrüßten sich herzlich und lachten miteinander.
Von der Treppe zur großen Halle sah Eleonore zu und verspürte so etwas wie ein Stich im Herzen. Dicht bei ihr stand der Bischof von Le Mans. Leise, aber nicht so leise, dass die Worte Eleonore entgangen wären, flüsterte er Patrick von Salisbury zu: "Wenn man sie beide so sieht, dann könnte man fragen, wer von beiden nun regiert?"
Patrick von Salisbury warf einen prüfenden Blick auf den Bischof. Er wusste, dass der Bischof dies auf die Gewänder bezog. Während Heinrich einfach und schlicht gekleidet war, trug Becket teuerstes Tuch. Patrick von Salisbury entging aber auch nicht, dass der Bischof mit viel Sorgfalt seine Worte ausgewählt hatte. In den Ohren der Königin mußte dies klingen, als wenn sie nur wenig Einfluß am Hof hätte. Und Robert von Salisbury war es nicht entgangen, dass Eleonore dem Bischof einen wütenden Blick zugeworfen hatte. Nicht das sie sich in der Gunst zurückgesetzt fühlte, aber sie verspürte wieder einmal mehr diese Eifersucht in ihr nagen. Es mißfiel ihr, dass Heinrich sich über das Wiedersehen mit seinem Kanzler genauso freute, als bei ihrem Wiedersehen. Sie spürte instinktiv - wie wohl alle Anwesenden am Hofe - dass sie den Platz in Heinrichs Herz nicht alleine für sich hatte, sondern ihn mit Becket teilen mußte. Und das gefiel ihr nicht. Sie sah zur Amme, die Mathilde im rechten Arm hielt und an der linken Hand Heinrich den Jüngeren hatte, der die ersten Gehversuche hinter sich hatte.

Becket und der König schritten auf die große Halle zu. Becket erblickte die Königin. Für einen kurzen Moment sah er die Eifersucht in ihren Augen. Ehe er sie näher ergründen konnte, beugte er das Knie und senkte demutsvoll den Kopf. "Seid gegrüßt, meine Königin. Es freut mich Euch wohlauf zu sehen."
"Ich danke Euch, Becket. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise", erwiderte sie kühl.
Als Becket aufsah, hatte sie sich wieder gefaßt und schenkte ihm ein gezwungenes Lächeln. "Ja, Königin, die hatte ich."
Mit Beckets Ankunft wandelte sich Heinrichs Laune zusehend zum besseren. Nicht das er zuletzt
schlecht gelaunt war, aber er vermißte die geistreichen Gespräche mit seinem Kanzler und letztendlich war er auf Neuigkeiten aus England gespannt.
Am nächsten Tag ritten sie gemeinsam auf die Jagd. Die Jagd sollte über mehrere Tage gehen und als entsprechend groß erwies sich die Gesellschaft. Erst am Morgen des dritten Tages kehrten sie nach Poitiers zurück. Schon Stunden vor ihrer Rückkehr wurden sie durch Boten angekündigt. Doch Eleonore verbot dem Gefolge am Hof dem König entgegen zu reiten. Der Haushofmeister schien besorgt und trat vor Eleonore.
"Wollt Ihr Eurem Gemahl wirklich nicht entgegen reiten?" fragte er vorsichtig.
"Meine Order war doch deutlich, oder nicht?"
"Aber der König wird erbost sein", warf er ein.
"Dann soll er es sein. Das ist nicht Euer Problem. Wir sind hier in Poitiers. Die Hauptstadt des Herzogtums Aquitanien. Die Herzogin bin ich und hier befehle ich. Und ich befehle Euch, dem König nicht entgegen zu reiten."
Nur kurz darauf kündigten Fanfarenstöße und Hufschlag die Ankunft der Jagdgesellschaft an. Es dauerte nicht lange, da erschien Heinrich wütend in ihrem Gemach. Doch kaum war er in ihr Privatgemach getreten, da sah er auch schon an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie auf einen Streit aus war.
"Weshalb ist uns niemand entgegen geritten?" rief Heinrich wütend aus. "Ist die Ankunft des Königs nicht Grund genug die Pferde zu satteln?"
"Ah, mein Gemahl ist von der Jagd zurück. Wie ich hörte, ward Ihr sehr erfolgreich", gab sie sich betont höflich, gab sich jedoch keine Mühe den Spott zu unterdrücken. "Was Eure Frage betrifft, so sollt Ihr wissen, dass Ihr hier kein König seid. Ihr seid König in England. Hier seid Ihr nur Herzog. Und das seid Ihr nur, weil Ihr das Bett mit mir teilt. Ihr habt also kein Recht hier Befehle zu erlassen."
Heinrich holte tief Luft. "Hast Du schlechte Laune?" erkundigte er sich und warf sich in einen Stuhl am Fenster.
"Aber nicht doch, Gemahl", meinte Eleonore und blieb hinter dem Schreibtisch sitzen, "ich freue mich, wenn Du mal wieder den Weg zu mir findest. Ich hoffe, keines der Bauernmädchen hat das königliche Geschlecht unterwegs aufgehalten."
Heinrich überhörte ihren Hohn und warf die Hände in die Luft. "Die Wälder um Poitiers sind reich an Wild. Es war eine erfolgreiche Jagd. Und wir haben uns nicht nur vergnügt, wenn Du das meinen solltest. Wir haben uns noch ein paar prächtige Pferde angesehen, die hier in Deinem Aquitanien von ein paar ausgezeichneten Züchtern gezüchtet werden. Ich wünsche, dass wir welche kaufen. Jedenfalls habe ich Becket den Auftrag erteilt vierzig Pferde zu kaufen. Und wir haben über Irland gesprochen. Wir sind uns einig, dass wir unsere Ansprüche auf die Krone Irlands durchsetzen sollten. Aber wir werden den Feldzug frühestens im nächsten Frühling durchführen. Übrigens was machst Du da?"
Sie runzelte die Stirn. "Ich studiere die uns gelieferten Wein- und Weizenlieferungen und frage mich, warum Limoges nur so wenig liefert. Aber das braucht Dich ja nicht zu kümmern. Schließlich ist Aquitanien mein Land. Hat Becket Dich zum Feldzug aufgefordert?"
Heinrich seufzte. "Aquitanien ist auch mein Land, ob Dir es nun passt oder nicht. Ich lasse Dir lediglich die Freiheit, die Du Dir wünscht. Und bislang habe ich Deine Gewalt akzeptiert. Aber Du solltest es nicht zu weit treiben. Was zu den Lieferungen zu sagen ist: Darf ich Dich daran erinnern, dass es im Frühjahr um Limoges schwere Überschwemmungen gab. Und den Feldzug habe ich befohlen."
"Erstaunlich, dass Du einmal eine Entscheidung selbst und ohne Deinen Kanzler fällst", gab sie spitz zurück.
Jetzt riß bei Heinrich der Geduldsfaden. "Was willst Du damit sagen? Das ich mein Reich nicht alleine regieren kann? Ich darf Dich daran erinnern, dass der Kanzler die Pflicht hat, seinem König Ratschläge zu erteilen. Ich habe aber letztendlich darüber zu entscheiden", rief er wütend aus und war vom Stuhl aufgesprungen. "Aber offenbar ist es wahr, was man sich am Hofe erzählt."
"Was erzählt man sich denn?"
Er trat zur Tür und rief über die Schulter zurück: "Man erzählt sich, dass Du auf den Kanzler und seine Erfolge eifersüchtig bist. Aber Becket erfüllt nichts anderes als seine Pflicht. Und dafür bin ich ihm dankbar. Und Du solltest es auch sein. Ich wünsche Dir eine gute Nacht. Bei Deiner Laune werde ich es vorziehen in meinem Gemach zu nächtigen."
Am nächsten Tag hatten sie beide den Streit wieder vergessen. Becket schien nichts davon mitbekommen zu haben. Doch sie wußte, dass es so nicht war, schließlich erzählte Heinrich ihm alles.
In den darauffolgenden Wochen durchzogen sie das Poitou, Anjou und die Normandie. Weihnachten feierten sie in Chinon, im Beisein von Mathilde, die in einer der wenigen ruhigen Minuten Eleonore eingestand, dass auch sie den Kanzler nicht mochte.
Nach den Weihnachtsfeiertagen verließ Becket das Königspaar und kehrte nach England zurück.
Heinrich und Eleonore hatten den Streit schon wieder vergessen und wirkten immer noch so frischverliebt, wie zu ihrer Hochzeit. Heinrich verzichtete fast - bis auf sehr wenige Ausnahmen - gänzlich auf Affären, und sie verbrachten viel Zeit miteinander. Jahre später würde sich Eleonore an diese Zeit als die schönste Zeit mit Heinrich erinnern.
Im Frühjahr war Eleonore bereits wieder schwanger. Ludwig VII. indes wartete noch immer auf einen Thronerben. Auch seine zweite Frau, Konstanze von Kastillien, hatte ihm nur eine Tochter geboren.
Ebenfalls im Frühjahr beschloß Heinrich nach fast einem Jahr Abwesenheit, wieder nach England zu segeln. Er hatte seine Position in der Normandie gefestigt und selbst sein habgieriger Bruder Gottfried schien seine Macht in der Normandie und in Aquitanien anzuerkennen. Doch er wußte auch, dass er auf Dauer seinem Bruder etwas von seinem Reich abtreten mußte.
Heinrich hatte den Feldzug nach Irland nicht vergessen, verspürte aber längst nicht mehr das Verlangen, wie noch vor einigen Monaten. Mit zunehmenden Groll verspürte er, dass die Kirche in England sich gegen jeden königlichen Einfluß wehrte. Sie bewahrte dank Theobald von Bec ihre Eigenständigkeit. Und der Erzbischof von Canterbury achtete strengstens darauf, dass der Einfluß des Königs auf die kirchlichen Entscheidungen nicht wuchs. Dies aber mißfiel Heinrich. Es häuften sich die Beschwerden über Übergriffe des Klerus. Griffen jedoch die Sheriffs im Namen des Königs ein, pochte Theobald von Bec auf die Freiheit der Kirche. Es kam sogar soweit, dass der Erzbischof sich dies in einer Bulle des Papstes bestätigen ließ. Doch Heinrich war nicht geneigt auch nur einen Zoll seiner Autorität aufzugeben. Bevor er also der römischen Kirche in Irland zum Sieg über das keltische Brauchtum verhalf und somit den Einfluß der Kirche stärken würde, wollte er der Kirche in England seinen Siegel aufzwängen. Er hatte nicht vergessen, dass Theobald ihn zum König gemacht hatte, aber er vergaß auch nicht, weshalb Theobald Becket zum Kanzler gemacht hatte. Nur schien die Rechnung des Erzbischofes nicht aufzugehen. Becket war ihm treu ergeben und tat alles, was der königlichen Macht zur Entfaltung verhalf.
Mit dem Frühjahr entbrannte ein Streit um die Abtei von Battle. Becket ließ dem König per Boten einen beunruhigenden Brief zukommen. Heinrich ahnte, dass es keinen Aufschub für die Überfahrt nach England geben durfte.

Colchester, 23. Mai 1157

Es war ein sonniger und warmer Frühlingstag und Heinrich hoffte, die Angelegenheit um die Abtei, die ihn zur Rückkehr nach England genötigt hatte, schnell zu klären. Es war zunächst nur ein kleiner Gerichtshof, der zu der alten normannischen Burg zu Colchester in Essex einberufen wurde. Die Frühlingssonne warf ihre Strahlen durch die Fenster und Staub tanzte in der Luft. Man hatte die Fesnter geöffnet und frische Luft vertrieb den Geruch von brennenden Pechfackeln, die am Abend zuvor noch gebrannt hatten.
Diesem gehörte zunächst einmal nur der König selbst, Thomas Becket, der Justitiar Richard de Lucé, der Abt der Abtei von Battle, sowie einigen Sachverständigen der Kirche an.
Hilarius, Bischof von Chichester, führte das Wort für die Kirche und eröffnete den Gerichtshof. Er trat in die Mitte des Kreises, den die Versammelten gebildet hatten: "Papst Hadrian IV. hat in einer Bulle, die er den Anwesenden Johannes von Salisbury während der Anwesenheit der vom König ausgesandten Gesandschaft am römischen Hof überreicht hat, erklärt, dass er die vom König bestätigten Privilegien für die Abtei, sowie die fehlende Unterstellung der Abtei unter jegliche Gerichtsbarkeit, wider dem kanonischen Recht entspricht, und hat daraufhin verfügt, dass die Abtei an die kirchliche Gerichtsbarkeit zu überzugehen sei. Er fordert den Abt von Battle und den König von England und Herzog von der Normandie und Aquitanien, Graf von Anjou, auf, dieser Bulle Folge zu leisten."
Hilarius von Chichester, ansonsten ein ängstlicher Mann, hatte mit fester Stimme gesprochen und verbeugte sich nun vor dem König und setzte sich wieder.
Heinrich nickte ihm höflich zu und gab dem Abt der Abtei von Battle, Walter, ein Zeichen, dass er jetzt das Wort habe. Heinrichs Miene schien unbewegt, doch innerlich stieg eine leise Wut auf. Der Papst schien die Angelegenheiten zu Irland zum Anlaß zu nehmen, sofort einen Einfluß in die Politik der Krone nehmen zu wollen.
Walter, der Abt von der Abtei Battle, ein betagter und dürrer Mann, stand in dem Ruf einen eisernen Willen zu besitzen. Mühsam erhob er sich und warf Hilarius von Chichester einen bösen Blick zu. "Die Abtei wurde von Wilhelm den Eroberer gegründet. Seit beinahe einhundert Jahren ist die Abtei weder der königlichen Gerichtsbarkeit noch der kirchlichen unterstellt. Die Abtei ist eine Eigenkirche und war noch nie irgendeinem Bischof unterstellt. Dies hatte Wilhelm in seiner Charta verfügt und dies hatte unser geehrter König Heinrich unmittelbar nach den Krönungsfeierlichkeiten bestätigt. Ich bin nicht bereit, mich der päpstlichen Bulle zu unterwerfen."
Hilarius von Chichester sprang auf. "Die vom ehrwürdigen Abt angesprochene Charta ist gefälscht", rief er aus.
Heinrich sah den Bischof mißmutig an. "Mein Kanzler Becket soll die Charta verlesen", ordnete er an ohne auf den Einwand des Bischofs einzugehen.
Becket trat vor und verlas die Charta, in der Wilhelm der Eroberer, die Privilegien für die Abtei bestätigte. Danach wandte er sich an den Bischof von Chichester. "Ihr habt behauptet, diese Charta sei eine Fälschung. Habt Ihr Beweise für diese Behauptung?" fragte er höflich und galant den Kleriker.
Dieser schüttelte unmerklich und zerknirscht den Kopf. Dennoch versuchte er einen Gegenangriff zu starten. "Was der Abt vorgibt, käme einem kirchlichen Schisma gleich", warf Hilarius ein.
"Das wäre nicht das erste in der Kirche", erwiderte Heinrich bissig, "Jedenfalls bin ich nicht bereit, die päpstliche Bulle anzuerkennen, sofern keine Beweise vorgelegt werden können, dass die Charta gefälscht sein soll."

Die Stimmung wurde zunehmend gereizter, als der Abt aufstand und Hilarius fragte: "Wer Eurer Meinung nach, soll diese Charta gefälscht haben? Beschuldigt Ihr mich dieser Fälschung?"
Thomas Becket spürte, dass die Debatte zu entgleiten drohte und flüsterte dem König etwas ins Ohr. Dieser nickte und erhob sich. "Ich denke, die Angelegenheit nimmt ein Ausmaß an, bei der es erforderlich scheint, dass auch die ehrwürdigen Bischöfe von York und Canterbury, Lincoln, Exeter und London anwesend sein sollten. Gleichfalls berufe ich die Grafen von Leicester, Essex, Salisbury und Warenne zum Gerichtshof ein."
Die Anwesenden stimmten den Vorschlag zu und setzten Botschaften an die genannten Bischöfe und Grafen auf.
Es dauerte mehrere Tage bis die Grafen und Bischöfe eintrafen. Heinrich nutzte die Zeit zu seiner geliebten Jagd; nutzte aber auch die Zeit um diesen Teil seines Reiches zu bereisen, um Verhältnisse zu ordnen, Klagen entgegenzunehmen und die eingesetzten Sheriffs zu überprüfen. Dabei begleitete ihn Becket, dessen Gegenwart der König nicht mehr missen wollte. Heinrich spürte, wie innig das Verhältnis zwischen ihnen geworden war. Und auch Becket sah in Heinrich nicht nur seinen König, sondern liebte ihn wie einen Bruder.
Dies fiel auch dem ehrwürdigen Erzbischof Theobald von Canterbury auf, als dieser auf der Burg von Colchester eintraf. Und eine Eifersucht erfaßte den Erzbischof, die ihn selbst befremdete. Wollte er nicht seinen Zögling zum Schutze der Kirche an der Seite des Königs haben? Genau das war doch sein Ziel gewesen: Einen einflußreichen Berater der Kirche an des Königs Seite. Doch Theobald spürte, das Thomas ihm langsam entglitt. Becket schien den Luxus, der sich ihm bot, zu genießen und sein Charakter nahm eine besorgniserregende Wandlung vor.
Der Gerichtshof wurde schließlich fortgesetzt. Man stritt sich über die Rechtmäßigkeit und Echtheit der Charta. Schließlich erbat der Bischof von Chichester, Hilarius, noch einmal das Wort, welches ihm der König gewährte. Der Bischof trat vor und holte tief Luft. "Welchen Grund sollte Wilhelm der Eroberer gehabt haben, eine solche Charta zu unterzeichnen? Weshalb sollte er einer Abtei die Freiheit von jeglicher Gerichtsbarkeit gewähren? Warum, wenn sie nicht der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterworfen ist, sollte der König auf die weltliche Gerichtsbarkeit verzichten? Wieso sollte er einen rechtsfreien Raum erschaffen?" fragte er leidenschaftlich in die Edlen und Kleriker.
"Doch wenn es so gewesen wäre, welches Recht hatte er dazu?" fuhr er immer lauter werdend fort. "Seit Jahrhunderten sprechen die weltlichen Herrscher Recht über weltliche Dinge. Belange der Kirche unterstehen der kirchlichen Gerichtsbarkeit, die von den weltlichen Herrschern unantastbar waren. Die deutschen Kaiser mochten es vielleicht nicht wahrhaben wollen, aber verdeutlichte nicht der Gang nach Canossa die Gewaltenteilung zwischen der Kirche und der weltlichen Herrschaft? Wilhelm hatte also gar kein Recht eine Abtei von jeder Gerichsbarkeit freizusprechen. Kein Laie, nicht einmal ein König kann den Kirchen Würden und Freiheiten verleihen oder bestätigen, die nur dem Heiligen Vater in Rom vorbehalten sind", rief Hilarius aus.
Wütend sprang Heinrich Plantagenet auf und tumultartiges Aufbegehren der Barone wurde laut. Heinrich war außer sich vor Wut. "Wollt Ihr, dass man Euch des Hochverrates anklagt?" schrie der König mit einem vor Zorn rot angelaufenen Kopf. "Der von Euch angesprochene Gang nach Canossa durch Heinrich IV. war keine Unterzeichnung der Trennung von Staat und Kirche, sondern eine Demütigung der Krone durch die Tiara."
"Die Kirche maßt sich unglaubliche Immunitäten an", rief Graf Leicester empört.
Hilarius sah sich entsetzt um. Seine Leidenschaft war mit ihm durchgegangen. Hilfesuchend sah er sich um. Die meisten der Barone waren aufgesprungen und konnte nur mit Mühe vor Handgreiflichkeiten zurückgehalten werden.
"Ihr stellt die königliche Autorität in Zweifel, Hilarius von Chichester", warf Heinrich dem Bischof entgegen.
Theobald von Canterbury war mühsam von seinem Platz aufgestanden und pochte mit dem Bischofsstab heftig auf den Boden um sich Gehör zu verschaffen. "Lasset uns vernünftig miteinander reden. Gebraucht keine Gewalt", rief der Erzbischof aus.
"Was der ehrwürdige Bischof hier vor uns verkündet hat, grenzt an Hochverrat. Seit jeher ist es das Recht der Könige Privilegien zu gewähren und zu nehmen", erwiderte Heinrich heftig.
"Ich bin sicher der Bischof von Chichester beabsichtigte in keinster Weise, Eure Autorität in Frage zu stellen, Majestät. Besinnt Euch ebenso, wie Hilarius, Bischof von Chichester, sich besinnen möge."
Der Tumult ließ nach und Hilarius von Chichester verbeugte sich demütig. Er senkte den Blick.
"Verzeiht, dass meine Leidenschaft mit mir durchgegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich es außer acht lassen konnte, dass Ihr, der König, Privilegien gewähren und nehmen könnt. Ich bitte Euch daher um Verzeihung und Gnade", bat der Bischof.
Heinrich hatte sich wieder gefangen und setzte sich langsam wieder. Seine Augen fixierten den Bischof zwar wütend, aber er nahm die Entschuldigung an. "Ich gewähre Euch die Gnade, die Ihr von mir erwünscht. Und nun begebt Euch zu Eurem Platz."
Thomas Becket erbat um das Wort. "Die uns vorliegende Charta Wilhelms klärt unseres Erachtens die Lage eindeutig. Die Abtei untersteht nicht der päpstlichen Gerichtsbarkeit. Somit braucht sich Abt Walter von Battle nicht dem Papst zu unterwerfen. Was seit fast einhundert Jahren gegolten hat, soll heute nicht verändert werden. Ich plädiere dafür, die Klage des Bischofs von Chichester abzulehnen", rief er aus und erntete Zustimmung aus den Reihen der Barone.
Das Gericht entschloß sich der Empfehlung des Kanzlers zu folgen. Ob Ver-nunftszwecke dahinter steckten, weil man sonst Tumulte und Gewalt befürchtete, konnte keiner später mehr sagen.

Kapitel 14


England, 1157

Im Juli hielt Heinrich zu Northampton eine Reichsversammlung ab. Hier erschienen auch Boten des widerspenstigen walisischen Führers Owen Gwynedd und kündigten an, dass ihr Herr die Herrschaft über Wales anerkennen würde. Er sei bereit den Lehenseid zu leisten, sofern ihm sicheres Geleit und Unversehrtheit zugesichert würde. Heinrich verzichtete auf die Stellung von Geiseln und erklärte den Feldzug gegen Wales für beendet. Ihm war bewußt, wem er dies in allererster Linie zu verdanken hatte: Seinem treuen Vasallen Graf Pembroke, den man meist nur Strongbow nannte. Er hatte entscheidenden Anteil an dem Sieg über die Waliser. Heinrich belehnte ihn mit zahlreichen Ländereien.
Am 08. September 1157 wurde auf Schloß Beaumont in Oxford der dritte Sohn von Heinrich und Eleonore geboren. Man taufte ihn auf den Namen Richard.

Eleonore verfolgte mit wachsender Eifersucht das innige Verhältnis zwischen ihrem Gemahl und dessen Kanzler, die beide ebenfalls in Oxford weilten. Heinrich und Thomas Becket verbrachten fast die ganze Zeit miteinander. Sie gingen den Regierungsgeschäften nach, gingen zusammen auf die Jagd und wohnten Gerichtsversammlungen bei. Als die Wehen bei Eleonore eingesetzt hatten, eilte Heinrich ins Schloß Beaumont an das Bett seiner Frau - mit Thomas Becket an seiner Seite. Schon wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes Richard war Eleonore wieder bei Kräften und Heinrich verlegte den Hof wieder nach Winchester.
Eines Tages waren Heinrich und Becket einer spontanen Eingebung zur Folge in das abendliche London geritten. Becket führte seinem König unter anderem ins Viertel von Cheapside, wo Becket als Kind aufgewachsen war. Der König hatte den Wunsch verspürt dieses Viertel einmal zu sehen.

Heinrich trug wie gewöhnlich nur einfache Kleider und seinen kurzen Reitmantel. Thomas Becket wollte auf jeglichen Luxus nicht verzichten und trug einen teuren Mantel aus wertvollem Stoff, den er als seinen Lieblingsmantel bezeichnete.
Es dämmerte bereits und zahlreiche fahrende Händler packten ihr Hab und Gut zusammen und machten sich auf Ochsenkarren auf dem Heimweg. Es war kalt und Schneeregen verwandelte die Straßen Londons in schlammige Pfade. Aus den Gasthäusern quoll Lärm und vor manchen lungerten ein paar Huren herum, die auf Freier warteten. Der Duft von gerösteten Maronen zog den Reitern in die Nase. Niemand erkannte die Reiter, die Kapuzen ihrer Mäntel tief ins Gesicht gezogen hatten.
Plötzlich wurden die Reiter von einem Bettler um Almosen gebeten. Heinrich zügelte sein Pferd und sah dem einäugigen Bettler ins Gesicht. Es war verschmutzt und ein paar Stümpfe bezeugten ein einstiges Vorhandenseins eines Gebiß. "Nun, guter Mann, ich kann Euch kein Geld geben", erwiderte Heinrich und wandte sich dann an Becket, "was meint Ihr, ob es dem heiligen Martin gefallen würde, wenn ich diesem armen Geschöpf Gottes einen Mantel gebe?"
Thomas Becket lächelte selig. Stolz erfüllte ihn, einem solchen König dienen zu dürfen. "Gewiß, mein Herr. Das wäre ihm und Gott gefällig und eines Königs würdig", antwortete Becket.
"Dann trennt Euch von Eurem Mantel, Thomas", rief Heinrich lachend aus und ergriff den Mantels seines Kanzlers.
Thomas Becket war verblüfft und griff nach der Hand des Königs um sie zu lösen. Es war sein Lieblingsmantel, den er nicht bereit war, herzugeben. "Laßt den Mantel los", rief er empört aus.
Heinrich lachte nur und zerrte weiter. Sie rangelten heftig und die Pferde tänzelten nervös.
Becket schlug mit seiner behandschuhten Faust auf den Arm des Königs ein. Doch dieser ließ nicht los und zerrte umso heftiger am Mantel. Schließlich tänzelten die Pferde so nervös, dass Heinrich vom Pferd fiel. Aber er ließ Becket nicht los und riß ihn mit herunter. Sie landeten unsanft im Morast und wälzten sich ringend darin. Schließlich ließ Heinrich ab und begann laut zu lachen. Becket hielt inne und sah Heinrich um ein weiteres Mal verduzt an. Schließlich verzog sein schlammverkrustetes Gesicht sich zu einem Lächeln, ehe auch er lauthals in das Gelächter einstimmte. Um sie herum waren inzwischen die Leute stehen geblieben und sahen den beiden kopfschüttelnd zu. Heinrich und Becket saßen im Schlamm und lachten bis ihnen die Tränen aus den Augen quollen.
Schließlich erhob sich der Kanzler mühsam und übergab dem sprachlosen Bettler den Mantel, der sich schleunigst davonstahl, ehe es sich die Reiter anders überlegen konnten.
Eine Frau erkannte den Kanzler und rief: "Aber das ist doch des Königs Kanzler!!!"
Breites Gemurmel erhob sich in der Menge. "Und das dort ist doch der König selbst", wisperten die Leute erstaunt und zeigten auf den Mann der im Schlamm der Straße saß und breit grinste.
Heinrich und Becket bestiegen die Pferde und ritten zum Palast zurück, wo sie ein ausgiebiges Bad nahmen und noch lange über den Streich redeten und lachten.

Palast von Westminster, Weihnachten 1157

Heinrich und Eleonore durchschritten den Garten des Palastes von Westminster. Sie hatten die Frühmesse besucht, bei der Heinrich ungewöhnlich ruhig geblieben war. Meistens besuchte er die Messe nur kurz. Oft sprach er nur das Gebet und bekreuzigte sich und verließ die Messe dann schnell wieder. Er haßte die langen Predigten der Geistlichen, die nie ein Ende fanden. Zumindest kam es ihm so vor. Doch diesesmal blieb er bis zum Schluß.
Sein Bastardsohn Gottfried war bei der Messe ebenfalls anwesend und Heinrich beobachtete ihn verstohlen. In seinem Blick lag eine, bei ihm selten zu sehende, Zärtlichkeit. Er liebte diesen Sohn innigst. Doch er hatte viel zu wenig von ihm. Thomas Becket unterwies den Jungen gerade darin, wie man sich am Sonnenstand orientierte. Befriedigt registrierte Heinrich, dass Gottfried sehr wißbegierig war und seine Mutter offenbar nicht vermißte. Natürlich konnte er sie ab und zu mal besuchen. Doch Becket hatte den Auftrag bekommen, dafür zu sorgen, dass die Abstände zwischen den Besuchen immer länger wurden.
Heinrich der Jüngere war ebenfalls beim Gottesdienst anwesend gewesen, hatte sich aber gelangweilt und die Messe durch ein herzhaftes Gähnen gestört. Ihn liebte Heinrich nicht minder. Heinrich der Jüngere - das war jetzt schon erkennbar - war ein Plantagenet durch und durch. Er besaß einen starken Willen, beklagte die Amme, was soviel hieß, dass er sie ganz schön auf Trab hielt.
Als die Messe vorüber war - die Theobald von Bec gehalten hatte - hakte sich Eleonore bei Heinrich ein und zog ihn zur Seite. "Laß uns ein bißchen im Garten spazieren gehen. Die Luft ist zwar kalt, aber trocken. Und außerdem scheint die Sonne."

Heinrich lächelte sie an und meinte: "Gerne, liebste Eleonore. Die Luft wird uns beiden gut tun."
Sie schritten eine ganze Weile schweigend durch den Garten und genoßen die Winterstrahlen der Sonne.
"Ich gedenke unsere Krönung zu Ostern wiederholen zu lassen."
Eleonore sah ihn überrascht an.
"Die Krönung nach Stephans Tod war lediglich die Bestätigung der Nachfolge. Doch die Zeiten haben sich geändert. Ich habe Kriege gegen Barone im eigenen Land führen müssen. Ich habe ihnen Güter und Ländereien entzogen, ich habe dem Klerus Macht genommen und ihnen den Treueeid gegenüber unseren Sohn abverlangt. Doch ich weiß nicht, ob ich auf ihre Treue immer noch zählen kann", brach Heinrich das Schweigen schließlich.
"Hast Du denn das Gefühl, als hätte sich daran etwas geändert?" fragte Eleonore und runzelte die Stirn.
"Nicht direkt. Aber viele Barone haben in der Normandie auch Ländereien. Wie mir meine Kundschafter berichten, ist mein Bruder Gottfried im Moment sehr darum bemüht mit vielen dieser Barone einen freundschaftlichen Umgang zu pflegen. Er besucht jedes Turnier und man hört, dass er mit den Baronen viel Wein trinkt. Ich kenne meinen Bruder zu gut um hier nicht eine gewisse Vorsicht anzunehmen. Deshalb will ich die Krönung wiederholen lassen. Und hier müssen die Barone den Treueeid leisten ohne das sie Verdacht schöpfen können, dass ich nicht allen traue. Ich will auch, dass sie auf unserem Sohn den Treueeid wiederholen."
Eleonore nickte. "Ich denke, Du hast recht. Eine weitere Krönung wäre nicht nur eine Bestätigung, sondern auch eine Festigung der Macht. Sie hätte einen ganz anderen Charakter."
"Und die brauchen wir, Eleonore. Ich habe zwar im Moment keine Zweifel, dass die Barone hinter mir stehen, aber wir müssen uns die Treue immer wieder bestätigen lassen. Solche Verhältnisse wie nach dem Tod von meinem Großvater darf es nie wieder geben! Nur so können wir unsere Pläne und Vorhaben verwirklichen. Nämlich unser Reich zu einem der mächtigsten – vielleicht sogar zu dem mächtigsten – Reiche zu machen."
Eleonore lächelte. "Und wenn die Barone den Treueeid Dir und unserem Sohn gegenüber wiederholen, dann ist der Grundstein für eine Erbdynastie des Hauses Anjou gelegt," stellte Eleonore nüchtern fest, "ich muß schon sagen, dass Du sehr klug bist, denn auf die Festigung einer Erbfolge durch Dein Blut willst Du doch hinaus."
Heinrich lächelte und sagte: "Danke der Ehre! Aber Du stehst dem in keinster Weise nach! Aber nur so wird die politische Situation des Landes kalkulierbar bleiben. Nur so ist für Stabilität und Frieden gesorgt."
"Das wird den armen Ludwig von Frankreich hart treffen. Noch immer fehlt ihm ein Sohn als Nachfolger. Nach seinem Tod droht Frankreich unterzugehen. Das bedeutet, Ludwig gerät unter Zugzwang", dachte sie laut.
Heinrich blieb stehen und sah sie an. Der Atemdampf umspielte ihre Gesichter. "Worauf willst Du hinaus?" fragte er mit einem ahnungsvollen Grinsen.
Sie zuckte mit den Schultern. "Auf die Unterstützung von Papst Hadrian kann er nicht setzen. Der Papst hat selber genug Probleme mit dem deutschen Kaiser Friedrich, den sie in Rom Barbarossa nennen. Seitdem sich Hadrian erdreistet hat zu verkünden, die Kaiserkrone und das Heilige Römische Reich sei ein Lehen, welches durch das Papsttum verliehen wird, ist der Papst mit seinen eigenen Problemen beschäftigt."
"Ich weiß immer noch nicht, worauf Du hinauswillst?"
Eleonore lächelte. "Da Du fest entschlossen bist, Deinem Sohn die Treue Deiner Untertanen und die Krone zu sichern, mußt Du den Baronen die Thronfolge etwas schmackhafter machen."
"Könntest Du etwas deutlicher werden, Liebste. Ein solches Vorhaben ist meist nur mit der Schenkung von Ländereien verbunden."
"Der Thronfolger von England braucht eine Frau. Ludwig muß die Verhältnisse in seinem Reich ordnen. Will er nicht, das Frankreich eines Tages vom Heiligen Römischen Reich genommen wird, braucht er einen mächtigen Mann für seine Töchter. Du solltest Becket nach Paris schicken, um mit Ludwig über eine Heirat zwischen Deinem Sohn und einer seiner Töchter zu verhandeln. Ludwig wird geehrt sein, wenn sein mächtigster Vasall um die Hand seiner Tochter bittet."
Heinrich lächelte breit und schüttelte den Kopf. "Du mußt mit dem Teufel im Bunde sein. Die Idee ist geradezu genial. Ich bin stolz auf Dich. So kann mein Sohn eines Tages Anspruch auf die Krone von Frankreich erheben. Die Krone von Frankreich und England zusammen, wären das mächtigste Reich seit dem römischen Imperium der Cäsaren und Augusten."
"Ludwig wird das Spiel durchschauen", warf Eleonore ein, "er ist nicht dumm."
Heinrich warf einen Blick auf sie. Er sah in ihren Augen, dass sie ihn in diesem politischen Ränkespiel auf die Probe stellte. "Davon können wir ausgehen. Er wird uns nicht seine erste Tochter überlassen, die er auf wundersame Weise mit Dir gezeugt hat. Ludwig wird sich bemühen, sie mit dem Grafen der Champagne zu vermählen. Mit dem Grafen der Champagne auf der einen Seite, und dem Haus Anjou auf der anderen Seite, wird Frankreich nicht untergehen."
Sie lächelte. "So wundersam war die Zeugung nicht gerade, aber bei weitem nicht so lustvoll, wie beim Herzog der Normandie und König von England. Aber was kann der Graf der Champagne gegen das Haus Anjou anrichten, wenn es zu einer direkten Konfrontation kommt?"
"Nichts, absolut nichts. Miltärisch sind sie dem Haus Anjou weit unterlegen. Das wiederum bedeutet, dass die Krone Frankreichs eines Tages relativ leicht auf das Haus Anjou übergehen könnte."
"Und mit diesen Aussichten, dürfte es kein Problem sein, den Treueeid der Barone auf Deinen Sohn zu bekommen", meinte Eleonore schließlich.
Heinrich lächelte schamlos und zog die Königin an sich. "Ich bin der Meinung, es wäre an der Zeit ins Palastinnere zu gehen. Es ist doch sehr kalt hier draußen. Wir sollten mit Becket darüber reden."
"Eine gute Idee, aber beziehe auch Theobald von Bec und Heinrich von Blois mit ein. Roger von Pont´l-Evéque würde ich später einbeziehen."
"Du traust ihm nicht?"
"Es ist nicht Mißtrauen, aber eine gewisse Vorsicht. Vermutlich ist es das einzige, was mich mit Deinem Kanzler verbindet. "
Sie gingen in die große Halle. Hier feierten sie am Abend im Kreise der Familie und den engsten Freunden das Weihnachtsfest. Nur Thomas Becket fehlte. Er hatte darum gebeten, das Weihnachtsfest in Canterbury verbringen zu dürfen und war im dichten Schneetreiben aufgebrochen. Widerstrebend hatte Heinrich ihn ziehen lassen.
Heinrich schenkte Eleonore eine prächtige Kette aus purem Gold und mit wertvollen Edelsteinen besetzt. Er hatte sie extra von einem genuesischen Kaufmann in Konstantinopel besorgen lassen. Seiner Mutter schenkte er einen wertvollen Smaragdring, den er ebenfalls aus Konstantinopel liefern ließ.
Eleonore hatte ihm ein prachtvolles Schwert bei einem Schmid in Mainz machen lassen. Es war ein friedvolles Weihnachtsfest. Es war ein erfolgreiches Jahr gewesen. Und das folgende sollte noch erfolgreicher werden. Der Herr schien es gut mit dem Haus Anjou zu meinen.

Frühjahr 1158 in Caen

In der Bretagne kam es im Frühjahr zu schweren Unruhen. Die Bretonen erhoben sich gegen ihren Herrn und verjagten ihn. Doch man fürchtete nun ein Eingreifen Ludwig VII. Zwar lag das Anjou und die Normandie zwischen der französischen Krondomäne und der Bretagne, aber es war nicht auszuschließen, dass Heinrich einen Durchzug gestatten würde. Auch er konnte keine Interesse an Unruhen in der Bretagne haben. Zu leicht entzündete sich der Funken des Aufstandes auch in den angrenzenden Regionen. Das Poitou war zwar treu ergeben, doch Heinrich wußte, dass die Treue in erster Linie der Herzogin galt.
Die Bretonen beeilten sich eine Gesandschaft an den Hof von Heinrich zu senden, der inzwischen England verlassen hatte und nun in Caen weilte. Kaum war er in Caen angekommen, eilten seine Mutter und seine Brüder an den Hof um ihn zu besuchen. Eines Abends überraschte sie die Nachricht, dass eine Gesandschaft aus der Bretgane eingetroffen sei. Die Nachrichten vom Aufstand waren bereits an den Hof von Heinrich gelangt, trotzdem war er überrascht, als ihm gemeldet wurde, dass die Bretonen um eine Audienz bei ihm ersuchten.
"Eine Gesandschaft aus der Bretagne?" fragte Heinrich erstaunt und sah sich in der Runde um.
"Ja, Mylord. Sie haben ein dringendes Anliegen an Euch, haben mir aber nicht näher mitgeteilt um was es sich handelt", antwortete der Diener.
"Um diese Zeit noch?" fragte Heinrich überrascht und riß ein Hühnchenflügel ab. Sie saßen im großen Saal und aßen zur Nacht. Es war ein milder Frühlingsabend und man hatte die Wandteppiche zur Seite schieben können, so dass frische Luft Einzug hielt. Die Fackeln tanzten leicht im Wind und die Mehrzahl der Anwesenden hatten sich schon den Bauch zur Genüge vollgeschlagen. Sie sprachen inzwischen dem Wein kräftig zu und Heinrich bezweifelte, dass eine Audienz jetzt noch Sinn machen würde. Auf der anderen Seite langweilte ihn die Gesellschaft, die sich an Künstlern, Gauklern und Troubadouren ergötzte.
"Nun gut, bringt sie herein", rief er aus. Heinrich sah zu Eleonore, die dem Troubadour - der soeben ein Lied vortragen wollte - einen Wink gab, damit er sich zurück ziehen würde.
"Aber das hat doch sicherlich Zeit bis morgen", protestierte Mathilde, die Mutter des Königs.
"Mutter, Euer Sohn ist ein wahrer König. Niemals vergißt er, dass er ein König ist", rief Gottfried aus, der an der Seite seines Bruders saß und spöttisch den Kelch erhob.
"Du hast zuviel Wein getrunken, mein lieber Bruder. Reiß´ Dich zusammen, wir wollen unsere Gäste gebührlich empfangen", meinte Wilhelm, der Jüngste der drei Söhne von Mathilde
Die Gesandten - es waren drei - traten ein und verbeugten sich vor Heinrich.
"Seid gegrüßt edle Herren", meinte Heinrich und versuchte die Gäste an Hand der Wappen zu identifizieren. Doch er kannte keines der Wappen. "Verzeiht, wir waren nicht auf Euer Kommen vorbereitet, sonst hätten wir frisches Stroh streuen lassen, aber vielleicht findet sich noch ein Platz an der Tafel für Euch."
Die Gesandten standen langsam auf. Der Älteste schien der Wortführer zu sein. Er hatte einen langen, ergrauten Bart und eine Narbe auf der Stirn zeugte von einem Leben im Kampf.
"Wir haben zu danken, dass Ihr uns zu dieser Stunde noch empfangt, aber es ist sehr dringlich."
"In der Tat bin ich überrascht", antwortete Heinrich wahrheitsgemäß.
"Mein Name ist Tankred von Josselin. Dies sind meine Gefährten. Und wir sind zu Eurem Hof geeilt, weil man von Euch hört, dass Ihr streng aber gerecht seid."
"So, erzählt man sich das von mir", meinte Heinrich geschmeichelt und deutete Tankred fort zu fahren. Dieser zögerte für einen Moment und schien nach den richtigen Worten zu suchen. "Wir kommen zu Euch als Bittsteller, aber auch als treue Untertanen und ersuchen um Eure Hilfe...."
"Seid Ihr nicht jener Tankred von Josselin, der an der Spitze der Rebellen stand und den Herrn von der Bretagne verjagte?" unterbrach der Erzbischof von Rouen die Rede des Gesandten.
"Ja, der bin ich", rief Tankred von Josselin aus, "aber ich war nur einer der Führer. Denn es erhob sich nicht nur ein Teil des Volkes, sondern das ganze bretonische Volk."
"Und was wollt Ihr nun hier von mir?" fragte Heinrich und sah den Erzbischof wegen der Unterbrechung mürrisch an.
"Herr, wir haben den Grafen vertrieben, weil unter ihm das Volk unter Willkür, Gewalt und Ungerechtigkeit geknechtet war. Nichts war vor ihm sicher, selbst die tugendhaftesten Mädchen und Jungfrauen mussten sich fürchten. Seine Ritter hatten alle Rechte, die Bauern waren nichts."
"Ist es denn nicht so?" fragte Heinrich und hob provozierend die Augenbrauen.
Tankred von Josselin kniff die Lippen zusammen. Es fiel ihm schwer zu widersprechen. "Herr, ich habe viele Jahre bei dem Orden der Tempelritter gedient. Dort wurde mir gelehrt, dass alles Geschöpfe vor Gott gleich sind. Auf Erden gibt es Herren und Diener. Doch ein jeder sollte den anderen respektieren. Solltet Ihr es anders sehen, dann frage ich Euch: Wer ernährt Euch und Euer Gefolge?"
"Kühne Worte, mein Freund", meinte Heinrich belustigt.
"Ich stehe für meine Worte ein. Ich habe keine Angst vor Euch. Auch nicht vor dem Zorn der Kirche oder jemanden anderen. Wir haben eine Bitte, die wir vortragen möchten. Wenn Sie Euch gefällt, dann nehmt sie an, wenn nicht, dann werden wir andere Wege einschlagen müssen."
Gottfried hatte sich nun aufrecht hingesetzt und war in tiefes Schweigen ver-sunken. Der Ritter imponierte ihn und auch Heinrich empfand so etwas wie Respekt vor ihm.
"Wie lautet Eure Bitte?"
"Nehmt die Grafenwürde von Nantes und nehmt Besitz von der Bretagne!"
Ein Raunen ging durch den Saal. Es war Mathilde, die entgegen ihren Gewohnheiten das Wort ergriff: "Die Bretagne ist ein Lehen des französischen Königs. Wie könnt Ihr es wagen, ohne dessen Einwilligung den Titel eines Grafen von Nantes anzupreisen?"
"Ludwig VII. würde uns niemals anhören. Die Bretagne ist ein kleines und rauhes Land. Doch wie jedes Land braucht es einen Herrscher. Wir haben die Krone Euch dargeboten, weil man von Euch sagt, dass Ihr gerecht seid."
Heinrich strich sich den Bart. "Aber Ihr habt Euch gegen Euren Herrn erhoben. Wann erhebt Ihr Euch gegen mich?"
"Herr, Ihr könnt alles verlangen was Ihr wollt, sofern es nicht unsere Ehre berührt. Wir schwören Euch die Treue, wenn Ihr das verlangt. Um einen Beweis zu erbringen haben wir Euch Gold und Geschenke mitgebracht." Er gab seinen Begleitern einen Wink, die vortraten und beide eine kleine Kiste in den Händen hielten. Sie öffneten sie und man konnte Gold, Diamanten und anderen Schmuck erkennen.
"Dies soll Euch gehören. Dieses und noch mehr. Verlangt von uns die Treue und wir werden sie Euch geben."
"Worauf Ihr Euch verlassen könnt", antwortete Heinrich und strich sich weiter nachdenklich den Bart. "Warum sollte ich Eurer Bitte entsprechen und einen Krieg mit Ludwig VII. riskieren? Immerhin bin ich sein Vasall."
"Ludwig VII. wird Euch zwar verfluchen, aber was will er ändern? Ihr habt ein großes Reich hinter Euch. England, die Normandie, das Anjou, Aquitanien. Ludwig ist Euch weit unterlegen. Und zwischen Ludwig und der Bretagne liegt Euer Land. Die Bretagne ist von Euren Ländern umschlossen. Was bietet sich da mehr an, als Euch den Titel zu übertragen?"
"Ein wahres Wort", pflichtete ihm der Erzbischof von Rouen bei.
Heinrich dachte nach und erwiderte nichts. Schließlich erhob er sich. "Setzt Euch und greift zu. Ich ziehe mich zurück und werde über eine Antwort nachdenken. Morgen früh sollt Ihr meine Antwort hören." Heinrich verließ den Saal. Nur Minuten später saß er hinter seinem schweren Eichentisch im Arbeitszimmer und forderte die Meinungen seiner Berater ein. Auch Eleonore und seine Mutter waren anwesend. Gottfried und Wilhelm fehlten. Sie hatten sich zu Tankred an den Tisch gesetzt und leisteten ihm Gesellschaft.
"Mein König, die Versuchung ist groß, aber Ihr riskiert einen Krieg mit Ludwig. Laßt Euch von dem Gold und Geschmeide nicht blenden", meinte Arnulf von Lisieux, der sich damit der Meinung des Erzbischofes von Rouen anschloß. "Und vergeßt nicht: Die Bretonen sind ein aufrührerisches Volk. Wie lange wird es dauern bis sie sich auch gegen Euch erheben?"
"Habt Ihr die Worte von Tankred nicht gehört?" rief Eleonore aus. "Er hat die Lage genau dargelegt. Ludwig hat kaum eine Chance dies zu verhindern. Er wird es nicht wagen, Heinrich wegen der Verletzung von Lehenspflichten anzuklagen oder ihm das Lehen zu entziehen."
Der Streit wog hin und her. Heinrich wünschte sich Becket an seine Seite, doch dieser weilte in England. Er spürte, dass er eine einmalige Chance hatte, seinen Einfluß und Herrschaftsbereich so weit auszudehnen, dass er es sogar dem Deutschen Reich aufnehmen könnte. Gleichzeitig spürte er aber auch, dass er Ludwig nicht zu sehr reizen sollte. Schließlich verschaffte sich Mathilde Gehör: "Edler Erzbischof, Ihr habt recht. Aber ebenso hat Tankred und die Königin Recht. Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit."
"Und die wäre?" wollte Heinrich wissen.
"Mach´ Deinen Bruder Gottfried zum Grafen von Nantes!"
"Gottfried?" wiederholte Heinrich ungläubig. Er konnte es kaum fassen, was er da hörte.
Auch Bischof Arnulf von Lisieux verbarg sein Erstaunen nicht. "Warum Gottfried, Mylady?"
"Ganz einfach. Wenn Gottfried Graf ist, kann Ludwig Heinrich nichts anhaben. Gleichzeitig wird er Gottfried nicht angreifen, weil das Land Heinrichs dazwischen liegt und Heinrich an der Seite seines Bruders kämpfen würde. Für Heinrich liegt der Vorteil darin, dass Gottfried von ihm abhängig ist. Gottfried kann ohne Einwilligung Heinrichs kaum etwas machen. Gleichzeitig wird der Ehrgeiz von Gottfried nach einem eigenen Land und einem Titel erfüllt. Und zuletzt dürfte dies die Bande zwischen Gottfried und Ludwig lockern, was wiederherum Heinrich entgegen kommt."
Für einen Moment breitete sich ein langes und tiefes Schweigen aus. Es war Heinrich, der es unterbrach: "Das waren die klügsten Worte in diesem Raum. So soll es geschehen. Damit werden auch die Bretonen einverstanden sein."
Mit diesen Worten beendete Heinrich die Versammlung und begab sich in das königliche Schlafgemach, wo er sich zu Bett begab und noch lange wach lag. Eleonore drängte sich dicht an ihn und fragte: "Was beschäftigt Dich?"
Heinrich sah hinaus. Der Mond war eine runde silberne Sichel. "Ich frage mich, wie Wilhelm reagieren wird, wenn er hört, dass Gottfried den Titel eines Grafen von Nantes erhält. Wilhelm ist mir treu ergeben. Man hat mir berichtet, dass er geschickt im Umgang mit dem Schwert und mit der Axt sei. Er ist interessiert an der Jagd, er sucht Herausforderungen und verwickelt seine Umgebung gerne in theologische und philosophische Dispute. Eigenschaften die ein Herrscher braucht. Und nachdem Gottfried Macht in der Bretagne übertragen bekommt, muss ich es um jeden Preis verhindern, dass Gottfried seinen falschen Ehrgeiz auf Wilhelm überträgt. Gebe ich Wilhelm Macht, dann habe ich einen Ausgleich geschaffen. Gott habe meine Mutter selig, doch sie wird Gottfried nicht immer im Zaum halten können. Doch ich brauche verläßliche Leute, wenn ich in England weile."
"Hast Du mich etwa nicht?" fragte Eleonore etwas gekränkt.
Er lächelte. "Doch, aber auch Du kannst nicht immer hier sein. Die Königin sollte so oft wie möglich an der Seite des Königs sein. Und aus diesem Grund werde ich mit Deiner Einwilligung Wilhelm zum Grafen von Poitou machen. Er ist es, der das Poitou schützen wird."
Eleonore überlegte kurz. Dann nickte sie. "Gut. Ich vertraue Wilhelm. Ich werde keine Einwände erheben."
Heinrich war froh dies zu hören und küßte sie. Dann drehte er sich um und konnte endlich einschlafen.
So kam es, dass Gottfried der Titel eins Grafen von Nantes übertragen wurde. Er selbst vermochte sein Glück kaum zu fassen, als Heinrich und Eleonore am nächsten Tag in der Großen Halle vor den Großen des Reiches ihre Entscheidung kund taten. Er bedankte sich auf Knien vor seinem Bruder, der Königin und der Mutter. Gleichzeitig gaben Heinrich und Eleonore bekannt, dass man Wilhelm den Titel und die Ländereien eines Grafen von Poitou übertragen werde. Wilhelm war völlig überrascht. Heinrich befahl ihm sich niederzuknien und schlug seinen Bruder feierlich zum Ritter. Beide Brüder wollten so schnell wie möglich ihren Besitz einnehmen und rüsteten für die Abreise.
Mathilde befahl ihre Söhne vor der Abreise zu sich ins Gemach. Sie warnte sie. Sie sollten ihrem Bruder die Treue halten und die Herrschaft nicht dazu benutzen solle, ihren Bruder zu bekämpfen. Gottfried versicherte ihr ebenso wie Wilhelm die Treue. Schließlich war der Zeitpunkt des Abschiedes gekommen. Gottfried saß stolz auf seinem Roß und winkte zum Abschied seinem bruder und seiner Mutter zu und ritt dann im Eiltempo aus der Burg hinaus. Tankred von Josselin und seine Gefährten folgten ihm und gaben ihren Pferden die Sporen.
Heinrich und Eleonore kehrten noch im Frühjahr nach England zurück, wo sie zu Ostern die zweite Krönung vollziehen wollten.


Juni 1158

Heinrich II. ließ sich zu Ostern in Worcester ein zweitesmal in einer noch prunkvolleren Zeremonie als beim ersten mal, krönen. Heinrich der Jüngere der mit seinen zwei Jahren nicht wußte wie ihm geschah, fühlte sich sichtlich unwohl und wollte lieber spielen. Stattdessen mußte er auf einen unbequemen Stuhl sitzen, auf dem er hin und her rutschte.
Anschließend leisteten die Barone ihm und seinem Sohn Heinrich den Jüngeren den Treueeid. Es war nicht leicht gewesen, die Barone dazu zu bewegen, dass sie erneut den Treueeid gegenüber Heinrich dem Jüngeren ablegten; duchschauten sie doch die Absicht des Königs. Sie wußten, dies käme einer Anerkennung als Thronfolger gleich. Und die Barone und der Klerus hatten kein Interesse den Grundstein zu einer Dynastie zu legen. Die Thronfolge sollte durch eine Wahl erfolgen.
Doch als Heinrich verkündete, dass er beabsichtige, seinen Kanzler zum französischen König zu senden, um mit diesem über eine Vermählung mit der knapp sechs Monate alten Margarete, zu verhandeln, wurde jedem klar, was das bedeutete: Eine Vermählung zwischen dem französischen und englischen Königshaus würde Heinrich nicht nur mehr Macht bringen, sondern auch Ländereien, die verwaltet werden mußten. So mancher Baron erhoffte dadurch auch einen Zuwachs an persönlicher Macht. Man tröstete sich also damit, dass der Treueeid keine wirkliche Anerkennung der Thronfolge darstellte, sondern diese erst durch eine Krönung erfolgen konnte.

Heinrichs größter Triumph lag jedoch darin, daß der schottische König Malcolm IV. seine Anwesenheit in Worcester zugesagt hatte. König Malcolm IV. von Schottland trat vor König Heinrich und beugte das Knie. Feierlich legte er seine Hände in die von Heinrich und leistete ihm den Treueeid.
"Ich gelobe Euch meine Treue und widerrufe die Ansprüche auf Northumberland, Cumberland und Westmoreland im Norden des Landes. Gott ist mein Zeuge, dass ich den ernsthaften Wunsch nach Frieden hege und gelobe, nie wieder mein Schwert gegen Euch zu erheben. Stattdessen seid versichert, werde ich Euch gegen Eure Feinde Unterstützung gewähren."
Heinrich nickte und sprach feierlich: "Euer Wunsch ist auch der Wunsch von mir. So soll es geschehen!"
Der schottische König hatte zuletzt erkennen müssen, daß die wenigen Barone, die noch Widerstand zu leisten vermochten, keine ernsthafte Gefahr für Heinrich darstellten. Somit konnte er einen Einfall in das Reich des Angeviners nicht wagen, zumal er den englischen Truppen von der Ausrüstung und Ausbildung her hoffnungslos unterlegen war. Die meisten seiner Untertanen waren Bauern aus dem Hochland. Nicht zuletzt waren sie oftmals untereinander hoffnungslos zerstritten. Der Treueeid des schottischen Königs bedeutete nicht nur Frieden an der Nordgrenze des angevinischen Reiches, sondern auch ein deutliches Zeichen zur Festigung der Macht. Die Barone im Norden Englands hatten ihre Treue zur englischen Krone oftmals von der Haltung des schottischen Königs abhängig gemacht.
Die Geburt seiner Tochter Margarete bedeutete für Ludwig VII. von Frankreich eine weitere herbe Enttäuschung. Sollte auch Konstanze von Kastillien ihm keinen Sohn gebären können? Zu lange schon wartete Frankreich auf einen Thronfolger. Doch anstatt seiner Frau weiteren Samen in deren Schoß zu ergießen, versank er im Gebet und bat um seine begangenen Sünden. Was, wenn nicht begangene Sünden, hatte den allmächtigen Hergott bewogen, ihn so zu bestrafen, dass ihm ein Thronfolger versagt blieb? Waren die Söhne von Heinrich und Eleonore nicht Beweis genug, dass ein Fluch auf ihn lastete? Nur die Buße konnte ihn erretten und er wünschte sich sehnlichst, daß Abt Suger oder Bernhard von Clairvaux bei ihm wären. Ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als durch eine ausgewogene Heiratspolitik zu versuchen, den Frieden in Frankreich zu sichern. Sollten doch die ersten beiden Töchter in das Haus Blois-Champagne einheiraten, so würde Margarete ins Haus Anjou einheiraten. So sah er dem Besuch des englischen Kanzlers mit einer gewissen Anspannung entgegen
.

Kapitel 15


Sommer 1158

Eine ganze Flotte von Schiffen würde nötig sein um Thomas Becket und sein Gefolge auf den Kontinent zu bringen. Der Troß des Kanzlers Thomas Becket war beeindruckend. König Heinrich beschwerte sich bei Becket, daß sein Troß einen Prunk ausstrahle, der den Glanz des Königs übertreffe.
Becket hatte sich demutsvoll verbeugt und entschuldigt. "Verzeiht mir, es lag nicht in meiner Absicht Euren Glanz zu übertreffen. Aber bitte bedenkt, welchen Eindruck ihr beim französischen Volk und dem König hinterlaßt. Alle Welt wird über den Glanz sprechen. Und alle Welt wird sehen, wie gut es dem Reich Heinrich Plantagenets geht. Dieser Troß wird auch eine Machtdemonstration Eurer Macht sein."
Heinrich war nicht überzeugt. "Ihr möget recht haben, aber Euer Prunk und Eure Großzügigkeit kostet der Krone eine Unsumme."
Becket beugte sich erneut demutsvoll nach vorne. "Ich bedaure Euch, da erneut widersprechen zu müssen. Aber einen großen Teil der Kosten begleiche ich mit meinem eigenen Vermögen."
Heinrich war wütend, dass Becket ihm widersprach. Er hatte schlechte Laune und duldete keinen Widerspruch. "Greift Ihr auch auf Euer Vermögen zurück, wenn Ihr im Palast täglich neues Stroh auf dem Boden verstreuen laßt?"
"Mein König, sollen Eure Gäste sich in den Schmutz setzen und ihre Mäntel schmutzig machen? Auch das einfache Gefolge Eurer Gäste verdient es, am Hofe des Königs eine behagliche Unterkunft zu beziehen."
Heinrich machte eine wegwerfende Handbewegung. "Verschont mich, Becket. Mir scheint, ich muß damit leben. Sagt mir, was machen Eure Vorbereitungen für Eure Reise an den Hof von König Ludwig?"
"Sie sind fast abgeschlossen. Unsere Abreise wird in den nächsten Tagen erfolgen."
Heinrich sah aus dem Fenster in den Hof hinab, wo emsig Karren beladen wurden. Hektisches Treiben und ein wildes Durcheinander boten sich dem König dar. Knechte und Mägde schrien sich an, Pferde tänzelten nervös und die Zugochsen konnten nur mühselig beruhigt werden. "Ihr werdet den Bürgern von Paris mit Eurem riesigen Troß Angst einjagen," spottete Heinrich, "um Euch zu verköstigen wird Ludwig Schulden beim Templerorden machen müssen!"

Paris im Sommer 1158

Es war eine ruhige, aber lange Überfahrt von England auf das Festland. Nach dem Ausladen machte sich der Zug sofort in Richtung Paris auf. Mehrere Tage ließ sich der Zug Zeit von der Küste bis nach Paris zu ziehen. Überall säumten staunende und beeindruckte Menschen den Weg.
Becket hatte angewiesen, dass die Ritter ihre Rüstungen blank polieren sollten. Er wollte, dass der Zug einen tiefen Eindruck bei den Franzosen hinterließ. Etliche Fahnen und Banner wehten im Wind. Es folgte eine lange Reihe an Fußvolk, den Schildknappen, Geistlichen, Hofmeistern und Adligen in voller Pracht. Mehrere Wagen transportierten das Begleitgepäck, Teppiche, Küchengeschirr, Zelte, Proviant, Bier und Wein. Zahllose Wind- und Jagdhunde und Doggen begleiteten den Zug und auf einem Wagen war ein Käfig mit einem lebenden Leoparden aufgebaut. Falkner mit den zahllosen Greifvögeln folgten, und zum Schluß ritten Diener, auf deren Schultern Äffchen turnten.
Becket hatte strengste Anweisung gegeben, die zahllosen Huren, die einen solchen Zug immer begleiteten, zu verjagen. Immer wieder stoppte der Zug und Becket wies sein Gefolge an, großzügig Geschenke zu verteilen. Schließlich näherten sie sich Paris, wo sie auf den französischen König treffen sollten
.
Ludwig VII. erwartete den Zug vor den Toren von Paris. An seiner Seite war sein vollständiger Kronrat und einige Ritter des Tempelordens. Als der Zug um die sechste Stunde in Sichtweite der Stadt war, ritt ihm Ludwig alleine entgegen. Von der Spitze des Zuges löste sich ein einzelner Reiter. Ludwig erkannte an dem prachtvollen Mantel und Wams den Kanzler. Als sie sich bis auf wenige Meter voneinander genähert hatten, brachten sie ihre Pferde zum Stehen. Die Begrüßung der beiden Männer war kühl aber respektvoll.
"Thomas Becket. Kanzler von England, seid gegrüßt in meinen Landen. Ich hoffe Euer Zug hierher war angenehm."
Becket nahm sein tänzelndes Pferd am Zügel kürzer und stieg ab. Er verbeugte sich und sagte: "Ich grüße Euch König von Frankreich, Herr von Gottes Gnaden. Ich danke Euch für den freundlichen Empfang an Eurem Hof."
Ludwig runzelte mit Blick auf den Zug die Stirn. "Ihr habt ein großes Gefolge. Ich fürchte, ich kann meinen gastgeberischen Pflichten, Euch zu verköstigen nicht nachkommen. Zu groß ist Euer Gefolge. Außerdem wird ein Teil Eures Zuges vor den Toren von Paris lagern müssen. Ihr werdet natürlich mein Gast innerhalb der Stadtmauern sein. Für Euch ist im Templerturm ein Quartier bereitet."
Becket lächelte höflich. "Ihr sollt Euch deswegen keine Sorgen machen. Wir werden uns auf den Märkten versorgen. Was die Quartiere anbelangt, so sind wir Normannen genügsam."
Ludwig nickte verständnisvoll. "Mir scheint, dass auch ein paar Angelsachsen unter Eurem Gefolge sind", sagte er lakonisch und wendete sein Pferd und ritt davon.
Becket saß auf und gab dem Troß den Befehl zum weiterreiten. Tausende von Neugierigen säumten die Straßen der Stadt und bewunderten den prunkvollen Zug. Becket ordnete an, dass die Hofmeister sich auf den Märkten in und um Paris versorgen sollten. Aber auf keinen Fall durfte um den Preis gefeilscht werden. Die Leute sollten voller Respekt von den Normannen reden und sie lieben lernen.
Becket betrachtete dies als einen Teil seiner Taktik. Gleichfalls befahl er, sollte an die Pariser Bevölkerung Bier ausgeschenkt werden. An einfache Soldaten, Geistliche und Edelleute wurden großzügige Geschenke verteilt. Prächtige Becher, Pelze, Seide und Mäntel wechselten den Besitzer. Und es dauerte nicht lange, bis die Pariser Bevölkerung voller Hochachtung von den Gästen sprach, was auch an Ludwigs Ohren drang.
Als Becket schließlich am nächsten Tag zu Ludwig in den Palast gerufen wurde, empfing dieser ihn überraschenderweise nicht im großen Saal, sondern in dessen Privatgemächern.
Ludwig saß in einem Sessel hinter einem schweren Eichentisch und hatte sich bequem zurückgelehnt und die Fingerspitzen beider Hände aneinandergelegt. Er musterte Becket lange und eindringlich, der sich vor ihm verbeugte. Schließlich nickte er ihm zu, als Zeichen, dass er reden solle.
"Eure Hoheit, ich überbringe Euch den Wunsch meines Königs von England, Herzog der Normandie und Graf von Anjou, nach einer Vermählung Eurer jüngsten Tochter Margarete mit Heinrich dem Jüngeren, Prinz von England, als ein Zeichen des Friedens und der Hochachtung."
Ludwig ließ die Worte einwirken und schloß die Augen. Nach einer längeren Pause schlug er die Augen wieder auf und sah den Kanzler eindringlich an. "Die Einverleibung der Bretagne war aber ganz und gar nicht ein Zeichen des Friedens."
"Verzeiht, wenn ich Euch da widerspreche", gab Becket zurück, "aber es war die Bevölkerung der Bretagne, die des Königs Bruder die Herzogskrone übertrug. Der König selbst hatte den Titel abgelehnt. Wohlwissend, dass ihr damit kaum einverstanden sein könntet."
"Verschont mich mit falschen Spielchen. Ob Gottfried oder Heinrich Plantagenet. Was macht das für einen Unterschied, verehrter Kanzler? Beide stammen aus dem Geschlecht der Anjou. Für Frankreich stellt das Haus Anjou eine Bedrohung dar. Die gesamte Nord- und Westküste ist in der Hand der Angeviner."
Becket schwieg dazu. Er hielt es für klüger, dazu nichts zu sagen.
"Das Haus Anjou will sich nicht vielleicht durch eine Heirat, Ansprüche auf die Krone Frankreichs sichern?" fragte Ludwig übertont spitz.
"Die meisten Eheschließungen sind von der Politik bestimmt", wich Becket diplomatisch aus.
Verärgert winkte Ludwig ab und stand von seinem Sessel auf. "Verschont mich auch mit Wortklaubereien, Becket. Dazu bin ich heute nicht in der Stimmung. Erzählt mir lieber, welchen Nutzen die Krone Frankreichs durch eine solche Heirat hätte."
"Den gleichen Nutzen, wie wenn die Krone eine Verbindung mit dem Haus Blois-Champagne eingeht, Majestät. Nämlich Stabilität und Frieden."
"Stabilität und Frieden?" fragte Ludwig erstaunt, "wie kommt Ihr darauf? Worin seht Ihr Stabilität, wenn zwei mächtige Häuser um die Krone streiten, vorausgesetzt mir bleibt ein Erbe verwehrt? Und ich bin klug genug um zu wissen, dass genau darauf das Haus Anjou setzt."
"Zwei festigen die Krone. Beide zusammen ergeben eine Macht, die Frankreich vor dem Kaiserreich schützen."
"Und die sich dann gegenseitig zerfleischen? Weshalb sollte vom Reich der Deutschen eine Gefahr ausgehen?"
Becket lächelte freundlich. "Soweit wird es nie kommen, Majestät. Der Papst braucht ein starkes Frankreich gegen ein zu mächtiges deutsches Kaisertum. Und die Exkommunizierung ist eine starke Waffe des Papstes, der sich sogar ein deutscher Kaiser voller Demut unterworfen hat. Aber die Exkommunizierung schützt den Papst vor den Angriffen nicht. Und auf die Normannen im Süden der italienischen Halbinsel kann kein Papst mehr setzen. Und Ihr wißt so gut wie ich, dass die deutschen Könige und Kaiser den Einfluß von Frankreich in Lothringen und Burgund fürchten."
Ludwig verharrte in seinem Schritt. Er überlegte eine ganze Weile. "Wenn ich Euch recht verstehe, dann habe ich nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Und Ihr meint, dass eine Verbindung mit dem Haus Anjou das kleinere Übel sei?"
"Sollte das Euer Eindruck sein, so habe ich mich unklar ausgedrückt. Doch ich warne vor einer Vermählung mit dem Haus Blois-Champagne. Hier ist der Wolf unter dem Schafspelz verborgen."
Ludwig atmete tief durch. Dann wandte er sich an Becket und winkte ab. "Laßt es gut sein für heute. Wir sehen uns heute Abend auf dem Festbankett, welches ich Euch zu Ehren gebe. Nun aber ist die Zeit gekommen, in der man über das Gesprochene nachdenken sollte."
Während des Banketts saß Becket an der Seite Ludwig VII. und dessen Gemahlin Konstanze von Kastillien. Becket aß nur sehr wenig und trank gewürztes Wasser. Ein Feuerschlucker gab seine Kunststücke zum Besten und erntete viel Applaus.
"Schmeckt es Euch nicht?" fragte die Königin den Kanzler.
"Oh doch, sehr. Aber ich esse nicht allzu viel. Ich versuche meinen Körper auf diese Art rein zu halten. Und nur wenn der Körper rein ist, fühlt sich mein Geist frisch."
Konstanze zog die Augenbrauen leicht nach oben. "Seid Ihr ein Asket?" fragte sie mit einem ablehnenden Unterton.
"Beileibe nicht. Das ist etwas für die frommen Diener Gottes. Doch habe ich mich dem weltlichen hingegeben."
"Das hört sich beinahe so an, als hättet Ihr es nicht freiwillig getan?"
Becket verharrte für einen kurzen Moment inne, dann wandte er den Blick von ihr ab und antwortete: "Nun, es war eine schwierige Entscheidung. Vieles widerstrebte sich in mir, aber vieles strebte auch danach. Wenn Ihr nichts dagegen hättet, würde ich das Thema gerne wechseln."
Konstanze war erstaunt und wollte eine Erwiderung geben, überlegte es sich dann jedoch anders.
Ludwig hatte das Gespräch interessiert verfolgt. Besonders Beckets Ausführungen zur Reinhaltung des Körpers und Geistes interessierten ihn. "Auch ich ernähre mich in Maßen. Nur so fühle ich mich dem Herrn nah", lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung.
Konstanze seufzte auf. Sie wußte, dass Ludwig Stunden über dieses Thema debattieren konnte und sah dem Jongleur, der nun seine Kunsttücke zeigte, gelangweilt zu.
Becket und der König dagegen unterhielten sich angeregt bis spät in die Nacht hinein. Gegen Mitternacht äußerte Becket den Wunsch, am nächsten Tag das Kloster St. Denis, welches nördlich von Paris lag, zu besuchen. Der König bestand darauf ihn zu begleiten.
Am nächsten Morgen ritten sie früh los und beteten zur Terz gemeinsam vor dem Altar der Kathedrale. Die Sonne stand bereits weit hinter dem Zenit, als sie nach Paris zurückritten.
Ludwig fiel auf, wie gläubig der Kanzler doch war und empfand so etwas wie eine gewisse Sympathie für ihn. Ein zartes Band des Vertrauen sponn sich zwischen beiden und Becket schien mit Blick auf die Verhandlungen wieder optimistischer. Doch dieser Optimismus war verfrüht. Wenige Tage später wurde das Thema auf die Mitgift gelenkt.
Becket saß mit Ludwig und dessen Beratern zusammen in der Großen Halle zu Abend, als Ludwig ihn fragte, an welche Mitgift man in England denke. Becket nahm einen Schluck gewürztes Wasser und lächelte Ludwig freundlich an. "Nun, das Vexin mit seinen Festungen Gisors, Vaudreuil und Neauphle war schon immer ein Bestandteil der Normandie. Mein König ist der Herzog der Normandie und bedauert zutiefst, dass altes normannisches Stammgebiet nicht zu seinem Teil des Herzogtums gehört."
Ludwig sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Suhl auf. Wütend funkelten seine Augen den Kanzler an. "Das Vexin?" rief er erbost. "Ich soll das Vexin an das Haus Anjou abtreten? Hattet Ihr nicht von einem Zeichen des Friedens mit der Vermählung gesprochen?"
Becket war ebenfalls aufgestanden. Die Königin sah nervös zwischen beiden hin und her. "Es ist ein Zeichen des Friedens, Majestät."
Der Erzbischof von Reims lachte verächtlich. "Ein Zeichen des Friedens, wenn das Haus Anjou immer mehr von Frankreich will?" höhnte er.
"Es ist altes normannisches Gebiet. Was, wenn nicht ein Zeichen des Friedens ist es, wenn mein König das Vexin durch Verhandlungen und eine Vermählung beansprucht? Es wäre ein leichtes für ihn, das Vexin mit kriegerischen Mitteln zu erobern. Doch das will er nicht. Es soll in einer vertraglichen Regelung übergehen."
Ludwig atmete heftig. Tagelang hatte ihn der Kanzler mit seinem Charme gefangen. Doch nun mußte er feststellen, dass er auch ein harter Verhandlungspartner war. Wütend machte der König eine wegwerfende Geste als Zeichen, dass Becket gehen solle.
Mehrere Tage lang wurde Becket nicht mehr zum König gerufen. Er nutzte die Zeit um mit der Pariser Bevölkerung, die täglich den Turm der Templer umlagerte, Gespräche zu führen und Bier auszuschenken.
Schließlich wurde er wieder in den Palast gerufen. Im großen Saal empfing ihn der König und sein Rat, sowie der Präzeptor der Templer.
"Ich habe mich beraten", sagte Ludwig mit fester Stimme, "ich werde einer Vermählung zustimmen. Auch was die Mitgift betrifft, habt Ihr mein Einverständnis. Das Vexin wird Euch mit der Heirat von den Rittern des Tempelordens friedvoll übergeben. Dafür steht der Präzeptor mit seinem Wort. Dies ist in diesem Dokument besiegelt. Eine Bedingung stelle ich jedoch. Ich habe gehört, dass Heinrich der Jüngere in Eure Obhut gegeben wurde. Ihr seid ein Mann den ich schätzen gelernt habe. Ihr genießt meinen Respekt. Deshalb stelle ich zur Bedingung, dass Margarete nicht von Eleonore am englischen Hof aufgezogen wird."
Becket hatte dies erwartet und nickte zustimmend. "Dies kann ich Euch mit meinem Wort beeiden. Doch dies könnt Ihr auch aus dem Munde des Königs hören. Er will höchstpersönlich die Braut abholen", erklärte er.
Man setzte die notwendigen Dokumente auf und besiegelte sie.

Spätsommer/Herbst 1158

Die diplomatische Mission Beckets war ein voller Erfolg. Noch bevor Becket nach London in den Westminster Palast zurückkehren konnte, erreichte ihn die Botschaft, dass der König ins Limousin gezogen sei und Becket mit allen verfügbaren Rittern nachstoßen solle.
Guy des Thouars und Guy von Laval hatten sich gegen Heinrich erhoben. Becket eilte wie ihm befohlen wurde ins Limousin, wo Heinrich ihn bereits erwartete. Sie teilten das Heer auf. Heinrich zog gegen Guy von Thouars, während Becket die als uneinnehmbare geltende Festung des Guy von Laval belagern sollte. Doch nach nur drei Tagen fiel die Festung und Becket erstürmte sie an der Spitze der Belagerer und erschlug zahlreiche Besatzer. Es gelang ihnen Guy von Laval gefangen zu nehmen. Becket hatte von Heinrich freie Hand erhalten und er war entschlossen ein Exempel zu statuieren und ließ Laval in den Kerker von Neufmarché werfen.
Nachdem der Feldzug abgeschlossen war, eilte Heinrich nach Bordeaux. Der Erzbischof Gottfried von Bordeaux war gestorben und Heinrich wollte an der Spitze des Bistums von Bordeaux einen treuen Gefolgsmann wissen. Er beabsichtigte damit hinter dem Rücken von Eleonore seine Macht in Aquitanien zu festigen.
Die Domherren hatten sich gerade zur Wahl versammelt, als Heinrich in die Kirche stürzte und verkündete, dass er Johannes von Sicle zum Erzbischof wünsche. Gleichzeitig verkündete er, dass er der Wahl beiwohnen werde. Die versammelten Bischöfe reagierten mit stillschweigender Empörung. Eine peinliche Stille umgab die Versammlung. Heinrich war verwirrt und fragte nach dem Grund. Es war schließlich der Bischof von Angouléme, Hugo, der aufstand und dem König mitteilte, dass man keine Wahl ausführen werde, solange er anwesend sei.
Heinrich war verärgert, erkannte aber, dass er keine Wahl hatte. Wütend verließ er die Wahlversammlung, die die Absicht des Königs durchschaut hatte und Raimund von Mareuil zum neuen Bischof von Bordeaux wählte. Als Heinrich von der Wahl hörte, war er zutiefst verbittert, doch die Ereignisse in Paris zwangen ihn sofort Bordeaux zu verlassen.
Heinrich wollte keine Zeit verlieren und ritt nach Paris um die Braut abzuholen, die der Tradition zufolge am Hofe des Bräutigams erzogen werden sollte. Noch vor seiner Ankunft in Paris erreichte ihn die Botschaft vom Tode Gottfrieds Plantagenet, dem Grafen von Nantes. Sofort beschloß Heinrich seinen Anspruch auf die Bretagne zu stellen. Er verlangte den Titel eines Seneschalls von Frankreich in der Bretagne, welcher ihm zwar nicht die Grafenwürde einbrachte, aber ihn befähigte zwischen dem neuen Herrscher, Conan IV. und seinen Vasallen im Namen des Königs von Frankreich zu vermitteln, falls es erneute Unruhen geben sollte. Heinrich berief sich dabei auf die alte Gewohnheit, dass seine Vorfahren den Titel bereits inne hatten. Ludwig hatte keine andere Wahl, als ihm den Titel eines Seneschalls zu verleihen.
Im Gegenzug ging Heinrich auf Ludwigs Wunsch ein, sich mit dem Haus Blois-Champagne zu versöhnen. Zum Zeichen des Friedens tauschten die beiden Herrscher die Burgen Belleme und Amboise entlang der Grenzlinie beider Reiche. Amboise ging an Heinrich über, während Belleme an das Haus Blois-Champagne fiel.
Bei dem Zusammentreffen der beiden Könige in Paris, bekundete Ludwig den Wunsch eine Pilgerfahrt zum Mont St. Michel durchzuführen. Heinrich bewilligte sofort den Durchzug des Königs und beschloß zum Zeichen der Versöhnung diesen zu begleiten.
Sie ritten nach Avranches und beteten gemeinsam in der Kirche von Mont St. Michel. In den darauffolgenden Tagen erschien auch Conan IV. in Avranches. Dieser hatte nach dem Tod Gottfrieds die Herrschaft über die Bretagne beansprucht. Heinrich hatte ihn daraufhin zu sich gerufen. Nur unter Zusicherung freien Geleites war Conan IV. dazu bereit. In Avranches eröffnete Heinrich dem neuen Herrscher der Bretagne, dass er - Heinrich - Anspruch auf die Bretagne erhebe.
"Worauf begründet Ihr Euren Anspruch?" fragte der Graf, der den König und die versammelten Bischöfe fragend ansah.
Heinrich lächelte boshaft. "Einst wurde ich gebeten, die Herrschaft über die Bretagne auszuüben. Eure Leute erschienen an meinem Hof mit Gold und reichlich Geschenken nur damit ich die Würde des Herrschers annehmen werde. Außerdem seid Ihr in meiner Hand. Ihr seid hier von meinem Willen abhängig. Die Bretagne ist von meinem Gebiet umschlossen und ich könnte Euer Land mit einem Heer gewaltsam an mich bringen. Doch ich verabscheue Gewalt, weil sie nicht notwendig ist. Brauche ich denn wirklich einen besser begründeten Anspruch?"
Der Graf wurde blaß. "Ihr habt mir freies Geleit zugesichert. Wollt Ihr Euer Wort brechen?"
"Nicht im geringsten. Ihr habt freies Geleit - bis zur Grenze. Doch dort stehen meine Ritter und warten schon darauf Euch zu verfolgen."
Der Graf schluckte und konnte nur mühsam seinen Zorn unterdrücken. "Ihr wollt mich zum Abdanken zwingen? Ihr seid schlimmer als ein Dieb der Landstraße", sagte er entmutigt und sank auf die Knie.
"Irrtum. Der Dieb würde Euch kaum schonen. Ihr werdet von mir einen Sitz zugewiesen bekommen, der Eurer Herkunft würdig ist. Ihr werdet auch Euren Titel behalten. Doch Ihr werdet keine Entscheidung ohne meine Einwilligung treffen. Euer Land steht von nun an unter meiner Verwaltung. Und um diesen Bund zu besiegeln schlage ich vor, dass Eure Tochter eines Tages zur Gemahlin meines Sohnes Gottfried gemacht wird. Doch darüber werden wir noch getrennt verhandeln. Dies ist nicht der geeigneteste Zeitpunkt für Heiratspläne. Ihr dürft Euch zurück ziehen."
Gedemütigt und niedergeschlagen verließ Conan IV. den Saal und die Stadt. Fast schien es so als sei der Herr dem jungen englischen König geneigt. Doch als Heinrich im Herbst wieder mit Eleonore in Poitiers zusammen traf, traf er auf eine erboste Königin. Eleonore hatte erst von dem Feldzug ins Limousin nach dem Sturm der Burg erfahren. Das Limousin gehörte zu ihrem Herzogtum und sie fürchtete, dass der Feldzug, sowie das harte Vorgehen dem König mehr Schaden zufügte, als nutzte. Sie kannte die Skepsis der Aquitanier gegenüber den Normannen und fürchtete, dass Heinrichs Ruf und Ansehen Risse bekommen hatte. Außerdem fühlte sie sich hintergangen. Noch immer betrachtete sie Aquitanien als ihr Reich. Der Streit, der nun zwischen dem König und der Königin schwelte, geriet durch die Geburt eines vierten Sohnes am 23. September in den Hintergrund, wenngleich nicht in Vergessenheit.
In Gedenken an Heinrichs Vater und Bruder wurde dieser auf den Namen Gottfried getauft. Es ging das Gerücht um, dass Ludwig, als er die Kunde vernahm, einen ungewöhnlichen Wutanfall bekam und im Anschluß daran in tiefe Depressionen fiel.

Kapitel 16

Cherbourg, 1159

Man verbrachte Weihnachten 1158 in Cherbourg . Es war ein friedvolles Fest am Hofe und schloß ein erfolgreiches Jahr ab. Die "Kaiserin" war ebenso anwesend gewesen wie Thomas Becket, der die Tage genutzt hatte, um Heinrich den Jüngeren und Gottfried, den Bastardsohn des Königs, in die ersten Lektionen der Philosophie und Rhetorik zu unterweisen. Ihm fiel auf, daß Eleonore dies mit Argusaugen verfolgte und sich beinahe umso rührender um ihre Söhne Richard und Gottfried kümmerte.
Heinrich war in gelöster Stimmung. Er verbrachte viel Zeit mit seinem geliebten Kanzler, den er wie einen Bruder ins Herz geschlossen hatte. Eines Abends - während der Feiertage - saßen Heinrich und Becket alleine vor dem Kamin in Heinrichs Privatgemach, in dem ein wärmendes Feuer brannte.
Zu ihren Füßen lagen die Jagdhunde, die vor sich hindösten. Heinrich und Becket tranken gemeinsam - was selten genug vorkam - einen Humpen Wein und unterhielten sich in entspannter Atmosphäre. Eleonore und die "Kaiserin" waren in der Großen Halle und stickten. Eine Tätigkeit, die Eleonore im Allgemeinen hasste, aber an diesem Tag ungemein entspannend war.
"Sagt, Becket. Seid Ihr noch wütend auf mich, weil ich einst Eure Keuschheit auf die Probe stellte?" fragte der König und musterte seinen Kanzler.
Dieser lächelte sanft. Er wußte worauf Heinrich anspielte. Im Frühjahr des vergangene Jahres hatten sie in Stafford im Haus eines Geistlichen namens Vivianus genächtigt. Heinrich hatte die schöne Avice aufgesucht und seine vom Frühling getriebene Lust in den Lenden befriedigt, was er immer tat, wenn er in der Nähe war. Avice von Stafford war eine Frau, deren Schönheit in der ganzen Region bekannt war. Gleiches galt aber auch für ihre Willigkeit.
Tagsüber arbeitete sie und abends spreizte sie die Beine für einige zahlungskräftige Gäste eines nahe gelegenen Gasthauses, um sich ein Zubrot zu verdienen.
An diesem Frühlingsabend hatte einer der Ritter aus Heinrichs Gefolge die Idee, Beckets Keuschheit auf die Probe zu stellen. Von der Idee begeistert, befahl Heinrich Avice, sie solle in die Kammer des Kanzlers schleichen und ihn verführen. Avice war außerordentlich schön und bislang hatte sich noch kein Mann gefunden, der ihren Reizen widerstehen konnte.
Als Vivianus erkannte, wen der König in die Kammer des Kanzlers einschleuste, war er entsetzt. Doch als er am nächsten Morgen die Kammer betrat um beide zu wecken, stellte er fest, dass der Kanzler vor dem Bett lag.
Avice berichtete dem König - ein wenig säuerlich darüber, dass es tatsächlich jemanden gab, der ihr widerstehen konnte - dass Becket unmittelbar nach dem Gebet eingeschlaf en sei. Er sei todmüde einfach nur noch zur Seite gekippt.
Becket selbst tat so, als sei er dem König nicht böse. Doch einige Tage hatte der Kanzler sich wortkarg gezeigt.
"Nein, mein König. Mich verwundert allerdings noch heute, dass Ihr je Zweifel an meiner Keuschheit hattet."
"Ich möchte mich bei Euch entschuldigen", gab der König zurück.
Becket winkte ab. Heinrich seufzte kurz auf und setzte sich in seinem Stuhl aufrecht. "Becket, ich wünsche, dass Ihr nach Weihnachten nach England zurückkehrt. Ich brauche Euch dort. Die Königin und ich werden uns um Aquitanien kümmern. Eleonore ist in Schwierigkeiten. Der Graf von Toulouse begehrt auf."
Becket nickte verständnisvoll und meinte: "Was bei den Grafen von Toulouse Tradition hat."
"Leider habt Ihr da recht, Becket", gab der König seufzend zurück, "und leider ist Graf Raimund V. keine zu unterschätzende Macht. Ich möchte, dass Ihr in England Gelder und Soldaten für einen Feldzug nach Toulouse aushebt. Und fordert auch von König Malcolm aus Schottland seine Vasallenpflicht ein."
"Der Graf von Toulouse ist Vasall des französischen Königs und steht damit unter seinem Schutz", gab Becket zu Bedenken, "außerdem wird ein Feldzug gegen den Grafen nur eine kurzfristige Lösung sein."
"Ihr habt recht, Becket. Genau aus diesem Grund habe ich ein Heiratsangebot an den König von Aragon und Graf von Barcelona, Raimund Berengar IV., gemacht. Richard soll eines Tages dessen Tochter heiraten."
"Aber Richard ist doch noch ein Kleinkind", meinte Becket verwundert.
"Ja, aber der Graf von Toulouse und der König von Aragon sind Todfeinde. Nur durch ein Bündnis mit dem König von Aragon kann ich Toulouse im Zaum halten."
"Ein kluger Plan", gab Becket zu, "der König von Aragon dürfte der Letzte sein, der sich einem solchen Plan widersetzt. Ihr habt damit vollkommen recht. Das könnte klappen."
Heinrich lächelte. "Danke der Ehre, aber der Plan stammt aus dem Kopf meiner klugen Gemahlin."
"Zweifelsohne steckt dahinter die Erfahrung einer Königin", meinte Becket spöttisch.
Heinrich bemerkte den Unterton, ging jedoch darauf nicht ein. Becket spielte auf die Ehen der Königin an. Schließlich war sie zum zweiten mal Königin, und dürfte daher an genügend Einsicht in die politischen Vorgänge in Europa genossen haben.
"Möge es nicht mit Euren Vorstellungen und der des Paulus - nach dessen Lehren Ihr erzogen wurdet – übereinstimmen, so nehmt doch zur Kenntnis, dass ich den Ratschlag der Königin durchaus zu schätzen weiß."
Mit diesen Worten leerte Heinrich seinen Becher und erhob sich. Becket verstand und erhob sich ebenfalls und wünschte dem König noch eine gute Nacht. Heinrich verharrte eine Weile unschlüssig, ob er Eleonore in ihrem Gemach noch aufsuchen sollte. Er begehrte sie, aber sie würde ihn auf die Feiertage hinweisen und sich sträuben.

Blaye, Winter 1159

In dem kleinen Städtchen Blaye, nördlich von Bordeaux, trafen Heinrich und Eleonore mit dem König von Aragon, Raimund Berengar IV., zusammen. Es bedurfte keine großen Überredungskünste den aragonesischen König zu einem Bund zu überreden, der mit der Verlobung der Königskinder Richard und Berengaria, besiegelt werden sollte.
Heinrich wies - seinen nach England zurückgekehrten Kanzler an - ein möglichst großes Heer aufzustellen. Zur Finanzierung legte Heinrich ein Schildgeld von zwei Mark pro Ritterlehen fest.
Eleonore setzte ihren ganzen Charme gegenüber König Raimund Berengar ein. Obwohl schon Ende
dreißig war sie immer noch eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Im Gegenteil: Ihre Reife schien sie noch begehrenswerter zu machen.
Heinrich sah den Liebeleien der beiden zunächst belustigt zu, doch schließlich wurde es ihm zu bunt und er bat Eleonore eines Abends in sein Gemach.
An seinem finsteren Gesichtsausdruck konnte sie sehen, dass er in denkbar schlechter Stimmung war.
"Du wolltest mich sprechen?" fragte sie betont unschuldig.
"Ja, mir scheint, die Tändeleien mit dem König von Aragon gehen über das notwendige Maß hinaus", kam Heinrich sofort auf das Thema zu sprechen.
Eleonore hob die Augenbrauen und setzte Ihr süßestes Lächeln auf. "Bist Du etwa eifersüchtig?" fragte sie und wandte sich ihm ab und betrachtete sich im Spiegel.
Heinrichs Augen funkelten vor Zorn. "Du vergißt offenbar, dass Du vor Gott einen Eid geschworen hast."
Eleonore wirbelte herum. Ihre Gesichtszüge hatten sich verhärtet. "Wie Du auch, mein Lieber. Aber das scheinst Du öfters zu vergessen. Solange es geschieht, wenn ich nicht in Deiner Nähe bin, kann ich damit leben. Wenn Du Dich jedoch wie in Poitiers, vor allen Augen mit dieser Tochter eines verarmten bretonischen Ritters davonmachst, dann werde ich damit nicht leben, als sei nichts geschehen", fauchte sie ihn an.
Heinrich biß die Zähne zusammen. Das war es also! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie kein Wort darüber verloren. Es war vor mehreren Tagen in Poitiers gewesen. Es hatte ein Bankett gegeben und Heinrich hatte zuviel getrunken. Irgendwann war ihm dieses blonde Mädchen aufgefallen. Er wußte nicht einmal ihren Namen. Aber sie hatte ihm gefallen und die Aufführungen der von Eleonore so geliebten Troubardoure langweilten ihn. Wie es soweit gekommen war, wußte Heinrich auch nicht mehr so genau. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er beobachtet, dass sie mit ein paar anderen jngen Mädchenaufgestanden war, um an die frische Luft zu gehen. Und er war ihnen gefolgt. Dabei hatte er sich nicht einmal Mühe gegeben dies zu verbergen. Nahe dem Pferdestall sprach er sie an und kurze Zeit später wälzte er sich mit ihr im Stroh, nachdem die anderen Mädchen sich sofort zurück gezogen hatten, als Heinrich sie ansprach. Als er dann wieder in den Saal zurückkehrte, fiel jedem sofort auf, dass Heinrich, als auch das Mädchen noch etwas Stroh im Haar hatten.
Die Stimme von Eleonore holte ihn in die Realität zurück.
"Oder willst Du behaupten, dass diplomatische Gründe Dich zu diesem außerehelichen Beischlaf genötigt haben?"
Heinrich sah sie wütend an. Doch plötzlich begann er lauthals zu lachen. Er wollte es nicht, doch er konnte nicht anders.
Etwas verstört sah sie ihn an. "Darf man fragen, was Dich so belustigt?"
Er hustete und fing sich dann wieder.
"Eleonore, Eleonore. Du bist ein Teufelsweib. Du würdest Dich wegen Deines verletzten Stolzes in die Arme irgendeines Liebhabers werfen, nicht wahr?" meinte Heinrich, "Und sei er noch so häßlich. Die Hauptsache wäre, Du würdest mich treffen. Und weißt Du was? Du würdest mich treffen, weil ich Dich so verdammt liebe."
Eleonore lächelte liebreizend und trat zu ihm und gab ihm einen Kuß. Dann wandte sie sich zum gehen. Kurz vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. "Ja, Du hast recht. Aber dummerweise hast Du nicht einmal gemerkt, dass einer Deiner Lehnsleute mich mindestens genauso sehr befriedigt hat, wie Du es tust. Ich wünsche Dir eine gute Nacht, Liebster. Du versteht es sicher, wenn ich heute alleine schlafen möchte."
Damit ging sie und ließ einen völlig verblüfften Gemahl zurück, der die nächsten Tage alles unternahm um den Namen des Lehensmannes zu erfahren, mit dem Eleonore ihn betrogen hatte.
Mehrere Tage gingen sich Heinrich und Eleonore aus dem Weg. Schließlich kam er zähneknirschend in ihr Gemach und entschuldigte sich demütig. Er versprach in Zukunft keine andere Frau mehr zu nehmen außer sie.
Sie wußte zwar, dass er dieses Versprechen nie einhalten würde oder konnte, aber sie gelangte zu der Überzeugung, daß, wenn sie in seiner Nähe war, sie nie wieder so demütigen würde, und versöhnte sich wieder mit ihm.

Toulouse im Juli 1159

Die Sonne verwandelte das südliche Frankreich in ein Hitzemeer, welches den Rittern und Söldnern des englischen Heeres dem höllischen Fegefeuer erschien. Heinrich saß in seinem Zelt von Heerführern umringt, hinter einem schweren Eichentisch. Trotz der Hitze hatte er sich die volle Rüstung anlegen lassen. Auch die Heerführer, sein Kanzler und der an diesem Feldzug teilnehmende schottische König Malcolm IV. waren in voller Rüstung. Nur Eleonore hatte sich luftige Gewänder übergeworfen und stand an der Seite ihres Gemahls.
Die Lage spitzte sich zu. Im Mai hatte Heinrich den französischen König unterrichtet, dass er einen Feldzug gegen den Grafen von Toulouse unternehmen werde. Heinrich war deswegen persönlich mit Ludwig VII. in Heudicourt und Tours zusammengetroffen. Da der Graf seine Frau schwer mißhandelte, und diese eine leibliche Schwester des französischen Königs war, nahm Heinrich an, die Zustimmung zu diesem Feldzug zu erhalten, sei ein leichtes. Außerdem konnte Ludwig den Grafen von Toulouse nicht ausstehen. Doch völlig überraschend hatte ihm Ludwig bei beiden Treffen erklärt, dass er ihm, Heinrich, es verbiete, gegen den Grafen zu Felde zu ziehen.
"Er ist zwar ein unausstehlicher Mensch und behandelt meine Schwester schlecht, aber er ist ein Vasall des französischen Königs. Und als solcher, ist es meine Pflicht und sein Recht, dass ich ihn vor Angreifern schütze."
Heinrich hatte wutentbrannt den Ort verlassen und bei seiner Rückkehr nach Poitiers einen seiner gefürchteten Anfälle bekommen.
Doch Becket war bereits mit siebenhundert Rittern und einer großen Anzahl brabantischen Söldnern vor Poitiers erschienen. Da die Vasallen nur für vierzig Tage im Jahr dem König Waffendienst leisten mußten, drängte Becket auf schnellen Aufbruch.
"König Malcolm von Schottland ist persönlich zu diesem Feldzug erschienen", hatte Becket den König gedrängt, "welchen Eindruck nimmt er von Euch mit, wenn Ihr zaudert. Damit bringt Ihr Euer Reich an der Nordgrenze in Gefahr. Sollen die Schotten von Euch denken, dass Ihr zu schwach seid,
einen Grafen in die Knie zu zwingen? Wie wollt Ihr dann ein ganzes Volk unter Euer Regiment bringen?"
Eleonore hatte den Kanzler nach besten Kräften unterstützt. Selten waren sich Becket und Eleonore einer Meinung, aber in dieser Sache dachten beide das gleiche. Eleonore wies darauf hin, dass auch der Graf von Barcelona Truppen aushob und beabsichtige es nach Toulouse zu senden.
Endlich brach das Heer am 24. Juni von Poitiers aus auf. Aber es kam nur unendlich langsam voran. Schließlich kamen sie vor die Tore von Toulouse. Als sie angekommen waren, mußte Heinrich mit Entsetzen erkennen, dass Ludwig VII. persönlich dem Grafen von Toulouse mit einem Aufgebot zu Hilfe gekommen war. In Sichtweite der Stadt stellten sie das Lager auf. Zwar beobachteten sie sorgsam, wer aus der Stadt ein und aus ging, aber die Truppen Heinrichs unterbanden nicht den Verkehr. Raimund von Toulouse spürte, dass Heinrich zögerte und ließ auch die Stadttore geöffnet. Auf diese Weise zeigte er seine Verachtung und Hohn. Nur in der Nacht ließ er sie schließen.
"Ludwig hat um ein Treffen mit mir ersucht", erläuterte Heinrich den in seinem Zelt versammelten Heerführern die Lage.
Sie hielten die Luft an.
Becket befürchtete gar Schlimmes. "Mein König, Ludwig wird nur seine Worte von Heudicourt wiederholen", warf Becket ein, "Ihr verschwendet nur Eure Zeit."
Heinrich sah Becket ins Gesicht. "Meine Ansprüche auf Toulouse stehen auf wackligen Beinen. Nur weil der Großvater von Eleonore Philippa von Toulouse geheiratet hatte, habe ich Anspruch auf Toulouse. Gleiches gilt für meine Gemahlin."
Eleonore konterte kühl: "Als Ludwig noch mit mir vermählt war, genügte ihm das seinerseits um Ansprüche auf Toulouse zu erheben. Die Grafschaft gehört zu Aquitanien. Und ich stimme dem Kanzler zu. Stürmt die Stadt."
"Das ändert nichts an der Tatsache, dass Ludwig mir den Angriff auf Toulouse untersagt hat", knurrte Heinrich mißmutig.
"Der französische König ist nur mit einem kleinen Aufgebot erschienen. Das Umland von Toulouse ist unter unserer Kontrolle, und alleine kann der Graf die Stadt nicht lange halten. Wir sind ihm militärisch weit überlegen", versuchte Becket den König umzustimmen.
Doch dieser winkte ab. "Die vierzig Tage Waffendienst meiner Vasallen laufen aus. Die ersten bereiten sich auf den Rückweg vor. In wenigen Tagen ist mein Heer nur noch halb so groß. Und vergeßt nicht, welch ein Beispiel gebe ich auf meine Vasallen ab, wenn ich meinem Lehnsherrn nicht gehorche? Aufruhr und Revolte wären die Folge. Ich könnte mein Reich kaum noch unter Kontrolle halten. Ein jeder Baron, den ich mühselig unterworfen habe, stünde wieder eine Gefahr dar. Lohnt sich der Preis dafür? Für Toulouse?"
Malcolm IV. von Schottland wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Noch ist es nicht zu spät für eine Belagerung oder Angriff. Wir haben ein großes Heer. Bis der Waffendienst Eurer Vasallen ausläuft könntet Ihr Toulouse bereits in Euren Händen haben. Raimund scheint jedenfalls keine allzu starken Befestigungen vorgenommen zu haben. Er rechnet offenbar nicht mit einem Angriff. Das ist unsere Chance."
"Eine solche Gelegenheit bietet sich vielleicht nie wieder. Man sollte zugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet", beharrte Becket und stimmte dem schottischen König zu.
"Thomas", seufzte Heinrich und schüttelte den Kopf, "Ihr habt mir hervorragende Dienste geleistet. Eure Ratschläge waren klug, wohlüberlegt und sehr nützlich für meine Politik. Ihr habt diesen Feldzug in grandioser Form ins Leben gerufen. Nur selten sah ich einen Mann mit so viel Energie und Kraft im Felde. Aber ich fürchte, diesesmal liegt Ihr falsch. Wenn ich dem Befehl des Königs von Frankreich mißachte, wären die Folgen verheerend." Und bevor jemand einen Einspruch erheben konnte, erhob er sich und erklärte: "Ich werde mit Ludwig zusammentreffen. Wir werden aber zuvor dem König und dem Grafen eine Waffenschau bieten. Lasst alle Männer und Knappen in voller Rüstung Aufstellung nehmen. Vielleicht beeindrucken wir Ludwig und Raimund so stark, dass sie aufgeben. Bleibt er bei seiner Meinung werden wir den Feldzug abbrechen."
Damit war die Versammlung beendet und die Heerführer traten kopfschüttelnd und mißmutig aus dem Zelt.
"Wie oft hat er seinen Lehnsherrn auf der Nase herumgetanzt? Er hat ihm oft genug seinen Willen aufgezwungen. Wieso auf einmal zaudert er?" fragte König Malcolm von Schottland verdrießlich. Er sah Thomas Becket an, der seinen Helm unter dem Arm trug, und meinte weiter: "Es ist angesichts dieser Umstände kaum zu glauben, dass in des Königs Adern normannisches Blut fließt."
Becket sah ihn bloß an und zuckte mit den Achseln. Er mußte ihm eine Antwort schuldig bleiben.
Er stapfte in sein Zelt und befahl seinem Knappen ihm die Rüstung abzunehmen. Kaum hatte er sie abgelegt und sich mit ein wenig frischem Wasser erfrischt, bat Königin Eleonore eintreten zu dürfen.
Er war überrascht und runzelte die Stirn. Schließlich nickte er und machte eine einladende Handbewegung.
"Nehmt Platz, meine Königin."
Sie dankte ihm und setzte sich. Fragend sah sie ihn an. "Becket, Ihr wißt, dass meine Sympathie Euch gegenüber sehr eingeschränkt ist", sagte sie, "aber Ihr wißt ebenso gut wie ich, dass der König einen Fehler, einen sehr großen Fehler, macht."
Becket hatte sich ihr gegenüber gesetzt und zeigte keinerlei Reaktion.
Sie seufzte. "Ihr wißt, dass die Ansprüche des Herzogtums Aquitanien auf Toulouse durchaus berechtigt sind. Ich bitte Euch daher, redet mit Heinrich noch einmal. Ich weiß, ich verlange viel von Euch. Aber wenn dieser Feldzug ergebnislos endet, ist das eine politische Niederlage, deren Tragweite Heinrich offenbar noch nicht bewußt ist. Die Zeit drängt. Bald ist der letzte Vasall von uns gegangen, weil seine vierzig Tage vorbei sind."
Becket musterte Eleonore. Zwar konnten sie sich gegeneinander kaum ausstehen, aber trotzdem hatte Becket in diesem Moment Mitleid mit ihr.
"Aber Ihr habt doch gesehen, wie er auf meine Worte reagiert hat", warf Becket sanft ein.
"Das war vor den versammelten Heerführern. Doch wenn Ihr mit ihm unter vier Augen redet, dann ist es Euch sicherlich leichter möglich, Ihn zu überstimmen."
"Er hört doch auch auf Euch, oder nicht?"
Sie lief rot an. "Heinrich vertritt die Auffassung, dass ich alles tun würde um Toulouse ins Herzogtum Aquitanien zuzuführen. Dies würde mich blenden von jeglichem Verstand."
Becket fragte sich, ob dies nicht auch der Tatsache entsprach, beschloß aber lieber zu schweigen. "Ich stimme Euch zu, dass er mit einem ergebnislosen Feldzug eine schwere politische Niederlage bezieht. Aus diesem Grunde will ich nochmals mit ihm sprechen. Allerdings erst nach seinem Zusammentreffen mit Ludwig. Doch ich glaube nicht, dass er seine Meinung ändern wird."
Eleonore erhob sich. "Ich danke Euch vielmals. Ihr sollt es nicht bereuen und ich stehe in Eurer Schuld."
Sie verließ das Zelt und verschwand.
Becket trat vor das Zelt und ließ seine Blicke durch das Lager schweifen. Die meisten Soldaten und Knappen waren vor der Hitze in den Schatten geflüchtet. Ein paar Dirnen hatten in Sichtweite vom Lager ihr Quartier bezogen, doch wegen der Hitze, war es auch da ruhig. Dann wanderte sein Blick zu den Mauern von Toulouse. Schließlich seufzte er und zuckte mit den Achseln und beschloß sich ein wenig auszuruhen.
Zwei Stunden später hielt Heinrich seine Waffenschau ab. Er ließ die Truppen antreten, wohlwissend, dass er von den Mauern von Toulouse beobachtet werden würde. Heinrich befahl Malcolm von Schottland zu sich und schlug diesen zum Ritter. Der Ritterschlag durch den Lehensherrn besaß symbolischen Charakter. Heinrich wollte damit Entschlossenheit demonstrieren. Dann erklärte er die Waffenschau für beendet und begab sich zum vereinbarten Treffpunkt vor den Mauern der Stadt.
Die Sonne stand schon tief als Raimund von Toulouse an der Seite von König Ludwig mit Heinrich und seinem Gefolge zusammen traf. Sie blieben zu Pferde sitzen und Ludwig musterte seinen Vasallen.
"Ihr habt mich nicht mit der Waffenschau beeindrucken können. Ich fordere Euch auf, die Belagerung - wenn man sie als solches bezeichnen kann - abzubrechen und abzuziehen"" rief Ludwig aus.
"Und ich fordere Euch auf, die Stadt zu verlassen. Wir sind aus demselben Grund hier, weshalb Ihr einst vor den Toren dieser Stadt gestanden seid."
"Ihr verkennt die Lage, Heinrich. Der Graf von Toulouse ist Vasall des Königs von Frankreich. Einst war ich hier als Lehnsherrn gegen einen aufsässigen Vasall in diesen Landen. Heute gehe ich der Pflicht als Lehnsherr nach und beschütze meinen Vasallen."
"Soll das heißen, Ihr werdet gegen mich kämpfen?" fragte Heinrich wütend.
"Genau das soll es heißen. Ihr provoziert einen Krieg zwischen England und Frankreich. Doch Eure politische Situation ist aussichtslos. Dem Kaiser und dem Papst bliebe nichts anderes übrig als zu Frankreich zu halten. Selbst militärisch wäre auf Dauer ein Konflikt unserer Kronen für Euch ein hohes Risiko."
"Eure Worte genügen mir", gab Heinrich wütend zurück, "jedes weitere Wort wäre überflüssig."
Heinrich wendete mit seinem Pferd und preschte davon.
Im Lager stieg er vom Pferd und eilte mit einem grimmigen Gesicht in sein Zelt. Jeder wußte, was dies bedeutete. Heinrich hatte sich gegen den vermeintlich schwachen Ludwig nicht durchsetzen können. Dies kam dem stolzen Angeviner einer Demütigung gleich.
"Was gedenkst Du jetzt zu tun?" wollte Eleonore wissen. "Er hat Dich und die Krone von England gedemütigt und lächerlich gemacht."
"Schweig´", rief Heinrich wütend aus, "nicht Ludwig hat die Krone Englands gedemütigt, sondern wir selbst."
"Ihr solltet nicht so ein hartes Uteil über Euch fällen", meinte Becket beschwichtigend. Er dachte an das Versprechen, dass er Eleonore gegeben hatte. Doch er sah keine Möglichkeit den König umzustimmen. Trotzdem versuchte er es noch einmal.
"Becket, seht Euch doch einmal um", giftete Heinrich, "das Heer löst sich auf. Ihr wißt so gut wie ich, dass ich die Schlacht verloren habe, ohne einen Schwertstreich zu führen." Dann, nach einer längeren Pause, fügte er leise, kaum hörbar, hinzu: "Ich habe Ludwig unterschätzt. Das war nicht der leicht zu gängelnde und ohne Selbstvertrauen ausgestattete Ludwig, von dem Eleonore immer erzählt hat. Nein, er hat sich als wahrer König erwiesen."
Aus den Worten sprach bittere Enttäuschung. Ein langes und betretenes Schweigen entstand. Schließlich gab Heinrich den Befehl, dass man ihn alleine lassen soll. Man sah die ganze Nacht Kerzen im Zelt des Königs brennen. Irgendwann in der Nacht traf ein Reiter im Lager ein und verlangte sofort zum König vorgelassen zu werden.
Becket hatte von alledem nichts mitbekommen. Er fühlte sich mitverantwortlich für die Situation und übte Buße und geißelte sich in seinem Zelt.
Am nächsten Tag rief Heinrich seine Heerführer zu sich ins Zelt. Dort eröffnete er ihnen, dass die Belagerung aufgehoben werde und man zum Rückmarsch sammeln sollte. "Robert de Dreux, der Bruder des französischen Königs ist in der Normandie eingefallen. Ich nehme an, dass dies auf ausdrücklichen Befehl des Königs geschah. Wir werden schnellstmöglich nach Norden marschieren. Das wäre alles."
Die Heerführer schickten sich an das Zelt zu verlassen. Auch Becket wandte sich zum gehen ab. Doch Heinrich rief ihn zurück. "Becket, ich habe hier eine der schlimmsten Demütigungen und Niederlagen meines Lebens hinnehmen müssen. Doch Ihr solltet eines wissen: Ich werde allen zeigen, dass dies nur eine verlorene Schlacht im Krieg war. Den Krieg werde ich gewinnen."
Becket war leicht verwirrt. "Verzeiht, ich verstehe nicht ganz."
"Ihr werdet Euch sofort nach Cahors begeben. Ihr wißt, dass Cahors zum Gebiet des Grafen von Toulouse gehört. Man hat mir berichtet, dass es nur schwach besetzt sei. Raimund hat alle Vasallen zu sich berufen als er hörte, dass wir anmarschieren. Nun, Ihr werdet ihm zeigen, dass dies ein Fehler war. Besetzt Cahors und sichert es für uns. Verstärkt notfalls die Mauern und lasst eine starke Besatzung zurück. Wenn Cahors uns gehört, dann kann Ludwig nicht mehr nach Paris zurück ohne unser Land zu durchqueren. Das wird eine noch größere Demütigung für ihn."
"Aber nur wenn es Euch gelingt, den Bruder des Königs zurück zu schlagen", wandte Becket ein.
"Bei Gott Becket, das werde ich. Verlaßt Euch darauf", erwiderte Heinrich grimmig und nahm einen kräftigen Schluck Wein. "Laßt uns aus diesem verfluchten Land so schnell wie möglich verschwinden. Ich kann es nicht mehr sehen", stieß er aus und verließ das Zelt.
Becket führte seine Truppen vor Cahors, dass wirklich nur schwach besetzt war. Angesichts der Übermacht wurde ihm die Burg kampflos übergeben.
Heinrich eilte mit seinem verbliebenen Heer schnellstmöglich nach Norden. Heinrich gewann in der Normandie seinen alten militärischen Elan wieder und schlug das Heer von Robert de Dreux zurück. Doch damit nicht genug. Er fiel ins Beauvaisis ein und eroberte die Festung Gerberoy, zerstörte sie völlig, und zwang dem Grafen von Evreux ihm zu huldigen. Es schien so, als wolle Heinrich der Welt zeigen, dass Toulouse nur ein Ausrutscher war. Selten ging Heinrich gegen seine Gegner so hart vor, wie bei dem Feldzug gegen den Bruder des Königs. Heinrich kämpfte mit Becket, der später zu ihm gestoßen war, an vorderster Front. Und überall wo sie auftauchten verbreiteten sie Schrecken. Ludwig VII. war über den militärischen Gegenschlag, zu dem er Heinrich nicht mehr fähig gehalten hatte, erschrocken und bat um einen Waffenstillstand, als er merkte, dass Heinrich sich anschickte auch in die französische Krondomäne einzufallen.

Rom, September 1159

Am 01. September starb in Rom der englische Papst Hadrian IV. Die Wahl zu seinem Nachfolger gestaltete sich als äußerst schwierig.
Erst am 07. September wählte ein Teil der Kurie den als stauferfeindlich geltende Roland zum Papst. Er nannte sich fortan Alexander III..
Doch nicht alle Geistlichen der Kurie erkannten ihn als den neuen Papst an. Sie folgten damit den Willen des römischen Kaisers Friedrich Barbarossa, der, den vom anderen Teil der Kurie gewählten Kardinal Octavian Montecello, der sich Viktor IV. nannte, anerkannte. Damit unterlag die Heilige Kirche einem verhängnisvollen Schisma.
Heinrich II. sympathisierte mit dem Kaiser, der seine Krönung auf Gottes Willen zurückführte, während Alexander, die Kaiserkrone als päpstliches Lehen betrachtete. Heinrich folgte der Meinung des Kaisers. Würde er die päpstliche Autorität zur Verleihung der Königswürde anerkennen, hätte die Kirche eine geradezu imperiale Macht, die mit den römischen Cesaren und Augusten gleichkäme. Die Päpste könnten Könige ernennen und absetzen - ganz wie ihnen beliebt.
Doch Heinrich war klug genug, um sich aus dem Schisma herauszuhalten. Dies verlangte er auch von den Klöstern in seinem Reich.

Kapitel 17


Normandie, Sommer 1160

Einem milden Winter folgte ein regnerischer Frühling. Heinrich und Eleonore verbrachten die Monate des neuen Jahres in der Normandie. Eleonore war im Januar nach England übergesetzt, aber im Februar bereits wieder auf das Festland zurückgekehrt.
Obwohl der Feldzug nach Toulouse noch in schmerzlicher Erinnerung lag, hatte Heinrich seine alte Macht zurückgewonnen. Fast schien es so, als wäre diese auch zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen zu sein. Zu Pfingsten schlossen er und Ludwig einen Friedensvertrag. Darin sah man die Wiederherstellung der Verhältnisse vor dem Zwischenfall in Toulouse vor. Das bedeutete nichts anderes als die Herausgabe von eroberten Gebiet. Heinrich kam dieser Aufforderung nach.
Heinrich wusste seine Macht in der Normandie gesichert und wandte seine Aufmerksamkeit wieder England zu, blieb jedoch in der Normandie.
Mit Besorgnis stellte Theobald von Bec, Erzbischof von Canterbury, fest, dass der König zunehmend auf Konfrontationskurs mit der Kirche ging und drückte dies gegenüber Thomas Becket in zwei Briefen aus. Er sandte auch seinen Sekretär Johannes von Salisbury auf das Festland.
In der Tat schlichen sich alte normannische Gewohnheiten ein, mit denen Heinrich offen versuchte, Einfluß auf die Kirche zu nehmen. So versuchte er seinen Vertrauten Richard Fitzharding zum Bischof von Exeter wählen zu lassen, nachdem der Amtsvorgänger gestorben war. Das Kapitel wehrte sich dagegen. Es hielt den Archidiakon Bartholomäus für geeigneter. Theobald von Bec bat in den Briefen um die Vermittlung des Kanzlers. Und es gelang ihm tatsächlich den König zu überzeugen, dass der König keinen Einfluß auf die Wahl nahm. Doch es dauerte nicht lange, als das Verhältnis zwischen dem König und der Kirche erneut auf die Probe gestellt wurde. Anlaß war die Wahl des neuen Papstes in Rom.
Heinrich wünschte die Anerkennung von Papst Alexander III. durch den englischen Klerus, nachdem Heinrich erkannte, dass Friedrich I. mit seiner Unterstützung für den Gegenpapst ziemlich alleine und auf - wie Heinrich meinte - verlorenem Posten kämpfte. Alexander III. genoß einen großen Rückhalt beim Klerus und bei den Adelshäusern im Okzident. Theobald begrüßte den Willen des Königs und so wurde Papst Alexander von den englischen Bischöfen im Juni anerkannt. Heinrich befahl dem Klerus allerdings, dass die Verkündung dieses Beschlußes dem Papst in einem Dokument übermittelt wird, welches das königliche Siegel trägt. Auf diese Weise wollte Heinrich dem Papst zeigen, dass er ihn zwar anerkenne, die Macht in England aber er inne habe. Dies widersprach zwar dem geltenden Kirchenrecht, doch Heinrich hatte unmißverständlich klar gemacht, dass er ein Zuwider handeln als Verrat betrachte. Keiner der englischen Bischöfe hatte Zweifel, dass Heinrich in diesem Fall weitere Güter und Ländereien einziehen würde und den betreffenden Geistlichen - wenn nicht verjagen - so doch mißachten würde.
So sehr dies dem englischen Klerus mißfiel, so eingeschüchtert war er und überließ die Verkündung der Anerkennung dem König, welche der Klerus auf einem Konzil bestätigte.
Doch nur einen Monat später - im Juli - berieten auch die normannischen Bischöfe auf einem Konzil über die Anerkennung des Papstes. Und hier war es Hugo, der Erzbischof von Rouen, der den Vorsitz führte. Und Hugo war ein schlauer Fuchs. Er dachte offenbar nicht daran, sich vom König irgendwelche Fesseln auferlegen zu lassen.
Heinrich weilte im Juli immer noch in der Normandie und verbrachte mit Eleonore unbeschwerte Tage. Sie hatten sogar öfters Zeit miteinander auszureiten und ritten im Wettstreit miteinander die langen Sandstrände der Küste entlang. Nur selten begleitete Becket das Paar, war aber in ständiger Nähe. Inzwischen schien sich Eleonore an die Nähe des Kanzlers gewöhnt zu haben, obwohl sie sich bei der "Kaiserin" bitter über ihn beklagte. Sie machte ihn mitverantwortlich an dem gescheiterten Feldzug nach Toulouse.
Eines Tages, als Heinrich und Eleonore von einem Ritt am Strand zurückkehrten, überbrachte ein Bote eine Botschaft des Justitiars Richard de Lucé.
Heinrich überflog die Botschaft und sein Gesicht verfinsterte sich mit jeder Zeile, die er las.
"Schlechte Botschaften?" fragte Eleonore etwas nervös und zog sich den Umhang enger. Dienstboten führten die Pferde in die Ställe der Burg und beeilten sich aus der Reichweite des königlichen Zornes zu geraten.
Becket kannte die Botschaft bereits, die ihm der Bote mündlich mitgeteilt hatte. Er gab dem Boten einen Wink sich davon zu machen, was dieser sich nicht zweimal sagen ließ.
"Die normannischen Bischöfe haben gemäß dem Wunsch seiner Majestät die Wahl des Papstes auf einem Konzil zu Neufmarché anerkannt."
Eleonore sah zuerst Heinrich, dann wieder Becket fragend an. "Das ist doch eine gute Nachricht."
Heinrich sah sie finster an. "Ich hatte dem Erzbischof von Rouen unmißverständlich klar gemacht, dass die Anerkennung durch den Herzog der Normandie, also durch mich, verkündet werden würde. Nun überbringt man mir die Botschaft, dass man einen Boten mit der Bulle der Anerkennung nach Rom entsandt hat. Unterzeichnet hat diese Bulle der Archidiakon Gilles von Perch. Man hat sich meinem Befehl widersetzt. Man verteidigt dies mit dem Hinweis, dass man sich streng an das kirchliche Recht gehalten habe", rief Heinrich erbost aus. Er eilte in die Burg.
Eleonore verstand. Der Klerus machte dem König deutlich, dass er seine Freiheiten bewahrt sehen will. Jeglicher Versuch der Kirche Fesseln anzulegen wird zurück gewiesen. Eleonore und Becket waren dem König hinterher geeilt. Dieser tobte im Großen Saal und schmiß Tische und Bänke um.
"Das ist die Handschrift von Hugo, dem Erzbischof von Rouen", schimpfte Heinrich mißmutig und atmete tief und heftig durch. Heinrich kochte vor Wut. Plötzlich drehte er sich um und befahl Becket ein Schreiben aufzusetzen. "Ich dulde keine Einmischung in die weltliche Politik. Und solche Entscheidungen berühren die Politik des Reiches außerordentlich. Was bilden sich die normannischen Bischöfe ein? Wollen sie mich und meine Autorität herausfordern?" Dann hielt er plötzlich inne. "Nein", sagte er leise, "setzt kein Schreiben auf. Zerstört das Haus von diesem Archidiakon. Das wird Hugo eine Lehre sein!"
Becket erschrak. Eine solche Tat wäre äußerst unklug. Sie würde einen Streit vom Zaun brechen, der bislang unvergleichlich war und der den päpstlichen Zorn auf sich ziehen musste. Das könnte das Ende der erfolgreichen Politik der Plantagenets bedeuten. Geistesgegenwärtig trat Becket einen Schritt vor. "Mein König, das Haus, das Du zerstören willst, ist das Haus in dem ich heute Nacht nächtigen muss."
Heinrich sah ihn wütend an. Er sah seinem Kanzler in die Augen. Dieser hielt dem Blick stand. Becket hatte ihm nichts davon gesagt, dass er die Burg verlassen wollte.
Plötzlich sah er in Beckets Augen ein verräterisches Funkeln. Becket log ihn an. Der Grund war offensichtlich und nach kurzem Nachdenken atmete Heinrich tief aus und warf beide Arme in die Luft und rief: "Becket, Ihr seid kein menschliches Wesen! Ihr habt gewonnen. Verschont diesen Idioten von Archidiakon."
Becket atmete tief durch. Er hatte viel riskiert. Im war klar, dass Heinrich die Lüge durchschaut hatte, doch die verblüffende Antwort hatte seinen Verstand in sein Gehirn zurückgebracht.
Doch nur einen Tag später traf die Nachricht ein, dass auch der Bischof von Le Mans, Papst Alexander öffentlich anerkannt hatte. In einer Predigt hatte er dies von der Kanzel dem Volk verkündet. Diesmal gelang es dem Kanzler nicht, den Zorn des Königs zu besänftigen.
Becket saß gerade über mehrere Schriftrollen in seinem Arbeitszimmer, als Johannes von Salisbury mit entsetzten Gesichtsausdruck eintrat.
"Johannes, welch eine Überraschung!" rief Becket aus und erhob sich um seinem Freund entgegenzutreten. "Ausnahmsweise mal nicht in Rom? Aber was habt Ihr? Ist Euch nicht gut? Ihr seht aus, als hättet Ihr soeben den Teufel gesehen!"
Johannes von Salisbury schüttelte den Kopf und setzte sich unaufgefordert. "Ihr habt noch nicht davon gehört?"
"Was ist passiert?"
"Der Bischof von Le Mans hat Papst Alexander anerkannt."
Thomas Becket biß sich auf die Lippen. Er ahnte was kommen würde.
"Bewaffnete haben ihn aus dem Haus gejagt und ausgeplündert. Man hat sämtliche Pferde gestohlen. Man sagt, sie haben auf direkten Befehl des Königs gehandelt."
"Gibt es dafür Beweise?" wollte Becket wissen.
"Nein, aber es ist keinesfalls abwegig."
Johannes hatte recht. "Wenn Ihr keinen Beweis habt, dann wäre es besser, Ihr geht mit Eurer Zunge vorsichtiger um. Ihr wißt, dass der König nicht allzu viele Sympathien für Euch hegt", gab ihm Becket den wohlgemeinten Ratschlag.
"Das ist noch nicht alles", fuhr Johannes von Salisbury fort, "der König hat offenbar ein Dekret unterzeichnet, dass den Bischof in Verbannung schickt. Sein Haus ist zu zerstören."
Jetzt war Becket zutiefst entsetzt. Seine Gedanken wirbelten durch den Kopf. Er suchte nach einer Lösung. "Woher wißt Ihr das?"
"Richard de Lucé hat es mir auf dem Weg zu Euch erzählt. Man habe das Dekret soeben fertig ausgestellt und werde es mit einem Boten versenden."
"Ist der Bote bereits unterwegs mit dem Dekret?"
"Soweit ich weiß nicht."
"Weiß der König, dass Ihr hier seid?"
"Nein, ich denke nicht. Wie man mir am Tor sagte, habe er die Burg vor zwei Stunden verlassen. Nur die Königin sei hier. Aber sie empfängt Bittsteller."
Becket biß sich auf die Lippen. Er hatte vergessen, dass der König die Burg ohne Erklärung verlassen hatte. "Dann laßt uns schnell handeln", sagte Becket und sprang auf.
Er eilte in den Hof und erreichte den Boten gerade, als er aufsaß.
"Wie lange braucht Ihr nach Le Mans?" wollte Becket wissen und ergriff die Zügel.
"Zwei Tage", gab der Bote verwirrt zur Antwort.
"Gut", meinte der Kanzler und zückte ein Goldstück, "wenn Ihr den König vor einer Dummheit bewahren wollt, dann laßt Euch die doppelte Zeit. Das ist für Euch."
Der Bote nahm das Goldstück und nickte. Dann gab er dem Pferd die Sporen und verließ die Burg.
Becket atmete tief durch. Ihm blieben zwei Tage um den König zu überzeugen, dass er einen Fehler machen würde. Doch wo war er? Kaum hatte er sich diese Frage gestellt, da passierte eine Gruppe von Reitern das Tor. Sie waren staubbedeckt und Becket erkannte an der Spitze den König. Heinrich sprang ab und eilte in den Großen Saal. Becket wartete noch einige Minuten, dann folgte er ihm.
Er fand den König von zahlreichen Ratgebern umringt. Unter ihnen war auch sein bruder Wilhelm. Verzweifelt baten sie den König, das verhängnisvolle Dekret zurückzunehmen. Doch Heinrich war noch voller Zorn und blieb hart.
Als er Becket sah, machte er eine wegwerfende Handbewegung und schickte die Getreuen fort.
Becket erkannte sogleich, dass dies nicht der geeignete Moment war, Heinrich zur Rücknahme des
Dekrets aufzufordern. Becket versuchte das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen, was ihm schließlich auch gelang.
Als er den König wieder verließ, fand er Wilhelm vor seinem Gemächern wartend vor. Er bat ihn inbrünstig sich bei Heinrich für den Bischof von Le Mans einzusetzen. Er sagte ihm zu, dass er am folgenden Tag noch einmal mit dem König darüber reden würde.
Am nächsten Tag ritten Heinrich und Becket am frühen Morgen gemeinsam aus und der Kanzler sprach das Thema an. Es gelang ihm, Heinrich zu überreden, das Dekret zurückzunehmen.
"Ich fürchte allerdings, dass es dazu zu spät ist, mein lieber Thomas", sagte Heinrich betrübt und sah dem Kanzler in die Augen, "der Bote müßte bereits angekommen sein."
Sie ritten durch ein Wäldchen und näherten sich der Burg. "Nicht, wenn man den Boten bestochen hat, dass er vier Tage nach Le Mans benötigen soll", gab Becket zurück und grinste breit über das ganze Gesicht.
Heinrich sah ihn verblüfft an und zügelte sein Pferd. "Ihr habt.....was?"
"Ich hoffe, Ihr verzeiht mir mein König, aber ich hielt es für notwendig, Euren Boten zu bestechen."
Heinrich starrte ihn an und legte plötzlich den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los.
"Ihr seid ein Fuchs, Becket", sagte er, "dann wird es Zeit schleunigst einen Eilboten loszuschicken. Wie wäre es mit einem Wettstreit zur Burg?"
"Ganz wie Euch beliebt", rief Becket aus und gab seinem Pferd die Sporen. Im gestreckten Galopp jagten die beiden zur Burg. Sofort nach ihrer Ankunft, sandte Becket einen Eilboten los, dem es tatsächlich noch gelang, den ersten Boten einzuholen.

Herbst, 1160

Im Herbst gelangte die Nachricht an den Hof Heinrichs, der zu dieser Zeit in Poitiers weilte, dass Konstanze von Kastillien, die zweite Ehefrau Ludwigs VII., nach der Geburt einer weiteren Tochter im Kindbett verstorben war. Für alle völlig überraschend verheiratete sich Ludwig nur zwei Wochen später mit Adele von Champagne.
Diese Heirat erwies sich als Rückschag für die politischen Pläne des Hauses Anjou.
"Diese Heirat bindet das französische Königshaus an das Haus von Champagne-Blois. Nicht nur, dass er zwei Schwiegersöhne aus dieser Höllenbrut hat, nein, er heiratet in das Geschlecht hinein", grollte Heinrich als er die Nachricht bekam. Er griff sich einen Becher Wein und stürzte ihn hinunter.
Eleonore, die einige Schenkungen für mehrere Klöster vorbereitet hatte, sah bestürzt aus dem Fenster. Die hochgesteckten Ziele nach der Krone Frankreichs schienen auf einmal weit entfernt zu sein.
Thomas Becket, der dem jungen Heinrich und Gottfried das Schachspiel beigebracht hatte, erhob sich und gab den Jungen ein Zeichen, dass man die Partie später fortsetzen müsse.
Die "Kaiserin" Mathilde saß ihn ihrem schweren Stuhl und hatte die Augen geschlossen. Ein Außenstehender hätte annehmen können, dass sie schlief. Doch sie war hellwach. "Dies ist ein deutliches Zeichen von Ludwig", sagte sie, "er fürchtet das Haus Anjou. Also sucht er die politische und militärische Bindung zum Haus Champagne-Blois."
Eleonore, die besonders getroffen zu sein schien, stand auf und trat auf Heinrich zu. "Ludwig ist damit militärisch gestärkt. Was hat er vor?" fragte sie und ergriff beide Hände Heinrichs.
Heinrich sah ihr in die Augen und konnte darin lesen, was ihr durch den Kopf ging. "Das Vexin", flüsterte er heiser.
Eleonore nickte kaum merklich. "Ja, das Vexin", wiederholte sie laut.
"Heinrich der Jüngere und Margarete müssen getraut werden. Wir müssen uns das Vexin sichern, bevor es dem Hause Champagne-Blois in die Hände fällt", rief Heinrich aus und wirbelte herum und sah Becket fest in die Augen.

Becket hatte es geahnt und meldete Bedenken an: "Es steht unter der Verwaltung der Templer. Ich glaube nicht, dass das Haus Champagne-Blois einen kirchlichen Orden angreifen würde."
Eleonore wirbelte zu ihm herum und funkelte ihn zornig an. "Vielleicht ist ein Angriff nicht einmal notwendig", rief sie, "Ludwigs Verhältnis zu den Templern ist seit seinem Kreuzzug ausgezeichnet. Und Ludwig hat Papst Alexander den Rücken in seinem Kampf gegen den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa gestärkt. Dieser Papst wird Ludwig aus der Hand fressen. Und der Orden ist dem Papst unterstellt. Ludwig braucht nur ein paar Schenkungen auszusprechen und der Papst gibt ihm alles."
Becket mußte ihr zugestehen, dass sie recht hatte. "Aber es wäre eine ungeheure Provokation Ludwig gegenüber, die er sich nicht so leicht gefallen lassen dürfte", meinte Becket.
Richard Fitzgerald de Clare, der Graf von Pembroke, rief aus: "Sollte es zum Krieg kommen, dann werden wir ihm wie im letzten Jahr auf das Haupt schlagen."
Patrick, Graf von Salisbury, pflichtete ihm bei. "Wir brauchen Ludwig nicht zu fürchten."
Arnulf von Lisieux hob warnend den Zeigefinger: "Der Herr straft zuviel Hochmut. Vergeßt das nicht. Ihr, Graf von Pembroke, ward schon immer ein tapferer Normanne. Von Euren Kämpfen mit den Walisern sprechen alle in Ehrfurcht. Und Eure Anwesenheit bei Hofe ist immer gerne gesehen, wenngleich sie selten ist. Doch Kampfesmut alleine ist nicht immer für eine Entscheidung wichtig."
Heinrich gab ihm recht. "Das stimmt, aber Eleonore hat recht. Wir werden Heinrich mit Margarete vermählen. Wir dürfen kein Risiko eingehen. Das Vexin muß in die Normandie zurück. Und Ihr, Becket, werdet die päpstlichen Legaten um den Segen bitten. So, wie es mit dem französischen König ausgehandelt ist."
Heinrich atmete tief durch und sah seinen Kanzler eindringlich an. "Der Papst wird sie uns geben müssen. Schließlich wurde er auch von uns anerkannt."
Becket verbeugte sich leicht. "Ich werde sofort alles für meine Reise veranlassen", sagte er.
Heinrich winkte ab. "Nicht Ihr werdet reiten. Ich brauche Euch hier. Schickt einen vertrauenswürdigen Mann. Sendet Johannes von Salisbury. Aber Ihr setzt das notwendige Schreiben an die Legaten auf."
"Ich werde es sofort aufsetzen lassen", meinte Becket und empfahl sich.
Die päpstlichen Legaten Heinrich von Pisa und Wilhelm von Pavia wußten sehr wohl, daß ihre Zustimmung weitreichende politische Folgen haben würde, doch wie konnten sie dieser Vermählung entgegenwirken? Alexander III. brauchte die Unterstützung des englischen Königs ebenso sehr, wie die des französischen Königs.
Am 02. November wurde der fünfjährige Heinrich mit der zwei Jahre alten Margarete verheiratet. Sofort nach den Festlichkeiten führte Heinrich seine Truppen ins Vexin. Noch war kein Schnee gefallen und der Boden nicht gefroren. Graue Wolken und Nebel überzogen das Land. Es war kalt und es nieselte. Heinrich wußte das der Schlüssel zum Vexin die Festung Gisors war und begann sie sofort zu belagern. Die Tempelritter waren sichtlich überrrascht und versuchten erst gar nicht, eine Verteidigung aufzubauen. Als sie erkannten, dass der König von England sie belagerte, ritt eine Abordnung der Templer ins Lager des Königs.
Heinrich saß vor seinem Zelt und erwartete sie bereits. Vor ihm hatte man ein Kohlebecken aufgestellt, an dem er sich wärmen konnte. Trotz der schlechten Sicht hatte man die Abordnung schon beim Verlassen der Burg gesichtet. An der Spitze trug man das Banner des Ordens. Zufrieden bemerkte Becket, dass es nicht die Kriegsflagge war. Wie jeder Ritter waren auch der König und sein Kanzler in voller Rüstung. Becket fror darin und zog seinen Mantel enger.
Die Abordnung erreichte das Lager und näherte sich dem roten Zelt mit dem königlichen Wappen.
"Heinrich, König von England und Herzog der Normandie, Graf von Anjou. Ich grüße Euch", rief der Oberbefehlshaber der Templer aus und beugte das Knie.
Heinrich musterte ihn und sein Gefolge lange, ehe er sich aus seinem Sessel erhob und die Templer zur Übergabe der Burg aufforderte: "Ich fordere Euch auf meinen Besitz zu räumen und mir zu übergeben. Wie Ihr sicherlich gehört habt, sind mein Sohn und Prinzessin Margarete den Bund der Ehe eingegangen. Wie es einst niedergeschrieben wurde, geht das Vexin und all seine Burgen und Güter an die Krone von England über. Ich hoffe, dass Ihr diesen Vertrag kennt und die Burg und das Land räumt."
Der Templer hatte die Ironie, die in den Worten des Königs lag, nicht überhört, ging jedoch nicht
darauf ein.
"Es ist wahr, dass wir von der Vermählung gehört haben. Wir kennen die Verträge und werden die Burg und das Land räumen. Doch wir gehen nicht, ohne Euch einen Rat zu geben: Ihr habt die Prinzessin und den Prinzen ohne der Einwilligung Ludwigs vermählt. Der König von Frankreich wird sich das nicht gefallen lassen können. Wir werden das Land räumen, so wie es der Vertrag vorsieht. Doch Euer Handeln ist von Hochmut geprägt. Möge Gott Euch beschützen, denn so viel Hochmut kann tödlich sein!"
Heinrich erwiderte nichts. Er lief vor Zorn rot an, doch der Templer zeigte keine Furcht und hielt seinem Blick stand.
"Geht und räumt mein Land", raunte Heinrich wütend und deutete den Templern mit einem Kopfnicken, dass sie verschwinden sollten.
Da alles strikt nach den vertraglichen Vereinbarungen abgelaufen war, wurde die Festung Gisors von den Templern geräumt, so dass Heinrich das Vexin ohne einen Schwertstreich übernehmen konnte.
Als Ludwig VII. davon erfuhr, geriet er in Rage und ließ sich auf eine völlig sinnlose und aussichtslose militärische Konfrontation ein. Obwohl Theobald von Blois dem französischen König zu Hilfe eilte, gelang es Heinrich, Chaumont zu erobern und seine Stellung auszubauen. Ludwig war ohne genügende Vorbereitungen zu Felde gezogen und traf auf einen kampfstarken Gegner, den er nicht zu bezwingen vermochte. So geschah es, dass das Vexin wieder in fester Hand des Hauses Anjou kam.

Anfang 1161

Der Krieg um das Vexin hatte nur wenige Wochen angedauert. Dann war Ludwig gezwungen den Krieg zu beenden. Der Winter war ausgebrochen und Ludwig konnte nur auf geringe Vorräte für sein Heer zurück greifen. Außerdem waren die Normannen kampferprobt und seinen Rittern weit überlegen.
Der Winter war hart, kalt und lang. Und man sollte meinen, dass die Menschen nach so einem Winter den ersten warmen Tag im Jahr genießen sollten. Doch Becket wirkte lustlos und zerstreut bei der Jagd mit den Falken, was seinem König zunächst nicht auffiel, da er sich prächtiger Laune erfreute. Der erste warme Sonnentag des Jahres brachte die Schneedecke zum schmelzen und die Natur erwachte zum Leben.
Heinrich war gut gelaunt und freute sich wie ein kleiner Junge über die Jagderfolge seines Falken.
Heinrichs Söhne Heinrich der Jüngere und Gottfried, der Bastard, begleiteten sie auf der Jagd. Ihr Vater brachte ihnen den Umgang mit den Falken bei.
Als Becket seinen Falken nicht zurückrief, bemerkte der König, dass der Kanzler nicht bei der Sache war.
"Was ist mit Euch, Becket? Wollt Ihr Euren Falken nicht zurückholen?"
"Oh, entschuldigt mein König. Meine Gedanken waren nicht bei mir", antwortete Becket leicht verstört und rief seinen Falken zurück.
Heinrich lenkte sein Pferd an die Seite seines Kanzlers.
"Was beschäftigt Euch?" fragte der König und fügte hinzu: "Es wäre besser, Ihr sucht nicht nach Ausflüchten. Sagt mir die Wahrheit."
Becket vertraute den Falken dem jüngeren Heinrich an. "Achte gut auf ihn", rief Heinrich seinem Sohn zu und wies auf den Falken, "er ist ein edler Bursche."
"Wann bekomme ich einen Falken?" wollte der jüngere Heinrich wissen.
Sein Vater lachte. "Wenn Du alles über die Falken weißt, aber bis dahin dauert es noch eine Weile. Und jetzt bring den Falken zum Falkner."
Heinrich der Jüngere tat wie ihm befohlen wurde und lief davon.
Der König wandte sich seinem Kanzler zu. "Also ich höre", sagte er erwartungsvoll.
Becket seufzte und trat an die Kochstelle, wo über einem Feuer ein riesiger Kessel hing, in dem eine fettige Suppe gekocht wurde. Er nahm sich eine Schale und reichte sie Heinrich.
Dieser schüttelte ablehnend den Kopf. Also aß Becket die Suppe alleine.
"Der ehrwürdige Erzbischof von Canterbury, Theobald, hat mir geschrieben", sagte Becket.
Heinrich runzelte verärgert die Stirn. "Schon wieder?"
"Ja", gab Becket zurück, "er bittet mich nach England zu kommen. Er möchte von mir Abschied nehmen."
Heinrich winkte ab. "Becket, Ihr braucht nicht weiter zu reden. Hat er diesesmal Euch darum gebeten oder wie zuletzt befohlen?" Heinrich nahm nun doch auch eine Schale Suppe. "Nein, wie auch immer. Ich lasse Euch nicht gehen. Ich brauche Euch an meiner Seite. Ihr seid der Kanzler des Königs. Mein Kanzler. Es besteht immer noch die Gefahr für das Vexin. Ich weiß nicht, ob Ludwig schon aufgegeben hat."
Als Becket dazu nichts sagte fuhr Heinrich fort: "Ich weiß, dass der Erzbischof schon seit längerer Zeit schwer krank ist und Euch sehen möchte, aber Ihr seid des Kanzlers König und ich brauche Euch hier. Hier an meiner Seite." Damit war für Heinrich das Thema beendet.
Becket dagegen plagte das schlechte Gewissen. Doch er mußte seinem König gehorchen. Auch wenn es ihm schwer fiel. Noch einmal wanderten seine Gedanken zu dem letzten Brief des Erzbischofes zurück, in dem dieser Becket beinahe anflehte nach Canterbury zu kommen. Er wußte, dass nicht nur die zwischenmenschliche Beziehung eine Rolle bei der Bitte des Erzbischofes spielte, sondern auch die Angst um das Schicksal der heiligen Kirche in England. Zweifel und Ängste plagten den Erzbischof, der jahrelang den Plantagenet unterstützt hatte. Doch ihm war auch nicht entgangen, wie der König zunehmend Einfluß auf die Kirche nahm. Und das machte ihm, Theobald, große Sorgen. Die Kirche braucht einen Nachfolger, der Stark und Willens genug ist, die kirchliche Eigenständigkeit vor dem Zugriff der Krone zu bewahren. Dies war ja auch der Grund gewesen, weshalb der Erzbischof einst Becket als Kanzler empfahl. Doch hatte Becket in letzter Zeit nicht vergessen wo er herkam? Hatte er die königliche Politik nicht unterstützt oder gar gefördert? Theobald mußte mit ihm sprechen, damit er ihn zurückführen konnte. Zurück in den Schoß der Kirche. Becket war dies nur zu gut bewußt. Er fühlte sich, als stünde er zwischen zwei Welten. Doch wo gehörte er hin?
Am Abend sprach Heinrich mit Eleonore darüber, die erneut schwanger war. Eleonore bereitete sich auf ihre Abreise nach Poitiers vor. Dort wollte sie wenige Tage bleiben, ehe sie dann nach England zurückkehren würde. Heinrich selbst befand sich nun seit fast einem Jahr auf dem Festland und es schien so, als würde er noch eine ganze Weile dort festgehalten werden.
"Der Erzbischof drängt Becket, dass er ihn besuchen kommt", meinte Heinrich und fügte spöttisch hinzu, "er möchte von ihm Abschied nehmen."
Eleonore, die sich vor einem Spiegel kämmte, fragte: "Warum gewährst Du ihm den Wunsch nicht? Hat Theobald Dich nicht über die Jahre hinweg unterstützt?"
"Sei nicht töricht, Eleonore", rief Heinrich und setzte sich in einen Sessel und legte seine Beine auf einen Schemel, "Theobald würde Angesichts des nahenden Todes Becket zu irgendwelchen Eiden zwingen, die nicht im königlichen Interesse liegen könnten. Meinst Du, dass ich all die Jahre nie dahintergekommen bin, warum Theobald Becket als Kanzler vorschlug? Er hoffte, mit Becket an meiner Seite eine kirchenfreundliche Politik. Nun hat er erkannt, dass seine Pläne nicht aufgegangen sind. Also setzt er Becket unter Druck um zu retten, was zu retten ist."
"Und was hast Du nun vor?"
"Ich werde ihn mit seinem eigenen Waffen begegnen. Schade, dass Theobald dies nicht erleben wird."
Eleonore drehte sich zu ihm um. "Ich fürchte, ich kann Dir nicht folgen."
"Ganz einfach, Liebes", lächelte Heinrich breit, "sobald Theobald das Weltliche gesegnet hat, werde ich Beckets Wahl zum Erzbischof von Canterbury durchsetzen."
Eleonore ließ vor Schreck den Kamm fallen und wurde bleich. "Du willst was?" fragte sie entsetzt.
Heinrich sprang auf und nahm sie an den Schultern. "Was hast Du? Ich werde Becket zum Erzbischof machen lassen. Zum Primas der englischen Kirche. Auf diese Art und Weise werde ich den Klerus gefügig machen. Becket wird mir dazu helfen. Ich werde keine andere Macht in England neben mir dulden."
Eleonore war noch immer geschockt. "Bist Du Dir sicher, dass Becket der richtige Mann ist? Er ist ein Mann der Kirche. Er könnte die größte Gefahr für Dich werden", warnte sie.
Heinrich lachte. "Aber Eleonore, Becket ist mein Kanzler. Er ist mir treu ergeben. Auch wenn es Dir nicht gefällt, aber wir lieben uns wie Brüder."
Eleonores Gedanken rasten. Wollte oder konnte Heinrich die Gefahr nicht erkennen? "Aber alles was er ist, hat er der Kirche und nicht Dir zu verdanken", rief sie verzweifelt.
Heinrichs Blick verfinsterte sich. "Du bist eifersüchtig auf ihn, Eleonore. Und deshalb traust Du ihm nicht. Er ist loyal und er wird Erzbischof von Canterbury. Und jetzt will ich nichts mehr darüber hören." Wütend verließ er ihr Gemach.
Eleonore sprang auf und versuchte sich zu sammeln. Wie konnte sie Heinrich zur Vernunft bringen? Sie mußte mit der "Kaiserin" reden. Auf sie wird er hören.
Als sie von Eleonore hörte, was Heinrich plante, war sie nicht minder entsetzt gewesen. Sie empfand dasselbe wie Eleonore. Dies mußte verhindert werden. Mathilde reiste so schnell es ihre Verfassung zuließ zu ihrem Sohn, doch dieser war nicht umzustimmen. Doch Heinrich hörte auch nicht auf sie, obwohl sie ihren Sohn eindringlich warnte. Je mehr ihn Eleonore und Mathilde bedrängten, desto entschlossener wurde er, Becket zum Erzbischof zu machen.
Becket ahnte von all dem nichts. Ihn quälte das Gewissen mehr und mehr. Schließlich kam der letzte Brief von Theobald. Darin beschwor er Becket, immer daran zu denken, dass nur Gott und die Kirche die allerhöchste Ehre gebürde.
Am 18. April 1161 verstarb Theobald von Bec, Erzbischof von Canterbury.


Teil 2



"Zwei Ochsen ziehen den Karren der Macht von England: Der König und der Erzbischof!"

Anselm von Canterbury


Kapitel 1


Normandie im Frühjahr 1162

Becket kniete vor dem Bett in seinem Gemach und beendete sein Gebet. Es war schon spät, aber er war innerlich noch viel zu aufgewühlt um zu schlafen. Er erhob sich und rief nach einem Diener. "Bringt mir aus dem Weinkeller einen Krug Wein. Einen Wein aus der Gascogne."
Der Diener hob erstaunt die Augenbrauen, schwieg jedoch und brachte Becket das Gewünschte. Als er den Krug auf einem Holztischchen abstellte, entließ ihn Becket. Seufzend schenkte er sich einen Becher ein und nippte daran. Dann schloß er die Augen und lehnte sich zurück. Die Gedanken kreisten in seinem Kopf wild umher.
Nachdem im vergangenen Jahr dem Königspaar in Domfront eine Tochter geboren wurde, die sie auf den Namen Eleonore tauften, hatte das Königspaar seine regen Reisetätigkeiten wieder aufgenommen. Sie besuchten das reiche Aquitanien und auch die Gascogne. Dort erreichten Heinrich besorgniserregende Nachrichten. Sein Kanzler Thomas Becket war in Rouen schwer erkrankt. Man befürchtete bereits sein Ableben.
So schnell es ging, eilte Heinrich an das Bett seines Kanzlers und Freundes. Mit großer Erleichterung vernahm er, dass es seinem "Bruder", wie er ihn nannte, wieder besser ging. Er ahnte nicht, dass die Krankheit von den Seelenqualen Beckets herrührten. Heinrich hatte seinem "Bruder" und Kanzler wenige Wochen zuvor, von seinen Plänen unterrichtet, daß er Becket in Personalunion als Kanzler und Erzbischof von Canterbury eingesetzt sehen möchte. Vergeblichst hatte Becket ihn gebeten, geradezu angefleht, von diesen Plänen abzusehen. Heinrich war zunächst überrascht, geriet jedoch zunehmend in Verärgerung.
Als Eleonore und Mathilde von diesem Gespräch erfuhren, versuchten sie beide, unabhängig voneinander, Heinrich von seinen Plänen umzustimmen.
"Selbst Dein Kanzler erkennt die Gefahr, dass er nicht zwei Herren dienen kann. Man kann nicht gleichzeitig Gott und dem König dienen!" hatte Eleonore verzweifelt ausgerufen.
Wütend hatte Heinrich ihr entgegnet, dass Becket dies sehr wohl könne. "Sicherlich verlange ich viel von ihm", rief Heinrich wütend aus, "aber er kann es. Und er wird mich nicht im Stich lassen!"
Becket selbst geriet geradezu in eine panische Verzweiflung.
Heinrich der Jüngere, der zu dieser Zeit fast ständig in der Nähe des Kanzlers war, bemerkte dies und sprach Becket deswegen an. "Ihr fürchtet Euch vor dem Augenblick, an dem Ihr Euch zwischen Gott und dem König entscheiden müßt, nicht wahr?"
Thomas Becket blieb ihm eine Antwort schuldig. Doch er war zutiefst beeindruckt. Der Prinz schien reichlich reifer zu sein, als es Kinder in seinem Alter sind.
Johannes von Salisbury, mit dem Becket zusammentraf, als dieser in der Normandie weilte, spürte ebenfalls, dass der Kanzler unter der Last, die ihm aufgebürdet werden sollte, litt, sogar dagegen ankämpfte und sagte: "Ihr fürchtet Euch, das Euch entgegengebrachte Vertrauen enttäuschen zu müssen. Ihr haltet es für unmoralisch, geschenktes Vertrauen zu enttäuschen. Das ist ehrbar und spricht für Euch. Aber ich fürchte mein Freund, diese Verantwortung kann Euch nur Gott abnehmen."

Becket hatte Johannes lange angesehen und dann geantwortet: "Nein, ich stehe nicht wie einst Alexander der Große vor dem gordischen Knoten. Ganz im Gegenteil. Und das ist mein Problem. Für mich ist nur eines unmoralisch: Wenn man nicht zur rechten Zeit tut, was getan werden muß!"
Becket dachte oft an dieses Gespräch zurück. Doch dann verkraftete der Körper die seelischen Qualen und Zweifel nicht mehr und er fiel auf das Krankenbett. Aber auch da fand er keine Ruhe. Als sein Körper sich langsam erholte, traf Besuch des Priors von Leicester ein. Becket hatte sich gerade in ein Schachspiel vertieft, als der Prior eintrat. Becket trug nur einen pelzgefütterten Mantel mit langen Ärmeln, welche zu dieser Zeit in Mode waren.
Der Prior warf einen Blick darauf und lächelte. "Wie kommt es, dass Ihr Euch so gekleidet habt? Diese Art der Kleidung geziemt einem Edlen. Aber nicht einem Mann der Kirche, obschon es heißen müßte, der Mann der Kirche. Wenn man den Gerüchten am Hof glauben darf, bist Du bald Erzbischof von Canterbury."
Becket sah auf die Figuren des Schachspiels und erwiderte: "Die Kleidung ziert den Kanzler von England und nicht den Mann der Kirche. Ich kenne in England drei arme Priester, die ich lieber auf dem Stuhl des Erzbischofs sehen würde. Ich kenne den König gut. Sollte ich zu einer solchen Würde erhoben werden, müßte ich entweder sein Vertrauen verlieren oder den Dienst an Gott, meinem Herrn, vernachlässigen, und das werde ich niemals tun."
Damals hatte ihn der Prior bei diesen Worten mitleidvoll angesehen. Der Prior verließ ihn mit dem Eindruck, dass Becket einsam war. Und genau so war es.

Nur der Krug Wein, der nun vor ihm stand, schien ihm Trost spenden zu können. Der Alkohol verfehlte seine Wirkung nicht und Becket fielen die Augen zu.

Lombardei im März 1162

Nach fast zwei Jahren Kampf fiel Mailand. Kaiser Friedrich Barbarossa errang damit einen wichtigen Sieg in seinem Kampf gegen die aufständischen lombardischen Städte.
Papst Alexander III., der die lombardischen Städte unterstützt hatte, geriet unter Druck. Alexander III. verurteilte den Kaiser; dieser versuche sich zum Herrn der Kirche zu schwingen. Der Papst hatte ein großes Interesse, dass er eine breite Unterstützung des gesamten Klerus des Okzidentes fand. Alexander III. war deshalb verärgert, dass der Stuhl des Erzbischofes von Canterbury seit knapp einem Jahr vakant war. Besorgt nahm der Papst zur Kenntnis, dass der englische König zunehmend Druck auf den englischen Klerus ausübte, damit der Mann seiner Wahl - sein Kanzler - die Würde des Erzbischofs von Canterbury verliehen bekommt. Dieser war jedoch noch nicht einmal zum Priester geweiht. Alexander konnte es sich jedoch nicht leisten, eine weitere Machtprobe einzugehen. Er brauchte in seinem Kampf gegen den Kaiser und den Gegenpapst jeden Verbündeten. Und der englische König hatte ihn schließlich als rechtmäßigen Papst anerkannt.

England, Mai 1162

Auf Geheiß von Heinrich II. hatten Becket und Heinrich der Jüngere die Normandie verlassen und waren nach London zurückgekehrt. Der König selbst verließ ebenfalls sein Herzogtum und ritt nach Poitiers, wo Eleonore sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt.
Noch immer war der Stuhl des Erzbischofs von Canterbury vakant. Dies kam Roger von Pont-l´Evéque, der Erzbischof von York, entgegen. Solange es keinen neuen Erzbischof in Canterbury gab war er der Primas der Kirche in England. Heinrich hatte den Verdacht, dass der Erzbischof von York im Geheimen mit den Mönchen von Christchurch in Verbindung stand und sich gegen eine Wahl des Kanzlers zum Erzbischof aussprach.
Das Kloster von Christchurch war eines der bedeutendsten Englands und gehörte zum Domkapitel von Canterbury. Und dieses hatte über die Wahl des neuen Erzbischofes zu entscheiden. Die Mönche wußten, dass der verstorbene Erzbischof kurz vor seinem Tod dem Abt anvertraut hatte, dass er Thomas Becket als seinen Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhl wünsche. Doch die Pläne des Königs waren zu offensichtlich und führten innerhalb des Kapitels zu heftigen Debatten. Auch weil Heinrich selbst Schwierigkeiten hatte, Becket als neuen Erzbischof gegenüber dem Adel vorzustellen. Die Barone verfolgten mit Argusaugen die Bestrebungen des Königs. Und eigentlich sollte diese Entscheidung Vorteile für sie einbringen. Mit Becket als Kanzler und Primas würden noch so manche Kirchengüter zurück an die Krone und deren Vasallen fallen. Die Macht der Kirche wäre entscheidend geschwächt. Doch eine Schwächung der kirchlichen Macht bedeutet gleichzeitig eine erhebliche Stärkung der königlichen Macht. Und das bedeutet wiederum eine Schwächung der Barone und Fürsten. Fast ein Jahr lang hatte Heinrich mit den Zweifeln der Barone gerungen und versucht ihre Zweifel zu zerstreuen. Schließlich stimmten sie seinen Plänen zu. Nun musste Heinrich nur noch die Mönche von Christchurch überzeugen. Er wünschte sich Heinrich von Blois in England, der einen großen Einfluß auf den Klerus hätte. Doch der Bischof von Winchester hatte sich in das bedeutendste Kloster seiner Zeit zurück gezogen. Der Bischof von Winchester spürte, dass sich sein Wunsch auf den Posten des Erzbischofes nicht erfüllen würde und war enttäuscht ins Kloster Cluny gegangen. Hier harrte er der Dinge.
Heinrich wußte, dass eine Wahl schnell erfolgen mußte. Aber es war zu befürchten, dass das Domkapitel die Wahl wegen der Bedenken weiter verzögern würde. Heinrich mißtraute dem Abt, Prior Wibert, und sandte daraufhin eine Abordnung nach Christchurch.
Richard de Lucé, Justitiar des Königs, führte im Auftrag des Königs eine Delegation zu den Mönchen von Christchurch an. Der Delegation gehörten neben dem Justitiar, dessen Bruder, der Abt von Battle, und die Bischöfe Hilarius von Chichester, Walter von Rochester und Bartholomäus von Exeter an.
Die Abordnung wurde von den Mönchen im Konsistorium empfangen. Richard de Lucé trat vor Wibert, dem Prior und sagte: "Ich habe einen Brief von König Heinrich II. von England. Er ist an die verehrten Mönche des Domkapitels gerichtet."
Der Prior bat den Justitiar den Brief vorzulesen. Richard de Lucé drehte sich zu den Mönchen um und brach das königliche Siegel und öffnete den Brief. "König Heinrich II. von England, eingesetzt von Gottes Gnaden übermittelt den Brüdern von Christchurch seine besten Grüße. Der König, unser Herr, nimmt sich mit großem Eifer der Sache Gottes an - und vor allem der ehrwürdigen Kirche von Canterbury, die er seine Mutter im Herrn nennt. Er liebt sie mit dem Herzen eines Sohnes und bringt ihr dauerhafte und respektvolle Zuneigung entgegen. Deshalb möchte er ihr die Wirren und Leiden ersparen, die eine lange Vakanz des erzbischöflichen Stuhles hervorrufen könnte. Er läßt Euch wissen, dass Ihr frei seid, Euren Erzbischof zu wählen. Es ist Eure Aufgabe und Euer Interesse, dass ihr jemanden wählt, dessen Schutz Euch vor Gott und den Menschen nützt. Denn wenn Bande wechselhafter Freundschaft den König und den Erzbischof verbinden, dann stehen Euch glücklichere Zeiten bevor, und die Kirche wird dann in Ruhe gedeihen können. Doch wenn es unglücklicherweise anders kommen sollte, dann würden daraus Verwicklungen und Sorgen, Schwierigkeiten und Verwirrungen, Gefahren für den Staat und für das Seelenheil erwachsen, und der König denkt nicht, dass Eure Heiligkeit dies außer acht lassen kann."
Die Botschaft hätte klarer nicht sein können: Würde der Klerus den Wunschkandidaten des Königs nicht wählen, stünden unruhige Zeiten bevor. Und um das ganze möglichst deutlich zu unterstreichen, hatte Richard de Lucé mit der Zusammensetzung der Delegation bewiesen, dass auch Teile der Bischöfe die Pläne des Königs unterstützte. Es entging den Mönchen nicht, dass jene Bischöfe der Kirche dem Willen des Königs folgen, deren fehlende Standhaftigkeit und Charakterschwäche zu eigen zählten.
Zum Schluß verkündete der Justitiar, dass der König eine möglichst baldige Wahl wünsche. Er fordere die Bischöfe Englands auf, schnellstmöglich in London zusammenzutreffen und die Wahl zu leisten.
Wibert, Prior von Christchurch, erhob sich, nachdem der Justitiar von England geendet hatte. Auch ihm war die Botschaft klar und schien etwas verunsichert.
"Ihr werdet verstehen, wenn ich mich mit meinen Brüdern beraten möchte."
Richard de Lucé nickte verständnisvoll.
In den Augen der Mönche konnte er ablesen, was sie empfanden. Sie wollten sich dem Wunsch des verstorbenen Erzbischofs fügen, doch konnten sie es zulassen, daß der König einen solch massiven Einfluß auf die Wahl ausübte? Nach kurzer Beratung beschloß man, dem Aufruf zur Wahl zu folgen
.
Am 27. Mai traten im Konsistorium der Abtei zu Westminster, die Prälaten, Bischöfe, Äbte und Großen des englischen Königreiches zur Wahl zusammen.
Anstelle des Königs war der siebenjährige Heinrich der Jüngere anwesend. Heinrich wollte mit seiner Anwesenheit keinen weiteren Druck ausüben, der in Widerstand umschlagen konnte. Sein Sohn sollte im Namen des Königs sprechen.
Heinrich der Jüngere saß an der Seite von Thomas Becket, der verkrampft wirkte und die Hände zum Gebet zusammengelegt hatte. Wie nicht anders zu erwaten war, hatten die Mönche von Christchurch in gewählt. Die Prälaten, Barone und Heinrich der Jüngere mußten dieser Wahl lediglich zustimmen.
Prior Wibert schritt nach der vollzogenen Wahl, würdevoll zu einem reichverzierten Stuhl in der Mitte am Ende des Saales verkündete, dass man Thomas Becket zum neuen Primas der englischen Kirche gewählt habe.
Als Wibert das Ergebnis bekannt gab, schloß Becket die Augen. Eine einzelne Träne lief aus seinen Augen. Man dachte, es sei ein Ausdruck der Freude. Doch Heinrich der Jüngere wußte es besser.
Es hatte keine einzige Gegenstimme gegeben. Selbst der Bischof von Hereford, Gilbert Foliot, der ehrgeizig genug war, um selbst den erzbischöflichen Stuhl zu besetzen; jedoch zu feige war, dies offen bei der Wahl kundzutun, stimmte für den Kanzler. Das rief allgemeines Erstaunen hervor, war es doch offenkundig, daß Foliot Becket nicht mochte, ja geradezu haßte.
Gilbert Foliot brüstete sich in einem Brief nach der Wahl dazu, gegen Becket gestimmt zu haben. Offen sprach er aus, dass die Wahl durch den König erzwungen worden sei. Deshalb habe er nicht für ihn stimmen können. Doch Johannes von Salisbury entlarvte Foliot als Lügner.
Selbst der Bischof von York, Roger von Pont-l`Eveque, nun schlicht Roger von York genannt und Erzrivale Beckets, hatte für ihn gestimmt. Allerdings geschah dies weniger aus Überzeugung, als aus Respekt vor dem Wunsch des verstorbenen Theobalds und dem Willen des Königs. Oder war es die Angst vor dessem Zorn?
Dem Prinzen Heinrich fiel die Aufgabe zu, der Wahl, im Namen des Königs zuzustimmen.
Heinrich von Blois, Bischof von Winchester, der erst aus seinem selbstgewählten Exil in Cluny zurückgekehrt war, erklärte daraufhin die Wahl für gültig. Seine Rückkehr war für alle überraschend gekommen, doch es war Eleonore gewesen, die ihn in einem Brief dringend darum bat. Eleonore spürte, dass mit der Wahl Beckets England bald vor einer Zerreißprobe stehen würde. Da konnte die Erfahrung des Bischofs von Winchester nur nützlich sein.
Doch noch mußte Becket erst zum Priester geweiht werden. Die Priesterweihe sollte am 02. Juni in Canterbury erfolgen. Der Ritt dahin glich einem Triumphzug. Überall standen Menschen am Straßenrand und jubelten Becket zu.
Herbert von Bosham, der ihn begleitete und sein zukünftiger Sekretär sein sollte, beugte sich zu Becket, als sie durch ein Dorf kamen, indem auch der allerletzte Dorfbewohner zum Straßenrand eilte um ihn zu begrüßen: "Das Volk hat Euch als Kanzler sehr geliebt. Wie sehr muß es Euch als Erzbischof lieben?"
Becket atmete tief durch und blieb eine Antwort schuldig. Er lächelte gequält und winkte zwar zurück, doch in seinem Innern fühlte er die schwere Last der Verantwortung.
Am 02. Juni wurde Thomas Becket vom Bischof Walter von Rochester zum Priester geweiht. Der Erzbischof von York bestand nicht auf sein Vorrecht auf die Weihe. Zu tief saß der Haß auf Becket, als dass er ihn auch noch die Weihe geben würde.
Einen Tag später wurde er in der Kathedrale von Canterbury feierlich zum Erzbischof und Primas der englischen Kirche geweiht.
Eine unüberschaubare Menschenmenge - Neugierige und geistliche Würdenträger - hatten sich in der Kirche versammelt. Begleitet von unzähligen Kirchenmännern betrat Thomas Becket die Kirche und trat voller Demut vor den Altar. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Er kniete nieder und man entblößte seinen Oberkörper.
Heinrich von Blois, Bischof von Winchester, salbte ihn und legte ihm die Hände auf und weihte ihn zum Erzbischof von Canterbury. Das Volk jubelte dem neuen Erzbischof zu.

Wenige Tage später rief Becket seinen Sekretär Herbert von Bosham zu sich.
"Sendet diesen Brief an den Papst. Gebt ihm Johannes von Salisbury. Er wird in den nächsten Stunden nach Roma aufbrechen", sagte er und erhob sich aus seinem reichverzierten Stuhl.
Herbert von Bosham sah ihn fragend an.
"Ich erbitte darin vom ehrwürdigen Vater das Pallium, seinem Segen", klärte ihn der Erzbischof auf.
Herbert von Bosham nickte unterwürfig und wollte gehen. Doch Becket hielt ihn zurück. "Wenn Ihr jemals einen verwerflichen Zug an mir bemerkt oder zu Ohren kommt, dass andere mir dies oder jenes vorzuwerfen haben, dann, ich beschwöre Euch, zögert nicht einen Augenblick und sagt es mir. Vier Augen sehen mehr als zwei."
Mit diesen Worten entließ er seinen Sekretär, der über die Worte in Verwirrung stürzte. Vor was fürchtete sich der Erzbischof? Herbert von Bosham wurde der Sinn der Worte erst später klar....

Canterbury im August 1162

Die Delegation, die zum Papst gesandt wurde, kehrte im August aus Montpellier zurück, wo der Papst weilte, nachdem er zur Flucht vor den stauferischen Truppen aus Italien gezwungen war.
Das Pallium, ein Band aus weißer Wolle, als Zeichen der päpstlichen Anerkennung zu seiner Wahl, wurde ihm nicht verweigert. Am Festtag des heiligen Laurentius trat Becket barfüßig, aber im bischöflichen Ornat gekleidet, vor den Altar der Kathedrale und legte sich das Pallium um.
Zwar deutete ihm der Papst damit, dass er nichts gegen die Ämterhäufung - zum einen Kanzler von
England und zum anderen Erzbischof von Canterbury - einzuwenden hatte, doch Becket war seit seiner Wahl in sich gegangen, was auch seiner näheren Umgebung, seinem Gefolge, nicht verborgen geblieben war.
Becket war schweigsam und nachdenklich geworden. Oft fand man ihn tief im Gebet versunken. Eine Verwandlung war mit ihm vorgegangen. Mit seiner Wahl zum Erzbischof folgte man einer anglo-normannischen Tradition, dass man Leute des Königs auf den Bischofsstuhl setzte. Doch Becket hielt Zwiesprache mit Gott und auch mit dem verstorbenen Theobald. Und langsam reifte ein Entschluß in ihm. Ein Entschluß, der nicht im Sinne des Königs sein würde - nicht sein konnte. Er war im Schoße der Kirche groß geworden. War er nicht immer ein Diener der Kirche? Auch in der Zeit als Kanzler? Nein, in der Zeit als Kanzler hatte er seinem König gedient. Wenngleich er sich oft um einen Ausgleich zwischen der Kirche und dem König bemüht hatte. Doch letztendlich trug er die Entscheidungen des Königs mit. Becket bereute nun und geißelte sich abends vor seinem Bett selbst. Heftiger als je zuvor.
Als das Pallium in England eintraf, wußte Becket, dass es keinen anderen Entschluß geben konnte. Er wußte, was er zu tun hatte. Der Erzbischof von Canterbury konnte und darf nur einem Herrn dienen. So sollte es sein.

Normandie im September 1162

"Heinrich, König von England, Herzog von Aquitanien und der Normandie, Graf von Anjou. Ich überbringe Euch von meinem Herrn, dem Erzbischof von Canterbury, die allergnädigsten Grüße und diesen Brief."
Heinrich nahm den Brief aus den Händen von Ernulf, dem Kanzler der Metropolitankirche von Canterbury, entgegen und zerbrach das Siegel. Heinrich war über die Vorgänge in England genauestens informiert. Und doch traf ihn dieser Brief wie ein Blitzschlag. Er las den Brief und mit jeder Zeile wurde sein Gesicht röter. Schließlich schien er vor Wut fast zu zerplatzen. Mit einem wütenden Aufschrei fegte er den Brief von dem eichernen Schreibtisch. Er sprang auf und der Stuhl auf dem er gesessen hatte, kippte dabei nach hinten um. "Was erdreistet sich dieser Mensch?" schrie er und fegte weitere Dokumente vom Tisch.
Einen Diener, der herbeieilte und die Dokumente aufheben wollte, packte er am Kragen und schleuderte ihn in die Ecke des Saales. "Könnt Ihr mir erklären was das soll?" schrie er Ernulf an, der einen Schritt zurückwich. Doch bevor dieser antworten konnte, hatte sich Heinrich an einem Wandteppich vergriffen und zerrte an ihm bis er riß. Mit lauten Gepolter fiel dieser zu Boden.
Heinrich keuchte schwer und Schaum trat ihn vor dem Mund. Einer seiner gefürchteten Anfälle übermannte ihn und er verdrehte die Augen. Er trat und schlug nach allem, was in seine Reichweite geriet.
"Was um Himmel in der Welt steht in diesem Brief?" fuhr der Bischof von Rouen Ernulf an. Besorgnis flackerte in seinen Augen.
Ruhig antwortete ihm Ernulf: "Thomas Becket hat sich dem Herrn verschrieben, wie es sich für einen Bischof gehört und hat dem König das Siegel des Kanzlers von England gesandt."
Die königlichen Ratgeber wurden blaß. Heinrichs Bruder Wilhelm, der Graf von Poitou, schüttelte nur den Kopf. Graf Pembroke beugte sich zu ihm und flüsterte ihm leise ins Ohr: "Ich glaube die wenigsten sind davon überrascht."
Wilhelm nickte unmerklich und antwortete leise: "Alle außer dem König haben dies kommen gesehen."
Schließlich beruhigte sich der König wieder und blieb heftig atmend vor Ernulf stehen.
"Ich sehe, dass ich einige zur Räson zwingen muß. Offenbar war ich zu lange von England weg. Sendet einen Boten nach Poitiers zur Königin. Sie solle ihr geliebtes Poitiers verlassen und so schnell es geht hier her kommen", sagte er zu seinem Gefolge und sah dabei den erzbischöflichen Boten an.
"Wann brecht Ihr auf?" wollte der Erzbischof von Rouen wissen.
Heinrich fuhr zu ihm herum. "Sobald die Königin hier eintrifft, werde ich so schnell wie möglich aufbrechen. So schnell wie möglich. Ich war seit fast drei Jahren nicht mehr in England. Vermutlich war dies ein großer Fehler. Ich wünsche, dass alles so schnell wie möglich reisebereit gemacht wird. Die Königin wird hier auf dem Festland bleiben."
"Was wollt Ihr tun?" fragte der Graf von Pembroke besorgt.
"Was schon?" fuhr Heinrich ihn an, "ich werde ihn zwingen diesen Schritt rückgängig zu machen."
"Und was wollt Ihr tun, wenn er es nicht tut?" wollte Wilhelm wissen.
Heinrich winkte verärgert ab. "Er wird es schon tun! Diese Entscheidung war voreilig und unüberlegt."
Die Barone und Kleriker schwiegen. Sie waren nicht der gleichen Meinung wie der König, wagten dies aber nicht zu sagen.
Man sandte einen Boten zur Königin nach Poitiers. Als man Eleonore den Grund für ihre gewünschte Anwesenheit in der Normandie nannte, atmete sie tief durch. Ihre Befürchtungen, die sie mit der "Kaiserin" Mathilde geteilt hatte, hatten sich als richtig erwiesen. Sie konnte sich gut vorstellen, wie sich Heinrich nun fühlen mußte und eilte so schnell es ging zu ihm an den Hof. Zuvor gab sie noch den Befehl, dass man die Mutter Heinrichs informieren möge. Auch Mathilde begab sich in die Normandie als sie von den schlechten Nachrichten hörte. Das Reisen in ihrem Alter bereitete ihr zunehmend Schwierigkeiten. Doch sie wußte, dass Heinrich nun jeden Rat gebrauchen konnte. Als die Königin und Mathilde am Hof erschienen, fanden sie Heinrich in denkbar schlechter Laune an.
Eleonore spürte den Stimmungswechsel am Hof und hoffte, dass sie nicht zu spät kam. Die Barone und Kleriker drängten Heinrich zu Zwangsmaßnahmen. Er habe das Vertrauen auf schändlichste Weise mißbraucht! Ein undankbarer Kerl!
Eleonore ertappte sich dabei, dass sie die gleichen Gedanken hatte und hielt sich mit ihrer Meinung nicht zurück. "Ich hatte Dir doch gesagt, dass er nur Schwierigkeiten machen würde, sobald er Erzbischof ist", sagte sie zu ihm, "jetzt können wir nur hoffen, dass er sich noch von Dir umstimmen lässt. Du bist der einzigste, der dies vielleicht könnte. Mich verabscheut er, der Erzbischof von York wird einen Teufel tun ihn umzustimmen und Heinrich von Blois wird langsam alt für den Kampf. Von den Baronen hast Du keine Hilfe zu erwarten. Sie lauern wie die Wölfe auf die weltlichen Güter von Becket."
Die Barone wollten energisch protestieren. Doch Eleonore ließ keinen Protest zu. Sie war jetzt nicht in der Laune sich in Diplomatie zu üben. "Schweigt!" rief sie aus. "Ihr braucht Euch nicht zu verteidigen. Und es braucht mich auch nicht zu kümmern, so lange Ihr der Krone die Treue haltet und Eure Pflichten erfüllt."
"Ja, ja", reagierte Heinrich ungehalten, der im großen Saal auf und ab ging und seinen Lieblingsjagdhunden Fleischbrocken zuwarf.
"Und was gedenkst Du jetzt zu tun?" fragte die Königin.
"Was kann ich tun?" fragte Heinrich barsch zurück.
Sie zuckte zur Antwort mit den Achseln. Sie zog es vor nicht zu sagen, was sie dachte, denn Heinrich war in übler Laune und der Ritt hierher war anstrengend und sie war müde.
"Ich werde Dir sagen, was ich tue: Nämlich nichts. Gar nichts. Ich kenne Becket lange genug. Die Rückgabe hat für ihn einen symbolischen Charakter. Es hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Er wird weiterhin loyal zu mir sein. Ich werde mich mit ihm treffen. Und ich bin sicher, dass ich ihn überreden kann, Amt und Siegel des Kanzlers wieder anzunehmen."
Eleonore runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Heinrich bemerkte dies und lächelte. "Du zweifelst daran? Nun gut, wir werden sehen."
"Und wenn nicht?" fragte Eleonore. "Er hat das Pallium des Papstes erhalten. Du kannst ihn also nicht ohne weiteres wieder absetzen."
Heinrich lachte. Schon lange hatte man ihn nicht mehr lachen sehen. Er nahm Eleonore in die Arme und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. "Nun, dann ist immer noch der König der König von England, und nicht der Erzbischof von Canterbury. Die Macht des Erzbischofes wird - so glaube ich es jedenfalls - überschätzt. Ich bin der König."


Weihnachten 1162 in der Normandie

Der Aufbruch verzögerte sich und schließlich überzogen die ersten kräftigen Herbststürme das Land. Schließlich beschloß Heinrich mit dem Aufbruch bis nach Weihnachten zu warten. Weihnachten hielten Heinrich und Eleonore Hof in Cherbourg. Trotz der Differenzen mit Thomas Becket erlebte die königliche Familie ein friedliches Weihnachtsfest. Bis auf Heinrich dem Jüngeren, der in England unter der Obhut von Thomas Becket lebte, waren alle Kinder um die königlichen Eltern gescharrt. Die sechsjährige Mathilde, der fünfjährige Richard, der vierjährige Gottfried und die einjährige Eleonore.
Obwohl Eleonore bereits acht Kinder geboren hatte -, zwei Töchter während der Ehe mit Ludwig VII. und dem verstorbenen Sohn Wilhelm mitgerechnet - und obwohl sie nun vierzig Jahre alt war, erstrahlte sie noch in voller Schönheit. Die wenigen Falten, die sich in ihrem Gesicht abzeichneten schienen sie nur noch attraktiver zu machen. Ihr Körper war mit keinem Gramm Fett belastet und gut in Form. Heinrich - nun dreißigjährig - liebte und begehrte sie noch immer. Wenn sie sich liebten, war es noch immer so leidenschaftlich, als wenn zwei Raubtiere miteinander rangen. Daran hatten auch die zuletzt nicht wenigen Liebesnächte von Heinrich mit diversen Dienstmädchen, Töchtern von Rittern und Edelleuten nichts geändert.
Während des Weihnachtsfestes übermannte Heinrich eine ungewohnte Sentimentalität. Er erkannte, dass er zuletzt seine Söhne und Töchter zu selten gesehen hatte. Richard war mit einem Temperament ausgestattet, welches eindeutig von seinem Erzeuger stammen mußte. Aber Heinrich bemerkte auch, dass Richard ein besonderes Verhältnis zu seiner Mutter hatte. Obwohl Eleonore alle ihre Kinder sehr liebte, war Richard ihr am allerliebsten. Er zeigte das größte Interesse an den Erwachsenen und ihrem Tun und Handeln. Sicherlich hing das enge Verhältnis mit Eleonore damit zusammen, dass er fast ständig in Poitiers blieb und Eleonore sooft es ihr nur möglich war, in Poitiers Hof hielt.
Heinrich liebte seine Söhne und Töchter nicht minder weniger, doch eine intensive Beziehung hatte er lediglich zu Heinrich dem Jüngeren aufbauen können. Und so kam es, dass Gottfried allen Grund hatte, auf seine Brüder eifersüchtig zu sein. Von den Eltern zwar geliebt, verspürte er, dass er noch die geringste Zuneigung erfuhr. Und zum erstenmal, wurde Heinrich bewußt, dass Gottfried seinem
gleichnamigen Onkel glich. Doch obwohl er es erkannte, vermochte Heinrich die Distanz zwischen ihm und seinen Sohn zu überbrücken. Eine unsichtbare Mauer hatte sich unbemerkbar zwischen ihnen aufgebaut. Jahre später glaubte Heinrich den Grund zu erkennen. Er hatte seinen Bruder Gottfried nie innig geliebt. Meist empfand er ihn als seinen Rivalen. Und sein Sohn Gottfried ähnelte ihm sehr darin. So baute sich in König Heinrich eine Distanz auf, die er Zeit seines Lebens nie überwinden konnte oder wollte.
Obwohl es ein kaltes und schneereiches Winterfest war und immer wieder Stürme über das Land fegten, beschloß Heinrich nach den Weihnachtstagen nach England zu fahren. Und obwohl er fest davon überzeugt war, dass Becket seine Meinung noch ändern würde, hatten ihn die letzten Zweifel nie losgelassen, zumal an seinem Hof noch immer genug Leute Zwangsmaßnahmen forderten. Nachdem er nun seit fast drei Jahren in Aquitanien, der Normandie und dem Anjou verweilt hatte, und die Macht gefestigt hatte, war es nun an der Zeit wieder nach England zurückzukehren.

Kapitel 2


Southampton im Februar 1163

Es war eine beschwerliche Reise über den Kanal gewesen. Es war kalt und stürmisch und ein dichtes Schneetreiben machte die Reise auch nicht ungefährlich. Schließlich landete das Schiff von Heinrich II. in Southampton. Unmittelbar nach der Ankunft sandte Heinrich einen Boten nach Christchurch.
Zwei Tage blieb er in Southampton um sich auszuruhen und eine Besserung des Wetters abzuwarten. Als am dritten Tag das Wetter besser wurde, ritten sie in Richtung London. Sie hatten etwa die Hälfte des Weges hinter sich, als ihnen eine kleine Eskorte entgegenkam. Schon von weitem erkannte Heinrich seinen Freund und Weggefährten Thomas Becket. Er gab seinem Pferd die Sporen und es dauerte nicht lange, als auch die Eskorte mit Becket an der Spitze ihr
Tempo verschärfte. Der Schnee spritzte unter den Hufen der Pferde empor. Obwohl der Anlaß der Überfahrt ein Ärgernis für Heinrich gewesen war, empfand er eine Erleichterung und große Freude seinen Freund wieder zu sehen. Das Herz schlug Heinrich bis zum Kinn und die Freude seinen alten Freund wiederzusehen wuchs ins Unermäßliche. Schließlich trafen beide Gruppen aufeinander.
Heinrich und Becket waren mit einem Satz aus dem Sattel. Sie liefen sich entgegen und umarmten sich. Sie lachten und freuten sich wie kleine Kinder. Hinter ihnen stoppten die Reiter der Eskorten.
"Becket, wie ich mich freue Euch wiederzusehen. Ich habe Eure Anwesenheit schmerzlich vermißt", rief der König aus, "wie geht es Euch?"
Becket strahlte und lachte. "Auch ich habe Euch vermißt. Englands Nebel ist ohne Euch noch trauriger", gab Becket zurück und zeigte mit seinem rechten Arm auf Heinrich dem Jüngeren, der von seinem Pferd gestiegen war und sich vor dem König verbeugte. "Es geht uns gut."
Heinrich warf einen kurzen Blick auf den Prinzen, beugte sich zu ihm herab und legte seine Hand auf dessen Schulter. "Du bist groß geworden."
"Ja, er ist für sein Alter schon sehr groß. Und klug. Er lernt sehr schnell und ist sehr wißbegierig. Aus ihm wird mal ein großer König."
"Das freut mich zu hören, Becket", sagte Heinrich sichtlich von Stolz erfüllt, erhob sich und wandte den Blick ab von seinem Sohn.
"Es ist schön, dass Ihr wieder in England seid, mein König", sagte Becket, "wie lange werdet Ihr bleiben?"
Für einen Moment verdüsterte sich der Blick von Heinrich. Atemdampf tanzte vor seinem Gesicht.
"Ja, es wurde Zeit. Ihr habt mir allen Grund dazu gegeben. Ich beabsichtige länger zu bleiben", antwortete der König und nahm Becket beim Arm. "Doch zunächst erzählt mir, was gibt es Neues in London? Was macht mein Sohn Gottfried der Bastard und wie ergeht es seiner Mutter?"
Prinz Heinrich der Jüngere blieb zurück bei seinem Pferd und sah den beiden Männern traurig hinterher. Sein Vater hatte ihn nur kurz angesehen. Keine Umarmung, kein Kuß und kein Streicheln. Nur die kurze Feststellung, dass er groß geworden sei. Der König hatte nur für Becket ein Ohr.
Eine Träne verwischte den Blick und er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Es war die Hand von Herbert von Bosham, dem Sekretär des Erzbischofes.
Heinrich sah an ihm hinauf. Ihre Blicke trafen sich. Ohne sich mit Worten verständigen zu müssen, wußte Herbert von Bosham, was in dem Kopf des Prinzen vor sich ging.
Jeder der den König und den Erzbischof auf dem Weg nach London begleitete, konnte sehen, dass die beiden mächtigsten Männer des Reiches sich blind verstanden. Fast schien es so, als habe Becket nie das Siegel des Kanzlers zurückgeschickt. In trauter Zweisamkeit unterhielten sich die beiden Männer auf dem Ritt nach London.
"Ihr seid mir noch eine Erklärung schuldig", meinte Heinrich schließlich, nachdem ihm Becket den neuesten Klatsch aus London erzählt hatte.
"Ich wußte, dass Ihr eine verlangen würdet", gab Becket seufzend und tief durchatmend zurück.
"Allerdings. Aber eine, die ich verstehe."
"Als ich durch Euch Kanzler von England wurde, diente ich dem König von England. England war durch einen jahrelangen Bürgerkrieg ausgezehrt. Ihr habt aus England wieder ein glückliches und
friedliches Haus gemacht. Gerechtigkeit löste die Willkür ab. Das Volk schätzt Euch als König. Es liebt Euch. Ich bin stolz darauf und auch dankbar dafür, dass ich Euch dienen durfte...."
Heinrich unterbrach ihn: "Macht Euch nicht zu meinem Diener. Ihr ward mehr als mein Kanzler. Ein Freund. Mein Bruder."
Becket war angenehm berührt und verneigte sich leicht zur Seite, an der der König mit ihm ritt. "Die weltliche Ordnung wurde durch Euch wiederhergestellt. Doch der Kosmos, das Universum, all die Dinge in der Natur werden nicht durch einen weltlichen Herrscher wie Ihr es seid geregelt, sondern durch unseren Herrn, seinem Sohn und dem Heiligen Geist. Ich wurde Diener eines anderen Herrn. Des einzigen Herrn."
Becket legte eine Pause ein, da dies eine gewagte Formulierung war und Heinrich provozieren mußte. Erstaunlicherweise reagierte er nicht. Heinrich schien in Gedanken versunken zu sein. "Redet weiter. Ihr redet wie ein alter griechischer Philosoph. Ich höre Euch zu."
Becket nahm seine Erklärung wieder auf. "Ich trennte mich von der weltlichen Seite des Universums zur geistlichen. Kann ich zwei Herren dienen, wenn ich nur auf einer Seite leben kann? Ich habe Euch enttäuscht. Ihr habt von mir zuviel verlangt. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, aber ich bin in mich gegangen. Ich habe lange Gespräche mit unserem Herrn geführt. Ich kann nur einem dienen. Deshalb sandte ich Euch das Siegel zurück."
"Dann bleibt Ihr also bei Eurem Entschluß?"
"Ja, ich bleibe dabei", antwortete Becket.
"Er ist töricht. Aber offenbar verschließt Euer Glaube den Verstand. Wo werde ich Euch in Zukunft finden? Ich habe Euch zum Erzbischof machen lassen, damit die englische Krone die herrschende Macht in England bleibt. Ihr werdet wohl kaum bestreiten, dass die Heilige Kirche und allen voran der Papst in den letzten Jahrhunderten - besonders seit der Zeit Karls des Großen - immer mehr auch die weltliche Macht anstrebt. Ich wollte einen meiner Gefolgsleute, einen Mann meines Vertrauens an der Spitze der Kirche in England sehen, der die königliche Macht nicht in Frage stellt."
"Wo ich zu finden bin?" fragte Becket und runzelte die Stirn. "Auf der Seite des Herrn. Doch das Wort des Herrn predigt die Liebe, nicht das Schwert."
Heinrich war über die diplomatische Antwort etwas verärgert. "Wußte das auch Papst Urban II. als er zur heiligen Pilgerfahrt ausrief? Und sein größter Verehrer Bernhard von Clairvaux? Tausende und Abertausende sind durch die Worte des Papstes gefallen. Und das nur um den Preis von der Rückeroberung Jerusalems!"
"War dies kein Ziel und Preis für den es sich zu kämpfen lohnte? Die Befreiung des Heiligen Grabes?"
"Das streite ich nicht ab, aber Ihr wißt ebenso gut wie ich, welches Blutbad den Ruhm der Ritter Christi besudelt. Nein Becket, damit überzeugt Ihr mich nicht."
Becket ging auf die Provokation nicht ein.
"Verdammt nochmal, Becket. Ich will eine klare Antwort von Euch? Wie steht Ihr zur Krone?"
"Die Kirche Englands wird wie bisher auch loyal zum König stehen. Aber die englische Kirche steht im Dienste des Herrn. Eine Verschmelzung der geistlichen und der weltlichen Macht kann es nicht geben."
Heinrich runzelte die Stirn. Er war klug genug die Bedeutung und Tragweite dieser Worte zu erkennen. Zum erstenmal kamen ihm ernsthafte Zweifel auf, ob er richtig gehandelt hatte, als er Becket zum Erzbischof machte.
Trotz dieses Streitfalls wurde es ein harmonischer Ritt nach London. Und fast schien es so, als habe der König Becket verziehen.
In London angekommen suchte Heinrich seine Bastardsöhne auf.
Nach den Jahren der Trennung brannte er darauf, seine Söhne - und insbesondere Gottfried, der sich nach Beckets Aussage am Hof prächtig entwickelte - wiederzusehen.
Als Heinrich die darauffolgenden Tage damit voll und ganz beschäftigt war, die Staatsgeschäfte wieder zu ordnen, stellte er befriedigt fest, dass Becket, aber auch die Justitiare wie Richard de Lucé beste Arbeit geleistet hatten. Es galt nur hier und dort einige kleine Korrekturen vorzunehmen.

Aber innerhalb weniger Wochen begann sich das Verhältnis zwischen dem König und dem Erzbischof zu verschlechtern. Und England sollte einen Vorgeschmack bekommen auf das, was ihm noch bevor stand.
In Gloucester vergewaltigte ein Mönch ein Bauernmädchen. Als der Sheriff den Mönch dem Gesetz überstellen wollte, floh dieser in das nahe gelegene Kloster und verließ es nicht wieder. Der Sheriff belagerte das Kloster mehrere Tage und verlangte die Auslieferung des Mönches.
Irgendwie hatte dann der Erzbischof davon erfahren, und sofort intervenierte er beim König. Er wies darauf hin, dass Geistliche nur vor ein kirchliches Gericht gebracht werden könnten. Er forderte den Abzug der Truppen.
Heinrich weigerte sich zunächst und forderte stattdessen den Mönch vor ein weltliches Gericht zu stellen, doch er wußte, dass dies wider geltendem Recht wäre, und so gab er schließlich zähneknirschend nach und befahl dem Sheriff, die Belagerung aufzuheben. Obwohl Becket den Mönch mit einer drakonischen Strafe belegte - er ließ ihn blenden - war Heinrich alles andere als zufrieden. Zum ersten mal wurde ihm im eigenen Reich aufgezeigt, wo die Grenzen seiner Macht lagen.
Heinrich reagierte dahin gehend, dass er den engen Vertrauten von Becket, Johannes von Salisbury, vom königlichen Hof in England verbannte. Johannes von Salisbury war ein streitbarer Kleriker, der es sich nicht nehmen ließ, den Papst zu konsultieren, wenn er die Sache der Kirche in irgendeiner Weise gefährdet sah. Heinrich vermutete in ihm den Stachel, der Becket infiziert hatte. Als der Erzbischof gegen die Verbannung protestierte, antworte Heinrich ihm, dass er als König es sich aussuchen könne, wenn er als Ratgeber am Hofe wünsche. Johannes von Salisbury gehört nicht zu den Personen, deren Nähe der König sich wünsche. Sein Entschluß England zu verlassen, sei die eigene Entscheidung des Geistlichen gewesen. Becket wußte von Johannes von Salisbury, dass Heinrich ihn aufgefordert hatte, England zu verlassen, da er in Ungnade gefallen sei. So sehr das Unrecht darin waltete, war es aus Sicht von Johannes eine kluge Entscheidung, dem Rat des Königs zu folgen.

Mai 1163 in Tours

Papst Alexander III. hatte für die Woche nach Pfingsten eine Synode nach Tours einberufen. Im Herzen des Machtzentrums des Plantagenet. Heinrich stimmte dieser Synode zu und gestattete dem Episkopat die Teilnahme, verlangte allerdings Garantien für seine Macht und die ihm zustehenden Gewohnheiten. Der Vorfall mit dem Mönch hatte Heinrich vorsichtig werden lassen. Er hatte kein Interesse daran, dass sich die Kirche auf seinem Gebiet stärkt und seine Autorität angreift. Der Papst gewährte bereitwillig die Forderung, da Alexander im römischen Kaiser Friedrich immer noch einen ernstzunehmenden Gegner hatte.
Zuletzt waren die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland sehr wechselhaft, zwischenzeitlich hatte es sogar zu einer Annäherung zwischen Ludwig VII. und Friedrich I. geführt, was den Interessen des Papstes entgegen lief, der sich in Rom nicht mehr sicher fühlte und seinen Aufenthaltsort daher ins Languedoc verlegt hatte. Doch die Deutschen nutzten diesen Vorteil nicht. Eine rhetorische Dummheit des Kaisers Kanzler, Rainald von Dassel und Erzbischof von Köln, hatte zu einem Zerwürfnis zwischen Frankreich und dem Kaiserreich geführt. Ludwig VII. hatte daraufhin Papst Alexander endgültig als den legitimen Papst anerkannt. Doch noch war ein Mißtrauen beim Papst gegenüber Frankreich vorhanden, so dass er keinesfalls mit Heinrich II. einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Gegenpapst Viktor IV. verlieren wollte
.
Thomas Becket legte großen Wert darauf, dass der englische Episkopat geschlossen zur Synode anreiste. Er sah darin die symbolische Unterwerfung der englischen Kirche unter die Autorität des Papstes.
Mit Argusaugen verfolgte Heinrich die Synode. Ausführlich ließ er sich von ihr berichten. Becket wußte nicht, dass Heinrich aus dem Kreise der englischen Geistlichen über die Synode unterrichtet wurde. Zuviele Kleriker wie der neugewählte Bischof von London, Gilbert Foliot, oder Roger von Pont-l´Evéque neideten Becket den Erfolg.
Man berichtete dem König, dass Becket auf dem Weg nach Tours von zahlreichen Menschen an den Straßen bejubelt wurde. Wie einst bei seinem Ritt als Kanzler zu König Ludwig VII. nach Paris, berichtete man ihm. Selbst Bischöfe und Kardinäle zogen ihm entgegen und umringten und umschwärmten ihn. Er stand ihm Mittelpunkt des Interesses. Selbst der Papst wurde in seinen Bann gezogen. Die Begrüßung der beiden Männer - Papst und Erzbischof - verlief außerordentlich herzlich. Nur mit Mühe gelang es dem Papst, den Erzbischof aus der umschwärmenden Menge zu lösen.
Am 21. Mai wurde die Synode eröffnet. In der Kirche Saint-Maurice, im Herzen der alten römischen Anlage mit seinen verfallenen Mauern und Gebäuden, versammelten sich siebzehn Kardinäle, hundertvierundzwanzig Bischöfe und mehr als vierhundert Äbte.
Roger von Pont-l´Eveque, Bischof von York, war es, der die Synode dazu nutzte, einen über fünfhundert Jahren alten Streit neu zu entfachen: Es ging dabei um die Vorrangstellung des Bistums von York vor Canterbury. Ausschlaggebend für den Streit war die Sitzanordnung in der Kirche. Nach Rogers Argumenten gebühre dem Erzbischof von York der Vorrang vor dem Erzbischof von Canterbury. Doch seine Argumente waren dürftig. Er argumentierte damit, dass er länger in Amt und Würden sei. Gilbert Foliot lächelte gehässig, schwieg aber.
Papst Alexander verwies auf die Enge in der Kirche. "Laßt angesichts der beengten Verhältnisse Nachsicht walten, wenn dem Protokoll nicht immer genüge getan werden kann", schalt der Papst und sah Roger von York unter seiner Tiara, der Papstkrone, drohend an, so dass dieser sich wutentbrannt auf den vorgesehenen Platz setzte.
Zwei Themen beherrschten die Synode: Die ketzerischen Katharer, die "Reinen", bildeten im südlichen Frankreich um Toulouse herum eine ernsthafte Gefahr für die Amtskirche, und der Gegenpapst Viktor IV. Dieser wurde auf der Synode exkommuniziert. Arnulf von Lisieux erinnerte die Versammlung in einer leidenschaftlichen Rede an ihre Pflichten.
Doch ein Randthema interessierte den König von England viel mehr: In zwei Canones wurde es verboten, Kirchengüter einem anderen Zweck zuzuführen. Zu Zeiten von Stephan von Blois waren Schenkungen von Kirchengütern an der Tagesordnung. Und Heinrich war sehr darauf bedacht, diese Schenkungen nicht rückgängig zu machen.
Als Heinrich von diesem kirchlichen Verbot erfuhr, wußte er sofort, dass ein Konflikt mit der Kirche - und damit mit Thomas Becket - unausweichlich wurde. Thomas Becket dagegen fühlte sich gestärkt. Becket hatte schon Besitzverhältnisse von gewissen Gütern prüfen lassen. So hatte er Anspruch auf mehrere Schlösser für die Kirche erhoben. Und er hatte sie auch bekommen.
Doch bei Schloß Tonbridge, welches nachweislich einst der Kirche gehörte, war er bei dem dortigen Grafen und bei Heinrich auf Widerstand gestoßen. Der Graf behauptete, er habe das Schloß vom König als Lehen übertragen bekommen und weigerte sich, dem Erzbischof zu huldigen. Demonstrativ bekannte sich der Graf als Kronvasall. Da der Graf ein wichtiger Gefolgsmann des Königs war, hatte Heinrich keine Lust der Aufforderung der Kirche nachzukommen, und machte dies auch unmißverständlich klar. Nach mehreren Briefwechseln gab der Erzbischof schließlich nach und verzichtete auf die Herausgabe des Schloßes.
Doch Heinrich fühlte sich schon alleine durch die Kraftprobe gedemütigt. Heinrich hoffte, dass er aus dieser gewonnen Schlacht gestärkt herausging und der Erzbischof die Autorität in England nicht wieder in Frage stellen würde. Aber darin täuschte er sich. Becket wurde in seinem Weltbild ein Widersacher, ein Gegner. Und es dauerte nicht lange, da schien sich dies zu bestätigen.

England im Sommer 1163

Heinrich übte sich im Schwertkampf im Hof von der Burg Windsor, was selten genug vorkam. Die Sonne stand hoch am Himmel und schweißüberströmt ließ Heinrich das Übungsschwert sinken. Sein Übungsgegner Patrick von Salisbury stand ihm schwer atmend gegenüber, als ein Besucher angekündigt wurde.
"Laßt es gut sein", rief Heinrich aus und übergab das Übungsschwert einem Knappen.
"Ihr seid großartig in Form. Eure Schwertkunst ist die eines großen Kriegers würdig", antwortete Patrick von Salisbury.
"Danke, Ihr seid ein guter Lehrmeister. Wer ist der junge Mann dort hinten, der mit Euch hier ankam? Er kämpft mit dem Schwert genauso gut wie mit der Lanze und der Axt."
Patrick von Salisbury nickte stolz. "Ja, es ist mein Neffe. Aus ihm wird einmal ein großer Kämpfer. Er heißt Wilhelm. Er ist der Sohn von Johann de Marshal."
Heinrich nickte und wandte sich dem Gast zu. Er war über die Unterbrechung nicht traurig und bat den Besucher vorzutreten. Heinrich erkannte den Mann an seinem Wappen auf den Waffenrock.
Wilhelm von Eynesford trat hervor und beugte tief das Knie. "Mein König verzeiht mir, wenn ich Euch störe, aber ich bin wegen einer dringenden Angelegenheit hier, die es erforderlich machte, mich persönlich an Euren Hof zu begeben."
"Ich kenne Euch. Ihr seid ein Mann von dessen Pferdezucht man überall spricht. Ein treuer Vasall des Königs und von gutem Ruf. Was führt Euch zu mir?" fragte Heinrich und warf das Schwert fort. Er spürte, dass der Mann zutiefst verunsichert war. "Also sprecht, Wilhelm von Eynesford!"
"Es geht um den Erzbischof von Canterbury", begann Wilhelm zögerlich.
Heinrich horchte auf. Schon wieder Becket, fuhr es ihm durch den Kopf. Die Synode in Tours hatte zwar nicht seine Autorität in Frage gestellt und der Papst hatte sich in den Formulierungen wohltuend zurück gehalten, aber es wehte ein spürbar anderer Wind in der englischen Kirche seitdem Becket den Stuhl des Erzbischofes von Canterbury besetzte. "Was ist mit ihm?" fragte Heinrich scharf und ließ sich einen Becher Wein geben, den er mit einem Zug leerte.
"Auf meinen Ländereien wurde unlängst die Pfarrstelle frei. Ein gewisser Laurentius wurde vom Primas ernannt. Dagegen erhob ich Einwand. Auf meinen Ländereien kann keine Pfarrstelle ohne meine Zustimmung besetzt werden. Dies war schon immer so. Und dieser Laurentius ist ein Mann, der in seinen Predigten ein scharfes Wort schwingt. Doch der Erzbischof verwies darauf, dass er an jedem Ort und im jeden Gut das alleinige Recht habe, Geistliche zu ernennen, völlig unabhängig davon, wessen Vasall der Grundbesitzer sei." Der Mann geriet ins Stocken.
"Weiter", forderte Heinrich ihn barsch auf. Er ahnte was folgen würde. Und sein Blut fing an zu kochen.
"Nun, ich...ich habe diesen Laurentius und dessen Gefolge mit Schimpf und Schande von meinen Ländereien verjagt. Ich bin es nicht Willens mir meine Gewohnheitsrechte nehmen zu lassen. Nun droht mir der Erzbischof mit Exkommunikation. Und Ihr seid...mein Lehnsherr", schloß Wilhelm die Ausführung.
"Ich verstehe", sagte Heinrich und kochte vor Wut, "ich verstehe." Wenn sein Vasall exkommuniziert würde, würde es auch Heinrich treffen. Becket erwies sich zunehmend als Querulant. Was war nur mit Becket los? War es alleine seine Pflicht, wie er es nennen würde, der Kirche zu ihrem Recht zu verhelfen? Becket würde, zur Rede gestellt, nicht einmal nachdenklich werden. Für ihn geschah alles im Namen der Kirche. Es sei das Recht der Kirche und somit seine Pflicht.
"Ich werde mich um die Sache kümmern", sagte Heinrich kurz angebunden zu seinem Vasallen und bat ihn seinem Justitiar die Einzelheiten zu nennen, während er selbst die Übung abbrach und in die Burg eilte. Heinrich ließ einen Brief an Becket aufsetzen, indem er diesem mitteilte, dass er die Exkommunikation seines Vasallen auch als Exkommunikation des Lehnsherr verstehen müßte.
An diesem Abend suchte er Eleonore auf, die seit wenigen Wochen wieder in England war und in Kürze auf das Festland zurückkehren wollte, um dort im Namen Heinrichs das Reich zu leiten. Er erzählte ihr von dem Geschehenen und verwünschte Becket. Mit einem Lächeln der Genugtuung nahm Eleonore dies zur Kenntnis.
"Ich fürchte, der Erzbischof ist mit milden und mahnenden Worten nicht zu ändern", meinte sie. Ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie schickte ihre Zofe weg.
"Was meinst Du damit?" wollte Heinrich wissen.
"Ich glaube, er wird noch mehr Ärger machen. Es wird an der Zeit eine Strategie zu entwerfen, die ihm Einhalt gebietet."
"Und wie könnte diese Strategie aussehen?" fragte Heinrich und trat hinter Eleonore, die sich vor einen Spiegel die Haare kämmte.
Sie zuckte mit den Achseln. "Vielleicht solltet Ihr den Erzbischof von York und dessen Haß auf Becket besser nutzen. Solange sich die beiden feindlich gesinnt sind, könnte man sie vielleicht gegenseitig ausspielen."
Heinrich musterte sie lange und ohne erkennbare Regung. Dann nickte er und sagte: "Ich werde darüber nachdenken".

Einige Tage später erhielt der König Antwort von Becket, indem dieser sich entschuldigte und die Rechte Wilhelms von Eynesford anerkannte. Dies hatte Becket allerdings nicht aus Überzeugung, sondern rein aus Vernunftgründen geschrieben. Er hatte erkannt, dass er die Geduld des Königs sehr beansprucht hatte und dachte an seinen Freund Johannes von Salisbury.
Doch war dies noch nicht die letzte Zerreißprobe zwischen König und Kirche, Heinrich und Becket. Das Verhältnis der beiden Männer war nun spürbar schlechter geworden. Und schon bald sollte es zu einem neuen Zerwürfnis kommen: Philipp von Brois, Domherr zu Bedford, wurde des Mordes an einem Ritter angeklagt. Gemäß dem geltenden Recht, dass ein Geistlicher nur vor einem kirchlichen Gericht zu erscheinen hat, urteilte das Gericht des Bischofs von Lincoln über ihn. Dieses sprach den Domherrn frei.
Doch der Sheriff von Bedfordshire griff den Fall erneut auf. Dies brachte Philipp von Brois in Rage und in seiner Wut beschimpfte er den Sheriff auf übelste Weise. Der Sheriff wandte sich an den König, der sofort an Becket schrieb und ihn darin aufforderte, den Fall neu aufzurollen. Becket sah darin nicht nur eine unglaubliche Einmischung in Kirchengesetze, sondern widersetzte sich auch, den Domherrn nochmals vor Gericht zu laden. Jedenfalls in der gleichen Angelegenheit.
Heinrich tobte. Da nutze es auch nicht viel, dass der Erzbischof den Domherrn wegen Beleidigung eines königlichen Beamten vor Gericht stellen ließ. Man verurteilte diesen zu Peitschenhieben auf den Rücken und vollzog sie peinlich genau.

Woodstock im Juli 1163

Anfang Juli hielt Heinrich einen Reichstag in Woodstock ab. Heinrich spürte, dass dieser Reichstag eine besondere Bedeutung in sich barg. Überall im Lande beklagten sich die Barone und Sheriffs, dass alte Rechte und Gewohnheiten nicht mehr geachtet werden sollten. Wollte Heinrich die Unterstützung des Adels nicht verlieren, musste er den Erzbischof von Canterbury öffentlich angreifen.
Zu diesem Reichstag erschienen auch König Malcolm IV. von Schottland und Owen von Nordwales. Malcom hielt den Frieden an den nördlichen Grenzen ein. Er hatte im Inneren seines Reiches genug Schwierigkeiten mit den freiheitsliebenden Hochländern und den normannischen Baronen, die ihren Einfluß auf die Regierung ausweiten wollten, als das Malcolm an einen Krieg mit England denken konnte.
Owen und seine rebellischen Waliser waren zwar jederzeit zu einem Aufstand bereit, doch der Graf von Pembroke, Richard Fitzgerald de Clare, auch Strongbow genannt, hatte seine Grafschaft mit wehrhaften Burgen ausgestattet und führte ein strenges Regiment.
Auch Eleonore war anwesend. Der Palast von Woodstock mit seinen weiten Gärten war ihre Lieblingsresidenz in England. Hier hielt sie sich gerne auf. Außerdem kam sie so mit zahlreichen Edelleuten aus dem Reich zusammen, die sie nur selten sah oder schon lange nicht mehr gesehen hatte. Man tauschte die Neuigkeiten in den einzelnen Landesteilen aus und machte sich gegenseitig Komplimente.
Auch Heinrich freute sich auf das Wiedersehen mit einigen Edelleuten, die er zum Teil seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Da es unmöglich war alle im Palast von Woodstock unterzubringen und zu verköstigen, schlugen die meisten Edelleute ihr Zelt vor den Toren des Palastes auf. Woodstock verwandelte sich in ein buntes Zelt- und Fahnenmeer.
Meist kamen die Edelleute mit einem Gefolge bestehend aus Rittern, Knappen und Dienern. Zahllose Lagerfeuer brannten und der Duft aus den darübergehängten Töpfen vermischte sich mit dem Geruch der Pferde, dem Stroh und dem Schweiß der Menschen.
Am Abend vor dem Beginn des Reichstages wurde ein großes Festbankett im Palast abgehalten. Die Barone und der Klerus speisten miteinander und sahen den Darbietungen der Künstler mit großem Vergnügen zu. Die Knappen und Gesellen mussten im Burghof oder vor den Toren des Palastes ihr Abendmahl einnehmen. Die Ankunft von Thomas Becket und seinem Gefolge wurde erst für den nächsten Tag erwartet.
Es war ein heißer Tag gewesen und man hatte alle Fenster weit geöffnet. Die Stimmung war beinahe fröhlich und es wurde viel Wein getrunken. Schließlich kamen Reiter in den Palasthof. Diener meldeten die Ankunft des Gefolges beim König. Heinrich und Eleonore erhoben sich und begrüßten gemeinsam die neu eingetroffenen Gäste. Am Wappen der Banner erkannte man die Grafen von Salisbury und von Lincoln. An der Seite des Grafen von Salisbury ritten sein Schwager Johann de Marshal und dessen Sohn Wilhelm. Das Gefolge von Walter de Clifford, dem Grafen von Lincoln, war wesentlich größer. Aus einer Sänfte entstiegen zwei Frauen. Man konnte dem Altersunterschied nach erkennen, dass es sich hier um Mutter und Tochter handelte.
"Seid gegrüßt", rief Heinrich aus und hob den Kelch mit Wein. Die Ritter und Knappen verbeugten sich vor ihm und fielen auf die Knie, während die Damen einen vollendeten Knick vollzogen.
Eleonore nahm die Gräfin von Lincoln in die Arme und begrüßte auch deren Tochter.
"Erhebt Euch", rief Heinrich aus und trat vor.
"Verzeiht die späte Ankunft, mein König. Aber wenn der Graf von Salisbury und Johann de Marshal nicht gewesen wären, hätten wir wohl auf freiem Felde nächtigen müssen", meinte Walter de Clifford.
"Ein Achsenbruch hätte eine Weiterfahrt beinahe unmöglich gemacht. Wir trafen de Clifford auf der Straße und konnten ihm helfen", sagte Johann de Marshal als er den fragenden Blick des Königs sah.
"Ah, ich verstehe. Dann seid Ihr also ein ausgemachter Glückspilz", antwortete Heinrich an den Grafen von Clifford gewandt. "Eine Nacht auf freiem Feld wäre für die Damen nicht besonders komfortabel gewesen. Besonders wenn sie noch so jung sind".
Die Tochter des Grafen sah auf. Der König erblickte ein dunkles, beinahe schwarzes, Augenpaar und hielt für einen Moment die Luft an. Sie war wunderschön, auch wenn die Nase beinahe etwas zu lang geraten war. Aber sie war gerade und symmetrisch. Die hohen Wangenknochen, die Nase und ihre Augen verliehen ihr das Aussehen einer byzantinischen Prinzessin. Zumindest stellte Heinrich sich byzantinische Prinzessinnen so vor. Ihr Ausschnitt war züchtig und doch verschleierte er nicht ihre festen Brüste.
Eleonore bewunderte die Sänfte der Gräfin, sonst wäre ihr wohl aufgefallen, dass Heinrich die Tochter des Grafen musterte. Und zwar länger, als es die Höflichkeit erlaubte, wie die umstehenden Ritter später befanden.
"Sagt, wie ist Euer Name?" fragte Heinrich freundlich.
Walter de Clifford wollte antworten, doch seine Tochter kam ihm zuvor.
"Rosamunde de Clifford, Majestät."
Ihre Stimme war sanft aber bestimmt.
Heinrich nickte dem Grafen zu. "Eine hübsche Tochter habt Ihr. Man kann Euch nur beglückwünschen."
Walter de Clifford, den eine Narbe auf der Stirn entstellte, nickte zustimmend. "Ja, man nennt sie oft die schöne Rosamunde." In den Worten schwang ein wenig Besorgnis mit. War es die Furcht davor, dass der König Interesse an Ihr zeigen könnte oder war es die Furcht davor, dass Rosamunde Ihre Schönheit am Hof nutzen könnte um den jungen Herren den Kopf zu verdrehen? Immerhin war es die erste Reichsversammlung, die sie besuchte und die Nächte zuvor hatte sie vor Aufregung kaum geschlafen.
Heinrich wiederholte unhörbar für alle die Worte und meinte dann: "Zweifelsohne ist das zutreffend. Auf Eure Tochter solltet Ihr Acht geben, wie auf einen Schatz. Sie wird Euch viel Ruhm und Ehre einbringen."
Walter de Clifford nickte nur. Er spürte, wie ihn seine Gemahlin mit fragenden Blicken durchbohrte, während Eleonore sie zum großen Saal geleitete.
"Kommt, die Tische sind noch reichlich gedeckt. Ihr müsst hungrig sein," rief Heinrich aus und ging voran.
Während des weiteren abendlichen Banketts war Heinrich ungewöhnlich ruhig. Eleonore bemerkte dies zwar, schob es aber auf die bevorstehende Ankunft des Erzbischofs von Canterbury am nächsten Tag. In Wahrheit hatte Heinrich nur Augen für Rosamunde, die mit ihren Eltern am anderen Ende der Tafel speiste.

Der Reichstag zu Woodstock 1163

Ein warmer und sonniger Sommertag läutete den Reichstag ein. Am frühen Morgen war Thomas Becket mit seinem Gefolge in Woodstock eingetroffen. Der Erzbischof hatte nur unweit von Woodstock genächtigt. Entgegen aller Erwartungen begrüßten Thomas Becket und Heinrich Plantagenet sich freundlich, beinahe herzlich.
Die Versammlung schien ruhig und geordnet abzulaufen. Zahlreiche Beschwerden von Seiten des Adels, aber auch des Klerus wurden vorgetragen. Doch keine Beschwerde erwies sich als größerer Streitpunkt und Dank dem verständnisvollen Auftreten des Erzbischofes, aber auch des Königs konnten die Streitigkeiten beigelegt werden.
An der Seite Heinrichs verfolgten sein ältester Sohn und Eleonore die Debatten. Am ersten Tag der Versammlung wurden überwiegend strittige Landfragen, Gerichtsurteile oder Münz- und Maßfragen behandelt. Am Ende des Tages gab es überwiegend nur freudige Gesichter. Erneut beschloß ein Festbankett den Tag.
Heinrich ertappte sich dabei, wie er Rosamunde de Clifford unter der Menge suchte. Sie hatte eine seltsame Faszination auf ihn ausgewirkt und er wollte näher ergründen, worin diese lag. Tatsächlich gelang es ihm auch, die Tochter des Grafen von Lincoln zu sprechen. Doch eine Schar von anderen jungen und aufgeregten adligen Damen umgab sie, so dass das Gespräch allgemein gehalten werden musste.
Am nächsten Tag traten die Barone vor dem König und dessen Sohn und huldigten ihnen. Auch Owen, Fürst von Nordwales, und König Malcolm von Schottland erneuerten ihren Eid.
Heinrich und Thomas Becket, der rangmäßig in der Nähe des Königs saß, tauschten oft Blicke miteinander aus. Außenstehende konnten meinen, dass sich beide wieder vollständig ausgesöhnt hatten. Doch am Nachmittag des zweiten Tages verkündete Heinrich überraschend, dass die Reichsversammlung noch über einen wichtigen Punkt abzustimmen habe. Überrascht sahen sich die Barone und Kleriker an. Was konnte der König noch vorzubringen haben? Kam jetzt der erwartete Angriff auf die Kirche?
Heinrich gab seinem Justitiar ein Zeichen und Richard de Lucé trat vor.
Er verkündete ein Dekret des Königs, dass dieser wieder die Erhebung des danegelds fordere.
Ein Raunen ging durch die Menge. Damit hatte niemand gerechnet. Tatsächlich würde dies die Kirche herausfordern. Einige sprangen auf und sahen den König an. Dieser erwiderte regungslos die Blicke, in denen sich Neugier, Erstaunen, und Entsetzen zugleich widerspiegelte.
Das danegeld, war einst eine Grundsteuer von zwei Silberpfennigen für jeden der mehr als ein
Pfluggespann Land besaß. Es diente einst zur Finanzierung des Krieges gegen die einfallenden Dänen. Zwar war die Abgabe nie aufgehoben worden, doch zuletzt geriet sie beinahe in Vergessenheit und wurde nicht mehr in allen Grafschaften erhoben.
"Die Steuer wurde in vielen Grafschaften vernachlässigt und selten erhoben. Dabei dient diese Steuer den Grafschaften wehrhafte Truppen aufzustellen und dem König bei Bedarf zuzuführen. Da diese Pflicht von den Grafschaften auf das Gröbste vernachlässigt wurde, kommt die Steuer künftig dem königlichen Schatzamt zugute und nicht wie bisher üblich den Grafschaften", beendete Richard de Lucé die königlichen Ausführungen.
Eine tumultartige Unruhe erfaßte die Versammlung. Das vermochten die Barone nicht zu akzeptieren, bedeutete dies doch für sie den Verlust von Einkünften. Aber auch der Klerus konnte damit nicht einverstanden sein. Thomas Becket sprang auf. Selten sah man ihn so erregt und zornig. Nur mühselig hatte er sich unter Kontrolle. Würden die Gelder dem königlichen Schatzamt zufließen, würde dies eine ergiebige Einnahmequelle sein. Schließlich waren die königlichen Schatzmeister sehr gewissenhaft beim Eintreiben der Steuern. Manche Klöster hatten zuletzt das danegeld nicht mehr abführen müssen, da die Grafen somit Streit mit den Klöstern umgingen. Dafür hatten die Klöster in den einen oder anderen Angelegenheiten die gräflichen Wünsche erfüllt und ihnen sogar mancherorts Mitspracherecht in den Klöstern gewährt. Aber das alles war es nicht, was Becket befürchtete und erregte. Was sein Mißfallen erregte, war, dass es die Macht des Königs erheblich stärken würde. Und das wiederum konnte bei Heinrich nur heißen, die Macht der Kirche einzuschränken.
"Ich erhebe Protest gegen diesen Erlaß des Königs. Das danegeld wurde stets bereitwillig gezahlt. Auch von der Heiligen Kirche. Dies wird auch in Zukunft geschehen. Aber ganz nach dem alten Recht der Gewohnheiten an die Grafschaften. Was Ihr vorhabt, ist nichts anderes als Machtmißbrauch und Veruntreuung von Steuern, die noch niemals dem königlichen Schatzamt zustanden", rief Becket zornig aus.
Heinrich sah den Erzbischof wütend an. Seine Augen funkelten voller Zorn. Zwar hatte er damit gerechnet, dass einige aufbegehren würden, aber nicht, daß der Erzbischof dazugehören würde. Stellte es für diesen doch keinen Unterschied dar, ob er die Steuer an die Grafschaften oder dem König abführte. Die Leidenschaft und seine Berufung auf alte Gewohnheiten, die der König mit Vorliebe in Streitigkeiten und Auseinandersetzungen einbrachte, erstaunte und verblüffte ihn. Becket verwandte die Waffen des Königs um sich gegen seine Pläne zu wehren. Das durfte nicht sein, und wollte er nicht dulden.
"Ihr irrt Euch, verehrter Erzbischof. Auch von den Klöstern wurde das danegeld nur noch selten gezahlt. Es ist mir klar, dass die Heilige Kirche sich einer Steuer widersetzt, die den Besitz der Kirche mindert, wurde die Steuer doch in manchen Grafschaften nicht mehr eingezogen. Doch wie Ihr selbst zugegeben habt, habt Ihr die Steuer schon immer leisten müssen. Und Gott ist mein Zeuge, dass diese Steuer der Krone zufließen wird. Die Barone haben sich durch die Verletzung ihrer Pflicht, diese Steuer einzutreiben, das danegeld verlustig gemacht. Es gibt keinen Grund, dass Ihr oder jemand anderes sich widersetzt. Es wird niemand geschädigt", rief Heinrich wutentbrannt aus.
Becket zeigte mit dem Finger auf Heinrich und schleuderte ihm entgegen: "Und ich schwöre Dir, dass niemand, der ein Stück Land auf dem Grund der Kirche besitzt, diese Steuer an Euch abführen wird."
Mit diesen Worten wandte sich der Erzbischof zum gehen.
Noch bevor er die Tür erreichte, rief ihm Heinrich zornig hinterher: "Wollt Ihr Euch des Hochverrates schuldig machen?"
Becket blieb abrupt stehen und wandte sich um. "Ich fürchte mich nicht vor Euch. Doch ich fürchte mich um Euch. Denn wie wollt Ihr dies dem Heiligen Vater in Rom erklären, dass Ihr den Primas von England anklagt?"
Dann drehte sich Becket um und verließ den großen Saal. Wie man später erfuhr, verließ er sofort Woodstock.
Heinrich war voller Zorn und verwünschte seinen ehemaligen Kanzler. Nur mit viel Mühe ließ er sich beruhigen. Er wußte nur zu gut, dass es dem Erzbischof ernst war. Sollte er die Steuer gewaltsam eintreiben, würde Becket sich mit Sicherheit an den Papst wenden. Zwar fürchtete Heinrich den Papst nicht, aber das Verhältnis des Papstes zu Ludwig VII. besserte sich zunehmend. Er konnte einen Streit nicht riskieren. Und schon gar nicht konnte er den Erzbischof anklagen lassen. Die Barone dagegen verspürten, dass sie den Verlust dieser Einnahmequelle besser hinnehmen würden. Jeglicher Widerstand würde nicht nur den Zorn und die Ungnade des Königs auf sich ziehen, sondern konnte auch zu einer Anklage wegen Hochverrates führen. Zähneknirschend nahmen die Barone das Dekret an.

England im Herbst 1163

Das Verhältnis zwischen dem König und dem Erzbischof - zwischen weltlicher und geistlicher Macht - war nach Woodstock äußerst angespannt. Becket spürte, dass er von Feinden umgeben war. Auf der einen Seite war der König, der nun immer offener gegen die Kirche seine alleinigen Machtansprüche durchzusetzen versuchte, und auf der anderen waren die inneren Feinde der Kirche. Verkörpert wurden sie durch den Bischof von London, Gilbert Foliot, und der Erzbischof von York, Roger von Pont-l´Eveque. Becket wußte, dass jedes Wort, welches innerhalb der Kirche gesprochen wurde, an den König übermittelt wurde. Und er vermutete, dass seine beiden ärgsten Feinde innerhalb der Kirche, die Urheber des Verrates waren. Doch er faßte auch gegen Arnulf von Lisieux kein volles Vertrauen.
Er hatte das Gefühl, dass seine Sicherheit in England gefährdet war und schrieb dies auch so dem Papst. Aber am meisten besorgte ihn, dass der König offensichtlich seine ganze Kraft daran setzte, die Kirche und seine Diener unter die weltliche Gerichtsbarkeit zu stellen.
Das gleichzeitige Drängen des Erzbischofs von York beim Papst auf eine Entscheidung, wer nun die Vormachtstellung, wer der Primas, in der englischen Kirche sei, war zwar nicht zu unterschätzen, aber Becket wußte zugleich, dass der Papst in dieser Sache keine Eile hatte. Eine Spaltung der englischen Kirche käme ihm gänzlich ungelegen.
Heinrich war die ernste Bedrohung für die Kirche Englands. Man berichtete dem Erzbischof vom Hof, dass der König wochenlang vom frühen Morgen bis in den späten Abend arbeitete, oft bis nach Mitternacht. Richard de Lucé und Patrick von Salisbury, Justitiare und Vertraute des Königs, waren die Leidtragenden der königlichen Arbeitswut. Eleonore, die Königin, verspürte eine Veränderung an Heinrich. Er schien innerlich mit seinem "Freund und Bruder", Thomas Becket, gebrochen zu haben. Der König war zutiefst enttäuscht und verbittert. Eleonore versuchte ihm Rückhalt zu verschaffen, indem sie in seiner Nähe blieb. Doch er schien sie nicht zu brauchen. Es kam ihr so vor, als sei er ihr gegenüber verschlossener geworden. Manchmal kam er nicht in ihr gemeinsames Schlafgemach, sondern schlief in seinem Gemach.
Heinrich bereitete sich intensiv auf eine weitere Reichsversammlung vor, die er zum 01. Oktober einberufen hatte, und wo er die Gerichtsbarkeit der Kirche angreifen wollte. Becket ahnte dies, konnte sich aber nicht vorstellen, wie Heinrich dies bewerkstelligen wollte. Doch es galt auf der Hut zu sein und Augen und Ohren offen zu halten. Heinrichs Ziel war es, dass ein Geistlicher, der eines Verbrechens angeklagt würde, in Anwesenheit eines königlichen Beamten vor das kirchliche Gericht gestellt werden sollte. Würde dies ihn schuldig sprechen, dann sollte der Geistliche seinen Status Quo verlieren und vor ein weltliches Gericht gestellt werden. Der Kirche sollte das Recht zu urteilen behalten, dem Staat sollte das Recht des Strafens zugeteilt werden.
Doch dies war nur ein Grund weshalb Heinrich manche Nacht dem Gemach von Eleonore fernblieb: Immer und immer wieder kreisten seine Gedanken um die schöne Rosamunde. Schließlich setzte er ein Schreiben auf, indem er den Grafen von Lincoln bat, Rosamunde an den Hof nach Westminster zu senden. Er wünsche, dass Rosamunde am Hof erzogen werde.
Zunächst war Walter de Clifford hoch erfreut. Doch seine Frau war entsetzt. Sie wußte, dass sich hinter dem Wunsch des Königs mehr verbarg. Sie teilte ihre Sorgen ihrem Mann mit und bat ihn, irgendeinen Vorwand zu finden, damit Rosamunde nicht an den Hof gebracht wurde. Doch Walter de Clifford sah seinen Einfluß am Hof steigen und übergab seine Tochter an die Eskorte, die sie nach Westminster brachte.
Es dauerte nicht lange, da wurde sie zum König gerufen. Heinrich bat sie eines Abends in sein Arbeitszimmer. Es dämmerte bereits und nur die wenigen Kerzen und Fackeln erhellten den Raum. Als Rosamunde eintrat, sandte der König alle Anwesenden aus dem Raum. Rosamunde fühlte sich sichtlich unwohl, als sie mit dem König alleine in einem Raum war. Er saß hinter dem mächtigen Eichentisch und legte den Federkiel zur Seite.
"Wie geht es Euch?" fragte er und erhob sich und ging ein paar Schritte auf sie zu.
Sie atmete tief durch. "Danke, Majestät. Man hat mich gut untergebracht und man behandelt mich gut."
Heinrich nickte zufrieden. "Das freut mich zu hören. Seit wann seit Ihr in Westminster?"
"Seit gestern", antwortete sie schnell, zu schnell wie Heinrich befand.
"Seid Ihr nervös?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Habt Ihr Angst?"
Wieder schüttelte sie den Kopf.
"Warum habt Ihr dann eine ablehnende Haltung eingenommen?"
"Habe ich das? Dann verzeiht mir. Dies war nicht in meiner Absicht. Aber wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, so habt Ihr mich doch sicherlich nicht an den Hof holen lassen um mich nun zu fragen, ob ich gut untergebracht bin."
Heinrich musste unwillkürlich lächeln. "Ihr habt recht. Ich muss sagen, mir gefällt diese direkte Art. Nun, dann habt Ihr auch eine direkte Antwort verdient, nicht wahr? Nun, als ich Euch das erste mal sah, ist etwas seltsames passiert. Ich habe eine junge Frau vor mir gesehen, die schöner ist, als jede Frau zuvor, die ich gesehen habe. Und ich wünschte von diesem Augenblick an, Euch an diesem Hof zu sehen."
"Warum?" fragte Rosamunde heftig. Es war eine dumme Frage. Sie wusste, was der König meinte, doch es war ihr keine andere Frage eingefallen um Zeit zu gewinnen.
"Warum? Ihr scherzt, Lady Lincoln. Mag Eure Jungfräulichkeit Euch einen Mantel der Naivität zugestehen, so glaube ich nicht, dass Euer Verstand nicht weiß, was ich von Euch will."
Rosamunde wich seinem Blick aus und wandte sich ab. Er trat hinter sie, rührte sie aber nicht an. "Aber die Königin....", wandte sie schwach ein. Ihr Atem und Puls gingen schnell und heftig. Sie wünschte sich in ihrem Zimmer in der Burg von Lincoln.
"Die Königin ist zwar am Hofe, doch wir sehen sie kaum. Sie ist kein Grund den Ihr fürchten müsst. Hier sind wir ungestört."
Er legte nun seine rechte Hand auf ihre Schulter. Doch sie entwand sich ihm.
"Ich glaube, es wäre besser wenn ich jetzt ginge. Mir ist nicht wohl und ich wäre gerne alleine", sagte sie.
Heinrich schien enttäuscht, drängte sie aber nicht weiter. "Ihr dürft Euch zurück ziehen. Doch betrachtet das Gespräch nicht als beendet. Ihr seid mir noch eine Antwort schuldig. Und diese werde ich bekommen."
Sie nickte und beeilte sich den Raum zu verlassen. Ein Sturm der Gefühle erfasste sie und sie war froh als sie im Bett lag und niemand ihre Unruhe sehen konnte. Natürlich war sie kein Kind mehr. Und schon oft hatte sie ein fleischliches Verlangen erfaßt. Doch war die Jungfräulichkeit kein Gut der Kirche und der Ehe? Ihre Mutter hatte sie gewarnt, bevor sie Lincoln verließ. Sie wußte, was Heinrich wollte. War es denn nicht so, dass es ihren Eltern nutzen würde? Aber spielte das überhaupt eine Rolle? Was empfand sie? Nun, der König sah sehr gut aus. Er war ein Mann. Aber er war der König und mit Eleonore vermählt. Beging sie nicht Verrat an der Königin, wenn sie seinem Verlangen nach gab? Wollte sie denn ihre Jungfräulichkeit opfern? Und was würde dies für Folgen haben? Das der König sie nicht heiraten konnte war klar, aber was würde aus ihr werden, wenn der König keinen Gefallen mehr an ihr hatte? Sie fühlte sich der Verzweiflung nah und grub ihr Gesicht ins Kissen.

Kapitel 3


Westminster Herbst 1163

In den folgenden Tagen setzte sie alles daran dem König aus dem Weg zu gehen. Es schien ihr schon so, als habe der König sie vergessen und am dritten Tage atmete sie viel befreiter auf. Doch am vierten Tag bat er sie wieder zu sich.
Er erwartete sie wieder im Arbeitszimmer. Und wie beim ersten mal mußte sie feststellen, dass er alleine war. Er hatte sogar die Diener fort geschickt.
"Ah da seid Ihr ja, Lady Lincoln. Ich habe Euch rufen lassen, weil ich wünsche, dass sie mich morgen auf die Jagd begleiten. Ich möchte einen Eber erledigen, der in den Wäldern gesichtet wurde und ein wahrer Prachtkerl sein soll. Es wird eine gemischte Gesellschaft sein. Die Damen des Hofes verbringen zusammen mit der Königin den Tag bei der Falkenjagd. Es wäre mir eine Freude, wenn ihr die Damen begleiten würdet."
Rosamunde war erstaunt. Für einen Moment wusste sie nicht was sie antworten sollte. Dann nickte sie höflich und meinte: "Es ist mir eine Ehre Euch bei der Jagd zu zu sehen."
Dann entließ er sie mit einem Wink und wünschte ihr eine gute Nacht.
Am nächsten Morgen brach die Jagdgesellschaft schon kurz nach Morgengrauen auf. Kalter und feuchter Nebel legte sich auf ihre Mäntel und Umhänge. Der König ritt mit der Königin an der Spitze und schien Rosamunde nicht zu beachten. Hinter dem Königspaar ritten die Falkner mit den Falken. Dann folgte eine Reihe Läufer und Jäger mit ihren Hunden und schließlich die Hofdamen. Diese schienen sich über die Jagd sehr zu freuen, denn sie lachten, scherzten und tuschelten. Manch eine Dame warf den jungen Jägern einen kecken Blick oder ein nettes Lächeln zu. Rosamunde hatte für das alles keinen Blick übrig. Sie war müde und gähnte herzhaft. Die Jagdgesellschaft ritt durch den dichten Wald, durch den das Tageslicht kaum ein durchkommen fand. Eine Eule flog dicht über den Köpfen der Jagdgesellschaft hinweg und Rosamunde erschrak so heftig, dass sie beinahe vom Pferd gefallen wäre.
Schließlich erreichten sie eine Lichtung. Hier blieben die Falkner und die Damen der Jagdgesellschaft und machten eine Rast.
Einer der jungen Jäger trat an Rosamunde heran. "Verzeiht, aber hättet Ihr die Güte mir zum Jagdglück zu verhelfen indem Ihr mich begleitet?"
Für einen Moment war sie verwirrt. "Ich? Meint Ihr mich?" fragte sie und sah sich unsicher um. Natürlich war dies den anderen Damen nicht entgangen und sie brachen in ein freches Kichern aus. Rosamunde lief rot an.
"Ja, wenn es Euch nichts ausmacht."
"Ich.....ich weiß nicht", meinte sie. Sie sah wie die Königin verständnisvoll lächelte und ihr zunickte.
Heinrich stieg vom Pferd und schien die ganze Szene nicht bemerkt zu haben. Er gab Eleonore einen vollendeten Handkuss und rief für jedermann deutlich hörbar: "Der Eber soll noch heute Abend Dein Gemach schmücken."
Eleonore lachte verschmitzt und spitzte die Lippen zu einem imaginären Kuß. Heinrich saß auf und gab den Befehl zum Abmarsch. Rosamunde folgte der Gesellschaft mit unbehagen. Die Hunde bellten und zerrten und die Jäger nahmen die schweren Eberspeere auf und folgten der Gesellschaft. Kurz darauf waren sie wieder im Wald. Nach etwa einer Stunde hatten die Hunde die Witterung aufgenommen. Einer der Jäger eilte zum König und meldete: "Wir könnten den Eber nach Norden treiben. Dort verengt sich das Tal zu einer Schlucht aus der es kein Entrinnen gibt."
Heinrich überlegte kurz. Dann nickte er. "Gut, sobald wir uns verteilt haben lasst Ihr die Hunde frei. Wir werden uns dann zur Vesper an der alten Jagdhütte meines Großvaters treffen."
Rosamunde fand das alles ungeheuer aufregend und so bemerkte sie nicht, dass sie inzwischen vom Nebel und dem Tau auf den Blättern ganz nass geworden war. Plötzlich ging alles ganz schnell. Die Hunde wurden losgelassen und die Jäger eilten zu Fuß und zu Pferde hinter her. Rosamunde hatte den jungen Jäger aus den Augen verloren und erschrak. Das Pferd tänzelte nervös und ehe sie sich versah war sie alleine. Vor ihr im Wald hörte sie lautes Gebell und Gebrüll. Sie wollte den Spuren folgen, doch es waren plötzlich so viele Spuren und sie wußte nicht wohin. Sie verlor die Orientierung und wurde noch nervöser. Angst kroch langsam in ihr hoch. Wenn nun plötzlich der Eber oder ein Wolf vor ihr stehen würde? Oder gar ein Bär? Sie überlegte, ob es Sinn machen würde zu schreien. Doch das Gebell der Hunde war so laut, dass man sie nicht hören würde. Und das Gebell wurde zunehmend leiser. Rosamunde verwünschte den jungen Jäger, der sie plötzlich im Stich gelassen hatte und ritt in die Richtung aus der das Gebell kam.
"So alleine verehrte Gräfin", rief plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Sie erschrak zu Tode und wollte schon schreien, da erkannte sie den König. Erleichtert atmete sie auf.
Heinrich ergriff ihre Zügel und beruhigte das Pferd. "Ihr habt wohl den Anschluß verpasst?" lachte Heinrich.
Sie sah sich um. Er war alleine. "Wo sind Eure Gesellen?" fragte sie, dann aber stockte sie. Jetzt begriff sie. Das war alles ein abgesprochenes Spiel!
Heinrich war vom Pferd gesprungen und half ihr nun beim absteigen. "Seid Ihr mir böse, dass ich Euch dieses Spiel vorspielen musste?"
Wütend sah sie ihn an. Dann wurde ihr Blick weicher. Eigentlich sieht er sehr gut aus, dachte sie. Heinrich war nun im dreißigsten Lebensjahr und im besten Lebensalter. Sie spürte, wie sie schwach wurde.
"Laßt Ihr Euch immer mit einer Antwort so lange Zeit?" fragte er. Er hielt sie noch immer in den Armen.
"Wieviel Zeit bleibt uns?" fragte sie leise.
"Die Jagdhütte von der ich sprach ist nur eineinhalb Meilen entfernt. Bis zur Vesper ist es noch lange", antwortete er.
"Dann sollten wir keine Zeit verlieren", atmete sie heftig.
"Ganz wie es Euch beliebt", erwiderte er uns küßte sie leidenschaftlich. Sie erwiderte seinen Kuß und zog ihn fest an sich.
Sie ritten zur Jagdhütte in der einer der Gesellen des Königs ein warmes Feuer entzündet hatte. Sie warfen sich in das Heu und in einer heißen Leidenschaft gab sie ihre Jungfräulichkeit her. Sie stöhnte und schrie, zog ihn an sich und krallte sich an ihm fest. Für einen Moment war Heinrich irritiert. Die Gerüchte, dass sein Vater und das Haus Anjou mit dem Leibhaftigen im Bunde stünden, kamen ihm in den Sinn. Doch ehe er einen Gedanken dazu verschwenden konnte, gab er sich der Lust wieder hin.

Kapitel 4


England, Herbst 1163

In den folgenden Tagen trafen sich Heinrich und Rosamunde mehrmals im Wald beim Ausritt in der Jagdhütte. Hatte sie befürchtet, nur ein Lustobjekt für einmal zu sein, so sah sie sich getäuscht. Heinrich wußte nicht, was sie so anziehend machte. Sie war schön. Sehr schön sogar. Aber schöne Frauen hatte er genug. Die Frau, die er wollte, bekam er auch. Es war zwar keineswegs so, dass er Rosamunde liebte. Sein Herz gehörte nach wie vor Eleonore, aber er spürte, dass in seinem Herzen nicht nur eine Frau einen Platz hatte. Sein Verlangen nach Eleonore war nicht geringer geworden und so dachte er auch nicht daran, ihr Gemach nicht mehr aufzusuchen. Nach wie vor schlief er in der Nacht im Bett der Königin. Eine Trennung erschien ihm absurd und abwegig und er dachte nicht einmal daran. Er brauchte Eleonore und ihr Herzogtum. Allein darauf basierte die ganze Macht des Plantagenet in England.

Reichsversammlung zu Westminster, 01. Oktober 1163

Die Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt. Man wußte, dass Heinrich auf dieser Reichsversammlung einen weiteren Angriff gegen die Kirche führen wollte. Doch niemand wußte dabei, um was es genau ging. Die Gerüchte, dass der König nächtelang gearbeitet hatte, waren jedermann am Hof bekannt. Ebenso wußte jedermann am Hof, dass der König seine Arbeit offenbar vor wenigen Tagen zum Abschluß gebracht hatte. Man sprach davon, wie gelöst und entspannt er zuletzt gewirkt hatte.
Der große Saal war prächtig mit Fahnen geschmückt. Die Edlen und der Klerus waren in kostbaren Gewändern und feierlichen Ornat geschmückt. Unruhig saßen sie auf ihren Stühlen und warteten bis die Trompeten schmettern würden, die den König ankündigen würden.
Schließlich war es soweit und der König erschien mit Krone und edlen Gewand. An seiner rechten Seite schritt Eleonore. Sein Sohn Heinrich, der Jüngere, schritt an seiner linken Seite. Der König, die Königin und ihr Sohn setzten sich auf den erhöhten Thron.
Der König selbst eröffnete die Reichsversammlung. Erwartungsgemäß griff er die Kirche an: "Verehrte Edlen des Reiches. Ich habe diesen Reichstag einberufen, weil England und das Reich in stürmischer See schlingert. Während die weltliche Kraft des Reiches in voller Blüte und Pracht aufgestanden ist, ist der Zustand der Heiligen Kirche bedauernswert. Die Bistümer von York und Canterbury streiten um die Vormachtstellung in der Kirche Englands. Dazu versäumen sie es nicht die Autorität des Papstes zu erbeten. Doch der Papst hat diesen Streit keine Bedeutung beigemessen. Denn sonst hätte er es ja in Tours regeln können. Neubesetzungen geistlicher Stühle erfolgen unter Vorbehalt oder gar nicht. Das Volk ist verunsichert. Ist es rechtens den Segen aus dieser Hand zu erhalten oder wäre doch jener der geweihte Mann? Und weil dies noch nicht schlimm genug ist, gebärden sich die Archidiakone wie der Papst selbst. Sie berufen sich auf Rechte und Gesetze von denen niemand mehr weiß oder je etwas gehört hat. Und wieviele dieser Dokumente sind gefälscht? Doch wie soll das Recht walten, wenn die Kirche im Inneren im Argen liegt? Wie soll Gerechtigkeit erlangt und wo Rache rechtmäßig ausgeübt werden? Ich, König Heinrich II. von England, gekrönt mit Gottes Gnaden und Segen werde es nicht zulassen, wie dieses Reich im Chaos versinkt. So habe ich beschlossen ein Dekret zu erlassen, dass sich auf die Schriften des Gratian, der traditur curiae, stützt. So soll ein Geistlicher, der vor einem kirchlichen Gericht schuldig gesprochen wird, einem weltlichen Gericht überstellt werden. Denn nur so kann Gerechtigkeit zu tragen kommen. Und ich erwarte von dieser Versammlung - vom Klerus - dass sie diesem Dekret zustimmt."
Eine große Unruhe erfaßte die Bischöfe und sie waren erstaunt, wie gut der Plan ausgeklügelt war und Heinrich bemerkte zufrieden, welches Entsetzen und Erstaunen sein Vorhaben auslöste. Die Wochen harter Arbeit schienen Früchte zu tragen.
Thomas Becket stand mit verhärteter Miene auf. "Mein König, gestattet Ihr mir und allen anwesenden Geistlichen eine Beratung in einem anderen Raum als diesen? Eure Worte sind schwere Angriffe und Einschnitte in unsere Rechte. Ihr nehmt einen jahrhundertelangen Streit - dem Streit zwischen York und Canterbury - um ein höchst zweifelhaftes Dekret zu erlassen. Es muß uns gestattet sein, darüber zu beraten."
Heinrich nickte ihm nur zu.
Daraufhin erhoben sich die Geistlichen und verließen den großen Saal. Der Klerus reagierte uneinig auf diese Pläne. Ein Teil der Geistlichen befand, dass man dem Dekret zustimmen sollte. Man habe den König in den letzten Monaten zuviele Demütigungen zugefügt. Außerdem wäre es alles halb so wild, weil damit nur uneinheitliche Verfahrensregeln vereinheitlicht würden. Andere weigerten sich strikt unter solch fadenscheinigen Argumenten unter Druck setzen zu lassen.
"Was der König hier versucht, ist Schritt für Schritt die Autorität der Kirche zu untergraben", meinte Bartholomäus von Exeter.
"Aber er hat auch recht", wand der Bischof von Lincoln ein, dem man nachsagte, dass er die Sache des Erzbischofes von York unterstützte, "wenn manche Ämter nur unter Vorbehalt oder nicht zweifelsfrei besetzt werden, wie kann man dann von der Rechtmäßigkeit der kirchlichen Gerichte sprechen?"
Thomas Becket war über so viel Kurzsichtigkeit erstaunt und entsetzt. Sarkastisch antwortete er: "Wenn wir uns diesem unsinnigen Plan nicht widersetzen und uns dem Willen und der Autorität des Königs in einer Sache unterwerfen, die durch die Canones, dem kirchlichen Recht, klar geregelt ist, dann werden wir eine Situation schaffen, die in Zukunft weitere Verzichtsleistungen nach sich ziehen."
Für einen Moment herrschte gespanntes Schweigen. Alle erwarteten von Roger von Pont-l´Evéque einen Einspruch. Dieser sah Becket nur an. Er wußte ebenso gut wie der Erzbischof von Canterbury, dass man diesen Plan ablehnen muß. Eine Annahme des Dekretes würde eine erhebliche Schwächung Beckets bedeuten. Aber gleichzeitig würde die Sache von York nicht gestärkt, sondern auch geschwächt werden. Der Erzbischof von York stimmte schließlich Becket zu. Becket hatte sie mit wenigen Worten überzeugt. Man beschloß also, der Sache nicht zuzustimmen.

Als Becket dies dem König vor der Reichsversammlung mitteilte, zuckte sein Kopf hoch. Doch wer jetzt einen Wutausbruch erwartete, der sah sich getäuscht.
"Nun denn, so verlange ich von der Heiligen Kirche den Eid, dass sie die alten Gewohnheiten des Rechts der Normannen respektieren wird, die schon unter König Heinrich I. galten. Ein Recht, welches nie außer Kraft gesetzt wurde und die Gerichtsbarkeit der Kirche unangetastet lässt. Ein Recht, dass nur die allgemeinen Belange der Kirche berührt. "
Beckets Hände ballten sich zu Fäuste. Er kniff seine Lippen zusammen und preßte langsam Luft aus den Lungen. Der Klerus, und allen voran er selbst, ist dem König in die Falle gegangen. Er mußte zugeben, dass Heinrich einen geschickten Schachzug vollzogen hatte. Der König hatte damit gerechnet, dass der Klerus im besonderen Fall der Gerichtsbarkeit sich dem König widersetzen würde. Im gleichen Atemzug verlangte er jedoch die Unterwerfung der Kirche im Allgemeinen. Dabei ging er davon aus, dass der Klerus sich diesem nicht widersetzen würde. Denn diese Forderung bedeutete nichts geringeres, als die Entscheidung zur Unterwerfung oder Hochverrat.
Die Bischöfe erkannten, dass sie in die Falle gegangen waren und waren empört. Nochmals zogen sie sich zur Beratung zurück.
"Er zwingt uns zu diesem Eid", jammerte Hilarius, Bischof von Chichester, "uns bleibt keine andere Wahl."
Kämpferisch erwiderte Becket: "Nein, das dürfen wir nicht zulassen. Auf keinen Fall."
"Wie wollt Ihr das verhindern?" fragte Gilbert Foliot, Bischof von London, spöttisch und sah sich hämisch grinsend um.
Becket sah in den Augen der anderen, dass sie skeptisch waren, ja, manche schienen sich an der verzwickten Lage des Erzbischofs und Primas zu ergötzen.
"Ich habe keine Lust, mir den Zorn des Königs zuzuziehen und wegen Hochverrates angeklagt zu werden. Wir haben ihm schon einmal widersprochen. Und wie er schon sagte, ist dieses Recht nie außer Kraft gesetzt worden. Ich habe keine Lust mir Ärger zu zuziehen", meinte Foliot.
"Ich auch nicht, ehrwürdiger Bischof von London", fauchte Becket, "aber was jetzt gefordert ist, sind klare Gedanken und nicht Euer Gift. Wenn der König einen Eid will, dann wird er seinen Eid bekommen."
Die Geistlichen sahen Becket erstaunt an. Eine Pause des Schweigens folgte und man hätte eine Nadel fallen hören können.
"Ihr wollt Euch unterwerfen?" fragte Gilbert Foliot und konnte sein Erstaunen kaum verbergen.
"Ja, aber nur unter dem Vorbehalt der Ehre Gottes", gab ihm Becket zurück.
Erneut brach Schweigen über sie herein. Beckets Gegner mußten ihm neidlos anerkennen, dass dies eine Formulierung war, die alles offen ließ. Damit würde der König seinen Eid bekommen, der jedoch völlig nutzlos war. Man stimmte dem Vorschlag zu. Nur Hilarius von Chichester machte ein unglückliches Gesicht. Ihm war es deutlich anzusehen, dass er den Zorn des Königs fürchtete.
Die Bischöfe gingen in den Großen Saal zurück und nahmen wieder auf ihren Stühlen Platz.
Becket trat als erster vor König Heinrich, der triumphierend in die Runde sah. Er schien sich seines Triumphes sicher. Becket leistete den Eid als erster: "Ich schwöre im Namen der Heiligen Kirche, die alten Gewohnheiten des normannischen Rechts zu respektieren und mich diesen nicht zu widersetzen." Er sah dem König in die Augen. Dieser sah zufrieden drein. "Unter dem Vorbehalt der Ehre Gottes!" rief Becket laut und trat zurück.
Seine Worte hallten wie Peitschenhiebe durch den großen Saal. Für einen Moment war Heinrich verwirrt und irritiert. Doch dann erkannte er den Sinn der rhetorischen Spitzfindigkeit und die Bedeutung seiner Worte und wurde blaß vor Wut.
"Ihr werdet den Eid nicht unter Vorbehalt leisten", schrie er und sprang auf. "Er wird so geleistet, wie ich es verlangt habe. Und nicht anders."
Doch der König irrte sich. Ein Bischof nach dem anderen stand auf und leistete den Eid mit dem Vorbehalt. Heinrich wurde immer wütender. Er lief vor Zorn rot an und seine Augen versprühten Gift. Da konnte es ihn nicht mehr trösten, dass der völlig eingeschüchterte Hilarius von Chichester den Eid ohne Vorbehalt leistete, was ihm wiederum den Zorn des Erzbischofs einbrachte.
Wutentbrannt verließ Heinrich den Saal. Obwohl es schon tiefe Nacht war, bereitete der König seinen Aufbruch nach London vor. Er war so in Rage, dass er den Westminster Palast verlassen wollte. Er konnte und wollte die Brut des Klerus nicht mehr sehen. Sein Ziel war der Palast von Bermondsey, indem er Rosamunde seit geraumer Zeit untergebracht hatte. Die Königin mochte den Palast nicht besonders und suchte ihn nur selten auf. Heinrich hatte Ihr einen kleinen Teil des Palastes als Privatgemächer zugewiesen. Eleonore machte keine Anstalten ihm zu folgen. Sie wußte, dass er in dieser Stimmung besser alleine gelassen wurde. Sie ahnte nicht, dass er bei Rosamunde Trost suchte.
Obwohl sie nur in einem dünnen Nachtgewand im Bett saß, welches ihren wunderschönen Körper kaum verhüllte, hatte er keinen Blick dafür. Er war nur kaum zu beruhigen und ruhelos und zornig lief er fast die ganze Nacht im Raum auf und ab.
"Was ist aus Becket geworden?" rief er und warf die Arme in die Luft, "er war mein Freund. Mein Bruder. Ja, ich liebte ihn wie einen Bruder. Doch er enttäuscht mich immer wieder. Er rebelliert gegen mich. Er demütigt mich."
Rosamunde erwiderte nichts. Sie hielt es für klüger zu schweigen.
"Ich habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist. Doch was ist der Dank? Verrat!"
Heinrich wurde erst in den frühen Morgenstunden müde und kroch zu Rosamunde unter die Decke.
Doch nach nur zwei Stunden stand er wieder auf und rief nach einem Boten. "Überbringt dem Erzbischof von Canterbury folgende Botschaft: Ich fordere ihn auf, sämtliche Burgen und Lehen herauszugeben, die er während seiner Zeit als Kanzler von mir, dem König von England übertragen bekommen hat." Wenn er Becket nicht besiegen konnte, so wollte er seine Macht beschneiden, wo es nur möglich war.
Becket erhielt noch am gleichen Tag diese Aufforderunf und sorgte dafür, dass man der Aufforderung sofort nach kam. Für Becket war dies ein weiteres Zeichen, dass die Situation für ihn langsam immer gefährlicher wurde. Der Zorn des Königs war groß genug, dass er sich um seine Sicherheit Gedanken machen mußte. Und dies sah der Papst auch so, wie er es ihm in einem Brief mitteilte.

Kapitel 5


England im Spätherbst 1163

Die Situation wurde sogar noch schlimmer für den Erzbischof, als sie ohnehin schon war. Die Einigkeit des Klerus bröckelte schon kurz nach der Reichsversammlung. Zunächst war es der Bischof Arnulf von Lisieux, der dem König den Eid ohne Vorbehalt leistete. Arnulf von Lisieux sah sich in der königlichen Gunst außen vor. Außerdem hatte Heinrich auf dem Festland bereits die alten Gewohnheiten mehr oder weniger wieder eingeführt. Dort hatte er sich noch der Hilfe des Kanzlers bedient, der damals Thomas Becket hieß. Der Anlaß war die Anerkennung von Papst Alexander III. Dies hatte Arnulf von Lisieux nicht vergessen.
Doch Arnulf von Lisieux, der sich mit diesem Schritt erhoffte, wieder das volle Vertrauen des Königs zu gewinnen, blieb nicht der einzige. Auch Gilbert Foliot, Bischof von London, und Roger Pont-l´Eveque, Erzbischof von York, leisteten dem König ebenso den Eid ohne Vorbehalt. Arnulf von Lisieux hatte dazu keine großen Überredungskünste bei Beckets mächtigsten Feinden gebraucht.
Thomas Becket war erschüttert, als ihm Herbert von Bosham, die Nachricht überbrachte, dass die Bischöfe ihm in den Rücken gefallen waren. Mit Hilarius von Chichester waren es bereits vier Bischöfe. Und keiner von ihnen war unbedeutend. Und es blieb die Befürchtung, dass weitere Bischöfe folgen würden. Er spürte, dass die Opposition in der Kirche gegen ihn wuchs.
Schließlich erreichte ihn die Aufforderung des Königs nach Northampton zu kommen, um dort den Eid zu leisten. Entschlossen den Eid nicht zu leisten, brach Becket nach einigen Tagen mit einem großen Gefolge auf.
Es war Spätherbst geworden und Regen und Nebel verschleierte das Land. Nur selten fanden die Sonnenstrahlen einen weg durch die dichte Wolkendecke. Die Wege waren morastig und tief. Das Laub war schon fast vollständig von den Bäumen gefallen. Auf dem Ritt nach Northampton war Becket ungewöhnlich ruhig und nachdenklich. Herbert von Bosham, sein Sekretär, der ihn begleitete, war besorgt. Lange nachdem sie aufgebrochen waren, brach Becket schließlich das Schweigen.
"Wie denkt Ihr darüber, mein Sekretär?"
Obwohl er wußte, was Thomas Becket meinte, tat Herbert von Bosham so, als wisse er nicht, was der Erzbischof meinte. "Über was?" fragte er mit der größtmöglichen Unschuldsmiene.
Becket mußte unwillkürlich lächeln. "Ihr versucht Zeit für Eure Antwort zu gewinnen. Aber das wird Euch nichts nützen. Was denkt Ihr wird uns in Northampton erwarten?"
Herbert von Bosham seufzte. "Nun, Ihr seid in keiner beneidenswerten Lage. Ihr habt mächtige Feinde. Nicht nur den König, sondern auch den Erzbischof von York, den Bischof von London und von Chichester."
"Ich habe Hilarius verziehen. Er ist ein schwacher Mann. Ihm fehlt der Mut und die Kraft. Sein Motiv ist die Angst. Auch was Foliot oder den Erzbischof von York betrifft bin ich nicht überrascht. Doch Arnulf von Lisieux hat mich enttäuscht. Wie sieht es mit Euch aus: Habt Ihr Angst vor dem König?"
Herbert von Bosham zögerte mit der Antwort. "Ich glaube nicht, daß Euch der König Gewalt antun würde. Oder einem anderen Bischof. Das würde die Exkommunikation durch den Papst nach sich ziehen. Andererseits...", er vollendete den Satz nicht.
Becket horchte auf und wandte den Kopf zu ihm. "Andererseits was?" fragte er im verschärften Ton.
Herbert von Bosham wand sich und verwünschte sich, dass er so unvorsichtig gewesen war. "Nun, die Normannen im Allgemeinen, und besonders die Angeviner, hatten noch nie ein besonders frommen Ruf. Ihr wißt doch sicherlich, dass Heinrichs Vater sogar Bernhard von Clairvaux die Stirn bot. Die Angeviner kennen nur ihre Macht. Eine andere akzeptieren sie nicht. Böse Zungen behaupten ja, sie seien mit dem Leibhaftigen im Bunde."
Becket runzelte die Stirn. "Nun, ich höre davon nicht zum erstenmal. Aber ich kann Euch versichern, dass es alles nur Gerede ist. Aber in einem habt Ihr recht: Die Angeviner kennen nur ihre Macht. Und besonders gefährlich ist sie, wenn sie sich mit der aquitanischen Macht paart."
Herbert von Bosham hörte die Verachtung aus den Worten, die der Erzbischof für Eleonore übrig hatte. "Verstehe ich Euch richtig, dass Ihr fürchtet, der König könnte gegen Euch Gewalt anwenden?" fragte der Sekretär vorsichtig.
Becket zuckte mit den Schultern. "Zu viele schlechte Elemente umgeben den König. Gilbert Foliot, Roger von York und auch Arnulf von Lisieux, sind alles Elemente, die zu sehr von weltlicher Macht träumen, anstatt dem Wort Gottes zu folgen. Diese Geschöpfe, die sich Männer der Kirche nennen, sind wie Geier, die dem kranken Tier folgen, um an seinem Aas zu laben. Sie alle sind eines Brutus ebenbürtig. Dafür nehmen sie sogar in Kauf, dass der König, die Kirche unterwirft. Sie bemühen sich nicht einmal, seinen Versuchen alleiniges Oberhaupt, der weltlichen und geistlichen Macht zu werden, zu widersetzen. Sie opfern Gott nur um Ihres Machthungers willen."
Herbert von Bosham schwieg betroffen.
Thomas Becket war verbittert. Er verhehlte nicht, dass er sich verraten und isoliert fühlte. Sie näherten sich einer Abtei unweit von Northampton, wo sie nächtigten und freundlich aufgenommen wurden.
Am nächsten Morgen standen sie noch vor Morgengrauen auf und ritten weiter in die kleine Stadt Northampton. Da die Stadt und die Burg zu klein waren, um den königlichen Hof und das Gefolge des Erzbischofs aufzunehmen, trafen sich der König und der Erzbischof auf freiem Feld.
Es war ein kalter und nebliger Herbsttag. Und ebenso kühl fiel der Empfang aus.
Becket registrierte, dass der König ihm in Rüstung gegenübertrat und fragte sich, ob es zu dessen Einschüchterungstaktik gehörte. Der Atemhauch umspielte ihre Gesichter, als sie sprachen.
"Ich fordere Euch zum wiederholten Male auf, den Eid auf die Respektierung der alten Gewohnheiten ohne jeglichen Vorbehalt zu leisten", sagte der König und sah den Erzbischof herausfordernd an.
Dieser erwiderte den Blick. "Ich habe meinem bereits geleisteten Eid nichts hinzuzufügen", gab der Erzbischof kühl zur Antwort.
Heinrich verspürte wieder den Zorn in sich aufsteigen. "Ich frage mich, wie ihr Euch nach so vielen Beweisen meiner Zuneigung so undankbar zeigen könnt und zu einem unbeugsamen Widersacher geworden seid", meinte der König hitzig.
Becket verspürte für einem Moment so etwas wie Mitleid für den König. Er wußte, dass er daran litt, dass ihre Freundschaft zerbrochen war.
"Ich versichere Euch meine Treue. Es hat sich in meiner Freundschaft zu Euch nichts geändert. Aber ich kann diesen Forderungen, die der Heiligen Kirche schaden, nicht nachkommen."
"Ihr ändert Eure Meinung nicht?" wollte Heinrich wissen.
"Ich kann es nicht", antwortete Becket.
"Aber mehrere Bischöfe konnten es. Warum nicht ihr?"
"Ich kenne das Gewissen dieser Bischöfe nicht. Doch ich bin dem Herrn verpflichtet. Mein Gewissen läßt dies nicht zu."
"Und was ist mit Eurem Gewissen zu unserer Freundschaft, die ihr zerstört habt? Dem Dank, dem Ihr mir verpflichtet seid.?"
Becket schluckte. "Ich versichere Euch nochmals meine Freundschaft und meine Treue. Und über meinen Dank will ich nicht den Schatten eines Zweifels sehen. Aber ich kann, will und werde nicht einen Eid leisten, der der Kirche schadet."
Heinrich sah Becket lange schweigend an. Hatte er noch einen Funken Hoffnung gehabt, dass sich alles zum Guten wenden würde, so mußte er sie jetzt begraben. Becket gab nicht nach. "So habt Ihr die Verantwortung zu tragen, für alles was folgt", gab Heinrich zurück und wandte sich ab.
Ohne Ergebnis trennten sich die beiden mächtigsten Männer Englands und ritten mit ihrem Gefolge zurück. Das Gefolge des Königs ritt in die Burg zurück, das des Erzbischofes zurück zur Abtei, wo sie eine Rast einlegten, da Becket am Altar der Kirche ein Gebet sprechen wollte. Er eilte in die Kapelle, wo er sich vor dem Altar niederkniete und mit zitternden Lippen eine leises Gebet sprach.
"Herr Jesu im Himmel, gib mir die Kraft meine Angst zu überwinden. Laß mich nicht schwach werden. Ich fürchte mich vor dem Zorn des Königs, doch noch mehr fürchte ich meine eigene Angst, dass sie mich schwach und kraftlos, unterwürfig und feige macht. Hilf mir. Steh´mir bei. Amen."

Canterbury, Spätherbst 1163

Hilarius von Chichester suchte Thomas Becket mehrere Tage nach dem Zusammentreffen zwischen dem König und dem Erzbischof in Canterbury auf. Er fand den Erzbischof in der Sakristei der Kathedrale.
Es war bitterkalt und Hilarius rieb sich die Hände. Über Nacht hatte es geschneit und das Land unter einen weißen Decke begraben. Wenn er es nicht besser gewußt hätte, dann hätte man annehmen können, dass Land liege im völligen Frieden.
Thomas Becket war über den Besuch nicht sehr erfreut. Seit Hilarius sich dem König unterworfen hatte, verspürte er für Hilarius keine besonderen Sympathien mehr, auch wenn er ihm verziehen hatte. Er empfing den Bischof kühl und trat ihm beinahe abweisend gegenüber.
Hilarius wußte dies nur zu gut und bat flehentlich um Vergebung: "Ich weiß, Eminenz, dass Ihr mir zürnt, und ich bitte Euch um Vergebung, aber das Land und die Heilige Kirche befinden sich in
Aufruhr. Ich bin gekommen um Euch darum zu bitten, dass Ihr dem König huldigt, so wie er es wünscht. Ohne Vorbehalt."
Becket war an das Fenster getreten und sah hinaus. Ohne sich umzudrehen sagte er: "Euer Anliegen ist töricht. Aber da Ihr kein Mann von Mut und Ehre seid, verzeihe ich Euch. Ihr kennt meine Gründe weshalb ich es ablehne den Eid in der Form zu leisten. Die Kirche ist allein dem Papst und dem Herrn Jesu Christi unterstellt. Und sonst niemanden. Schon viele Herrscher haben versucht dies zu ändern. Auf Dauer ist es keinem gelungen. Und ich werde nicht derjenige sein, der die Kirche der weltlichen Macht preis gibt. Habt Ihr den beschwerlichen Ritt nach Canterbury unternommen, nur um mir dies zu sagen? Dann muß ich Euch enttäuschen, Ihr habt den Weg umsonst gemacht."

Hilarius trat näher und hob die Hände, wobei die Handflächen nach oben zeigten. "Ich habe Eure Achtung nicht verdient. Aber Eminenz, welchen Sinn und Zweck hat es, sich dem Zorn des Königs zuzuziehen?" fragte der Bischof von Chichester.
Becket verspürte so etwas wie Zorn in sich aufsteigen. "Seid Ihr denn so naiv? Der König will die Kontrolle über die Kirche. Heinrich, der weltliche Herrscher, will die geistliche Macht kontrollieren und nach seinem Belieben schalten und walten. Das habe ich doch oft genug erklärt. Er will die Äbte, Bischöfe und Priester einsetzen und absetzen können. Seht Ihr denn nicht, dass er Euch auch in Gefahr bringt. Wenn Ihr auch nur einmal Euch dem königlichen Willen nicht beugt, kann er Euch absetzen. Und vielleicht bestimmt er eines Tages auch noch, was von den Kanzeln zu predigen ist. Das ist es was der König erreichen will."
"Aber Ihr seid der einzige der so denkt. Niemand teilt mit Euch diese Befürchtungen. Die Heilige Kirche und der Papst sind stark genug, jedem Mißbrauch entgegenzutreten. Hat uns das Canossa nicht gelehrt? Ihr steht mit Eurer Ansicht alleine da. Warum wollen wir ihm die Rechte der alten Gewohnheiten aus der Zeit Eures Großvaters nicht zugestehen. Die Kirche ist dadurch nicht untergegangen."
Becket hatte sich ihm zugewandt und sah ihn durchdringend an. Dann sah er zum Kruzifix an der Wand. Hilarius war zwar ein Feigling, aber er hatte in diesem Punkt recht. Er stand alleine da. Inzwischen gab es fast keinen Geistlichen mehr auf der Insel, der noch zu ihm hielt. Man hatte ihm sogar berichtet, dass Arnulf von Lisieux ohne sein Wissen zum Papst gereist war, um diesen von den guten und ehrbaren Absichten des Königs zu überzeugen.
"Habt Ihr deshalb Arnulf von Lisieux zum Papst ins Languedoc gesandt? Wessen Erlaubnis hat er sich eingeholt? Wer schickt Euch? Gilbert Foliot? Der Erzbischof von York?" fragte Becket.
Hilarius antwortete ihm nicht, was Becket wiederum als Antwort genügte.
"Geht, Hilarius. Setzt Euch wieder auf Euer Roß und reitet nach Hause. Ich werde meine Meinung nicht ändern."
Damit ließ er den Bischof stehen und eilte verbittert an ihm vorbei und zog sich in sein Privatgemach zurück, wo er sich auszog und sich selbst geißelte.
Wenige Wochen später erreichte ihn ein Schreiben des Papstes. Der Inhalt des Schreibens traf Becket wie eine schallende Ohrfeige. Alexander III. schrieb ihm darin, dass eine Unterwerfung unter diesen Umständen ein rein formeller Akt sei. Nur dies sei der einzige Ausweg aus der Situation, wie sie nach Westminster entstanden sei.
"Du weißt, wie sehr Dir der Fürst zugetan war, und Du selbst hast ihm mit unbedingter Treue gedient. Die Bande, die durch diese Freundschaft entstanden ist und für die Heilige Kirche von Vorteil ist, sollte von Dir nicht zerschnitten werden", schrieb der oberste Hirte der Heiligen Kirche. Damit machte ihm der Papst unmißverständlich klar, dass er wünsche, dass Becket die Huldigung ohne jeden Vorwand leiste.
Daraufhin beschloß Becket nach Woodstock zu reiten, wo der König und die Königin zu dieser Zeit residierten. Als die Botschaft König Heinrich erreichte, dass Becket bereit war, den Eid zu leisten, rief er nach der Königin, die schnellstmöglich zu ihm in sein Arbeitszimmer eilte, wo er von zahlreichen Ratgebern umgeben war.
"Becket ist auf dem Weg nach Woodstock. Er wird morgen hier eintreffen und den Eid leisten. Ohne jeden Vorbehalt!" rief er triumphierend aus.
Eleonore ballte die rechte Hand zur Faust und rieb sie sich in der Handfläche der linken Hand. Ihre Augen leuchteten. "Eine wahrlich frohe Botschaft für Euch", meinte sie lächelnd.
"Ja, Ihr habt recht. Der Papst hat ihn dazu gezwungen."
"Und nun will Becket den Eid morgen leisten?" fragte sie.
Heinrich nahm sie bei den Händen. "Ja, und er wird es auch tun."
"Verzeih mir, aber die bedeutendsten Barone und Ritter sind zur Zeit nicht in Woodstock", meinte sie nachdenklich zu Heinrich.
"Und wenn schon", lachte er, "es wird überall im Lande verkündet werden."
Eleonore löste sich von Heinrich und wandte ihm den Rücken zu. Welch eine Schmach mußte dies für Becket sein. Sie witterte eine Chance, diesem aufgeblasenem und eingebildeten Erzbischof eine Schmach zuzufügen, die er nie vergessen würde. Wie lange hatte sie auf eine solche Gelegenheit warten müssen? "Wie lange und wie oft hat er Dich gedemütigt, mein liebster Gemahl? Nun, ich finde zu lange! Wäre es daher nicht angebracht, wenn Ihr von ihm verlangt, seinen Eid zum Hoftag zu Weihnachten vor allen Baronen und Edelleuten zu wiederholen? Für ihn wäre es eine Strafe, aber er könnte sich ihr nicht entziehen, nicht wahr?" fragte sie mit einem spöttischen Lächeln um die Mundwinkel.
Heinrich dachte einen Moment lang nach. "Ihr habt recht, Teuerste. Das wäre durchaus angebracht und so soll es geschehen."
Mit großem Gefolge traf Becket zwei Tage später in Woodstock ein und leistete den formellen Eid ohne jeden Vorbehalt.
Der König saß auf seinem erhöhten Thron und beugte sich zum Friedenskuß vor. Doch zu sehr hatte Becket ihn in den letzten Monaten öffentlich gedemütigt, als dass er die Huldigung so einfach akzeptierten wollte. "Die Beleidigung, die Ihr mir zugefügt habt, war öffentlich erfolgt. Aus diesem Grund werdet Ihr den Eid nach Weihnachten in Clarendon vor den Bischöfen und Baronen des Reiches, die ich dorthin befohlen habe, wiederholen."

Der Reichstag zu Clarendon, im Januar 1164

Die Festungsanlage von Clarendon lag etwa eine Meile von Salisbury entfernt. Schon in uralten Zeiten lebten hier Menschen, wie der Steinkreis von Stonehenge bezeugt, dessen Errichtung man dem Zauberer Merlin zuschrieb. Heinrich hatte nicht umsonst Clarendon als Ort der Reichsversammlung ausgewählt: Wo einst Merlin und König Artus das mächtige Reich der Briten schufen, da sollte er, Heinrich Plantagenet, als neuer Artus, der mächtige König eines neuen Reiches, hervorgehen.
Tiefer Schnee begrub die Landschaft unter sich und dunkle Wolken am Himmel kündigten weiteren Schneefall an.
Wie zu jeder Reichsversammlung war die Burg und der Große Saal festlich geschmückt. Prächtige Wandteppiche sollten die Zugluft verringern und in den Kaminen brannten große Feuer, die den Saal jedoch nicht viel erwärmen konnten. Fackeln brannten und ihr Ruß stieg nach oben. Man hatte frisches Stroh ausgestreut und Teppiche darüber gelegt.
Fast der gesamte Klerus und Adel erschien zum Reichstag. Ein jeder wollte sehen, wie der König Becket brach. Die Beweggründe waren dabei unterschiedlich Art: Gilbert Foliot und Roger von York waren von je her seine Feinde.
Die Bischöfe von Worchester, Salisbury und Winchester hofften aus Gründen der Vernunft und des Friedens darauf, dass Becket den Eid leiste. Sie befürchteten, der König könnte sonst sich zu einer Tat hinreißen lassen, die jeder bereuen würde. Würde er Becket gegenüber Gewalt anwenden, würde diese sich auch gegen dessen Anhänger richten.
Richard von Hastings, der Präzeptor der Tempelritter, wußte, dass jedes schlechte Licht, in welches die Kirche gerückt wurde, sich auch auf den Templerorden übertragen würde. Deshalb hoffte auch er, dass Becket den Eid leisten würde.
Einige Barone hatten seine kompromisslose Art, die königlichen Ländereien und Güter einzufordern nicht vergessen.
Doch als der Erzbischof schließlich unter dem großen Gefolge eintraf und in den großen Saal geleitet wurde, wobei er dem König und der Königin keines Blickes würdigte, sah man es ihm an seinem verkniffenen Gesichtsausdruck an, dass er durchaus nicht gewillt war, sich einer solchen öffentlichen Demütigung hinzugeben.
Die Reichsversammlung wurde eröfnet und Richard de Lucé übergab das Wort dem Erzbischof von Canterbury.
Als Becket dann schließlich eine Rede hielt, über das Wesen der alten Gewohnheiten, ihrer Entstehung, ihrem Umfang und ihrer Vereinbarkeit mit dem kanonischen Recht, und damit eine hitzige Debatte entfachte, sprang Heinrich wütend auf und schrie: "Eminenz, genug der Worte. Worte wurden schon genug gewechselt. Ihr werdet den Eid auf der Stelle und ohne jeden Vorbehalt leisten."
Wutentbrannt verließ Heinrich den Saal. Eleonore folgte ihm. Die Barone standen von ihren Sitzen aus und verfolgten die tumultartigen Szenen aufmerksam.
Entsetzt bestürmten die Bischöfe und der Präzeptor der Templer, Richard von Hastings, den Erzbischof.
"Seid Ihr denn von Sinnen?" flehte ihn Richard von Hastings unter Tränen an und drückte Becket den Unterarm so fest, dass es ihm schmerzte. "Ich flehe Euch an, leistet den Eid. Der König besteht doch nur auf Eure Unterwerfung, um sein Selbstwertgefühl zu befriedigen. Es ist eine Geste. Mehr nicht."
"Ich kann nicht", gab ihm Becket zur Antwort und versuchte sich von ihm zu lösen. Er war genervt und verzweifelt.
"Er war jahrelang Euer Freund", rief derBartholomäus von Exeter, "diese Eintracht habt Ihr gestört. Aber noch ist es nicht zu spät. Noch könnt Ihr sie wieder herstellen."
Diese Worte trafen tiefer als Dolchstiche. Becket hob die Hände schützend vor das Gesicht. "Wollt Ihr Euch sogar dem Wunsch des Papstes widersetzen?" rief ein anderer.
Die Debatte wurde stundenlang geführt und der Erzbischof von Canterbury erkannte, dass er offenbar keinerlei Rückhalt genoß. Selbst die treuesten Anhänger schienen sich von ihm abzuwenden.
Schließlich gab Becket entnervt auf. Seine Kraft schien von ihm zu weichen. Man sandte einen Boten an den König.
Minuten später hatten alle wieder ihre Stühle eingenommen. Auch Heinrich und Eleonore. In den Gesichtern der Bischöfe, der Barone und des Präzeptors der Templer lag eine große Spannung.
Schließlich trat der sichtlich geschwächte Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, vor das königliche Paar und leistete ohne jeden Vorbehalt den Eid. Becket entging nicht der triumphierende Blick in den Augen des Königs. Auch Eleonore versuchte erst gar nicht, ihr Triumphgefühl zu verbergen. Becket fuhr es durch den Kopf, wie sehr sie ihn doch verabscheuen mußte, wenn sie den Triumph so offensichtlich genoß.
Aus den Reihen des Klerus war ein deutliches Aufatmen zu hören. Der König gab einem der Geistlichen einen Wink. Dieser trat nun mit einer Schriftrolle vor und begann sie zu verlesen.
Becket war auf dem Weg zu seinem Stuhl erstaunt stehengeblieben. Was sollte das werden? Aufmerksam lauschte er den Worten des Geistlichen. Es waren sechzehn Artikel, die der König als die Konstitutionen von Clarendon ausriefen ließ. Mit jedem Artikel verwandelte sich das Erstaunen des Erzbischofs in Verwunderung, schließlich in Entsetzen und zuletzt in blanke Wut. Seine Augen flogen hin und her. Die Bischöfe, die ihm versichert hatten, dass alles nur rein formell sei, wichen beschämt seinem Blick aus. Mit einem Mal wurde Becket, die ganze Tragweite des Verrates bewußt.
Sie alle hatten den Inhalt des Dokumentes gekannt, vielleicht waren sie sogar bei der Abfassung beteiligt. Becket wandte sich zu dem Präzeptor der Templer, Richard von Hastings, um. Er erwiderte als einzigster den Blick. Becket erkannte, dass auch er das Dokument kannte. Er mußte bei der Abfassung dieses Dokumentes, den Konstitutionen, zwischen dem König und den Geistlichen vermittelt haben. Doch ganz ohne Zweifel hatten Roger von Pont´l-Évéque, Gilbert Foliot und Arnulf von Lisieux dem König schon im Vorfeld erklärt, dass sie die Konstitutionen anerkennen würden. Sie hatten nur ihren Einfluß beim König im Sinn. Und der stieg mit jedem Tag mehr, an dem Becket sich gegen den König erhob. Becket las in dem Blick des Templers, dass dieser um Entschuldigung bat. Aber der Erzbischof von Canterbury stand alleine und der Präzeptor würde und konnte auch gar nicht offen gegen diese Pläne einstehen. Becket kam sich plötzlich einsam und verlassen vor.
Die sechzehn Artikel besagten zum einen, dass Geistliche nur vor ein kirchliches Gericht gestellt werden könnten, um die Schuldfrage zu entscheiden. Würden diese für schuldig erklärt, dann würden sie vor ein weltliches Gericht gestellt und abgeurteilt werden. Im Artikel Acht erklärte sich der König als höchste Gerichtsinstanz. Die Anrufung der päpstlichen Kurie wurde untersagt. Im dreizehnten Artikel wurde erklärt, dass der König entscheiden würde, wenn ein Großer des Reiches sich dem erzbischöflichen Urteil widersetzen würde. Zum anderen besagten die Konstitutionen, dass es keinem Bischof mehr erlaubt wurde, das Land ohne Zustimmung des Königs zu verlassen, welches im vierten Artikel verkündet wurde. Im siebten Artikel verfügte der König, daß eine Exkommunizierung gegen Kronvasallen und Mitglieder des königlichen Hofes nur mit Zustimmung des Königs ausgesprochen werden darf.
Man hatte Becket völlig überrumpelt. Schließlich stand der König auf und forderte Becket und seine Amtsbrüder auf, zur Sicherheit ihren Siegel unter das Dokument zu setzen. Heinrich würde mit der Besiegelung die Heilige Kirche in England völlig unterwerfen. So mächtig war noch kein König vor ihm gewesen.
Ohnmächtig mußte Becket mit ansehen, wie ein Bischof nach dem anderen sein Siegel unter das Dokument setzte.
"Was ist mit Euch, verehrter Erzbischof?" rief Heinrich triumphierend aus.
Der Erzbischof schüttelte den Kopf, als wolle er sich von einem Alptraum befreien. "Sind das die alten Gewohnheiten, von denen Ihr immer gesprochen habt?" fragte Becket zornig. Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte Becket dem König zu: "Niemals zuvor hat es solche Gesetze oder Gewohnheiten in England gegeben. Ich rufe den allmächtigen Gott zu meinem Zeugen: Solange ich lebe, werde ich mein Siegel niemals unter eine solche Urkunde setzen!"
Damit löste der Erzbischof einen Tumult aus. "Seid Ihr denn wahnsinnig?" rief Hilarius von Chichester aus, der Becket am Arm ergriff, "Ihr habt den Eid geleistet. Wollt Ihr ihn brechen?"
Unwirsch stieß der Erzbischof den Bischof von Chichester zur Seite und knurrte so etwas wie "Verräter" und trat vor den König, der ruhig und gelassen den Vorgängen zugesehen hatte.
"Dieses Dokument ist der Beweis Eurer bösen Absichten", rief Becket, "Ihr gebt Euch nicht mit der weltlichen Macht zufrieden. Nein, Ihr wollt alle Macht auf Erden. Ihr beleidigt Gott und die Heilige Kirche!"
Heinrich atmete tief durch und sah ihm dann fest in die Augen. "Ich werde nicht darauf bestehen, dass Ihr Euer Siegel darunter setzt. Ich habe Euren Eid, den Ihr vor allen hier öffentlich geleistet habt. Eure Untergebenen haben Ihr Siegel daruntergesetzt. Es ist nicht zwingend notwendig, dass Ihr Euers auch daruntersetzt", sagte er vollkommen ruhig, erhob sich und verließ den Saal.

Becket wandte sich zornig um und verließ den Saal ebenfalls. Ohne einen Augenblick zu zögern, verließ er mit seinem Gefolge die Festung von Clarendon. Schweigend ritt Thomas Becket seinem Gefolge voraus, welches ihm in betrübter Stimmung folgte.
Becket war tief getroffen. Er hatte eine schwere Niederlage erlitten. Zwar fehlte sein Siegel unter dem Dokument, doch er stand alleine gegen alle. Und er fühlte sich für diesen Zustand verantwortlich. Hatte er nicht versagt die Einheit des Klerus zu erhalten? Wie lange würde er sich dem Druck beugen können? Natürlich wußte Heinrich sehr wohl, dass das Dokument ohne dem Siegel des Erzbischofs nicht viel wert sein würde, aber er war in seiner Position gestärkt. Und alles sprach im Moment dafür, dass er nicht nur die Schlacht, sondern auch den Krieg gewinnen würde.
Einige Meilen von Clarendon entfernt schloß sein Sekretät Herbert von Bosham zu ihm auf. Als Becket seinen Sekretär an seiner Seite bemerkte, brach er in Tränen aus.
"Was habt Ihr denn?" fragte Bosham besorgt und nahm den Zügel des Erzbischofes, der von Weinkrämpfen geschüttelt wurde.
"Das fragt Ihr? Ich habe heute verschuldet, dass die Kirche von England der Sklaverei verfallen ist. Meine Vorgänger haben sie mit Vorsicht geführt und alle Klippen umsegelt, die auf ihrem Wege kreuzten. Doch statt über ihre Feinde zu triumphieren liegt sie in Ketten. Und ich trage die Last der Schuld. Ich fühle, dass Gott mich ganz und gar verlassen hat. Ich verdiene nichts anderes als aus dem Amt gejagt zu werden. Ich bin diesem Amt nicht würdig. Ich komme nicht aus der Schule des Herrn, sondern aus dem Palast des Cäsar."

Palast von Woodstock im Frühjahr 1164

Heinrich Plantagenet hatte allen Grund zufrieden zu sein. Er hatte in Clarendon einen großen Sieg errungen, wenngleich es kein vollständiger Sieg über Becket war.
Eleonore, die vor kurzem wieder in ihr geliebtes Poitou aufgebrochen war, trug ein weiters Kind von ihm in ihrem Leib, welches sie in einer leidenschaftlichen Nacht gezeugt hatten. Seine Liebe zu Eleonore war ungebrochen, obwohl er sich von Rosamunde nicht trennte. Im Gegenteil, er ließ Rosamunde nach Woodstock bringen, wo man sie in einen Teil des Palastes unterbrachte. Heinrich weilte nun öfters in Woodstock und schon bald machten die Gerüchte die Runde. Diese Gerüchte waren auch Eleonore nicht verborgen geblieben. Sie hörte, dass Heinrich seit geraumer Zeit eine Mätresse halten sollte. Bislang hatte sie seine Seitensprünge hingenommen, waren es doch jedesmal verschiedene Frauen. Teilte eine von diesen mehr als zwei Nächte das Bett des Königs, dann war dies schon außergewöhnlich. Doch dieses mal hörte sie, dass Heinrich bereits seit mehreren Monaten eine Mätresse hielt. Dies hatte sie beunruhigt. Doch eine ungewohnt schlechte Ernte in Aquitanien im letzten Herbst hatte zu erheblichen Mängeln unter der Bevölkerung gesorgt. Bevor Eleonore den Gerüchten nachgehen konnte, reiste sie nach Poitiers ab. Man befürchtete Unruhen und sogar eine Hungersnot.
Rosamunde hatte sich gewandelt. Seit geraumer Zeit blühte sie auf und war nicht mehr so ruhig und zurückhaltend, wie in der ersten Zeit. Sie spürte, dass Heinrich sie auf keinen Fall mehr verlieren oder aufgeben wollte. Und auch Walter de Clifford und seine Gemahlin schienen erleichtert. Heinrich hatte ihnen diskret eine hohe Geldsumme als Entschädigung zukommen lassen und sie zusätzlich mit einigen Ländereien belehnt.
Kaum im Poitou angekommen, wurde Eleonore berichtet, dass der Graf von Poitou und Bruder des Königs, Wilhelm, verstorben sei. Sie sandte sofort einen Boten nach England, der dem König die traurige Nachricht überbringen sollte. Dieser war von dem Tod des Bruders sehr betroffen und sprach für ihn ein Gebet in der Palastkirche.
Nur wenige Tage, nachdem der Bote aus dem Poitou die traurige Nachricht überbracht hatte, wandte Heinrich seine Aufmerksamkeit wieder auf den Erzbischof von Canterbury. Man hatte ihm berichtet, dass Becket einen langen Brief an den Papst geschrieben, indem er von ihm die Absolution für den geleisteten Eid verlangte, den er in einem Augenblick der Schwäche geleistet habe. Daraufhin hatte der König vorsorglich den Bischof Arnulf von Lisieux zum Papst gesandt, der noch immer auf der Flucht vor dem Stauferkaiser in Frankreich weilte. Mit reichlich Gold für den Papst ausgestattet, eilte der Bischof von Lisieux nach Sens, wo er seit dem letzten Oktober weilte.
Arnulf von Lisieux befolgte den Auftrag mit größtem Eifer, erfreute er sich doch wieder der Gunst des Königs. Heinrich bat den Papst über Arnulf, dass er, Alexander III., dem Erzbischof von Canterbury einschärfe, die alten Gewohnheiten und Privilegien zu achten. Außerdem verlange der englische König die Einsetzung vom Erzbischof von York zum päpstlichen Legaten.
Als Arnulf von Lisieux wieder in England eintraf, eilte er nach Woodstock, wo er den König an einem sonnigen, aber kalten Frühlingsnachmittag in den Irrgärten des Palastes fand. Heinrich trug einen schweren Pelz und lederne Handschuhe. Rosamunde war bei ihm. Als der Bischof ihnen entgegentrat, gab Heinrich Rosamunde einen Wink, die sich daraufhin entfernte.
Der Bischof verneigte sich tief und lächelte siegessicher. "Ich habe frohe Botschaften für Euch."
"Sprecht", forderte Heinrich ihn auf.
"Majestät, der Papst ist dem Gold erlegen und ist Eurem Wunsch gefolgt und hat Roger von York zu seinem Legaten ernannt. Allerdings hat er den Erzbischof von Canterbury die Absolution erteilt und von der Jurisdiktion des Legaten ausgenommen. Aber ich glaube, Becket wird sich Euren Wünschen und denen des Papstes nicht mehr lange widersetzen können."
Heinrich zeigte keine Regung. Das Ergebnis befriedigte ihn nur zum Teil. "Es war nicht zu erwarten, dass Alexander das Gold nehmen würde. Doch offenbar geht es ihm nicht gut."
"Der Papst hat das Quartier eines einfachen Menschen. Seine Macht und Pracht kann Alexander nicht entfalten. Er benötigt das Gold für seinen Kampf gegen den Staufer."
"Wie hat der Erzbischof reagiert?" wollte Heinrich wissen.
Arnulf von Lisieux verzog den Mund. "Wie man hört ist er sehr verbittert. Alexander hat ihm einen langen Brief geschrieben, aber er ist vorsichtig formuliert."
"Wißt Ihr was darin steht?"
Der Bischof lächelte. "Oh, ein Schreiber in der Kurie ist mir sehr entgegenkommend gewesen. Papst Alexander erklärt dem Erzbischof darin, dass er die Forderungen, die Ihr gestellt habt, nicht vollständig erfüllen wollte. Aber um den Streit nicht weiter anzufachen, habe er dem Wunsch entsprochen, und Roger von York zum Legaten ernannt. Canterbury und der Erzbischof würden selbstverständlich nicht von der Jurisdiktion betroffen sein."
"Damit ist der Erzbischof völlig isoliert", stellte Heinrich fest.
"Genau so ist es!"

Kapitel 6


Die englische Küste, 1164

Becket bestieg das Schiff. Es war nur ein kleiner Segler. Er betete um günstigen Wind. Schon in der Nacht zuvor hatte er versucht, den Kanal zu überqueren. Doch der Wind hatte sie zurückgetrieben.
Der Kapitän trat auf den Erzbischof zu, der sich zur Tarnung einfache Kleider angezogen hatte. "Es ist der gleiche Wind, wie in der letzten Nacht."
Becket sah den Mann an. Er hatte offensichtlich Angst. Für einen Moment erfaßte Mitleid den Erzbischof. Schließlich riskierte er sein Leben. Würden sie entdeckt werden, würde dieser des Hochverrates angeklagt werden, was dem Todesurteil gleich käme. "Wir werden es versuchen, versteht ihr?"
Der Kapitän zögerte für einen Moment und schüttelte dann mißmutig den Kopf. "Na schön, Ihr habt gut gezahlt. Deshalb werden wir es nochmals versuchen. Aber es ist der letzte Versuch."
Becket nickte. Sie segelten los. Becket dachte an die vergangenen Wochen zurück. Ein weiterer Brief hatte ihm zu diesem Entschluß gebracht, England zu verlassen. Johannes von Salisbury, dem Becket vertraute, hatte sich vergeblichst darum bemüht, Unterstützung durch den Papst zu gewinnen. Schließlich war es der Bischof von Poitiers, der Becket ebenfalls unterstützte; der ihm in einem Brief
mitteilte, dass er von der Kurie nichts zu erwarten habe. Diese fürchtet sich vor dem Zorn des Königs, auf dessen Unterstützung sie im Kampf gegen Kaiser Friedrich angewiesen war.
Es war bis an den päpstlichen Hof vorgedrungen, dass Heinrich und Eleonore mit dem Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich Welf, genannt der Löwe - und treuer Vasall des Kaisers, später erbitteter Gegner des Kaisers - in Verhandlungen standen, mit dem Ziel, die achtjährige Tochter Mathilde mit dem Herzog zu verloben.
Daraufhin hatte Becket den König in Woodstock aufsuchen wollen, mit dem Ziel sich auszusöhnen. Doch Heinrich hatte ihn gar nicht erst empfangen. Dies bedeutete für Becket, dass seine Zeit am Ablaufen war. So reifte in ihm die Idee zur Flucht.
Doch schon nach drei Stunden mußten sie aufgeben. Der Wind trieb sie erneut zurück. Becket versuchte zwar noch den Kapitän umzustimmen, doch dieser schüttelte verärgert den Kopf.
"Nein, es hat keinen Zweck. Wir kehren jetzt um. Ich bin nicht bereit mein Leben und das meiner Leute weiter zu riskieren."
Becket war niedergeschlagen und verzweifelt. War es sein Schicksal? Doch es kam noch schlimmer: Einer der Seeleute verriet den Fluchtversuch dem Sheriff, der sofort den König informierte.
Als man ihm die Botschaft überbrachte, geriet Heinrich II. so in Rage, dass er einen seiner Anfälle der `schwarzen Galle´ bekam. Als er sich beruhigt hatte, befahl er, dass man Becket sofort auffordern solle vor ihm zu erscheinen.
Als Becket Tage später vor dem König in Woodstock erschien, war dieser in denkbar schlechter Stimmung. Finster sah er den Erzbischof an, der vor ihm stand und seinem Blick stand hielt. Schließlich meinte Heinrich: "So, Du willst also mein Königreich verlassen? Ich nehme an, weil es für uns beide nicht groß genug ist?!"

April 1164

Am 20. April verstarb der Gegenpapst Viktor IV. Damit endete jedoch keineswegs das Schisma. Die stauferfreundlichen Kardinäle wählten Paschalis III. zum neuen Gegenpapst.
Alexander III. hatte seinen Sitz im Languedoc inzwischen verlassen und residierte nun im Kernland des französischen Königreiches, in Sens.

Woodstock, 1164

Eleonore war wieder nach England zurückgekehrt. In Woodstock, ihrer Lieblingsresidenz, empfing sie der König mit Freuden. Heinrich hatte bei dem Eintreffen des Boten, der die Ankunft von Eleonore ankündigte, Rosamunde in den Palast von Bermondsey bringen lassen.
Es war ein sonniger Tag. Keine Wolke war am Himmel zu sehen und die Bauern und Dorfbewohner der umliegenden Höfe und Dörfer waren auf den Feldern.
"Willkommen in England, meine Teuerste", begrüßte Heinrich die Königin und half ihr aus der Sänfte, "ich hoffe Ihr hattet eine gute Reise. Wo ist Richard?"
"Seid gegrüßt", antwortete ihm Eleonore lächelnd und fiel ihm in die Arme. "Die Reise war anstrengend. Richard habe ich in Poitiers gelassen. Er ist nun unter der Obhut des Bischofs. Ich habe Euch gute Nachrichten zu überbringen", sagte Eleonore und löste sich von Heinrich und befahl, dass man ihr Gepäck entladen und in ihre Gemächer bringen sollte. "Es ist schön wieder hier zu sein. In Aquitanien herrscht große Not. Die Ernte war furchtbar."
Heinrich führte sie in den Irrgarten des Palastes. Eleonore war nach einer langen und anstrengenden Reise meistens über einen Spaziergang durch den Garten sehr dankbar.
"Ich habe schon den Befehl gegeben Getreide zu liefern. Die ersten Schiffe müssten bereits ausgelaufen sein", antwortet Heinrich.
Sie legte ihm dankbar eine Hand auf den Unterarm. "Ja, man hat mir berichtet, dass sie wohlversehrt eingetroffen sind. Ich danke Dir dafür."
Heinrich riß ein ein Paar Blätter ab und zerriß sie zwischen den Fingern. "Du hast gute Nachrichten?" fragte er um sie auf ihre Eingangsbotschaft zu bringen. Er trat hinter sie, umarmte sie und flüsterte ihr ins Ohr: "Wollt Ihr sie mir nicht mitteilen?"
Sie wog den Kopf hin und her. "Warum nicht?! Es sieht so aus, als würde Heinrich der Löwe, einer Verlobung mit unserer Tochter Mathilde zustimmen."
Heinrich drehte Eleonore zu sich um. Er hielt sie an den Oberarmen fest. "Eleonore, was Du da sagst, ist in der Tat eine gute Botschaft."
"Noch hat er nicht eingewilligt, aber er ist nicht abgeneigt. Er hat sehr wohl erkannt, dass er mit Dir einen mächtigen Verbündeten gewinnt. Immerhin bist Du nach dem Kaiser, der mächtigste Herrscher in Europa. Die Verlobung unseres Sohnes Heinrich mit der französischen Prinzessin Margarete ist auch keine zu verachtende dynastische Verbindung mit dem französischen Geschlecht der Capets."
"Und wenn Ludwig keinen Sohn mehr bekommt, kann Heinrich nicht unerhebliche Ansprüche auf die Krone erheben. Zwar ist Margarethe in der Erbfolge am Schluß, aber..."
"...aber wieviele Königinnen sind schon im Kindbett verstorben", vollendete Eleonore den Satz, "bleibt die Frage, wie der französische Adel reagieren würde, wenn sie vor der Wahl stünden, einem aus dem Hause Champagne-Blois oder einem aus dem mächtigen Haus Anjou Unterstützung zu gewähren. Sicherlich würde mit Heinrich Frankreich gestärkt hervorgehen."
"Ja, das würde es. Und bei einer Heirat von Mathilde mit dem Welfen, Heinrich dem Löwen, würde das Geschlecht der Anjou in enge Verbindung mit dem Kaiserreich treten."
"Herzogin von Sachsen und Bayern. Kaiser Friedrich wird seinen Kanzler nach Rouen senden. Er ist an einer Vermählung sehr interessiert. Es stärkt seinen größten Untertan und sich im Kampf gegen den Papst. Die mächtigsten Reiche in Europa stünden sich durch diese Vermählung sehr nahe. Und
spätestens dann ist Frankreich nur noch ein Schattenreich. Dann steht dem Hause Anjou die Tür zur französischen Krone weit offen."
"Meine liebe Eleonore, aus Deinem Schoß ist eine Brut entsprungen, die eines Tages so mächtig sein wird, wie Augustus."
Sie lachte. Dann wurde sie ernst und legte ihm die Hände auf die Brust. "Doch was macht Becket? Ich habe gehört, er hat versucht zu fliehen?"
Heinrichs Miene verdunkelte sich. "Ja, das hat er. Das Wetter machte ihm die Flucht jedoch unmöglich."
"Du hast ihn dann hierher gerufen?"
Er nickte. "Ja, und er ist auch erschienen. Ich habe versucht mit ihm zu reden. Doch er blieb stur und unverbesserlich. Ich hatte ihn gefragt, ob er England deswegen verlassen wolle, weil es für uns beide nicht groß genug ist. Und er hat geantwortet, dass er seine Treue zu mir nie in Frage stellen ließ. Aber als Erzbischof könne und wolle er den Konstitutionen nicht zustimmen. Ich habe ihn dann gefragt, ob er denn keine Angst habe als Hochverräter angeklagt zu werden? Seine Antwort war typisch. Er unterstelle sich ganz der Macht, der Liebe und dem Schutz des Herrn."
"Wirst Du ihn anklagen?"
"Ich habe ihn auf den 06. Oktober nach Northampton zu einer Reichsversammlung eingestellt."
"Aber dort ist doch nicht genug Platz für alle", wandte Eleonore ein.
"Die Burg wurde ausgebaut. Zum nächtigen ist immer noch nicht genug Platz da, aber der Große Saal dürfte jedem Platz bieten. Und ich vermute, dass sehr viele kommen werden."
"Richard de Lucé hat mir erzählt, dass es Ärger um ein unbedeutendes Stück Land gegeben hat, auf das Johann de Marshal vom königlichen Schatzamt Anspruch erhoben hatte."
Heinrich sah seine Gemahlin mit einem leichten Erstaunen an. "Ihr seid gut informiert, Teuerste. Ja, es stimmt. Das besagte Stück Land gehört angeblich zum erzbischöflichen Landsitz Pagenham. Ein kirchliches Gericht, hatte die Klage abgewiesen. Also ging der Fall gemäß den Konstitutionen an ein königliches Gericht, zu dem der Erzbischof nicht erschienen ist. Auch dies wird am 06. Oktober behandelt werden müssen."
Eleonore wog den Kopf hin und her. "Du hast da nicht Deine Hand im Spiel gehabt, so wie sich es die Leute erzählen? Immerhin soll es ein ziemlich unbedeutendes Stück Land sein."
Heinrich ergriff ihre Hand und meinte: "Du redest zuviel. Laß uns an einen Ort gehen, wo wir unter uns sind."
"Aber das sind wir doch!" rief sie lachend, ließ sich aber widerstandslos mitziehen und bemerkte nicht, dass der König damit ihrer Frage geschickt ausgewichen war.

Northampton im Oktober 1164

Die Reichsversammlung zu Northampton stand für Becket von Beginn an unter einem schlechten Omen. Zunächst waren die Quartiere im Kluniazenserkloster des heiligen Andreas, in denen Becket mit seinem Gefolge üblicherweise abstieg, von den Männern Wilhelms von Courcy, dem Justitiar der Normandie, belegt. Dann wurde die Begegnung zwischen dem König und dem Erzbischof verschoben, weil der König auf der Jagd war. Becket wußte, dass es sich hierbei um gezielte Provokationen handelte. Aber erst als der König ihm am Tag darauf auf seine Beschwerde hin barsch erklärte, dass er für seine mißliche Lage, was die Quartiere anbetrifft, nichts tun könne, und zudem auch noch erklärte, dass erst am darauffolgenden Tag mit dem Eintreffen von Johann de Marshal zu rechnen sei, und bis dahin nichts geschehe, ahnte Becket, was ihn erwartete.
Am Donnerstag, den 08. Oktober trat Becket vor den versammelten Adel und Klerus im großen Saal der Festung von Northampton. Erwartungsgemäß hatten sich fast alle Barone und Kleriker eingefunden. Wie immer saßen Eleonore und - der inzwischen neunjährige - Heinrich der Jüngere an der Seite des Königs. Nur langsam legte sich die Unruhe im Saal.
Thomas Becket war im vollen bischöflichen Ornat gekleidet und sprach kein Wort. An seiner Seite war sein Sekretär Herbert von Bosham.
Richard de Lucé verlas die Anklage: "An die Edlen des Reiches, dem Klerus und an alle tapferen
Ritter. Es ergeht die Anklage, dass der ehrwürdige Erzbischof von Canterbury seine Lehnspflichten auf das Gröbste verletzt hat, indem er einer Aufforderung durch den von Gottes Gnaden eingesetzten König Heinrich von England, Herzog der Normandie und Aquitanien, Graf von Anjou, nicht Folge leistete und vor ihm erschien. Desweiteren verstieß Thomas Becket gegen seine Lehenspflichten und widersetzte sich den Konstitutionen von Clarendon, indem er ohne Einwilligung des Königs versucht hatte, England zu verlassen. Gemäß dieses Vergehens und der damit verbundenen Strafe sollen sämtliche Ländereien des Erzbischofs konfisziert werden und an die Krone übergehen."
Ein Raunen ging durch die Menge. Dies war eine drastische Strafe. Besonders in den Reihen des Klerus war die Empörung groß, was Becket zufrieden zur Kenntnis nahm. Er selbst verzog keine Miene. Mochte er viele Feinde im Klerus haben, diese Anschuldigungen, insbesondere die königliche Verfügung, ging dem Klerus nun doch zu weit. Es war völlig unangemessen und würde Heinrich nur Widerstand einbringen.
Becket sah den König ruhig an und erhob mit gefaßter, aber kräftiger Stimme Protest. "Ich protestiere energisch dagegen. Ich stehe nicht in der Pflicht eines Vasallen gegenüber des Königs." Bei diesen Worten erhob sich ein Raunen im Saal. Becket erhob die Hand, damit man ihm weiter Gehör schenke. "Jedenfalls nicht in der Form, wie sie hier dargelegt wird. Ich werde jederzeit meine Pflichten bezüglich der Waffenhilfe und Abgaben - mit Ausnahme des danegeldes - an die Krone erfüllen. Doch diese Anschuldigungen dienen nur, um die wahren Hintergründe zu verschleiern. In Wirklichkeit geht es doch nur darum, der Kirche zu schaden. Und warum? Weil ich mich einer völligen Unterwerfung verweigere. Weil ich nicht geneigt bin, dem König Vasall zu sein. Der König kann nicht das Oberhaupt der Kirche in England sein. Völlig unabhängig von der Stellung des Bistums York zu Canterbury. Ich appelliere an seine Majestät, nicht voreilige Handlungen zu vollziehen, die er zu einem späteren Zeitpunkt bereuen könnte."
Heinrich sprang wütend von seinem erhöhten Thron auf. "Wollt Ihr mir drohen?" rief er aus und sah Becket herausfordernd an.
Doch bevor Becket eine Antwort geben konnte, hatte sich der König an die versammelten des Adels und Klerus gewandt. "Der Erzbischof von Canterbury hat sich eines Vergehens gegen die Krone schuldig gemacht. Die Krone ist das Gesetz. Es muß daher eine Strafe ausgesprochen werden. Und ich verlange von der Versammlung, dass dieses Urteil von dieser getragen wird! Recht und Ordnung im Land ist der Wille Gottes. Denn nur dort wo Recht und Ordnung herrscht, herrscht auch Gerechtigkeit. Ihr alle habt gesehen, wie ungeheuerlich der Erzbischof von Canterbury die königliche Rechte untergraben zu versucht. Von dem Tage der Erhebung des danegeldes bis zum heutigen Tag, hat sich Becket der Krone widersetzt."
Doch er konnte die Barone und Geistlichen nicht überzeugen. Einer nach dem anderen erhob sich und erklärte sich auf ihren jeweiligen Stand für nicht zuständig.
Dies traf Heinrich völlig unerwartet und wutentbrannt befahl er Heinrich von Blois, Bischof von Winchester, sein Urteil zu verkünden. Der alte Bischof von Winchester, Heinrich von Blois, erhob sich mühselig. Sein Blick traf sich mit dem von Becket. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und rief: "Nachdem sich ein jeder für nicht zuständig erklärt hat, ist es mir nicht möglich ein Urteil für den Stand der Geistlichkeit zu sprechen."
Doch Heinrich durchschaute sein Spiel. "Eine diplomatische Antwort, aber diese ist hier nicht angebracht und erwünscht. Ich frage Euch daher: Wie ist Euer Urteil?"
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Becket gehofft, in dem alten Bischof eine unterstützende Kraft zu haben. Doch man sah es Heinrich von Blois an, dass er müde war. Seine Augen schienen um Vergebung zu bitten. Doch kam dieser Wunsch von Herzen? Trotz des Alters dürfte Heinrich von Blois noch immer mit dem erzbischöflichen Stuhl von Canterbury liebäugeln. "Ich habe die Konstitutionen von Clarendon per Wort und Siegel anerkannt. Nach diesem ist Thomas Becket schuldig."
Heinrich nickte zufrieden. Becket senkte enttäuscht den Kopf.
Heinrich stand auf und rief: "Desgleichen verlange ich die Rückerstattung von 300 Pfund, die Ihr für Eure Obhut der Schlösser Eye in Suffolk und Berkhampstead in Hertford erhalten habt", fuhr König Heinrich fort, wild entschlossen, den Stachel noch tiefer ins Fleisch zu stoßen und damit zu verdeutlichen, wer das Reich regierte.
Becket war sprachlos. An den Gesichtern der Barone und der Bischöfe erkannte er, dass auch sie über die Forderungen empört waren.
"Majestät, als ich im Dienste der Krone war, tätigte ich größere Ausgaben. Unter anderem für die Reparatur des Towers. Nie habe ich eine Münze zurückverlangt. Aber ich möchte jetzt nicht streiten, ob Ihr dazu Eure Zustimmung gegeben hattet oder nicht. Ich werde die von Euch geforderte Summe von 300 Pfund bezahlen", sagte er schließlich um Fassung ringend.
Nun geschah etwas, was Becket nicht mehr für möglich gehalten hätte, und auch Heinrich war völlig überraschte, als sich ein Geistlicher nach dem anderen erhob und sich als Bürge erklärte. Alle bis auf einen: Gilbert Foliot, der Bischof von London.
Zähneknirschend nahm dies Heinrich zur Kenntnis und erklärte für diesen Tag die Versammlung für beendet. Man hörte später, dass er vor Wut getobt haben soll.

Kapitel 7


Reichsversammlung in Northampton, Oktober 1164

In den darauffolgenden Tagen erhob der König weitere Forderungen, die nichts anderes zum Ziel hatten, als Becket zu ruinieren. Er spürte, dass die Barone dem geforderten Urteil noch nicht zustimmen würden - es sei denn, der Klerus werde diesem zustimmen. Noch einmal würden sich die Prälaten einem Urteil nicht entziehen können. Der Konflikt spitzte sich zu, und die Barone und Geistlichen verfielen zunehmend in Schweigen. Ein Stimmungsumschwung war zu spüren. Man begann sich zu fragen, ob es nicht besser wäre, Becket als "Bauernopfer" zu betrachten, als dass der gesamte Klerus unter dem Streit Schaden nahm. Allen voran erhob Gilbert Foliot die Zweifel.
Verzweifelt versuchte Becket in stundenlangen Diskussionen den Klerus auf seine Seite zu ziehen. "Was der König bezweckt, ist Zwietracht zu säen. Und Ihr, Gilbert Foliot, fallt darauf hinein. Oder ist es der Haß, den Ihr gegen mich hegt? Seht Ihr denn nicht, dass Ihr einen Präzedenzfall schafft? Wer von Euch ist der nächste? Der König wird jeden angreifen, der zu viel Macht in der Kirche besitzt."
Einige der Bischöfe konnten der Argumentation folgen, fürchteten sich jedoch vor dem Zorn des Königs. Becket spürte dies und sah sich endgültig jeden Rückhaltes beraubt. Nach etwa einer Woche brach sein Körper zusammen und er lag krank darnieder. Sein Körper rebellierte gegen ihn und verhinderte eine weitere Teilnahme an dem Reichstag . Der König mißtraute Becket und vermutete eine List. Er sandte Richard de Lucé zum Kloster um nachzusehen, ob die Krankheit nur ein Vorwand sei oder nicht. Richard de Lucé fand an der Seite des Krankenbettes den Erzbischof von Poitiers, Johannes von Belméis, der ein langjähriger Freund des Erkrankten war.
"Der König möchte sich vergewissern, wie es um den Erzbischof von Canterbury geht", meinte Richard de Lucé und trat vor das Bett.
Johannes von Belméis war empört. "Wer hat Euch hereingelassen? Oder habt Ihr Euch gar gewaltsam Zutritt verschafft?"
Der Abt des Klosters stand hinter dem Justitiar und sah verschämt zu Boden. Der Erzbischof von Poitiers warf einen bösen Blick auf den Abt. Dann wandte er sich wieder an den Justitiar. "Thomas Becket geht es sehr schlecht. Er hat Fieber. Berichtet das dem König und vergeßt nicht ihm zu sagen, dass dies eine überflüssige Provokation sei. Und nun geht, der Kranke braucht Ruhe."
Richard de Lucé nickte langsam. Er hatte genug gesehen um zu wissen, dass der Bischof die Wahrheit sprach.
Doch bereits am nächsten Tag stand er vom Bett wieder auf. Der König hatte ihm mitteilen lassen, dass am nächsten Tag über seine Schuld oder Unschuld entschieden werde. Er könne dieser Entscheidung nur durch völliger Unterwerfung entgehen.
Becket sah blaß und geschwächt aus, als er am 13. Oktober im Kloster des heiligen Andreas zur Prim die Messe las. Er hatte das bischöfliche Ornat und Pallium angelegt. In einer eindringlichen Messe ermahnte er die Bischöfe, die anwesend waren, dass es ihre Pflicht sei, ihm zu gehorchen. Sie dürften nicht an der Verhängung eines Urteils gegen ihn mitwirken. Im Falle eines Verstoßes müsse er Kirchenstrafen aushängen. Bei diesen Worten sah er Heinrich von Blois an. Dieser hatte sich bei Becket entschuldigt mit dem Hinweis, dass er nicht anderes sagen konnte, als was er per Wort und Siegel anerkannt hatte.
Die Bischöfe rutschten unruhig auf ihren Sitzen hin und her.
"Ich fürchte, die Worte wird Gilbert Foliot nicht hören", meinte Bartholomäus von Exeter leise zu Heinrich von Blois. Er spielte darauf an, dass nur ein Teil der Bischöfe der Frühmesse beiwohnte. Gilbert Foliot fehlte ebenso wie Roger von York.

Nach Beendigung der Messe nahm Becket das Prozesionskreuz und stieg auf das Pferd. Langsam ritten sie zur Festung von Northampton. Nur Heinrich von Winchester, Herbert von Bosham und Bischof Jocelin von Salisbury folgten ihm.
Vor dem Eingang zum großen Saal, indem die Barone bereits Platz genommen hatten, traf Becket auf Gilbert Foliot, der beim Anblick des Erzbischofs hämisch grinste. "Ihr tragt das Kreuz wie ein Schwert, wollt Ihr den König einschüchtern?" meinte er spöttisch.
Becket blieb stehen und sah ihn lange an, bevor er wortlos an ihm vorbeiging. Becket setzte sich an seinen Platz und nach und nach folgten ihm alle Prälaten. Doch kaum hatten sich die Prälaten niedergelassen, als ein Herold erschien und verkündete, dass sie alle auf Befehl des Königs in den ersten Stock gehen sollten, wo sie über die Anklage abschließend beraten sollten.
Becket blieb mit einigen wenigen Getreuen - unter ihnen war Herbert von Bosham - zurück. Als ihm Herbert von Bosham Mut machen wollte, wurde dieser von der Wache angefahren, dass es niemanden gestattet sei, mit dem Erzbischof zu reden. Daraufhin brach einer der Getreuen in Tränen aus. Die Atmosphäre war zum zerreißen angespannt.
Im Turm des Westflügels, harrte der König ungeduldig in seinen Gemächern aus. Schließlich sandte er Patrick von Salisbury zu Thomas Becket. Er sollte erkunden, ob Becket bereit sei, sich zu unterwerfen.
Patrick von Salisbury rief die Bischöfe wieder in den großen Saal, damit auch sie die Antwort des Erzbischofs vernehmen konnten.
Doch Becket war dazu keineswegs gewillt. Stattdessen erklärte er: "Ich betrachte mich als Vasall des Königs und bin durch einen Treueeid gebunden. Ich erweise dem König die Ehrerbietung, und ich bin
bereit, ihm meine ganze Ergebenheit zu beweisen, sofern es mich nicht daran hindert, das zu tun, was ich Gott, der Würde und der Kirche und mir schuldig bin. Ich bin nicht vor Gericht geladen worden, damit ich Abrechnungen vorlege oder in irgendeiner anderen Sache aussage, als in der Sache Johann de Marshal. Und nur in dieser Sache will ich mich verteidigen und abgeurteilt werden. Ich erinnere mich und gebe zu, dass ich vom König mehrere Ämter und Würden empfangen habe. Ich habe ihm in allen Belangen treu gedient. Und ich habe nicht nur mein Vermögen eingesetzt, sondern auch Schulden gemacht. Als ich durch den Willen Gottes und die Güte des Königs Erzbischof wurde, hat der König vor meiner Weihe erklärt, dass ich von allen weltlichen Pflichten entbunden sei, auch wenn er es heute nicht wahr haben will. Viele von Euch wissen das, und jeder Geistliche hat davon Kenntnis. Darum bitte und beschwöre ich Euch, ruft dem König all das ins Gedächtnis zurück. Als Erzbischof habe ich immer versucht meine Pflicht zu erfüllen und der Kirche zu dienen. Dass mir das nicht immer gelungen ist, laste ich weder dem König noch sonst jemanden an, sondern nur meinen Sünden. Denn Gott verleiht seine Gnade wann und wem er will. Was die Abrechnungen betrifft, die man von mir verlangt, so habe ich keine Sicherheit zu stellen. Seit meiner Ankunft hier, habe ich alle Bischöfe und meine Freunde als Bürgen beigebracht. Im übrigen ist es Unbillig, wenn mir eine solche Last auferlegt wird, solange noch kein Urteilsspruch ergangen ist. Ich wiederhole: Ich bin nur in der Sache Johann de Marshal vorgeladen worden und in keiner anderen Sache. Und was mein Verbot an die Bischöfe, und die von mir verlangte Berufung anlangt: Ich gebe zu, dass ich zu meinen Amtsbrüdern gesagt habe, sie hätten mich zu Unrecht verurteilt, weil ich mir allenfalls eine Nachlässigkeit zu schulden kommen ließ und kein absichtliches Nichterscheinen vor Gericht. Im übrigen haben sie die seit langem bestehende Gewohnheit nicht beachtet. Deshalb habe ich Ihnen verboten über mich zu urteilen, in einer Sache, die vor meine Berufung zum Erzbischof fällt. Ich halte an meiner Berufung fest und stelle mich und die Kirche von Canterbury unter den Schutz Gottes und des Papstes."
Ein Raunen ging durch den Saal und einige Barone waren aufgesprungen und schrien Verrat.
Der Erzbischof habe gegen die Konstitutionen von Clarendon verstoßen, nach denen der König und nicht der Papst die höchste richterliche Instanz sei. Als man Heinrich die Antwort des Erzbischofs überbrachte, bekam er einen seiner berüchtigten Anfälle der `schwarzen Galle´.
Die Bischöfe dagegen versuchten Becket verzweifelt ein letztes mal umzustimmen.
"Bedenkt doch, welche Strafen einst des Königs Vater gegen den Bischof Arnulf von Seez und mehrerer seiner Vertrauten verhängte! Ihm genügte schon der Verdacht, sie könnten Rebellen sein, um sie zu entmannen", rief einer der Bischöfe.
"Und vergeßt auch nicht Wilhelm der Eroberer", rief ein anderer. Auch er hatte unvorstellbare Grausamkeiten gegen Kleriker angeordnet.
Doch Becket schüttelte nur den Kopf. "Es lohnt sich für eine gerechte Sache einzutreten", sagte er mutig, "und wenn es sein muß dafür zu sterben."
"Dann zieht wenigstens Eure Berufung an den Papst zurück."
"Nein, sie ist ein wichtiger Bestandteil der Canones. Das wißt Ihr genauso gut, wie ich. Es ist mein Recht dies zu tun."
Man unterrichtete Heinrich beständig über die Haltung des Erzbischofs.
"Sagt dem Baronen und Klerikern, dass ich verlange, Becket als eidbrüchigen Vasallen zu verurteilen. Und zwar mit äußester Strenge", rief Heinrich erbost aus, "und vergeßt nicht die Bischöfe daran zu erinnern, dass sie ihr Siegel unter die Konstitutionen von Clarendon gesetzt haben. Widersetzen sie sich, dann ist das Verrat."
Als man diese Worte den Bischöfen und Baronen bestellte, wurden die Prälaten blaß. Sie saßen in der Falle. Würden sie Becket nicht verurteilen, weil sie dem Primas von England Gehorsam schuldeteten, dann würden sie gegen den Eid verstoßen, dem sie dem König in Clarendon geleistet hatten.
Manche Bischöfe bekamen es mit der Angst zu tun. Robert von Lincoln brach in Tränen aus. Hilarius von Chichester, Bartholomäus von Exeter, Jocelin von Salisbury und Wilhelm von Norwich umringten Becket und flehten ihn an nachzugeben. Hilarius fiel gar vor dem Primas auf die Knie. Doch Becket blieb hart.
In dem allgemeinen Tumult und in der Unruhe bemerkte zunächst niemand, wie Roger von Pont-l´Eveque sich zu den Stallungen begab. Ihn hatte die Panik erfaßt. Er war zur Flucht entschlossen. Dem erstaunten Stalljungen befahl er barsch, das Pferd von ihm und seinem engsten Berater zu satteln. Nervös sahen sich der Erzbischof und sein Begleiter um. Noch hatte offenbar niemand bemerkt, dass sie verschwunden waren. Schließlich führte der Stalljunge die Pferde heran. hastig stiegen sie auf und lenkten die Pferde Richtung Burgtor. Hals über Kopf preschten sie auf den Pferden los. Die Wache am Burgtor wollte sich ihnen in den Weg stellen, doch der Erzbischof rief ihnen von weitem zu: "Macht den Weg frei! Ich bin Roger von York."
Die Wachen sprangen zur Seite und sahen zu wie sie durch das Burgtor ritten und verschwanden.

Die Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1164 in Northampton

Heinrich geriet in Rage als man ihm die Flucht von Roger von York mitteilte. "Verdammt, haltet sie fest, diese Pfaffen. Nicht einer mehr soll entkommen. Das Urteil wird heute gesprochen und niemand soll sich dem entziehen können!" befahl er dem Hauptmann der Wache. Dann wandte er sich an Richard de Lucé: "Haben die Barone schon Ihr Urteil gefällt?"
Richard de Lucé nickte. "Ja, mein König. Sie haben Becket für schuldig erklärt."
Heinrich nickte zufrieden. Nun musste nur noch die geistlichkeit zustimmen. Er gab dem Hauptmann einen Wink, dass er seinen Befehl ausführen solle.
Der Hauptmann eilte davon. Die Wachen drangen in den Raum ein, und stießen die Geistlichen zur Seite.
"Thomas Becket", rief der Anführer der Wachmannschaft, "Ihr seid im Namen des Königs verhaftet."
Becket sah sich verzweifelt um. Er war nicht bereit sich widerstandlos verhaften zu lassen. Gerade als die Wachen ihn ergreifen wollten, hob er das Prozessionskreuz hoch. "Hauptmann, Ihr könnt mich verhaften lassen. Doch seht dieses Kreuz. Seht das Symbol Christi. Wenn Ihr den Mut habt, das Symbol Christi zu schänden und Euch der Sünde schuldig zu machen, dann ergreift mich. Doch erwartet vom Herrn keine Gerechtigkeit. Gott wird Rechenschaft verlangen. Los, ergreift mich, wenn Ihr weder Gott noch den Teufel fürchtet!"
Die Soldaten verharrten und sahen ihren Hauptmann fragend an. Dieser zögerte und fuhr sich mit der Zunge nervös über die Lippen. Er erhob den Arm, ließ ihn jedoch sogleich wieder sinken. Wie gebannt sah er das Kreuz an und man sah ihm an, dass er in seinem Innern einen schweren Kampf ausfochte.
Becket machte einen Schritt nach vorne. Noch immer reagierte der Hauptmann und die verunsicherten Soldaten nicht. Becket wagte kaum ein- und auszuatmen. Beherzt ging er einen weiteren Schritt nach vorne und noch einen. Schließlich stand er vor dem Hauptmann. "Macht den Weg frei, Hauptmann!" flüsterte er leise.
Trotz der Kälte im Raum war das Gesicht des Soldaten mit Schweißperlen bedeckt. Langsam wich er zurück und machte dem Erzbischof Platz.
Dieser schritt langsam aus dem Saal. Niemand hielt ihn auf. Inzwischen hatten sich im Burghof zahlreiche Einwohner der Stadt versammelt, die verspürten, dass sich die Lage für den von ihnen so geliebten Erzbischof zuspitzte. Die Ritter des Königs wagten nicht, Becket zu ergreifen, da sie den Zorn des Volkes fürchteten.

Heinrich hatte von der Treppe aus, die vom Westturm in den Saal führte, den Auszug des Erzbischofes verfolgt. Er eilte er auf die Galerie der Mauern und sah von dort, wie das einfache Volk sich schützend um den Erzbischof scharrte. Er gab den Soldaten ein Zeichen, Becket von dannen ziehen zu lassen. Seine Laune hatte sich nach dem Schuldspruch der Reichsversammlung deutlich gebessert und er hatte keinen Zweifel, dass er zu seinem Recht kommen würde.
"Laßt ihn meinetwegen ins Kloster des heiligen Andreas. Er wird uns nicht entkommen", rief er dem Hauptmann zu.
Patrick von Salisbury wechselte mit Richard Fitzgilbert de Clare und Richard de Lucé einige Blicke und trat dann vor den König: "Der Erzbischof bat um Erlaubnis England verlassen zu dürfen."
Heinrich wandte sich um und runzelte die Stirn. "Er wagt es tatsächlich sein Anliegen beim Papst vorzutragen? Völlig ausgeschlossen!"
Die Nacht war hereingebrochen, als der Erzbischof das Kloster erreichte und sich zu einem Gebet in die Kapelle zurückzog. Mehrere weltliche Vasallen der Kirche erschienen und baten um die Entbindung ihrer Pflichten. Sie könnten keinesfalls in einem Lehnsverhältnis zu einem Herrn bleiben, der wegen Pflichtverletzung angeklagt war. Becket entsprach ihrem Wunsch.
Schließlich erschien der Bischof Robert von Worcester völlig atemlos und überbrachte ihm die Botschaft des Königs, dass er es ihm nicht gestatte, England zu verlassen. Daraufhin befahl Becket, man möge sein Bett hinter dem Altar der Kirche aufschlagen. "Es ist zu befürchten, dass die Truppen des Königs mich verhaften werden. Doch unter dem Dach der Kirche bin ich sicher. Nicht einmal des Königs Truppen würden das Kirchenasyl mißachten."
Dann nahm er Herbert von Bosham zur Seite und flüsterte ihm zu: "Sendet getreue Reiter aus, die die Gegend erkunden. Aber unauffällig. Bereitet die Pferde für eine Abreise vor. Ich werde noch in dieser Nacht Northampton verlassen und nach Frankreich gehen. Ich bin in England nicht mehr sicher. Ihr werdet nach Canterbury reisen und dort alles erledigen, was noch zu tun ist. Dann kommt ihr so schnell es geht nach."
Herbert von Bosham hatte damit gerechnet und nickte. Er werde alles vorbereiten. Wenige Stunden später war es dann soweit. Ein heftiger Regen fiel auf das Land nieder, als Becket sich, in einem weiten, einfachen Mantel gehüllt, durch eine unbewachte Klosterpforte davonstahl und mit großen Sprüngen in den nahe gelegenen Wald schlüpfte, wo die Pferde warteten. Sie ritten durch die stürmische Nacht nach Norden. Stunden später erreichten sie das Dorf Grantham, wo sie in einem Gasthaus völlig durchnäßt und erschöpft eine Rast machten und etwas schliefen. Doch noch vor dem Morgengrauen ritten sie weiter. Die Straßen waren vom Regen schlammig und total aufgeweicht. Die Kälte drang durch ihre Mäntel und völlig steif, erreichten sie nach Stunden die Stadt Lincoln.
Inzwischen mußte man ihre Flucht bemerkt haben. Daher blieben sie in Lincoln nur kurz, da die Stadt nicht sicher genug war. Sie bestiegen ein Boot und fuhren den Fluß hinab. Auf dem Schiff ruhten sie sich ein wenig aus. Vierzig Meilen weiter verließen sie das Schiff wieder und ritten weiter.

Kapitel 8


Die Flucht, November 1164

Sie ritten fast ausschließlich bei Nacht und schlüpften nur in Klöstern unter, wo sie sicher fühlten.
Nach acht langen Nächten erreichten sie das Dorf Eastry, nahe bei Sandwich. Die letzten Tage hatten sie besonders vorsichtig sein müssen, da sie durch Gegenden ritten, in denen der Erzbischof bekannt war. Sie gelangten sogar in die Nähe von Canterbury.
Becket brach bei einer Rast im dunklen Wald in der Nähe von Canterbury in Tränen aus. Er war völlig erschöpft und voller Verzweiflung. Schließlich erreichten sie das Kloster bei Eastry. Hier harrte er eine volle Woche aus und versuchte sich von den Strapazen zu erholen.
Es gelang ihnen ein Schiff aufzutreiben, dass sie nach Boulogne bringen sollte. Nach einer schwierigen Überfahrt erreichte Becket am 02. November 1164 die Küste des Festlandes bei Boulogne. Doch noch war er nicht in Sicherheit. Sie mußten nun zu Fuß weiter, da sie keine Pferde über den Kanal mitnehmen konnten. Und aus Furcht erkannt zu werden, wagten sie es nicht, welche zu kaufen.
Zerlumpt, ausgehungert und mit blutigen Füßen kamen sie durch einige Dörfer, deren Bewohner aus Mitleid, den seltsamen Wanderern Brot und Käse gaben. In einem Dorf wurden sie so freundlich aufgenommen, dass sie dort übernachten konnten.
Schließlich, nach endlosen Strapazen, erreichten sie das Kloster Saint-Omer, dessen Abt Becket freundlich aufnahm und ihm Kleidung, Nahrung und Pferde überließ. Hier traf Becket auch auf Herbert von Bosham.
"Euch ist es gelungen England zu verlassen?" fragte Becket erfreut und schloß seinen Sekretär in die Arme, der sich verlegen zeigte, über einen solchen Ausdruck der Freude.
Herbert von Bosham war über den Anblick Beckets entsetzt und versuchte dies nur schlecht zu verbergen.
"Was habt Ihr?" fragte Becket.
"Ihr solltet Euch sehen. Ihr seid nur noch ein Schatten Eurer selbst. Ihr braucht Ruhe."
Becket nickte und legte dem Sekretät freundschaftlich die Hand auf die Schulter. "Ihr habt recht. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Doch nun erzählt mir, was hat sich während meiner Flucht ereignet?"
"König Heinrich hat befohlen die Rechte und Güter von Canterbury unangetastet zu lassen. So
nahm ich mein Recht war, überall dahin zu reisen, wo ich will."
Becket runzelte die Stirn und löffelte den Teller Suppe aus, die ihm die Mönche zubereitet hatten. Dies schien im völligen Gegensatz zu Heinrichs Forderungen zu stehen. "Wieso hat der König das getan?" fragte er sich und sah zum Kruzifix empor, dass an der gegenüberliegenden Wand hing, so als erhoffe er sich durch das Kruzifix die Antwort.
Herbert von Bosham meinte betrübt: "Nun, ich glaube, ich kenne die Antwort."
Becket sah ihn erwartungsvoll an.
"Gleich nachdem Eure Flucht bekannt wurde, veranlaßte der König, dass eine Gesandschaft zum König von Frankreich und den Papst geschickt wurde. Man will Euch in Mißkredit bringen. Um einen noch größeren Skandal zu ver
meiden, der den Papst ins Spiel bringen könnte, erließ Heinrich diesen Befehl."
"Das leuchtet ein", gab Becket zu. Er war beunruhigt. Wenn die Gesandschaft Erfolg haben würde, dann wäre er nicht einmal in Frankreich sicher.
"Wann ist die Gesandschaft abgereist?" wollte er wissen.
"Es war in der gleichen Nacht, in der Ihr übergesetzt seid."
Becket war erstaunt. "Ihr meint, in jener Nacht verließen zwei Schiffe England? In einem saßen die Jäger, im anderen das Wild?"
"So ist es", bestätigte sein Sekretär.
Becket lief es eiskalt den Rücken herunter. War es Glück gewesen oder Gottes Wille, dass er seinen Jägern so knapp entronnen war. "Das bedeutet, dass sie schon beim König sind oder waren. Wer gehörte der Gesandschaft an?"
"Es sind der Bischof von London Gilbert Foliot, Graf Wilhelm von Arundel, Johannes von Oxford und Richard von Ilchester, sowie der Justitiar Richard de Lucé"
Becket schnaubte verächtlich. "Der Bischof von London. Wenn es einer schafft, mich beim französischen König in Mißkredit zu bringen, dann er!"
"Wir werden für Euch beten", sagte der Abt des Klosters.

Saint-Omer im November 1164

Wenige Tage später erschien der Justitiar Richard de Lucé vor dem Kloster Saint-Omer. Er erschien nur mit einem kleinen Gefolge. Graf Wilhelm von Arundel begleitete ihn. Er bat zum Erzbischof von Canterbury vorgelassen zu werden. Becket stimmte der Unterredung zu und erwartete den Justitiar im Aedificium.
"Ihr kommt alleine?" fragte Becket überrascht.
Der Justitiar sah dem Erzbischof fest in die Augen. "Ja, doch täuscht Euch nicht. Ich bin nicht alleine."
"Was ist Euer Begehr?" wollte Becket wissen.
"Das wißt Ihr genau, Erzbischof. Ihr habt gegen die bestehenden Gesetze von England verstoßen und Eure Lehenspflicht mißachtet. Ihr habt dem König die Treue entzogen. Doch Heinrich wird Euch verzeihen, wenn Ihr Euer Quartier hier abbrecht und nach England zurück kehrt."
"Ihr wißt das ich das nicht kann und auch nicht tun werde, solange der König die Freiheiten der Kirche einschränken will. Ich habe ihm die Treue nicht entzogen. Denn die Konstitutionen sind der Kirche aufgezwungen worden. Er hat kein Recht dazu."
"Ihr habt den Konstitutionen zugestimmt", warf Arundel ein.
Erbost fuhr Becket ihn an: "Man hat mich getäuscht. Schamlos hat man mich hintergangen. Weshalb sollte ich also mich an diese Bedingungen gebunden sehen?"
"Und was ist mit Eurem Eid gegenüber dem König?" rief Richard de Lucé erhitzt aus.
"Richard de Lucé, ich erinnere Euch daran, dass Ihr ein Vasall des Bistums von Canterbury seid", rief Becket zornig aus, "Ihr seid kein Vasall der Krone, sondern mein Vasall. Ich fordere Euch auf mir treu zu dienen. Oder wollt Ihr Euch den Lehenspflichten schuldig machen?"
Der Justitiar lief rot an. "Niemals bin ich Euch der Lehenspflicht schuldig gewesen. Ich habe schon Stephan von Blois treu gedient. Und nur dem König bin ich zur Treue verpflichtet."
"Ihr irrt, Richard de Lucé. Ihr habt schon vergessen, dass schon Stephan widrig gehandelt hatte. Ihr seid ein Vasall des Erzbischofes von Canterbury. Aufgrund dieses bestehenden und gültigen Lehensverhältnisses befehle ich Euch zu König Heinrich zurück zu gehen und ihm die gefolgschaft zu entsagen. Ich bin befugt Euch von jedem Schwur zu entbinden, den Ihr dem König gegenüber geleistet habt."
Richard de Lucé schüttelte erbost den Kopf. "Niemals werde ich das tun. Im Gegenteil: Wenn es so sein sollte, dass Ihr mein Lehensherr seid, dann entsage ich Euch und stelle mich unter dem Schutz des Königs von England."
Thomas Becket trat auf ihn zu. Dicht vor ihm blieb er stehen. Der kalte Atemhauch hing in der Luft. Es war sehr kalt im Kloster, aber sein Gemüt war nun so erhitzt, dass er dies nicht spürte. "Ihr wißt, dass ich über Euch das Anathem verhängen oder Euch gar dem Kirchenbann unterwerfen kann. Fordert dies nicht heraus. Und nun geht, wir haben uns zum jetzigen Zeitpunkt nichts mehr zu sagen. Unterwerft Euch mir und übt Buße. Dann seid Ihr hier wieder willkommen. Aber nicht eher."
Der Justitiar sah becket mit zusammen gekniffenen Lippen an. Dann sah er Wilhelm von Arundel an. Schließlich wandte er sich ab und eilte aus dem Raum. Kurz danach verkündete Hufschlag, dass der Justitiar und der Graf das Kloster verließen.
Becket begab sich zur Kirche und kniete zum Gebet vor den Altar nieder. Er war müde und erschöpft.

Compiegne im November 1164

Ludwig VII. hielt sich im Schloß von Compiegne auf. Er wußte, dass Heinrich II. mit dem Erzbischof im Streit lag. Auch hatte er bereits die Nachrichten aus England erhalten, dass Becket untergetaucht war. Trotzdem war er überrascht, als ihm eine Gesandschaft des englischen Königs angekündigt wurde. Richard de Lucé und Gilbert Foliot, Bischof von London, wurden schließlich vorgeladen.
Ludwig saß hinter einem schweren Eichentisch, als die Gesandten eintraten. Die Königin, Adele von Champagne, die von Ludwig schwanger war, war hinter ihren Mann getreten.
Richard de Lucé und Gilbert Foliot verbeugten sich tief. Foliot war ganz und gar nicht wie ein Bischof gekleidet, befand Ludwig. Foliot war in Leder gekleidet. Hätte er ein Schwert gegurtet, hätte man ihn für einen Ritter halten können. Foliot bemerkte den prüfenden Blick.
"Verzeiht mir, dass ich nicht das bischöfliche Ornat angelegt habe, aber unser Aufbruch war überstürzt, denn die Angelegenheit, die wir Euch vorzutragen haben, ist sehr dringend!"
Ludwig nickte nur und ging nicht weiter darauf ein. "Was ist denn so dringend?" fragte Ludwig höflich.
Richard de Lucé trat vor und übergab ihm ein versiegeltes Dokument. "Wir bitten Euch dieses Schreiben von unserem König zu lesen."
Ludwig zerbrach es und las den Brief. Darin schilderte Heinrich, weshalb er Becket absetzen mußte und bat den König, Becket weder Hilfe zu leisten, noch ihm Schutz zu gewähren. Der Brief war zwar respektvoll formuliert, aber Ludwig entging der befehlsartige Charakter nicht. In gespielten Erstaunen sah Ludwig auf. "Was? Einen Prälaten abgesetzt? Wie kann das geschehen? Auch ich bin König, und doch bin ich außerstande auch nur den kleinsten Kleriker abzusetzen?" rief Ludwig aus.
Richard de Lucé und Gilbert Foliot wechselten verunsichert Blicke. Sichtlich außer Konzept gebracht, rang Gilbert Foliot nach den richtigen Worten. "Er hat seine Pflichten als Vasall auf das Gröbste verletzt. Wir bitten Euch inständig ihn auszuliefern, wenn er Euren Schutz sucht."
"Was Ihr verlangt ist absurd", gab Ludwig zur Antwort.
"Thomas Becket...der Erzbischof....er ist sehr gefährlich. Er darf von Euch keine Hilfe erwarten", stammelte Foliot und merkte zugleich, dass er Ludwig brüskierte, "ich bitte Euch daran zu erinnern, dass er vor Toulouse Euer Feind war. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte König Heinrich seine Lehnspflichten verletzt. Er hat gegen Euch gerüstet, Städte und Burgen zerstört, und Euch und Euren Interessen geschadet."
Ludwig erhob sich aus dem Stuhl und sah ihn durchdringend an. Dann umschritt er den Tisch und ging zum Fenster. Er warf einen Blick nach draußen. Es war kalt und nebelig und das Gras und die Bäume waren noch vom Rauhreif bedeckt. Dann wandte er sich abrupt zu den beiden Gesandten um. "Nun, er hat als Kanzler von England die Interessen seines Königs verfolgt. Ich kann darin keinen Fehler erkennen. Er hat seinem Hern treu gedient. Und wäre er mein Kanzler gewesen, dann hätte er mir auch treue Dienste geleistet. Das macht ihn aller Achtung würdig. Und Ihr wollt, dass ich das Gute in das Böse verkehre?"
Noch einmal versuchte der Bischof von London, den König für die Ziele Heinrichs zu gewinnen: "Dann bitte ich Euch, sendet dem König von England, Eurem Vasallen, wenigstens einen Brief, indem Ihr ihm ein Zeichen Eurer Freundschaft sendet, und Eurem Vasall in diesen schweren Zeiten Eure Unterstützung zusagt."
Ludwig sprang verärgert auf. "Ich halte Euer Anliegen für ungeheuerlich und schändlich. Nichts dergleichen werde ich tun. Der Erzbischof von Canterbury ist mir stets willkommen. Ich werde einen Brief senden, aber nicht mit dem Inhalt, wie Ihr es wünscht. Dem König von England war es schon immer ein unverdaulicher Apfel, dass er Vasall des Königs von Frankreich ist. So gesehen benötigt er meine Unterstützung keineswegs. Die Unterredung ist beendet. Ihr dürft Euch jetzt zurückziehen."

Gilbert Foliot schluckte. Dann bat er um die Erlaubnis, den Ritt fortsetzen zu dürfen. Ludwig gewährte ihnen die Bitte. Enttäuscht vom Ergebnis ihrer Mission ritten die Gesandten weiter nach Sens, wo sich der Papst Alexander III. aufhielt. Ihre Hoffnung lag darin, dass sie wenigstens beim Papst Erfolg haben würden, wenngleich dies ein sehr schwieriges Unterfangen sein würde.
Der Papst weilte in Sens und ließ die Gesandschaft nur widerwillig vor. Er war von einem Boten des französischen Königs über die Sachlage bereits in Kenntnis gesetzt worden.
Die Gesandschaft - allen voran Gilbert Foliot - traten vor den Papst und küßten seinen Ring. Alexander III. nickte den Gesandten huldvoll zu und bat Foliot sein Anliegen vorzubringen. Der Bischof tat ihm wie befohlen. Als er geendet hatte, seufzte der Papst auf. Er befand sich in einer Zwickmühle. Er konnte und wollte Becket nicht fallen lassen, doch er konnte auch sein Verhältnis zum König nicht trüben. Schließlich verkündete er: "Wir erwarten morgen Herbert von Bosham, den Sekretär des Erzbischofes. Wir werden uns anhören, was beide Seiten vorzutragen haben und dann entscheiden. Bis dahin liebe Brüder, solltet Ihr Euch von der anstrengenden Reise erholen.

Sens im November 1164

Am nächsten Tag traten der Papst und die Bischöfe mit den Gesandschaften des Erzbischofes und des Königs nach der Frühmesse in der Kirche zusammen. Eine drückende Stimmung lastete auf dieser Versammlung. Der Papst bat zunächst Herbert von Bosham den Standpunkt des Erzbischofes darzulegen. Er tat dies sehr geschickt und dies blieb nicht ohne Wirkung. Mancher der Versammelten Bischöfe unterdrückten nur mühsam die Tränen. Schließlich fand Herbert von Bosham sein Ende und zufrieden über die Wirkung seiner Worte setzte er sich auf seinen vorgesehenen Platz. Für einen Moment lang herrschte ein tiefes Schweigen. Dies konnte nicht im Sinne von Gilbert Foliot sein. Er hüstelte um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Papst sah auf und bat ihn dann nach vorne zu treten.
Gilbert Foliot begann mit einer langen Anrede und einer Litanei von Ehren-bezeugungen ehe er auf den Punkt kam. "Die ganze Geschichte ist lediglich eine geringfügige Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche und dem Königtum, die man hätte leicht ausräumen können, wenn man ohne übertriebene Leidenschaft an die Sache gegangen wäre", erklärte Foliot mit erhobener Stimme. "Der Erzbischof von Canterbury hat es vorgezogen, seinem Urteil mehr zu vertrauen als unserem Rat. Er hat die Augen vor den Schwierigkeiten des Augenblickes und den verheerenden Folgen seiner Haltung verschlossen und dem Konflikt eine Wendung gegeben, die uns - den Bischöfen - in große Verlegenheit führte. Da wir ihm auf diesem Weg nicht folgen konnten, hat er die ganze Verantwortung dem König, uns und dem Königreich aufgebürdet. Danach ist er geflohen, um seine Irrtümer zu verschleiern, obgleich niemand ihn bedrohte oder auch nur die Absicht hatte, dies zu tun. Wie es geschrieben steht: `Der Frevler flieht, wo niemand ihn verfolgt´"
Der Papst unterbrach den Bischof von London. "Ihr übertreibt Bruder. Oder besser Ihr verharmlost über Gebühr. Etwas mehr Erbarmen bitte!"
Gilbert Foliot stutzte für einen Moment. Dann rief er aus: "Erbarmen? Mit diesem Mann?"
"Nein. Nicht mit ihm", antwortete der Papst. "Mit mir!"
Ein Gelächter durchlief die Reihen. Gilbert Foliot war sprachlos. Roger von Pont-l´Evéque, der auch nach Sens geeilt war, versuchte dem Bischof von London zu Hilfe zu kommen und geißelte wortgewaltig die Starrköpfigkeit des Erzbischofes.
Schließlich versuchte einer der Bischöfe die Wogen zu glätten und schlug vor, Legaten zur Vermittlung einzusetzen. Erneut brach eine lebhafte Debatte aus. Doch die Stimmung schien gegen die Gesandten des Königs zu sein.
Graf Wilhelm von Arundel spürte dies und erbat das Wort. Man erteilte es ihm.
"Entschuldigt, dass ich in meiner Sprache spreche, doch dem Latein bin ich nicht bewandert genug. Wir haben weder den Auftrag zu diskutieren, noch zu beleidigen. Uns wurde aufgetragen, Euch und die römische Kirche der Ergebenheit und Liebe zu versichern, die der König, unser Herr, immer für Euch gehegt hat und noch immer hegt. Wem hat er diesen Auftrag anvertraut? Den angesehensten und edelsten Männern seines Staates. Er hätte keine besseren finden können. Seit Ihr, unser Vater, an der Spitze der Kirche steht, habt Ihr gesehen, mit welcher Treue und Ergebenheit sich der König und sein Volk Eurem Willem unterworfen hat. Wir sind überzeugt, dass es in der ganzen Kirche, die Ihr im Namen Christi in der Einheit des Glaubens lenkt, niemanden gibt, der sich dem Dienst an Gott mit größerer Ergebenheit widmete und sich mehr um den Frieden sorgt. Ebenso gewiß ist, dass der Erzbischof von Canterbury in allen Angelegenheiten seines Amtes umsichtig und vornehm handelt. Manche finden freilich, dass er sich zu schroff verhält. Wenn es nicht zu diesem Zerwürfnis zwischen dem König und Becket gekommen wäre, hätten Kirche und Staat nur den einen Wunsch in frieden und Eintracht unter der Führung eines guten Fürsten und hervorragenden Hirten zu leben. Darum haben wir nur diese eine Bitte: Möge Eure Heiligkeit den Streit beenden und uns in Ruhe und Liebe zurückgeben."
Der Graf setzte sich und hinterließ eine tief berührte Gemeinde.
Papst Alexander hatte mit Genugtuung vernommen, dass er in den Augen des Königs der einzige Vertreter der Kirche sei. Dem Gegenpapst wurde keine Berechtigung erteilt. "Ich danke Euch. So möge also nichts unversucht bleiben den Streit zu beenden. Hiermit verkünde ich, zwei Legaten zu ernennen, die vermitteln sollen."
Gilbert Foliot erhob sich. "Mit welchen Vollmachten, verehrter Vater?"
"Mit den üblichen Vollmachten", antwortete der Papst.
"Also auch mit der Vollmacht in letzter Instanz ohne Berufungsmöglichkeit zu entscheiden?" wollte Foliot wissen. Kaum hatte er die Frage gestellt, hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Wie konnte er erwarten, dass der Papst sein höchstes Recht aufgeben würde?
Der Papst reagierte wie erwartet. Er fuhr in die Höhe und schrie: "Niemals würde ich ein Recht aus der Hand geben, dass seit hundert Jahren gilt und schmerzlich von meinen Vorgängern, insbesondere Papst Gregor VII., erworben und verteidigt wurde."
Gilbert Foliot senkte demutsvoll den Kopf. Mit einem Satz hatte er sämtliche Hoffnungen zerstört, dass Becket schnell vor ein Gericht gestellt werden könnte. Der Papst war fest entschlossen zwei Legaten einzusetzen, die in der Sache vermittelten. Den Gesandten Heinrichs blieb nichts anderes übrig als enttäuscht Sens zu verlassen. Auf dem Rückweg ritten sie an dem Fluß Yonne entlang. Plötzlich bemerkten sie eine Anzahl von Reitern am anderen Ufer. Sie erkannten in dem Anführer der Gesandtschaft den Erzbischof von Canterbury. Da der Weg auf dem er ritt nach Sens führte, war allen klar, dass er nun persönlich den Papst aufsuchte.
Thomas Becket warf sich in Sens dem Papst vor die Füße und bat um Verzeihung, dass er in einer schwachen Minute den Konstitutionen zugestimmt hatte. Der Papst ließ sich die Konstitutionen im einzelnen erläutern und bat Becket an seine Seite. Er machte ihm Vorwürfe, dass er diesen zugestimmt hatte. Gleichzeitig milderte er die Vorwürfe, weil Becket eine tiefe Reue zeige. Schließlich mußte der Papst eine Lösung aus seiner Zwickmüle finden: Würde er die Konstitutionen für nicht erklären, würde er sich Heinrich zum Feind machen. Das wiederum würde bedeuten, dass Heinrich sich enger an das Reich der Staufer lehnen würde. Dies mußte der Papst jedoch vermeiden. Also erklärte er den größten Teil der Konstitutionen für null und nichtig. Gleichzeitig bestätigte der Papst die Rechtmäßigkeit der Wahl Beckets zum Erzbischof von Canterbury, da Becket ihm den Rücktritt anbot, weil man in England den Vorwurf erhoben hatte, dass die Wahl unrechtmäßig verlaufen sein soll. Becket bat den Papst von der Ernennung zweier Legaten abzusehen.
"Ernennt Ihr Legaten, dann dürft Ihr nicht die Rechtmäßigkeit meiner Wahl bestätigen. Welche Kompetenzen könntet Ihr den Legaten einräumen?"
Der Papst dachte darüber nach. Becket hatte recht. Da die englische Delegation dem Papst seine letzte Berufungsinstanz nicht abschwatzen konnten, schien das Interesse an eine Legaten gesunken zu sein. Was sollte ein Legat bewirken, wenn der Papst die letzte Instanz bleiben würde? Egal wie die Entscheidung der Legaten aussehen würde, die andere Seite würde Berufung einlegen.....


England im Winter 1164/65

Der Papst befand sich in einer schwierigen Lage. König Heinrich mußte seine Entscheidung mit Zorn vernommen haben, dass die Konstitutionen für ungültig erklärt wurden. Er wollte Heinrich nicht zum Gegner haben. Allerdings hatte sich das anfängliche Mißtrauen zwischen dem Papst und Ludwig VII. gelegt, der noch vor kurzem mit dem weströmischen Kaiser Friedrich im regen diplomatischen Kontakt stand, bis dann der Kanzler Rainald von Dassel vor etwa einem Jahr mit seiner rhetorischen Dummheit alles zerstörte. Inzwischen war es soweit, dass der Papst den französischen König als Hüter der Kirche bezeichnete.
Thomas Becket verlegte seinen Sitz in das Kloster der Kluniazenser in Pontigny, wo er für die nächsten zwei Jahre fast ununterbrochen leben sollte.
Heinrich hielt sich zu Weihnachten im Schloß Marlborough auf. Eleonore war aus dem Poitou nach England gekommen. Der Streit mit der Kirche lastete auch über die Festtage auf das Königspaar.
"Wir haben zuletzt die Verlobungspläne von Mathilde mit dem Welfen Heinrich den Löwen vernachlässigt", meinte Heinrich eines Tages, als draußen ein schwerer Schneesturm tobte und es im Schloß bitterkalt war, obwohl in jedem Kamin das Feuer brannte.
Eleonore, die sich einen verbrämten Pelz übergeworfen hatte, nickte. Sie saßen sich an der Tafel gegenüber und speisten. Die Flammen der Fackeln tanzten unruhig. Überall zog der Wind durch die Ritzen. Eleonore war nachdenklich.
"Darf man fragen, was Dich beschäftigt?" wollte Heinrich wissen und stopfte sich ein Stück Fleisch vom Wild in den Mund.
Sie hob den Kopf. "Heinrich", sagte sie und sah ihm direkt in die Augen, "ich glaube, es wäre klüger, wenn Du die Bischöfe von ihrem Eid an die Konstitutionen von Clarendon entbindest."
Heinrich machte ein abfällige Bewegung. "Absurd. Und damit alles wieder aufgeben, was ich mühselig in den letzten Monaten erreicht habe?"
"Was hast Du denn erreicht?" fragte Eleonore. "Du hast einen Klerus, der bis auf wenige Ausnahmen zu Becket hält. Waren sie noch in Clarendon bereit, sich Dir zu unterwerfen, so hast Du einen Märtyrer erschaffen. Der Papst hat Becket in seine Obhut genommen und Ludwig beschützt ihn."
Heinrich schnaubte verächtlich. "Du redest wie die Kaiserin. Hast sie Dir die Worte in den Mund gelegt? Mögen noch viele im Klerus zu Becket halten. Die wichtigsten Bischofssitze sind nun mit Normannen besetzt. Routrou von Warwick ist nun der Erzbischof von Rouen, in London sitzt Gilbert Foliot auf dem Stuhl, in York Roger. Und nicht zuletzt haben sich Bartholomäus von Exeter, Hilarius von Chichester und Arnulf von Lisieux an meine Seite gestellt. Mehr kann man nicht verlangen. Die englischen Bischöfe, die Stephan von Blois eingesetzt hatte, sind abgewählt oder verstorben. Meine Macht ist so groß wie noch nie."
"Mag sein", erwiderte sie heftig, "aber es ist trotzdem ein gefährliches Spiel, welches Du treibst. Was willst Du tun, wenn Becket das Interdikt verhängt oder Euch gar exkommuniziert? Im übrigen ist es richtig, dass ich mit der Kaiserin darüber in Fontevrault gesprochen habe. Sie hat mit erzählt, dass sie Dir einen Brief geschrieben hat."
"Und Du denkst also wie sie? Ich soll jetzt alles wieder rückgängig machen? Mich bei Becket entschuldigen? Womöglich vor ihm auf die Knie fallen? Mich der Kirche unterwerfen und um Vergebung betteln? Eleonore, das kannst Du nicht wirklich wollen und schon gar nicht von mir verlangen! Becket wird solche drastischen Schritte nicht wagen. Und wenn, dann werden die Bischöfe beim Papst Einspruch erheben. Und Alexander braucht mich und mein Gold."
"Ich weiß, dass ich da vieles von Dir verlange, aber es wäre vernünftig. Du kennst Becket besser als ich. Er ist mir zwar zuwider, aber ich bin sicher, man kann mit ihm verhandeln. Vielleicht genügt es ja nur, wenn Du die Konstitutionen zurückziehst. Vielleicht verlangt er ja keine Entschuldigung."
"Nach all dem was passiert ist? Vergiß es, meine Teuerste. Ich gebe jetzt so leicht nicht auf. Es darf und wird keine Macht neben der des Königs in England geben. Doch in den letzten Jahrhunderten ist die Kirche zu mächtig geworden. Schau doch zurück. Bis vor die Zeit Karls des Großen. Wer krönte da die Könige? Erst seit Karl hat sie die Krönungen inne und leitet daraus ein immerwährendes Recht ab."
"Du wirst solange Becket außerhalb Deiner Reichweite ist, immer einen Stachel im Fleisch haben. Und selbst wenn Du ihn ergreifen könntest, hast Du ihm nichts entgegenzusetzen. Er ist zum Symbol geworden", sagte sie.
Nun hatte Heinrich genug. "Ich will darüber nichts mehr hören. Es ist geschehen und es wird nichts mehr rückgängig gemacht."
Am nächsten Tag wurde ihm die Rückkehr der Gesandten gemeldet. Durch vorausgesandte Boten kannte Heinrich schon das Ergebnis der Mission. Er lud seinen Justitiar und Gilbert Foliot unverzüglich zu sich vor.
Mit hängenden Schultern traten die Gesandten vor den König und berichteten von ihrer fehlgeschlagenen Mission. Heinrich hörte ihnen schweigend aufmerksam zu. Mit jedem Wort schien sich sein Gesicht zu verfinstern. Man sah ihm an, dass er innerlich vor Zorn kochte. Als der Bischof von London mit seinen Ausführungen geendet hatte, saß er eine Weile schweigend da und eine schwere unheilvolle Stimmung lag über dem Rat des Königs. Schließlich gab er einem Lakaien einen Wink. "Holt mir einen Schreiber."
Der Schreiber erschien kurz darauf. Heinrich diktierte ihm einen königlichen Erlaß.
"Hiermit befehle ich, dass mit sofortiger Wirkung kein Laie und kein Geistlicher den Papst in irgendeiner Angelegenheit ohne meine Einwilligung konsultieren darf." Heinrich sah die versammelten Bischöfe eindringlich an. Manche wechselten einen erschrockenen Blick mit dem Nebenmann, aber keiner wagte auch nur Widerspruch zu melden. "Desweiteren sind alle Einkünfte des Erzbischofes und aller die ihm Hilfe leisteten einzuziehen. Ebenso sind von diesen alle Angehörige als Geiseln zu nehmen. Ich befehle Euch, Ranulf de Broc, diese Anweisungen pflichtgemäß auszuführen."
Ranulf de Broc, der Herr von der Burg Saltwood, straffte sich. Es war bekannt, dass er einer der größten Feinde des Erzbischofes war und niemand zweifelte daran, dass er diesen Befehl nicht mit Freude ausführen würde.


11.April 1165 in Gisors

Es war einer der ersten wärmeren Tage des Jahres, als sich der englische König Heinrich II. und der französische König Ludwig VII. unter einer riesigen Ulme, auf einer großen Wiese nahe der Festung von Gisors, trafen. Ludwig hatte um dieses Treffen gebeten.
Ludwig war bereits einen Tag vor Heinrich in Gisors eingetroffen und erwartete diesen am Tag nach dessen Ankunft an der riesigen Ulme zur sechsten Stunde. Die Franzosen hatten ihr Lager etwa zwei Meilen von der Festung entfernt ihr Lager aufgeschlagen, während Heinrich sein Quartier in der Burg nahm.
Die beiden Könige trafen sich unter der Ulme und wurden nur von ihren engsten Ratgebern begleitet.
Ludwig war in voller Rüstung, hatte aber seinen Helm abgenommen und trug nur eine Kettenhaube. Heinrich trug zwar auch Rüstung, aber er hatte sogar seine Kettenhaube abgelegt. Er erwartete keinen Kampf. Als Vasall des Königs von Frankreich, versäumte Heinrich es nicht, sein Knie zu beugen. Allerdings beugte er es nur so tief, dass es nicht unhöflich war. Ludwig war dies nicht entgangen, doch ging er mit keiner Silbe darauf ein.
"Ich habe als Euer Lehensherr um dieses Treffen gebeten", sagte Ludwig und sah Heinrich durchdringend an.
"Es ist mir eine Ehre meinen Pflichten nachzukommen", säuselte Heinrich.
Sie gingen ein paar Schritte und ließen die Ratgeber an der Ulme zurück. "Das freut mich und erleichtert die Sache", gab Ludwig zurück, wohlwissend, dass Heinrich keineswegs seiner Pflicht gerne nachgekommen war. Schließlich ahnte dieser weshalb Ludwig um das Treffen gebeten hatte.
"Ich mache mir Sorgen, wegen Eurem Streit mit dem Erzbischof und Eurer Politik, die für Frankreich nicht erstrebenswert ist. Mit Sorge beobachte ich den Besuch des Kanzlers vom Kaiser an Eurem Hof in Rouen. Mir ist nicht entgangen, dass Ihr versucht Eure Tochter mit Heinrich, dem Herzog von Bayern und Sachsen, zu vermählen. Und die Entsendung von zwei Botschaftern zum deutschen Reichstag muß dem Papst geradezu wie eine Provokation erscheinen. Ihr spielt ein doppeltes Spiel. Die beiden Kleriker Johannes von Oxford und Richard von Ilchester haben dort den Gegenpast als den rechtmäßigen anerkannt. Jedermann weiß, dass dies nur mit Eurem Wissen und Eurer Unterstützung möglich war. Wird dies nicht von jenen widerrufen, wird dem Papst nichts anderes übrig bleiben, als diese zu exkommunizieren. Diese Annäherung an die Schismatiker wird vom Erzbischof von Canterbury, dem Papst und mir mit Sorge beobachtet. Ihr kennt die Situation von Becket und Papst Alexander ganz genau. Darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren. Anders die unsrige Situation. Ihr seid mein Vasall und damit zur Treue verpflichtet. Doch die Annäherung an die Deutschen bedeutet eine Entfernung von Frankreich und dem Papst. Ihr solltet die Macht des Papstes nicht unterschätzen. Und solltet Ihr anderes im Sinne haben als die alleinige Vermählung Eurer Tochter mit dem Deutschen, dann wird Frankreich dies herausfordern."
Heinrich straffte sich. "Ich möchte Euch daran erinnern, dass ich als Herzog der Normandie Euer Vasall bin. Nicht als König von England. Und in dieser Eigenschaft verhandeln wir mit dem deutschen Kanzler. Eben zu dieser Stunde wird meine geschätzte Gemahlin mit dem Kanzler die Bedingungen für eine Vermählung aushandeln. Was den Erzbischof betrifft, so sollt Ihr wissen, dass er hat seine Lehnspflichten verstoßen und Unrecht getan. Er hat ohne meine Erlaubnis England verlassen."
Sie blieben stehen und Ludwig musterte Heinrich. "Ja, ich kenne Euren Erlaß", meinte Ludwig, "aber ich halte ihn nicht für besonders klug. Ihr legt Euch damit nicht nur mit Eurem Erzbischof an, sondern mit der Kirche als Institution und damit mit dem Heiligen Vater. Doch als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, habt Ihr Ranulf de Broc beauftragt die Einkünfte einzuziehen und Angehörige als Geiseln zu nehmen. Wie man hört, hat Ranulf de Broc seine Aufgabe mit viel Eifer erfüllt. Nicht nur das er zahlreiche Bauern und Vasallen der Geistlichen Ländereien verjagt hat und diese mitten im Winter auf den Straßen leben mussten, nein, er ließ etliche Anhänger in Kerkerhaft nehmen. Damit hat er Euren Befehl weit überschritten und für viel Elend und Not gesorgt. Die Vertriebenen hungern auf den Straßen und die Anhänger wurden gefoltert."
"Verzeiht", lächelte Heinrich boshaft, "Ranulf de Broc ist ein treuer Anhänger von mir. Soll ich einen treuen Vasallen tadeln, der gegen einen treulosen Vasallen vorgegangen ist. Und von welchem Heiligen Vater sprechen wir? Von Alexander oder Paschalis?"
"Von Alexander natürlich", rief Ludwig empört aus, "den Ihr ebenfalls als rechtmäßigen Papst anerkannt habt."
Heinrich schwieg. Nach einer langen Pause sagte er: "Was das Schisma der Kirche angeht, so halte ich mich da heraus."
"Wirklich? Könnt Ihr dies überhaupt? Regiert Ihr ein Volk welches die Riten der Kelten vollzieht?"
"Wollt Ihr damit sagen, dass ich das Schisma der Kirche mitzuverantworten habe?" wollte Heinrich wissen.
"Nun, zumindestens solltet Ihr Euch gut überlegen, was Ihr in Zukunft tut. Dies soll keine Drohung sein, sondern lediglich eine gutgemeinte Warnung an einen Vasallen, für den ich verantwortlich bin."
"Ich weiß Euren Rat zu schätzen", meinte Heinrich nicht sonderlich überzeugend.
Ludwig blieb stehen. "Es ist mein Wunsch, dass Ihr Euch mit Becket trefft. Es ist auch der Wunsch des Erzbischofs."
Heinrich erstarrte. "Majestät, Ihr seid Lehnsherr meiner Besitztümer auf dem Festland. Die Angelegenheiten Englands unterstehen allerdings nicht Eurer Lehnshoheit. Aber ich bin gerne bereit Euren und des Erzbischofes Wunsch zum Zeichen meiner Güte zu treffen", sagte Heinrich schroff.
"Seid Ihr bereit Euch hier an diesem Ort in den nächsten Tagen mit ihm und dem ehrwürdigen Vater zu treffen?"
Wieder erstarrte Heinrich. "Ihr meint der Papst will hier auch erscheinen?"
"Ja, er ist seit Ostern in Paris und bereitet sich zur Zeit auf seine Rückkehr nach Rom vor", antwortete Ludwig.
"Dann ist mir dies nicht möglich. Das Gesetz und die Konstitutionen von Clarendon lassen mir keine andere Wahl. Die Teilnahme des Papstes an diesem Treffen würde bedeuten, dass ich selbst gegen die Konstitutionen verstoßen würde. Die Anrufung des Papstes ist nur mit meiner Einwilligung gestattet. Dieses Gesetz gilt für alle Engländer. Auch für Becket und mich. Würde ich dem Papst hier gegenüber treten, würde ich ihn als Herr über die englische Kirche anerkennen. Doch dieses ist gemäß den Gewohnheiten meiner Vorfahren das alleinige Recht der Könige von England. Becket hat sich dem Gesetz der Krone widersetzt. Es gibt keinen Grund sich mit ihm zu treffen. Er soll nach England zurückkehren und sich der Krone stellen."
"Das kann er nicht. Er fürchtet um sein Leben. Oder seid Ihr bereit ihm Garantien zu geben?"
"Wir haben Geiseln. Wenn er nicht nach England kommt, dann bleibt er ein Flüchtiger", rief Heinrich aus und machte auf dem Absatz kehrt, ging strammen Schrittes zur Ulme zurück, bestieg sein Pferd und ritt zu seinen Truppen zurück.
Ludwig sah seinem Vasallen erbost hinterher. Was erlaubt er sich? Wütend stapfte er zu seinem Pferd zurück und saß auf. Dann gab er den Befehl nach Paris zurückzureiten.
In den folgenden Wochen und Monaten folgten zahlreiche Briefwechsel zwischen dem englischen König, dem Papst und Becket. Vergeblichst versuchte der Papst zu vermitteln, der der Annäherung des englischen Königs und dem Kaiserreich mit Sorge entgegensah. Doch alle Briefe und Appelle fruchteten nicht. Selbst Eleonore, die Becket zwar nicht mochte, aber aus Vernunftsgründen ein Treffen zwischen Heinrich und dem Erzbischof erhoffte, konnte ihn nicht umstimmen.

Sommer 1165

Im Sommer brachte Eleonore in Angers eine Tochter, Johanna, zur Welt. Es sollte das vorletzte Kind, der inzwischen über vierzigjährigen Königin, sein. Doch die Freude über die Geburt wurde von einem Ereignis überschattet, welches niemand mehr für möglich gehalten hatte, und mit einem Schlag die letzte - wenn auch geringe - Hoffnung vom Haus Anjou zunichte machte, eines Tages Anspruch auf die Krone Frankreichs erheben zu können: Adele von Champagne gebar ihrem Gemahl, Ludwig Capet VII., König von Frankreich, den langersehnten Sohn und Thronfolger. Man taufte das Kind auf den Namen Philipp August.
Als Reaktion darauf, gelang es die neunjährige Mathilde mit dem Heinrich Welf, Herzog von Sachsen und Bayern zu verloben. Eleonore, die sich in die Verhandlungen eingeschaltete hatte, betrachtete dies als einen großen Erfolg ihrerseits.
Heinrich hatte sich wieder nach England begeben, wo er sich nach den enttäuschenden Nachrichten vom Hofe Ludwigs nach Woodstock zurückzog. Er ließ Rosamunde nach Woodstock bringen und allein ihr war es zu verdanken, dass der König schon nach wenigen Tagen bessere Laune hatte. In Woodstock verbrachte er viel Zeit mit Rosamunde Clifford, die immer offener als seine Mätresse auftrat. Zwar teilten Heinrich und Eleonore noch das Bett miteinander, aber ihre unterschiedlichen Positionen im Fall des Erzbischofs von Canterbury, hatte zu Streitereien geführt, die das Ehepaar zu entzweien drohte. Rosamunde, die sich in die Politik nicht einmischte oder den König zu beeinflussen versuchte, sollte zunehmend in der Gunst des Königs an Bedeutung gewinnen. Mit ihr verbrachte er einige schöne und unbeschwerte Sommertage, ritt zur Jagd aus und vergaß für ein paar Tage den Streit mit der Kirche.
Im September erhielt Heinrich einen Brief des Papstes, der ihn darin aufforderte, wieder in den Kontakt mit Thomas Becket zu treten. Doch Heinrich reagierte darauf überhaupt nicht.
Im September zog der Papst wieder in Rom ein. Da jedoch neue Gerüchte im Umlauf waren, dass Kaiser Friedrich I. einen weiteren Feldzug nach Italien vorbereitete, nahm Heinrich an, dass der Papst andere Sorgen hatte, als den Streit zwischen Heinrich und Becket zu schlichten. Der Einzug in den römischen Lateranpalast bedeutete keineswegs das Ende des Schismas. Im Gegenteil. Der Gegenpapst Paschalis III. wohnte in Viterbo, nur unweit von Rom, da ihm die Stadt nicht sicher genug war.

Normandie im Frühjahr 1166

Das Weihnachtsfest hatten Heinrich und Eleonore gemeinsam in Rouen verbracht. Bis auf ihre Tochter Mathilde, die nach ihrer Verlobung nach Braunschweig gebracht wurde, hatten Heinrich und Eleonore alle Kinder um sich. Ihr ältester Sohn Heinrich, der Jüngere, war nun beinahe elf Jahre alt. Er litt von allen Kindern unter der Trennung von Thomas Becket am meisten, hatte dieser ihn doch erzogen und vieles Wissenswertes beigebracht.
Richard, inzwischen acht Jahre alt, hatte die meiste Zeit in Poitiers bei seiner Mutter Eleonore verbracht und fühlte sich mit ihr stark verbunden. Er war Eleonore am liebsten von allen, und ihr Wunsch war es, dass er eines Tages Herzog von Aquitanien würde.
Den siebenjährige Gottfried schien seine Eifersucht auf seine beiden älteren Brüder zu zerfressen. Von Jahr zu Jahr spürte er, dass er die geringste Aufmerksamkeit der Eltern genoß. Dies führte dazu, dass er der wildeste von allen Söhnen war. Mit seiner Wildheit versuchte er nichts anderes als Aufmerksamkeit zu erregen, was bei Kindern nichts unnatürliches ist. Zwar liebten Heinrich und Eleonore alle ihre Kinder, doch Gottfried genoß die geringste Beachtung.
Die fünfjährige Tochter Eleonore genoß mit ihrer Lieblichkeit, ihrem kindlichen Charme und Genügsamkeit die Liebe beider Elternteile.
Das Weihnachtsfest war trotz des Konfliktes mit der Kirche und den unterschiedlichen Meinungen die Heinrich und Eleonore in dieser Sache hatten, ein ungewöhnlich friedliches, beinahe fröhliches Fest und sollte als das letzte friedliche Weihnachtsfest in Erinnerung bleiben.
Kurz nach den Feiertagen verließ Heinrich die Normandie wieder und setzte nach England über. Im Jahr zuvor war der schottische König Malcolm IV. verstorben. Da er unverheiratet - und damit ohne Thronerben verstarb - wurde Wilhelm, genannt der Löwe, ein Enkel David I. zum schottischen König gekrönt. Heinrich befürchtete einen Überfall auf England, aber Wilhelm hatte nichts weniger als das im Sinn und bat Heinrich sogar um die Bestätigung und Anerkennung. Heinrich erkannte in einem Brief Wilhelm als König von Schottland an und bereits im März weilte er wieder in der Normandie. Fast schien es so, als sollten sämtliche Gerüchte über eine königliche Mätresse, die Eleonore zu Ohren gekommen waren, schlichtweg falsch sein.
Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, schien zwischen Eleonore und Heinrich die Welt in Ordnung zu sein. Sie verfielen in einen Liebestaumel, wie er selten zwischen ihnen aufzufinden war. Kurz: Sie waren ein glückliches Paar, was dazu führte, dass Heinrich Eleonore um ein weiteres mal schwängerte.
Im April traf ein Brief von Thomas Becket ein, der ihn um eine Unterredung bat. Allerdings machte Becket den Fehler auf den Konflikt allzu vorwurfsvoll einzugehen. Heinrich ärgerte sich darüber und beachtete den Brief nicht weiter. Allerdings konnte er eine gewünschte Unterredung mit Ludwig VII. nicht umgehen, so dass er sich mit diesem in Nogent-le-Rotrou gegen Ostern traf. Aber dieses Treffen verlief ergebnislos. Heinrich war zu keiner persönlichen Zusammenkunft mit dem Erzbischof bereit.

Das Osterfest verbrachte er mit Eleonore in Angers, wo am 01. Mai Herbert von Bosham und Johannes von Salisbury, die beiden engsten Vertrauten von Thomas Becket, um eine Audienz beim König baten, die er ihnen auch gewährte.
"Wir kommen im Auftrag des Erzbischofs von Canterbury", sagte Johannes von Salisbury und verbeugte sich demütig. Auch Herbert von Bosham beugte das Knie.
Heinrich lächelte spöttisch. "Darauf wäre ich nicht gekommen", antwortete er sarkastisch und bot ihnen Wein an. "Ihr seht durstig aus, nehmt Euch Wein, wenn Ihr wollt."
Die beiden Vertrauten Beckets nahmen aus Höflichkeit an. "Der Erzbischof von Canterbury bittet um eine persönliche Unterredung."
"Will er endlich den Eid leisten, den ich von ihm erwarte? Denn nur dann kann ich mich mit ihm Treffen. Aber diese Antwort kennt Ihr sicherlich schon" meinte Heinrich und schenkte sich ebenfalls einen Becher Wein ein. Ohne eine Antwort abzuwarten hob er den Becher. "Ein Becher aus dem reichen Byzanz. Pures Gold und mit Smaragden, Saphiren und Rubinen bestückt. Der Kaiser Ostroms hat mir dies durch Gesandte zu Weihnachten gebracht. Dies und noch ein wenig mehr. Es ist wohl zur Bestechung gedacht. Mir scheint, er fürchtet sich vor einer allzu engen Verbindung der Krone Englands mit dem Heiligen Römischen Reich. Man sagt ja, dass Kaiser Friedrich die Griechen wie der Teufel das Weihwasser verachtet."
Johannes von Salisbury und Herbert von Bosham tauschten Blicke miteinander aus. Sie verstanden was Heinrich damit bezweckte: Er machte damit deutlich, dass er nicht gewillt sei, weder vom Erzbischof noch vom Papst, Befehle entgegenzunehmen. Nicht jetzt, da sich zwei große Reiche aneinander genähert hatten.
"Verzeiht, Majestät, aber es war nicht Undankbarkeit, die den Erzbischof zu seiner Flucht aus England getrieben hat", meinte Herbert von Bosham.
Heinrich nickte zustimmend. "Ihr habt recht, meine Herren. Es war die pure Angst. Angst davor, angeklagt zu werden, weil er seine Pflichten als Lehnsmann verletzt hat."
"Verzeiht mir, aber habt Ihr nicht etwas verlangt, was vor Euch noch kein König verlangt hat?"
Heinrich leerte seinen Becher mit einem Zug und trat an eine Stange auf der sein Lieblingsjagdfalke angebunden saß. Man hatte ihm eine Lederkappe übergestülpt. Heinrich streichelte den Falken zärtlich und fütterte ihn mit einem Stück Fleisch vom Wild. "Ich verlangte nur, dass die Heilige Kirche die alten Gewohnheiten respektiert und achtet, wie sie sie bereits unter meinem Großvater gegolten haben. Diesen Eid zu leisten, den jeder Geistlicher zu leisten bereit war, verweigerte er."
"Ist es also so, dass Ihr nicht bereit seid, Euch mit dem Erzbischof zu treffen?" wollte Johannes von Salisbury wissen.
Heinrich, der Johannes von Salisbury noch nie leiden mochte und ihn vor drei Jahren aus England verwiesen hatte, nickte zustimmend und ließ Johannes die Verachtung deutlich spüren. "Ihr habt es erfaßt und so hatte ich es vorhin gesagt. Es wird erst soweit kommen, wenn er bereit ist den Eid ohne jeden Vorbehalt zu leisten. Und nun geht, ich habe noch zu tun."
Enttäuscht verließen die Gesandten den großen Saal der Festung von Angers und ritten zum Kloster Pontigny zurück, wo Becket noch immer untergebracht war.
Nur ein paar Tage später erreichte Heinrich dann die Botschaft, dass der Papst dem Erzbischof den Rücken stärkte und diesen zum päpstlichen Legaten für ganz England ernannt habe. Roger von Pont-l´ Eveque, Erzbischof von York, war von nun an Legat für Schottland. Allerdings unterstand dieser nicht der Jurisdiktion des Erzbischofs von Canterbury. Diese Nachrichten verhießen für Heinrich nichts Gutes. Die Lage Heinrichs schien sich zu seinen Ungunsten zu verändern.
Ende Mai weilte Heinrich dann in Chinon, als er einen Brief Beckets, dem Legaten von England, erhielt. Darin bat dieser sehnlichst um eine Unterredung. Er schlug Soissons als Ort des Treffens vor. Doch der Brief war auch mit belehrenden Worten und Vorwürfen beladen. War es das Ziel Beckets den König zu einer versöhnlichen Haltung zu bewegen, dann verfehlte er sein Ziel gründlich. Heinrich geriet über den Brief so in Wut, dass er beinahe den Überbringer des Briefes, den Abt von Cercamp, körperlich angegriffen hätte.
"..wenn Dir Dein Heil am Herzen liegt, dann, Herr, darfst Du der Kirche nicht, gleich unter welchen Vorwand, etwas rauben, was ihr gehört, und Du darfst ihr kein Unrecht zufügen. Im Gegenteil, gewähre ihr in Deinem Königreich die Freiheit, die sie andernorts genießt. Erinnere Dich, dass Du in Westminster, als Dich mein Vorgänger salbte und zum König krönte, auf dem Altar geschworen hast, die Freiheiten der Kirche zu wahren. Darum gib der Kirche von Canterbury, die Dich gekrönt, das Wohlergehen und die Ehre zurück, die sie unter Deinen und meinen Vorgängern genossen hat. Gib ihr alle Ländereien, alle Schlösser und alle Pachthöfe zurück, die ihr gehörten und die Du nach Deinem Willen verteilt hast. Gib jedem alles das zurück, was ihm gestohlen wurde. Laß mich schließlich in Sicherheit und Frieden zu meiner Herde zurück, auf dass ich mein Amt bei ihr erfülle, wie es mein Recht und meine Pflicht ist. Was mich betrifft, so bin ich bereit, Dir zu dienen als meinem vielgeliebten Herrn und König, in Treue und Ergebenheit, mit allen meinen Kräften und in allem, unter dem Vorbehalt der Ehre Gottes und der römischen Kirche und meines geistlichen Standes. Solltest Du Dich anders verhalten, dann wisse, dass Du der Härte der göttlichen Strafen nicht entgehen wirst", las Heinrich wütend vor und warf es zu Boden.
Sein Blut kochte und er bebte vor Zorn. Der Abt war sichtlich eingeschüchtert und trat einen Schritt zurück. "Verschwindet mir aus den Augen", schrie Heinrich und machte eine wegwerfende Bewegung. "Dieser Prälat raubt mir den Leib und die Seele", klagte Heinrich mit Tränen in den Augen und schlug sich die geballten Fäuste vor das Gesicht und wanderte durch das Arbeitszimmer.
Patrick von Salisbury, Richard de Lucé, Arnulf von Lisieux, der Bischof von Poitiers und Eleonore, die der Szene beigewohnt hatten, tauschten miteinander Blicke aus.
Sie fragten sich, was den Erzbischof zu einem solchen - geradezu dummen - Brief veranlaßte. Er war keinesfalls dazu geeignet, den Frieden wieder herzustellen.
Eleonore trat vor Heinrich, dem die Tränen herabliefen, und nahm seine Hand. "Ich verstehe Deinen Zorn. Aber Du solltest darüber voller Großmut hinwegsehen. Triff Dich mit ihm. Redet miteinander. Es ist vielleicht Eure letzte Chance. Denk´darüber nach", bat sie.
Heinrich sah ihr lange in die Augen. "Ich soll mich mit ihm treffen? Warum? Er ist immer noch nicht bereit den Eid ohne jeden Vorbehalt zu leisten. Er ist ein Flüchtiger. Er hat England entgegen den bestehenden Gesetzen verlassen. Er hat seine Pflichten verletzt und wurde in Northampton schuldig gesprochen. Und ich soll mich mit ihm treffen? Ist es nicht so, dass er vor dem König erscheinen muß,
und den Eid leisten muß?" fragte er und sah in die Runde.
Eleonore atmete tief durch. "Heinrich, Du hast inzwischen die Güter des Erzbischofs konfisziert, Geiseln genommen und den Klerus gespalten. Der größte Teil des Klerus hält nicht mehr zu ihm und die, die zu ihm halten, tun dies auch nur, um des Eides wegen, ihrem Primas gehorchen zu müssen. Doch was hast Du damit erreicht? Der Klerus von Frankreich hat sich bedingungslos hinter Becket gestellt. Ebenso Ludwig VII. Der Papst wandelt auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite wagt er es nicht offen gegen Dich vorzugehen, weil er jede Unterstützung gegen das Reich Friedrichs und dem Gegenpapst braucht. Man erzählt, den Papst plagen Geldsorgen. Eine bedingungslose Konfrontation weicht er aus, weil er befürchten muß, England endgültig auf die Seite der Schismatiker zu treiben. Aber auf der anderen Seite hält er zu Becket und hat die Konstitutionen für nichtig erklärt. Er hat den Klerus von England vergeblich daran erinnert, dass der Papst ihr Oberhaupt ist. Aber er kann es auch nicht zulassen, dass Du ihn schamlos erpreßt."
Heinrich sah Eleonore erstaunt an. "Ich erpresse den Papst?" fragte er mit unschuldiger Miene.
"Ja", antwortete Eleonore, "erzähle mir nicht, dass Johannes von Oxford und Richard von Ilchester, der Erzdiakon von Poitiers, aus freien Stücken zum Reichstag des deutschen Kaisers zu Würzburg Paschalis als den rechtmäßigen Papst anerkannt haben. Du hast Dich zwar geschickt freigesprochen, aber mich täuscht Du nicht. Es sollte ein Zeichen, eine Warnung an den Papst sein, zu weit zu gehen."
Heinrich mußte unwillkürlich lächeln. "Meine liebe Gemahlin, ich muß wieder einmal feststellen, dass Du einen sehr klugen Kopf hast."
Eleonore erwiderte das Lächeln. "Ich bin schon zu lange mit Dir verheiratet."
"Also, was rätst Du mir, Teuerste?" fragte Heinrich schließlich.
"Triff´ Dich mit ihm in Soissons."
Heinrich sah Richard de Lucé und Patrick von Salisbury an. Beide nickten zustimmend.
"Ihr dürft nicht vergessen, dass der Erzbischof angekündigt hat, Exkommunikationen auszusprechen. Eine Exkommunikation ist etwas sehr schwerwiegendes und könnte Eure Stellung nur schaden. Ich persönlich fürchte gar, dass sie Euch schwächen könnte", gab Patrick von Salisbury zu bedenken.
Heinrich nickte. Das hatte er auch schon bedacht. In der Tat wäre eine Exkommunikation oder gar ein Interdikt verheerend. "Also gut", sagte er schließlich, "ich werde mich mit ihm in Soissons treffen."
Becket erhielt mehrere Tage später, als er Pontigny bereits verlassen hatte und nach Soissons unterwegs war, die Antwort in einem Brief. Drei Tage harrte er in Soissons aus, doch Heinrich
erschien nicht. Enttäuscht und wütend ritt er nach Vezelay weiter, wo er im Kloster untergebracht wurde, und mit allen Ehren empfangen wurde.
Er gedachte dort das Pfingstfest zu verbringen. An dem Ort, wo zwanzig Jahre zuvor Bernhard von Clairvaux den zweiten Kreuzzug ausgerufen hatte, sollte Becket den Kampf mit Heinrich aufnehmen.

Kapitel 9


Pfingsten zu Vezelay, 12. Juni 1166

Thomas Becket erhob sich mühsam. Leicht schwankend zog er sich sein härenes Hemd über. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als der Stoff die Haut berührte. Becket hatte sich von Selbstzweifeln geplagt, selbst gegeißelt, bis das Blut floß. Es konnte nur noch einen Weg geben: Den des Kampfes. Hatte er nicht oft genug versucht, einen friedlichen Konsens zu erreichen? Doch immer und immer wieder hatte Heinrich dies abgelehnt. Obwohl es ihm zutiefst widerstrebte, war Becket zu diesem Schritt genötigt.
Am Tag zuvor hatten Boten des französischen König Ludwigs ihn aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass Heinrich aufgrund einer Krankheit nicht in Soissons erschienen war. Becket wollte dies zuerst nicht glauben und witterte eine Lüge Heinrichs, doch die Gesandten versicherten ihm, dass Ludwig sein Wort in dieser Sache für Heinrich verbürge. Dies führte dazu, dass er bereit war, den Bannstrahl der Kirche gegen den König noch nicht auszusprechen, aber er wollte ihm nur noch eine kurze Frist geben. Würde Heinrich dann immer noch einem Treffen aus dem Weg gehen, dann würde er den König exkommunizieren.
Johannes von Oxford und Robert von Ilchester - die beiden Gesandten, die zum Würzburger Reichstag den Gegenpapst anerkannt hatten - und weitere Geistliche und Barone würden ihrem Schicksal nicht entgehen. Es sollte die letzte Warnung an den König sein.
Becket verharrte in seiner Zelle zu einem kurzen Gebet und begab sich dann in die Sakristei der Abteikirche, wo er die Pfingstmesse lesen wollte. Er ließ sich das bischöfliche Ornat anlegen und trat dann vor die gewaltige Menschenmenge, die sich in der Kirche versammelt hatte. Er las eine bewegende Messe. Wortreich und mit scharfer Zunge führte er das Wort gegen seine Gegner. Schließlich exkommunizierte er Johannes von Oxford und Richard von Ilchester, die er des Schismas schuldig befand, da sie im Namen des Königs Verbindungen zu den Schismatikern in Köln unterhielten. Danach exkommunizierte er Gilbert Foliot, Jocelin von Bailleul, Ranulf von Broc und weitere Geistliche und Barone, die Güter des Erzbischofs übereignet bekamen. Schließlich exkommunizierte er auch den Justitiars des Königs, Richard de Lucé, was letztlich ganz besonders den Zorn des Königs auf sich ziehen mußte. Becket warf ihm die Verletzung der Vasallenpflicht vor.
Die Nachrichten von den ausgesprochenen Exkommunizierungen erreichten Heinrich, als er gerade auf dem Weg in die Bretagne war, um dort einen Aufstand niederzuwerfen. Er geriet erwartungsgemäß in Rage. Kurz darauf traf ein weiterer Brief von Becket, der an Heinrich gerichtet war, ein. In diesem erhob Becket schwere Vorwürfe an ihn. Ein weiterer Brief von Becket ging an die Bischöfe, in denen er diese aufforderte, die Exkommunzierungen überall zu verbreiten.
Gilbert Foliot erreichte die Nachricht von seiner Exkommunizierung am 30. Juni mitten in der Messe. Als die Boten lauthals verkündeten, dass der Bischof von London exkommuniziert sei, kam es zu Unruhen.
Die Bischöfe reagierten bestürzt und legten mit der Zustimmung des Königs beim Papst Berufung ein.

November 1166

Im Spätherbst verließ Thomas Becket Pontigny und bezog in der Benediktinerabtei von Sainte-Colombe bei Sens eine Mönchszelle, nachdem König Heinrich erheblichen Druck auf den Abt ausgeübt hatte, Becket in Pontigny nicht mehr zu dulden.
Daraufhin hatte der französische König Ludwig ihm angeboten, auf einem seiner Schlösser Quartier zu beziehen. Doch soviel Großzügigkeit berührte den Erzbischof peinlich und er zog die schlichte Mönchszelle vor.
In der Nacht bevor er Pontigny verließ, quälten den Erzbischof Alpträume und Herbert von Bosham fand den Erzbischof völlig aufgelöst am Morgen vor.
"Was ist geschehen?" fragte der Sekretär besorgt.
Mit Tränen in den Augen sah Becket seinen Sekretär an. Nur mühselig und stockend berichtete ihm der Erzbischof von seinen Träumen. "Ich...ich habe geträumt, dass ich wieder nach Canterbury zurück-...zurückgekehrt bin. Doch nicht im Frieden. Plötzlich...dringen vier Ritter ein und es kommt zu einem....Handgemenge. Dann trifft mich ein Schwerthieb und spaltet mir den Schädel..."
Herbert von Bosham erschrak und reichte ihm einen Becher mit gewürztem Wasser. "Das war alles nur ein Traum. Ein böser Traum. Ihr seid in Pontigny. In Sicherheit."
"In Sicherheit?" fragte Becket beinahe verächtlich, "ich fliehe von diesem Ort, weil Heinrich es so will. Nach allem was geschehen ist, muß ich um mein Leben fürchten."
Nach der Frühmesse zur Laudes, die Becket selbst hielt, verließen sie Pontigny. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Kloster Sainte-Colombe traf ein Brief des Papstes ein, der für Becket eine herbe Enttäuschung beinhaltete und ihn zutiefst verbitterte. Der Papst hatte den Kichenbann gegen Johannes von Oxford aufgehoben. Vermutlich hatte er und der englische König dem Papst reichlich Gold zukommen lassen, damit der Papst in seinem Kampf gegen den Kaiser bestehen konnte. Die Lage des Papstes hatte sich verschlechtert und ihn zu diesem Schritt genötigt. Er mußte sogar befürchten, dass es zu einem Bündnis zwischen Kaiser Friedrich und dem normannischen Königreich Sizilien kam. Ein solches Bündnis käme dem Ende des Papstes Alexanders gleich. Und so konnte er sich keinen weiteren Gegner leisten. Und dies wiederum bedeutete, dass Becket gezähmt werden mußte. Der Papst erwies sich nicht als undankbar. Er warnte Becket vor weiteren Provokationen. Doch es kam noch schlimmer. Der Papst entzog ihm die Legation und hatte zwei neue Legaten ernannt: Wilhelm von Pavia und Odo von Ostia.
Wilhelm war alles andere als ein Freund und Anhänger Beckets, so dass er spürte, dass er zunehmend isoliert wurde. Becket reagierte mit einem bitteren Brief an den Papst und beklagte sich in einem weiteren Brief an den Erzbischof von Mainz über die Bestechlichkeit des Papstes.

Oxford, Weihnachten 1166

Nachdem Heinrich mehrere Monate auf dem Festland zugegen war, setzte er zusammen mit Eleonore nach England über. Sie gedachten in Oxford das Weihnachtsfest zu verbringen und Hof zu halten. Heinrich fühlte sich durch die Entscheidung des Papstes gestärkt. Eine Exkommunizierung musste er zum jetzigen Zeitpunkt nicht befürchten.
Eleonore war hochschwanger und bis zu ihrer Niederkunft konnten es nur noch wenige Wochen sein. Als sie Oxford erreichten fühlte sich Eleonore schwach und sie war erschöpft. Ihr Bauch war prall und dick gewölbt und Ihre Beine schmerzten. Schon seit Tagen war sie ermattet und müde. Sie sehnte sich nach einem entspannenden und heißen Bad. Daher befahl sie den Zofen einen großen Zuber mit warmen Wasser zu füllen. Sie ließ sich von den Zofen auskleiden und stieg in den Zuber mit dem warmen Wasser. Sie setzte sich, schloß die Augen und lehnte sich zurück. Ein zufriedenes Lächeln umspann ihre Lippen. Ihre Gedanken begannen seltsame Kreise zu ziehen. Ihr war aufgefallen, dass Ranulf von Broc seit geraumer Zeit fast ständig in der Nähe des Königs weilte. Und ihr war ebenso aufgefallen, dass Patrick von Salisbury in düsterer Stimmung den Hof verlassen hatte. Er hatte um die Erlaubnis gebeten nach Poitiers gehen zu dürfen. Dann wanderten ihre Gedanken zu Heinrich. In den letzten Wochen war Heinrich ihr gegenüber kühl, beinahe abweisend gewesen. Sie ließ sich von den beiden Zofen einseifen. Sie hießen Johanna und Margarethe. Sie waren zwar Angelsächsinnen, aber sie verstanden die Sprache der Normannen und hatten sich in den letzten Jahren als außerordentlich fleißig erwiesen.
Eleonore war so in Gedanken versunken, dass sie erst gar nicht mitbekam, was die beiden miteinander redeten. Plötzlich horchte sie jedoch auf. Sie richtete sich auf und versteifte sich. "Was hast Du gerade gesagt, Johanna?" fragte sie.
Johanna biß sich auf die Lippe, so als wäre ihr etwas herausgerutscht, was sie nicht sagen wollte.
"Oh, verzeiht mir. Das wollte ich nicht. Das hätte ich nicht sagen dürfen", stammelte Johanna verlegen.
"Was meinst Du?" fragte Eleonore. Sie sah Johanna scharf an, die einen Schritt zurückwich. "Was hast Du gesagt? Los, sprich!"
"Nun, das ich mich freue, dass ihr wieder in England seid. Ihr ward viel zu lange fort."
"Ja, ja. Aber Du hast noch etwas gesagt. Was war es?" fragte Eleonore barsch.
Johanna war verlegen und wechselte einen ängstlichen Blick mit Margarethe, die bloß mit der Achsel zuckte. "Das Ihr mir leid tut."
Eleonore runzelte die Stirn. "Ja, das war es. Aber warum tue ich Dir leid?" fragte sie und lehnte sich wieder zurück. Sie behielt jede Bewegung, jede Geste, jede Miene und jeden Blick der beiden genau in den Augen.
"Na ja, es ist wegen....nun, ich dachte Ihr wüßtet es....ich bin ja so ungeschickt. Verzeiht mir. Aber Ihr tut mir leid, weil der König Euch hintergangen hat."
"Hintergangen? Inwiefern?" herrschte Eleonore sie eine Spur heftiger an, als sie eigentlich wollte.
"Wegen der Gräfin von Lincoln."
"Die Gräfin von Lincoln? Ihr meint die junge Rosamunde de Clifford? Was ist mit Ihr?"
Wieder zögerte Johanna. Schließlich platzte es aus Ihr heraus. "Sie ist des Königs Mätresse." Jetzt war es draußen und Johanna atmete erleichtert tief durch.
Eleonore wiederholte die Worte leise. Plötzlich erhob sie sich und befahl sie abzutrocknen. Sie habe das Bad beendet. Jetzt wurde ihr auch klar, weshalb Heinrich so unnahbar geworden war.
Sie ließ sich anziehen und eilte zu den Gemächern des Königs. Dann hielt sie plötzlich inne. Wenn ihre Zofen es wußten, dann wußten es vermutlich noch viel mehr Höflinge. Sie wandte sich ab und lief zum Arbeitszimmer des Justitiars Richard de Lucé, der ebenfalls nach Oxford gekommen war. Sie mußte sich Gewissheit verschaffen. Sie fand Richard de Lucé hinter seinem Arbeitstisch sitzend. Er war gerade dabei, ein Dokument zu verfassen, als Eleonore eintrat.
Er sprang erstaunt auf und wollte sich verbeugen, aber Eleonore herrschte ihn grob an: "Laßt das. Erzählt mir, wer die Gräfin von Lincoln ist?"
"Aber ich dachte, das wüßtet Ihr?" fragte Richard de Lucé erstaunt.
"Die Wahrheit, Richard de Lucé. Die Wahrheit", drängte Eleonore ungeduldig.
Richard de Lucé sah sie lange an. Er dachte nach. Er spürte, dass Eleonore etwas erfahren haben muss. Schließlich befand er, dass es keinen Sinn hatte zu leugnen. "Ich sehe Euren Augen an, dass Ihr von der Beziehung des Königs zu Rosamunde de Clifford wißt."
"Ihr habt es also auch gewußt?" fragte Eleonore und trat zum Fenster und sah auf den verschneiten Innenhof hinaus. "Wer wußte es noch?" wollte sie wissen. In ihrem Innern kochte es. Das Blut pulsierte durch die Adern und erhitzte sie. Sie war an die außerehelichen Eskapaden des Königs gewöhnt, doch dies war etwas anderes. Das war nicht nur eine Affäre für eine Nacht oder zwei. Hier war eine Rivalin im Spiel, die sie ernsthaft fürchten mußte, wenn es bereits mehrere wußten.
"Majestät, es wissen so ziemlich alle davon", antwortete der Justitiar kleinlaut.
Die Antwort versetzte ihr einen Schlag. Sie schien einen Moment lang zu taumeln und Richard de Lucé ergriff ihre Hand. Doch sie löste sich sofort wieder davon und wandte sich um. Tränen der Wut, der Enttäuschung und des Schmerzes liefen ihr die Wangen herab. "Ihr meint, Heinrich verbarg sie nicht einmal? Er zeigte sich in aller Öffentlichkeit mit ihr?"
Der Justitiar nickte nur.
"Wie lange geht das schon so?"
"Warum wollt Ihr Euch mit der Antwort quälen?"
"Sagt mir, wie lange das schon so geht?" fragte sie ungeduldig.
"Viel zu lange", gab Richard de Lucé zu, "etwa seit zweieinhalb Jahren sucht er sie auf. Seit einem Jahr etwa zeigt er sich des öfteren mit ihr auch in der Öffentlichkeit."
Sie holte tief Luft. Heinrich hatte sie in aller Öffentlichkeit seit einem Jahr lächerlich gemacht und zum Narren gehalten. Er demütigte sie, indem er die Mätresse öffentlich zeigte. Warum tat er das? Warum verletzte er sie so sehr? Was hatte sie getan? Ohne ein Wort zu sagen, verließ sie die Räume des Justitiars und zog sich in die eigenen Gemächer zurück. Lange saß sie vor einem Spiegel und blickte mit leeren Augen auf ihr Spiegelbild.
Heinrich war am Mittag ausgeritten. Man erwartete seine Rückkehr am Abend. Sie würde ihm mit erhobenen Hauptes entgegentreten. Er sollte ihre Verachtung - ja, nur dieses empfand sie für ihn - spüren. Nicht den Schmerz, den er ihr zugefügt hatte. Sie erhob sich und begab sich in ihr Arbeitszimmer und setzte sich hinter den Tisch. Die Zofen sahen sie erwartungsvoll an und hofften, sie würde die Spannung mit ein paar Worten lösen. Eleonore befahl einen Schreiber zu sich. Kaum war er erschienen und sie damit begann einen Brief zu diktieren, hörte man vom Hof her Pferde. Der König war zurück gekehrt. Minuten später trat Heinrich in ihr Gemach. Unbeirrt diktierte sie den Brief an die Äbtissin von Fontevrault weiter.

Er zog sich seine ledernen Handschuhe ab und warf sie auf einen Schemel. Er schien guter Laune zu sein. "Eleonore, schick´den Schreiber und die Zofen fort. Ich will mit Dir allein sein", sagte er und griff nach dem Krug Wein und schenkte sich einen Becher voll.
Eleonore musterte ihn kühl und fuhr unbeirrt mit dem Diktieren fort. Heinrichs einfache Kluft roch noch nach dem Schweiß seines Pferdes. Wer ihn nicht kannte, würde ihn in der einfachen Kluft allenfalls für einen einfachen Burgherrn halten, aber nicht für den König.
Heinrich hatte den kühlen Blick bemerkt und runzelte die Stirn. "Schick´ ihn fort", wiederholte Heinrich rüde.
Der Schreiberling legte die Feder beiseite und wollte sich erheben. Doch Eleonore rief scharf: "Ihr werdet bleiben, bis ich Euch entlasse!"
Verunsichert setzte sich der Schreiber wieder.
"Verschwindet!" rief Heinrich nun wütend, dann packte er den Schreiber am Kragen und hob ihn aus dem Stuhl. Verängstigt machte sich der Schreiber davon.
"Was soll das, dass Du mein Personal so derart grob anfaßt?" fragte Eleonore scharf.
Heinrich setzte sich auf die Tischkante und sah ihr von oben in die Augen. "Was hat denn die Königin? Ist sie schlechter Laune?" fragte er spöttisch.
"Nein, eigentlich nicht", erwiderte sie sanft, stand auf und ging um den Tisch herum, "aber es paßt mir nicht, dass Du mein Personal herumkommandierst."
"Komm´ schon, Eleonore. Was soll das? Es ist ein Diener. Es lohnt sich nicht um seinetwegen zu streiten." Er wollte sie an sich ziehen, doch sie wehrte ihn ab und entzog sich ihm.
"Heinrich, Du scheinst vergessen zu haben, dass Du nicht jeden so herumkommandieren kannst. Und schon gar nicht mich", antwortete Eleonore freundlich lächelnd. Dann wurde ihre Miene eisig. "Und schon gar nicht vor dem Personal. Ich lasse mich nicht demütigen."
Heinrich legte die Stirn in Falten. "Dich demütigen? Das würde ich nie tun."
"So?" fragte sie spitz. Sie trat dicht vor ihn heran. Ihre Gesichtszüge waren verhärtet und in ihren Augen glomm die Glut der Rache. "Und was ist mit Rosamunde von Clifford? Ist es etwa in Deinen Augen keine Demütigung, dass Du sie seit einem Jahr als Mätresse hälst und jedermann weiß davon? Du hast sie in der Öffentlichkeit gezeigt. Vermutlich auch noch voller Stolz. Ich nehme an, Du liebst sie? Nun gut, Du hattest viele Frauen in unserer Ehe in Deinem Bett. Damit konnte ich leben. Denn ich hatte niemals Zweifel an Deiner Liebe zu mir. Doch das ist zuviel. Diese Kränkung nehme ich nicht hin. Ich werde mich nicht von einer billigen Hure verdrängen lassen!" Die letzten Worte hatte sie voller Verachtung ausgesprochen.
Heinrichs Gesichtszüge hatten sich zunehmend verfinstert. "Das ist es also!"
"Genau das ist es", rief Eleonore aus, "Du wirst diese Hure sofort verstoßen oder ich werde dafür sorgen, dass sie verschwindet."
"Sie ist keine Hure", antwortete Heinrich scharf.
"Ach, nein?"
"Sie ist ein anständiges Mädchen. Sie ist die Gräfin von Lincoln. Die Tochter eines treuen Vasallen. Ich liebe sie. Da hast Du vollkommen recht. Und ich werde sie nicht verstoßen. Du wirst mit ihrer Existenz leben müssen. Und ich warne Dich, unternimm nichts was sie gefährdet. Du würdest es bereuen."
"Glaubst Du etwa allen Ernstes, ich werde so tun, als wäre nichts? Ist es nicht schon schlimm genug, daß ich zum Gespött geworden bin? Du hast meine Ehre besudelt! Erwarte nicht, dass ich das so einfach hinnehme!" rief sie wütend aus.
"Eleonore, Du bist nicht bei Sinnen. Niemand hat Dich verspottet. Du bist die Königin. Niemand würde es wagen, die Frau von Heinrich Plantagenet zu verspotten."
"Was weißt Du schon, was das Volk, was Deine Hofherren und Hofdamen sagen und reden? Du hast mich zutiefst gedemütigt. Es ist mein Recht zu verlangen, dass Du sie verstößt. Stelle meine Ehre wieder her."
Heinrich atmete heftig. Der Zorn in ihm steigerte sich langsam. "Ich werde Rosamunde nicht verstoßen. Sie ist mir genauso teuer wie Du mir."
Ihr waren Tränen in die Augen gestiegen und sie rang vor Zorn mit der Fassung. "Ach ja, dann willst Du vielleicht auch Kinder mit ihr zeugen? Oder hat sie schon Deine Brut in sich?" stieß sie wütend hervor.
Heinrich stand für einen Moment unschlüssig da. Dann ergriff er seine Handschuhe und verließ wütend ihr Gemach. Sie griff nach dem Tintenfaß, welches auf dem Schreibtisch stand und schleuderte es ihm wütend hinterher.
Es fiel auf, dass Heinrich und Eleonore bei ihren gemeinsamen Auftritten in der Öffentlichkeit in den Tagen nach dem Streit, eine kühle Distanz wahrten. Sah Heinrich in die eine Richtung, sah Eleonore in die andere. Sie würdigten sich keines Blickes mehr, geschweige denn, dass sie sich anlächelten.
Heinrich betrachtete es als eine der Launen von Eleonore. Sie würde sich wieder beruhigen. Dessen war er sich ganz sicher. Umso überraschter war er dann, als Eleonore ihm ihren Entschluß mitteilte, nach der Niederkunft nach Poitiers zurückzukehren. Doch er widersprach nicht. Am 27. Dezember brachte sie einen Sohn zur Welt. Sie nannten ihn Johann.
Als Eleonore Oxford verließ, sollte sie sich von Heinrich abwenden. Sie war getroffen und gedemütigt. Von diesem Tage an hielt sie sich fast ausschließlich nur noch in Poitiers auf.

Kapitel 10


Normandie im Frühjahr und Sommer 1167

Die Lage in Rom war so angespannt, dass die beiden Legaten erst im Frühjahr die Stadt verlassen konnten. Auf einem abenteuerlichen und beschwerlichen Weg erreichten sie das Kloster Saint-Colombe, wo sie von Herbert von Bosham empfangen wurden. Dieser erläuterte ihnen den Standpunkt von Becket.
Von dort aus nahmen sie den Weg in die Normandie, wo sie Heinrich anzutreffen hofften.
Heinrich hatte sich im Frühjahr in Caen aufgehalten. Aber die Situation in der Gascogne um Graf Raimund von Toulouse zwang ihn ins Limousin zu eilen, so dass die Legaten Heinrich verfehlten.
Graf Raimund von Toulouse - derselbe Graf, gegen den Heinrich acht Jahre zuvor zu Felde gezogen war - hatte sich mit dem französischen König überworfen. Raimund war zwar ein mächtiger Graf, wusste aber, dass er auf Dauer dem französischen König und dessen Vasallen trotzen konnte. Er sandte einen Boten an den Hof Heinrichs und bat ihm seine treuen Dienste als Vasall an. Heinrich mißtraute dem Graf zwar zutiefst und verabscheute ihn, sah aber darin eine hervorragende Gelegenheit seinen Einfluß auszuweiten. Daraufhin war Heinrich sofort aufgebrochen und ins Limousin geeilt und hatte dort den Lehenseid des Grafen empfangen. Unterwegs hatte er noch Eleonore in Poitiers aufgesucht, doch sie machte ihm deutlich, dass seine Anwesenheit nicht sonderlich erwünscht war.
Ludwig VII. war alles andere gewillt, als die Provokation und den Treuebruch seines Schwagers, den Grafen von Toulouse, hinzunehmen. Ludwig bat um ein Treffen mit Heinrich, der in die Normandie zurückeilte und am 04. Juni in Gisors mit Ludwig VII. zusammen traf. Die Legaten wurden immer noch nicht zum König vorgelassen. Ihn quälten andere Gedanken.
Bei dem Treffen in Gisors hatte der französische König ungewöhnlich scharfe Worte formuliert. Er drohte mit Krieg falls Graf Raimund den Treueeid nicht widerrufe und Heinrich die Lehenshoheit Frankreichs über die Grafschaft Toulouse anerkenne. Heinrich wies diese Forderung schroff zurück. Er könne auf seine Ansprüche, die er als Herzog von Aquitanien besitze nicht verzichten. Ludwig spürte, dass Heinrich nach acht Jahren Rache für die Demütigung vor Toulouse nehmen wollte und brach die Verhandlungen ab. Und so kam es, wie es kommen musste: Zwischen Frankreich und England brach erneut ein Krieg aus!
Den Legaten blieb nichts anderes übrig, als in Rouen zu verweilen. Man entließ sie nicht und verbot ihnen die Stadt zu verlassen. Hier erfuhren sie auch, dass sich die Situation in Rom zugespitzt hatte und der Papst in starke Bedrängnis geraten war.

Dinan in der Bretagne im September 1167

Der gedemütigte Ludwig eröffnete den Krieg im Juni und verwüstete die Mark und die Grafschaft Eu. Daraufhin verwüsteten die Truppen Heinrichs die Region Perche. Das war für die Pariser Bevölkerung eine Katastrophe. In Paris brach eine Hungersnot aus. Der Konflikt verschärfte sich und erreichte seinen Höhepunkt mit der Zerstörung von Tours.
Den Krieg zwischen Heinrich und Ludwig nutzten die Grafen von Vannes, Eudon von Porhoet, Graf Guismarch von Leon und Roland von Dinan zum Aufstand in der Bretagne gegen Heinrich II. Ludwig war sofort nach Abbruch der Verhandlungen mit ihnen in Verbindung getreten. Sie schlossen ein Bündnis mit Ludwig und erhoben sich. Die aufständischen Grafen hofften, dass Heinrich daran zugrunde gehen würde, wenn er an zwei Fronten kämpfen mußte. Doch nach der Zerstörung und Verwüstung von Tours gelang es Heinrich einen Waffenstillstand mit Ludwig zu schließen. Dieser sollte für ein Jahr gelten.
Sofort nach dem Inkrafttreten wandte er sich nach Westen in die Bretagne
. Die Grafen standen von dieser Stunde an auf verlorenem Posten. Sie fühlten sich von Ludwig verraten, der ihnen versprochen hatte, keinen Frieden ohne ihre Einwilligung mit Heinrich zu schließen.
Wenige Tage später - inzwischen war es September geworden - ging die Stadt Josselin im Feuer unter. Nachdem die Stadt zerstört war, wandte sich Heinrich gegen Dinan.
Die Stadt lag auf einem Felsen hoch über einem Fluß und ihre Mauern waren stark befestigt. Es würde schwierig werden diese zu erstürmen und die Rebellen aus der Stadt zu treiben.
Es war ein warmer Septembertag und normalerweise waren die Bauern auf dem Feld um die Ernte einzufahren. Doch Heinrichs Truppen trafen nur zerstörte Gehöfte und Felder an. Die Rebellen hatten sie zerstört um sie nicht in die Hände Heinrichs fallen zu lassen. Überall um Dinan stiegen Rauchfahnen von brennenden Gehöftern auf. Was die Rebellen nicht zerstört hatten, besorgten nun die Truppen Heinrichs.
Heinrich Plantagenet saß er auf seinem Streitroß und sah auf die Mauern der Stadt Dinan und hatte sein Visier hochgeklappt. Er war in voller Rüstung, mit Schild und Schwert bewaffnet. Schweiß lief ihm die Schläfen herab. Er hatte den Befehl gegeben Sturmgeschütze zu bauen und gegen die Mauern der Stadt einzusetzen. An seiner Seite waren Patrick von Salisbury und Ranulf de Broc.
"Woran denkt Ihr mein König?" fragte Patrick von Salisbury, der ungeduldig auf das Signal zum Kampf wartete.
"Daran, dass ich es leid bin im Feld zu stehen und kämpfen zu müssen. Seit beinahe vier Monaten bin ich nicht mehr aus der Rüstung herausgekommen. Mein Reich steht überall in Flammen und ist in Gefahr. Es ist beinahe ein Wunder, dass die Schotten und Waliser diese Situation nicht ausgenutzt haben. Es hätte unser Untergang bedeutet. Ich habe viele tapfere Männer erschlagen müssen. Und bei allem Kampf hatte ich nicht einmal Zeit um meine Mutter zu trauern."
Patrick von Salisbury senkte den Kopf. Er wußte, dass den König die Nachricht vom Tode seiner Mutter, schwer getroffen hatte. Die "Kaiserin" Mathilde war am 22. Juli in Rouen verstorben. Ihr hatte Heinrich sein Reich zu verdanken.
Seit diesem Tage war Heinrich wie verwandelt. Er schien unter Depressionen zu leiden. Nachdem Eleonore sich von ihm abgewandt hatte, die Mutter verstorben und Becket, sein Freund und Bruder, sein erbittester Gegner geworden war, spürte er, dass es still um ihn wurde. Und die letzten Meldungen aus Rom verhießen auch nichts Gutes. Ende Juli hatte Kaiser Friedrich, genannt Barbarossa, Rom eingenommen. Alexander III. hatte als Pilger verkleidet aus dem Lateranpalast fliehen müssen. Der Gegenpapst Paschalis III. krönte den Kaiser schließlich im Petersdom zum zweiten Mal. Doch dann brach eine Seuche aus und der Feldzug Friedrichs artete zur Katastrophe aus. Auch sein Kanzler Rainald von Dassel erlag der Seuche.
Alexander III. sah sich nach dem Rückzug des Kaisers gestärkt und hatte die beiden päpstlichen Legaten angewiesen, niemanden vom Kirchenbann zu befreien, der nicht die eingezogenen Kirchengüter zurückgab. Papst Alexander, der zuletzt immer wieder auf eine Versöhnung zwischen Becket und Heinrich gedrängt hatte, begann Heinrich zu mißtrauen.
Heinrich riß sich aus seinen Gedanken los und nickte Patrick von Salisbury zu. "Ich gebe die Stadt der Plünderung frei", sagte er verbittert.
Patrick von Salisbury glaubte seinen Ohren zu mißtrauen. Es kam äußerst selten vor, dass Heinrich eine Stadt der Plünderung freigab.
"Verzeiht, habe ich Euch richtig verstanden, dass die Stadt zur Plünderung freigegeben wird?" fragte er nach.
"Ihr habt richtig verstanden", gab Heinrich zurück und klappte sein Visier herunter, "ich will diesen Krieg schnellstmöglich beenden. Es wird den Aufständischen eine Lehre sein." Dann gab er das Signal zum Angriff.
Wie erwartet, fiel die Stadt die Stadt erst nach einem langen Kampf. Heinrich erkannte schnell, dass ein Angriff von nur einer Seite Erfolg haben würde. Die Lage der Stadt ließ keine andere Taktik als einen Frontalangriff zu. Doch die Verteidiger hatten nicht genug Zeit gehabt die Mauern genügend zu verstärken. Ein schwerer Beschuß der Mauern mit Katapulte und brennenden Pechfackeln richtete schwere Schäden an. Zwar hatten die Verteidiger alle Mann auf die Mauern geworfen, doch die Angreifer waren den Aufständischen weit überlegen. Schließlich gelang es Heinrichs Truppen den Graben zu überwinden und Sturmleitern anzulegen. Von den drei Sturmleitern konnten die Verteidiger zwei zurückwerfen und zerstören, doch über die dritte gelangen die Angreifer in die Stadt. Sie kämpften ein Stadttor frei und öffneten es unter schweren Verlusten. Doch nun gab es keine Chance mehr für die Verteidiger. Die Truppen stürmten die Stadt. Es gelang noch zahlreichen Verteidigern sich in die Burg zurückzuziehen, aber sie hatten hohe Verluste erlitten und konnten die Burg nicht mehr lange halten. Keiner der Verteidiger wurde geschont und die Normannen wüteten unter der Bevölkerung. Die ganze Nacht hindurch beraubten die Truppen des Königs, die Bevölkerung und vergewaltigten die Frauen und Mädchen.
Heinrich selbst beteiligte sich daran nicht, sondern zog sich in sein Zelt im Lager zurück, wo er erschöpft und noch in voller Rüstung in einen unruhigen Schlaf fiel.
Doch Heinrichs Hoffnung auf ein schnelles Ende des Aufstandes erwies sich als falsch. Es mußten noch weitere Städte genommen und geplündert werden, ehe der Aufstand endgültig niedergeschlagen war.

Kapitel 11


Argentan Ende November 1167

Am 26. November wurden die Legaten des Papstes, Wilhelm von Pavia und Odo zu König Heinrich vorgelassen. Nach mehreren Monaten ergab sich nun endlich die Gelegenheit mit dem König zu sprechen.
Heinrich war gut gelaunt. War die Situation vor Monaten noch äußerst gefährlich für ihn - stand doch immerhin ein großer Teil seines Reiches im Aufstand und Ludwig mit seinen Truppen in der Normandie - so hatte sich die Situation nun völlig umgekehrt. Er hatte seine Macht nicht nur zurück erlangt, sondern sie gefestigt.
Heinrich empfing die Legaten in seinem Arbeitszimmer, wo er von mehreren Baronen und Bischöfen umgeben hinter seinem mächtigen Eichentisch saß.
Doch seine Laune wurde zunehmends schlechter. Die Legaten beklagten nicht nur ihre Behandlung, sondern auch die Konstitutionen und Heinrichs auftreten.
Heinrich geriet in Zorn und rief: "Mein Gold anzunehmen, dazu ist der Papst willig, aber mein Reich und dessen Gesetze zu achten, ist er abgeneigt. Glaubt er - und Ihr - er könne seinen Kopf so drehen und wenden, wie der Wind über die Felder fegt?"
Wilhelm von Pavia war empört. "Vergeßt nicht, dass der Papst der Nachfolger von Petrus ist. Alles Gold dieser Erde ist es wert ihm zugeben um ihn zu halten. Davon bleiben jedoch die Privilegien der Kirche ausgenommen."
"Dann möge der Papst dem Erzbischof wenigstens befehlen, nach England zurück zu kehren und die normannischen Gewohnheiten zu akzeptieren."
"Eure Konstitutionen machen dies unmöglich. Sie wurden für nichtig erklärt und doch haltet Ihr daran fest."
"Weil sie vom Erzbischof selbst anerkannt wurden", rief Heinrich aus.
"Aber er hat nie sein Siegel darunter gesetzt", empörte sich Odo.
"Er hat es vor Zeugen getan. Das genügt mir. Oder wollt Ihr Euren Bischöfen Lüge und falsches Zeugnis nachsagen?"
Die Debatte zog sich über zwei Stunden hin ohne ein Ergebnis zu erzielen. Schließlich erklärte der König die Unterredung für beendet. Als man die Kardinäle zur Tür geleitete, rief Heinrich aus: "Wenn ich doch nie mehr einen Kardinal sehen müßte."
Am nächsten Tag begab sich Heinrich zur Jagd und zeigte damit, dass die Legaten am Hofe nicht erwünscht waren. Enttäuscht verließen sie Argentan. Ihre Mission war gescheitert.


Normandie im Spätherbst 1167

Eleonore ging in die Knie und umarmte ihre Tochter Mathilde. Vor wenigen Tagen hatten sie Dover per Schiff verlassen und hatten zum Festland übergesetzt. Sie war nach England gereist um Mathilde abzuholen. Ihr Vertrauter Raoul de Faye hatte sie begleitet.
Eleonore hatte das elfjährige Mädchen in London abgeholt und es bis tief in die Normandie begleitet. Dort sollte es einem Geleitschutz von Heinrich, genannt der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, übergeben werden. Eleonore fiel der Abschied ungewohnt schwer und sie drückte das Kind fest an sich. Mathilde dagegen war ruhig und tröstete ihre Mutter.
"Hab´ keine Angst Mutter. Man sagt doch der Herzog sei ein guter Mensch. Ich fürchte mich nicht vor ihn."
Eleonore mußte unwillkürlich lächeln. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und gab Mathilde einen Kuß auf die Wange. Dann stand sie auf und sagte: "Mach´s gut, mein Schatz!"
Der Hauptmann des Geleitschutzes nahm das Kind sanft bei der Schulter und führte es zu den Pferden. Eleonore winkte ihrer Tochter lange hinterher. Schließlich gab sie den Befehl zum Abrücken. Sie wollte so schnell es ging nach Poitiers. Man sagt, dass die Hochzeit zwischen der kleinen Mathilde und dem Herzog ein großes und fröhliches Fest gewesen sein soll....

Argentan im Januar 1168

Heinrich und Eleonore hatten das Weihnachtsfest zusammen in Argentan verbracht, wo sie auch Hof hielten. Die Atmosphäre zwischen dem königlichen Ehepaar war kühl, bisweilen feindselig. An der Tafel saßen sie zwar nebeneinander, würdigten sich jedoch keines Blickes. Eines Abends zwischen den Feiertagen, bat Heinrich Eleonore zu ihr ins Gemach kommen zu dürfen. Zunächst wollte ablehnen, entschied sich dann jedoch ihn eintreten zu lassen. Es war schon spät am Abend und die Mitternachtsstunde war nicht mehr fern.
Heinrich trat ein und bat Eleonore die Zofen fort zu schicken. Nach kurzem zögern, kam sie diesem Wunsch nach.
"Wie ich sehe, grollt Ihr mir immer noch", stellte Heinrich fest, als sie alleine waren.
Eleonore, die sich das Haar vor einem Spiegel kämmte, wollte zunächst keine Antwort geben, legte dann jedoch den Kamm zur Seite und sah Heinrich im Spiegel an.
"Ich habe gehört, Ihr habt Rosamunde de Clifford im Palast von Woodstock untergebracht", sagte sie kühl.
"Ich sehe, Ihr seid gut informiert, Königin."
"Um ehrlich zu sein, habe ich erwartet, dass Du bei ihr zu Weihnachten sein würdest", antwortete sie und fiel in den persönlichen Ton, "immerhin bist Du nun fast das ganze Jahr in der Normandie oder im Anjou gewesen. Hast Du denn keine Sehnsucht nach ihr?"
Heinrich beachtete ihren Spott nicht und trat hinter sie. Er hatte sich ganz in schwarzes Leder gekleidet und im schummrigen Kerzenlicht wirkte er, als sei er der Leibhaftige. "Dir ist doch sicher nicht entgangen, dass einige aquitanische Barone den Aufstand proben wollen. Sollten Deine Kundschafter im eigenen Land versagt haben? Im übrigen sind wir immer noch König und Königin. Und das wird auch so bleiben. Wenngleich ich manchmal überlege, ob ich Dir noch trauen kann."
"Ach, wirklich?" fragte sie mit unschuldiger Miene.
"Ich hoffe für Dich, dass Du nicht hinter diesem geplanten Aufstand steckst."
Sie stand auf und begab sich zum Fenster. Sie nahm den pelzverbrämten Mantel und zog ihn sich über. Sie starrte zu den Sternen empor. "Ich hoffe, Du verübelst es mir nicht, dass ich den Aufständischen viel Glück wünsche", sagte sie ohne auf seine Frage einzugehen. "Fürchtest Du Dich nicht, wenn überall in Deinen kontinentalen Besitzungen die Aufstände aufflackern? Die Bretagne hat sich schon gegen Dich erhoben, Ludwig lauert auch auf eine Gelegenheit, Raimund von Toulouse ist kein verläßlicher Vasall und nun gärt es auch in Aquitanien. Die Situation könnte für Dich kaum schlimmer sein. Die Waliser und Schotten beobachten die Lage gewiß ganz genau. Sieht so aus, als hätte sich alles gegen Dich verschworen und Deine Macht in Gefahr."
Heinrich sah sie eindringlich an. So sehr es ihm widerstrebte, so mußte er doch eingestehen, dass Eleonore recht hatte. Der Aufstand in der Bretagne war zwar niedergeschlagen und er hatte Geiseln genommen, doch beruhigt war die Lage nicht. Seine Situation war schon weitaus besser gewesen.
"Ich habe nichts anderes erwartet. Du vergißt aber, dass der Aufstand sich auch gegen Dich richtet. Ich stelle Dich auf die Probe. Ich verlange, dass Du den Aufstand - wenn es zu diesem kommt - niederschlägst. Du wirst mir Truppen besorgen."
Sie drehte sich um. "Du verlangst, dass Aquitanier gegen Gleichgesinnte kämpfen?"
"Es ist Dein Herzogtum. Willst Du Dir von den Baronen auf der Nase herumtanzen lassen? Nein, das kannst Du weder wollen noch zulassen. Du wirst - wenn es soweit ist - gegen die Aufständischen vorgehen. Sollte dies nicht geschehen, dann ist dies für mich der Beweis, dass Du dahinter steckst," meinte Heinrich spöttisch lächelnd.
"Wer sind die Aufständischen von denen Du sprichst?" fragte Eleonore.
"Die Lusignans. Aimery, Robert und Hugo und der Graf von Angouleme."
"Und was gedenkst Du zu tun?" fragte Eleonore und sah nachdenklich zum Sternenhimmel empor. Sie hatte schon seit geraumer Zeit mit einem Aufstand gerechnet. Ja, sie hatte sogar darauf gehofft. Heinrich hatte versucht, den Klerus und den Adel Aquitaniens unter seine Kontrolle zu bringen, wie es ihm in der Normandie und in England gelungen war. Doch die Aquitanier waren schon immer ein Volk, dass sich fremden Herrschern nur ungern beugte. Und die Normannen waren äußerst unbeliebt unter den Aquitaniern.
"Ich werde ihre Festung schleifen lassen und sie aus ihren Rattenlöchern herausholen. Und Du wirst mir mit Truppen dabei helfen. Das wird meine Probe für Deine Loyalität sein."
Sie erwiderte nichts. Sie hielt es für einen großen Fehler, die mächtigen Lusignans brechen zu wollen. Das würde sie zu Märtyrern machen und den aquitanischen Adel nur noch mehr aufstacheln. Es wäre klüger mit ihnen zu verhandeln. Aber Heinrich hatte ihren Stolz zu sehr verletzt, als das sie ihm gewillt war, Ratschläge zu erteilen. Zudem konnte es für sie nur hilfreich sein. Sie wußte, dass der Aufstand sich nicht gegen sie, der Herzogin richtete, sondern gegen Heinrich.
Heinrich stand auf und ging zur Tür. "Ach ja, ich werde den tapferen Grafen Patrick von Salisbury und seinen Neffen Wilhelm de Marshal in Poitiers zu Eurem persönlichen Schutz lassen."
"Du meinst sicher um mich zu kontrollieren?" fragte Eleonore spitz. "Raoul de Faye hat mir bislang ausreichend Schutz gewähren können."
Heinrich verharrte einen Moment lang, antwortete jedoch darauf nicht und ging grußlos.
Nur wenige Tage später erreichte Heinrich die Nachricht, dass sich erneut die bretonische Barone erhoben hatten. Ludwig von Frankreich unterstützte den Aufstand.
"Verfluchtes Pack", schimpfte Heinrich und stapfte wütend durch den großen Saal, indem es trotz des großen Feuers im Kamin bitterkalt war. "Dadurch bin ich gezwungen, schon vor dem Frühling aufzubrechen."
Richard de Lucé war entsetzt. "Mein König, ein Feldzug im Winter ist äußerst gefährlich", gab er zu Bedenken, "wie wollt Ihr die Verproviantierung für einen solchen Feldzug gewährleisten?"
Doch Heinrich winkte ab. "Das weiß ich selbst. Doch so überrasche ich meine Gegner. Hat Cäsar seine Gegner nicht auch immer dann angegriffen, wenn sie es am wenigsten erwartet hatten?"
"Aber soweit mir auch die Taten Cäsars bekannt sind, hatte er nie einen Feldzug gestartet ohne seine Verproviantierung sicherzustellen", erwiderte Richard de Lucé.
"Dann müssen eben die Kornkammern der Bauern und der Kirche herhalten."

Poitiers, Ostern 1168

Heinrich begann seinen Feldzug gegen die Aufständischen noch vor der Schneeschmelze. Kaum hatten sich die Bretonen erhoben, schlossen sich die Lusignans dem Aufstand an. Doch sie erwiesen sich als gefährliche Gegner.
So sehr Eleonore innerlich den Aufstand begrüßte, weil er sich in erster Linie gegen die Regierung von Heinrich richtete, so sehr war ihr aber auch klar, dass die Lusignans die Königin zwangsläufig als ihre Gegnerin betrachten würden. Gespannt verfolgte sie die Meldungen über den Aufstand und den Kämpfen. Wie Heinrich ihr befohlen hatte, hatte sie ein Heer aufgestellt, welches sie unter dem Befehl von Raoul de Faye stellte. Die Gebiete der Lusignans wurden verheerend durchstreift, ohne die Lusignans direkt anzugreifen. Sie erhoffte sich dadurch eine große Schlacht zu verhindern und somit die Treue der Lusignans zu sichern.
Heinrich selbst begab sich nach England, nachdem der Aufstand in der Bretagne fast vollständig niedergeschlagen war. Er vertraute darauf, dass Patrick von Salisbury treu zu ihm hielt und Eleonore überwachen würde.
Das Osterfest verbrachte Eleonore in Poitiers, der Hauptstadt ihres Herzogtums. Patrick von Salisbury wurde ein ständiger Begleiter von ihr. Von dessen Seite wiederum wich nur selten sein Neffe Wilhelm de Marshal.
Dieser Wilhelm de Marshal hatte nun das vierundzwanzigste Lebensjahr erreicht und sich schon einen großen Ruf geschaffen. Es gab kaum einen Ritter im Reich, der so geschickt mit der Lanze und dem Schwert umgehen konnte wie er. Nahm er an einem Turnier teil, war er kaum von den anderen Rittern zu schlagen. Wilhelm de Marshal war seinem Onkel treu ergeben. Er war groß gewachsen, sehr kräftig und besaß ausgezeichnete Manieren. Ihr Söhne Heinrich und Richard - die nun beide überwiegend am Hofe der Mutter wohnten und inzwischen dreizehn und fast elf Jahre alt waren - bewunderten den jungen Ritter und versuchten ihre Waffenkünste von ihm zu erlernen. Einmal hatte Eleonore beobachtet, wie Wilhelm de Marshal mit Heinrich an einem Holzschwert übte. Richard stand am Rande und sah zu. Dabei hatte er ein finsteres Gesicht gemacht. Wilhelm hatte zu Richard gesagt, dass er für solche Übungen noch zu jung sei. Heinrich dagegen sei in einem Alter, in dem man mit den Übungen des Schwertkampfes beginnen könne. Natürlich hatte Heinrich stolz den Rücken gestreckt und seinem Bruder verächtlich zugelächelt. Dies mußte dem temperamentvollen Naturell des jungen Richard zuwider laufen. Wilhelm hatte diese Rivalität mit einem Schmunzeln beobachtet. Eleonore dagegen machte sich Sorgen. In ihren Plänen spielten ihre Söhne eine große Rolle. Sie konnte und durfte es nicht zulassen, dass sich ihre Söhne gegenseitig hassten. Dies sah auch Raoul de Faye so, und so hatte sie Wilhelm befohlen künftig auch mit Richard zu üben.
Das Osterfest verlief friedlich und prachtvoll in Poitiers. Für wenige Tage war der Aufstand vergessen. Das Wetter war prächtig und überall regte sich der Frühling und vertrieb die dunklen Zeiten des Winters. Die Fastenzeit war vorüber und in Eleonore wuchs der Wunsch nach einem Ausritt. Und so beschloß sie eines morgens - es war der 27. März - nach der dritten Stunde - nach Tertiär - auszureiten und den herrlichen Frühjahrsmorgen zu genießen.
"Herrin, das ist gefährlich. Die Lusignans sind noch nicht besiegt", meinte Patrick von Salisbury als er von ihren Plänen erfuhr.
Raoul de Faye mußte dem Grafen ausnahmsweise zustimmen. "Er hat recht. Ein Ausritt in die Umgebung von Poitiers ist zu diesen Zeiten nicht ungefährlich."
"Wollt Ihr damit sagen, Ihr habt über unser Hoheitsgebiet keine Kontrolle mehr?" fragte Eleonore barsch. Sie duldete keinen Widerspruch.
"Nein, Majestät. Natürlich nicht. Ich hielt es nur für meine Pflicht Euch zu warnen", meinte Raoul de Faye zerknirscht. Es kam nur selten vor, dass die Königin ihn so hart anging.
Eleonore sah den Grafen von Salisbury herausfordernd an. Patrick von Salisbury war zwar ein treuer Anhänger ihres Gemahls, aber er hielt auch ebenso treu zu ihr. "Ihr werdet mich nicht daran hindern können und mich sicherlich begleiten."
Patrick von Salisbury verbeugte sich leicht. "Dann gestattet mir die Zeit um die Rüstung anzulegen", sagte er.
Sie runzelte die Stirn. "Haltet Ihr das für nötig?"
"Ja, Majestät. Und mein Neffe wird uns begleiten."
Nachdem sie die Rüstung angelegt, die Pferde aus den Stallungen geholt hatten, brachen sie auf. Der Ritt belebte sie wie der Morgentau auf den Blättern bei Sonnenaufgang. Doch der Graf von Salisbury und sein Neffe blieben wachsam. Zahllose Hecken und Wäldchen durchzogen die Landschaft um Poitiers. Ein geeigneteres Terrain für einen Überfall gab es kaum. Es war wohl Vorhersehung, dass der Graf und sein Neffe schwer gerüstet die Königin bei ihrem Ausritt begleiteten. Denn sie hatten sich schon fast aus der Sichtweite von den schützenden Mauern von Poitiers begeben, als Patrick von Salisbury bemerkte, wie bewaffnete Reitertruppen plötzlich hinter ihnen auftauchten und sie verfolgten. Er erkannte das Wappen auf dem Schild des Anführers.
"Die Lusignans", rief er aus und brachte sein Pferd zum stehen. Auch sein Neffe riß sein Pferd herum.
"Was sollen wir tun?" rief Wilhelm de Marshal und zog sein Schwert.
Auch Eleonore hatte ihr Pferd gestoppt. Patrick von Salisbury winkte mit dem Arm. "Reitet wie der Wind, Majestät. Mein Neffe und ich werden sie aufhalten."
"Aber es sind zu viele", rief Eleonore zurück, "das sind gut und gerne dreißig Reiter. Ihr seid mit Euren Knappen nur vier."
"Genug um sie aufzuhalten. Nun reitet schon. Gott schütze Euch!" schrie Patrick von Salisbury und schloß sein Visier. Sein Neffe folgte seinem Beispiel. Die Knappen sahen sich nervös um. Sie hatten Angst. Sie hatten weder Rüstung noch Lanzen. "Haltet Euch hinter uns", rief Wilhelm de Marshal. Dann gab er seinem Pferd die Sporen. Mit lautem Geschrei warfen sich Patrick von Salisbury und Wilhelm de Marschal in das Scharmützel. Verblüfft über den wagemutigen Angriff hatten die Ritter um Lusignan ihre Pferde gezügelt. Dann gaben sie ihnen auch die Sporen. Doch sie hatten wertvolle Geschwindigkeit und Wucht verloren. Patrick von Salisbury und Wilhelm de Marshal hoben mit ihren Lanzen gleich mehrere Reiter aus dem Sattel. Die Knappen folgten ihnen mit dem Schwert schwingend und schlugen auf die gestürzten Ritter ein und töteten sie. Patrick von Salisbury und Wilhelm de Marshal durchbrachen die Reihen und wendeten ihre Pferde. Doch der Abstand war zu gering um einen neuen Angriff zu Pferde zu wagen. Sie sprangen ab und kämpften zu Fuß weiter. Zu Pferd versuchten die Angreifer sie zu erschlagen, doch Patrick von Salisbury und Wilhelm de Marshal wichen geschickt aus und konnten mehrere Angreifer aus dem Sattel heben. Aus dem Augenwinkel sah Wilhelm wie die beiden Knappen von den Angreifern niedergemacht wurden. Plötzlich verspürte er einen Schlag im Rücken. Er wirbelte herum und trennte einem Angreifer den Schwertarm ab. Wilhelm taumelte. Er warf sich mit dem Rücken an eine Hecke und es gelang ihm noch einige Angreifer abzuwehren und zu töten, ehe er wankte und auf die Knie fiel. Jeden Augenblick mußte der tödliche Hieb folgen. Doch wie aus weiter Ferne vernahm er die Stimme von Lusignan, der seine Ritter zurückrief.
"Tötet ihn nicht!" schrie Lusignan. "Er wird uns ein prächtiges Lösegeld einbringen. Das ist Wilhem de Marshal. Der Sohn des königlichen Schatzbeamten."
Dann wurde es schwarz um Wilhelm.
Eleonore erreichte nach einem scharfen Ritt die schützenden Mauern von Poitiers. Sofort befahl sie Raoul de Faye dem Grafen und seinem Neffen zu Hilfe zu eilen. Eine Stunde später kamen die Reiter zurück. Sie erwartete Raoul de Faye im Hof. Dieser verbeugte sich vor der Königin und klappte sein Visier hoch.
"Wir haben sie gefunden. Graf Salisbury und die Knappen liegen erschlagen in ihrem Blut. Und mit Ihnen noch zweiundzwanzig Angreifer. Sie müssen sich tapfer wie die Löwen gewehrt haben."
"Und Wilhelm de Marshal?" fragte Eleonore.
"Wir haben keine Spur von ihm finden können. Vermutlich ist er ihr Gefangener."
Sie atmete tief durch. Sie spürte die Blicke von Heinrich dem Jüngeren und Richard auf sich ruhen.
"Was geschieht nun?" wollte Richard wissen.
Sie ergriff ihn an der Schulter und meinte: "Wenn Wilhelm noch am Leben ist, werden wir alles tun um ihn zu retten."
Kaum hatte sie den Satz beendet erklang das Signalhorn vom Turm. Ein Reiter mit weißer Fahne näherte sich der Stadt. Etwa zweihundert Meter von der Stadtmauer entfernt hielt er an.
"Reitet ihm entgegen", befahl Eleonore. "Seht nach, was er will."
Raoul de Faye ritt dem Ritter entgegen. Nach einem kurzen Gespräch wendete er wieder und kehrte zurück.
"Was will er?" fragte Eleonore, als er wieder vor sie trat.
"Sie haben Wilhelm de Marshal gefangen. Sie verlangen ein hohes Lösegeld für ihn. Aber ihr habt nicht viel Zeit für eine Antwort, denn er ist verwundet."
Eleonore atmete tief durch. "Sie werden bekommen, was sie verlangen. Ihr ehrwürdiger Erzbischof sorgt dafür, dass das Lösegeld schnell zusammen ist und Wilhelm de Marshal zu uns zurück gebracht wird."
Der Angesprochene - der Erzbischof von Poitiers, Johannes von Belméis - nickte.

Kapitel 12


Im heutigen Nordfrankreich, Frühjahr und Sommer 1168

Eleonore zahlte das geforderte Lösegeld und Wilhelm de Marshal kam wieder frei. Eleonore war dem jungen Neffen des Grafen zu Dank verpflichtet und bat ihn, ihr künfig zu dienen und ihrem Sohn Heinrich ein Lehrer zu sein. Mit Freude sagte Wilhelm ihr zu, treu zu dienen. Der Stolz über diese Ehre verdrängte die Trauer um den Verlust des Onkels, dem er so vieles zu verdanken hatte.
Der Aufstand der Lusignans fand ein schnelles Ende. Nachdem Zwischenfall von Poitiers und der Freilassung Wilhelms war Eleonore mit einem Heer in das Gebiet der Lusignans vorgedrungen. Wilhelm der inzwischen wieder genesen war, begleitete sie. Kaum wurden die Lusignans dem Heer ansichtig, streckten sie die Waffen und unterwarfen sich der Königin.
Im Mai konnte Heinrich einen kleinen Sieg an einer ganz anderen Front für sich verbuchen. Gesandte des Königs von England hatten beim Papst erwirkt, dass dieser Becket sämtliche Kompetenzen als Legaten für England absprach. Becket wurde ohne Berufungsmöglichkeit verboten, das Interdikt oder Exkommunizierungen auszusprechen. Heinrich der den Aufstand in der Bretagne noch immer nicht vollständig niedergeschlagen hatte, fühlte sich gestärkt. Nur kurz danach ging dem Aufstand der Schwung verloren.
Heinrich wußte, dass Ludwig VII. den Aufstand in der Bretagne heimlich unterstützt hatte. Doch Ludwig hatte trotz der Hoffnungen seiner bretonischen Verbündeten keine Truppen in die Normandie geführt. Noch immer war der Waffenstillstand wirksam. Aber er weigerte sich auch - gemäß den Vereinbarungen mit den bretonischen Verbündeten - einen endgültigen Frieden mit Heinrich zu schließen. Dieser hatte daraufhin für den 01. Juli ein Treffen mit Ludwig in La Ferte-Bernard gefordert, zu dem der französische König auch erschienen war. Heinrich war über die Verweigerung des Friedens erbost und wollte Ludwig deutlich machen, dass er in der schwächeren Position sei.
Das Treffen fand am Fluß Huisne nahe La Ferte-Bernard statt. Ludwig schlug sein Lager am linken Ufer auf, während Heinrich, der mit einer erheblich größeren Anzahl von Rittern erschienen war, am rechten Ufer sein Lager auf.
Heinrich war jedoch fest entschlossen, dem französischen König, den er so verachtete, eine Lektion zu erteilen: Den ganzen Tag über lagerten sich beide Parteien an den Ufern gegenüber. Heinrich rührte sich nicht aus seinem Zelt. Dies stürzte Ludwig in Verwirrung. Am Abend verlor Ludwig die Geduld und sandte eine Abordnung über den Fluß.
Heinrich beobachtete dies mit einem Gefühl der inneren Zufriedenheit. Der Lehnsherr kam zum Vasallen. Heinrich ließ sein Heer sofort in Schlachtordnung antreten und ritt der Abordnung in voller Rüstung entgegen. Die französischen Ritter erklärten, dass Ludwig Heinrich erwarte. Ob er nicht gewillt sei, seinen Lehenspflichten nachzukommen? Heinrich gab ihnen deutlich zu verstehen, dass er schon den ganzen Tag auf Ludwig warte.
Die Franzosen sahen sich verwundert an. Schließlich folgte ein Wortgefecht, bei dem einer der Franzosen die Nerven verlor und nach dem Schwert griff. Sofort war die Abordnung von den normannischen Rittern umringt und es kam zu einem Scharmützel. Bis auf ein paar wenige Verletzungen blieb das Scharmützel ohne Folgen, doch die Franzosen zogen sich zurück.
Ludwig erkannte, dass er in eine Falle gegangen war und befahl den Rückzug. So deutlich hatte Heinrich ihm noch nie zu verstehen gegeben, dass Ludwig zwar der Lehnsherr sei, aber er der mächtigere Herrscher von beiden war. So endete das Treffen in einem Fiasko.
Ludwig VII. sah sich inzwischen einer gefährlichen Allianz gegenüber. Er befürchtete, dass Kaiser Friedrich zugunsten Heinrichs intervenieren könnte. Die Hochzeit zwischen Mathilde und Heinrich dem Löwen konnte für Frankreich nur negative Auswirkungen haben. Der einjährige Waffenstillstand lief im Herbst aus und
Ludwig sollte den Ablauf des Waffenstillstandes nutzen um ins Vexin einzudringen. Heinrich konnte ihn jedoch rasch zurückschlagen. Hatte es für Heinrich und seine Besitzungen in der ersten Jahreshälfte nicht gut ausgesehen, so hatte er seine Macht gefestigt und sogar stärken können.
Ludwig, der ihm militärisch nichts entgegenzusetzen hatte, mußte nun sogar befürchten als der große Verlierer aus dem Krieg zu gehen. So kam es, dass er eine Verlobung zwischen der Prinzessin Adelaide und Richard Plantagenet zur Besiegelung eines neuen Friedens vorschlug.

Poitiers im Herbst 1168

Heinrich hatte Eleonore in Poitiers aufgesucht, um mit ihr über den Vorschlag des französischen Königs zu erörtern. Während Eleonore im Westflügel der Burg ihre Gemächer hatte, wurde Heinrich im Ostflügel einquartiert.
"Wie lange wirst Du bleiben?" fragte Eleonore ihn am Abend beim Bankett, dass man zu Ehren des Königs gab.
Heinrich riß einen Hähnchenschlegel ab und biß vom Fleisch ab, ehe er antwortete. "Wir haben vieles zu besprechen. Ich weiß nicht, wie lange das dauern wird. Aber ich denke, ich hatte zuletzt wenig Gelegenheit zur Jagd. Und in den Wäldern um Poitiers gibt es vorzügliches Wild, was man Angesichts dieser spärlichen Tafel nicht zu glauben vermag. Oder willst Du auf diese Weise Deine Geringschätzung zum Ausdruck bringen?"
Sie versteifte sich. "Es ist das Beste, was wir bieten können. Du vergißt, dass Krieg war und der Sommer keine reiche Ernte bescherte. Wenn es Dir nicht genügt, dann ist es Dir freigestellt, den Wald nach Wild zu durchkämmen", sagte sie pikiert.
"Gib´ Dir keine Mühe, Eleonore", antwortete Heinrich und trank einen Schluck Wein aus der Gascogne, "ich weiß, dass Du mich wegen Rosamunde verachtest. Aber trotzdem bist Du meine Frau. Also werde ich Dir großmütig vergeben."
Eleonore bebte vor Wut und konnte sich nur mühsam beherrschen. Ein Troubadour war in die Mitte getreten und trug ein Liebeslied vor. Heinrich verzog verächtlich das Gesicht. "Wie ich sehe, hast Du immer noch eine Schwäche für die Troubadoure übrig?"
"Ja, in ihren Liedern spiegelt sich das Leben der Aquitanier wider. Sie lieben und leiden. Etwas was Euch Normannen schon immer gefehlt hat", konterte Eleonore.
Heinrich ging darauf nicht weiter ein. "Ich muß nach England zurück. Heinrich wird mich begleiten. Ich war schon zu lange auf dem Festland. Der verfluchte Krieg hat mich beinahe aufgerieben. Er hat ein Vermögen verschlungen. Ich möchte, dass Du in Poitiers bleibst. Du bist die Herzogin von Aquitanien. Und meine Frau. Du bist in der Lage, während meiner Abwesenheit für Ruhe und Ordnung zu sorgen."
Eleonore sah ihn spitz an. "Ich störe wohl in England? Du hast wohl Sehnsucht nach Rosamunde?"
"Herrgott noch mal", brauste Heinrich auf, "es geht darum weitere Aufstände zu verhindern. Die Aquitanier lieben Dich und hassen mich. Du bist in der Lage einen Teil des Reiches, welches uns und unseren Nachkommen gehört, sicher zu regieren."
"Hast Du keine Angst, dass ich mich selbst gegen Dich erheben könnte?" fragte sie und lächelte dem Troubadour freundlich zu. Es war ein Minnesänger aus der Gascogne. Er sah gut aus und hatte dunkle Hautfarbe. Beinahe wie ein Orientale. Und ein wenig orientalisches Blut floß auch in seinen Adern. Er war der Nachfahre eines Kaufmanns aus Cordoba, der einst das Kalifat fluchtartig in Richtung des Baskenlandes verlassen mußte, weil er im Verdacht stand, einen Schuldner vergiftet zu haben. Eleonore fand ihn überaus attraktiv.
Heinrich, dem die Blicke der Königin nicht entgangen war nahm einen Schluck Wein. "Natürlich habe ich bedacht, dass Du mir in den Rücken fallen könntest. Aber würdest Du das Deinen Söhnen antun? Du würdest sie um ihr Reich bringen. Ein Krieg zwischen uns würde keinem nützen. Nur unseren Feinden. Du siehst meine Liebe, ich vertraue Dir, weil Du das Reich genauso wenig verlieren willst, wie ich. Ich könnte übrigens so einen tapferen Ritter wie Wilhelm de Marshal an meiner Seite gebrauchen."
"Wilhelm de Marshal hat mir seine Dienste zugesichert. Und er ist treu wie ein Hund. An ihm wirst Du Dich die Zähne ausbeißen. Und glaube nicht, dass ich ihn aus meinen Diensten entlasse."
Heinrich brummte mißmutig, erwiderte aber nichts weiter.
"Gut, dass Du unsere Söhne ansprichst. Ich möchte, dass Richard als Erbe der Herzogskrone von Aquitanien anerkannt wird. Dies wünsche ich mir auch von Dir."
Heinrich überlegte einen Moment. "Ich bin der Herzog von Aquitanien. Aber ich könnte mich mit dem Gedanken anfreunden, ihn vorzeitig anzuerkennen. Dies ist in unser aller Interesse. So bleibt das Reich, das wir geschaffen haben zusammen."
"Heinrich erbt die Krone. Gottfried ist die Bretagne gesichert, wenn Konstanze, die Erbin Herzogs Conan, einer Vermählung zustimmt, und Richard Aquitanien", setzte sie nach.
"Und Johann bleibt ohne Land", flüsterte kaum hörbar Heinrich. Dann lehnte er sich in dem Herzogsstuhl zurück und meinte: "Ludwig möchte seine Tochter Adelaide mit unserem Sohn Richard verloben."
"Zweifelsohne eine gute Partie für seine Tochter", antwortete Eleonore.
"Du bist also damit einverstanden?" fragte Heinrich etwas überrascht.
"Du etwa nicht? Eine Verbindung mit dem aragonesischen Königshaus ist ja gescheitert. Eine Vermählung mit Adelaide kommt Dir doch entgegen."
Heinrich drehte nachdenklich an seinem Siegelring. Sollte er Eleonore unterschätzt haben? Frankreich und Aquitanien könnten zusammen eine gefährliche Allianz bilden. Haßte ihn Eleonore so sehr, dass sie bereit war, mit ihrem ehemaligen Gatten sich auszusöhnen? Oder setzte sie auf Richard, ihren Lieblingssohn? Auf der anderen Seite, waren die Vorteile einer solchen Beziehung nicht zu verachten und für das Reich der Plantagenets sehr verlockend.
Heinrich erhob sich und verabschiedete sich höflichst. Er wollte alleine sein. Doch Eleonore folgte ihm auf den Wehrgang der Mauern und beobachtete ihn eine ganze Weile, wie er so zum Sternenhimmel emporsah.
Schließlich trat sie an ihn heran. Er schien sie erwartet zu haben. Lange sahen sie sich in die Augen. Plötzlich brach es aus ihnen heraus und sie fielen sich in eine innige Umarmung. Sie küßten sich leidenschaftlich und für einen Moment glaubte sie, ihn zurückerobert zu haben. Doch dies erwies sich als ein Trugschluß.
Bereits wenige Tage später verließ Heinrich das Poitou und setzte nach England über. Noch vor Weihnachten erreichten sie Nachrichten aus England, nachdem Heinrich zunächst nach Woodstock zu Rosamunde geeilt war, ehe er nach Westminster zurückkehrte. Sie war wie vor den Kopf gestoßen, als sie diese Nachrichten erreichten. Von diesem Moment an, war sie wie besessen, Richard auf dem Thron von Aquitanien zu sehen.
Heinrich, der nicht davor zurückgeschreckt war, sie zutiefst zu demütigen, sollte es büßen. Und es gelang ihr tatsächlich Heinrich davon zu überzeugen, dass Richard für die Herzogskrone Aquitaniens wie geschaffen war. Ludwig als Lehnsherr würde seiner Tochter eine so gute Partie gewiß nicht vorenthalten wollen.

Weihnachten 1168 in Nantes

Weihnachten verbrachten Eleonore und Heinrich gemeinsam in Nantes , wo sie Hof hielten.
Doch das Königspaar hatte getrennte Flügel der Burg bezogen und ging sich aus dem Weg. Nur während des Hoftages und an der abendlichen Tafel sah man sie Seite an Seite nebeneinander sitzen.
Eleonore setzte alle Hebel in Bewegung, die Witwe des verstorbenen Herzogs Conan von der Bretagne, Konstanze, mit ihrem zehnjährigen Sohn Gottfried zu verheiraten. Noch zögerte die Witwe und der Adel der Bretagne, die zu dem Hoftag erschienen waren. Sie fürchteten, dass der wahre Herrscher Heinrich Plantagenet sein würde. Selbst reiche Schätze wie Gold, seidene Gewänder und Schmuck schien das Mißtrauen der Bretonen nicht beseitigen zu können.
Am Ende des dritten Tages war Eleonore erschöpft und rief Raoul de Faye zu sich. "Mein lieber Raoul, Politik ist bisweilen sehr anstrengend und langweilig. Ich möchte ein wenig ausreiten und wünsche, dass Ihr mich begleitet."
Raoul de Faye war ein wenig erstaunt. "Verzeiht mir, aber es ist schon dunkel und ohne Begleitschutz solltet Ihr die Burg nicht verlassen."
"Ich weiß, ich weiß", seufzte sie, "aber ich muß mich von den Lasten des Hoftages ein wenig befreien. Begleitet Ihr mich nun oder nicht?"

"Es steht mir nicht zu Euren Wünschen und Befehlen nicht zu gehorchen."
Er eilte davon und veranlaßte, dass die Pferde gesattelt wurden. Kurz darauf ritt er an der Seite der Königin aus der Burg. Sie hatte sich in einen einfachen Mantel gehüllt und niemand in der Stadt erkannte sie. Sie ritten durch das Stadttor und wandten sich nach links. Nur einen Steinwurf von dem Stadttor entfernt stand eine riesige Eiche. Dort stieg Eleonore ab und atmete tief die frische Luft ein.
Raoul de Faye war ebenfalls abgestiegen und sah sich mißtrauisch um. Es beruhigte ihn nur wenig, dass die Wachen des Tores in unmittelbarer Nähe waren.
"Seid Ihr beunruhigt?"
"So ist es. Außerhalb der Stadtmauern treibt sich oft übles Gesindel herum."
"Aber wir sind doch so nah am Tor, beinahe noch im Lichtschein der Fackeln. Ich glaube, Ihr könnt Euch entspannen, mein lieber Raoul. Ich wollte mit Euch in Ruhe reden. In der Burg fühlte ich mich vor Heinrichs Spionen nicht sicher genug. Ihr wißt, dass er Euch nicht auszustehen vermag und jeden Eurer Schritte mit Argusaugen beobachtet."
Raoul hob die Augenbraue. "So auch jetzt?" fragte er.
"Möglicherweise. Aber das soll Euch und mich nicht kümmern. Hier sind wir unter uns."
"Müßt Ihr Euch vor dem König fürchten?" fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, aber ich ziehe es trotzdem vor, vorsichtig zu sein. Doch nun zu dem eigentlichen Grund, weshalb ich Euch sprechen wollte: Wie denkt Ihr, werden die Barone aus der Bretagne entscheiden? Ihr kennt die Bretonen schon länger als ich. Werden sie einer Vermählung von Konstanze und Gottfried zustimmen oder werden sie diese aufgrund des Alters oder anderen vorgeschobenen Gründen ablehne?"
Raoul de Faye wog den Kopf hin und her. "Ich denke, sie werden zustimmen", meinte er schließlich, "sie wissen, dass Konstanze einen Mann braucht. Verweigern sie sich, stehen sie isoliert da. Um sie herum ist nur das Gebiet von König Heinrich und Euch. Sie können mit niemanden rechnen. Auch Ludwig von Frankreich wird von jeder Hilfe absehen. Er hat seine Lektion gelernt. Außerdem wünschen sie eine stabile Lage in der Bretagne. Und die kann nur das Haus Anjou bringen."
"Wenn Gottfried Herzog der Bretagne wird und Richard Herzog von Aquitanien, dann habe ich das Ziel erreicht, auf das ich zuletzt so hart hingearbeitet habe."
"Und was ist mit Johann. Nur Johann, Euer jüngster Sohn, ist dann noch ohne Land."
"Bis er so alt ist, dass er ein Gebiet regieren kann, wird sich auch für ihn etwas finden. Johann wird sicherlich an den Höfen der Fürsten in Europa ein gerngesehener Gast und Schwiegersohn sein."
Raoul de Faye nickte zum Zeichen dafür, dass er verstanden hatte. "Wenn Gottfried Herzog der Bretagne ist, dann habt Ihr alle Eure Söhne in Machtpositionen gehoben, die dem König eines Tages gefährlich werden könnten. Dies war doch Euer Ziel. Ihr tragt Gedanken in Euch, die an Hochverrat grenzen. Ihr wollt doch durch Eure Söhne weite Teile des Reiches regieren. Ihr habt erheblichen Einfluß auf Eure Söhne. Befürchtet Ihr nicht, er könnte Eure Pläne durchschauen und dann versuchen, die Macht zurückzufordern?" gab Raoul de Faye zu Bedenken.
"Heinrich ist blind vor Machthunger. Er sieht Richard und Gottfried als seine Machtsäulen in der Bretagne und Aquitanien an. Sie sichern seine Macht. Er braucht sie. Er kann die Gebiete nicht alleine regieren. Heinrich übersieht dabei, dass sich seine Söhne zu ihm wenig hingezogen fühlen. Und er wird nicht einfach einen Herzog absetzen können. Und was glaubt Ihr, werden seine Söhne zu ihm sagen, wenn er seine Macht einfordert?" fragte sie schelmisch lächelnd.
"Ich verstehe", sagte Raoul de Faye, "Ihr werdet Euren Einfluß auf Eure Söhne dahingehend geltend machen, dass sie ihr Reich alleine regieren werden."
"Ihr habt es verstanden, Raoul. Heinrich wird niemals mehr sein Reich alleine regieren können. Und ihr könnt versichert sein, dass ich alles daran setzen werde, dass meine Söhne nicht nur nominell die Macht übernehmen, sondern auch tatsächlich die Macht ausüben werden. Dafür werde ich schon sorgen. Heinrich, unser ältester Sohn, wird die Normandie regieren, Gottfried übernimmt die Bretagne und Richard Aquitanien. Heinrich Plantagenet II. wird schon bald merken, dass er die Macht auf dem Festland verloren hat. Daran werde ich alles setzen. Ich habe ihm die Demütigung mit dieser Rosamunde nie verziehen."
Am nächsten Tag wurde die Vermählung zwischen Gottfried und Konstanze dem Hoftag verkündet. Heinrich und Eleonore forderten die Barone und Prälaten auf, den Treueeid zu leisten. Einer nach dem anderen kam dieser Forderung nach. Am Ende des Tages wirkten Heinrich und Eleonore - aus unterschiedlichen Motiven heraus - sehr zufrieden.

Montmirail im Januar 1169

Obwohl Heinrich am Ende des Jahres 1168 die Ordnung im Reich wiederhergestellt hatte, und Ludwig einen ernsthaften Frieden anstrebte, geriet Heinrich im Streit mit Thomas Becket unter Druck. Bis zur Fastenzeit war es nicht mehr lange. Und sollte Heinrich bis dahin dem päpstlichen Wunsch, Frieden mit Becket zu schließen und ihn wieder in seine Rechte als Erzbischof einsetzen, nicht nachgekommen sein, würde Becket die vollen Kompetenzen eines päpstlichen Legaten wiedererlangen. Das würde bedeuten, dass Becket in der Lage wäre, Exkommunizierungen auszusprechen und über England das Interdikt zu verhängen. Heinrich hatte gehofft, die Frist verlängern zu können, indem er darauf hinwies, dass ihn der Krieg gegen die aufständischen Barone und gegen Ludwig bislang daran gehindert habe, Frieden mit dem Erzbischof zu schließen.
Doch der Papst hatte die Annäherung zwischen dem Angevinischen und dem staufisch-welfischen Reich mit Argusaugen beobachtet. Und auch Ludwig VII. drängte den Papst Härte zu zeigen.
Thomas Becket, der noch vor knapp einem Jahr vom Papst bitter enttäuscht war, unterstützte die Forderung des französischen Königs.

So kam es also, dass Heinrich unwillig einem Treffen mit Ludwig und Becket zustimmen mußte. Das Treffen sollte in der Burg zu Montmirail am Dreikönigstag stattfinden. Dort sollten nach Heinrichs Willen, seine Söhne dem französischen König den Lehnseid leisten.
Während Heinrich begleitet von seinen Söhnen nach Montmirail aufbrach, brachte Eleonore die Herzogin der Bretagne nach Poitiers.
Es war ein milder Winter und nur eine dünne Schneeschicht bedeckte das Land. Doch die Luft roch nach mehr Schnee.
Ludwig und Heinrich trafen im prächtig ausgeschmückten und mit mehreren Kaminen - in denen wärmendes Feuer brannte - ausgestatteten großen Saal der Burg aufeinander. Heinrich, der in Begleitung seiner drei Söhne Heinrich, Richard und Gottfried und zahlreichen Bischöfen und Baronen erschienen war, beugte das Knie und gab Ludwig den Friedenskuß.
Ludwig erwiderte diesen und sah Heinrich erwartungsvoll an. Damit hatte Ludwig kundgetan, dass er seinem Vasallen verzieh.
"Herr", sagte Heinrich, "an diesem Dreikönigstag, da die drei Könige dem König der Könige ihre Geschenke dargebracht haben, empfehle ich meine drei Söhne und meine Ländereien Deinem Schutz."
Danach leisteten alle drei Söhne Ludwig den Lehnseid. Heinrich der Jüngere für die Normandie, das Maine und Anjou. Richard für Aquitanien und das Poitou und Gottfried für die Bretagne.
Ludwig erhob sich daraufhin und sah Heinrich lange an. Schließlich sagte er: "Da es scheint, dass der König, der die Geschenke der Weisen angenommen hat, Dir Deine Worte eingegeben hat, mögen Deine Söhne im Angesicht des Herrn ihre Ländereien in Besitz nehmen."
Dem Blicken Ludwigs entnahm Heinrich, dass dieser ahnte, weshalb Heinrich ausgerechnet zu diesem Treffen seine Söhne unter den Schutz Ludwigs stellte. Da hier der Frieden zwischen den Herrschern und zwischen Heinrich und Becket geschlossen werden sollte, konnte Ludwig einem solchen Ansinnen kaum entgegentreten, selbst wenn er es gewollt hätte. Es war doch wieder einer der raffinierten Schachzüge Heinrichs gewesen. Doch die weiteren Verhandlungen zwischen den Herrschern erwiesen sich als äußerst schwierig und es wurde hart verhandelt. Unter anderem wollte Ludwig einen Termin der Hochzeit zwischen seiner Tochter Adelaide und Richard festlegen. Doch Heinrich wich aus. Er dachte nicht daran, in der gegenwärtigen Situation ein sicheres Pfand preiszugeben. Er gedachte Ludwig möglichst lange damit hinhalten zu können. Man beschloß daher zunächst einmal Adelaide an den Hof Heinrichs bringen zu lassen, wo sie erzogen werden sollte.
Schließlich kamen sie auf die Situation von Thomas Becket zu sprechen. Ludwig drängte auf ein Treffen und nach langem Zögern willigte Heinrich schließlich ein, am nächsten Tag Becket zu treffen.
Noch am selben Abend ritten Boten zu einer nahegelegenen Abtei, in der Becket auf die Botschaft wartete, die ihm nun überbracht wurde. Ludwig hatte Heinrich zugesagt, dass Becket den Eid ohne Vorbehalt leisten werde.
Thomas Becket nahm die Botschaft, dass Heinrich einem Treffen zugestimmt hatte, mit Erleichterung auf. Tatsächlich war er geneigt, ohne jeden Vorbehalt den Eid abzulegen, und die alten Gewohnheiten zu respektieren. Nach nunmehr etwas über vier Jahren im Exil und Kampf fühlte sich Becket ausgelaugt.
Am nächsten Tag, es war der 07. Januar, ritt er mit einer Handvoll Begleiter - unter ihnen war auch Herbert von Bosham - zur Burg. Zahlreiche Schaulustige - Barone, Geistliche, Ritter, Knechte und einfaches Volk - sahen seiner Ankunft gespannt entgegen. Im Burghof nahm man ihnen die Pferde ab.
Herbert von Bosham, der den Ritt über sehr schweigsam gewesen war, wirkte ungewöhnlich nervös. Als sie die Treppe und den Gang zum großen Saal emporstiegen, beugte sich Herbert von Bosham zu Becket´s Ohr und flüsterte aufgeregt: "Hüte Dich, Herr, und sei vorsichtig. Ich sage es Dir ganz offen und ehrlich: Wenn Du die Klausel unter dem Vorbehalt der Ehre Gottes wegläßt, wirst Du Deinen langgehegten Kummer erneuern und verschlimmern, um so mehr, als Du dann weißt, dass alle Gewissensbisse, die Dein Zögern von damals verursacht hat, dich nicht klüger gemacht haben."
Becket blieb für einen kurzen Moment stehen und sah seinen Sekretär verwirrt an. Was sagte er da? Wußte er denn nicht, dass er den Frieden mit dem König machen wollte? Und hatte nicht sein Sekretär ihn zuletzt immer wieder darauf gedrängt, König Heinrich die Hand zu reichen? Doch er konnte ihm nicht antworten, da die Menge ihn weiterschob und jeder sein Wort an ihn richten wollte.
Becket hob genervt die Hand und bat um Einhalt. Schließlich hatten sie den großen Saal erreicht. Plötzlich kehrte eine unnatürliche Ruhe ein und jedes Gespräch erstarb. Becket hatte seine Arme ausgebreitet, als wolle er die Menge von sich abhalten. Langsam senkte er die Arme wieder. Am anderen Ende des Saales hatte er König Heinrich und König Ludwig entdeckt. Der Anblick des Königs bewegte ihn zutiefst. Nach vier Jahren sahen sie sich zum erstenmal wieder.
Becket´s Augen füllten sich mit Tränen und er schritt den Königen entgegen. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Die gemeinsamen Jagden, die Kämpfe gegen die Barone, Toulouse, Canterbury, Clarendon, die Zerstörung ihrer Freundschaft....
Auch Heinrich war beim Anblick seines alten Freundes innerlich aufgewühlt. Er sah dem Erzbischof entgegen und schluckte.
Becket blieb vor Heinrich stehen. Lange, unendlich lange, sahen sie sich an. Im Saal herrschte eine totenähnliche Stille. Jeder schien den Atem anzuhalten. Völlig aus der Fassung warf sich Becket plötzlich dem König zu Füßen. Betroffen und ergriffen beugte sich Heinrich zu Becket hinab und zog den Erzbischof hoch.
"Ich bitte Dich demütigst um Erbarmen für die Kirche von England", sagte Becket, "deren Haupt ich bin. Ich bin ein unwürdiger Sünder. Verzeiht mir, der an allem schuld ist. Schuld an dem Streit, schuld am verletzten Stolz, schuld an Eurem Dilemma. Hier nun, Herr, in Gegenwart des Königs von Frankreich, der Bischöfe, der Fürsten und all derer, die neben uns stehen, überlasse ich es Deiner Einsicht und Deinem Willen unseren Streit zu regeln."
Die Spannung wich der Erleichterung. Es war vorbei. Der jahrelange Streit schien ein Ende gefunden zu haben.
Doch plötzlich hob Becket den Arm und bat damit um Ruhe. "Unter dem Vorbehalt der Ehre Gottes!"
Heinrich war einen Moment völlig verduzt und verwirrt. Alle waren plötzlich wie vor dem Kopf gestoßen. Dann lief der König vor Zorn rot an und ein Schwall von Beschimpfungen, Vorwürfen und Beleidigungen ergoß sich über Becket. An den König von Frankreich gewandt schrie er: "Sieh´ Dir die Torheit des Mannes an! Er gebärdet sich wie ein Märtyrer der Kirche, ein Kämpfer für die Gerechtigkeit. Und dabei verlange ich nur eines: Dass er verspricht, in seinem Verhalten mir gegenüber, die alten Gewohnheiten zu respektieren, die seine fünf Vorgänger gegenüber meinen Ahnen respektiert haben. Und unter seinen Vorgängern gab es etliche, die Heilige waren und im Glanz ihrer Wunder erstrahlten. Im übrigen hat er bereits einmal versprochen, die alten Gewohnheiten zu respektieren. Er soll heute vor Dir, sein Wort als Priester und Bischof geben, dass er sie in gutem Glauben respektieren wird. Dann werde ich ihm die ganze Macht über seine Kirche zurückgeben, und dazu mehr Freiheiten, als je einer seiner Vorgänger hatte. Und Du, Ludwig, König von Frankreich bist mein Zeuge!"
Ludwig sah den Erzbischof bestürzt an. Im Saal war es laut geworden und die Stimmen hallten wirr wieder.
"Mein Herr Erzbischof", rief Ludwig aus, "bildest Du Dir etwa ein, Du seist heiliger als die Heiligen?!"
Der Erzbischof hatte die Grenzen des Wohlverhaltens überschritten. Ludwig war enttäuscht und verbittert. Alle, Prälaten, wie Barone versuchten auf Becket einzureden. Doch dieser hielt unbeirrt fest an dem Vorbehalt. Herbert von Bosham hatte recht gehabt. Er mußte ihm dankbar sein. Fast hätte er vergessen für was er so lange gekämpft hatte.
Einer der Barone rief laut: "Wie lange will der König von Frankreich dem Erzbischof noch Schutz gewähren?"
Heinrich, dessen Wut nachließ, registrierte zufrieden, dass die Sympathien nun bei ihm lagen. Becket war nun völlig auf sich alleine gestellt. Mutig erhob er nochmal die Stimme: "Nur unter dieser Bedingung kann ich mich Euch unterwerfen. Seid Ihr dazu nicht bereit, dann war diese Zusammenkunft vergebens."
"Becket, Ihr spielt ein falsches Spiel!" schrie Heinrich und zeigte drohend mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf den Kleriker. "Ihr versucht Zeit zu gewinnen. Ihr wollt die jahresfrist abwarten, damit Ihr Euch wieder als päpstlicher Legat gebärden könnt. Ich weiß, dass Ihr die Waffe der Exkommunikation gegen mich schleudern möchtet. Doch laßt Euch eines gesagt sein: Dies wird Euch nicht gelingen. Ich werde dies zu verhindern wissen. Ihr, ehrwürdiger Bischof, habt Euch in das eigene Fleisch geschnitten."
Wieder kam es zu einer tumultartigen Unruhe im Saal. Die Prälaten und Barone versuchten den Erzbischof umzustimmen. Doch sie blieben ohne Erfolg. Der Erzbischof war nicht bereit, den Eid ohne jeden Vorbehalt zu leisten.
Becket verließ zur Antwort den Saal und begab sich auf den Hof, wo man sein Pferd bereit hielt. Unter dem Flehen und Bitten der Prälaten und Barone bestieg er sein Pferd. Er befahl seinem gefolge ihm nach Sainte-Colombe zu begleiten und ritt aus dem Burgtor hinaus. Ludwig VII. und Heinrich II. sahen dem Auszug des Erzbischofes vom Fenster des Großen Saals aus zu. Ludwig verbarg nur schwer seine Enttäuschung. Noch am selben Abend verließen Heinrich und Ludwig enttäuscht die Burg von Montmirail.

Aquitanien im Frühjahr 1169

Eleonore setzte nach Montmirail alles daran, Richard als Herzog von Aquitanien einzusetzen. Sie spürte, dass Heinrich zwar eine Niederlage erlitten hatte, diese aber in einen Sieg umwandeln könnte. Nachdem nun auch Ludwig VII. die Starrsinnigkeit des Erzbischofes erkennen mußte, würde Becket nicht mehr viele Fürsprecher beim Papst haben. Es war davon auszugehen, dass der Papst Becket von seiner Legation entbinden würde. Genau dies wäre das Ziel von Heinrich. Sie hoffte, dass Alexander III. diese Absichten durchschaute. Würde Becket wie vereinbart wieder als Legat eingesetzt werden, dann würde Heinrich die Exkommunizierung drohen. Heinrich mußte jetzt also ein großes Interesse haben, eine möglichst geschlossene Anhängerschaft unter dem Adel zu haben. Dies galt für England ebenso wie für die Normandie und Aquitanien.
Eleonore wußte, dass es keinen besseren Zeitpunkt geben würde, um Richard als Herzog einzusetzen. Um Heinrichs Zustimmung zu erlangen, sah sie vor, dass Richard den Titel nicht nur nominell führen, sondern sein Amt auch ausüben sollte, wobei sie als Regentin agieren würde. Heinrich würde dies nicht ablehnen können. Zudem er selbst ja Heinrich den Jüngeren auch schon als Nachfolger und Erbe eingesetzt hatte. Sie ließ dies Heinrich mitteilen, als er auf einem Feldzug in die Gascogne durch ihr Gebiet zog und in Poitiers halt machte. Zögernd stimmte er den Plänen von Eleonore zu. Nachdem der Lehnsherr Ludwig VII. die Einsetzung Richards zum Herzog bestätigt hatte, setzte Eleonore alles daran, Richard dem Volk von Aquitanien zu zeigen und vorzustellen.
In Niort leistete der aquitanische Adel den Lehnseid. Nach Poitiers zurückgekehrt, wurde Richard nach alter Sitte der Titel des Abtes von Saint Hilaire verliehen. Da der elfjährige Richard besonders gläubig war, nahm er diesen Titel nicht nur mit Stolz, sondern auch mit inniger Überzeugung an.
Doch dies war nur der Beginn einer Reihe von Festlichkeiten. Eleonore reiste mit ihrem Sohn durch ihr Herzogtum und zeigte ihren Sohn beim Volk.
Da Eleonore außerordentlich beliebt war und Richard - ganz Aquitanier - die Lebenslust teilte, einen Sinn für Muße und Kunst besaß und sehr gläubig war, eroberte er schnell die Herzen des Volkes.
Raoul de Faye begleitete Eleonore und ihren Sohn durch ihr Reich. Eines Tages - es war Ende Mai - trat er aufgeregt auf Eleonore zu, die mit Richard gerade unter einem Apfelbaum im Garten der Burg von Limoges saß, und einem der Troubadoure lauschte, der ein neues Gedicht vortrug.
"Verzeiht, Herzogin, wenn ich Euch störe", sagte er und machte eine knappe Verbeugung, "aber soeben sind ein paar Nachrichten eingetroffen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte."
Eleonore sah in den Augen von Raoul de Faye ein listiges Leuchten. So leuchteten seine Augen immer, wenn er frohe Botschaften hatte.
"Schon gut, sprecht!" forderte Eleonore ihn auf.
"Nun", begann Raoul und räusperte sich, "König Heinrich hat den Aufstand niedergeschlagen. Er ist noch in der Gascogne. Doch er dürfte inzwischen entsetzt festgestellt haben, dass der Papst Becket wieder voll in seine Rechte als Legat eingesetzt hat."
"Soviel weiß ich schon, mein lieber Raoul", meinte Eleonore und gab dem Troubadour einen Wink, das er sich entfernen möge. Das tat dieser unter mehreren Verbeugungen.
"Verzeiht, ich wollte nicht unhöflich sein."
"Weiter", sagte sie nur knapp.
"Wie erwartet hat der Erzbischof sofort seine Waffen gezückt und am 13. April hat Becket in Vezelay über Foliot, Jocelin von Salisbury und dem Präzeptor der Templer, Richard von Hastings, den Kirchenbann ausgesprochen."
Eleonore horchte auf. "Was sagt ihr da? Er hat den Bischof von London, Jocelin von Salisbury und auch den Präzeptor der Tempelritter exkommuniziert?"
"So ist es. Er hat dies Gilbert Foliot so eröffnen lassen. Hilarius von Chichester ist der Exkommunizierung wohl nur dadurch entgangen, dass er verschieden ist."
"Hilarius ist gestorben?" fragte Eleonore leicht überrascht. Dann verzog sie das Gesicht zu einem schiefen Lächeln und meinte: "Es werden ihn nur wenige vermissen."
"Da habt Ihr wohl recht, Majestät. gegen den Bann hat Gilbert Foliot beim Papst Berufung eingelegt. Der Erzbischof schaufelt so nach und nach sein eigenes Grab. Selbst die Tempelritter macht er sich zu Feinden."
"Damit dürfte er sogar bei vielen auf Sympathie stoßen", meinte Eleonore sarkastisch, "aber Ihr habt recht, Becket ist äußerst unklug, wenngleich dies zu erwarten war. Und was ist mit dem König? Hat er ihn auch exkommuniziert?"
"Nein."
"Damit hat Becket wenigstens etwas Verstand gezeigt. Alexander hätte dies bestimmt nicht gerne gesehen und den König wieder vom Bann losgesprochen."
"Genau", stimmte ihr Raoul de Faye zu, der den Erzbischof genauso unsympathisch befand, wie die Herzogin. "Allerdings darf Papst Alexander wieder Hoffnung schöpfen. Kaiser Friedrich hat in der Lombardei einige Niederlagen einstecken müssen."
"Was meint Ihr, wie wird Papst Alexander reagieren?" fragte Eleonore und zupfte an einem Blatt vom Apfelbaum.
"Nun, er hat schon reagiert. Er hat zwei neue Legaten ernannt. Man hört, dass Papst Alexander mangelnde Kompromißbereitschaft vorgeworfen hat. Doch die Berufung der neuen Legaten erfolgte erst, als es schon zu spät war, und ein Brief des Erzbischofs an den Papst unterwegs war."
Eleonore stand auf und streichelte versonnen Richard den Kopf.
"Das bedeutet reichlich Verwirrung in der Kirche. Heinrich hat nun alle Hände voll zu tun und wir in
Ruhe unseren Plänen nachgehen können."
Richard, der trotz seinem Sinn zu den Künsten viel lieber das Holzschwert zur Übung geschwungen hätte, und sich so den Beinamen Löwenherz erworben hatte, sah seine Mutter an und fragte sie: "Was für Pläne sind das, Mutter?"
"Deine Einsetzung als Herzog. Der König von England hat Dir zwar die Zustimmung gegeben, aber es ist was anderes zu sagen, Du bist der Herzog, als es auch wirklich zu sein."
"Wie meinst Du das?"
"Sieh´, Heinrich hat zwar gesagt, dass Du Herzog bist, aber er regiert. Und wenn wir nicht aufpassen, dann wird er immer regieren. Und Du, Du trägst dann zwar den schönen Titel eines Herzogs, bist aber keiner."

Sommer und Herbst 1169

Während Eleonore Richard dem Volk vorstellte und ihn in Limoges zum Herzog krönen ließ - ein Ereignis was mit einem großen Ritterturnier und einem festlichen Bankett gefeiert wurde - traf sich Heinrich nach seiner Rückkehr aus der Gascogne am 23. August mit den beiden päpstlichen Legaten Gratian und Vivianus in Domfront und versuchte, die verhängten Kirchenstrafen rückgängig zu machen.
Die Behandlung der Legaten löste eine Empörung aus. Heinrich bot ihnen keinen Platz an und ließ sie neun Stunden vor sich stehen. Die Legaten zeigten zunächst keine Reaktion darauf, dass man ihnen keinen Sitzplatz anbot. Doch nach Stunden des Verhandelns waren sie müde und erschöpft und baten endlich um einen Platz. Heinrich fuhr die Legaten scharf an. Er sei nicht gewillt sie von den Leiden zu erlösen, wenn sie nicht ihn von den Leiden erlösen wollten. Vergeblich wiesen die Legaten auf ihre fehlenden Befugnisse hin. Sie waren nicht befugt waren, den Kirchenbann aufzuheben. Man habe sie ausgesandt ohne Anweisungen in dieser Sache erhalten zu haben. Demzufolge könnten sie diesen weder bestätigen noch aufheben. Schließlich befahl Heinrich den Legaten sich zurück zu ziehen. Er habe keine Lust weitere Zeit sinnlos zu verschwenden. Die Legaten zogen von Domfront wieder ab ohne auch nur einen Schritt weiter vorangekommen zu sein. Da alle Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, mußte Heinrich befürchten, dass Becket das Interdikt über England verhängen könnte. Dies würde bedeuten, das im ganzen Reich keine Gottesdienste abgehalten werden dürften. Ein solches Interdikt löst im Allgemeinen Unruhe im Volk aus, da die Toten ohne Messe beerdigt werden müßten und so dem Fegefeuer übergeben werden. Heinrich drohte, fluchte, versuchte es mit Charme und List, doch all dies half nichts. Der Kirchenbann wurde nicht aufgehoben und die Gefahr des Interdikts schwebte über England wie das Damokleschwert.
Im Spätsommer kehrte Heinrich nach England zurück. Dort blieb er bis in den November hinein und verbrachte den Herbst viel Zeit zusammen mit Rosamunde. Er nutzte den Aufenthalt in England auch dazu, seine beiden Bastardsöhne aufzusuchen und erkundigte sich nach dem Befinden der Mutter, die inzwischen einen Kesselflicker geheiratet hatte und ein glückliches Leben genoß. Sein Bastardsohn Gottfried genoß die Erziehung in einem Kloster und war nun zum Mönch geweiht worden.
Unterdessen bemerkte er, dass Eleonore und Richard Aquitanien beinahe selbständig regierten. Urkunden, Dokumente, Schriftstücke und Schenkungen trugen nun das Siegel von Eleonore und Richard. Er spürte, dass Heinrich die Situation in Aquitanien entglitten war. Meist erfuhr er Neuigkeiten überhaupt nicht oder nur sehr spät. Und Heinrich wußte, dass Eleonore ihm ein Stück seines Reiches entrissen hatte. Obwohl er mit der Einsetzung einst einverstanden war, verspürte er so etwas wie eine kalte Wut. Er hatte immer gehofft, die tatsächliche Krönung herauszögern zu können. Eleonore hatte ihn mit der Krönung überrascht. Heinrich empfand nun die Krönung des jungen Löwenherz als hätte man ihm ein Stück seines Reiches entrissen.
Er glaubte zu ahnen, was Eleonore im Schilde führte und beschloß darauf in Zukunft besser zu achten. Doch vorher mußte er unbedingt den Streit mit dem Erzbischof beenden.
Aus diesem Grund beschloß er eine Pilgerfahrt nach Saint-Denis zu unternehmen, um am Grab des heiligen Dionysios zu beten.

Saint-Denis im November 1169

Heinrichs Pilgerfahrt nach Saint-Denis zum Grab des heiligen Dionysios überraschte den französischen König in höchstem Maße. Als die Gesandten des englischen Königs vorsprachen, um die Erlaubnis einzuholen, das Gebiet des Königs von Frankreich betreten zu dürfen, hatte er erwartet, dass sie ihn gleichzeitig um eine Unterredung bitten würden. Doch dies war nicht der Fall.
Ludwig, der dahinter nicht zu Unrecht Taktik vermutete, gab der Bitte statt. "Teilt Eurem Herrn mit, dass ich ihn gerne zum Grab begleite, wie es meine Pflicht als Lehnsherr ist, und mit ihm am Grab des heiligen Dionysios bete", ließ er den Gesandten mitteilen.
Heinrich hatte sein Ziel erreicht. Natürlich lag sein vordergründiges Interesse an dieser Pilgerfahrt nicht an dem Gebet vor dem Grab, sondern der Beilegung des Streites mit dem Erzbischof von Canterbury. Doch wollte er sein Gesicht wahren. Dazu sollte die Pilgerfahrt dienen.
Von den beiden päpstlichen Legaten, war Gratian inzwischen nach Rom zurückgekehrt. Der zweite Legat, Vivianus, allerdings war in England geblieben und bemühte sich aufopferungsvoll um eine Beilegung des Konfliktes. Von ihm erfuhr Heinrich auch, dass der Erzbischof große Reue verspüre, das Friedensangebot von Montmirail nicht angenommen zu haben. An dieser Reue dürfte König Ludwigs Verärgerung keine geringe Rolle gespielt haben.
Es war ein kalter Novembertag, als Heinrich vor der Kirche von Saint-Denis mit seinem Gefolge eintraf. Es roch nach Schnee und Rauhreif bedeckte die Felder. Die Wege waren meist morastig und mit Pfützen gefüllt.
In dem angrenzenden Kloster wurden beide Könige im Aedificium vom Abt begrüßt werden. Er geleitete sie ins Konsistorium, wo er ihnen Platz anbot. An den Verhandlungen nahmen auch mehrere Bischöfe, der päpstliche Legat Vivianus, sowie Herbert von Bosham, der Sekretär des Erzbischofs, teil.
Thomas Becket hatte sich in das nahe gelegene Martyrium zurückgezogen, wo angeblich der heilige Dionysios einst enthauptet wurde. Dort wartete er, dass man ihn rufen und das Ergebnis der Verhandlungen mitteilen würde.
Vivianus überbrachte Heinrich die Botschaften des Erzbischofs, die an den König gerichtet waren, und setzte sich für Becket´s Anliegen ein. Dem schloß sich Ludwig und auch die Bischöfe an.
Heinrich, der spürte, dass die Verhandlungen an einen Punkt angelangt waren, an dem er die Forderungen höher ansetzen konnte, brachte die ausstehenden Geldsummen ins Spiel. Nach einer hartnäckigen Debatte kam man auch in diesem Punkt zu einer Einigung.
Schließlich verkündete er geradezu feierlich: "Ich wollte nichts weiter, als dass Becket die königlichen Gewohnheiten respektiere. Es ist mein sehnlichster Wunsch, dass Becket nach England zurückkehrt und dort die Pflichten seines Amtes erfüllt. Er wurde von dort nie vertrieben. Wenn er sich nicht im Namen der Kirche in weltliche Dinge einmischt, dann werde ich mich nicht zu Übergriffen in die kirchlichen Angelegenheiten hinreißen lassen. Teilt ihm das so mit."
"Seid ihr bereit, als sichtbares Zeichen der Versöhnung, den Friedenskuß zu erbringen?" fragte Vivianus höflich.
Für einen Moment erstarrte der Gesichtsausdruck des Königs zu einer Maske. Der Friedenskuß war etwas Verbindliches. Ein Akt mit höchster symbolischer Aussagekraft. Eine Besiegelung. Doch dazu war Heinrich nicht bereit. Und das obwohl er sich durchaus bewußt war, dass die Ablehnung eines solchen Aktes sämtliche politische Pläne zunichte machen konnte. Nach einer langen Periode des Schweigens sagte Heinrich: "Ich würde dem Wunsch des Erzbischofs gerne entsprechen, aber ich stehe unter einem Eid. Ich hatte öffentlich geschworen, dem Erzbischof niemals - auch bei einer Wiederannäherung nicht - ihm den Friedenskuß zu geben. Ich kann diesen Eid nicht brechen, so gerne ich es täte. Ich hege weder Groll noch Argwohn in meinem Herzen. Aber ich kann es nicht tun."
Ein Raunen ging durch den Saal. Die Bischöfe und König Ludwig waren schockiert über diese offensichtliche Lüge.
"Wollt ihr wirklich, dass wir dies dem Erzbischof so mitteilen?" fragte Herbert von Bosham erstaunt.
Heinrich nickte unwirsch. "So und nicht anders."
Herbert von Bosham begab sich so schnell es ging zum Martyrium, wo Becket in Begleitung des Abtes von Saint-Denis wartete.
Thomas Becket sank in sich zusammen, als er hörte, was Heinrich ihm übermitteln ließ. Resigniert hob er nach einer Weile den Kopf und sagte zu seinem Sekretär: "Bereitet alles für unsere Abreise vor. Ich kann und will dem König unter diesen Umständen nicht unter die Augen treten."
Die Tür zum Martyrium öffnete sich und herein kam König Ludwig, der ebenfalls in höchster Eile zum Martyrium geeilt war. Traurig den Kopf schüttelnd sah er Becket an. "Es ist nicht Eure Schuld. Macht Euch keine Vorwürfe. Ihr habt nicht zu viel verlangt. Und für mein Körpergewicht in Gold würde ich Euch nicht raten, die Ländereien König Heinrichs zu betreten, solange Ihr dieses Pfand nicht erhalten habt."
Becket schüttelte verzweifelt den Kopf und bekreuzigte sich. "Wird es jemals wieder einen Frieden zwischen uns geben? Ist dieser überhaupt noch möglich?"
"Verzweifelt nicht", versuchte ihn Herbert von Bosham zu trösten und legte dem Erzbischof seine Hand auf die Schulter, "der Herr, unser Gott, ist bei Euch. Er wird schon wissen was er tut."
Becket antwortete nicht sofort, sondern starrte auf die gegenüberliegende Wand. Es verging eine ganze Weile bis er sich von ihr löste und sich erhob. Seine Augen und sein Blick hatten einen entschlossenen Ausdruck bekommen. "Ich hatte gehofft, es nie aussprechen zu müssen. Aber laßt allen mitteilen, dass ich zu Maria Lichtmäß, das Interdikt über England verhängen werde, wenn bis dahin der Frieden nicht wiederhergestellt ist. Und teilt allen mit, dass dies König Heinrich zu verantworten hat."

Weihnachten 1169 in der Normandie

Heinrich und Eleonore hielten Weihnachten gemeinsam zu Hof. Auch ihr Söhne waren anwesend. Heinrich hatte sogar seinen Bastardsohn Gottfried an den Hof gebracht. Das Treffen mit Ludwig VII. und Thomas Becket war nun schon über einen Monat her. Heinrich hatte sich nur schwer von seiner Niederlage bei dem Treffen erholt. Hatte er doch gehofft, den leidigen Streit beilegen zu können. Doch inzwischen kehrte in Heinrich die Kraft des Löwen zurück und er war fest entschlossen, vor Becket nicht zu weichen.
Heinrich und Eleonore hatten wieder getrennte Flügel der Burg bezogen. Heinrich bemerkte, dass die schon immer recht enge Bindung zwischen Eleonore und Richard weiter gewachsen war. Es schien ihm geradezu, als entfremde sich Richard langsam von seinem Vater. Die Beziehung zwischen dem Vater und Sohn war freundlich, aber zurückhaltend. Richard war tief gläubig und versäumte keine Messe. Und mit der gleichen Begeisterung wie Eleonore lauschte er den Troubadouren. Nur wenn es um die Jagd oder um Waffen ging, fand Heinrich Zugang zu seinem Sohn.
Wenige Tage vor dem Dreikönigstag suchte Heinrich Eleonore noch vor Sonnenaufgang in ihrem Gemach auf.
"Schon so früh aufgestanden?" fragte Eleonore und warf sich mißmutig einen warmen Pelz über, um sich vor ihm zu bedecken.
"Ihr bedeckt Euch in meiner Gegenwart?" fragte Heinrich erstaunt. Es war mehr eine
Feststellung als eine Frage.
"Es ist kühl in Eurer Gegenwart", gab Eleonore sarkastisch zurück, "aber Ihr sucht mich nicht um diese Zeit auf, um über die Temperaturen zu reden."
"Wie recht Ihr doch habt, verehrte Königin. Wie recht Ihr doch habt." Heinrich legte eine Pause ein und durchstieß das dünne Eis in dem steinernen Waschbecken. "Ich mache mir Gedanken um unsere Söhne", sagte er.
Eleonore horchte auf, sagte aber nichts.
"Nun, Gottfried ist der Herzog der Bretagne. Richard habt Ihr zum Herzog von Aquitanien gekrönt. Doch ich mißtraue Euch. Richard ist zweifelsohne Euer Lieblingssohn. Und er ist ehrgeizig und Euch treu ergeben. Ich traue ihm und Euch zu, dass Ihr Heinrich die Krone abnehmen wollt."
"Das ist doch absoluter Unsinn", rief Eleonore aus, "ich liebe meine Söhne alle. Sogar Johann, der in ungünstigen Zeiten geboren wurde. Ich habe Freude an ihnen. Habe ich nicht mit Wilhelm de Marshal einen der besten Ritter des Reiches zur Ausbildung von Heinrich gegeben? Niemals würde ich meinen Söhnen nehmen, was ihnen zusteht."
Die Morgenröte tauchte den Himmel in ein rotes und violettes Licht. Heinrich sah dem Sonnenaufgang zu. Dann drehte Heinrich sich um und sah Eleonore durchdringend an. "Gut, das freut mich zu hören. Doch ich werde nicht den Fehler machen, wie ihn mein Großvater Heinrich I. begangen hat. Ich werde das Reich nicht ungeordnet zurück lassen. Ich werde die Thronfolge vollziehen. Den Eid der Barone habe ich. Heinrich wird zum König von England gekrönt."
Eleonore war hellwach. Sie wähnte sich am Ziel ihrer Träume. Ihre Söhne sollten das Reich übernehmen und regieren. Schon bald - in ein paar Jahren - würde Richard Eleonore nicht mehr an seiner Seite brauchen. Sie war immerhin fast zehn Jahre älter als Heinrich. Noch bestand kein Grund zur Sorge, aber viele Frauen erreichten kein hohes Alter. "Ihr seid erst sechsunddreißig Jahre alt. Ihr seid in den besten und kräftigsten Jahren eines Mannes. Ihr überrascht mich, wenn Ihr an die Abgabe der Macht denkt. Wollt Ihr Eure Macht wirklich abgeben?"
"Nun, sagen wir nicht abgeben. Die Last auf verschiedene Schultern verteilen gefällt mir besser."
"Oh, ich fürchte, da ist mir etwas entgangen. Mir ist nie bewußt gewesen, dass das Regieren für Euch eine Last ist", meinte Eleonore spitz.
"Es ist und war mir nie eine Last. Aber verschiedene Gründe zwingen mich dazu. Daran seid Ihr nicht ganz unschuldig."
"Verzeiht, ich verstehe nicht."
"Wie ich schon gesagt habe: Gottfried ist der Herzog der Bretagne, Richard Herzog von Aquitanien. Ich kenne Euch und Eure Liebe zu Aquitanien zu Genüge. Wenn Ihr vielleicht nicht nach der Krone Englands strebt, so würdet Ihr alles tun, um aus Aquitanien wieder ein unabhängiges Herzogtum zu machen. Und was meint Ihr, wie lange würde Heinrich es mitansehen, dass seine jüngeren Brüder eine Krone tragen und er, der Thronfolger, stünde ohne gekröntem Haupte da. Ein idealer Nährboden für Eure Intrigen. Vielleicht plant Ihr sogar mit ihm einen Aufstand...."
"Sei nicht albern", meinte Eleonore lachend. Aber irgendetwas in ihrem Innern warnte sie, vorsichtig zu sein.
"Eine interessante Ausführung, die Ihr da vorgetragen habt. Aber ich liebe alle meine Söhne. Das habt Ihr richtig erkannt. Warum also sollte ich sie gegeneinander ausspielen? Vielleicht haben sie alle ein gemeinsames Ziel."
Heinrich musterte seine Gattin. In Gedanken formulierte er eine Erwiderung: `Euer Ziel ist die Macht und mein Sturz!´
"Darf ich fragen, wie Ihr das bewerkstelligen wollt?" fragte Eleonore. "Immerhin ist es in England nicht allgemein üblich, dass die Prinzen zum König gekrönt werden, bevor der König verschieden ist. Oder gedenkt Ihr Eurem Leben ein Ende zu machen?" Sie sah Heinrich herausfordernd an. "Nein?! Nun, dann werdet Ihr den Adel überzeugen müssen. Aber noch mehr müßt Ihr Euch um Frieden mit dem Erzbischof von Canterbury bemühen. Hat er doch das Krönungsrecht. Und mit ihm, scheint Ihr Euch es selbst nicht leicht zu machen."
Heinrich machte eine abfällige Handbewegung. "Die Barone machen mir keine Angst. Und was die Krönung anbelangt, so wißt Ihr vielleicht, dass es selbst innerhalb der Kirche umstritten ist, wer das Krönungsrecht besitzt. Ich verspüre keine Hemmungen die Krönung Roger von York zu übertragen."
"Ah, ich glaube, ich verstehe", meinte Eleonore und schürzte die Lippen, "Ihr wollt also Öl ins Feuer gießen?! Nun, hoffentlich verbrennt Ihr Euch da nicht."
Heinrich trat vor sie und sah sie prüfend an. "Ich weiß, dass Ihr für mich nicht mehr viel empfindet. Aber ich hoffe, dass ich mit Eurer Unterstützung rechnen kann."
Eleonore lächelte. "Ihr könnt mit allem rechnen, wenn Ihr zum Wohle unserer Kindern handelt."
Heinrich sah sie mit funkelnden Augen an. "Gut, dann erwarte ich von Euch, dass Ihr Margarete hier behaltet. Man wird sie in den nächsten Tagen nach Caen bringen. Dort wird sie verweilen. Sie wird nicht gekrönt werden."
"Damit werdet Ihr Ludwig brüskieren und riskiert einen Krieg."
"Das mag sein, aber es ist mein Pfand für die zukünftigen Verhandlungen."
"Genau wie Ihr Adelaide als Pfand nehmt. Noch immer habt Ihr Ludwig keinen Hochzeitstermin mit Richard bekannt gegeben. Ihr haltet die Töchter des Königs Ludwig wie Gefangene."
Heinrich näherte ihr sich bis auf wenige Zentimeter. "Ich warne Euch, Liebste. Laßt Euch nicht zu Taten hinreißen, die Ihr später bereuen könntet."

Kapitel 13


England im Frühjahr 1170

Heinrich reiste erst am 03. März nach England, um dort den Adel von seinen Absichten zu überzeugen. Wie erwartet war dies recht schwierig. Niemand wagte es Heinrich auf den Kopf hin zu sagen, dass dies in England nicht üblich sei, Prinzen zu Lebzeiten des Königs zum König krönen zu lassen.
Man schob den Streit mit dem Erzbischof vor. Ein solcher Schritt wäre eine unglaubliche Provokation dem Erzbischof gegenüber. Und das zu einer Zeit, in der der Erzbischof mit dem Interdikt drohe. Das dieser es noch nicht verhängt habe, sei allein dem Papst zu verdanken. Dieser hatte überraschend den Erzbischof von Rouen, Rotrou von Warwick, zu seinem rechtmäßigen Vertreter ernannt. Daraufhin war Gilbert Foliot zu diesem geeilt, und hatte sich, von dem von Becket verhängten Kirchenbann, am 05. April freisprechen lassen. Dies traf Becket schwer. Vergeblich suchte er nach einer Erklärung und bekam vom Erzbischof von Rouen nur die Antwort, dass nur Güte den Streit beilegen könne. Dies war ein unmißverständliches Zeichen an ihn, keine unüberlegten Handlungen vorzunehmen. So kam es, dass es bei der Drohung über die Verhängung des Interdikts geblieben war.
Doch würde Becket auch bei einer solchen Provokation bei den Drohungen bleiben? Becket hatte dem Papst einen verzweifelten Brief geschrieben, in dem er diesem von der geplanten Krönung - und damit der unglaublichen Beleidigung der Kirche von Canterbury - schilderte. Doch Papst Alexander schrieb ihm beruhigend zurück. Die Krönung könne nur erfolgen, wenn der junge Heinrich geschworen habe, die Rechte der Kirche von England und von Canterbury zu achten. Für Becket war nach diesem Brief unmißverständlich klar: Nur er besaß das alleinige Krönungsrecht! Der Papst versäumte nicht einen Brief gleichen Inhaltes an Heinrich II. zu senden.
Unterdessen untersagte Heinrich gemäß den Konstitutionen von Clarendon dem Klerus Überfahrten von und nach dem Festland. Auf diese Weise erhoffte er, jegliche Kontakte zwischen Becket und der Kirche von England zu unterbinden. Nur so könne man die Prälaten von dem Gehorsam gegenüber dem Erzbischof von Canterbury entbinden und schützen.

Westminster am 14. Juni 1170

Eine unüberschaubare Menge von Baronen, königlichen Beamten, Geistlichen und einfachem Volk hatte sich am 14. Juni in und vor der Kirche des heiligen Peters versammelt. Doch die Atmosphäre war gedrückt und passte gar nicht zu den bunten Wimpeln und festlich geschmückten Rittern und Edelleuten. Und auch der Himmel schien dies zu spüren, hatten sich doch dicke, dunkle Wolken vor die Sonne geschoben. An diesem Tag sollte der junge König Heinrich gekrönt werden.
Der fünfzehnjährige Heinrich war in einem weißen Gewand gekleidet. Zu Beginn der Zeremonie kniete er vor seinem Vater, der ihn feierlich zum Ritter schlug. Danach erhob sich der Prinz und trat vor das Grab Eduards des Bekenners und leistete den überlieferten Eid und fügte hinzu, dass er auch die Gewohnheitsrechte respektiere, wie sie in den Konstitutionen von Clarendon beschrieben sind.
Dann kniete er nieder und ließ sich vom Erzbischof von York, Roger von Pont-l´Eveque, dem erbitterten Feind von Thomas Becket, die Krone Englands auf das Haupt setzen. Dabei suchte Heinrich der Jüngere den Blick seines Vaters, der zufrieden in die versammelte Menge blickte. Dann sah Heinrich der Jüngere zu Wilhelm de Marshal herüber, der den Thronerben nach England begleitet hatte. Dieser nickte ihm unmerklich zufrieden zu. Wilhelm de Marshal würde von diesem Tage an dem jungen König dienen. Dies war von Heinrich II. so ausdrücklich gewünscht worden und auch Eleonore stimmte diesem Wunsch zu. Doch waren die Beweggründe unterschiedlicher Art: Heinrich sah es nicht gern, dass Eleonore solche treuen und tapferen Ritter an ihrer Seite hatte, die ihm vielleicht eines Tages gefährlich werden könnten. Würde er Wilhelm de Marshal an die Seite seines Sohnes stellen, könnte er sich den Diensten des tapferen Ritters gewiß sein. Zudem würde der junge König die meiste Zeit in England verbringen. Dies wäre weit genug von Eleonore entfernt.
Eleonore dagegen entließ Wilhelm de Marshal mit Freuden aus ihren Diensten. Der junge König würde treue Gefährten an der Seite brauchen. Und sie wußte niemanden besseres als ihren Ritter Wilhelm de Marshal. Zudem war er noch immer ohne eigene Ländereien. An der Seite des jungen Königs würden seine Dienste sicherlich eines Tages belohnt werden.
Heinrich ahnte nicht, dass sein Sohn im Moment der Krönung innerlich aufgewühlt war. Wollte er doch auf der einen Seite die Krone, so vergaß er nicht, dass es der Erzbischof von Canterbury war, der ihn einst erzogen hatte und wie ein Freund zu ihm war. Der junge Heinrich war sich der Provokation voll bewußt, wie sie die Krönung darstellte.
Und auch der König von Frankreich, Ludwig VII., mußte sich provoziert fühlen. Heinrich´s Frau, die zwölfjährige Margarete war von den Krönungsfeierlichkeiten auf Willen Heinrich II. ausgeschlossen worden.
Margarete - die Anfang des Jahres an den Hof gebracht wurde - wurde bei Eleonore festgehalten, die den Krönungsfeierlichkeiten ferngeblieben war und in Caen weilte. Sie sah jedoch wohlwollend die Krönung. Mit dieser hatte Heinrich II. zumindestens offiziell die Macht seines Reiches aufgeteilt. Zwar würde er die wirkliche Macht besitzen, doch würden die Forderungen ihrer Söhne leichter durchzusetzen sein, wenn sie die offiziellen Titel besaßen.
Die Krönungsfeier endete mit einem Triumphzug durch die Stadt London. Die Bevölkerung mochte den jungen König, spürte jedoch, dass ihm noch viele schwere Kämpfe bevorstehen würden. Und so schien es beinahe ein verhaltener Jubel zu sein, der ihn begleitete.
Wilhelm der Löwe, König von Schottland, und sein Bruder David leisteten dem gekrönten König am Tag nach der Krönung den Treueeid im Westminster-Palast. Ihrem Beispiel folgend leisteten noch zahlreiche Barone den Eid vor Heinrich dem Jüngeren. Heinrich II. war zufrieden.
Am Abend folgte dann im großen Saal zu Westminster ein großes Festbankett. Die gedrückte Stimmung des Vortages war der Fröhlichkeit gewichen, worin ein großer Anteil in der fröhlichen Musik zu finden war, die aufspielte. Der Saal war festlich geschmückt und es gab die feinsten Speisen und Getränke. Für die Jagdhunde fielen zahlreiche Knochen ab und Gaukler zeigten ihre Kunststücke.
Heinrich der Jüngere schien dem bunten Treiben aber nur geringfügig empfänglich zu sein.
Viele glaubten den Grund darin zu finden, dass Margarethe der Krönung ausgeschlossen wurde. Andere meinten, er halte es für einen Fehler den Erzbischof so zu brüskieren. Nur die wenigsten wußten, dass Heinrich II. seinem Sohn abverlangt hatte, in der Sache mit Becket voll hinter ihm zu stehen. Ja, der Vater hatte sogar verlangt, dass der junge Heinrich die Sache beenden sollte. Doch es war auch die Tatsache, dass seine Gemahlin von der Krönung ausgeschlossen wurde.
Schließlich erhob sich Heinrich II. als das Wild gebracht wurde. Sofort verstummte der Lärm.
"Ich möchte es mir nicht nehmen lassen, meinem Sohn als eine besondere Geste, die nicht als zu gering einzuschätzen ist, selbst aufzutragen." Heinrich nahm von dem Fleisch und beugte sich zu seinem Sohn vor und servierte ihm das Fleisch. "Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein König bei Tisch bedient", sagte er zu seinem Sohn gewandt.
Heinrich der Jüngere straffte sich und erwiderte: "Es ist nur natürlich, dass der Sohn eines Grafen den Sohn eines Königs bedient."
Heinrich II. erstarrte. Alle Anwesenden im Saal hielten die Luft an. Die unverschämte Antwort umriß mit scharfen Worten, in welcher Situation sich das Verhältnis zwischen dem Vater und dem Sohn befand. Heinrich II. hatte mit dem Ausschluß Margaretes bewiesen, dass er auch in Zukunft über die Geschicke im Reich bestimmen würde. Er war offenbar keineswegs gewillt auch nur ein Stückchen seiner Macht abzugeben. Die Krönung war für ihn offenbar nur die Sicherung der Thronfolge. Und Heinrich der Jüngere spürte dies. Seine Mutter hatte ihn in einem Brief davor gewarnt. Doch dies war für den jungen Heinrich eine unbefriedigende Situation. Wie alle Plantagenets strebte er die wirkliche Macht an. Der Streit mit dem Erzbischof und die Haltung einer Mätresse - die zudem noch an der Tafel saß und mit ihnen speiste - machten die Situation nicht einfacher.
Heinrich II. versuchte die Situation zu retten, indem er sich an die Anwesenden zuwandte und sagte: "Hört, so spricht ein König. Der König von England."
Krampfhaftes Lächeln und zunächst zögerliches Klatschen quittierte den Ausruf. Schließlich ertönten sogar vereinzelte "Hoch-lebe-der-König"-Rufe.
Heinrich II. wandte sich zu seinem Sohn um und warf ihm einen bitterbösen Blick zu und setzte sich mit verkniffener Miene wieder auf seinen Platz. Innerlich kochte er vor Zorn. Er warf Rosamunde, die am anderen Ende der Tafel speiste, einen Blick zu.
Sie erwiderte ihn. Langsam, fast nicht sichtbar, schüttelte sie den Kopf. Fast schien es so, als wolle sie ihm sagen, dass er sich beruhigen solle.
Die Krönung verschärfte den Konflikt mit dem Erzbischof von Canterbury. Kaum nachdem Becket die Nachricht von der Krönung erhielt, sprach er offen die Drohung aus, über England binnen von zwei Wochen das Interdikt zu verhängen.
Heinrich II., der damit gerechnet hatte, sah sich nun genötigt, schnellstmöglich den Papst und den französischen König gnädig zu stimmen. Deshalb ließ er einen Brief an den Papst aufsetzen, indem er zutiefst bedauere, dass sein Schreiben, in welchem der Papst die Krönungsrechte ausdrücklich auf den Erzbischof von Canterbury privilegierte, zu spät eingetroffen sei. Die Krönung sei zum Zeitpunkt des Eintreffens des Briefes schon vollzogen gewesen. Natürlich hätte man sich dem Wunsch des Papstes gebeugt. Er kündigte völlig überraschend an, sich dem Papst zu unterwerfen und die Rechte der Kirche zu achten. Der Papst durchschaute die offenbare Lüge und den Plan Becket kalt zu stellen. Doch er konnte es nicht wagen, diese Chance ungenutzt verstreichen zu lassen. Gleichzeitig bemühte sich Heinrich um ein Treffen mit Ludwig, da dieser über den Affront zutiefst erbost war, dass seine Tochter von der Krönung ausgeschlossen war. Doch seine überraschende Ankündigung
Heinrich war zu einem Wettlauf gegen die Zeit gezwungen, da Becket entschlossen war, seine Drohung das Interdikt auszusprechen wahr zu machen, wenn Heinrich nicht mit ihm Frieden schließen würde. Am 24. Juni setzte Heinrich von Portsmouth aus in die Normandie über. Es gelang ihm, Ludwig und Becket vor der festgelegten Frist zu treffen.

Fretèval am 20. und 21. Juli 1170

Das Treffen der beiden Könige fand am Ufer des nahegelegenen Flußes Loir statt. Es war ein warmer Sommertag und man hatte einen Baldachin errichtet, um die Häupter vor der Sonne zu schützen.
Auf beiden Seiten begleiteten zahlreiche Bischöfe und Barone die Könige und man errichtete in einer Entfernung von zwei Meilen zwei Lager. Um die sechste Stunde trafen sich Ludwig und Heinrich unter dem Baldachin, den man in der Wegesmitte zwischen den Lagern errichtet hatte.
Ludwig empfing den Plantagenet kühl und zurückhaltend. Er war sichtlich wütend und verbarg seinen Zorn auch nicht. "Ihr seid mir eine Erklärung schuldig", rief er aus, als Heinrich vor ihn getreten war und sich als sein Vasall verbeugte und die Verhandlungspartner sich gesetzt hatten.
"Ihr habt den Vertrag mißachtet, der zwischen uns geschlossen wurde und der vorsah, dass Euer Sohn Heinrich und meine Tochter Margarete die Krone Englands tragen würden. Doch was wird mir von Eurem Hof berichtet? Nur Euer Sohn wurde gekrönt. Ihr habt meine Tochter stattdessen gefangengehalten und entehrt. Es ergibt sich damit die Frage, wie ernst Ihr es mit der Krönung meint und ob Ihr wirklich bereit seid, die Macht an Euren Sohn abzugeben. Und nicht nur das: Ihr habt die Privilegien des Erzbischofes von Canterbury mißachtet. Der Heilige Vater hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Krönung durch den Primas vollzogen werden muss", warf Ludwig seinem Gegenüber vor.
Heinrich versuchte gar nicht erst, sich in Ausflüchte zu flüchten. Er hatte erreicht was er wollte. Man hatte seinen Sohn gekrönt und die Nachfolge gesichert. Der Grundstein für eine dynastische Linie war geschaffen. Ohne zu begründen, weshalb er die Prinzessin von der Krönung ausgeschlossen hatte, antwortete Heinrich: "Ich habe Euch und dem Papst schon mitteilen lassen, dass jener Brief zu spät bei uns eintraf."
Ludwig unterbrach ihn verärgert. "War es denn nicht so, dass die Gesandten nicht zu Euch vorgelassen wurden? Ihr wußtet was in diesem Brief stehen würde und habt daher die Gesandten erst nach der Krönung empfangen. Ich durchschaue Euer falsches Spiel."
Heinrich spürte, dass er die Taktik ändern musste. "Verzeiht, aber woher sollte ich den Inhalt eines versiegelten Briefes kennen? Doch ich verstehe Euren Zorn. Er ist berechtigt. Dies habe ich auch dem Papst so mitteilen lassen. Ich erkläre mich als Zeichen des guten Willens bereit mich der Kirche zu unterwerfen. Die Krönung kann jederzeit vom Primas von England wiederholt werden".
Durch die Reihen der Versammelten ging ein Raunen. Ludwig sah sich um. Dann erhob er sich. "Ich denke, dies ist eine völlig neue Perspektive. Erklärt Ihr Euch somit bereit mit Becket zusammen zu treffen? Hier an Ort und Stelle?"
"Ja", erwiderte Heinrich unterwürfig. "Und vernehmt mit Euren Ohren, dass ich gelobe dem Erzbischof sicheres Geleit zu gewähren. Kein Leid soll ihm zugefügt werden."
"Dann sollten wir uns zu Beratungen einzeln zurückziehen. Der Erzbischof von Canterbury hat das Recht davon zu erfahren. Wir werden noch im Laufe dieses Tages Boten zu Euch senden, die die Antwort des Erzbischofes und die meinige überbringen werden."
Es schien so, als sei ein Frieden greifbar nahe. Man trennte sich und der französische König sandte Boten zu Becket, der in der nahegelegen Burg weilte. Becket war skeptisch, stimmte aber nach reiflichem Überlegen zu. So sollte es geschehen. Noch am selben Tag brachte man dem englischen König die Botschaft, dass Becket am nächsten Tag vor dem König erscheinen würde.
Am nächsten Tag stieß Thomas Becket nach dem Gebet zur Prim in Begleitung des Grafen Theobald von Champagne zu den Königen.
Sie trafen sich unter dem Baldachin. Das Zusammentreffen des Königs mit dem Primas schien beide trotz allen Streites in der Vergangenheit tief zu bewegen. Ein langes und scheinbar unüberbrückbares Schweigen lähmte zu Beginn die Versammlung.
Schließlich straffte Becket sich, der in erzbischöflichen Ornat gekleidet war und sprach zu Heinrich: "Man hat mir berichtet, dass Ihr Euch dem Papst und der Heiligen Kirche unterwerfen wollt", begann Becket das Gespräch und sah sich verstohlen um. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass beide Gesandschaften und Truppen jede ihrer Bewegung verfolgten und genau beobachteten.
Heinrich nickte leicht. "Man hat es Euch korrekt übermittelt. Ich bin des Streites müde und fordere Euch zur Rückkehr nach England auf. Respektiert Ihr die alten Gewohnheiten, so schütze ich Euch und Eure Rechte."
"Ich höre diese Worte mit Freude, aber wie könnt Ihr Euren Willen zum Frieden beweisen? Ich sehe in den Reihen Eurer Gesandschaft Ranulf de Broc. Er hat viel Unheil über meine Verwandten und Anhängern gebracht. Ihr habt den jungen Heinrich krönen lassen. Vom Erzbischof von York, der schon seit Jahren die Rechte der Kirche von Canterbury einschränken möchte", antwortete Becket.
Er hielt den Atem an. Sie standen so nahe vor dem Frieden. "Welche Rechte gewährt Ihr mir? Und was geschieht mit den Gütern, die der Heiligen Kirche gehören und die Ihr nun verteilt habt?"
"Die Güter werden Euch wieder übertragen. Was die Rechte betrifft, so sollt ihr alle haben, die Euch zustehen. Und ich will Euch die Krönung zugestehen. Sie soll wiederholt werden, damit sie und die Herrschaft des jungen Königs die notwendige Gebühr erhält."
Becket sah Heinrich lange an. "Was verlangt Ihr dafür?" wollte Becket wissen.
"Nichts als die Anerkennung der Würde der Krone", gab ihm Heinrich zur Antwort.
"Und Eure Forderungen zur Leistung einer Zahlung?"
"Wie kann ich auf diese bestehen, wenn ich den Frieden und Eure Freundschaft will?" fragte Heinrich zurück.
Becket wußte ebenso gut, wie Heinrich, dass dies eine dehnbare Auslegung war. Aber er wollte sie für diesen Moment akzeptieren. "Gehört dies zu Eurem Plan? Man hört, dass die Königin stark darum bemüht war, die Rechte Eurer Kinder durchzusetzen. Wollt Ihr diesen Zustand als Ausrede benutzen, so dass der junge Heinrich um die Macht geprellt wird?" wollte Becket wissen.
Heinrich lächelte leise. "Ihr seid erstaunlich gut informiert. Wenngleich Ihr Euch in den Vermutungen irrt."
"Ich hatte viel Zeit im Exil."
"Dies soll nun vorbei sein. Kehrt nach England zurück und kümmert Euch um Eure Schäflein. Und krönt meinen Sohn", bat Heinrich und Becket schien es, als kämen die Worte aus dem Herzen.
Zu aller Erstaunen warf sich Becket dem König demütig vor die Füße. "Kein Wunsch ist mir sehnlicher als dieser, mein König. Ich bitte Euch demütigst nach England heimkehren zu dürfen. Nehmt mich wieder in Euer Reich auf."
Heinrich sah auf Becket herab. Er nahm Becket, der Tränen vergoß, am Arm und zog ihn hoch.
"Steht auf. Kniet nicht vor mir nieder", meinte Heinrich erschüttert.
Als Becket wieder aufgestanden war, sahen sie sich lange in die Augen.
"Dann soll von nun an Frieden zwischen uns herrschen", meinte er und winkte nach seinem Pferd. Als Becket aufsteigen wollte, hielt er plötzlich inne. Heinrich hatte den Steigbügel ergriffen und hielt ihn. Mit dieser symbolträchtigen Geste, die die Unterwerfung eines Fürsten unter den Papst symbolisierte, verhalf Heinrich dem Erzbischof auf das Pferd und bedeutete ihm, dass der Erzbischof wieder voll und ganz in seine Rechte eingesetzt würde. Allerdings hatten sie beide den Friedenskuß vermieden.
Becket bestand auch auf diesen nicht mehr, wollte er doch jetzt keinen unnötigen Streit riskieren.
Alle waren erleichtert. Und obwohl es eigentlich ein Anlaß zur Freude hätte sein müssen, mochte sich niemand so recht freuen. Zu steinig, zu schwierig, war der Weg bis hier gewesen.
Heinrich beabsichtigte wieder nach England zurückzukehren um den Ausbau und die Restaurierung von der Festung Windsor zu kontrollieren. Doch bevor er nach England übersetzen konnte, erkrankte er schwer am Tertianafieber.


Saint-Colombe im Sommer 1170

Die Freude über das Ergebnis von dem Treffen in Fretéval war vermutlich bei niemanden größer als bei Thomas Becket selbst. Er sehnte sich nach Canterbury und England, nach seinen wenigen Freunden und Anhängern die ihm geblieben waren und die seinetwegen leiden mußten. Doch bei aller Freude überwog die Skepsis. Mit Sorge vernahm er, dass Heinrich in Domfront das Krankenbett hütete. Die Nachrichten vom Hof waren beunruhigend. Man hörte, dass Heinrich das Testament gemacht habe. Darin vermachte Heinrich seinem ältesten Sohn die Krone Englands und die Normandie, das Anjou und Maine. Richard sollte das Poitou und Aquitanien erben und Gottfried die Bretagne. Dem jüngsten Sohn Johann sollte später der König, Heinrich der Jüngere, Ländereien zuteilen. Von diesem Tag an trug Johann den Beinamen "Ohneland".
Doch nicht nur der Zustand des Königs selbst machte Becket Sorgen, sondern auch die Nachrichten, dass er noch nichts bezüglich der Herausgabe der Kirchengüter veranlaßt habe. Dies widersprach den Zusagen von Fretéval und die Freude Becket´s wich der Sorge, dass der König nicht Wort halten könnte. Sobald bekannt wurde, dass Heinrich das Fieber überstanden hatte und wieder gesund werden würde, beschloß Becket den König aufzusuchen.

Domfront im September 1170

Nachdem Heinrich sich nur langsam von der Krankheit erholt hatte, weilte er noch in Domfront. Die Angelegenheiten der Normandie hatte er zuletzt vernachlässigt und so betraute er seinen Sohn Heinrich mit der Regierung in England, während er sich den Angelegenheiten der Normandie widmete.
Heinrich saß hinter seinem eichernen Arbeitstisch und studierte mißmutig einige Konstruktionspläne. Es waren die Pläne von notwendigen Bauarbeiten der Festung von Cahors. John de Marshal warnte ihn vor hohen Kosten, die die Bauarbeiten mit sich bringen würden. Doch Heinrich konnte seine Gedanken nicht auf den Umbau der Burg konzentrieren. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab zu den Meldungen aus Irland, die er vor einigen Tagen erhalten hatte: Richard Fitzgilbert de Clare, der Graf von Pembroke - den man meist nur "Strongbow" nannte - war von Wales aus nach Irland gesegelt. Eintausendzweihundert Mann soll "Strongbow" für einen Feldzug nach Irland aufgeboten haben.
Um das keltische Königreich Leinster tobte ein erbarmungsloser Krieg. Dermot MacMurrough der König von Leinster mußte sich seit mehreren Jahren gegen verschiedene Fürsten durchsetzen, die Anspruch auf die Krone von Leinster erhoben.
Doch MacMurrough war nicht mehr in der Lage seine Krone alleine zu behaupten. Daraufhin hatte er sich zunächst an Heinrich II. gewandt, den er in Aquitanien aufgesucht hatte. Zwar gewann er die Gunst des Königs, doch Heinrich hatte kein Interesse an einen Feldzug gegen Irland. Obwohl ihm die Insel Jahre zuvor formell durch den Papst zugesprochen wurde. Doch Heinrichs primäres Interesse war es, seine Länder zu schützen und zu sichern.
MacMurrough fand bei "Strongbow" mehr Gehör. Bereits im Mai waren die ersten Ritter von "Strongbow" nach Irland gesandt worden, doch im August setzte er selbst über, nachdem MacMurrough ihm die Hand seiner Tochter in Aussicht gestellt hatte. Richard Fitzgilbert de Clare witterte seine Chance. Dies könnte ihm die Krone von Leinster einbringen. Und genau das war es, was Heinrich unbedingt verhindern mußte. Er spürte, dass die irische Angelegenheit eine bedeutende Rolle in seiner Politik spielen würde. Doch zunächst galt es, sich mit dem Erzbischof auszusöhnen.
In diesen Gedanken versunken, drangen die Worte von John de Marshal nicht zu ihm vor. Erst als sich plötzlich die Tür öffnete, ein Lakai erschien und meldete, dass man ungefähr drei Meilen von Caen entfernt den Erzbischof von Canterbury gesichtet habe, fand Heinrich in die Realität zurück.
Ein Bote sei erschienen und habe um eine Unterredung gebeten. Nur widerwillig unterbrach Heinrich die Begutachtung der Baupläne. Der Besuch des Erzbischofes bedeutete nichts gutes. Doch schließlich gab Heinrich den Befehl, den Primas zu ihm vorzulassen, wenn dieser erscheine.
Der Erzbischof von Canterbury wurde nach seiner Ankunft sofort zum König gebracht.
"Was führt Euch zu mir?" fragte Heinrich und sah dem Erzbischof, dem er keinen Platz anbot, kühl an.
"Ich freue mich Euch wieder genesen zu sehen. Gott möge Euch schützen und noch viel Kraft geben", sagte Thomas Becket und holte tief Luft. "Ich bin zu Euch an diesem schönen Septembertag gekommen, um Euch daran zu erinnern, dass Ihr versprochen habt, alle Güter, die der Kirche von Canterbury gehören, wieder zurückzugeben."
Heinrich verzog das Gesicht. "Wird dies nicht auch getan?" fragte er.
Becket wog den Kopf hin und her. "Nur sehr widerwillig und langsam. Und manche Untertanen weigern sich noch immer. So wie Ranulf von Broc. Aber darauf hatte ich Euch bereits angesprochen. Ich habe den Eindruck, Ihr bemüht Euch nicht sehr um die Umsetzung des Abkommens."
Heinrich stand auf und trat zum Fenster. Im Burghof herrschte buntes Treiben. Wie üblich war Becket mit einem üppigen Gefolge erschienen und sorgte für Gesprächsstoff.
"Ihr erhebt schwere Anschuldigungen, verehrter Erzbischof. Darf ich Euch daran erinnern, dass ich mich gerade von einer schweren Krankheit erhole, die mich an das Bett gefesselt hatte."
"Ich habe davon gehört, dass Ihr krank ward. Aber es hatte Euch nicht daran gehindert, gegenüber meinen Sekretär Drohungen auszusprechen, als dieser Euch kurz vor seiner Überfahrt nach England besuchte."
Heinrich zog die Augenbrauen hoch. "Eine Drohung?" fragte er mit gespielt unschuldiger Miene.
"Ja, Ihr nennt es wohl anders, aber Ihr habt mich durch ihn aufgefordert, die Würden der Krone anerkennen."
"Nun, ich habe dies schon in Fretéval verlangt. Was erregt also Euer Mißfallen?"
"Das Ihr sehr darauf bedacht seid Eure Rechte zu wahren. Aber meine mir zustehenden Rechte, wie die Rückgabe von Kirchengütern verzögert Ihr."
Heinrich erwiderte nichts und seine Miene verdüsterte sich.
"Ich will Euch nicht vorenthalten, dass ich ein Schreiben des Papstes besitze, von dem ich Euch eine Kopie übergeben will. Darin hat mich der heilige Vater in Rom wieder voll in die Rechte als sein Legat eingesetzt. Gleichfalls hat er ein Schreiben an den Erzbischof von York und an Gilbert Foliot gesandt, in dem er diese für Ihr Verhalten tadelt", meinte Becket. Er verschwieg ein weiteres Schreiben, indem der Papst ihm die Vollmacht gab, beide Kirchenmänner zu exkommunizieren, wenn sie weiter den Interessen der Kirchen Schaden zufügen.
Heinrich nahm das Dokument entgegen und las es sorgfältig durch. Schließlich legte er es beiseite und sah dem Erzbischof in die Augen. "Seid versichert, dass ich alles tun werde, um mein gegebenes Versprechen zu halten. Doch nun beantwortet mir noch eine Frage: Wann werdet Ihr Euer Versprechen einlösen und nach England zurückkehren? Auch dies war ein Teil des Abkommens. Aber nichts deutet darauf hin, dass Ihr Eure Rückkehr vorbereitet. Mißtraut Ihr meinem Wort?"
Damit münzte Heinrich seine Niederlage in einen Sieg um. Nun war es Becket, der eine gute Ausrede präsentieren mußte.
Nach kurzem Zögern antwortete dieser ihm: "Es ist die Höflichkeit dem König von Frankreich gegenüber, der jahrelang meine Sache unterstützt hat und mir Gastfreundschaft gewährte."

Kapitel 14


Sainte-Colombe im Herbst 1170

Thomas Becket wollte sich zur Komplet zum Gebet begeben, als ein Reisender am Tor des Klosters von Sainte-Colombe um ein Lager für die Nacht bat. Becket - der gerade den Klosterhof überquerte - hatte den Reiter kommen hören und war stehen geblieben. Er erkannte an der Sprache einen Normannen. Die Mönche öffneten das Tor und gaben dem Reisenden Obdach. Becket begab sich zum Gebet. Er wußte, er würde den Reisenden später noch finden. Tatsächlich fand er ihn nach der Messe in der Küche, wo der Besucher ein bescheidenes Mahl zu sich nahm. Er setzte sich zu ihm an den Tisch.
"Ihr seid Normanne?" fragte Becket.
Der Angesprochene nickte und aß hastig weiter.
"Kommt Ihr aus England? Ich erkenne Euer Wappen nicht. Wer seid Ihr? "
Wieder nickte der Normanne.
"Und wohin wollt Ihr? Hier ist französisches Gebiet und Normannen sind hier nicht gerade beliebt."
Der Normanne rülpste und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. Dann nahm er einen kräftigen Schluck Wein und furzte laut. "Ich bin auf der Durchreise. Ich will nach Sizilien. In England habe ich alles verloren, was ich besaß. Ein Vetter von mir ist in Palermo. Sizilien muß reich sein. Die Sarazenen müssen prächtige Paläste gebaut haben und überall soll es Gold geben."
Der Normanne war vielleicht mittleren Alters. Doch aufgrund der fortgeschrittenen Zahnfäule - er besaß nur noch wenige Zähne - und dem zerfurchten Gesicht, konnte man ihn für älter halten.
"Ward Ihr schon einmal in Sizilien?" fragte Becket.
"Nein, aber mein Vater war einst dort. Bevor er zum bewaffneten Pilgerzug auszog. Er erzählte mir oft vom Reichtum den es überall in Sizilien und Konstantinopel geben soll."
"Wieso habt Ihr in England alles verloren?"
"Was geht Euch das an?" fragte der Normanne argwöhnisch zurück. Er gedachte nicht eine Beichte abzulegen, die er allerdings gewiß nötig hatte. So hatte er seinen gesamten Besitz durch das Spiel und Hurerei verloren.
"Verzeiht, ich wollte Euch nicht kränken", antwortete Becket, "aber ich habe schon lange nicht mehr mit Engländern reden können. Jedenfalls nicht mit solchen, die mir freundlich gesinnt sind."
"Woher wißt Ihr denn, dass ich Euch freundlich gesinnt bin? Und wer seid Ihr überhaupt?"
"Ich bin Thomas Becket", sagte der Erzbischof freundlich.
"Der Erzbischof von Canterbury?" fragte der Normanne erstaunt und hörte mit dem Essen auf. "Beim Allmächtigen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Euch je begegnen würde. Und schon gar nicht lebend."
"Wie meint Ihr das?" fragte Becket und sah den Normannen fragend an.
"Nun, Ihr beabsichtigt doch wieder nach England zurückzukehren, nicht wahr?"
"Ja, schon in Kürze."
"Wenn Euch Euer Leben lieb ist, dann laßt es besser bleiben und bleibt hier. Ich habe Ritter Euren Namen verfluchen hören. Die Herausgabe von Kirchengütern hat einen Haß geschürt, der für Eure Gesundheit nicht gut sein könnte."
Becket sah nachdenklich auf die leere Schale auf dem Tisch vor dem Normannen. Der Normanne bestätigte nur die beunruhigenden Botschaften, die zuletzt aus England herübergedrungen sind. Herbert von Bosham hatte ihm geschrieben, dass es gefährlich sei, zurückzukehren. Roger von York und Gilbert Foliot täten alles um den Haß auf den Erzbischof zu schüren und Heinrich schwieg billigend dazu. Noch immer waren nicht alle Kirchengüter zurückgegeben. Doch trotz allem war Becket entschlossen nach England zurückzukehren.
Er erhob sich und wünschte dem Reisenden eine gute Nacht und begab sich in die Kapelle zum Gebet. Auf dem Weg zur Kapelle schossen ihm die Gedanken durch den Kopf. Warum in aller Welt rückte er von seinem Entschluß nach England zurückzukehren nicht ab, obwohl jede Botschaft, jeder Reisende aus England ihm davon abriet? Becket stieß immer und immer wieder auf die gleiche Antwort: Es ging um die Ehre Gottes. Um den Namen des Herrn. Die Sache des Herrn zu vertreten, bedeutete für ihn das allerhöchste Gut im Leben. Und sollte es soweit führen, dass sein Leib und Leben in Gefahr geriet, so wollte er dies im Namen des Herrn gerne tun.
Kurz vor Allerheiligen traf in Sainte-Colombe Herbert von Bosham ein. Herbert von Bosham traf Becket in seiner Zelle.
"Seid gegrüßt, treuer Freund", rief Becket erfreut aus und erhob sich, um seinen Sekretär zu begrüßen, "welche Neuigkeiten bringt Ihr mit?"
"Mein Herr, keine guten Neuigkeiten", antwortete Herbert von Bosham noch heftig atmend, "in England ist die Stimmung gespalten."
Becket bat ihn sich zu setzen. "Erzählt mir", forderte er ihn auf.
"Das Volk erwartet voller Sehnsucht ihren Hirten. Aber die Ritter und Barone sind Euch feindlich gesinnt. Sie halten zum König. In ihren Augen seid Ihr ein Verräter. Ich rate Euch nicht nach England zu gehen. Am schlimmsten von allen ist Ranulf de Broc."
Beckets Augen wanderten zum kleinen Fenster der Zelle, durch die spärliches Licht fiel. "Ihr bestätigt mir das, was mir kürzlich ein aus England kommender Ritter erzählte. Aber ich muß", meinte er, "ich muß. Ich habe den Frieden geschlossen mit dem König und ihm mein Wort gegeben."
"Aber zu welchem Preis?" rief Herbert von Bosham aus. "Ihr begebt Euch in Gefahr. Man könnte Euch töten."
Becket wandte sich ab und fragte: "Es geht hier nicht um mich. Das wißt Ihr. Es geht um die Ehre Gottes."
Herbert von Bosham war verzweifelt. "Kann Gott dies von Euch verlangen?"
"Er hat seinen Sohn geopfert. Kann ich von ihm verlangen auf Minderes Rücksicht zu nehmen?"
Herbert von Bosham wußte darauf keine Antwort. "Seid ihr also doch heiliger als die Heiligen?"
Becket drehte sich zu ihm um und sah ihn lange tief in die Augen. "Nein, das bin ich nicht und werde ich niemals sein. Doch wenn ich nicht kämpfe habe ich es auch nicht verdient ein Diener Gottes zu sein."
Herbert von Bosham gab sich geschlagen und nickte. "Was habt Ihr also vor?" fragte er niedergeschlagen.
"Bereitet meine Abreise vor. Ich war lange genug von der Herde entfernt. Der Hirte muß wieder zu seiner Herde zurück. Und Ihr werdet mir dabei helfen. Johannes von Salisbury möge alles für die Rückkehr nach England vorbereiten", antwortete der Erzbischof.

Zu Allerheiligen 1170

Kurz vor Allerheiligen beschloß Thomas Becket allen Warnungen zum Trotz nach England zurückzukehren. Er mußte es riskieren, obwohl er sich dort viele Feinde gemacht hatte. Wäre er geblieben und hätte nach weiteren Ausflüchten gesucht, wäre dies einem Eingeständnis seiner Angst gleich gekommen. Sofort nach seinem Entschluß handelte er unverzüglich und ließ alles für seine Abreise vorbereiten. Zu Allerheiligen verabschiedete er sich gleich nach dem Gebet zur Prim vom Abt und den Mönchen von Saint-Colombe, und brach mit einem großen Gefolge auf. Sein Sekretär, Herbert von Bosham, ritt an seiner Seite.
Zunächst ritt er nach Paris. Er blieb mehrere Tage in Paris, wo er sich vom französischen König Ludwig und den vielen Freunden, die er im Laufe der Jahre gewonnen hatte zu verabschieden.
Als er vor den König trat, dessen Gastfreundschaft er so lange genossen hatte, wurde ihm schwer ums Herz. Der König empfing ihn im großen Saal. Der König und Becket begrüßten einander herzlich.
"Ah, ich sehe verehrter Erzbischof, dass Ihr nach England zurückkehren wollt."
"Ja, Ihr seht es richtig. Doch ich will es nicht säumen, Euch für all Eure großherzige Unterstützung, für Eure Gastfreundschaft und allen mir gewährten Hilfen, in voller Demut danken."
Der König nickte ihm dankend zu. Er erhob sich und nahm den Erzbischof an den Schultern. Trotz allem schien der König besorgt zu sein. "Ich wünsche Euch viel Glück, aber ich will Euch gegenüber offen sein. Ich mache mir Sorgen um Euch. Die Nachrichten aus England sind nicht sehr ermutigend. Ihr begebt Euch wie einst Daniel in die Löwengrube. Und die Erfahrung der letzten Jahre lehrt mich, dass vor den Plantagenets Vorsicht angebracht ist."
"Ja, auch ich habe Bedenken gehabt", gab Becket zu, "doch der König hat sein Wort gegeben."
"Ein Wort auf die Würde der Krone", meinte Ludwig verächtlich, "ein dehnbarer Begriff. Das wißt Ihr genauso gut wie ich. Ich sage Euch: Hütet Euch vor diesem Angeviner. Er wird den geringsten Vorwand nutzen, um Euch zu schaden. Noch ist es nicht zu spät. Bleibt hier. Hier seid Ihr sicher!"
"Eure Sorge um mich ehrt mich, aber es sind die Schafe Englands, deren Hirte ich bin, und denen ich beistehen will."
"Ein edler Gedanke", meinte Ludwig, "aber wer schützt Euch?"
Becket sah ihn etwas verwundert an. "Wenn es dem Herrn gefällt, dann hält er seine schützende Hand über mich. Ist es nicht Gottes Wille, der die Geschicke des Lebens leitet?" fragte er.
Ludwig nickte. "Ihr habt recht. Der Herr möge mit Euch sein. Aber ich bitte Euch, bleibt noch ein paar Tage. Seid meine Gäste und überlegt es Euch noch einmal. Ruht Euch aus. Wer weiß, wann Ihr wieder Gelegenheit dazu habt"
"Gerne will ich Euer Angebot annehmen", gab Becket zur Antwort.
Mehrere Tage später verließ Becket Paris mit einem Gefolge von etwa einhundert Mann. In der Normandie - in Rouen - sollte er sich noch einmal mit Heinrich treffen, der darum gebeten hatte. Becket und sein Gefolge rätselten zwar über die Gründe, wollten nun aber jede Verstimmung vermeiden.
Ludwig VII. hatte Becket die Tage zuvor mehrmals versucht zu überreden, in Frankreich zu bleiben. Einige aus Becket´s Gefolge hatten den Verdacht, dass Ludwig Becket aus reinem Eigennutz in Frankreich halten wollte. Solange der Streit schwelte, solange war Heinrich für Frankreich keine ernsthafte Gefahr. Der Papst hatte sich in der Sache hinter den französischen König und Becket gestellt. Mit einer Versöhnung zwischen dem König und dem Erzbischof und Papst, erhöhte sich die Gefahr für Frankreich. Außerdem würde diese Versöhnung zwangsläufig eine höhere Aufmerksamkeit des Königs auf Aquitanien zur Folge haben, wo Eleonore eifrig dabei war, die Macht ihres Sohnes Richard zu festigen.
Rotrou von Warwick, Bischof von Rouen, war dem Erzbischof ein Stück entgegengeritten und hatte den Erzbischof in die Stadt begleitet. Becket war sein Gast, doch empfing Rotrou von Warwick den Erzbischof eher widerwillig. Er war sichtlich nervös und es war offensichtlich, dass er den Erzbischof schnellstmöglich wieder loswerden wollte. Und Becket hatte ihm noch nicht vollständig verziehen, dass der Erzbischof Gilbert Foliot vom Bann losgesprochen hatte. Doch es gab noch etwas anderes, was Rotrou von Warwick Kopfzerbrechen machte. Und schließlich fand Thomas Becket eine Erklärung für die Nervosität des Bischofs. Eine Abordnung des Königs erwartete sie: An der Spitze der Gesandschaft stand Johannes von Oxford. Jener Johannes, den er einst exkommuniziert hatte, weil dieser in Würzburg den Gegenpapst anerkannt hatte. Eine größere Provokation konnte es kaum geben.
Rotrou von Warwick vermochte es dem Erzbischof kaum zu sagen. Und so war Becket völlig überrascht, als ihm Johannes von Oxford in sein Gemach geführt wurde.
"Der König läßt Euch ausrichten, dass er nicht wie vereinbart hier erscheinen kann, und dies zutiefst bedauert. Aber der König von Frankreich bedrohe seine Vasallen in der Auvergne. Heinrich ist durch seine Lehenspflichten dazu gezwungen, an seiner Stelle mich zu schicken. Ich werde Euch nach England geleiten, wo der junge König Heinrich Euch Euren Besitz und Würden zurückgeben wird."
Thomas Becket wechselte die Gesichtsfarbe. Nur selten kam es vor, dass er seine Wut und Enttäuschung nicht verbergen konnte. Doch das triumphierende, beinahe höhnische Lächeln des Dekans von Salisbury, tat sein übriges.
"Erwartet nicht, dass ich mich darüber freue, in Eurer Begleitung reisen zu müssen", antwortete der Primas und versuche erst gar nicht, seine Abneigung zu verbergen. Mochte der König tatsächlich verhindert sein, so rechtfertigte nichts, aber auch gar nichts, diese Provokation.
Thomas und sein Gefolge hielten sich nicht lange in Rouen auf, sondern eilten weiter bis nach Wissant, einer Hafenstadt nahe Boulogne, wo sie am 24. November eintrafen.

Wissant in Flandern, November 1170

Die Atmosphäre in dem Hafenstädtchen war gedrückt und spannungsgeladen. Beinahe jeden Tag trafen Schiffe mit Seeleuten, Händlern, Rittern und einfachem Volk aus England ein. Es entging ihnen nicht, dass der Erzbischof mit seinem Gefolge in der Stadt weilte. Während die einfachen Leute den Erzbischof verehrten und liebten, war er bei den Rittern und vielen Händlern unbeliebt, die treu zum König hielten. Beinahe täglich kam es am Hafen oder in den Wirtshäusern zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegner des Erzbischofs.
Becket entging dies nicht. Doch viel mehr beunruhigten ihn die Nachrichten aus England. An der Küste Englands wimmle es nur so von Feinden, die den Erzbischof zu töten bereit seien.
Der Graf von Boulogne, dessen Gäste sie waren, warnte Becket ebenfalls vor einer Überfahrt. Die Warnungen und schlechten Nachrichten, aber auch die provokante Nähe Johannes´ von Oxford, der den Erzbischof immer wieder unverhohlen seinen Haß spüren ließ, führten dazu, dass Becket immer dünnhäutiger reagierte. Er warf Johannes von Oxford vor, die Streitereien in der Stadt anzustacheln. Natürlich reagierte Johannes von Oxford ungehalten. Schließlich wurden die Streitereien so heftig, dass der Graf veranlaßt sah, die beiden Prälaten getrennt voneinander zu beherbergen.
Thomas Becket war durch die Nachrichten unschlüssig, ob er tatsächlich die Überfahrt wagen könne.
Schließlich war es Johannes von Oxford zu verdanken, dass er sich nicht von seinem Entschluß abbringen ließ.
"Man stellt schon Mutmaßungen in England an, warum sich Eure Überfahrt verzögert. Wie lange ihr hier noch weilen wollt. Bis es Tote zu beklagen gibt?", hatte Johannes eines Morgens nach der Messe spöttisch bemerkt. "Ihr habt wohl Angst?" Thomas Becket, der gerade die Burgkapelle verlassen wollte, blieb stehen und sah Johannes von Oxford wütend an. Ohne ein Wort zu sagen ging er schließlich weiter zu seinem Gemach.
Nun geschah etwas, was alle zu diesem Zeitpunkt für den blanken Wahnsinn hielten. Doch ehe man es verhindern hätte können, war es schon zu spät: Nach einer weiteren Auseinandersetzung am Hafen, bei der es einen erschlagenen Seemann zu beklagen gab, und der höhnischen Aufforderung des Dekans von Salisbury, wieviel Blutvergießen in Wissant der Erzbischof durch seine Verzögerungen noch verantworten wolle, beschloß Becket den Inhalt der päpstlichen Bulle vom September öffentlich bekannt zu machen. Für ihn war es klar, dass die Tumulte vom Erzbischof von York, Roger von Pont-l´Eveque, und dem Bischof von London, Gilbert Foliot, von der gegenüberliegenden Küste aus gesteuert wurden. Und Johannes war ihr williger Gehilfe. Schon seit geraumer Zeit kursierte das Gerücht um, dass manche Seeleute und Ritter von diesen bestochen wurden.
Am 30. November exkommunizierte er Kraft seines Amtes als päpstlicher Legat, Roger von York und Gilbert Foliot. Noch am selben Tag erreichte die Nachricht England. Die Schiffe, die daraufhin aus England kamen, brachten noch beunruhigendere Nachrichten. Offenbar waren die Gefolgsleute des Königs derart aufgebracht, dass sie sämtliche Häfen besetzt hatten. Ein einfacher Mönch aus dem Gefolge des Erzbischofs namens Walter, hatte zudem noch ein Gespräch zweier normannischer Ritter belauscht. Darin fielen die Worte, dass es glatter Selbstmord sei, überzusetzen.
Thomas Becket sah sich verzweifelt um, als man ihm die Nachricht überbrachte. Er sah erst den Graf von Boulogne und schließlich seinen Sekretär Herbert von Bosham an und fragte ihn, was er davon halte.
Herbert von Bosham wog den Kopf hin und her. Er folgte dem Blick des Erzbischofs über den Sandstrand der normannischen Küste, über das Meer bis zur Küste Englands, die an diesem kalten und klaren Wintertag gut zu sehen war.
"Herr", antwortete Herbert von Bosham schließlich, "es ist schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Bedauerlicherweise haben wir keine klügeren Ratgeber. Die einen sind in Frankreich zurückgeblieben, die anderen sind bereits in England. Mit Deiner Erlaubnis will ich Dir jetzt also sagen, was ich denke. Jetzt, da wir schon in Flandern sind, uns von allen Freunden auf dem Festland verabschiedet haben und der Papst uns den Segen und die Erlaubnis gegeben hat, nach England zurückzukehren, können wir nicht mehr kehrtmachen, sonst wird man uns für Feiglinge halten. Es wird heißen, der Erzbischof von Canterbury habe nicht gekämpft, sondern sei wie damals in Northampton geflohen."
Thomas Becket versteifte sich. Man sah ihm die innere Erregung an, die diese Worte ausgelöst hatten.
"Ich sehe mein Land vor mir", sagte Becket nach einer Weile der inneren Einkehr, "und ich werde so Gott will, dorthin zurückkehren. Aber ich weiß, dass die Stunde meines Leidens nahe ist. Ich befehle Euch, bereitet alles für unseren morgigen Aufbruch vor."
"Gott möge mit Euch sein", meinte der Graf von Boulogne.

Am 01. Dezember 1170 in Sandwich, England

Der Wind war günstig und das Meer war ruhig. Auf mehrere Schiffe verteilt, verließen sie Wissant.
Becket und Johannes von Oxford reisten auf getrennten Schiffen. Becket befahl dem Kapitän nicht Dover anzulaufen, da er wußte, dass dort die exkommunizierten Bischöfe auf ihn warteten, sondern gab Sandwich als Ziel an. Kaum waren sie in die Nähe der Küste, trat Becket zum Bug vor und ließ das Kreuz von Canterbury hissen. Man sah eine riesige Menschenmenge auf ihn warten und jubeln.
"Woher wußten sie, dass Ihr dort landen würdet", fragte der Kapitän etwas verwundert den Erzbischof, der sich zu ihm lächelnd umdrehte und antwortete: "Einige Freunde von mir, sind bereits wieder in England. Ich hatte Ihnen gesagt, wo ich landen will." Dann begab sich Becket unter Deck und legte das bischöfliche Ornat an. Alle Welt sollte sehen, dass er ungebrochen zurück kehre.
Die Schiffe legten an und entluden ihre menschliche Fracht. Sofort waren sie von der Menge, die ihn erwartete, umringt. Es waren die einfachen Leute, das arme Volk, welches ihn jubelnd empfing. Endlich war ihr heißgeliebter Erzbischof, der den Armen stets geholfen hatte, wo es ging, wieder in England. Sie fielen vor ihm auf die Knie und weinten vor Freude.
Becket und sein Gefolge waren zutiefst gerührt. Sie segneten die Menschen und ergriffen die nach ihnen ausgestreckten Arme. Doch plötzlich kam Unruhe auf und man hörte schon von weitem den Hufschlag zahlreicher Reiter. Und dann sah man sie auch schon. Schwerbewaffnete königliche Truppen auf ihren Schlachtrössern, die die schreiende Menschenmenge auseinandertrieben. Erst vor dem Erzbischof und seinem Gefolge machten sie halt. Die königlichen Truppen wurden vom Sheriff von Kent, Gervasius, sowie von Rainald von Warenne und Ranulf von Broc angeführt.
"Thomas Becket von Canterbury", rief der Sheriff laut, "ich heiße Euch nicht willkommen in England und wünschte Eure Flotte wäre im Meer ersäuft worden."
Einige Männer aus dem Gefolge des Erzbischofs wichen ängstlich zurück. Becket selbst jedoch blieb stehen. "Warum ist Euer Empfang so unfreundlich, Sheriff?" rief Becket zurück.
"Das fragt Ihr noch? Ihr habt den König beleidigt und seid geflohen. Und jetzt, da man Euch die Rückkehr gestattet hat, ist Euer erstes Handeln und Tun dies, dass Ihr zwei ehrbare Männer unter dem Kirchenbann gestellt habt."
"Letzteres geschah mit dem Willen des heiligen Vaters in Rom."
Ranulf von Broc schnaubte verächtlich. "Rom und der Papst sind weit weg. Hier zählt das Gesetz des Königs", sagte er und legte die Hand ans Schwert, zog es jedoch nicht.
"Ich weiß wen ich vor mir habe und was ich von Euch zu erwarten habe. Ihr seid kein gottesfürchtiger Mann. Der Herr möge Euch verzeihen, aber was den König anbelangt, so hat er gelobt, der Kirche von Canterbury keinen Schaden anzurichten, sofern ich die Würden der Krone respektiere. Also macht den Weg frei, für mich und mein Gefolge."
"Es sind Ausländer unter Eurem Gefolge. Sie stehen nicht unter des Königs Wortes. Doch wenn sie bereit sind, auf die Treue zum König von England zu schwören, dann will ich Euch ziehen lassen", gab der Sheriff zurück.
Empört trat Johannes von Oxford vor. Er war zwar kein Freund des Erzbischofs, aber das ging nun sogar ihm entschieden zu weit. "Von keinem Ausländer, der in friedlichen Absichten ein fremdes Land betritt und zu Besuch ist, kann ein Treueeid auf den König verlangt werden. Ihr solltet Euch auf Euren Verstand besinnen und aufpassen, was Ihr da redet. Ihr könnt so nicht im Interesse Eures Königs handeln", rief er wütend aus.
Der Sheriff sah den Dekan von Salisbury verduzt an. Er schien den Sinn der Worte nur langsam zu begreifen. Schließlich gab er das Zeichen, dass sie den Erzbischof und sein Gefolge ziehen lassen sollten und gab Befehl zum Abrücken.
Thomas Becket ruhte sich eine Nacht lang in der nahen Abtei aus, in der er vor seiner Flucht auch Unterschlupf gefunden hatte. Am nächsten Tag brachen sie nach Canterbury auf. Überall an den Straßen standen Leute und jubelten ihm zu. Freudengesänge begleiteten ihn und sein Gefolge und Becket weinte vor Rührung. Als er schließlich Canterbury vor den Augen hatte, stieg er ab, kniete sich nieder und sprach ein langes Dankgebet.

England im Dezember 1170

Becket fand jedoch auch nach seinem Einzug in Canterbury keine Ruhe. Bereits einen Tag später erschienen der Sheriff von Kent, Ranulf von Broc und einige Geistliche und forderten Becket auf, den Kirchenbann über Roger von York und Gilbert Foliot aufzuheben. Doch trotz der unverhohlten Drohung, die Ranulf von Broc aussprach, gab Becket nicht nach.
"Ich kann eine Entscheidung des Papstes nicht rückgängig machen", antwortete Becket ihnen mit entschiedener Stimme.
Noch am selben Tag verließen Boten England, um den König über die neue Lage zu unterrichten.
Knapp eine Woche später begab sich Becket zum Schloß Winchester, wo der junge König Heinrich residierte. Becket freute sich auf das Wiedersehen mit dem jungen König und wollte mit ihm über die Herausgabe verschiedener Kirchengüter verhandeln. Außerdem galt es über eine zweite Krönung - diesesmal mit Margarete - zu sprechen.
Becket der für den inzwischen fünfzehnjährigen König eine tiefe und ehrliche Zuneigung empfand, sandte ihm drei Streitrösser aus Flandern zum Geschenk und Zeichen der Freundschaft. Auf dem Weg zum Schloß Winchester wurde Becket von einer großen Menschenmenge begrüßt. Becket nächtigte im Palast des alten Bischofs von Winchester, Heinrich von Blois.
Gemeinsam zelebrierten sie die Abendmesse in der Kathedrale von Winchester. Nach der Messe bat Heinrich von Blois den Erzbischof ihm die Beichte abzunehmen. Becket kam diesem Wunsch nach. Nachdem der alte Bischof geendet hatte und Becket ihm die Absolution erteilte, blieben beide noch eine Weile im Chor sitzen. Einzig der aufgegangene Mond und die Kerzen spendeten Licht in der Kathedrale. Heinrich von Blois war inzwischen vom Alter gebeugt und warnte Becket vor dem jungen König. "Der junge Heinrich steht unter dem Einfluß der Ratgeber König Heinrich II. Man wird Euch nicht freundlich empfangen, auch wenn er Euch freundlich empfangen möchte. Der junge König ist nichts weiter als verlängerter Arm des Vaters. Macht - ich meine wirkliche Macht - wurde ihm nie gegeben. Nur ein Mann ohne Tadel steht dem König zur Seite. Es ist Wilhelm de Marshal. Doch er hält sich aus der Poltik wohlweislich heraus."
"Ich glaube nicht, dass der junge Heinrich mir den Einlaß verweigert. Er ist von gutem Herzen. Heinrich wird seinem Sohn nicht ewig die Macht vorenthalten können. Er ist fast schon ein Mann. Und er ist ein Plantagenet. Der junge König wird seine Macht eines Tages einfordern. Dafür wird schon die Königin sorgen."
Heinrich von Blois erhob sich von seinem Stuhl. Sie saßen in der Kapelle des Palastes und hatten nach dem Ende der Messe gemeinsam gebetet. Doch nun war der Bischof müde und zog sich in seine Gemächer zurück. "Ich wünsche der Herr hält seine schützende Hand über Euch. Ich glaube nicht, dass es klug war die Exkommunizierungen auszusprechen. Der Klerus hat nur noch wenig Einfluß in England."
"Wenn dem so wäre, dann würde es weniger Geschrei von den Betroffenen geben", meinte Becket und erhob sich ebenfalls. Sie zogen sich zurück. Der nächste Tag würde ein sehr wichtiger werden.
Am nächsten Morgen - Becket war weit vor Sonnenaufgang aufgestanden - erschien kurz nach der Frühmesse eine kleine berittene Gesandschaft, die von Jocelin von Arundel angeführt wurde. Dieser verlangte den Erzbischof zu sehen. Ein wenig verwundert über frühen Besuch, bat Becket Jocelin von Arundel vorzutreten. Der Erzbischof empfing den jungen Adligen im großen Saal des Palastes, wo die meisten Mönche das Frühstück zu sich nahmen.
"Es ist mir eine Ehre Euch begrüßen zu dürfen. Nennt mir Euer Begehr und sagt mir die Gründe weshalb Ihr voll gerüstet erscheint."
Jocelin von Arundel verzichtete auf jede Ehrerbietung und kam gleich zur Sache. "Vielleicht sind die Rüstungen Euch eine Warnung genug. Ihr seid kein gerngesehener Mann in England. Und dies ist der Grund für meinen Besuch: König Heinrich wünscht Euch nicht zu sehen. Ihr sollt nach Canterbury zurückkehren und dort bleiben. Der König sieht es nicht sehr gerne, wenn Ihr durch das Land reist."
Heinrich von Blois, der der Unterhaltung beiwohnte, sah den Erzbischof schockiert an. Zwar hatte er mit einer ablehnenden Haltung des jungen Königs gerechnet, doch einen feindseligen Akt hatte er nicht erwartet. "Hier spricht sein Vater!" raunte der Bischof Becket zu.
Becket griff nach der Stuhllehne und hielt sich daran fest. Für einen Moment schwankte er. Er war sichtlich getroffen. "Sind -....sind das die Worte des Königs?"
"Ich habe keinen Grund die Worte des Königs anders wiederzugeben", meinte Jocelin von Arundel schroff.
Becket war tief enttäuscht. Ein langes Schweigen legte sich über den Saal. Die zahlreichen Mönche am Tisch senkten ihre Köpfe.
Jocelin wurde ungeduldig und meinte schließlich: "Ihr habt die Worte gehört! Ich benötige keine Antwort!" Damit drehte er sich um und verließ den Saal.
Becket flüsterte nur leise vor sich hin. Es war nur ein Wort: "Warum?" Becket fand auf seine Frage keine Antwort und kehrte nur widerwillig und tief enttäuscht nach Canterbury zurück.

Im Schloß Winchester, Dezember 1170

Der junge König Heinrich hatte lange mit sich selbst einen schweren Kampf ausgetragen. Gerne hätte er Thomas Becket, seinen Erzieher, begrüßt. Doch er war nun König und der Kampf zwischen dem Erzbischof und seinem Vater war noch nicht vorbei. Allenfalls als eine Waffenruhe konnte man dies bezeichnen. Aber Becket hatte es ihm mit der Verhängung des Kirchenbanns über Roger von York und Gilbert Foliot unmöglich gemacht, ihn zu empfangen. Hätte er es dennoch getan, hätte es nicht nur ein Affront gegenüber den beiden exkommunizierten Bischöfen bedeutet, sondern auch gegenüber seinem Vater, der sich dadurch zu recht hätte provoziert fühlen müssen. Nicht zuletzt war der junge Heinrich selbst das Opfer der Provokation. Becket hatte entgegen den Konstitutionen von Clarendon den Kirchenbann verhängt. Damit stellte Becket die Macht und Würde der Krone - seiner Krone - in Zweifel. So blieb dem jungen Heinrich gar nichts anderes übrig, als dieser Beleidigung mit Ablehnung entgegenzutreten.
Doch als ihn wenige Tage später ein Gesandter des Erzbischofs aufsuchte und im Namen des Erzbischofs eine Beschwerde hervorbrachte, reagierte der junge König zu Gunsten des Primas: Ranulf von Broc und seine Männer hatten ein Handelsschiff aufgebracht, das Wein für den Primas transportierte. Der Großteil der Mannschaft wurde verprügelt und in das Verlies von der Festung Pevensey geworfen. Einige wurden gar erschlagen. Becket forderte nun die Herausgabe des Schiffes und seiner Waren, sowie die Freilassung der Gefangenen.
Heinrich der Jüngere war über diese unnötigen Gewaltausbrüche zunächst schockiert, dann erzürnt und gab sofort die Anordnung, den Forderungen des Erzbischofs nachzukommen. Was der junge Heinrich nicht wußte, war, dass der Zwischenfall Becket in ein Wechselbad aus Depressionen, Todesängsten und Trotz stürzte.
Kurz vor Weihnachten hielt der junge Heinrich Hof zu Winchester. Da die verhängten Exkommunikationen immer noch nicht zurückgenommen waren, war die Stimmung gereizt und viele Barone und königstreue Kleriker forderten zu strengen Maßnahmen gegen den Erzbischof. Besonders Roger von York, Gilbert Foliot und Jocelin von Salisbury verlangten harte Maßnahmen gegen Becket, der dem Hoftag fernblieb. Zur Begründung führte Becket an, dass er nicht mit Exkommunizierten verkehren dürfe. Doch dahinter steckte auch kaltes Kalkül. Becket wußte, dass er Ziel von heftigen Angriffen sein würde. Doch ohne seinen Segen konnte keine kirchlichen Schritte gegen ihn eingeleitet werden. Dies würde den Hoftag die Hände binden.
Heinrich der Jüngere geriet dadurch in einen schwierigen Konflikt: Auf der einen Seite galt es nicht an Autorität und Rückhalt zu verlieren, und auf der anderen Seite mochte er den Streit nicht auch noch anzufachen.
Der junge König sah keinen Ausweg. Würde er gegenüber Becket zu gnadenvoll auftreten, würde er den Rückhalt der Barone und der meisten Bischöfe verlieren. Dann aber würde seine Regierung gefährdet sein. Dies konnte und wollte er nicht riskieren.
Es galt noch sechs Bischofsstühle zu besetzen. Der junge Heinrich mußte diese unter Umgehung des kanonischen Rechts besetzen. Dies würde den Erzbischof schwer treffen, aber so würde Heinrich es vermeiden, dass die Versammlung noch drastischere Schritte fordern konnte. So erging also der Beschluß, das sechs Vertreter der besagten Kirchen auf das Festland gesandt wurden, damit dort in Gegenwart des Königs Heinrich II., in Abwesenheit ihrer Brüder die Bischöfe gewählt würden. Die Kandidaten sollten noch vor Weihnachten in die Normandie eilen um die Zustimmung von König Heinrich einzuholen.

Kapitel 15


Bures in der Normandie, nahe Bayeux, Weihnachten 1170

Die Bischöfe Gilbert Foliot, Roger von Pont-l´Eveque und Jocelin von Salisbury waren in Begleitung der sechs Vertreter sofort aufgebrochen um König Heinrich II. in Kenntnis zu setzen und ihm die Abschrift der Bulle des Papstes auszuhändigen, in der er die Exkommunizierungen bestätigte.
Sie trafen Heinrich in denkbar schlechter Stimmung auf seinem Landsitz in Bures an. Und das schlechte Wetter trug nicht zur Besserung seiner Stimmung bei.
Heinrich war vor einem Schachspiel versunken, als die Bischöfe zu ihm vorgelassen wurden. Vier normannische Ritter teilten die Gesellschaft des Königs. Es waren dies Reginald Fitzurse, William Tracy, Hugo von Moreville und Richard Brito.
"Frohe Weihnachten", grüßte Heinrich die Bischöfe mißmutig und unterbrach sein Spiel.
Er stand auf und goß sich einen Becher Wein ein. Im Kamin brannte ein großes Feuer und versuchte vergeblichst dem Raum Wärme zu spenden. Große Wandteppiche verhinderten einen Durchzug des eisig kalten Windes, der draußen die Schneeflocken vor sich hertrieb.
Heinrich war ganz in schwarzem Leder gekleidet. Sein schwarzer Bart und sein immer noch dichtes, schwarzes Haar und sein finsterer Blick vermittelten dem König animalische Züge.
"Ich hatte Euch schon erwartet", sagte er und nahm einen kräftigen Schluck.
Der Erzbischof von York trat einen Schritt vor und verneigte sich leicht. "Herr", begann er, "wir bringen Euch schlechte Botschaften. Der Erzbischof von Canterbury spaltet das Land. Er schreckt nicht davor zurück Unfrieden zu stiften und hält sich nicht an die ausgehandelten Bedingungen, die seine Rückkehr ermöglicht hatten. Selbst zu dieser heiligen Zeit nicht. Er gebärdet sich wie ein Potentat und versteht es zudem auch noch prächtig seine Popularität beim Volk auszunutzen und es gegen Euch aufzuwiegeln. Ihr dürft die Beleidigung nicht einfach so hinnehmen."
"Uns sind mit der Belegung des Kirchenbannes die Hände gebunden. Der Papst hat dem Erzbischof die vollen Rechte eines Legaten erteilt. Doch das ist nicht einmal das Schlimmste. Er bekleidet sich auch noch mit einer Privatarmee", fügte Gilbert Foliot erbost hinzu.
Heinrich sah den Bischof von London spöttisch an. "Nun übertreibt Ihr aber, verehrter Bischof. Die Handvoll Reiter, die Becket zuletzt begleiteten, kann man wahrlich nicht als Privatarmee bezeichnen."
Gilbert Foliot lief vor Scham rot an und schwieg. Heinrich setzte sich und sah die drei Bischöfe an. "Wenn ich Euch richtig verstehe, kann ich weder von der Kirche noch vom Papst irgendwelche Hilfe erwarten. Ich bin also dazu verurteilt, den Gebärden des Erzbischofs von Canterbury tatenlos zuzusehen."
Die Bischöfe schwiegen betreten. Nun wurde Heinrich wütend. Er sprang auf und warf den mit Wein gefüllten Becher an die Wand. "Ist es etwa Gottes Wille, dass der Legat und Erzbischof mir auf der Nase herumtanzt?" schrie er die Bischöfe an. "Bin ich nicht mit Gottes Segen zum König von England gekrönt worden? Warum plagt er mich so mit diesem Erzbischof?"
Roger von York, sah nun die Gelegenheit, den Zorn des Königs anzufachen. Er zog die päpstliche Bulle unter seinem Mantel hervor. "Zu allem Überfluß hat er alle exkommuniziert, die an der Krönung Eures Sohnes mitgewirkt haben", sagte er empört und konnte sich ein boshaftes Lächeln kaum unterdrücken.
Heinrich wirbelte zu ihm herum. Die Augen funkelten voller Zorn. "Was sagt Ihr da? Es sind alle exkommuniziert worden, die an der Krönung mitgewirkt haben? Steht dies so in der Bulle? Bei Gott, wenn alle exkommuniziert worden sind, die an der Krönung mitgewirkt haben, dann bedeutet dies, dass auch ich exkommuniziert bin."
Heinrich tobte vor Wut und warf einen der Tische um. Die Ritter befürchteten, dass nun einer seiner berühmten Ausbrüche der `schwarzen Galle´ folgen würde. Diese Befürchtung bewahrheitete sich jedoch nicht.
"Wir sollten trotz allem ruhig bleiben", raunte Roger von York, "Wenn wir schon das Unwetter nicht verhindern können, dann sollten wir so tun, als ob wir es erduldeten, als seien wir die Opfer. Das sollte uns nicht schwer fallen. Es genügt, wenn wir uns heute verstellen und den Urheber dieser Beleidigungen in Sicherheit wiegen."
Heinrich Plantagenet schien ihn überhaupt nicht gehört zu haben. Er tobte weiter und schrie: "Ohne einen Pfennig ist der Mann an meinen Hof gekommen und hat mein Brot gegessen! Ich habe ihn zu einer bedeutenden Persönlichkeit gemacht. Und was tut er? Er hat mich und die Meinen schändlich verraten. Ist denn keiner da, der meine Schmach rächen möchte?" Heinrich stand an die Wand gelehnt und hämmerte mit den Fäusten gegen sie.
Bei den vier normanischen Rittern wuchs die Empörung. Sie waren aufgesprungen und sahen sich gegenseitig an. Für sie stand der Entschluß fest. Ihr König sollte nicht mehr leiden. Sie eilten aus dem Raum und begaben sich sofort zu den Stallungen.
Dem König selbst entging der überstürzte Aufbruch nicht, doch in seiner Raserei scherte er sich nicht darum.
Die Bischöfe dagegen hatten sehr wohl erkannt, was der Grund des überstürzten Aufbruchs war, taten jedoch nichts, ihn zu verhindern, sondern wechselten stattdessen verheißungsvolle Blicke.
Kurze Zeit später hallte der Hufschlag von vier Reitern zu den Gemächern empor. Es waren vier Reiter, die im wilden Galopp den Landsitz verließen und den Weg zur Küste einschlugen. Niemand hielt sie auf. Keiner fragte, wohin sie wollten. Man kannte sie in diesem Teil des Landes. Viele in diesem Teil des Reiches fürchteten sie auch.

Poitiers zu Weihnachten 1170

Eleonore und ihr Sohn Richard feierten das Weihnachtsfest gemeinsam. Die Frau Heinrichs des Jüngeren, Margarethe, weilte auch am Hofe von Poitiers. Für Eleonore war es ein friedliches und ruhiges Weihnachtsfest. Doch die beunruhigenden Nachrichten über die Lage in England waren auch bis Poitiers vorgedrungen.
Eleonore nahm diese mit einer gewissen Freude auf. Der von ihr so ungeliebte Erzbischof von Canterbury schien versessen darauf zu sein, als Märtyrer zu enden. Und sollte es soweit kommen, dann würde dies - wenn nicht das Ende - zumindest eine deutliche Schwächung Heinrichs bedeuten.
Eleonore war fest entschlossen, Richard zu Weihnachten weitere Verantwortung zu übertragen, so dass er sein Herzogtum weitgehend alleine regieren konnte.
Richard war nun dreizehn Jahre alt. Alt genug um die Macht auszuüben und nicht nur faktisch zu besitzen. Wenngleich Eleonore als Regentin agieren würde. Da Richard ein Plantagenet war, mußten diese Pläne Eleonores beinahe zwangsläufig den Widerstand des Königs herausfordern. Heinrich hatte zwar zugestimmt, dass Richard das Poitou und Aquitanien erben sollte, eine tatsächliche Machtübernahme konnte nicht in seinem Interesse sein. Heinrich hatte den Machtwillen seines Vaters geerbt und diesen seinen Söhnen vererbt. Ein Plantagenet würde niemals freiwillig seine Macht abgeben oder teilen.


Winchester zu Weihnachten 1170

Heinrich der Jüngere verbrachte Weihnachten auf Schloß Winchester. Er war nun fünfzehn und verspürte eine innere Unruhe. Er erkannte, dass er seinem Vater lediglich als Handlanger auf dem Thron diente, dieser ihn jedoch im Konflikt mit dem Erzbischof nach Belieben benutzte. Er litt in den Nächten an Schlaflosigkeit, weil er spürte, dass in nächster Zeit etwas Schlimmes passieren würde. Und er würde nicht in der Lage sein, dies zu verhindern.

Burg Saltwood, an der Küste von Kent, 28.Dezember 1170

Ranulf von Broc war überrascht, als seine Freunde William Tracy, Hugo von Meoreville, Richard Brito und Reginald Fitzurse in seiner Burg aufkreuzten.
"Was führt Euch zu mir?" fragte Ranulf erstaunt, schloß sie aber nacheinander voller Wiedersehensfreude in die Arme. "Ich dachte, Ihr wäret beim König in der Normandie?"
"Das waren wir auch, doch die Verzweiflung des Königs brachte uns auf verschiedenen Wegen hierher", sagte Reginald geheimnistuerisch.
"Ich verstehe nicht", meinte Ranulf stirnrunzelnd. "Aber nun setzt Euch erst einmal. Ihr müßt hungrig und durstig sein. Ich habe hier einen vorzüglichen Wein aus der Gascogne."
Die normannischen Ritter nahmen dankbar an und setzten sich. Während sie aßen, erzählten sie von den Wutanfällen des Königs und seiner Aufforderung, ihn von Becket zu befreien.
Sie ahnten nicht, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Richard von Le Hommet im Auftrag des Königs hinterhereilte, und versuchen sollte, das Vorhaben der Ritter zu stoppen. Zu spät hatte der König erkannt, was die vier Ritter zur Abreise bewogen hatte. Als Heinrich den
Grund erfuhr, war er erschrocken. Er mußte die vier stoppen. Ansonsten kämen auf ihn und England schlimme Zeiten zu.
Als Reginald geendet hatte, nickte Ranulf von Broc zustimmend. Grimmig sah er den vier Rittern ins Gesicht. "Ja, auch mir ist der Erzbischof schon lange ein Dorn im Auge. Er führt sich auf wie ein König. Zahlreiche Ländereien, die in den letzten Jahren sorgfältig von ehrbaren Rittern verwaltet wurden, wurden diesen einfach wieder genommen. Ich kenne viele Leute, die den Erzbischof am liebsten nicht mehr in dieser Welt sehen würden. Auch auf meine Ländereien hatte er teilweise Anspruch erhoben. Das soll er mir büßen." Ranulf von Broc schenkte sich mehr Wein ein. Er hob den Becher und prostete den anderen zu. Sie erwiderten den Gruß. "Ja, ich werde Euch helfen", rief Ranulf von Broc aus.
Man beriet sich noch die ganze Nacht, ehe man am nächsten Morgen mit zwölf bewaffneten Reitern die Festung verließ. Zu diesem Zeitpunkt verließ Richard von Le Hommet auf einem Schiff das Festland. Er hatte viel Zeit verloren um ein Schiff aufzutreiben, welches ihn nach England bringen sollte.

Canterbury am 29. Dezember 1170

Thomas Becket begab sich am Vormittag in der Kathedrale von einem Altar zum anderen und sammelte sich vor den Reliqien der Heiligen. Im Gegensatz zu den Mönchen war er die Ruhe selbst. Er ahnte schon seit längerem, dass etwas geschehen würde. Und es würde heute geschehen. Auch die Mönche schienen dies zu spüren, anders war ihre Nervosität nicht erklärbar.
Nach dem Mittagsmahl im erzbischöflichen Palast, begab sich der Primas in Begleitung seiner engsten Vertrauten in sein Arbeitszimmer, um die laufenden Angelegenheiten zu erledigen.
Es dämmerte bereits, als plötzlich Hufschlag im Hof zu hören war. Man hörte das Klirren der Rüstungen und Waffen. Als wollten sie eine Warnung ankündigen, begannen die Kerzen im Zimmer zu flackern. Man hörte laute Stimmen im Aedificium, wo noch einige Mönche dabei waren, das Eßgeschirr wegzuräumen.
Herbert von Bosham wollte nachsehen was los war, doch Becket hielt ihn zurück. "Laßt es gut sein, ich werde selbst nachsehen, was hier vor sich geht."
Herbert von Bosham wollte widersprechen, doch Becket eilte an ihm vorbei und stand schon an der Balustrade zum Aedificium. Unten im Aedificium versuchten die Mönche von Christchurch die Angekommenen zurück zu halten.
"Was wollt Ihr hier in diesem Haus? Weshalb tragt Ihr Waffen und Rüstung?"
Die vier normannische Ritter hielten ein. Becket kannte sie alle. Die Vertrauten von Becket hielten die Luft an und waren zurückgewichen.
"Wir bringen Dir Befehle des Königs. Wenn Du sie öffentlich hören willst, dann sag´ es", schleuderte ihm Reginald Fitzurse angriffslustig entgegen.
"Solche Dinge soll man nie im Geheimen anhören, auch nicht in einem Zimmer, sondern öffentlich."
"Dann kommt herunter und hört Euch an, was wir zu sagen haben", rief Tracy.
Becket nickte und kam herab. Vor den Rittern blieb er stehen. "Nun", sagte Becket freundlich und rief die Mönche zu sich, "was hast Du für Befehle vom König?"
Becket´s Freundlichkeit und Furchtlosigkeit reizte die Ritter noch mehr.
"Der König hat Frieden mit Dir geschlossen", rief Fitzurse laut, "Er hat Dir verziehen und den Streit vergessen. Er hat Dich, Deinem Wunsch gemäß, frei auf Deinen Stuhl zurückkehren lassen. Doch Du hast ihn beleidigt und verhöhnt. Du hast den Frieden gebrochen. Du bist hochmütig zu Deinem Herrn gewesen. Du hast die unglaubliche Dreistigkeit besessen, diejenigen zu exkommunizieren, die bei der
Krönung des Prinzen mitgewirkt haben. Du hast Kirchenstrafen gegen königliche Beamte verhängt, die mit ihrem Rat und ihrer Erfahrung den Herrscher bei der Führung der Staatsgeschäfte unterstützen. Wenn Du könntest, dann würdest Du dem jungen König die Krone rauben. Alle Welt weiß von Deinen Bemühungen, mit allen Mitteln dem zu schaden, der Dein Herr ist. Sage uns, ob Du bereit bist, Dich in jedem Punkt vor dem König zu rechtfertigen? Deswegen hat man uns hierher gesandt."
Thomas Becket schüttelte mit dem Kopf. "Gott ist mein Zeuge", antwortete er, "dass ich niemals die Absicht hatte, dem Sohn des Königs, meines Herrn, die Krone zu entreißen oder gar seine Macht schmälern wollte. Ich würde ihm sogar helfen, sofern es mit Recht und Gerechtigkeit vereinbar wäre, ein noch viel größeres Königreich zu erobern. Was die Bischöfe angeht, so habe nicht ich sie mit dem Kirchenbann belegt, sondern der Papst."
"Du hast sie verurteilt", rief William Tracy aus, "Du mußt sie davon lossprechen!"
Er ergriff das Kreuz des Primas und wollte ihn aufspießen. Fitzurse und Brito hielten ihn jedoch zurück. Die Mönche waren erschrocken zurückgewichen.
Becket jedoch hatte sich nicht einen Zentimeter von der Stelle gerührt und sah Tracy bloß bemitleidend an. "Ich leugne nichts von dem, was ich getan habe. Ich kann niemanden vergeben, den der Papst bestraft hat. Sie sollen zu ihm gehen, denn ihn haben sie beleidigt, als sie die Kirche von Canterbury und mich mißachteten. Das Krönungsrecht liegt bei Canterbury."
"Dann verlaßt auf Befehl des Königs das Königreich. Es wird nie Frieden geben für die, die den Frieden verletzen."
"Genug. Ich setze meine Hoffnungen auf den König im Himmel, der am Kreuz für die Seinen gelitten hat und gestorben ist. Niemals wieder, wird mich das Meer von meiner Kirche trennen. Ich denke nicht daran zu fliehen. Wer mich finden will, wird mich hier finden. Der König hätte nicht solche Befehle erteilen sollen. Unter Mißachtung der Gebräuche hat er mir und den Meinen schon genug angetan. Er braucht keine neuen Drohungen hinzuzufügen."
Reginald Fitzurse trat einen Schritt auf Becket zu. Seine Augen verengten sich. Nur mit Mühe konnte er seinen Zorn unterdrücken. "Der König, unser Herr, hat die Befehle erteilt, und wir führen sie aus. Anstatt die königliche Majestät zu achten und Deine Rachepläne dem Ermessen des Königs zu überlassen, hast Du Deiner ungezügelter Natur nachgegeben und auf schändliche Weise Minister und Diener des Staates verjagt."
"Wer immer gegen die Gebote des Apostolischen Stuhls zu verstoßen wagt", konterte Becket heftig, "der Kirche Christi ihr Recht streitig macht und dann jede Wiedergutmachung verweigert, den werde ich nicht schonen, wer immer es auch sei. Und ich werde nicht zögern, gegen jeden, wer immer es auch sei, Kirchenstrafen zu verhängen."
Fitzurse hob den Arm und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Becket. "Ihr redet Euch um den Kopf!" warnte er.
Becket breitete die Arme aus. "Seid Ihr gekommen, um mich zu töten?" fragte er, "Dann sollt Ihr wissen, dass ich meine Sache in die Hände des obersten Richters gelegt habe. Eure Drohungen schrecken mich nicht, und Ihr könnt es nicht eiliger haben, mich zu töten, als ich, das Martyrium zu erleiden." Damit brachte er Fitzurse völlig aus der Fassung.
"Ihr alle, Laien und Mönche, ergreift und haltet diesen Mann, damit er nicht entwischt, bevor dem König Gerechtigkeit widerfahren ist", schrie er und lief wütend hinaus in den Hof. Die anderen drei Ritter, William Tracy, Richard Brito und Hugo von Moreville, folgten ihm.
Draußen wartete Ranulf von Broc und seine Männer. "Was ist geschehen?" fragte er und kannte die Antwort als er in die verkniffenen Gesichter sah.
"Riegelt alles ab!" befahl Fitzurse, "hier darf keiner herein- und herauskommen."
Im Inneren des bischöflichen Palastes von Christchurch herrschte helle Aufruhr. Die Mönche versammelten sich um ihren Bischof, der sich erschöpft, aber völlig ruhig, wieder in seinen Stuhl im Arbeitszimmer setzte.
Johannes von Salisbury, der langjährige enge Vertraute von Becket, machte dem Erzbischof heftige Vorwürfe. "Herr, es ist erstaunlich, dass Du niemals um Rat bittest. Wäre es nicht nützlicher gewesen, wenn Du die Menschen in Deiner Umgebung nach ihrer Meinung gefragt hättest? Wenn Du diesen Leuten ruhiger geantwortet hättest? Sie führen Böses gegen Dich im Sinn und wollen Dich in Wut versetzen. Und was tust Du? Du wählst genau die Worte die sie hören wollten. Wie konntest Du dem König direkt drohen. Sie werden dies als Vorwand mißbrauchen."
Becket wich seinem Blick aus. Ohne erkennbare Regung antwortete er hart: "Ich habe den Rat gehört, und ich weiß, was ich zu tun habe."
Johannes von Salisbury erhob sich verzweifelt vom Platz an der Seite des Erzbischofs, an der er gekniet hatte. Er warf einen verzweifelten Blick zu Herbert von Bosham und Edward Grim, einem der Mönche von Christchurch. "Gott gebe es! Ihr wollt die Lösung erzwingen. Um jeden Preis. Hoffentlich nimmt das ein gutes Ende!"
Etwa eine Stunde lang herrschte gespannte Ruhe. Die Mönche von Christchurch spähten ängstlich durch die Fenster und verbarrikadierten das Tor. Schließlich hörten sie weitere Reiter herannahen. Offenbar hatten sie weitere Handlanger gesucht um den Sitz des Erzbischofs abzuriegeln.
"Wäre es nicht besser in die Kathedrale zu gehen?" fragte Herbert von Bosham besorgt. Kaum hatte er die Frage gestellt, erhob sich lauter Tumult am Tor. Mit kräftigen Schwert- und Axthieben drangen die Ritter gegen das Tor vor.
Einige der Mönche von Christchurch liefen zur Kathedrale. Sie hatten Angst und hofften in der Kirche sicher zu sein, wo ein Chor gerade die Meßgesänge zur Vesper anstimmte.
"Wir müssen in die Kathedrale!" drängte Johannes von Salisbury, der zum Tor hin lauschte. Bald würden die Angreifer das Tor aufgebrochen haben.
"Ich werde bleiben", erwiderte Becket ruhig.
"Die Messe zur Vesper beginnt", flehte Johannes ihn an, "es geziemt sich nicht, dass der Erzbischof nicht wie gewöhnlich zur Abendmesse im Kreise der Seinen zugegen ist."
Becket sah ihn erstaunt an. Nach einer Weile nickte er. "Ihr habt recht, laßt uns gehen."
Ruhigen Schrittes gingen sie zur Kathedrale. Sofort wurden sie von Mönchen umringt. Einer der Mönche rief erleichtert: "Ihr lebt noch? Man sagte uns, Ihr seid tot!"
Becket drehte sich zu ihm um und sah ihn eindringlich an. Verlegen senkte der Mönch den Blick. Schließlich lächelte Becket ihm freundlich zu. "Laßt uns die Messe lesen", meinte Becket und trat vor den Altar. Kaum hatte er seinen Fuß auf die Stufen davor gesetzt, als die Ritter, allen voran Reginald Fitzurse, in die Kirche eindrangen.
"Wo ist Thomas Becket, der Verräter an seinem König und am Königreich?" schrie er.
Panik erfaßte die Mönche und sie flohen. "Schnell, versteckt Euch!" rief Heinrich von Auxerre und drängte Becket.
Dieser schüttelte ihn ab. "Ich bleibe", sagte er nur ruhig.
Edward Grim, Heinrich von Auxerre, Robert von Merton und William Fitzstephen blieben bei Becket und umringten ihn.
Wieder rief Fitzurse nach dem Erzbischof.
"Hier bin ich!" rief Becket laut.
Fitzurse und die Ritter kamen langsam näher. Sie hielten die gezückten Schwerter und Äxte in den Händen.
"Ich bin kein Verräter an meinem König, sondern ein Priester. Was willst Du von mir? Ich bin bereit, für den zu leiden, der mich mit seinem Blut erlöst hat. Ich werde nicht vor Euren Schwertern fliehen und ebensowenig bin ich bereit, die Gerechtigkeit zu opfern."
"Nimm´ den Bann von Bischöfen und setze sie wieder in ihre Ämter ein", rief Hugo von Moreville.
"Nein, sie haben keine Reue gezeigt."
"Dann wirst Du sterben!"
"Ich bin bereit für meinen Herrn zu sterben. Möge mein Blut die Freiheit der Kirche und den Frieden retten. Aber rührt meine Männer nicht an. Weder Kleriker noch Laien. Laßt sie gehen."
Da stürzten sich die vier Ritter auf ihn und versuchten ihn aus der Kirche zu zerren. Einen Menschen in der Kirche zu erschlagen, käme einem Sakrileg gleich. Becket wehrte sich und versuchte Fitzurse von sich zu stoßen. Robert von Merton und William Fitzstephen wandten sich in Panik ab. Nur Edward Grim war noch bei Becket geblieben und versuchte Becket festzuhalten. Die Ritter stießen wüste Flüche aus und versuchten Edward Grim, der sich verzweifelt an Becket klammerte, abzuschütteln. Da schlug Fitzurse wutentbrannt zu. Edward Grim warf sich schützend vor den Erzbischof und milderte die Wucht des Schlages, konnte aber nicht verhindern, dass Becket am Kopf getroffen wurde. Aus einer tiefen klaffenden Wunde am Arm floß das Blut und tropfte zu Boden. Edward Grim brach stöhnend zusammen. Nun schlug William Tracy zu und spaltete den Schädel des Erzbischofs. Blut und Hirn spritzte. Becket brach zusammen. Wie in Rage hieben die Ritter auf den Erzbischof mit ihren Schwertern ein. Becket war schon längst tot, als die Ritter inne hielten und ihre blutüberströmten Schwerter in die Scheide steckten, und ruhigen Schrittes die Kirche verließen.
Eine Totenstille umgab den Ort des Geschehens. Ein völlig entsetzter Edward Grim sah mit weit aufgerissenen Augen, unfähig einen Ton von sich zu geben, auf die riesige Blutlache und die Leiche darin.
Der Erzbischof war tot!


Teil 3



"Mit einem Weibe gefahrlos zusammen zu leben ist schwieriger als Tote zum Leben zu erwecken!"

Bernhard von Clairvaux


Kapitel 1


Bures in der Normandie, Januar 1171

Als die Nachricht vom Tode des Erzbischofs an den königlichen Hof gelangte, lähmte der Schock, die Trauer und das Entsetzen das höfische Leben. Heinrich II. Plantagenet war wie vor den Kopf gestoßen und zog sich in sein Privatgemach, wo er sich einschloß und niemanden an sich heranließ.
Der Tod von Thomas Becket erschien ihm - trotz des jahrelangen Streites und der Gegensätze - als sei ihm ein Teil des Herzens entrissen worden. Er verfluchte sich selbst, wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und sehnte sich den eigenen Tod herbei. Der König verweigerte drei Tage lang jegliche Nahrungsaufnahme und schickte jeden fort, der versuchte, ihm Trost zu spenden. Selten war es am königlichen Hof so schweigsam zugegangen, wie zu jener Zeit. Niemanden war nach Lachen oder Scherzen zumute. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Was würde die Zukunft bringen? Wie würden der Papst und die Könige und Herrscher reagieren?
Fast überall in Europa löste der Mord Entsetzen aus. Ludwig VII. und der Papst schrien auf, als man ihnen die Nachricht vom Mord überbrachte. Nur im Reich der Deutscher kümmerte der feige Mord wenig und fand wenig Interesse. Als Anhänger des Papstes Alexander III., war der Erzbischof von Canterbury ein Feind des Reiches.
Nach drei langen Tagen zeigte sich Heinrich wieder in der Öffentlichkeit. Er wirkte abwesend, beinahe apathisch, und sein Gesicht war von einer fahlen Blässe überzogen. Sein Gang war schleppend und kraftlos setzte er sich auf den erhöhten Stuhl im großen Saal. Er musterte einen nach den anderen, die sich betroffen um ihn versammelten. Lange sah er sie wortlos an, dann erhob er sich mühselig und verschwand wieder in seinen Privatgemächern.
Ende Januar wirkte Heinrich so mitgenommen, dass man sich am Hofe die größten Sorgen um seine Gesundheit machte. Er nahm die Nachricht, dass Bischof Wilhelm von Sens, neuer päpstlicher Legat, über die kontinentalen Besitzungen das Interdikt verhängt hatte, geradezu gleichgültig auf.
Auch er selbst wurde mit dem Interdikt belegt, was bedeutete, dass er von jedem Gottesdienst ausgeschlossen war.
Bischof Arnulf von Lisieux war es zu verdanken, daß der Papst das Interdikt nicht auch auf England ausdehnte. Arnulf von Lisieux war in Tusculum vor den Papst getreten, und hatte eindringlich beschworen, dass König Heinrich den Mord nicht befohlen hatte. Auf seiner Reise zum Papst, als auch vor der Kurie, wurde Arnulf von Lisieux feindselig beschimpft und verspottet. Doch er konnte den Papst davon abhalten, dass Interdikt auszudehnen oder gar den König zu exkommunizieren.

Winchester im Januar 1171

Der junge König Heinrich war nicht minder getroffen, als man ihm die Nachricht von der Ermordung seines Erziehers und Freundes Thomas Becket überbrachte.
"Mein Gott, welche Schuld hat unser Vater auf die Krone Englands geladen?" fragte er nur und zog sich zum Gebet in die Kapelle der Festung zurück. Sein Vater hatte in seinem Jähzorn die englische Krone in Gefahr gebracht. Heinrich der Jüngere mußte nun dafür sorgen, dass der Widerstand gegen das Haus Anjou nicht zu mächtig wird und sich die Barone gegen Heinrich erheben würden.
Die Ratgeber des jungen Königs empfahlen ihm, sich deutlich von seinem Vater abzusetzen. Nur so könne er den Schaden für sich uns seine Thronfolge in Grenzen halten, vielleicht auch sichern. Heinrich der Jüngere wußte so gut wie jeder andere auch, dass die Vasallen seines Vaters von jedem Eid entbunden würden, wenn Heinrich II. der Bannstrahl treffen würde. Dann wäre auch der Eid auf die Thronfolge in Zweifel gestellt.
Heinrich der Jüngere erhob in einem Brief an seinen Vater heftigste Vorwürfe. Der Vater schrieb ihm schließlich zurück, dass er alles bereue und sich wünsche, dass sein Sohn sich nicht von ihm abwenden würde.

Poitou, Januar 1171

Obwohl Eleonore den Erzbischof nie leiden konnte und gar eifersüchtig auf seine enge Beziehung zum König war, empfand auch sie Trauer über dessen Tod.
Doch sie hatte auch ihre eigenen Interessen, und die ihrer Kinder, im Auge. Heinrichs Position war außen- wie innenpolitisch geschwächt. Er hatte an Ansehen verloren. Und selbst die Barone, die zu den Feinden Beckets gehörten, würden ihre Haltung zum König überdenken. Das wiederum bedeutete für Heinrich dem Jüngeren einen Zuwachs der Sympathien. Und das Ansehen Heinrichs in Aquitanien war noch weiter gesunken. Hatte der Mord nicht gezeigt, dass Heinrich bereit war, seine Interessen notfalls mit aller Gewalt durchzusetzen? Mußte Aquitanien einen solchen Herrscher nicht fürchten? Konnte das Volk damit leben, dass über dem Herrscher das Interdikt ausgesprochen wurde? Und so kam es, dass auch Richard, genannt Löwenherz, aus diesem feigen Mord gestärkt herausging.
Richard Plantagenet war wie seine Mutter. Er liebte Aquitanien und das Volk. Und das Volk liebte ihn.
Gottfried, der Graf der Bretagne, der am Hofe seiner Mutter weilte, ordnete an, dass man für die Seele des Erzbischofs beten solle. Da die Bretagne von allen Ländereien unter Heinrich II. am meisten gelitten hatte, sanken die Sympathien für den König auf einen Grad der Abneigung. Das Volk der Bretagne hatte schon immer die Normannen verachtet. Der Mord verstärkte dies nur. Gottfried spürte dies und begab sich auf Distanz zu seinem Vater. Er wollte den Bretonen klar machen, dass er nicht wie sein Vater sei.

Kapitel 2


Frühjahr 1171

Heinrich II. erholte sich nur langsam wieder. Er wußte, dass er überall in Ungnade gefallen war. Von seinen Söhnen, den Herrschern in Europa und von den Baronen hagelte es heftige Vorwürfe. Er wagte es daher auch nicht, die Normandie zu verlassen. Doch die Sorge um das Königreich, veranlaßte ihn schon bald, wieder Pläne zu schmieden und die Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen. Die schöne Rosamunde hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil.
Obwohl Heinrich sich davor gefürchtet hatte, englischen Boden wieder zu betreten, wußte er, dass er nach England zurückkehren mußte. Ohne großen Aufsehens landete er im Frühjahr wieder in England und eilte nach Woodstock, wo er in die Arme seiner Geliebten fiel und ihren Trost entgegennahm. Schließlich war sie es, die den Lebenswillen und das Kämpferherz des Königs wieder weckte. Dazu bediente sie sich einfacher Mittel. Sie lockte mit den fleischlichen Gelüsten weiblicher Reize und es dauerte nicht lange, da konnte ihr der König nicht mehr widerstehen.

Nachdem sie ein paar Tage zusammen in Woodstock verbracht hatten, und es dem König sichtlich besser ging, verließ er Woodstock und zog in den Palast von Westminster ein, wo er schließlich mit seinem Sohn Heinrich zusammentraf.
Ihre erste Begegnung nach dem Mord war kühl und Heinrich II. spürte die vorwurfsvollen Blicke des Hofes auf sich gerichtet. Allen voran sein Sohn schien sich von ihm abzuwenden. Heinrich war besorgt und traurig darüber, war aber fest entschlossen die Liebe des Thronfolgers zurückzugewinnen.
"Mein Sohn, es freut mich Euch wieder zu sehen. Ich weiß von Eurer Enttäuschung und Euren
Gedanken. Doch seid versichert, dass ich zutiefst bereue und vor Gott Buße getan habe. Verlaßt mich nicht."
Heinrich der Jüngere erwiderte den Friedenskuß nicht. So sehr er seinen Vater für die Tat verachtete, so hatte er inzwischen erkannt, dass er in seiner Sache gestärkt war. Die Barone fielen nicht von ihm ab. "Ich kann Euch nicht von den Sünden freisprechen. Das kann nur der Heilige Vater in Rom. Als Sohn will ich Euch verstehen. Ob ich verzeihen kann, weiß ich noch nicht. Doch sagt mir, was Euch nach England geführt hat?"
Heinrich sah seinen Sohn forschend an. Es war deutlich zu spüren, dass sein Sohn die Insel als sein Reich betrachtete. "Wollt Ihr Eurem Vater keinen Platz anbieten?" fragte Heinrich zur Antwort.
Heinrich der Jüngere war für einen Moment verwirrt. Er sah sich um. Der alte Fuchs hatte ihn in die Ecke getrieben. Würde er dem Vater einen Sitz verweigern, wußte Heinrich, dass sein Sohn eine Gefahr für ihn darstellen würde. Würde er jedoch neben seinem Sohn sitzen, wäre dies für alle ein sichtbares Zeichen, dass er nach wie vor der König sei. Die Barone und Prälaten zeigten keine Regung. Zögernd bat Heinrich der Jüngere seinen Vater neben ihm Platz zu nehmen.
Heinrich setzte sich und sah sich zufrieden um. Der Saal von Woodstock war mit großen Gobelinen ausgestattet. In mehreren Kaminen brannte ein Feuer. Trotz des Frühlings war es kalt. Doch im Saal war es angenehm warm.
"Weshalb seid Ihr nach England gekommen?" wiederholte Heinrich der Jüngere die Frage.
Heinrich II. sah in die Runde der Versammelten Barone und Prälaten. "Unser Getreuer Vasall Richard Fitzgilbert de Clare hat bemerkenswerte Erfolge in Irland erzielt. Doch "Strongbow" hat eigenmächtig gehandelt. Er hatte weder meine Erlaubnis, noch meine Zustimmung. Deshalb bin ich zurück gekehrt. Ich verlange von "Strongbow" sich am Hofe einzufinden und sich zu rechtfertigen."
"Zweifelt Ihr an der Loyalität des Grafen von Pembroke?" rief Graf Lancaster überrascht aus.
"Nicht Zweifel über die Loyalität quälen mich, sondern der Zweck der Invasion. Der Papst hat Irland in einer Bulle der Krone Englands zugesprochen. Nur dem will ich mich versichern."

Palast von Winchester, im Mai 1171

Die Vorgänge in Irland, die Heinrich nun aufmerksam verfolgte, überschlugen sich in den nächsten Wochen. Richard Fitzgilbert de Clare, auch "Strongbow" genannt, und einst vom König von Leinster ins Land gerufen, hatte mit seinen zweihundert Rittern, dem König von Leinster zum Sieg verholfen. Als Teil des Abkommens für seine Hilfe verheiratete König Dermot den Grafen mit seiner Tochter. Doch völlig unerwartet verstarb Dermot MacMurrough im Mai 1171. Somit besaß "Strongbow" den Anspruch auf die Krone von Leinster. Offenbar wollte man ihn in Kürze krönen.
Genau dies wollte Heinrich vermeiden. Würde er tatenlos zusehen, bestünde die Gefahr, dass sich ein normannisches Königreich in Irland etablierte. Das galt es zu verhindern. Zumindestens mußte sicher sein, dass die Krone das Haupt eines Plantagenet schmückte.
Heinrich war gerade auf der Jagd mit seinem Sohn, als ihm die Nachricht vom Tode Dermots MacMurrough überbracht wurde. Heinrich brach die Jagd ab und kehrte ins Lager zurück. In seinem Zelt nahm einen Becher Wein und trank ihn mit einem Zug leer. Dann setzte er sich in seinen Stuhl und streckte die Beine aus.
Heinrich der Jüngere setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte die Natur in einen strahlenden Glanz. Überall blühte und duftete es nach frischem Leben. Der harte Winter schien vergessen zu sein.
Heinrich saß eine Weile grübelnd da, dann sprang er auf, und lief auf und ab. Er warf den Hunden, die um ihn herumliefen Fleischbrocken zu.
"So", meinte er schließlich, "de Clare wird der neue König von Leinster, sagt Ihr?!"
Der Augustinermönch, der ihm diese Botschaft überbracht hatte, nickte.
"Die Krönung ist jedoch noch nicht vollzogen, da er zur Zeit in Dublin vom Hochkönig belagert wird. Dies ist auch der Grund, weshalb er vor Euch noch nicht erscheinen konnte", antwortete er.
"Gut", meinte Heinrich und gab dem Mönch einen Wink, "ich danke Euch. Ihr könnt gehen."
Der Mönch entfernte sich.
Heinrich sah zu den erlegten Ebern hinüber, die von den Jagdgehilfen auf Karren aufgeladen wurden. Heinrich erklärte die Jagd für beendet und ritt mit seinem Sohn zum Westminster-Palast zurück.
Auf dem Rückweg sprach Heinrich kein Wort.
Heinrich der Jüngere ahnte was seinem Vater durch den Kopf ging, sprach ihn aber nicht an, weil er wußte, er würde es ihm mitteilen, wenn er es wollte.
Im Palast ließ Heinrich den Justitiar rufen und befahl ihm, er solle ein bestimmtes Dokument in den Archiven suchen, und es - sobald er es gefunden habe - in sein Arbeitszimmer zu bringen. Es dauerte eine ganze Weile bis das Dokument gefunden war und dem König vorgelegt wurde. Es trug das Siegel des Papstes. Heinrich überflog es eilig, dann schlug er triumphierend mit der flachen Hand auf den Tisch. Erschrocken sprangen zwei Jagdhunde aus dem Schlaf gerissen auf und bellten.
Heinrich der Jüngere sah seinen Vater an. "Ich nehme an, es sind gute Nachrichten?!?" fragte er. Nun konnte er die Neugierde kaum noch unterdrücken.
Heinrich sah seinen Sohn lächelnd an. In den letzten Monaten war ihr Verhältnis nicht gerade das Beste gewesen. Doch nachdem Heinrich der Jüngere gesehen hatte, wie aufrichtig der König um Becket trauerte, war er geneigt seinem Vater zu ver-zeihen. "Ja, mein Sohn. Das sind sie in der Tat", antwortete er.
Er ließ nach einem Schreiber rufen. Als dieser kam, befahl Heinrich: "Sendet eine Botschaft an de Clare. Ich fordere ihn nochmals auf, dass er sobald es ihm möglich ist, Dublin zu verlassen, an den Hof zu Westminster erscheinen, um sein Vorgehen zu rechtfertigen, und dem König von England die Treue schwören."
Heinrich der Jüngere sah seinen Vater etwas erstaunt an.
"In diesem Dokument hat mir der Papst einst über Irland formal die Oberhoheit zugesprochen. Ich der König von England, bin somit auch König von Leinster. Das war vor vielen Jahren." Er gab das Dokument seinem Sohn zum lesen.
"Aber Ihr habt Irland nie in Euren Besitz genommen. Dies wird "Strongbow" vorbringen", warf Heinrich der Jüngere ein.
"Das ist richtig, obwohl de Clare damals schon gedrängt hatte. Aber nun ist es an der Zeit Irland in Besitz zu nehmen. Ich werde die kirchliche Autorität der römischen Kirche in Irland wiederherstellen. So, wie es der Papst einst gewünscht hatte. Im übrigen zweifle ich nicht an dessen Treue. Der Graf von Pembroke war immer loyal."
"Aber die Aussicht auf noch mehr Macht hat schon so manchen edlen Mann die Treue genommen", warf der junge König ein.
"Es ist eine Prüfung, da habt Ihr gewiß recht."
"Was, wenn er die Echtheit dieser Urkunde anzweifelt?"
"Er kennt die Bulle. Sollte er es doch behaupten, dann muß er den Beweis dafür liefern. Und das kann er nicht, weil das Dokument echt ist."
"Aber Ihr könnt im Augenblick nicht mit der Unterstützung des Papstes rechnen", gab Heinrich der Jüngere zu bedenken.
"Du irrst, mein Sohn. Der Papst wird glücklich ein, wenn ich Irland - und insbesondere die Kirche - wieder unter die Autorität des Heiligen Vaters in Rom stelle."
"Laßt mich raten, Vater. Ihr habt Euch zu diesem Schritt entschlossen, um so Eure Beziehungen nach den - äh, sagen wir mal - tragischen Ereignissen zu Rom wieder zu verbessern."
Heinrich erwiderte daraufhin nichts. Der Sohn nickte anerkennend. "Eine gute Idee. Das wird den Papst Euch gegenüber gnädiger stimmen. Und so nebenbei habt Ihr auch Ländereien zu vererben. So kommt Johann doch noch zu Land."
Der Gedanke gefiel Heinrich. "Fürwahr mein Sohn, Ihr habt recht. Johann, den man den traurigen Beinamen "Ohneland" gegeben hat, bekommt Irland. Ihr seid ein kluger Kopf, mein Sohn."

Juli 1171, Palast von Westminster

Richard Fitzgilbert de Clare, genannt "Strongbow", erschien erst im Sommer am Hofe Heinrichs. Die Belagerung Dublins durch den Hochkönig hinderte "Strongbow" daran, früher zu erscheinen.
Zahlreiche Prälaten und Barone waren der Aufforderung gefolgt, sich am Hofe einzufinden. Nichts schien mehr darauf hinzudeuten, dass die Macht des Königs in England jemals in Gefahr war. Heinrich II. hatte die Zügel und Regierungsgeschäfte wieder fest in der Hand. Er holte sogar Rosamunde de Clifford in den Westminster-Palast, die nun bei Banketten und Festen stets an seiner Seite zu sehen war. Nicht zuletzt hatte der König dies seinem treuen Justitiar Richard de Lucé zu verdanken. An der Seite Heinrich des Jüngeren sah man meist den treuen Wilhelm de Marshal, der den König im Umgang mit den Waffen unterwiesen hatte.
Heinrich und sein Sohn empfingen den Grafen von Pembroke im festlich geschmückten großen Saal des Palastes. Der Graf von Pembroke erschien mit einer Eskorte von einhundert Mann. Er war darüber im Bilde, dass der König ihm grollte. Und lange hatte er mit sich gekämpft, ob er vor Heinrich II. erscheinen sollte. Doch man hatte ihm freies Geleit zugesichert. Und so war er von Dublin aus abgesegelt. Fanfaren kündigten seine Ankunft an. Ohne auch nur einen Moment lang zu zögern, war er vor den König getreten und beugte das Knie.
"Mein König und Herr, ich grüße Euch und beuge mein Haupt voller Demut vor Euch", rief de Clare.
"Erhebt Euch", befahl Heinrich und sah seinem Vasallen in die Augen. "Ich habe Euch vor die Großen des Reiches rufen lassen, damit Ihr uns berichtet und Rechenschaft ablegt. Ihr habt Eure Lehenspflicht vergessen und um Einwilligung gesucht. Ich will nicht verhehlen, dass ich mich über die Nachrichten aus Irland nur bedingt erfreuen kann. Man meldete uns, dass Ihr Euch die Krone von Leinster auf das Haupt gesetzt habt oder gedenkt dies zu tun. Auch hier seid Ihr Euren Lehenspflichten nicht nachgekommen. Auch Euch ist bekannt, dass der Papst in Rom, Irland der Krone Englands zugewiesen hat. Dies würde wiederum bedeuten, dass Ihr mein Land beansprucht. Das allerdings wäre Hochverrat und wird mit dem Tode bestraft. Was habt Ihr gegen diese Anschuldigungen zu Eurer Verteidigung hervorzubringen?"
Richard Fitzgilbert de Clare atmete tief durch. Er wußte, dass er zu weit gegangen war und nun mit dem Rücken zur Wand stand. Nur seine bedingungslose Unterwerfung konnte seinen Kopf retten.
"Majestät", erklärte er huldvoll, "ich war Euch stets ein treuer Vasall und Freund. Daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert. Ich habe in Irland an der Seite des Königs Dermot MacMurroughs gekämpft. Dies tat ich aber nicht für mich, sondern nur für Euch und der Krone Englands. Und noch immer ist die Lage in Irland ungewiß. Sollte ich die Krone Leinsters beansprucht haben, so tat ich dies gewiß nicht in meinem vollen Bewußtsein. Ich tat es - wenn überhaupt - nur für Euch. Ihr seid mein Herr und ich schwöre Euch und der Krone Englands ewige Treue. Ich bitte Euch von ganzem Herzen, kommt und nehmt Euer Land in Besitz."
Heinrich war zufrieden und gebot ihm den Friedenskuß. Dann wandte er sich an die Barone und Prälaten: "Dies will ich tun. Ich werde ein Heer rüsten und nach Irland segeln. Ich werde mein Land in Besitz nehmen. Dies soll so schnell als möglich geschehen."
Am Abend gab Heinrich dem Grafen zu Ehren ein Bankett. Wie meistens hatte der König dabei auf prächtige Gewänder verzichtet. In schlichtem schwarzen Leder gekleidet, lediglich mit einer goldenen Kette umhängt, war er zum Bankett erschienen. Zum ersten mal seit Monaten sah man den König wieder lachen. Das Eis zwischen Pembroke und dem König schien gebrochen. Man schwelgte in alten Erinnerungen und lachte viel. Rosamunde erfuhr dabei nicht weniger Beachtung und Respekt als Eleonore, als sie an der Seite des Königs saß. Später am Abend traten Spielleute auf und forderten den König und seine Gäste zum Tanz auf. Heinrich ließ es sich nicht nehmen, mit Rosamunde den Tanz zu eröffnen. Noch während sie tanzten fragte Rosamunde den König: "Was wollt Ihr mit dem Feldzug gegen Irland erreichen? Woher kommt das plötzliche Interesse an der Insel? Ist es tatsächlich das Vorgehen von "Strongbow", welches Euch Sorgen bereitet?"
Heinrich lief in kurzen Schritten neben ihr. Sie hatten sich an überkreuzt ihren Händen gefaßt. "Natürlich nicht, mein Kind. Aber der Feldzug gegen Irland bietet die beste Gelegenheit um von Beckets Schicksal abzulenken. Man berichtet mir, dass vor allem die Bewohner von London feindlich gesinnt sind. Schließlich war Becket einer der Ihren."
Rosamunde lächelte ihm zu und entfernte sich sich gemäß dem Tanzschritt vom König, um nach wenigen Schritten wieder im Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sein.
"Und Eleonore?" fragte sie.
"Was ist mit Ihr?" wollte der König wissen.
"Sie regiert Aquitanien und das Poitou quasi alleine. Fürchtet Ihr nicht, dass sie sich gegen Euch erheben könnte. Eure Macht in Aquitanien schwindet mit jedem Tag."
Heinrich wußte, dass sie recht hatte. "Mein Sohn Richard regiert das Herzogtum gemeinsam mit ihr", antwortete er.
"Wieviel Einfluß habt Ihr noch auf Richard? Keinen wenn Ihr ehrlich zu Euch selbst seid. Und auch Gottfried in der Bretagne ist vom Blut her Euer Sohn, doch wie sieht es im Herzen aus? Im Moment könnt Ihr Euch nur auf Euren ältesten Sohn stützen. Und selbst er hat den Ehrgeiz in sich, als wahrer König zu herrschen", meinte Rosamunde.
"Mißtraut Ihr ihm?"
Rosamunde schüttelte unmerklich den Kopf. "Mißtrauen wäre zu viel des Guten, aber eine gewisse Vorsicht würde Euch wohl gut tun."
Heinrich dachte über diese Worte nach und war froh, dass der Tanz zum Ende kam. Rosamunde hatte recht. Seine Macht war in England gefestigt. Aber war sie auch sicher?

Irland, Herbst/Winter 1171

Die Rüstungen und Vorbereitungen zogen sich bis in den Herbst hinein. Heinrich war froh England im Oktober unter einem Vorwand verlassen zu können. Noch immer hatte das Volk ihm nicht verziehen und beschuldigte ihn des Mordes an Becket. An das Grab des Erzbischofs pilgerten von Tag zu Tag mehr, und es häuften sich die Berichte von Wundern und Heilungen. Trotzdem war seine königliche Autorität ungebrochen. Heinrich der Jüngere, der zwischenzeitlich die Chance zu wittern schien, die endgültige und tatsächliche Macht in England übernehmen zu können, sah sich in dieser Hoffnung getäuscht. Und auch in der Normandie hielten die Barone und Prälaten zu ihm. Lediglich Aquitanien und die Bretgane - namentlich seine Söhne - wahrten die Distanz. In Aquitanien schien es so, als würde Eleonore kontinuierlich ihre und ihres Sohnes Richard Macht ausbauen können. Das königliche Wort zählte in Aquitanien und im Poitou nicht mehr viel.
Anfang Oktober begab sich Heinrich nach Wales, wo er sich nach Irland einschiffte. Der Graf von Pembroke begleitete ihn. Heinrich landete am 18. Oktober in Waterford und zog mit dem Heer nach Norden. Noch immer war das Land in Aufruhr und noch mancher Grundherr widerstand den Normannen. Doch dort wo sie auf Widerstand stießen, wurde er schnell gebrochen und das Land unterworfen.
"Strongbow" führte ihn nach Dublin, dessen Belagerung vom Hochkönig aufgehoben wurde, und übergab Heinrich ohne Widerstand die Stadt. Heinrichs Mißtrauen gegenüber ihm, schwand. Dazu hatte er auch nicht den geringsten Anlaß. Schließlich zog er nach Westen in das Landesinnere.
Die meisten Stammesfürsten und Könige der verschiedenen Landesteile huldigten ihm. Nur vereinzelt kam es zu Kämpfen. Doch waren diese schnell beendet. Fast schien es so, als könne nichts den Normannen aufhalten. Dies war weniger auf die Übermacht oder gar Kampfkraft der Normannen zurückzuführen, als vielmehr auf die Ausrüstung.
Der Großteil der irischen Soldaten verfügte über keine Rüstung. Die Leibeigenen und Bauern konnten sich glücklich schätzen, wenn ihnen ein Helm, ein Schild und ein Schwert zur Verfügung stand. Viele waren nur mit Knüppeln oder Keulen bewaffnet. Allenfalls eine Lederhaube über den Kopf sollte sie vor Verletzungen schützen.
Im November traf Heinrich mit den Erzbischöfen von Cashel und Lismore zusammen, die in die Burg von Dublin geeilt kamen. Der König hatte um diese Unterredung gebeten.
"Verehrte Herren", sprach er sie an, als sie vor ihm standen, "ich habe Euch hierher gebeten, weil Ihr Männer von tadellosem Ruf seid. Ich bin in dieses Land gekommen, weil es mir gehört, wie diese Abschrift der päpstlichen Bulle es bestätigt."
Er gab ihnen die Abschrift. Sorgsam lasen es die Bischöfe durch. Dann gaben sie es ihm wortlos zurück. Forschend sahen sie den Graf von Pembroke an, der an der Seite des Königs stand.
"Ich greife also kein fremdes Land an, sondern nehme mein Land in Besitz. Doch dieses Land ist innerlich zerrissen. Es existiert keine funktionierende Verwaltung, Mord und Totschlag regieren das Land und die Kirche ist isoliert. Es solte also im Interesse aller liegen, diese Mißstände zu beseitigen. Das können wir mit Gewalt und viel Blutvergießen erreichen. Die Heere, wenn man sie als solche bezeichnen kann, sind schlecht ausgerüstet. Wir Normannen sind den Heeren weit überlegen. Lediglich die Anzahl der Kämpfer übertrifft die unsrige. Doch ich glaube, wir sollten einen anderen Weg versuchen zu gehen. Krieg bringt nicht nur Leid, sondern fordert auch einen hohen Tribut an Sold und Lohn. Nicht selten erweist sich die Kirche als ein begehrtes Ziel um die leeren Truhen zu füllen." Heinrich machte eine lange Pause um die Worte wirken zu lassen. Es war unmißverständlich, dass er den Prälaten drohte. Den päpstlichen Zorn brauchte er in dieser Sache nicht zu fürchten. "Ihr seid Männer mit großen Einfluß. Deshalb möchte ich, dass Euer Weg Euch zu dem Hochkönig Rory O´Connor führt, der Dublin lange belagert hatte. Überbringt ihm dieses Schreiben, welches ich habe anfertigen lassen. Darin fordere ich ihn ebenso wie alle anderen Fürsten des Landes auf, zu Weihnachten die Waffen ruhen zu lassen und zu Cashel zu erscheinen. Dort möget Ihr über die Ansprüche beratschlagen."
Donnel O´Huallagham, der Erzbischof von Cashel, nahm das Schreiben entgegen.
"Wir versichern Euch, den Wunsch zu erfüllen. Auch unser Herz sehnt sich den Frieden herbei. Doch der Hochkönig wird wissen wollen, was seine Zukunft ist?"
Heinrich strich sich den Bart glatt. "Sagt ihm, dass ich bereit bin, seine Güter zu belassen. Doch die Krone muß er niederlegen. Es kann nur einen König geben. Die alten Königreiche werden zu Grafschaften. Es ist eine rein formale Angelegenheit. Sie behalten ihr Land und ihre Einkünfte. Lediglich was des Königs ist, ist dem König zu geben. Das ist Treue und Gehorsam, Waffendienste und die üblichen Abgaben. Und um dies zu sichern verlange ich die Stellung von Geiseln."
Der Erzbischof zog die Augenbrauen hoch. "Das ist nicht wenig", meinte er.
"Viel, wenn man berücksichtigt, dass die Fürsten ihre Köpfe behalten werden."
"Ich rate Euch zu einem rücksichtsvolleren Vorgehen. Das keltische Blut ist rebellisch."
"Mag sein. Aber das normannische Blut ist gefürchtet. Es liegt an den Fürsten selbst, wie ihre Zukunft aussehen wird."


Weihnachten 1171 zur Burg Cashel

Über das grüne Land hatte sich eine dünne Schneeschicht gelegt. Dunkle Wolken zogen über die Insel hinweg und ein heftiger Wind machten das Reisen unangenehm. Die Wege und Straßen waren morastig und tief. Es war ein beschwerlicher Ritt nach Cashel. Dorthin hatte der Erzbischof von Cashel und der König von England alle Fürsten und Machthaber des Landes berufen. Die Burg war auf einem Felsen inmitten einer Ebene gebaut und war von weitem sichtbar. Schon ihr Anblick war majestätisch und jeder der sich ihr näherte, tat dies mit Ehrfurcht. Hier wurden die Könige gewählt und gekrönt.
Die Burg von Cashel war mit Besuchern überfüllt und manche Ankommenden mußten auf die umliegenden Türme verteilt werden.
Die Fürsten und Prälaten waren zu einer Synode eingeladen worden, die in der Kirche der mächtigen Anlage abgehalten wurde. Man beriet über die Zukunft der Insel und den Ansprüchen Heinrichs II., dem König von England. Es gab eine hitzige Debatte darüber, dass der Papst den Anspruch des Königs bestätigt hatte. Man hatte viel debattiert und Gedanken ausgetauscht. Man hatte Befürchtungen und Hoffnungen geäußert. Besonders Rory O´Connor widersetzte sich den Forderungen des Königs. Er war nicht bereit seine Krone aufzugeben. Es war schließlich der Erzbischof von Lismore, der den Hochkönig niederrang.
"Seid Ihr des Lebens müde?" fraget er.
"Nein, aber ich weiß, dass jede Macht die sich auf Angst und Schrecken stützte irgendwann zusammen brach. Erinnert Euch an Persien, Rom oder erinnert Euch an die Einfälle eines König Attila. Was blieb davon übrig? Trümmer und Staub!", rief Rory O´Connor, dessen Bestreben es war, das irische Volk unter seinem Befehl zu einen.
"Rory O´Connnor, ich sage Euch haltet Euch zurück. Das Land ist zerrissen und braucht Frieden. Seht Ihr einen geeigneten Fürsten in diesem Land, der dazu fähig ist? Nicht einmal Ihr habt diese Macht."
"Vor dreihundert Jahren fürchtete man die Normannen, wie der Teufel das Weihwasser. Angst und Schrecken überkam unsere Vorfahren, wenn sie die Drachenschiffe am Horizont sicherten. Und heute wollen wir uns dieser fremden Macht erneut beugen? Sie sprechen nicht unsere Sprache, kennen weder unsere Sitten noch Gebräuche. Und doch wollt Ihr Euch ihnen in die Arme werfen?"
"Die Zeiten haben sich geändert. Heute gehören die Normannenreiche im Norden und im Süden zu den blühenden Reichen dieser Zeit. Seht nach Konstantinopel, werft Euren Blick nach Spanien: Die Ungläubigen haben sich dort festgesetzt. Schaut zum Reich der Deutschen oder nach Frankreich, der Ungarn, Böhmen und Polen, und vergleicht diese Reiche mit denen in England und Sizilien. Die Normannen sind ein rauflustiges Volk, doch wo sie herrschen, spricht man höchsten Lobes. Gerechtigkeit ist nicht nur ein Wort in diesen Ländern."
Die versammelten Fürsten und Prälaten erhoben ein zustimmendes Gemurmel. Schließlich erhob sich der Erzbischof von Cashel und trat in die Mitte: "Der ehrwürdige Erzbischof von Lismore hat recht. Sitten und Gebräuche werden von den Normannen geachtet. In Sizilien dürfen sogar die Ungläubigen Ihren Glauben praktizieren. Weshalb sollten wir uns um die Sitten und Gebräuche, die uns von den Kelten überliefert sind, Sorgen machen? Vergeßt nicht, dass Rom und der Papst schon seit Jahren die irischen Klöster und Kirchen angreift, weil sie ihm nicht folgen. Wann war zuletzt ein irischer Mönch auf einer Synode des Papstes? Wir alle wissen, dass das Schisma in der Heiligen Kirche auf Bestechung, Neid, Machtgier und Familienfehden beruht. Die Reinheit der katholischen Kirche ist nicht mehr gewahrt. Wer - wenn nicht Heinrich II. und seine Söhne - könnten uns vor diesem Übel besser schützen?"
Erneut kam Zustimmung aus den Reihen der Fürsten und Prälaten. Rory O´Connor wußte, dass er dem nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Es waren die Geistlichen, die den Adel schließlich auf der Synode überzeugen konnten, Heinrichs Ansprüche anzuerkennen. Am Ende der Synode wurde beschlossen, dies am anderen Tag König Heinrich, der sich dieser Synode auf Anraten des Erzbischofes von Cashel ferngehalten hatte, mitzuteilen. Heinrich beabsichtigte hier - an diesem Ort und an dieser Stelle - einen Hoftag abzuhalten. Er bezeugte damit dem irischen Klerus seinen Respekt, machte aber damit auch deutlich, dass er als Herrscher über Irland den Hoftag beenden werde. Allen Anwesenden war bewußt, dass eine Weigerung einer Anerkennung seiner Oberhoheit zu einem Krieg führen würde.
Der Hoftag begann am nächsten Tag nach der Tertia. Donnel O´Huallagham, Erzbischof von Cashel, schlug mit dem Bischofsstab dreimal auf den Boden, zum Zeichen, dass der Hoftag beginnen würde. Fanfaren hatten zuvor den Einzug der Fürsten und Prälaten begleitet. Das Stimmengewirr verstummte.
Heinrich saß auf einem erhöhten Stuhl und ließ seinen Blick über die Versammlung schweifen. Er hatte auf die Rüstung verzichtet, obwohl durchaus nicht gewiß war, wie die Edlen Irlands sich entscheiden würden. Doch "Strongbow" und etwa zweihundert schwerbewaffnete normannische Ritter standen bereit um gegebenenfalls sofort zuschlagen zu können.
"Heinrich Plantagenet, durch Gottes Gnaden König von England, Herzog der Normandie und Aquitanien, Graf von Anjou und Maine. Das irische Volk, die heilige Kirche Irlands und die Barone des Landes erkennen Euch und Eure Ansprüche hiermit an. Wir erkennen die päpstliche Bulle an, die ihr uns vorgelegt habt. Möge Frieden und Ruhe in diesem Lande einkehren", meinte der Erzbischof
von Cashel feierlich.
Heinrich war sichtlich zufrieden und "Strongbow", sowie die normannischen Ritter, entspannten sich sichtbar.
"Doch laßt mich verkünden, welche Sorgen die Synode in ihrer Beratung gequält haben. Da wäre zum einen die Sorge um die Freiheit der heiligen Kirche Irlands. Der Heilige Vater in Rom tadelt schon seit vielen Jahren die Selbständigkeit der Iren. Er sorgt sich um den wahren Glauben. Man wirft uns arianische oder gar keltische Einflüsse vor. Vor langer, langer Zeit - unsere Vorfahren nennen das Jahr 664 - wurde zur Synode von Whitby der katholische Glauben auf den Inseln gefestigt. Aber immer wieder machte man uns Vorwürfe zu viele heidnische Elemente übernommen zu haben. Doch waren es nicht die irischen Mönche, die in weiten Teilen Europas den christlichen Glauben verbreitet haben? Iona, Lindisfarne, Fulda, St. Gallen - um nur einige der bedeutenden Klöster zu nennen - stünden ohne den rechtschaffenden Glauben der irischen Mönche nicht an ihrem Ort. Und nicht zuletzt fordert der Papst den Peterspfennig ein. Das Land ist arm und geschunden. Wir bitten Euch daher um Unterstützung unserer Standpunkte gegenüber Rom. Wir erkennen Euch als das Oberhaupt der kirchlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit an."
Alle im Saal hielten die Luft an. Angesichts des persönlichen Interdiktes, mit dem Heinrich behaftet war, stellte dies eine Herausforderung an den Papst dar. Wie würde dieser reagieren und wie würde sich Heinrich verhalten, der alles daran setzte, sein Verhältnis zur Kirche wieder in den alten Zustand zu bringen?
Heinrich verspürte ein tiefes Triumphgefühl und nickte Donnel O´Huallagham zu. Er würde sie unterstützen.
Christian O´Connarchy, Bischof von Lismore, tauschte mit dem Erzbischof von Cashel Blicke aus. Dieses Zugeständnis war der Synode nur schwer abzuringen gewesen. Doch letztendlich hatten sie alle das Schicksal von Thomas Becket vor den Augen und fügten sich der Forderung des Königs.
"Ihr sollt aber auch wissen, dass wir in Euch einen Garanten für den Frieden sehen und wir den Wunsch verspüren, dass Ihr den Bürgerkrieg, der unsere Insel schon viel zu lange heimsucht, beendet. Nur Ihr habt derzeit die Macht dazu. Seht dies als Verpflichtung an. Vor Gott, vor Euch selbst und den Menschen im Lande."
Der Erzbischof setzte sich auf seinen Stuhl. Im Saal war es totenstill. Jeder wartete auf die Reaktion Heinrichs.
Dieser erhob sich und erklärte: "Gerechtigkeit und Frieden soll über Irland kommen. Euer Wunsch ist auch meiner. Aber es gibt nur einen Weg zum Frieden. Ihr alle, Barone und Landherren, Bischöfe und Priester, müßt mir den Treueeid schwören. Nur mit diesem Eid vor Gott, kann ich Euch vertrauen!"
Schweigen umhüllte die Versammlung. Nur langsam und sehr zögerlich traten die Angesprochenen vor und leisteten den Treueeid ab.
Christian O´Connarchy raunte dem Erzbischof von Cashel leise ins Ohr: "Bei Gott, der Frieden möge nun über das Land kommen. Doch was werden uns die Normannen bringen? Vor dreihundert Jahren haben sie Angst und Tod gebracht. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert!"
Nachdem jeder den Eid geleistet hatte, eröffnete Heinrich den Hoftag und saß zu Gericht, bestätigte Ländereien und Güter, erteilte Privilegien und beschenkte Klöster.
Doch eine seiner wichtigsten Aufgaben konnte er erst in den darauffolgenden Tagen lösen: Die Entmachtung "Strongbows".

Burg Cashel nach Weihnachten 1171

"Ihr dürft "Strongbow" nicht zuviel Macht überlassen. Wenn ihr Irland verlaßt und es gelingt Euch nicht einen Mann Eurer Wahl zu finden, der ein Gleichgewicht zu "Strongbow" bildet, wird es keinen Frieden geben. Er wird Euch in den Rücken fallen und die Krone an sich reißen!" führte der Bischof von Lismore aus.
Der Erzbischof und er führten eine Abordnung von Fürsten an, die in "Strongbow" die größte Gefahr für Irland sahen. Heinrich stand über eine Karte Irlands gebeugt - die die Prälaten mitgebracht hatten - an einem schweren, eichernen Tisch und dachte angestrengt nach. Die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen und er sehnte sich das Ende des Hoftages herbei. Doch er wußte, dass die Bischöfe und Fürsten recht hatten. Er mußte eine Lösung finden!
"Strongbow" war zu gefährlich geworden. Überall waren Ritter und Söldner des Grafen von Pembroke zu sehen. Zwar hätte dieser den König mit dem eigenen Leben geschützt, doch Heinrich wußte ebenso wie "Strongbow", dass er sich auf Dauer kaum um die irischen Verhältnisse kümmern konnte. Heinrich zählte die auf der Karte eingetragenen Burgen und fuhr mit dem Finger die Linien nach, die die vier alten Königreiche Irlands umfaßten.
"Ihr habt recht, meine Herren!" sagte er. "Aber ich kenne Euer Land zuwenig. Welchen Vorschlag könntet Ihr mir machen? Bedenkt, dass ich "Strongbow" nicht alles nehmen will und kann. Was kann ich ihm bieten, damit er loyal zu mir steht und den Frieden wahrt. Was muß der Mann haben, der sein politisches Gegengewicht bildet?"
Der Erzbischof von Cashel trat an die Karte heran und meinte: "Wenn ich Euch einen Vorschlag unterbreiten dürfte? Seht, hier ist das alte Königreich Leinster. Es ist reich an fruchtbaren Boden und Äckern. Zahlreiche Güter und Burgen machen es zu einem bedeutenden Land. Man hat ihm die
Krone angeboten und er würde sie nehmen. Gebt es ihm zum Lehen!"
Heinrich sah ihn erstaunt an. "Damit wäre die Burg Kilkenny in seinem Besitz. Es ist die mächtigste Anlage in diesem Land."
Der Erzbischof lächelte wissend und zeigte mit den beringten Fingern auf einen anderen Teil der Karte. "Aber hier ist Meath. Es ist mindestens ebenso bedeutend wie Leinster. Auch ein altes Königreich. Vermacht dieses ebenfalls zum Lehen an einen Mann Eures Vertrauens. Und macht diesen Mann zu Eurem Justitiar. Dann hat dieser Mann mehr Macht als "Strongbow" und kann Euch nicht gefährlich werden."
Heinrich sah den Bischof lange an. Dann erhob er sich und lächelte leicht. "Der Plan gefällt mir. Und ich hätte auch einen Mann meines Vertrauens, der dieser Aufgabe gerecht werden könnte - Hugh de Lacy!"
"Eine treffliche Wahl" meinte der Erzbischof anerkennend.
"Dann soll es so kommen", entschied der König.
Wenige Tage später ernannte Heinrich Hugh de Lacy zu seinem Justitiar und übertrug ihm das ehemalige Königreich Meath als Lehen. "Strongbow" blieb gar nichts anderes übrig, als dem zuzustimmen, wollte er nicht wegen Hochverrates angeklagt werden.

Poitiers, Weihnachten 1171

Eleonore hatte ihren Gatten Heinrich seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Aber sie verspürte dazu auch keinen Drang. Heinrich hatte sich immer offener mit der schönen Rosamunde gezeigt. Nur noch bei wichtigen Reichsversammlungen bestand Heinrich darauf, dass Eleonore an seiner Seite saß.
Die Kränkung, die Demütigung, die ihr Heinrich zugefügt hatte und noch immer zufügte, überwog die Freude, dass nun auch für ihren jüngsten Sohn Johann vererbares Land in das Reich der Plantangenets übergegangen war.
Eleonore kam der Feldzug ihres Gatten in Irland sehr entgegen. Zwar besaß er ein hervorragendes System von Spitzeln und Spionen, aber die irische Angelegenheit würde seine Aufmerksamkeit voll und ganz beanspruchen.
Richard, der nun vierzehn, und damit volljährig war, sollte nun Aquitanien alleine regieren. Sie wollte die Regentschaft abtreten und allenfalls noch als Ratgeberin zur Seite stehen. Aus diesem Anlaß berief Eleonore die Großen Aquitaniens zu Weihnachten nach Poitiers ein. Es war ein prachtvolles Fest.
Die Vasallen erschienen alle und huldigten dem jungen Herzog und schworen ihm die Treue. Im
Gegenzug machte er Konfiskationen rückgängig, die sein Vater verhängt hatte, erteilte und bestätigte er Privilegien für Klöster und vergab Schenkungen. Wie damit beabsichtigt, eroberte der herzögliche Großmut die Herzen der Vasallen und Untertanen. Dem jungen Herzog, so schien es, stand eine glänzende Zukunft offen. Er war Herrscher eines reichen Herzogtums und mit Adelaide, der Tochter des französischen Königs verlobt. Die Verlobung mit Berengaria, der Tochter des Königs von Aragon, war nicht weiter verfolgt worden. Doch gerade diese Verlobung mit Adelaide, hatte immer wieder zu Streitigkeiten mit dem französischen König geführt und sollte dies auch in Zukunft tun.
Adelaide lebte gemäß den Sitten und Riten dieser Zeit am Hofe des Königs Heinrich, doch zu einer Heirat war es noch immer nicht gekommen. Heinrich hatte die verschiedensten Gründe vorgeschoben. Beide seien noch zu jung; dann stand der Streit mit Becket dazwischen und vieles mehr. Das Argument, dass Heinrich der Jüngere und Margarethe wesentlich jünger waren, als sie verheiratet wurden, beachtete Heinrich einfach nicht. Allen war klar, dass Heinrich Adelaide als ein Pfand gegenüber Ludwig VII. betrachtete.
Der junge Herzog, den man Löwenherz nannte, regierte sein Reich ganz im Sinne seiner Mutter Eleonore, die verstärkt daraufhin arbeitete, sich bei ihrem Gatten für die ihr zugefügte Schmach zu rächen. Ihre Söhne sollten die ihnen zugewiesenen Ländereien ohne jeden Einfluß ihres Gatten Heinrichs regieren. Darin sah sie ihre Aufgabe, das war ihr Ziel. Sie war nun neunundvierzig Jahre
alt. Wer wußte schon wie lange sie noch zu leben hatte? Allerdings schien sie noch gar nicht so alt zu sein. Sie erstrahlte in voller Schönheit, auch wenn nun die eine oder andere Falte ihr Alter verriet. Und auch in ihrer Vitalität hatte sie nichts eingebüßt. Nicht umsonst nannte das einfache Volk sie "die Adlerin". Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, welch ein Schicksal auf die Königin wartete, die als eine der faszinierendsten Frauen in die Geschichte einging.

Kapitel 3


Avranches, am 21. Mai 1172

Heinrich Plantangenet hatte am 17. April Irland verlassen, nachdem er sicher sein konnte, dass seine Macht auf der Insel gefestigt war. Er hatte vor seiner Abreise noch einen weiteren Hoftag in Dublin gehalten, an dem er die Barone und Prälaten zwang, den Treueeid auf König Heinrich und Prinz Johann zu leisten, der eines Tages Irland regieren sollte. Man hatte den fünfjährigen Johann nach Dublin bringen lassen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in England - in den Armen der schönen Rosamunde - setzte er nach Barfleur in die Normandie über.
Papst Alexander III. hatte zwei Legaten - Albert von San Lorenzo und Theodwin von San Vitale - eingesetzt, die schon seit geraumer Zeit in der Normandie auf Heinrich warteten. Der Papst hatte die Geduld verloren. Heinrich sollte sich der göttlichen Justiz stellen und sich ihr völlig unterwerfen. Er hatte den Feldzug des Königs in Irland genau verfolgt und die Absichten Heinrichs durchschaut.
Heinrich, der das Treffen mit den beiden Legaten möglichst lange herausgezogen hatte, traf sich nur widerwillig mit den Legaten am 16. Mai in Gorron. Am nächsten Tag begannen die Verhandlungen in der Zisterzienserabtei Savigny.
Bischof Arnulf von Lisieux vermittelte zwischen den beiden Legaten und dem König. Auch Heinrich der Jüngere war den Verhandlungen zugegen. Die Verhandlungen zogen sich über zwei Tage lang hin. Die Legaten verkündeten den Wunsch des Papstes, dass Heinrich ein Jahr lang zum Zeichen seiner Sühne zweihundert Kreuzfahrer unterhalten und die Appellationen nach Rom genehmigen sollte. Weiter forderte der Papst die Rückgabe weiterer Kirchengüter und die öffentliche Buße des Königs.
Heinrich war nicht bereit, solche weitgehenden Forderungen zu akzeptieren. "Was die Buße betrifft, so will ich sie mit Freude leisten. Nichts lastet mehr auf meiner Seele, als der Tod des Erzbischofes. Doch ich werde nicht wie Kaiser Heinrich IV. vor Canossa erscheinen. Ich werde nicht um Absolution betteln. Denn bei aller Scham, Verantwortung und Reue werde ich nicht meine Ehre verlieren. Dieses Recht hatte auch Becket für sich eingenommen. Dieses steht auch mir zu." Der König sah die Legaten über den Tisch hinweg herausfordernd an. "Doch was Ihr da weitergehend verlangt, ist
völlig inakzeptabel für mich", rief Heinrich aus, "ich soll auf wesentliche Bestandteile der Konstitutionen und damit der alten Gewohnheiten verzichten? Ist der Papst darauf aus, dass zu vollenden, worauf der Erzbischof hinaus wollte? Mich zerstören? Den König von England zu einem Vasallen machen? Auf Gnaden des Papstes!"
"Der Erzbischof hat die Ehre Gottes verteidigt. Sie ist überirdisch. Eure Ehre ist von dieser Welt. Und sogar Jesus fand keine Scham sich zu erniedrigen und ließ sich von einer Sünderin die Füße waschen."
"So steht es geschrieben. Doch unterscheidet sich meine Ehre von der des Erzbischofes so sehr? Wurde mir denn nicht die Krone mit Gottes Gnaden gegeben?"
"Hütet Euch!" rief Albert von San Lorenzo aus. "Ihr seid nahe der Blasphemie."
"Aber nicht doch, Herrschaften!" lächelte Heinrich beinahe boshaft. "Hat nicht der Papst selbst seinen Segen gegeben, als ich die Krone auf das Haupt gesetzt bekam? Und ist es denn nicht der Anspruch der Päpste, die Nachfolger Petri auf Erden zu sein?"
Die Legaten sahen sich an. Die Verhandlungen dauerten schon seit Stunden an und es wurde schon Nacht. Choralgesänge aus der Kapelle der Zisterzienserabtei drangen zu ihnen vor. An den Wänden flackerten die Fackeln und Kerzen unruhig. Wind kam auf.
"Niemand, weder der Papst noch sonst irgendwer, beabsichtigt, den König von England zum Vasallen zu machen. Einzig und allein wird von diesem verlangt, dass er die Kirche Englands wieder in all Ihre Rechte und Pflichten einsetzt, wie sie sie schon von Thomas Becket gefordert wurden. Führt die Kirche in ihre kanonischen Rechte und Gesetze zurück. Die höchste Instanz ist der Papst und nicht der König von England."
Heinrich schien die Worte gar nicht gehört zu haben und wetterte weiter. "Zweihundert Ritter ein Jahr lang unterhalten. In Spanien oder im Heiligen Land. Das ist das Äußerste, was ich akzeptieren kann und werde."
"Ihr gebärdet Euch wie ein Händler im orientalischen Basar", rief Theodwin von San Vitale verärgert aus.
Heinrich sah ihn mit funkelnden Augen an. "Ich warne Euch, treibt es nicht zu weit mit Euren Frechheiten und unverschämten Forderungen. Die Appellationen will ich gerne gewähren. Doch die höchste kirchliche Instanz ist der Bischofsstuhl von Canterbury. Dieser ist jedoch vakant. Und er bleibt es bis das Interdikt aufgehoben ist, welches über die Kirche von Canterbury verhängt wurde. Ein Erzbischof kann erst gewählt werden, wenn der Bann aufgehoben ist. Hebt den Bann auf und ich will gerne eine Wahl eines neuen Erzbischofes akzeptieren. Wer immer dies auch sein mag. Doch solange diese höchste Instanz der englischen Kirche nicht besetzt ist, kann es auch keine rechtmäßigen Appellationen an den Papst geben."
Doch die Legaten blieben hart. Sie wußten, dass Heinrich zwar ungestüm war, aber den gleichen Fehler nicht noch einmal machen, und die Legaten angreifen würde.
"Unsere Befugnisse gehen nicht soweit, dass wir den Bann lossagen können ohne dass Ihr die Forderungen vollständig erfüllt. Euer Einverständnis zur Wahl fällt Euch leicht. Habt Ihr doch alle Bischofsstühle mit Männern Eurer Wahl besetzt", erwiderte Albert von San Lorenzo, einer der beiden Legaten.
Die Verhandlungen schienen in eine Sackgasse geraten zu sein. Arnulf von Lisieux gelang es schließlich den König umzustimmen. Er bat den König in die Ecke des Saales und appellierte an ihn.
"Majestät, der Papst ist fest entschlossen Euer Wort zu bekommen. Auch wenn es Euch schwerfällt, stimmt den Forderungen um Himmels Willen zu. Wenn die Legaten von diesem Ort nicht mit den gewünschten Ergebnissen verlassen, werdet Ihr vom Papst mit dem Kirchenbann belegt."
"Arnulf hat Recht, und was das bedeutet brauche ich Euch doch nicht zu sagen. Das Volk hat den Erzbischof geliebt und wird Euch immer die Schuld an den Vorgängen geben. Wenn Ihr jetzt noch mit dem Bann belegt werdet, wird sich das Volk vollends von Euch abwenden. Habt Ihr dafür gekämpft? Hat Eure Mutter dafür über Jahre mit Stephan von Blois gerungen?" beschwor ihn sein Sohn. Vom Bischof und seinem Sohn gedrängt, gab sich Heinrich umgänglicher. Er kehrte an den Tisch zurück und bat um eine Bedenkzeit von einem Tag.
Am 19. Mai bat Heinrich die beiden Legaten wieder zu sich. Er teilte ihnen mit, dass er mit den Bedingungen einverstanden sei und diese akzeptiere. Um dies zu beweisen, werde er zwei Tage später öffentlich Buße tun. Die Legaten schienen zufrieden.
Der 21. Mai des Jahres war ein wechselhafter Tag. Dunkle Wolken zogen von der See her über das Land und brachten viel Regen. Doch immer wieder riß die Wolkendecke auf und die Sonne flutete das Land. Der Mont St. Michel und das daraufgelegene Kloster wurden von einer heftigen Brandung umschlungen.
An diesem Tag versammelte sich eine große Menge von einfachen Volk, Prälaten und Baronen in der Kirche von Avranches. Herolde hatten zuvor in der Stadt verkündet, dass der König öffentlich Buße ablegen werde.
Der König erschien im härenen Büßerhemd in der Kirche. Heinrich legte seine Hand auf die ihm dargebotene Bibel. "Ich schwöre, dass ich weder den Tod des Erzbischofs befohlen noch gewollt habe. Auch freute ich mich nicht über dessen Tod. Ich schwöre, ich habe geweint, ich habe um ihn getrauert und empfinde noch heute tiefen Schmerz darüber. Als wenn ich Vater und Mutter, Bruder und Schwester verloren hätte. Ich schwöre, dass ich Buße tun werde und alle Bußen, die mir auferlegt werden, ohne Widerspruch erfülle und erdulde."
Die Legaten verkündeten die auferlegten Bußpflichten und geleiteten den König zum Portal der Kirche. Dort kniete er sich nieder und entblößte den Oberkörper, und ließ sich geißeln.
"Damit erkläre ich Euch frei von Sünde und erteile Euch die Absolution. In nomini padre et fili et spiriti sancti, Amen", verkündete Albert von San Lorenzo, einer der Legaten.
Heinrich der Jüngere, der im tiefsten Innern seinem Vater bis zu diesem Moment nicht verziehen hatte, beschloß ihm zu verzeihen und verspürte sogar einen gewissen Stolz auf ihn.
Wenige Tage später wiederholte Heinrich sein Bußbekenntnis in der Abtei Saint-Ètienne zu Caen. Noch am selben Tag wurde das Interdikt über die kontinentalen Besitzungen aufgehoben. Damit hatte Heinrich II. einen wichtigen diplomatischen Erfolg errungen.

Winchester am 27. August 1172

Zwei Gründe bewogen Heinrich II. seinen Sohn zum zweiten Mal krönen zu lassen: Sein Versprechen gegenüber Ludwig VII. zum einen, und zum anderen um seinem Sohn Heinrich die Sicherheit zu geben, dass er eines Tages das Erbe des Vaters antreten würde.
Heinrich mußte unter allen Umständen weitere Verwicklungen mit dem König von Frankreich vermeiden. Und so wurde gemäß den Vereinbarungen auch die vierzehnjährige Prinzessin Margarete von Frankreich, die Frau des jungen Königs gekrönt.
Doch viel wichtiger war es Heinrich, dass sein siebzehnjähriger Sohn von jedem Zweifel befreit würde, den seine Umgebung vielleicht genährt hatte. Bischof Arnold von Lisieux hatte den König gewarnt. Heinrich der Jüngere werden vom Volk geliebt. Und der junge König drängte zur Macht. Im Kreise seiner Freunde habe er sich über seinen Vater beklagt. Zwar habe man ihm die Krone auf das Haupt gesetzt, doch alles Tun und Handeln war vom Wohlwollen des Vaters abhängig.
Heinrich hatte daraufhin Wilhelm de Marshal zu sich rufen lassen und hatte versucht näheres von ihm zu ergründen. Doch Wilhelm de Marshal wußte entweder tatsächlich nichts oder verstellte sich gut. Jedenfalls ließ er keinen Zweifel an der Treue des Sohnes gene seinen Vater aufkommen. Heinrich hoffte mit der zweiten Krönung seinen ältesten Sohn fest an sich zu binden.
Es war ein warmer und sonniger Augusttag, als in der Kathedrale zu Winchester Heinrich der Jüngere ein zweitesmal zusammen mit seiner Frau gekrönt wurde. Rotrou von Warwick, Erzbischof von Rouen, vollzog die Krönung, nachdem der Stuhl des Erzbischofs von Canterbury noch immer vakant war. Zwar war dem Erzbischof Roger von York bereits im Dezember des vorigen Jahres die Absolution erteilt worden, doch Heinrich wollte keine unnötige Provokation leisten und bat Rotrou von Warwick, die Krönung vorzunehmen.
Nachdem bereits im Mai Gilbert Foliot wieder in sein Amt als Bischof von London eingesetzt wurde, wähnte sich Heinrich wieder auf dem Höhepunkt der Macht. Er hatte sich mit der Kirche versöhnt und auch mit Ludwig, seinem Lehensherrn. Heinrich war sehr darauf bedacht, nun mit allen in Frieden zu leben. Nur die wenigsten ahnten, was ihn dazu bewogen hatte.

Weihnachten 1172 in Chinon

Heinrich sah Eleonore lange an. Der Ritt von Poitiers nach Chinon schien ihr überhaupt nichts ausgemacht zu haben. Nicht die Spur von Müdigkeit war ihr anzusehen. Heinrich suchte in ihren Augen nach irgendwelchen Bestätigungen der Gerüchte, die ihn veranlaßt hatten, mit Eleonore gemeinsam in Chinon Hof zu halten. Vor Stunden war sie in Chinon erschienen, welches unter einer dünnen Schneedecke lag. Der Hoftag würde erst in wenigen Tagen eröffnet werden und fast stündlich trafen neue Teilnehmer des Hoftages ein. Heinrich bemühte sich jeden der Teilnehmer persönlich im Burghof zu begrüßen. Er trug einen hermelinbesetzten Mantel über seinen roten Wams den die drei Löwen Albions.
"Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise", begrüßte Heinrich sie und gab ihr einen Becher heißen Wein in die Hand. Gleichzeitig gab er der Dienerschaft einen Wink, damit man das Gepäck der Königin in die Burg brachte.
"Danke", meinte sie und nahm einen kräftigen Schluck. Die kalte, trockene Winterluft hatte sie
durstig gemacht.
"Wie ich sehe, habt Ihr den Herzog in Poitiers gelassen?"
"Ja, Richard ist nun volljährig und Herzog von Aquitanien. Er hält Hof, wie Ihr auch. Aber wie ich sehe, habt Ihr Rosamunde de Clifford in England gelassen", erwiderte sie kurz angebunden.
"Sie verläßt England nicht gerne. Ist Richard ein guter Herzog?" fragte Heinrich scheinbar unbefangen.
"Nun, sagen wir es so", meinte Eleonore vorsichtig, denn sie ahnte, dass Heinrich irgendetwas Verdächtiges an ihr suchte, "er verläßt sein Herzogtum nicht für beinahe drei Jahre."
Heinrich nickte. "Ihr habt recht, Verehrteste. Ich habe Aquitanien schon zu lange nicht mehr betreten."
Eleonore horchte auf. Unwillkürlich hatte sich ihr Körper angespannt. "Wenn Ihr es gestattet, dann ziehe ich mich in meine Gemächer zurück."
Der König nickte freundlich und ließ sie vorbei. Später, als es dämmerte und die Kundschafter keine weiteren Gesandtschaften ausmachen konnten, begab er sich in die Burg, wo er Eleonore in ihrem Gemach aufsuchte.
"Was führt Euch zu mir?" fragte Eleonore höflich, aber reserviert.
Heinrich trat an den Kamin und wärmte sich die Hände. Ohne auf ihre Frage einzugehen sagte er: "Ich habe veranlaßt, dass man täglich frisches Stroh in Eurem Gemach auslegt."
Eleonore mußte unwillkürlich lachen. "Verzeiht, das ist nett von Euch, aber lassen wir das Spielchen. Ihr seid nicht gekommen um mir mitzuteilen, dass Ihr täglich frisches Stroh bringen laßt. Vielleicht sagt Ihr mir lieber, warum Ihr so auf meine Teilnahme an diesem Hoftag bestanden habt. Ihr wißt, dass ich gerne an der Seite unseres Sohnes in Poitiers geblieben wäre."
"Um allen deutlich zu machen, dass Ihr Euch von mir entfernt habt und Ihr Euch als einzige Herrscherin in Aquitanien betrachtet.
Sie schwieg, denn sie hielt es für besser und betrachtete scheinbar gelangweilt das Feuer im Kamin.
"Ich gedenke, mich wieder etwas mehr um Aquitanien zu kümmern", meinte Heinrich und sah Eleonore forschend an, "und Ihr werdet mir dabei helfen."
Sie drehte sich zu ihm um. "Ich?" fragte sie.
"Ja, Ihr. Warum so erstaunt? Ihr seid die Königin und Herzogin. Habt Ihr etwas anderes erwartet?"
"Nein, das habe ich nicht." Sie war eine schlechte Lügnerin.
"Dann ist es ja gut. Ihr werdet nachher noch Euren Sohn Heinrich sehen. Erst ist momentan noch damit beschäftigt einige Dokumente abzufassen."
Heinrich verschwieg ihr, dass er sie zunächst einmal alleine sehen wollte. Seine Spitzel hatten ihm gemeldet, dass sie Richard und Gottfried, sowie mehrere Barone Aquitaniens gegen ihn aufwiegle. Doch er konnte an ihrem Verhalten nichts derartiges erkennen.
"Ist Johann hier?" fragte er. Sie nickte.
"Gut", sagte er, "ich möchte, dass Johann in London erzogen wird. Ich habe Pläne mit ihm."
"Darf man fragen, welche Pläne?" fragte sie und setzte sich auf einen freien Stuhl.
"Hmm, Johann wird eines Tages Irland bekommen. Und auch ein paar Burgen, wie zum Beispiel Chinon. Aber das ist nur ein Teil. Ich habe größeres mit ihm vor. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ist mir von allen unseren Söhnen Johann der Liebste."
Sie konnte es sich denken warum: Weil er aufgrund seines Alters noch keine Gebietsansprüche stellte. Doch sie wollte Heinrich nicht provozieren und schwieg dazu. "Was hast Du vor?" wollte Eleonore wissen und schenkte ihm ihr freundlichstes Lächeln. Sie platzte fast vor Neugier.
"Nun", meinte Heinrich und sah auf den verschneiten Innenhof hinaus, "Johann wird Alix von Maurienne heiraten. Zumindestens verhandle ich darüber mit dem Grafen von Maurienne."
Eleonore runzelte die Stirn. Wer um alles in der Welt war der Graf von Maurienne?
"Ich fürchte mein Lieber, ich weiß nicht, wo dieser Graf seine Burg hat."
"In den Savoyen. Seine Grafschaft reicht bis ins nördliche Italien hinein."
Eleonore trat auf ihn zu. "Italien?" wiederholte sie, "Wenn man Dich so hört, dann könnte man meinen Du strebst die Kaiserkrone an."
Heinrich lachte. "Ein guter Gedanke. Er gefällt mir. Ich werde den Papst diesen Vorschlag unterbreiten", scherzte er.
Plötzlich faßte sie sich an die Stirn. "Ich bin müde", meinte sie, "Die Reise war wohl doch anstrengender als ich befürchtet hatte. Ihr entschuldigt mich."
Er nickte ihr zu und zog sich zurück.
Sie rief eine Zofe zu sich und befahl ihr, ihrem Sohn Heinrich eine Botschaft zukommen zu lassen. Das Gespräch mit Heinrich hatte sie aufgewühlt. Es zeigte ihr, dass er keineswegs gewillt war, seine Macht in Aquitanien abzugeben. Richard war in Gefahr. Sie mußte mit ihrem Sohn Heinrich reden. Auch er mußte unter den Machtzwängen des Vaters leiden. Sie befahl ihrer Zofe nach Heinrich zu suchen und ihn herzubitten.
Nach einer - wie es ihr schien - endlosen Weile, trat Heinrich der Jüngere in ihr Gemach ein.
"Heinrich, mein Sohn!" rief sie freudig aus und eilte ihm entgegen.
"Mutter!" rief Heinrich und schloß sie in seine Arme. "Es tut gut Euch zu sehen. Wie geht es Euch?"
"Danke, mir geht es gut", antwortete sie, "doch sage mir, wie es Dir geht?"
Seine Augen umfing ein grauer Schleier. "Mir geht es soweit gut, doch ich frage mich, weshalb ich die Krone Englands auf dem Haupt trage, wenn ich es nicht regiere. Vater hat darauf bestanden, dass ich ihn hierher nach Chinon begleite", klagte er.
Eleonore atmete tief durch. Genau dies hatte sie vermutet. "Sei nicht traurig", mahnte sie, "deswegen muß ich mit Dir sprechen. Aber nicht jetzt und hier. Sei heute um Mitternacht in der Burgkapelle. Und paß auf, dass Dich niemand sieht. Und wenn doch, so tue so, als wolltest Du beten."
Heinrich der Jüngere sah sie verstört an. "Ich verstehe nicht", sagte er.
Sie schüttelte den Kopf. "Das kann ich Dir jetzt nicht erklären, sei um Mitternacht da."
Pünktlich um Mitternacht trafen sie sich in der Kapelle. Nur das fahle Mondlicht durch die Fenster spendete Licht. Sie knieten beide vor den Altar nieder und schienen zu beten. Zumindestens sollte dies der Eindruck sein, wenn sie jemand beobachtete. Eleonore erzählte ihm von den Absichten seines Vaters, die er bezüglich Johanns hegte. "Wenn Dein Vater diese Pläne verwirklicht, dann hat Johann mit Chinon Schlüsselstellungen in Deinem Lande inne. Und ebensowenig wie Dir, will er Richard Macht überlassen."
"Aber er hat mich doch zweimal krönen lassen", rief Heinrich empört aus.
Sie legte den Finger an den Mund. "Nicht so laut, wir sind hier in der Festung Deines Vaters. Wir können uns auch hier nicht noch einmal treffen. Das ist zu gefährlich. Aber Du mußt wissen, dass Dein Vater zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt hat, Macht abzugeben. Das war alles nur politisches Kalkül. Er wollte den Frieden mit Ludwig, den er so dringend brauchte. Nur dann konnte er sich auf seine Söhne konzentrieren. Ich glaube er ahnt etwas. Mich würde es nicht wundern, wenn er mit Rosamunde noch ein Kind zeugen würde und diesen Bastard zum König machen würde."
"Soviel Niedertracht traut Ihr ihm zu?" fragte Heinrich der Jüngere entsetzt.
"Hat er nicht sogar öffentlich Buße getan, nur um die Gemüter zu beruhigen?" fragte sie zynisch. "Er hat sich vor Gott mehr versündigt, als mit der Ermordung Beckets. Die Buße zu Avranches war im Herzen durch und durch falsch. Doch er konnte mit dieser Geste nur gewinnen."
Heinrich schwieg zu diesem Vorwurf.
"Du solltest prüfen, wer von den Baronen zu Dir hält und wer nicht."
Heinrich fühlte sich unwohl.
"Was habt Ihr vor?"
"Ich werde nicht tatenlos mit ansehen, wie meine Söhne um Ihr Erbe betrogen werden. Ich werde mit Richard um Aquitanien kämpfen. Heinrich hat in Aquitanien nur noch auf dem Papier die Macht, aber nicht die wirkliche. Ich habe es deutlich gespürt, dass Heinrich verärgert darüber ist, dass Richard nun seinen eigenen Hoftag hält. Für ihn ist das ein Angriff auf seine Macht. Doch Richard wird ihm nicht alleine widerstehen können. Seine Brüder, also Du und Gottfried, sollten ihm hilfreich zur Seite stehen."
"Was ihr vorhabt ist Verrat" flüsterte Heinrich der Jüngere aufgeregt.
"Ich nenne es anders. Ihr verteidigt nur Euer Recht und fordert das ein, was Euch zu steht. Der Zeitpunkt ist günstig. Hat er nicht mit dem Mord an Becket die Kirche und die Barone gegen sich aufgebracht?"
"Aber er hat Buße getan und geschworen, den Mord nicht angeordnet zu haben. Die Barone und der Klerus haben ihm verziehen", wandte er ein.
"Ja, das weiß ich. Aber sieh´ doch mal mit Deinen eigenen Augen um Dich. Für Deinen Vater war ein Schwur schon immer nichts anderes, als ein paar Worte. Es dürfte nicht schwer sein, die Barone davon zu überzeugen. Und was die Buße anbelangt, so ist sie zu niedrig ausgefallen. Und nun gehe, mein Sohn. Verharre nicht länger in der Gefahr. Denke darüber nach. Sende Deine Gemahlin unter dem Vorwand einer Pilgerreise zu mir an den Hof."
Heinrich zögerte einen Moment. Dann eilte er in tiefe Verwirrung gestürzt aus der Kapelle. Etwas später folgte ihm Eleonore.
Wenige Tage darauf berief Heinrich II. eine Versammlung der Großen des Reiches nach Limoges ein. Heinrich der Jüngere begann daraufhin zu begreifen, dass seine Mutter recht hatte. Diese Versammlung konnte nichts anderes bedeuten, als dass Heinrich seine Macht in Aquitanien wieder voll und ganz übernehmen wollte. Dies wiederum bedeutete, dass er Richard zwar zum Herzog krönen ließ, aber die Macht keinesfalls abzugeben gedachte. Das ließe sich auch auf ihn selbst übertragen. Er war nur nominell König von England.

Kapitel 4


Limoges, Anfang März 1173

Die Stadt Limoges hatte sich gefüllt mit Bischöfen und Baronen, Bauern, die ihre Waren verkaufen wollten, fliegenden Händlern und Huren. Fahnen und flatternde Wimpel wehten über den Straßen und Dächern der Stadt und verliehen ihr einen festlichen Glanz. Doch die meisten Bewohner der Stadt sahen den Hoftag mit Skepsis entgegen. Nach fast drei Jahren war Heinrich II. nach Aquitanien zurück gekehrt. Man spürte eine gewisse Spannung im Land. Welchen Zweck verfolgte Heinrich? Was bedeutete dies für die geliebte Herzogin und ihrem Sohn Richard? In den Tavernen und in den Straßen kursierten wilde Gerüchte.
Vor wenigen Wochen - am 21. Februar - hatte der Papst Thomas Becket heilig gesprochen, und sorgte so für weiteren reichlichen Gesprächsstoff in den Straßen. Man erzählte sich von Wundern am Grabe des ermordeten Erzbischofes.
Bereits im Februar hatte Heinrich in Montferrand eine Reichsversammlung abgehalten. Bei dieser hatte er verkündet, dass die Bischöfe - allen voran Arnulf von Lisieux - über eine Vermählung seiner Tochter Johanna verhandelten. Doch in seiner Bedeutung war die Reichsversammlung von Limoges viel höher einzustufen.
Ein abendliches Bankett eröffnete die Versammlung der Großen in Limoges. Eleonore und Richard waren ebenso erschienen, wie Heinrich der Jüngere und Gottfried, Graf der Bretagne. Johann Ohneland, der seit einiger Zeit am königlichen Hof aufwuchs, saß auch an der Tafel, wurde jedoch schon bald von einer Zofe zu Bett gebracht.
Eleonore, die neben ihrem Gatten saß, sah in die Runde und meinte schließlich zu ihrem Gemahl: "Ich möchte Dir gratulieren. Sie sind alle da. Selbst der Graf von Toulouse hat den Weg nach Limoges gefunden. Es ist beinahe bedauerlich, dass Du ihnen nicht Rosamunde von Clifford vorstellst und an Deiner Seite Platz nehmen läßt."
Heinrich war gut gelaunt und nahm das Scheingefecht an. "Ich hatte dies durchaus in Erwägung gezogen. Auch überlegte ich, ob ich meine Bastardsöhne Gottfried und Wilhelm kommen lassen sollte."
"Oh, eine Familienzusammenführung? Wie romantisch!" antwortete Eleonore sarkastisch und lächelte Heinrich freundlich an.
"Darf man fragen, was Dich bewogen hat, sie nicht nach Limoges zu bringen?" fragte sie.
"Eure zarte Natur, Verehrteste. Ich wollte keine Gelegenheit bieten, Euren Troubadouren auch noch Stoff für ihre miserablen Vorträge zu liefern."
"Darf man fragen, welche Pläne Du mit Deinen Bastardsöhnen hast? Wie ich hörte, hast Du durchgesetzt, dass man Gottfried zum Bischof von Lincoln gewählt hat. Ist er nicht ein bißchen jung für eine solche Würde?"
"Das Alter ist nur eine Zahl. Seht nur meinen treuen Justitiar Richard de Lucé. Er mag alt geworden sein, doch ich kann auf ihn nicht verzichten. Gottfried ist klug. Er ist schon immer voller Wissensdurst gewesen. Ich werde ihn zu meinem Kanzler machen."
Eleonore preßte die Fäuste zusammen. Heinrich hatte seinen Bastardsohn Gottfried schon immer fest ins Herz geschlossen und bevorzugend behandelt. Würde er ihn nun auch noch zu seinem Kanzler machen, dann würde er seinen Einfluß bei Hofe vergrößern. Dies konnte für ihre Pläne gefährlich sein.
Heinrich bemerkte ihr Schweigen und meinte spöttisch: "Verzeiht, wenn ich Eure Gefühle verletzt habe."
Eleonore lächelte ihn wieder an und sagte: "Von Euch bin ich das schon gewohnt, mein Lieber."
"Bringt mich nicht in Verlegenheit, Königin."
Eleonore blieb zu dem Bankett nur so lange, wie es ihr geboten schien. Sie empfand in Heinrichs Nähe nur noch Abscheu und Haß.
Am nächsten Tag begann im großen Saal der Burg unter Fanfarenklängen die eigentliche Versammlung. Richard Löwenherz, Herzog von Aquitanien, mußte mitansehen, wie Heinrich und Eleonore ihre erhobenen Plätze einnahmen, während er mit seinen Brüdern links und rechts neben dem Königspaar Platz nehmen mußten. Richard war schlechtgelaunt, war er doch der Meinung, als Herzog von Aquitanien - und dazu gehörte Limoges - gebürde ihm ein Platz an der Seite des Vaters.
Die Versammlung verlief in geordneten Bahnen ab. Heinrich bestätigte die von Richard gemachten Schenkungen und Privilegien.
Schließlich verkündete Heinrich, dass sein Sohn Johann die Tochter des Grafen von Maurienne ehelichen werde. So sei es beschloßen worden. Ein Raunen ging durch die Versammlung. Nachdem Mathilde den Sachsenherzog Heinrich den Löwen geheiratet hatte und die zweite Tochter Eleonore bereits mit Alfons von Kastillien verheiratet war, bedeutete diese Verbindung eine Ausweitung der Macht der Plantagenets, die sie zu den mächtigsten Herrschern Europas machen mußte. Und auch die Vermählung Johannas mit dem König von Sizilien, dem Normannen Wilhelm den Guten, war schon fast gesichert.
"Johann wird Irland, sowie die Festungen Chinon, Loudon und Mirebeau in die Ehe einbringen. Möge dem Paar viel Glück beschieden sein", endete Heinrich seine Verkündungen feierlich.
Er wollte sich gerade wieder setzen, als sein Sohn Heinrich aufsprang und die Stimme erhob: "Ich protestiere gegen diese Pläne. Die drei Burgen sind Schlüsselburgen auf dem Kontinent. Mit ihnen lassen sich weite Teile der Normandie kontrollieren, welche mir, dem König von England, zugesprochen wurde. Ich bin nicht bereit den Verlust so wichtiger Burgen hinzunehmen. Doch vielleicht waren die beiden Krönungen zum König von England nur eine Komödie? Welches Land besitze ich, über das ich regieren kann? Wo bin ich zu Hause? Was ist mein persönlicher Besitz? Ich, Euer Sohn, der Euch verehrt und liebt, fordere Euch hier und heute auf, mir nicht nur einen belanglosen Titel des Königs von England zu übertragen, sondern auch die Rechte und Pflichten, die die Krone mit sich bringt."
Heinrich Plantagenet sah seinen Sohn mit einer Mischung aus Entgeisterung, Fassungslosigkeit,Wut und Zorn an. Wie konnte sein Sohn es wagen, so offen vor der Versammlung der Großen gegen ihn anzutreten?
Eine tumultartige Unruhe war unter den Prälaten und Baronen ausgebrochen.
Heinrich sah seinen Sohn zornig an. Dieser hielt dem Blick jedoch stand. Heinrich sah zu Eleonore und Richard herüber, die dem Disput scheinbar gelassen zugesehen hatten. Im gleichen Moment wurde ihm klar, dass Eleonore dahinter stecken mußte. Wütend eilte Heinrich aus dem Saal.
Die Versammlung löste sich auf, als klar wurde, dass der König nicht mehr zurückkehren würde.
Man fand den König aufgebracht in seinem Arbeitszimmer. Der Graf von Maurienne, sowie der Graf von Toulouse, Raimund V., und zahlreiche Bischöfe umringten den König.
"Welchen Beweis für die Niedertracht Eures Weibes braucht Ihr denn noch?" fragte Raimund.
Heinrich sah den Grafen, den einst nur das beherzte Eingreifen des französischen Königs rettete, lange an. Zwar hatte er den Grafen als seinen Vasallen anerkannt, was noch immer ein Streitpunkt zwischen ihm und Ludwig VII. war, aber er traute dem verschlagenen Grafen nicht, der nur auf
seinen eigenen Vorteil bedacht war.
"Seid Ihr denn taub und blind gegen alles, was um Euch herum geschieht? Seht Ihr denn nicht, welch verderblichen Einfluß Eleonore im Laufe der letzten Jahre auf Eure Söhne gewonnen hat? Masche für Masche hat sie ein verräterisches Netz geknüpft. Jeder der aquitanischen und poitevinischen Herren ist bereit Euch zu verraten!"
Heinrich winkte barsch ab. "Ich kenne Euren Haß auf Eleonore. Ich fürchte, Ihr seht Dinge, die es gar nicht gibt", antwortete ihm Heinrich, obwohl er seinen eigenen Worten kaum glauben schenkte.
Raimund straffte sich. "Möget Ihr recht behalten. Doch ich fürchte, Ihr unterliegt einem Irrtum. Ich hoffe, es ist für Euch kein tödlicher Irrtum. Doch denkt darüber nach. Ihr seid schon lange nicht mehr in Aquitanien und im Poitou gewesen. Prüft Euch selbst, ob Ihr genug von diesem Land und seinen Leuten wißt, um mit Gewissheit zu sagen, der Graf von Toulouse befinde sich im Unrecht. Ich habe Euch gewarnt. Mehr kann ich für Euch nicht tun", gab Raimund zurück und verabschiedete sich vom König.
Doch die Worte waren nicht ohne Wirkung geblieben. Heinrich sah ihm nach und starrte auf die schwere Tür, die hinter dem Grafen ins Schloß fiel. Fast schien es so, als wollte er die schwere Türe mit den Blicken durchbohren. Hatte es nicht schon seit längerer Zeit Gerüchte gegeben? Hatte er nicht selbst eine Zeitlang das Gefühl verspürt, dass Eleonore ihre Söhne gegen ihn aufwiegle? Doch mit dem Feldzug nach Irland hatte er den Blick für die Gefahr verloren. Sein ganzer autoritärer Stil war darauf ausgerichtet, dass er seine Macht und die des Hauses Anjou für die Zukunft sicherte. Dabei übersah er, das Wesentliche, die Gefahr aus den eigenen Reihen. Sein eigenes Fleisch und Blut war die größte Gefahr geworden und er hatte es nicht gesehen! Der Graf hatte recht besessen. Eleonore war dazu fähig. Schließlich kannte er Eleonore lange und gut genug, um zu wissen, dass sie Aquitanien und das Poitou als ihr Land betrachtete.
Heinrich rief seine Söhn zu sich. Als diese vor ihm standen, sagte Heinrich zu seinem ältesten Sohn nur: "Der Hoftag ist beendet. Wir reisen ab. Ich möchte, dass Du mich begleitest."
Hinter dem jungen König waren zwei Wachen getreten. Als er dies bemerkte, lief er vor unterdrückten Zorn rot an. Doch er erwiderte nur: "Ich werde Wilhelm de Marshal benachrichtigen."
Heinrich schüttelte den Kopf. "Wilhelm de Marshal ist aus Euren Diensten entlassen. Er wird die Herzogin nach Poitiers zurück bringen."
Der Sohn sah den Vater entsetzt an. Er wechselte einen Blick mit Richard und Gottfried. Es war offensichtlich, dass Heinrich seinen Söhnen mißtraute.
"Ihr Richard werdet hier im Limousin bleiben und die Regierungsgewalt ausüben. Gottfried möge sich in seine Grafschaft zurückziehen."
Richard nickte wortlos. Es war leicht erkennbar, dass Heinrich versuchte, seine Söhne zu trennen. Offenbar mißtraute er dem jungen König mehr als seinen anderen Söhnen. Doch um sicher zu gehen, sandte er diese in ihre Heimat zurück oder befahl ihnen an Ort und Stelle zu verweilen. Und Eleonore, die aus seiner Sicht die größte Gefahr darstellen mußte, ließ er nach Poitiers bringen. In diesen Tagen fielen die Würfel über die Zukunft von Heinrich II.


Chinon im März 1173

Heinrich verließ zusammen mit seinem Sohn und seinem Gefolge Limoges und wandte sich nach Chinon. Chinon mit seiner mächtigen Burg war Heinrichs liebster Platz in Aquitanien geworden.
Heinrich Plantagenet war in den darauffolgenden Tagen sehr darauf bedacht, seinen Sohn ständig um sich zu haben. So befahl er diesem, ihn auf der Jagd zu begleiten, nachdem der Hoftag zu Limoges ein unrühmliches Ende gefunden hatte.
Mehrere Tage lang waren Heinrich und sein Sohn in den Wäldern zur Jagd zusammen. Heinrich ließ seinen Sohn nicht aus den Augen. Heinrich der Jüngere blieb der Zweck dieser Jagd nicht verborgen: Heinrich Plantagenet suchte bei seinem Sohn nach Anzeichen des Verrats! Seit ihrer Abreise aus Limoges schliefen sie jede Nacht im gleichen Raum. Fast die ganze Zeit wurden sie von bewaffneten Rittern begleitet. Sie nächtigten in einfachen Hütten und kaum einen Augenblick lang war Heinrich der Jüngere unbeobachtet. Ihm war klar, dass er wie ein Gefangener reiste. Vater und Sohn sprachen nur das allernötigste miteinander. Die meiste Zeit schwiegen sie und vermieden es, sich anzusehen.
Schließlich kehrten sie von der Jagd nach Chinon zurück.
Die Burg thronte auf einem Felsen über der Stadt. Hier glaubte Heinrich seinen Sohn unter sicherer Kontrolle zu haben.
Unmittelbar nach der Ankunft auf der Burg zog sich in das Gemach Heinrich zurück, welches er mit seinem Sohn teilte. Er war erschöpft und müde. Auch Heinrich der Jüngere schien erschöpft zu sein. Noch vollständig angekleidet ließ sich der junge König auf das Bett fallen. Heinrich der Jüngere war so erschöpft, dass er noch in der Jagdkluft einschlief. Lediglich die Stiefel hatte er ausgezogen.
Müde zog er sich der König aus und vergewisserte sich, dass sein Sohn fest schlief. Dann legte er sich selbst hin und schlief sofort ein.
Heinrich der Jüngere schlief jedoch nicht, obwohl er todmüde war. Doch er zwang sich wach zu bleiben. Er horchte auf die regelmäßigen Atemzüge seines Vaters. Doch noch war es zu früh um seinen Plan zu verwirklichen. Um diese Zeit würden noch zahlreiche Bediensteten in der Burg Vorbereitungen für den nächsten Tag treffen. Schließlich stand der Mond hoch am Himmel und die Mitternachtsstunde war vorüber. Leise erhob sich der junge König. Er wußte, dass vor der Tür eine Wache stehen würde und durch diese nicht entkommen konnte. Das würde aber auch gar nicht nötig sein. Das Gemach war in einem der Türme der Burg untergebracht. Auf der Seite zum Innenhof war ein Fenster, dass nur wenige Meter über einer Wachplattform lag. Es würde keine große Schwierigkeit für ihn bedeuten dort hinunter zu springen. Vorausgesetzt seine Helfer wären an Ort und Stelle und hätten die Wache bestochen.
Heinrich warf einen Blick hinaus. Die Wache war nicht zu sehen. Offenbar waren seine Gehilfen erfolgreich gewesen. Da sah er auch schon die Umrisse seines Knappen und zweier anderer Gehilfen, die der Knappe mit reichlich Gold gekauft hatte. Sie eilten unter das Fenster und verständigten sich per Handzeichen. Heinrich setzte sich vorsichtig auf den Sims und lauschte den Atemzügen seines Vaters. Er schlief tief und fest. Langsam schob er sich über den Sims und ließ sich schließlich fallen. Sein Knappe und dessen Gehilfen fingen ihn auf. Nahezu lautlos schlichen sie sich an der Mauer entlang. Sie verständigten sich nur per Handzeichen. Sie traten durch die Tür in den Turm. Leise schlichen sie die Treppe hinab. Unbemerkt gelangten sie in das Hauptgebäude der Burg. Erst jetzt wagten sie zu flüstern.
"Habt Ihr alles besorgt?" wollte Heinrich von seinem Knappen wissen.
Dieser nickte eifrig. "Ja, Stiefel und Mantel findet Ihr in einem Bündel bei den Pferden. Den Pferdeknecht haben wir eines der Mädchen besorgt. Sie dürften sich bereits vergnügen und uns keine Schwierigkeiten machen. Wir haben dem Mädchen gesagt, sie solle ihn weglocken."
"Was ist mit den Wachen?" wollte der König wissen.
"Bis auf die am Turm weiß keiner Bescheid. Lediglich die Wache am Tor ist eingeweiht. Aber die Wachen lassen sich leicht umgehen. Wir müssen durch die Küche zum Baderaum. Dort sind wir schon in der Nähe der Ställe. Der Weg von Baderaum zu den Ställen ist völlig im dunkeln."
"Gut gemacht", lobte Heinrich seinen Knappen.
Sie schlichen sich wie geplant durch die Burg und gelangten unbemerkt zu den Ställen. Dort hörten sie aus dem rückwärtigen Teil des Stalles ein verräterisches Stöhnen und rascheln. Sie huschten zu den Pferden. Dabei flüsterten sie den Pferden leise beruhigend zu. Heinrich hielt den Atem an. Die Pferde waren nervös und tänzelten. Blieb zu hoffen, dass die beiden im Heu noch eine Weile miteinander beschäftigt waren. Sie umwickelten schnell die Hufe mit Stroh und führten die Pferde aus dem Stall. Gerade noch rechtzeitig, denn offenbar hatten die beiden im hinteren Teil der Ställe den Höhepunkt überschritten.
Draußen beeilten sich Heinrich und seine Gehilfen die Pferde zum Tor zu führen. Heinrich hatte einen einfachen Mantel übergeworfen und sich diesen tief ins Gesicht gezogen. Spätestens jetzt mußte die Wache darauf aufmerksam werden. Sie saßen auf und ritten an der Wache vorbei aus der Burg. Die Wache am Tor würde am nächsten Tag sagen, dass er nur den Knappen erkannt haben würde.
Erst am nächsten Morgen wurde die Flucht bemerkt, als Heinrich aufwachte und das Bett seines Sohnes leer vorfand. Sofort war Heinrich hellwach und rief nach der Wache. Er war auf seinen Sohn hereingefallen. Er hatte in der Jagdkluft geschlafen, um sich so unbemerkt davonzuschleichen.
"Seht sofort in den Stallungen nach, ob sein Pferd noch da ist", befahl er. Die Wache eilte davon und kam kurze Zeit später zurück. Es fehlte. Die Wache am Tor berichtete, dass Heinrich´s Knappe mit zwei anderen Reitern im Morgengrauen durch das Tor geritten war.
"Das bedeutet, dass er Handlanger hatte", sagte Heinrich. Er befahl sofort nach seinem Sohn zu suchen und ihn festzunehmen.
Der König selbst ließ sein Pferd satteln und ritt im Eiltempo nach Le Mans. Als er dort eintraf, erreichte ihn die Nachricht, dass sein Sohn in Alencon und kurze Zeit später in Mortagne gesehen wurde. Letzteres gehörte zum Gebiet Ludwig VII. Dies bedeutete, dass sein Sohn zum französischen König geflohen war. Es war der 07. März 1173.
In den darauffolgenden Tagen erreichten ihn noch weitere beunruhigende Nachrichten: Auch Richard und Gottfried waren an den Hof seines Erzfeindes, Ludwig von Frankreich, geeilt. Sollte sich die Geschichte wiederholen? Wie einst Becket suchten seine Söhne Schutz unter der Krone Frankreichs.
Heinrich sandte Boten an den Hof des französischen Königs, mit der Bitte Heinrich in die Normandie zurückzuschicken. Doch Ludwig fragte den Boten, von wem dieses Anliegen komme. Als dieser ihm mitteilte, dass es vom König von England käme, antwortete dieser erstaunt: "Vom König von England? Der ist doch hier bei mir und hat mich um nichts gebeten. Jedenfalls nicht durch Euch. Vielleicht nennt Ihr seinen Vater noch immer König, der früher einmal König von England war. Dieser König aber ist tot. Er täte besser daran, sich nicht länger für den König zu halten, nachdem er vor aller Welt sein Königreich an seinen Sohn abgetreten hatte."
Als man Heinrich die sarkastische Antwort des französischen Königs übermittelte, geriet er in Rage. Er wußte, dass dies Krieg bedeutete. Doch offenbar war dieser Aufstand von langer Hand geplant worden. Heinrich wußte, dass dies nicht ohne Eleonores Mitwirken möglich gewesen wäre. Heinrich befand sich nun in einer schwierigen Lage: Wer von den Baronen würde noch zu ihm stehen und wer würde sich an die Seite seiner Söhne stellen?
Heinrich II. wußte, dass er und sein Reich nun in großer Gefahr waren.

England im Frühjahr 1173

Die Mönche von Christchurch und die Bischöfe von England hatten sich in der Kathedrale von Canterbury versammelt. Heinrich II. hatte ihnen befohlen, nach der Lösung vom Interdikt schnell eine Wahl eines neuen Erzbischofes von Canterbury zu erwirken. Der alte Bischof von Winchester, Heinrich von Blois, dessen stilles Ziel immer der Stuhl des Primas von England gewesen ist, hatte jedoch das Zeitliche gesegnet. Ihm folgte auf Heinrichs Wunsch und Befehl jener Richard von Ilchester auf den Bischofsstuhl, der bis zu diesem Zeitpunkt Erzdiakon von Poitiers gewesen war, und einst von Becket exkommuniziert wurde.
Roger, der Erzbischof von York, konnte sich kaum Hoffnungen auf die Würde des Primas hoffen. Seine Rolle im Konflikt um Thomas Becket hatten ihm die Mönche von Christchurch nicht verziehen und auch der Papst würde dessen Wahl kaum zustimmen. So fiel die Wahl der Prälaten auf den Prior von Dover, Richard. Der Prior begab sich sofort nach Agnani zum Papst und ließ sich von ihm persönlich das Pallium überreichen.
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten beunruhigenden Nachrichten aus der Normandie eingetroffen. Der junge König und seine Brüder hatten sich gegen den Vater erhoben.

Normandie, im Frühjahr 1173

Unmittelbar nach der Flucht des jungen Königs zu Ludwig VII. begann der Krieg im Vexin. Ludwig und Heinrich der Jüngere fielen ein und verwüsteten das Land. Hier erreichte Heinrich dem Jüngeren die Nachricht, dass man einen neuen Erzbischof von Canterbury wählen wollte. Die Weihe des Priors von Dover sollte am 03. Juni in Canterbury erfolgen. An dieser Weihe war deutlich zu sehen, dass der Klerus von England treu zu Heinrich II. hielt und er die Kirche praktisch kontrollierte, obwohl sie selbst beteuerte, die Wahl sei frei gewesen und ohne jeden Einfluß durch den König erfolgt.
Heinrich der Jüngere befahl sofort eine Gesandschaft nach Canterbury zu schicken. Er war nicht bereit, diese Wahl zu akzeptieren.
"Das ist ein gefährliches Spiel auf das Ihr Euch da einlaßt", meinte Richard, der Herzog von Aquitanien zum jungen König. "Der Papst hat dem Prior das Pallium überreicht und damit klar gezeigt, dass er sich jeder Einmischung in die Rechte der Kirche verbittet. Du solltest den Vorteil, denn Du im Augenblick gegenüber unserem Vater hast, nicht durch eine solche leichtsinnige Handlung auf das Spiel setzen."
Heinrich grunzte und griff nach einem Becher Wein und trank durstig. Sie waren den ganzen Tag im Sattel gewesen und hatten nun bei Gisors ein befestigtes Lager errichtet. Auch der König von Frankreich hatte sein Zelt im Lager aufgeschlagen. Da sie nichts zu befürchten hatten, hatten sie die Rüstungen abgelegt. Nun saßen sie unter dem Baldachin des Zeltes von Heinrich dem Jüngeren und hielten einen Kriegsrat ab.
Die Sonne stand schon tief, war aber noch nicht gänzlich versunken und tauchte das Vexin in ein tiefes Abendrot.
"Euer Bruder hat Recht. Auch wenn der Papst Euch freundlich gesinnt ist, solltet Ihr ihn nicht provozieren", meinte Ludwig und zog seinen Mantel enger. Er fror trotz der lauen Temperaturen.
"Ich muß meine königliche Autorität zeigen. Ich darf diese Wahl nicht akzeptieren. Mein Anspruch auf die Krone bedeutet nicht, dass ich auf die Rechte und Gewohnheiten meiner Vorfahren verzichten werde", rief Heinrich der Jüngere aus.
"Das verlangt auch niemand", warf Richard ein, "wenn Du König bist, kannst Du selbst die Wahlen bestimmen."
Heinrich ballte die Fäuste. Er sah zu Wilhelm de Marshal, der am Rande des Baldachins stand. Wilhelm de Marshal war erst vor wenigen Tagen aus Poitiers eingetroffen.
"Was meint Ihr Wilhelm?" fragte Heinrich.
Wilhelm de Marshal ließ sich mit der Antwort Zeit. Schließlich meinte er: "Verzeiht mir, aber ich verstehe nichts von Politik. Das ist Sache von Männern, die erfahrener und weiser als ich sind. Aus militärischer Sicht wäre es jedoch falsch, sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen."
Gottfried, der bislang dazu geschwiegen hatte, erhob sich und trat zu dem in der Mitte aufgestellten Tisch, auf dem eine Karte ausgerollt lag. "Ich denke Heinrich und Wilhelm haben recht. Er sollte dem Klerus zeigen, was ihm blüht. Und ich denke, wenn erst einmal bekannt wird, wer alles unsere Sache unterstützt, dann werden sich manche Bischöfe überlegen gegen uns Truppen in den Kampf zu senden."
"Du meinst Wilhelm von Schottland und seinen Bruder David?" fragte Richard.
Gottfried nickte. "Ja. Wenn sie erst hören, dass sich auch Wilhelm von Schottland und David dem Aufstand anschließen, dürfte vor allem Roger von York erblassen. Die verliehenen Ländereien liegen in unmittelbarer Nähe seiner Güter. Und die Grafschaft Huntingdon, die Ihr David verliehen habt, dürfte auch den Bischof von Lincoln Sorgen bereiten."
"Dann laßt uns nicht weiter reden, sondern handeln!" rief Heinrich der Jüngere aus. Er stand auf und trat vor Wilhelm. Dann fiel er vor dem verblüfften Ritter auf die Knie. "Ich bitte Euch, schlagt mich zum Ritter. Den Ritterschlag durch Euer Schwert zu erhalten ist mir eine große Ehre und ein drängender Wunsch von mir, denn ihr seid unbestritten der beste Ritter in unseren Reihen."
Zunächst schien es so, als wolle Wilhelm ablehnen. War er doch ein Ritter ohne Land und Gut. Jeder der Umstehenden hatte mehr Ansehen als er. Doch als er in die Runde sah, sah er abwartende - ja zustimmende - Gesichter. So zog er sein Schwert aus der Scheide und legte es dem jungen König auf die Schultern und sprach die begehrten Worte: "Hiermit schlage ich Dich zum Ritter. Möge Gott Dir und den Deinen für immer beistehen."
Ludwig VII. lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der Ritterschlag konnte die Uneinigkeit der Brüder nicht verwischen. Dies machte ihm Sorge. Waren sie Heinrich II. gegenüber militärisch im Vorteil, so konnte diese Uneinigkeit ein entscheidendes Kriterium in diesem Aufstand würden. Eleonore hatte es zwar prächtig verstanden ihre Söhne gegen den Vater aufzuwiegeln, doch einen konnte sie diese nicht.

Canterbury, am 03. Juni 1173

Mit einem prächtigen Gottesdienst wurde die Weihung von Richard von Dover eingeläutet. Eine große Menschenmenge hatte sich in und vor der Kathedrale versammelt um der Zeremonie beizuwohnen. Die Prälaten, die der Weihung beiwohnten, hatten sich mit dem prächtigen Ornat geschmückt und saßen sich im Kirchenchor gegenüber. Schließlich sollte die Bischofsweihe erfolgen und der Prior von Dover, Richard, zum Erzbischof von Canterbury legte sich mit ausgestreckten Armen auf den Boden und drückte damit die Demut vor dem Herrn aus. Plötzlich kam es am Kirchentor zu einem Aufruhr. Schreie ertönten und die Masse teilte sich. Schwer bewaffnete Soldaten in Rüstungen bahnten sich den Weg durch die Menge. Schließlich kamen sie zum Altar vor dem der Prior seine demütige Haltung bei behielt.
"Haltet ein!" rief einer der Ritter barsch. Die Bischöfe erkannten an seinem Wappen einen normannischen Ritter aus dem Kreise des jungen Königs.
"Was treibt Euch dazu, diese heilige Handlung zu unterbrechen und zu stören?" rief der Bischof von Winchester erbost aus.
"Die Unrechtmäßigkeit der Handlung", erwiderte der Ritter und trat drohend einen Schritt näher.
"Was redet Ihr da?" rief Richard von Ilchester, der neue Bischof von Winchester, mit hochrotem Gesicht. "Wer schickt Euch?"
"Der König von England, Heinrich III., Sohn von Heinrich II. Er befiehlt Euch sofort mit dieser Weihe einzuhalten. Als König von England erklärt er, dass diese Wahl und Weihe nur mit seiner Zustimmung gültig sein kann."
Ein aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich in der Kathedrale.
"Ihr seid ein mutiger Mann", meinte Richard von Ilchester nach kurzem zögern und lächelte dem Ritter überlegen zu. "Ich könnte Euch ergreifen lassen und vor den König zerren."
Der Ritter hob den Kopf. "Wenn Ihr Heinrich II. meint, dann irrt Ihr Euch. Er hat seinen Sohn krönen lassen und damit ist dieser der wahre König von England. Ergreift mich und meine Ritter und Ihr werdet sehen, was Ihr damit anrichtet. Es wird vor diesem Altar ein zweites Blutbad geben. Soll dieser Ort wirklich wieder entweiht und mit dem Interdikt belegt werden? Ich rate Euch also, laßt uns unsere Botschaft überbringen und uns mit Eurer Antwort abziehen."
Richard von Ilchester war sprachlos. "Ihr wollt Euch vor Gott an diesem Ort versündigen?"
"Nein, es sei denn Ihr laßt mir keine andere Wahl. Denn ich überbringe nur das Wort des Herrn, welches besagt, dass Ihr dem Kaiser geben sollt, was des Kaisers ist. Und was anderes tue ich, als für den König dies einfordern?"
"Das ist Gotteslästerung!" schrie der Bischof erbost aus.
"Nichts liegt mir ferner als das", antwortete der Ritter.
"Auch Heinrich der Jüngere, den Ihr als Heinrich III. betitelt, kann sich dem Recht der Kirche und dem Wort des Papstes widersetzen und die Wahl verhindern."
Ohne darauf einzugehen rief der Ritter aus: "Widersetzt Ihr Euch dem Gesetz, welches Ihr durch Eure Siegel zu Clarendon bestätigt habt, dann begeht Ihr Hochverrat!"
"Reitet zu Eurem König zurück und berichtet ihm, dass wir zu keinem Zeitpunkt unser Wort vergessen haben. Aber niemals würden wir auch unsere Loyalität zu Heinrich II. vergessen, der noch immer der König von England ist."
"Ist das Eure Antwort?" fragte der Ritter.
"So wahr mir Gott helfe", antwortete Richard von Ilchester erbost.
Der Ritter zögerte kurz, dann machte er kehrt. Einige Ritter des Bischofes wollten vorstürmen und sie am Gehen hindern, doch der Bischof gab ihnen einen Wink, die Ritter unbehelligt ziehen zu lassen. Allen Beteiligten war nun klar, was dies bedeutete: Die Rebellion und der Krieg waren nicht mehr aufzuhalten!

Normandie im Sommer 1173

Am 29. Juni griff Philipp von Flandern in den Krieg ein und eröffnete ihn, indem er Heinrich den Jüngeren als rechtmäßigen König von England anerkannte, und die Burg von Aumale belagerte. Heinrich der Jüngere griff Seite an Seite mit dem französischen König Verneuil an.
Die Grafen von Lusignan, Rancon und viele weitere Grafen aus dem Poitou erhoben sich ebenfalls und erkannten Heinrich den Jüngeren als ihren König an. Gleichzeitig fielen Wilhelm von Schottland und sein Bruder David in England ein, um die von Heinrich dem Jüngeren verliehenen Gebiete zu besetzen.
Richard von Ilchester, der Bischof von Winchester, war unmittelbar nach der Bischofsweihe von Canterbury aus in die Normandie geeilt. Er fand Heinrich II. in Rouen.
Heinrich hatte Befehl gegeben ein Heer aufzustellen und weitere Truppen aus England einschiffen zu lassen. Doch noch ehe Heinrich mit seinem Heer aufbrechen konnte, wurde ihm die Ankunft von Richard von Ilchester angekündigt. Heinrich ließ sie vortreten.
Richard von Ilchester tauschte den Friedenskuß mit dem König aus. "Majestät, die Rebellion ist überall ausgebrochen!" rief der Bischof aus.
Heinrich, der übler Laune war, sah ihn an. "Was ist passiert?" fragte er grimmig, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
"Mehrere Barone haben erklärt, dass sie sich nicht mehr mit ihrem Treueeid an Euch gebunden fühlen. Ihre Treue gilt dem König von England, dem jungen Heinrich", erhielt er zur Antwort.
Heinrich spürte wie der Zorn in ihm aufkam.
"Wer sind die Verräter?" fragte er leise flüsternd und ballte die Fäuste.
"Graf Leicester und der Bischof von Durham haben sich von Euch losgesagt. Doch das Schlimmste kommt erst noch", meinte der Bischof vorsichtig und warf einen ängstlichen Blick auf Rotrou von Warwick, dem Erzbischof von Rouen.
Heinrich wirbelte zu ihm herum. "Noch mehr schlechte Nachrichten?"
Der Bischof zögerte.
"Los, sprecht. Ich will wissen was passiert ist", rief Heinrich ungeduldig.
"Euer Sohn Heinrich hat den Bruder des schottischen Königs zum Grafen von Huntingdon ernannt. David hat im Norden die Grenze von Schottland überschritten."
Heinrich stöhnte auf. Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. "Und König Wilhelm von Schottland?"
"Er unterstützt seinen Bruder und Euren Sohn."
Nun konnte sich Heinrich nicht mehr halten und einer der gefürchteten Zornesausbrüche übermannte ihn. Er wütete und fegte alle Gegenstände vom Tisch; er schleuderte seinen mit Wein gefüllten Becher gegen die Wand. Schaum trat vor seinen Mund und ein heftiges Zucken durchfuhr seinen Körper. Er entriß einer Wache die Keule und hieb damit auf den Tisch ein. Schließlich ließ der Wutanfall nach und schweißgebadet ließ er sich in den Sessel fallen.
"Das heißt, er ist auch über die Grenze gegangen", stellte Heinrich zerknirscht fest. "Was ist mit Irland? Hält Hugh de Lacy und der Graf von Pembroke ruhig?"
Der Bischof war erleichtert auch eine gute Nachricht parat zu haben. Eifrig nickte er.
"Aber Truppen kann ich keine von dort erwarten", sagte Heinrich und setzte sich aufrecht hin. Er mußte die schlechten Nachrichten erst einmal verdauen.
"Wo ist Richard de Lucé und der Kanzler?" wollte Heinrich wissen.
"Richard de Lucé hat befohlen Eure Festen und Burgen zu verstärken. Dann hat er ein Heer gesammelt und zieht nun gegen Leicester. Euer Sohn Gottfried von Lincoln hält Euch die Treue. Er hat seine Vasallen einberufen."
Heinrich seufzte erleichtert auf. Obwohl ihm damit keine Truppen blieben außer denen, die er in der Normandie hatte. Die Truppen in England hatten mit den aufständischen Baronen und dem Einfall der Schotten alle Hände voll zu tun.
Und eine Verringerung der Truppen in Irland würde die Stammesfürsten wiedererstarken lassen. Abgesehen davon, dass es viel zu lange dauern würde bis die Truppen von dort in die Normandie verlegt sein könnten.
"Mein König, was sollen wir jetzt tun?" fragte Rotrou von Warwick vorsichtig.
"Wo ist mein Schatzmeister? Ah, da seid Ihr ja. Wieviel Geld und welche Schätze stehen uns noch zur Verfügung?" wollte Heinrich wissen.
"Ich fürchte, viel zu wenig. Aber selbst wenn wir genug davon hätten, woher hättet Ihr die Männer?"
Die Lage schien aussichtslos. Überall war der Aufstand ausgebrochen und er hatte nicht genug Geld um Krieg zu führen
.
Noch einmal versuchte Rotrou von Warwick eine Antwort zu bekommen. "Was sollen wir tun?"
"Herrgott nochmal, ich weiß es nicht", brauste Heinrich auf. "Verschwindet. Geht. Laßt mich alleine. Ich muß nachdenken!"
Fast die ganze Nacht über sah man Licht in den Gemächern des Königs. Sein Schatten tanzte im fahlen Licht der Fackeln an den Wänden. Ruhelos lief er umher und suchte nach einer Lösung. Dies hatte Eleonore geschickt eingefädelt. Sein gesamtes Reich war in Aufruhr und seine Lage schien aussichtslos zu sein. Seine Macht wurde ernsthaft bedroht. Sogar der Aufstand von 1168 war dagegen ein Kleinkrieg. Inzwischen wurden die Heerführer nervös. Jede Stunde, jeden Tag den sie verloren, stärkte den Feind. Schließlich gab er den Befehl zwanzigtausend Mann aus Brabant zu rekrutieren. Man solle ihnen großzügigen Sold bezahlen. Die Bischöfe und Barone sollten alles Geld auftreiben, welches zur Verfügung stand. Gleichzeitig beauftragte er Richard von Ilchester damit, Darlehen bei dem Templerorden zu erwirken. Heinrich mochte die Templer zwar nicht, erkannte aber, dass er nun ohne ihre Hilfe keine Chance hätte. Er selbst verpfändete sogar seinen eigenen Besitz, darunter das diamantbesetzte Prunkschwert.
"Holt mir die Brabanter, bevor sie der König von Frankreich oder Philipp von Flandern holt", befahl er.
Am 12. August hatte er sein Heer zusammengestellt. Dann stieß er gegen den Feind vor. Dabei wandte er die Taktik an, die Cäsar schon so erfolgreich angewendet hatte: Schnelligkeit.
In nur sieben Tagen erreichte er Saint-James de Beuvron. Bei Verneuil, Drincourt und Dol stellte er seine Überlegenheit unter Beweis und schlug die Aufständischen Truppen. Schnell brachte er die
Normandie wieder unter seine Kontrolle. Danach wandte er sich dem Poitou zu. Für ihn stand fest, dass nur Eleonore in der Lage war, einen so gut organisierten Aufstand zu entfachen. Und man mußte die Schlange am Kopf abschlagen, wenn man sie besiegen wollte.
Der Schock über den Aufstand war seiner wiedergewonnenen Kampfeslust gewichen. Er beschloß zunächst die Burg von Faye-la-Vineuse zu belagern. Sie gehörte Raoul de Faye, dem engsten Vertrauten von Eleonore. Er konnte es sich sogar leisten, sein Heer zu teilen. Der eine Teil würde die Belagerung der Festung übernehmen, der andere Teil zog durch das Poitou und verwüstete es.

Faye-la-Vineuse, Sommer 1173

Heinrich saß auf seinem Kampfroß auf einem Hügel und beobachtete den Angriff auf die Burg. Er hatte sein Visier hochgeklappt und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Rüstung wog schwer und er mußte mit ansehen, wie seine Truppen vergeblichst gegen die Verteidigungsanlagen der Burg anrannten.
Als es schon zu dämmern begann, brach ein Feuer im Westturm aus. Es breitete sich schnell aus. Der König wußte, dass die Burg bald fallen würde und trieb sein Pferd an. Er erreichte die Burg gerade, als die Brabanter über die Mauern kletterten und die Burg erstürmten. Schon bald gaben die Verteidiger auf. Doch Raoul de Faye war nicht zu finden. Ihm war rechtzeitig die Flucht gelungen.
Sofort nachdem die Burg geschliffen war, gab Heinrich den Befehl zum Aufbruch nach Poitiers. Für Eleonore wurde die Situation kritisch. Es war schon beinahe ein Wunder, dass Heinrich in kürzester Zeit - es waren nur zehn Wochen vergangen - das Kriegsglück zu seinen Gunsten wenden konnte. Zwar war das Reich noch immer im Aufruhr und auch in England war die Situation noch nicht bereinigt, aber der Aufstand verlor deutlich spürbar an Schwung. Zum ersten mal erschien es Eleonore sicherer, wenn sie ihr geliebtes Poitiers verlassen würde.

Auf der Straße von Poitiers nach Chartres, Spätsommer 1173

Der kleine Reitertrupp von Poitevinern preschte die Straße entlang nach Chartres. Offenbar versuchten sie schnellstens das Gebiet des französischen Königs zu erreichen.
Der aufwirbelnde Staub hatte die Aufmerksamkeit des brabantischen Söldnerhauptmanns erregt, der mit seiner Truppe nur unweit das Gebiet durchstreifte. Schließlich gab er den Befehl den Trupp gefangenzunehmen. Sie ritten den Poitevinern entgegen und schnitten ihnen den Weg ab.
Als die Poiteviner die Brabanter sahen, zogen sie ihre Schwerter. Doch jeder Widerstand war zwecklos. Die Brabanter waren zu viele. Nachdem zwei der Poiteviner erschlagen am Boden lagen, gaben die anderen auf.
Man fesselte die Gefangenen. Plötzlich rief einer der Söldner den Hauptmann zu sich.
"Was hast Du, Soldat?" fragte er.
Dieser deutete nur auf einen der Gefangenen. Es war eine Frau in Männerkleidung.
Der Hauptmann erkannte sie sofort. Er pfiff durch die Zähne. "Ich bin überrascht Euch hier in diesem Aufzug zu sehen. Dort wo Ihr hinreiten wolltet ist das Gebiet des französischen Königs. Sollte das Schicksal Euch in die Arme Eures geschiedenen Mannes treiben?"
Eleonore von Aquitanien sah den Hauptmann starr und mit stolz erhobenen Hauptes an. "Ihr werdet reich belohnt, wenn Ihr mich und meine Männer freilaßt, Hauptmann."
Der Hauptmann verneigte sich und grinste spöttisch.
"Ein großzügiges Angebot, aber meine Ehre verbietet es mir. Im übrigen glaube ich, wird uns König Heinrich für Eure Gefangennahme großzügig entlohnen. So seid Ihr mir mehr wert. Aber sagt mir, ich vermisse den größten Eurer Ritter: Wilhelm de Marshal"
Eleonore lächelte müde. "Er ist längst bei meinem Sohn."
Der Hauptmann grinste zynisch. "Schade, es wäre mir eine Ehre gewesen diesen Ritter zum König von England zu führen." Dann gab er den Soldaten einen Wink, dass man Eleonore abführen sollte. Er gab den Befehl, dass sie höflichst zu behandeln sei. Nur bei einem Fluchtversuch hatten seine Männer freie Hand.
Als man dem König die Nachricht überbrachte, dass man Eleonore gefangen genommen hatte, ordnete er triumphierend an, dass man Eleonore nach Chinon bringen möge.

Kapitel 5


La Rochelle im Frühjahr 1174

Der Krieg dauerte nun fast schon ein Jahr an. Die Situation hatte sich mit der Gefangennahme von Eleonore verändert. Mit Eleonore fiel der Kopf des Aufstandes. Das Kriegsglück hatte sich, nach einem vielversprechenden Beginn des Aufstandes vom Sommer des Vorjahres, gewendet.
Heinrich hatte im Eiltempo Burg für Burg genommen. Schließlich war auch Poitiers gefallen und der Aufstand in Aquitanien war niedergeschlagen. Richard und Raoul de Faye blieb nichts anderes übrig als zu fliehen. Sie flohen zur Küste. Ihr Ziel war La Rochelle. Die Stadt war von hohen Mauern umgeben und sollte sie fallen, dann bliebe noch immer die Möglichkeit die Flucht mit einem Schiff fort zu setzen.
Es war ein wechselhafter Frühlingstag als das Heer des jungen Herzoges von Aquitanien La Rochelle erblickte.
Richard Löwenherz lenkte sein Schlachtroß auf die Mauern der Stadt La Rochelle zu.
Seine Rüstung und sein Kampfmantel waren über und über mit Staub bedeckt. Er war müde und durstig. Doch als er die verschlossenen Tore der Stadt vor sich sah, wuchs in ihm wieder der Kampfeswille.
Am liebsten hätte der siebzehnjährige Herzog seine Truppen gegen die Mauern der Stadt geführt. Doch Raoul de Faye hatte recht: Die Befestigungsanlagen waren zu stark und eine Erstürmung wäre nur auf Kosten hoher Verluste möglich gewesen. Sie hatten gehofft, in La Rochelle den müden und erschöpften Truppen eine Ruhepause zu verschaffen und ihre Kräfte zu sammeln. Doch als die Einwohner sahen, wer sich der Stadt näherte, verschlossen sie die Tore.
Portclie von Mauzè, der Befehlshaber der Stadt, ließ Richard ausrichten, dass Verräter des Königs nicht willkommen seien. Er möge sofort verschwinden.
Daraufhin war Richard in Rage geraten und vor die Mauern der Stadt geprescht und zornig gerufen:
"Unglück komme über Euch, Ihr Reichen von La Rochelle, die Ihr nur auf Euren Reichtum und Eure Privilegien baut. Eure Schätze haben Euch blind gemacht. Es kommt der Tag, an dem in Euren Häusern statt Gold Dornen sind und Brennesseln über die eingestürzten Mauern wachsen. Tue Buße, La Rochelle, damit der Herr Mitleid mit Dir habe!"
Doch die Einwohner von La Rochelle lachten ihn nur von den Mauern aus. Wutentbrannt war Richard zu seinem verbliebenen Heer zurückgeritten und befahl den Sturm auf die Stadt.
Doch Raoul de Faye hielt ihn zurück. "Herr, es ist sinnlos gegen die Mauern mit diesem Heer zu rennen. Dazu benötigen wir das dreifache, wenn nicht gar das vierfache von diesem Heer."
Grimmig erwiderte Richard: "Es sind nur die Mauern von La Rochelle, und nicht die von Konstantinopel!"
Ruhig antwortete Raoul de Faye: "Doch sie reichen aus um Euer Leben zu beenden. Oder wollt Ihr als zweiter Phyrrus in die Geschichte eingehen?"
Heftig atmend, den Zorn nur mühsam unterdrückend, stierte Richard auf die Mauern. Nur langsam beruhigte er sich wieder. Raoul de Faye hatte recht. Der Angriff auf diese Mauern war sinnlos.
Richard Löwenherz befahl abzurücken. Als Letzter wandte er den Blick von diesen Mauern ab.
Sie hofften nun, in Saintes Schutz zu finden. Doch Heinrich II. eilte in Eilmärschen nach Saintes. Richard und Raoul de Faye mussten die Stadt überstürzt verlassen, da ihnen keine Zeit mehr verblieben war, die Mauern zu befestigen und zu verstärken. In der Festung von Taillebourg fanden sie Schutz. Der Burgherr öffnete den Aufständischen die Tore und beherbergte sie. Heinrich II. verfolgte sie bis hierher. Er ließ sofort die Burg belagern. Doch Heinrich, der sich schon am Ziel sah, mußte schon bald erkennen, dass die Lage der Burg und deren Mauern einen schnellen Sieg nicht möglich machen würde.

Taillebourg, Frühling 1174

Heinrich Plantagenet saß in seinem Zelt und lauschte dem Dauerregen. Die Stimmung unter den Belagerern war schlecht. Der Regen hatte alles in eine Schlammwüste verwandelt. Die Huren im Troß, die am Rande des Lagers ihre Zelte aufgeschlagen hatten, nahmen den Söldner den letzten Sold ab.
Die ersten Krankheiten waren ausgebrochen und jeder Angriff wurde bislang von den Verteidigern der Burg zurückgeschlagen. Zu viele Brabanter waren schon gestorben, und zuviele hatten sich in den umliegenden Dörfern an der Bevölkerung gerächt. Plünderungen, Mord und Vergewaltigungen wüteten überall. Das Volk murrte und schon hatten sich die ersten Beschwerdegänger bei ihm eingefunden.
Die Bauern und Landsknechte der Umgebung sandten eine Abordnung zu ihm ins Lager und baten um Einlaß. Als man Heinrich die Gesandten ankündigte, winkte er unwirsch mit der Hand. "Eine Gesandschaft der Dörfler und Bauern der Umgebeung? Verschont mich mit diesem Gesindel."
Die Wache wollte das Zelt verlassen, als ihn Heinrich zurück rief. "Wartet, schickt sie doch zu mir. Wollen wir doch mal sehen, was sie hervorzubringen haben."
Kurz darauf betraten drei zerlumpte Bauern das Zelt. Zwei von ihnen hatten nur noch einige Zahnstümpfe; der jüngste - offenbar ihr Wortführer - hatte fast noch alle Zähne. Ihre Haare waren strähnig und ihre Kleidung war verschmutzt. Ehrfurchtsvoll - fast ängstlich - waren sie eingetreten und fielen nun auf die Knie.
Heinrich trat vor sie, gestattete ihnen jedoch noch nicht aufzustehen. "Was wollt Ihr? Wer schickt Euch?"
Der Wortführer hielt den Blick gesenkt. "König Heinrich, wir kommen zu Euch im Auftrag der Menschen in den Dörfern der Umgebung."
Heinrich hielt einen Becher Wein in der Hand. Er nahm einen Schluck. Schließlich befahl er den Dreien aufzustehen. "Was wollt Ihr?"
"Herr, wir verstehen nicht die Gründe für diesen Krieg. Wir sind ungebildet und arm. Alles was wir haben und zum Leben brauchen finden wir auf den Feldern und in den Bäumen. Das Vieh was wir haben gibt uns alles, was uns die Felder und Bäume nicht bringen können. Das man uns in Kriegszeiten unserer Habe raubt und wir um unser Leben fürchten müssen, ist wohl das Schicksal des einfachen Mannes. Doch Gott wird uns dieses Leid auf Erden mit dem Paradies belohnen. Wir ertragen tapfer was uns der Herr aufbürdet. Er liebte Hiob und Hiob mußte leiden. So werden auch wir leiden, denn wir wissen, der Herr ist mit uns. Wir haben nicht viel. Und wir können uns den Plünderungen der Soldaten nicht erwehren. Doch wir verstehen nicht, weshalb man uns, die wir nichts besitzen, auch die Ehre unserer Töchter raubt. Eure Soldaten überfallen unsere Frauen und Töchter und vergewaltigen sie. Und je länger Eure Belagerung und dieser Krieg dauern, umso schlimmer wüten sie. Heute Nacht wurde das Kind eines Bauern aus unserem Dorf vergewaltigt und brutal ermordet. Ja, ermordet. Denn was sollte ein Kind von vierzehn Jahren angerichtet haben? Wir verstehen nicht, warum Ihr uns so straft? Man sagt, Ihr seid ein harter, aber gerechter König. Wir als Eure treuen und braven Untertanen bitten Euch inständig, beendet dieses Treiben!"
Heinrich schwieg betroffen. Ein langes Schweigen entstand und die Bauern wurden nervös. Waren sie zu weit gegangen?
Heinrich wußte, dass ihn die Bauern nichts anhaben konnten. Sogar ein Aufstand der Landbevölkerung konnte ihm nichts anhaben. Aber wenn Heinrich nicht alles Ansehen verlieren wollte, mußte er diese Mißstände beseitigen und die Belagerung aufgeben. Auch er hatte schon die zunehmende Disziplinlosigkeit bemerkt. Doch allzu hartes Vorgehen konnte seinen Feldzug zum scheitern bringen. Was, wenn die Söldner sich gegen ihn erhoben? Außerdem zog es ihn nach Poitiers, wo er seine wiedergewonnene Macht, durch die Einsetzung seiner Gefolgsleute festigen wollte.
Und schließlich hatte er am Tag zuvor schlechte Nachrichten aus England erhalten. Der Aufstand in England, sowie der Einfall der Schotten, der zwischenzeitlich ins Stocken geraten war, gewann wieder an Kraft. Der Graf von Norfolk und der Großkämmerer der Normandie, Wilhelm von Tancarville, waren zu Heinrich dem Jüngeren, der zu diesem Zeitpunkt in Flandern war, übergelaufen. Wollte er England nicht verlieren, dann würde er schnellstens nach England segeln müssen.
Schließlich nickte er den Bauern zu. "Ich werde über Eure Worte nachdenken. Und nun geht."
Dies war nicht ganz die Antwort, die die Bauern erhofft hatten, doch mit Erleichterung sahen sie noch am gleichen Tag, wie man die Belagerung abbrach.

Barfleur am 08. Juli 1174

Das Meer war unruhig. Ein heftiger Wind wirbelte es auf und weiße Schaumkronen tanzten auf der Oberfläche.
Heinrich saß auf seinem Schlachtroß auf einem Hügel oberhalb des Hafens und sah hinab.
Im Hafen verlud man die Pferde, Proviant und das Fußvolk. Rechts von ihm, ebenfalls auf einem Pferd sitzend, verharrte Eleonore, bewacht von bewaffneten Reitern. Seit etwas über einem halben Jahr war sie die Gefangene ihres Gemahls. Die Monate im Turm von Chinon hatten Eleonore etwas abmagern lassen, aber keineswegs ihren Willen brechen können.
"Es ist sehr stürmisch, nicht wahr?" meinte sie mit einem spöttischen Unterton.
Heinrich, der in schwarzer Lederkluft gekleidet war, sah sie von der Seite an. "Wenn Du Dir jetzt Hoffnung machst, damit der Übersetzung nach England zu umgehen, dann muß ich enttäuschen, Eleonore. Schon einmal war ich mit Dir bei stürmischer See von diesem Hafen aus nach England gesegelt. Damals betrat ich England um ein Königreich zu erobern. Diesesmal werde ich es betreten, um es in mein Reich zurückzuführen."
"Du bist ein unverbesserlicher Optimist, Heinrich."
"Du wirst es sehen, Eleonore. Dein Aufstand ist am Ende. Gib´auf. Ich bin bereit unseren Söhnen zu verzeihen."
"Angesichts der Tatsache, dass Dir mit dem Grafen von Norfolk, Hugo Bigot, und Wilhelm von Tancarville gleich zwei bedeutende Anhänger den Rücken kehren, sehe ich die Sache anders. Und ich nehme an, dass Deine Söhne ebenso denken."
Heinrich wendete sein Pferd, so dass er ihr direkt in die Augen sehen konnte. "Möge es durch den Verrat von Bigot und Tancerville schwieriger werden, aber am Boden zerstört seht Ihr mich nicht. Ich wiederhole mich nur ungern: Ich bin bereit meinen Söhnen zu verzeihen!"
Sie ging auf sein Angebot nicht ein. Stattdessen erwiderte sie: "Verzeihen? Du bist zu großzügig. Weshalb sollten sie die Waffen strecken? Was haben sie zu verlieren. Nichts. Sie kämpfen nur um ihre Rechte. Überlaß ihnen die Macht, so wie Du sie ihnen offiziell zugestanden hast. Weshalb also, sollten sie aufgeben?"
Heinrich schüttelte den Kopf. "Ich könnte sie enterben. Das weißt Du. Noch habe ich mich zu diesem
Schritt nicht durchgerungen. Doch irgendwann ist meine Geduld am Ende. Ich bin erst zweiundvierzig Jahre alt. Und solange ich mich in der Lage fühle, zu regieren, werde ich es auch. Unsere Söhne werden lernen müssen zu warten."
"Andere sind in diesem Alter bereits tot. Du hast die Krone seit zwanzig Jahren. Es gibt nur wenige Herrscher, die solange regieren konnten."
Heinrich war nun verärgert. "Es hat keinen Zweck, Eleonore. Schweig jetzt. Wir müssen zum Hafen. Die Schiffe sind zum Auslaufen bereit."
"Natürlich", gab sie ruhig zurück, "Du würdest sie nochmals zwanzig Jahre mit Burgen und Titeln abspeisen, doch Macht würdest Du niemals abgeben!"
Sie ritten zum Hafen und gingen an Bord. Der Kapitän des Schiffes machte ein besorgtes Gesicht, wagte jedoch nicht, den König wegen seiner Bedenken anzusprechen.
Auf Befehl des Königs legten sie ab. Als die Schiffe die Hafeneinfahrt passierten, trat Heinrich vor seine Truppen und sprach ein lautes Gebet: "Herr, wenn ich Friedenspläne für die Kirche und für das Volk in meinem Herzen trage, wenn der König des Himmels in seiner Gnade beschlossen hat, dass nach meiner Ankunft in England wieder Frieden einkehren soll, so möge Er geben, dass ich wohlbehalten im Hafen lande. Wenn Er dagegen ist und beschlossen hat, mein Königreich zu züchtigen, so sei es mir niemals vergönnt, seine Küsten zu erreichen."
Keiner der Männer sprach ein "Amen" aus.
"Aus Deinem Mund klingt jedes Gebet wie eine Verwünschung", meinte Eleonore, die neben ihm stand.
Heinrich sah sie von der Seite an. Seine Augen funkelten. Er nickte den Wachen zu. "Los, bringt die Gefangene nach unten. Gleich wird es ungemütlich, und ich möchte, dass sie die Überfahrt genießen kann."
Die Wachen brachten Eleonore nach unten, während Heinrich sich neben den Kapitän postierte und an dessen Seite die Überfahrt verbrachte. Es wurde wie erwartet, eine stürmische Überfahrt. Fast wäre das Schiff mit dem König gesunken, doch es schien so, als wolle der himmlische Vater ihm noch eine letzte Chance geben. Der Sturm ließ erst am nächsten Tag nach und am Abend des 11. Juli erreichten sie Southampton.

Southampton am Abend des 11. Juli 1174

In Southampton begrüßte man den König überschwenglich. Hier hielt das Volk zu ihm und schätzte ihn. Jeder erwartete, dass der König am nächsten Tag umgehendst nach Norden ziehen würde. Zur Überraschung aller jedoch kündigte er an, zunächst nach Canterbury reiten zu wollen, und dort am Grabe von Thomas Becket Buße üben zu wollen. Es schien so, als habe sich Heinrich während der Überfahrt gewandelt. Er schien in sich gekehrter, distanzierter, vielleicht sogar abweisender.
Ranulf de Broc und mehrere andere bedeutende Ritter waren ihm entgegengeritten und luden ihn nun zu sich auf die Burg ein. Der König nahm dankbar an.
Der Burgherr hatte eine festliche Tafel vorbereiten lassen, doch Heinrich wies das vorbereitete Mahl zurück und verlangte einen Schluck Wasser und altes, trockenes Brot. Unter den Rittern, Bischöfen und Edelleuten erhob sich erstauntes Murmeln und heftiges Getuschel. Heinrich beobachtete dies schweigend. Schließlich erhob er sich und rief dem Burgherren zu: "Laßt mein Pferd satteln. Ich werde noch einen Ausritt machen. Das wird dem Pferd und mir gut tun. Alleine."
"Alleine?" fragte Ranulf de Broc erstaunt.
"Ja, alleine. Ich verbiete Euch mir zu folgen oder jemanden nach zu senden", antwortete Heinrich.
"Das ist viel zu gefährlich", protestierte einer der Bischöfe kaum hörbar.
"Die Aufständischen sind weit weg. Und mit einem Einzelnen komme ich alleine zurecht."
Der König ließ keinen Widerspruch zu. Und so ritt er alleine aus der Burg in die Richtung des Meeres.
"Was ist mit ihm?" fragten sich die Barone und Bischöfe.
"Er wirkt abwesend."
"Ist er vielleicht krank?"
"Hütet Eure voreilige Zunge. Was wir jetzt nicht gebrauchen können und nur unseren Feinden dienen würde, sind Gerüchte über eine Krankheit."
Heinrich ritt zu einem der nahegelegenen Strände. Am Strand angekommen stieg er vom Pferd, hüllte sich in seinen Mantel ein und lief am Wasser entlang. Die Sonne war nur knapp über dem Horizont und tauchte den Himmel in ein blutrotes Licht.
Heinrich fühlte sich einsam. Er war weder krank, noch hatte ihn Reue erfaßt. Einzig und allein war ihm plötzlich während der Überfahrt der Mut verloren gegangen. Sein Reich war noch immer in Gefahr und mit dem Aufstand des Grafen von Norfolk war der Ausgang des Krieges wieder offen. Trotz aller militärischen Erfolge in der Normandie und im Poitou, übermannte den König plötzlich das Gefühl völliger Einsamkeit und Isolation.
Er sah hinaus auf das Wasser, indem sich die blutrote Sonne wiederspiegelte. Sanfte Wellen umspülten seine Stiefel. Kein Laut, außer der Wellen, war zu hören. Nicht einmal ein Vogel war zu hören. Die Welt war so leise, wie es um ihn geworden war.
Eleonore haßte ihn, und seine Söhne hatten sich zum Kampf gegen ihn entschlossen. Wilhelm der Löwe, König von Schottland, hatte sich ihnen angeschlossen. Sein Reich wankte, aber es fiel nicht.
Noch nicht. Und wenn alles gut ging, was war noch zu gewinnen? Die Liebe seiner legitimen Söhne hatte er verloren. Nur noch der kleine Johann war ihm geblieben. Seine Töchter waren mit Männern in der Ferne verheiratet oder hielten zu Eleonore und ihren Brüdern. Seine Bastardsöhne Gottfried und Wilhelm, würden niemals die Krone Englands erben können, obwohl auch Wilhelm der Eroberer einst ein Bastard war. Gottfried. Wenn er an ihn dachte wurde es ihm warm ums Herz. Er liebte ihn und Gottfried erwiderte diese Liebe.
Während er den Sonnenuntergang in sich aufnahm, beschloß er, dass Eleonore niemals Gelegenheit haben sollte, seinen jüngsten Sohn, in den er nun alle Hoffnungen setzte, mit ihren Gedanken zu vergiften, und ihn gegen seinen Vater aufzuhetzen.

Canterbury am 12. und 13. Juli 1174

Eine schweigende Menge verfolgte den Einzug des Königs in Canterbury, in der Stadt, in der vor etwas mehr als zehn Jahren die Unstimmigkeiten mit dem Erzbischof begonnen hatten. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde verbreitet, welchen Zweck der Besuch des Königs hatte.
Diente die öffentliche Buße in Avranches einzig politischen Zwecken, nämlich sich vor dem Volk und der Kirche reinzuwaschen, so hatte man diesesmal das Gefühl, als führe den König wirkliche Reue an das Grab des Erzbischofs.
Heinrich betrat die Stadt zu Fuß. Barfüßig und nur mit einem Büßergewand bekleidet, schritt er zur Abtei von Christchurch, wo ihn der neue Erzbischof Richard von Dover entgegenkam. Gemeinsam betraten sie Kathedrale und stiegen zum Grab des heiligen Thomas hinab. Dort bat der König dann schließlich alleine gelassen zu werden. Die Mönche und der Erzbischof folgten dem Wunsch und zogen sich zurück. Sie ließen lediglich eine Fackel und mehrere Kerzen zurück.
Der König kniete vor dem steineren Sarg und legte seine Hände drauf. Seine Stirn lehnte an dem kalten Stein. Trotz der Jahreszeit war es in der Gruft kalt und ein Schauer lief über seinen Rücken. Ohne Nahrung und Wasser verbrachte er in dieser Haltung alleine die Nacht am Grab.
"Thomas, Thomas, was habe ich Dir angetan?" flüsterte er immer wieder. Und es schien ihm, als hörte er den Ermordeten aus dem Grabe heraus zu ihm sagen: "Weine nicht, König Heinrich. Es war der Wille Gottes. Gräme Dich nicht wegen Deinem Schmerz, wegen der Tränen. Vergib´ Deinen Söhnen, wie der Vater seinem verlorenen Sohn vergeben hat. Vergib´ Ihnen, wie der Herr Jesus, am Kreuze seinen Feinden vergeben hat."
"Ich will es gerne tun, aber die Schuld bleibt. Sie wird dadurch nicht getilgt. Ich bin ein Schuldiger. Gezeichnet für mein Leben. Mit Sünde beladen."
"Ich habe Dir vergeben, Bruder."
"Bruder?" fragte Heinrich verächtlich und vergoß Tränen der Reue. "Wie kann ich Dein Bruder sein? Wie Kain den Abel einst erschlug und sich mit Sünde bedeckte, so erschlug ich auch Dich."
"Es war Gottes Wille!"
Am nächsten Morgen, als die Messe zur Matutin begann, begab er sich vor den Altar der Kathedrale und entblößte seinen Körper. Die Mönche schritten langsam an ihm vorbei und ein jeder - es waren insgesamt siebzig Mönche - geißelte ihn.
Schließlich zog der König die Kutte wieder an und erhob sich. Draußen vor der Kirche erwarteten ihn seine Truppen. Sie eilten auf ihn zu und gaben ihm seine Kleider.
Die Mönche luden ihn zu einem Frühstück in die Abtei ein und er nahm dankend an. Nachdem er sich gestärkt hatte, zogen sie nach London. Eleonore hatte man nach Winchester gebracht. Doch schon bald wurde sie in den Turm von Salisbury verlegt, wo sie die nächsten Jahre verbringen sollte.
In London angekommen, zog er in den Palast von Westminster.
Am selben Tag gelang es Robert von Vaux, Ranulf von Glanville und Roger von Estouteville den König von Schottland, Wilhelm den Löwen, in der Burg Alnwick gefangenzunehmen. Damit brach der Aufstand endgültig zusammen. Viele sahen es als ein Zeichen Gottes an. Hatte der König nicht am Grabe des heiligen Thomas gebetet? Der Herr hatte die Seinen wieder aufgenommen! Und wer wollte sich nun noch gegen den Willen Gottes stellen?

Kapitel 6


Poitiers im September 1174

Nach der Gefangennahme des schottischen Königs brach der Aufstand in England und an der Grenze zu Schottland binnen weniger Tage zusammen. Heinrich, den die Nachricht von der Gefangennahme Wilhelms neue Kraft und Energie gab, hatte all seinen Kampfesmut wiedergewonnen. Umgehend widmete er sich wieder dem Festland und setzte über.
Noch in der Normandie erreichte ihn die Botschaft des französischen Königs, mit der Bitte, um Frieden. So kam es also, dass nun seine Söhne alleine dastanden. Das Glück war wieder auf seiner Seite.
Richard erkannte als erster, dass weiterer Widerstand sinnlos war. Als er hörte, dass sein Vater in Poitiers angekommen war, ritt er ohne Waffen zu ihm, um sich zu unterwerfen.
Heinrich erwartete seinen Sohn im großen Saal der Burg. Boten hatten seinen Sohn angekündigt. Heinrich befahl seinen Sohn gebührend zu empfangen. Man schmückte die Stadt mit Fahnen und Wimpeln; Banner wehten von den Türmen.
Richard trat bewaffnet und in voller Rüstung vor seinen Vater. Zahlreiche Barone und Prälaten hatten sich versammelt und sahen dem Herzog von Aquitanien entgegen. Mit versteinerter Miene und ohne sie eines Blickes zu würdigen, schritt er vor seinen Vater.
"Vater, mein König", sagte der junge Herzog, "ich unterwerfe mich Eurer Gewalt und bekenne mich des Verrates an Euch schuldig. Demütig bitte ich Euch um Vergebung. Ich habe gesündigt. Doch nun habe ich meine Fehler erkannt und bereue. Ich will Euch ein guter Sohn und treuer Vasall sein. Laßt mich Euch dienen und vergebt mir, denn ich bereue aus ganzem Herzen."
Mit diesen Worten gürtete er sein Schwert ab und warf es seinem Vater vor die Füße. Dann sank er auf die Knie und senkte den Kopf.
Heinrich ergriff seinen Sohn am Arm und zog ihn hoch. Lange sah er ihm in die Augen. Richard bereute wirklich. Von dem Augenblick ergriffen und in Gedenken an die Nacht von Canterbury sprach er laut, so dass es alle hören konnten: "Mein Sohn, Herzog von Aquitanien. Ich vergebe Euch. Ihr seid jung und standet unter einem schlechten Einfluß. Euch trifft keine Schuld. Ich nehme Euch mit Freude in meinem Herzen auf."
Damit machte der König allen deutlich, wen er für die wahre Schuldige hielt. Damit besiegelte sich auch das Schicksal von Eleonore.
Eine Woche später unterwarfen sich ihm auch seine anderen beiden Söhne Heinrich und Gottfried, die erkannten, dass sie ohne Ludwig und Richard und ohne die Unterstützung aus Schottland keine Chance haben würden.
Heinrich der Jüngere wurde von seinem ergebenen Ritter Wilhelm de Marshal begleitet. Wie Richard fielen auch er und Gottfried vor dem Vater auf die Knie und baten um Vergebung. Bedeutete die Niederlage der Söhne für die aquitanischen Barone der Anbruch schlechter Zeiten, so verwunderte es niemanden, dass sich manche Barone nicht zur Kapitulation einfanden. In Briefen beschworen sie ihre Reue und Treue. Heinrich kannte die aquitanischen Barone inzwischen nur zu gut, um zu wissen, dass er nicht allzu viel auf ihre Beteuerungen geben konnte. Heinrich fest entschlossen, seinen Söhnen keine Gelegenheit mehr zu bieten für eine Wiederholung des Aufstandes.
Er verlangte von ihnen, in einem Abkommen dies zu besiegeln. Der Aufstand und der Kriegsverlauf hatten ihm gezeigt, dass er besonders auf seinen zweitältesten Sohn, Richard, achtgeben mußte.
Heinrich beschloß die Macht des jungen Herzogs zu beschneiden. Richard schien ihm weitaus gefährlicher zu sein, als Heinrich der Jüngere.
Am 08. Oktober schlossen sie in Falaise einen Vertrag, der zwar Richard Aquitanien ließ, aber unter die Oberhoheit des Königs stellte. Desgleichen wurde Porteclie von Mauzé - der Richard die Tore von La Rochelle nicht geöffnet hatte - Seneschall von Aquitanien. Außerdem erhielt er nur noch die Hälfte der Einkünfte. Im Gegenzug wurde ihm jedoch vom König eine Menge Privilegien zugesichert.
Richard Plantagenet, genannt Löwenherz, blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend diesen Vertrag zu akzeptieren.
Weihnachten hielt Heinrich zusammen mit seinen Söhnen gemeinsam Hof in Argentan.
Er hatte ihnen befohlen in Argentan zu erscheinen, da er ihnen mißtraute. Waren sie in seiner Nähe, dann wußte er sie unter seiner Kontrolle. Sie gehorchten ihm ohne Widerspruch und erschienen.
Eleonore jedoch war nicht dabei. Nur zu deutlich wurde dem Hof bewußt, dass Eleonore bei Heinrich nicht mehr in der Gunst stand. Und so verwunderte es niemanden an Heinrich´s Seite Rosamunde zu finden.

Weihnachten in Argentan 1174

Das Gesprächsthema unter den Hofdamen, Baronen und Bischöfen war nicht das Verhältnis der Söhne zum Vater, sondern das Verhältnis zwischen Margarete, der Frau des jungen Königs, und Wilhelm de Marshal.
Es war unverkennbar, dass Margarete gefallen an Wilhelm hatte. Wann immer sich die Gelegenheit bot mit ihm ins Gespräch zu kommen, nutzte sie diese. Und Wilhelm schien dies nicht unangenehm zu sein. Vielleicht mochte er es sogar, denn er schien das Geflüster und die warnenden Stimmen in seiner Umgebung nicht zu hören.
Heinrich II. beobachtete dies mit Argusaugen. Er war weniger daran interessiert, ob Wilhelm mit der jungen Königin schlief oder nicht. Vielmehr sah er darin die Gelegenheit die Beziehung zwischen seinem ältesten Sohn und Wilhelm zu spalten. Einen so tapferen und tüchtigen Ritter, treu und loyal, fand man selten am Hofe. Eines Abends beobachtete Heinrich II., wie seine Söhne im großen Saal in ein tiefes Gespräch verwickelt waren. Ihr Blick fiel des öfteren auf Wilhelm de Marshal, der mit dem Bischof von Lincoln, dem Bastardsohn Heinrichs, Schach spielte.
Gottfried von Lincoln bemerkte die Blicke der Halbbrüder und meinte kaum hörbar zu Wilhelm: "Offenbar seid Ihr der Mittelpunkt eines Gespräches zwischen meinen Halbbrüdern. Seht nicht so offen hin, Ihr Narr! Könnt Ihr Euch denn nicht denken, über was sie reden?"
Wilhelm de Marshal war erstaunt und sah Gottfried von Lincoln fragend an. Dieser schlug mit seinem Pferd den Turm.
"Wirklich nicht? Seid Ihr blind und taub? Alle Welt spricht von Eurem Verhältnis zur Königin Margarete", zischte der Bischof und Kanzler.
"Von welchem Verhältnis sprecht Ihr?"
"Ihr wollt ich wohl zum Narren machen? Glaubt Ihr ich würde des Nachts vor Eurer Türe Wache stehen? Das brauche ich wohl kaum, so offensichtlich ist das alles."
Nun wurde Wihlem de Marshal wütend. "Verdammt, was meint Ihr? Wollt Ihr mir unterstellen, die Königin wäre mit mir untreu?"
"Jedenfalls erzählt man es sich so. Ich hoffe für Euch, dass es so und nicht anders herum ist. Wenn man die Königin in ein Kloster senden würde, wäre dies nur ein geringer Verlust. Müßte man Euch ins Kloster schicken, würde ein großer Krieger verloren gehen."
Wilhelm war sprachlos. Er achtete gar nicht mehr auf das Schachspiel.
"Schach. Und ich weiß nicht, wie Ihr Euch aus dieser Lage befreien wollt!" meinte der Bischof.
"Aber das alles ist ein Irrtum. Verleumdung. Die Königin hat mir lediglich nach dem letzten Turnier im Herbst den mir zustehenden Siegerkuß gegeben. Das war alles."
Gottfried von Lincoln sah auf. "Erzählt das nicht mir. Den jungen Heinrich müßt Ihr überzeugen."
Wilhelm stand plötzlich auf. Er wollte zu Heinrich dem Jüngeren gehen. Doch im letzten Moment überlegte er es sich anders und lief nach draußen. In dieser aufgehitzten Stimmung wollte er nicht vor Heinrich treten.
Richard, Gottfried und Heinrich der Jüngere hatten den plötzlichen Aufbruch erstaunt beobachtet. Sofort eilte Heinrich der Jüngere hinterher. Und auch Heinrich II. begab sich schnell zu einem der Ausgänge. Er mußte vor seinem Sohn bei Wilhelm sein. Und tatsächlich fand er Wilhelm auf der Mauer am Westturm. Wilhelm war so in Gedanken versunken, dass er den König nicht hörte und erschrocken herumfuhr, als der König ihn an der Schulter ergriff.
Heinrich II. bemerkte, wie die Hand Marshals zu seinem Dolch fuhr, dort jedoch verharrte. Es war bitterkalt und der Atemhauch tanzte vor ihren Gesichtern. Der Schnee knarrte unter ihren Stiefeln. Sie hörten Schritte und noch ehe sie ihn sahen, wußten sie, dass es Heinrich der Jüngere war. Atemlos blieb er vor ihnen stehen. Seine Augen wanderten hin und her. "Was geht hier vor?"
Wilhelm hatte eine trockene Kehle und konnte nur mühsam sprechen. Ohne Umschweife fragte er: "Glaubt Ihr diesen Gerüchten?"
Peinlich berührt zuckte Heinrich der Jüngere die Achseln. "Ich weiß es nicht. Doch es sind zu viele."
Heinrich II. griff in das Gespräch ein. "Die Gerüchte sind kaum noch zu überhören, Wilhelm. Auch wenn Ihr es jetzt bestreitet, so lastet auf Euren Schultern nun ein schweres Schild."
"Aber es ist nicht wahr. Ich habe Euch nicht verraten", protestierte Wilhelm heftig.
"Könnt Ihr das beweisen?" fragte Heinrich der Jüngere herausfordernd.
"Wie sollte ich das? Verzeiht mir, aber Ihr liegt doch an der Seite der Königin. Wie sollte ich etwas beweisen, was Ihr nicht beweisen könnt."
Heinrich der Jüngere wandte sich mit verkniffenen Gesichtszügen ab. Inzwischen hat es zu schneien begonnen. "Dann kann nur ein Gottesurteil den Beweis liefern."
Heinrich II. hatte dies geahnt. "Nein, das werde ich nicht zulassen. Kein Zweikampf. Du weißt so gut wie jeder hier, dass Deine Waffenkünste zwar eines Ritters und Königs würdig sind, doch Wilhelm ist der beste Ritter im ganzen Land. Ich kann und werde es nicht zulassen, dass Ihr Euch einem Gottesurteil unterwerft."
"Ihr verweigert mir Genugtuung und den Beweis?" rief Heinrich der Jüngere erbost aus.
"Ich muß es tun. Ihr seid der Erbe meiner Krone. Und warum sollte ich Wilhelm keinen Glauben schenken. Sein Ruf ist tadellos. Er hat recht: Warum verlangst Du einen Beweis, wenn Du nicht in der Lage bist einen Beweis zu erbringen?"
Heinrich der Jüngere schluckte. "Ich glaube, ich kenne den wahren Grund. Ihr habt Margarete noch nie gemocht. Die Vorstellung, dass die englische Krone eines Tages auf dem Haupt einer Capet sitzt, ist Euch zuwider. Stattdessen seid ihr bereit mit dem Makel zu leben."
"Ganz recht, mein Sohn," meinte Heinrich II. schließlich. Seine Gesichtszüge hatten sich versteinert. "Ich halte es für das Beste, wenn Marshal Euch eine gewisse Zeit verläßt. Entlasst ihn aus den Diensten. Damit ist Deinem Ruf gedient und Marshal auch. Er wird sich vom Hof entfernen. Und Deine Gemahlin behält so die Krone Englands."
Heinrich der Jüngere dachte nach. In der Tat war dies die beste Lösung. Schließlich stimmte er zu.
Doch Wilhelm de Marshal war mit der Lösung nicht einverstanden. "Mein König, meine Ehre wurde besudelt. Gebt mir die Möglichkeit meine Ehre wieder herzustellen. Ich ahne wer böses gegen mich hegt und diese Gerüchte in den Umlauf gebracht hat. Laßt ihn mich zu einem Zweikampf auffordern."
Heinrich II. sah ihn streng an. "Nein, auch ich weiß wer Euch schaden will. Ihr werdet ihn sicherlich auf manchen Turnieren begegnen. Dort werdet Ihr Gelegenheit dazu haben. Doch es ist die Zeit an der die Menschen der Geburt des Herrn Jesu gedenken. Nicht noch einmal soll mein Name unter den Baronen und Prälaten mit einem Blutzoll zu dieser heiligen Zeit verbunden sein. Und nun geht."
Wilhelm de Marshal preßte die Lippen zusammen und nickte. Er verbeugte sich und entfernte sich.
Noch am gleichen Abend befahl Wilhelm de Marshal seinen Knappen zu sich. Er befahl ihm zu packen und die Pferde zu satteln. Dann begab er sich zu den Gemächern des Königs, wo er noch arbeiten würde und bat die Wache um Einlaß.
Der König saß hinter seinem Arbeitstisch und unterzeichnete einige Dokumente, die ihm sein Kanzler vorgelegt hatte. Es war schon nach Mitternacht, doch man war es von Heinrich gewohnt, dass er bis spät in der Nacht vor Dokumenten und Briefen saß. Rosamunde de Clifford hatte sich bereits zurückgezogen.
"Was kann ich für Euch tun, Wilhelm?" fragte der König und legte die Feder zur Seite.
"Ich bitte Euch mir die Erlaubnis zu geben, dass Land verlassen zu dürfen."
Heinrich schürzte die Unterlippe. Er hatte gehofft, Marshal würde ihn bitten, bei ihm in die Dienste treten zu dürfen. Er hätte ihm dies befehlen können, doch er wußte, dass Wilhelm dies nicht akzeptieren konnte. Seine Ehre war angekratzt und er wollte sie fernab wieder herstellen.
"Wo wollt Ihr hin?"
"Ich weiß es noch nicht. Ich habe kein Ziel."
Heinrich sah Wilhelm lange an. Er wußte, dass er ihm diesen Wunsch nicht abschlagen konnte. Schließlich erhob er sich und trat vor Wilhelm. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und nickte.

Turm von Salisbury im Sommer 1175

Es war ein heißer und sonniger Sommer. Doch hinter den dicken Mauern des Turmes von Salisbury war es kühl und angenehm. Doch wie gerne hätte Eleonore die heißen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut genossen, ihre Wärme, ihre Hitze. Doch alles dies sollte nicht sein.
Heinrich hatte sie in diesen Turm sperren lassen und ihr unmißverständlich klargemacht, dass sie den Verrat, den sie an ihm begangen hatte, büßen mußte. Er hatte ihr geschrieben. Schon oft hatte Eleonore diesen Brief gelesen und ins Feuer werfen wollen. Doch dann wurde ihr bewußt, dass es der einzige Beweis war, dass sie noch am Leben war, noch existierte.
Sie klammerte sich an diesen Brief, weil sie Angst hatte, dass sie in völlige Vergessenheit geraten würde. So wußte sie, dass Heinrich noch sehr wohl an sie dachte. Wenn auch nur im Zorn. Doch besser im Zorn als überhaupt nicht, sagte sie zu sich in der Verzweiflung. Seltsamerweise schien es so, als sei der Zorn in Heinrich erst nach der Niederschlagung des Aufstandes gewachsen. Erst nach dem Kniefall seiner Söhne schien ihm bewußt geworden zu sein, dass sie den Verrat zu verantworten hatte.
Er hatte ihr geschrieben, dass es den Söhnen nicht gestattet sei, sie zu besuchen. Auf diese Weise wollte er vermeiden, dass sie ihre Söhne erneut zu einem Aufstand aufstacheln konnte.
Eleonore, die immer lebenslustig gewesen war, das Leben trotz aller Rückschläge genossen hatte, vermeinte, geistig zu verkümmern. Sie war alleine. Ihre Söhne - allen voran Richard - fehlten ihr. Kein Troubadour, kein Lachen, kein Weinen, keine Abwechslung. Es war das triste Gefängnis, zu welchem Zweck es dienen sollte. Zwar war der Turm von Salisbury groß und weiträumig. Doch es war egal wie groß ein Gefängnis war, es würde immer ein Gefängnis bleiben.
Die meiste Zeit war Ralph Fitzstephen, ein ergebener Diener des Königs, für sie verantwortlich. Sie hatte ihn nie leiden mögen, doch im Laufe der Monate war er ihr einzigster Kontakt zur Außenwelt, und damit zum Hofe Heinrichs.
Manchmal kam er abends in ihr Zimmer oder gestattete es ihr unter Bewachung zu ihm in den großen Saal des Turmes zu kommen. Dann unterhielten sie sich über Gott und die Welt. Vor geraumer Zeit war der treue Justitiar Richard de Lucé verschieden und hinterließ in den Reihen der königlichen Ratgeber eine schwer zu schließende Lücke.
Eines Tages erzählte er ihr von einem gewissen Kardinal Uguccione, der im Auftrag des Papstes in England geweilt hatte. Obwohl sie früher an solchen Besuchen meist desinteressiert gewesen war, nahm sie während ihres Gefängnisaufenthaltes gierig jede Nachricht auf. Als Richard Fitzstephen ihr dann noch erzählte, dass sie, Eleonore, bei den Gesprächen zwischen dem König und dem Legaten eines der wichtigsten Themen war, horchte sie auf und runzelte die Stirn.
"Ich? Ich verstehe nicht!" meinte Eleonore erstaunt und nippte an dem Becher Wein.
Richard Fitzstephen nickte. Er war am frühen Nachmittag von der Jagd gekommen und hatte sie rufen lassen. Im Gegensatz zu ihr, hatte er sie insgeheim wegen ihrer Schönheit immer wieder
bewundert.
"Ja, König Heinrich will sich von Euch scheiden lassen. Doch der Papst hatte dies entschieden abgelehnt. Dagegen hat Heinrich über die Bischöfe Protest erhoben. Er vertrat die Meinung, dass es nicht zumutbar sei mit einer Verräterin verheiratet zu sein."
Eleonore zuckte bei diesen Worten zusammen. Damit hatte sie nicht gerechnet und sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Wie sehr mußte Heinrich sie nun hassen?!
"Da seid Ihr überrascht, nicht wahr?" fragte er nach.
Eleonore schwieg. Schließlich fuhr Fitzstephen fort: "Er hat Euch den Verrat nie verziehen und betrachtet dies als einen triftigen Grund. Jedenfalls hat Heinrich gedroht, jegliche Unterstützung im Kampf gegen die Ungläubigen zu entsagen. Gleichfalls werde kein Pfennig mehr aus England nach Rom fließen. Das konnte dem Papst nicht gleichgültig bleiben und so versprach er einen Legaten zu entsenden. Doch dessen Mandat war nur sehr eng gehalten. Also versuchte der König einen anderen Weg "
"Das....das ist jedoch kein Grund für die Kirche einer Scheidung zuzustimmen", meinte sie.
"Das ist richtig! Vor der Kirche braucht es dazu eine andere Begründung", pflichtete Ralph Fitzstephen ihr bei.
Ihre Gedanken kreisten im Kopf umeinander. Wie wollte Heinrich eine Scheidung begründen? "Mit welcher Begründung?" fragte sie heiser und nahm einen kräftigen Schluck Wein.
"Zu nahe Verwandschaft", antwortete er.
Sie lachte hämisch auf. "Natürlich, was sonst?! Darauf hätte ich kommen müssen", meinte sie bitter. Eine Heirat mit Rosamunde de Clifford konnte nicht nur Ihr Ende, sondern auch das ihrer Söhne bedeuten. Sollte aus dieser Verbindung ein Sohn zur Welt kommen, würde dies eine Änderung der Erbfolge bedeuten. Niemals würde Heinrich dann noch seinen ältesten Sohn als Erben einsetzen. Die Barone und Prälaten konnte man leicht vom Eid entbinden. Natürlich würden dies die Söhne nicht akzeptieren, doch der letzte Aufstand zeigte nur zu deutlich, dass Heinrich militärisch immer noch ein großer Feldherr war. Und ihre gemeinsame Verwandschaft begründete sich vermutlich in dem Verwandschaftsverhältnis zu der alten Äbtissin von Fontevrault.
Richard Fitzstephen erriet ihre Gedanken. "Nun, ich kann Euch trösten. Das Verwandschaftsverhältnis zur Äbtissin von Fontevrault erschien dem Legaten nicht nah genug. Er ist in keinster Weise darauf eingegangen, und wieder nach Rom zurückgekehrt. Da half es dem König auch nicht, dass er ihn mit ein paar wertvollen Geschenken zu bestechen versuchte. Er soll ihm ein paar prächtige Pferde geschenkt haben."
Eleonore sah nach draußen in den Garten der Burg. Vögel flogen zwischen den Ästen der Äpfelbäume hin und her, und zwitscherten fröhlich. "Er hat es wegen dieser Clifford getan, nicht wahr?" fragte sie beinahe abwesend, geradezu entrückt.
Richard Fitzstephen nickte. "Ja", bestätigte er, "er will die schöne Rosamunde heiraten. Das kann er nun nicht."
"Die schöne Rosamunde? Nennt man sie jetzt so?"
Richard Fitzstephen war verlegen. Er hätte sich am liebsten selbst die Zunge abgebissen. Leise
bestätigte er es.
Plötzlich schien Eleonore wieder hellwach zu sein. Sie sah auf den Becher Wein in ihren Händen und stellte ihn auf den Tisch. Sie schüttelte sich und kalter Angstschweiß kroch ihr den Rücken hinab.
Richard Fitzstephen folgte ihrem Blick und mußte lächeln. "Ihr braucht keine Angst zu haben, der Wein ist nicht vergiftet. Soweit wird der König noch nicht gehen. Ich vesichere Euch, Euch kann nichts geschehen."
Sie hob den Blick und sah ihn an. "Noch nicht. Das habt Ihr gesagt, noch nicht."


Juni, 1175

Heinrich II. war über die mißlungen Pläne und Verhandlungen mit dem Legaten so erbost, dass er erneut gegen den Papst wetterte. Er beauftragte Arnulf von Lisieux nach Rom zu reisen und vom Papst die Scheidung zu erwirken. Mit welchem Mittel auch immer Gleichzeitig befahl er den Bischöfen des Reiches, den Papst mit Briefen zu überschütten. Doch Heinrich befand sich in der schwächeren Position. Zwar war der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa erneut nach Italien gezogen, doch sein Heer war zu klein um den Papst ernsthaft zu gefährden. Der Papst konnte sich also eine unnachgiebige Haltung gegenüber den englischen König erlauben.
Für alle völlig überraschend zog der achtzehnjährige Richard in Aquitanien und im Poitou im Juni gegen all diejenigen zu Felde, die sich während des Aufstandes gegen seinen Vater gestellt hatten.
Viele behaupteten, dass sein Vater ihn dazu nötigte, um seine Treue zu beweisen. Andere sahen darin ein reines politisches Kalkül. Vermutlich traf beides zu. Auf jeden Fall war man über die Nachrichten erstaunt, die vom Festland her eintrafen.
Zwei Monate belagerte er die Burg von Agen, in der sich Arnaud von Bouteville, Herr von Puy de Castillon, verschanzt hielt. Als Richard die Burg schließlich eroberte, war er über den so lange geleisteten Widerstand so erzürnt, dass er die Burg vollständig zerstören ließ.
Auf seinem Feldzug eroberte er mehrere Burgen. Schließlich eroberte Richard mit den brabantischen Söldner auch die Stadt Limoges, die Stadt in der man ihm die Herzogskrone von Aquitanien aufgesetzt hatte. Der Feldzug dauerte bis in den Frühjahr des nächsten Jahres hinein.

April 1176 vor Chateauneuf

Heinrich der Jüngere war im April von einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in Honfleur eingetroffen. Seine Frau Margarete hatte den einundzwanzigjährigen König begleitet. Das Verhältnis zwischen dem jungen Königspaar hatte sich mit dem Weggang von Wilhelm de Marshal deutlich abgekühlt.
Von Wilhelm de Marshal hörte man nur, dass er durch die Lande zog und hier und dort an einem Turnier teil nahm, welches er meist gewann. Nur eine Krankheit konnte ihn besiegen. Kein Ritter schien ihm ebenbürtig zu sein.
In Honfleur hörte Heinrich der Jüngere, dass sein Bruder Richard die Burg von Chateauneuf belagerte. Die militärischen Erfolge des Herzoges waren überall in aller Munde und Heinrich fühlte sich gekränkt. Sein Ehrgeiz wurde angestachelt. Überall sprach man vom Ruhm seines Bruders. Er selbst war nur noch selten das Gesprächsthema und ihn übermannte das Gefühl der Hilflosigkeit. Die Krone Englands war ihm so fern wie nie und die Heiratspläne seines Vaters beunruhigten ihn auch.
Aber nicht jeder sprach mit Bewunderung über Prinz Richard. Etliche Adlige fühlten sich von Richard verraten. Einst hatten sie ihm beigestanden und während des Aufstandes an seiner Seite gekämpft, und nun richtete er das Schwert gegen sie.
Doch es genügte Heinrich dem Jüngeren überall von den Erfolgen seines Bruders zu hören, um den Entschluß zu fassen, sich an der Belagerung von Chateauneuf zu beteiligen und somit auch zu Ruhm zu kommen. So schnell es ging ritt er nach Chateauneuf. Er sandte Boten voraus, die seine Ankunft ankündigten.
Richard erfaßte schnell den Grund von Heinrichs Anwesenheit und ritt ihm entgegen. Wenige Meilen vor dem Lager trafen sie aufeinander. Die Begrüßung war kühl und distanziert.
"Seid gegrüßt, Bruder", rief Heinrich aus und näherte sich auf seinem Pferd seinem Bruder auf eine Armeslänge.
"Seid gegrüßt, Bruder. Was führt Euch hierher und verschafft mir die Ehre? Wie ich sehe seid Ihr in voller Rüstung. Ich dachte Ihr kommt von einer Pilgerreise."

"Ich dachte, ich könnte mich an der Belagerung beteiligen, nachdem Ihr nun die Burg schon eine ganze Weile belagert. Mir scheint, Ihr habt zuwenig Truppen und benötigt Hilfe."
"Da irrt Ihr Euch, Bruder", erwiderte Richard, "ich brauche Eure Hilfe nicht. Reist weiter nach England und berichtet unserem Vater von der Pilgerfahrt. Vielleicht hat sie etwas genutzt."
Heinrich lief rot an. "Reichlich hochnäsig, Herzog", erwiderte Heinrich wütend, "doch wie soll ich diese Bemerkung verstehen?"
"Unser Vater kann göttlichen Beistand gut gebrauchen."
Heinrich der Jüngere runzelte fragend die Stirn. "Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr klar sprechen würdet."
"Sagt, wißt Ihr es noch nicht?" fragte Richard "Rosamunde von Clifford ist seit Anfang des Jahres sehr krank und lebt zurückgezogen im Kloster Godstow."
Ein verräterisches Aufblitzen in den Augen des jungen Königs war zu sehen. "In der Tat erfahre ich erst jetzt davon, doch was soll mich das berühren? Es nutzt uns nur, wenn die schöne Rosamunde nicht mehr an der Seite des Königs ist. Und nun geleitet den König von England in Euer Lager und gewährt ihm Gastfreundschaft. Ich habe Durst und bin hungrig."
Richard sah Heinrich wütend an. Er dachte nicht daran, Heinrich bei sich aufzunehmen, doch ihm blieb wohl nichts anderes übrig.
Sie ritten gemeinsam ins Lager und widerwillig nahm Richard seinen Bruder auf. Nachdem sich Heinrich der Jüngere gestärkt hatte, inspizierte er die Lage. Richard begleitete ihn nur zögernd. Als sie sich schließlich weit genug vom Lager entfernt hatten und niemand ihr Gespräch hören konnte, zügelte Richard sein Pferd und stieg ab.
"Was ist?" fragte Heinrich der Jüngere verwundert und hielt sein Pferd neben Richard. Dieser trat an ihn heran und ergriff den Zügel von Heinrichs Pferd.
"Hier sind wir unter uns", erklärte Richard, "und nun erzähl´ mir, was Dich verdammt nochmal hier her geführt hat? Doch nicht sicherlich alleine die Bruderliebe."
Heinrich der Jüngere sah ihn wütend an. "Was zum Teufel, glaubst Du? Deine Erfolge drangen bis an den königlichen Hof von Navarra und Kastilien, wo ich zu Gast war. Du hast einen ehemaligen Verbündeten nach dem anderen geschlagen und unterworfen. An den Königshöfen spricht man von den großartigen Erfolgen des Richard Löwenherz. Es ist nicht der Name, den man Dir gegeben hat, der mich hierher trieb, sondern wie sie es ausgesprochen hatten. Sie sprachen ihn nicht aus, als würden sie vom Herzog von Aquitanien reden, sondern vom König von England."
Richard verzog das Gesicht. "Der König bist Du, also was fürchtest Du? Dass ich Dir die Krone streitig mache? Du wurdest gekrönt. Deinetwegen haben sich die Fürsten erhoben, Deinetwegen hat der schottische König einen Krieg mit unseren Vater begonnen. Deinetwegen habe ich den Aufstand unterstützt gehabt. Weshalb sollte ich Dir also gefährlich sein?"
Heinrich schnaubte verächtlich. "Wir haben unserer Mutter wegen gekämpft. Sie hat uns für ihre Interessen mißbraucht. Was tust Du hier? Du führst Krieg gegen all jene, die für mich gekämpft haben. Du schaltest einen nach dem anderen aus. Vielleicht willst Du so auch mich ausschalten!"
"Dies ist nicht meine Absicht", erwiderte Richard heftig, "das weißt Du genauso gut wie ich. Vater hat dies von mir verlangt. Auch wenn er es so nicht gesagt hat, so stellte er auf diese Weise meine Treue zu ihm auf die Probe."
"Und dafür hast Du gekämpft?" fragte Heinrich spöttisch.
"Egal, für was ich gekämpft habe. Aber ich habe ihm in Poitiers und im Vertrag von Falaise die Treue geschworen. Auf den Namen Gottes. Vor Gott und der heiligen Kirche habe ich diesen Eid geleistet. Und nur darum bin ich hier."
"Man spricht nichts Gutes über die Plantagenets. Man erzählt sich, sie seien habgierig, machtbesessen und verschlagen. Am allerwenigsten seien sie gottesfürchtig. Der Blick in die Vergangenheit sagt mir, das daran etwas Wahres ist. Warum sollte ich Dir also trauen?" fragte Heinrich und entriß Richard die Zügel und ritt los.
Richard sah seinem Bruder hinterher. Schließlich saß er wieder auf und folgte ihm.
In den darauffolgenden Tagen versuchten die Brüder sich gegenseitig mit mutigen und tollkühnen Taten zu übertrumpfen. Schließlich war es Richard, der bei der Erstürmung der Burg vor Heinrich die Mauern bestieg. Ehrfürchtig sprach man an den Lagerfeuern vom mutigen Löwenherz und schürte so unbewußt die Eifersucht des jungen Heinrichs. Am 19. April verließ er Richard im Zorn und ritt nach Rouen.
Richard war zwar verärgert, besaß jedoch eine so positive Lebenseinstellung, dass er den Streit schon bald wieder vergessen hatte. Schon bald sollten ihn ganz andere Sorgen umschwirren.
Der Winter war ungewöhnlich lange gewesen und ein starker Frühjahrssturm und heftige Regenfälle verwüsteten das Land und zahlreiche Häuser. Überall hungerten die Menschen. Heinrich II., der durch einen Brief von der katastrophalen Versorgungslage erfuhr, sandte umgehendst Schiffe mit Proviant in das Anjou und Maine. Doch es genügte nicht, so dass die Menschen wie Fliegen an Hunger starben. So kam es, dass viele Wilderer in den königlichen Wäldern gefaßt wurden. Trotz der Not war Heinrich fest entschlossen hart durchzugreifen. Zahlreiche Wilderer wurden gehängt. In nur wenigen Fällen fanden sie Gnade und kamen mit drakonischen Geldstrafen davon.

Westminster-Palast im August 1176

Heinrich Plantagenet II. hatte die Krankheit seiner geliebten Rosamunde schwer getroffen. Die Botschaften aus dem Kloster Godstow waren besorgniserregend. Sie führten dazu, dass er nur noch schwer zu erheitern war. Sein Haar ergraute an den Seiten und die Jahre des Kämpfens, der Entbehrungen und Enttäuschungen gruben sich in sein Gesicht. Hatte er zunächst nur wenig zu Essen zu sich genommen, so speiste er nun reichlich und viel. Unter seinem Wams setzte er Fett an und sein Bauch begann sich zu runden. Er hatte Rosamunde von ganzen Herzen geliebt. Doch nun schien es so, als sollte das Schicksal sie voneinander trennen. Vorübergehend verlor Heinrich jegliches Interesse an Frauen und Kopulation mit ihnen. Doch ihm war bewußt, dass dies nur ein Kapitel in seinem Leben war und so widmete er sich mit aller Kraft den Heiratsplänen für seine Kinder.
Schließlich gelang es ihm, die elfjährige Johanna mit dem König des normannischen Königsreich von Sizilien, Wilhelm, zu verloben. Sie sollte im August England verlassen.
Heinrich befahl Heinrich dem Jüngeren und Richard ihre Schwester bis nach Saint-Gilles du Gard zu begleiten. Dort würde sie von einer Delegation des sizilianischen Königs abgeholt werden.
Wenige Tage vor ihrem Aufbruch bat Johanna zu ihrem Vater vortreten zu dürfen. Er war über ihren Besuch erstaunt und ging ihr entgegen.
"Was ist meine kleine Prinzessin?" fragte er und kniete nieder, so dass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte.
Sie schien traurig zu sein. Jedenfalls wirkte sie nicht so unbeschwert wie sonst. "Ich habe eine Bitte an Euch. Bevor ich England verlassen muß, um in ein fremdes Land zu ziehen und dort einen Mann heiraten muß, den ich noch nie gesehen habe, und an dessen Hof die ungläubigen Muselmanen Zutritt haben, möchte ich Euch um Erlaubnis ersuchen, Abschied von meiner Mutter nehmen zu dürfen."
Heinrich war für einen Moment sprachlos. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er erhob sich und antwortete schroff: "Nein, das geht nicht. Dazu reicht die Zeit nicht mehr. Du hast einen langen Weg vor Dir und die Zeit ist schon knapp. Du kannst Ihr schreiben. Ich werde dafür sorgen, dass der Brief Deine Mutter erreicht."
Die königlichen Ratgeber atmeten tief durch. Es war eine harte Entscheidung, eine zu harte Entscheidung wie sie fanden.
Johannas Augen füllten sich mit Tränen. "Bitte", sagte sie leise.
"Nein", erwiderte der König knapp.
Da trat Richard von Dover, der Erzbischof von Canterbury, auf den König zu und ergriff ihn am Arm. "Majestät, warum diese grausame Entscheidung. Es ist ein Kind, was Euch darum bittet. Es kann nichts dafür, dass die Königin Euch verraten hat. Gewährt Eurer Tochter den Wunsch. Zeigt
Euch barmherzig."
Auch sein Kanzler, Gottfried, der Bischof von Lincoln, bat den König um Nachsicht. "Eleonore ist doch für Euch keine Gefahr mehr. Auf ihre Söhne hat sie keinen Einfluß mehr. Fürchtet Ihr Euch vor dem Einfluß auf ein elfjähriges Kind?"
Heinrich sah zu seiner Tochter. Dann fiel sein Blick auf Johann, seinem jüngsten Sohn, der Johanna von all seine Geschwistern am liebsten hatte. Dieser sah ihn vorwurfsvoll und verständnislos an.
Heinrich schwankte zwischen den Rachegefühlen und Gnade. Er wollte es einfach nicht, dass Eleonore in den Herzen der Kinder einen Platz hatte. Doch offenbar empfanden sie völlig anders als er.
Schließlich nickte er. "Na, gut", sagte er, "Dein Wunsch sei Dir gewährt."

Im Turm von Salisbury, August 1176

Eleonore schloß ihre Tochter innig in die Arme. Ihre Augen füllten sich mit Freudentränen. Sie küßte ihre Tochter auf die Wangen und streichelte ihr Haar. Sie dankte Gott für die Gnade Heinrichs von ihrer Tochter Abschied zu nehmen.
Auch Johanna weinte, doch es war die Angst vor einem unbekannten, fernen Land und fremden Leuten.
Eleonore tröstete sie: "Hab´ keine Angst. Sizilien und Palermo wird Dir gefallen. Die Paläste sind groß, schön und reich. Das Klima ist angenehm."
"Aber die Sarazenen, die Ungläubigen, leben doch dort", widersprach Johanna mit tränenerstickter Stimme.
"Und?" fragte Eleonore, "Auch die Muselmanen sind Menschen. Glaube mir. Sie haben viele Gelehrte, Ärzte und kluge Leute. Sie verfügen über ein Wissen, das dem unseren weit überlegen ist. Du wirst sehen und viel lernen."
"Hast Du schon Muselmanen gesehen? Sie sollen alle ganz schwarz sein."
Eleonore lachte. "Manche sind es, die meisten jedoch nicht. Sie haben nur dunklere Hautfarbe als wir. Ja, ich habe schon viele Muselmanen gesehen. In Konstantinopel gab es viele Händler."
"Aber sie sind Feinde aller Christen und sollen sie gar essen."
Eleonore konnte nicht anders und mußte lachen. "Aber nein. Das sind Märchen. Und weißt Du, manchmal denke ich, dass sich ihr Gott von unserem Gott nur wenig unterscheidet."
"Aber Mutter, was sagt Ihr da? Seid Ihr eine Ketzerin?"
"Nein, ich glaube an den Herrn Jesus Christus. Doch Du wirst Dir ein eigenes Urteil bilden können. Gehe unbesorgt nach Palermo und sieh Dich um."
Johanna schien etwas beruhigter zu sein. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm sein. Vielleicht hatte ihre Mutter recht.
Sie verließ Salisbury unter Tränen und wurde auf das Festland gebracht, wo sie von ihrem Bruder Heinrich erwartet wurde. Er übergab Johanna schließlich an Richard. Bei ihrem Zusammentreffen verloren sie kein Wort über den Streit von Chateauneuf. Vergessen schien der Streit zu sein.
Die Trennung von Heinrich war nicht weniger tränenreich, wie die von ihrer Mutter oder von Richard, der Johanna schließlich in Saint-Gilles du Gard an die normannischen Sizilianer übergab.
Sie brachten sie nach Sizilien, wo sie am 09. November in Palermo König Wilhelm heiratete.

Weihnachten 1176

Heinrich hielt zusammen mit seinen Söhnen Heinrich, Gottfried und Johann Hof in Nottingham. Richard hielt zu Weihnachten seinen eigenen Hoftag ab. Richard der seinen Feldzug gegen die ehemaligen Verbündeten fortgesetzt hatte, nahm diesen Feldzug als Anlaß, einen eigenen Hoftag in Bordeaux abzuhalten. Er entzog sich der Teilnahme des Hoftages in Nottingham mit der Begründung, dass es für seine Mission - und damit für die des Vaters - im südlichen Aquitanien gefährlich wäre, würde er Aquitanien zu diesem Zeitpunkt verlassen.
Heinrich sah dies mit Argusaugen, hielt er es doch für einen Vorwand, vermochte es jedoch nicht ihm zu untersagen, da Richard ja gegen seine Feinde vorging.
Richard würde ebenso wie Heinrich der Jüngere seinen Hoftag nutzen, um seine Position wieder zu stärken. So verbrachte Heinrich das Weihnachtsfest mit einer Mischung von Sorge und Mißtrauen.
Das Weihnachtsfest war nur wenige Tage vorbei und das Fest des Heiligen Thomas nahte. Wie immer, wenn sich dieser Tag näherte, verfiel Heinrich in ein depressives Schweigen.
Es war ein harter Winter und die Landschaft war unter einer hohen Schneedecke verborgen. Er fühlte sich alt und einsam. Nur die Anwesenheit von Gottfried und seinem jüngsten Sohn Johann spendeten ihm Trost. Zwar war Gottfried erschienen, doch Heinrich wußte, dass Heinrich der Jüngere und Richard ihn zu beeinflussen versuchten, wo sie nur konnten. Dieses Weihnachtsfest führte dazu, dass Heinrich eine noch engere Bindung an seinen Sohn Johann fand, nachdem er zum wiederholten Male feststellen mußte, dass seinen Söhnen nicht zu trauen war.
Kurz vor dem Festtag des Heiligen Thomas erschien ein Bote am Hofe des Königs in Nottingham. Der Kanzler nahm die Botschaft entgegen. Er las den Brief und nickte dem Boten zu, dass er gehen könne.
Er fand den König im Großen Saal, wo sich mehrere Ritter - unter ihnen war auch der Graf von Pembroke - bei einem Wettstreit vergnügten. Mit Streitäxten schleuderten sie auf eine aufgestellte Holzwand. In der Mitte der Wand war ein Kreis aufgemalt, der ungefähr die Größe eines menschlichen Kopfes hatte.
Der Hoftag war beendet und man wollte sich die letzten Tage vom Jahr vergnügen. Die meisten Ritter und Prälaten waren bereits wieder abgereist.
Der Saal war rauchgeschwängert vom Kamin und dem rußigen Rauch der Fackeln an den Wänden. Die Ritter johlten als der Graf von Pembroke den Kreis traf. Sogar Heinrich klatschte Beifall. Nun war Gottfried an der Reihe, der bislang unangefochten führte.
Als Heinrich seinen Bastardsohn und Kanzler auf ihn zukommen sah, wußte er sofort, dass er schlechte Botschaften hatte.
"Mein König", meinte Gottfried, der Bischof von Lincoln, und sah dem König in die Augen, "soeben traf die Nachricht ein, dass Rosamunde de Clifford vor kurzem verstorben ist. Sie starb mit den Gedanken bei Euch."
Die Nachricht traf Heinrich bis ins Mark. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und nur mühsam hielt er die Tränen zurück. Langsam nickte er.

Kapitel 7


Februar 1177

Auf dem von ihm zu Weihnachten abgehaltenen Hoftag wurde Richard mit Klagen von Pilgern über Raubüberfälle im Süden des Landes überschüttet. Noch im Winter begab sich Richard zu einem Feldzug gegen einige Fürsten im Süden des Reiches, die diese Pilger auf dem Weg über die Pyrenäen erpressten und ausraubten. Um ein Exempel zu statuieren gab er die Erlaubnis, die Güter der Fürsten zu plündern.
Die Stadt Bayonne wurde eingenommen und zahlreiche Burgen, unter ihnen Ciza, wurden erstürmt und dem Erdboden gleichgemacht.
Bereits am 02. Februar erklärte er den Feldzug für beendet, kehrte nach Poitiers zurück und entließ die brabantischen Söldner. Diese hatten aber gesehen, welche reiche Beute in diesen Teilen des Landes zu holen war und zogen daraufhin plündernd durch den Süden des Reiches. So war Richard gezwungen, gegen die marodierenden Söldner vorzugehen. Bei Malemort stellte er sie und in einer Schlacht fielen nahezu zweitausend der Brabanter.
Für Heinrich II. begann das Jahr ganz nach seinem Sinne. Am 13. Februar wurde seine Tochter Johanna zur Königin von Sizilien gekrönt. Doch die Freude währte nur kurz. Es war der Tod der jungen Alix, der Verlobten des Prinzen Johanns, der Heinrich besonders traf. Mit einem Male waren sämtliche Bestrebungen seinen Einfluß bis ins obere Italien auszubreiten, gescheitert.
Und noch etwas anderes machte Heinrich Sorgen: Seine Söhne. Während Gottfried von der Bretagne sich im Hintergrund hielt und scheinbar unter dem Einfluß seiner Brüder stand, hatte sich das Verhältnis zwischen Heinrich II. und seinen Söhnen Richard und Heinrich dem Jüngeren gewandelt.
Richard war mit seinem Feldzug gegen die Feinde des Vaters in der Gunst gestiegen. Dies war dem ältesten Sohn nicht entgangen. Eifersüchtig verfolgte er die Geschehnisse am Hof und in Aquitanien. Doch Richards Eigenmächtigkeit und Machtanspruch - den er mit dem Hoftag zu Weihnachten deutlich gezeigt hatte - weckte das Mißtrauen des Vaters.

Westminster-Palast im Frühjahr 1177

Während der Kontinent unter einem warmen und regenarmen Frühling litt, lag England meist unter einer dichten Wolkendecke. Nur wenige Male war Heinrich auf der Jagd gewesen. Er war nun vierundvierzig Jahre alt und er spürte, dass ihm die Kraft der vergangenen Jahre abhanden kam. Immer öfters blieb Heinrich nun in seinen Residenzen und gab sich dem gesellschaftlichen Vergnügen hin. Seit geraumer Zeit teilte meist Prinzessin Adelaide, die Braut von Richard Löwenherz, sein Bett, aber auch hin und wieder die eine oder andere Hofdame.
Mit dem Ende der Fastenzeit kam die Zeit der Turniere und Feste. Es war einer der wenigen sonnigen Frühlingstage, als man ein Turnier nahe dem Westminster-Palast ausrichtete. In Sichtweite der Mauern von London maßen sich die besten Ritter des Reiches.
Heinrich fand an den Turnieren früher wenig Begeisterung, doch mit dem Alter sah er dem Kräftemessen gerne zu. Gerade waren die letzten Entscheidungen gefallen und das Turnier stand vor dem entscheidenden Zweikampf zweier Ritter, die den Gewinner ermitteln würden, als ein Bote erschien und dem König eine Botschaft zu überbringen hatte.
Heinrich winkte verärgert ab und gab seinem Sohn Heinrich einen Wink. Dieser sollte sich um die Botschaft kümmern. Er wollte das Ende des Turnieres nicht verpassen.
Die beiden Ritter mußten dreimal gegeneinander reiten, ehe die Entscheidung fiel und ein Sieger fest stand.
Heinrich war ein wenig mißmutig. "Wilhelm de Marshal hätte dazu nur einen Waffengang gebraucht. Wie kommt es, dass keiner der Ritter ihm das Wasser reichen kann?" fragte er in die Runde seiner Ratgeber. Dann sah er den Blick seines Sohnes und winkte ihn her. "Was gibt es?"
"Ihr wißt doch, dass Raoul von Déols verstorben ist?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
"Ja, natürlich erinnere ich mich. Was ist los? Hatte ich nicht befohlen die Erbin an meinen Hof bringen zu lassen?"
Heinrich der Jüngere nickte.
Raoul von Déols war ein wichtiger Vasall von Richard und im Heiligen Land verstorben. Er hinterließ ein dreijähriges Kind namens Denise, dass nun Erbe der Burg und der Ländereien war. Nach dem Feudalrecht mußte das Kind nun am Hofe Heinrich II. erzogen werden, der den Besitz bis zur Volljährigkeit verwalten würde. Sofort hatte Heinrich einen Boten ausgesandt um das Kind holen zu lassen.
"Man hat uns die Herausgabe der Erbin verweigert", antwortete Heinrich der Jüngere.
"Verweigert?" fragte Heinrich überrascht.
"Ja, man teilt Euch mit, dass man Euch-......mißtraut. Man schenkt Euch keinem Glauben, dass der Besitz an das Kind zurückgeht, wenn es-......volljährig ist. Ich wage gar nicht auszusprechen, was man noch in diesem Brief steht", meinte der Heinrich der Jüngere.
"Sprich!" forderte Heinrich ungeduldig seinen Sohn auf.
"Man befürchtet, Ihr würdet das Kind ermorden lassen um so den Besitz Euch dauerhaft anzueignen."
Heinrich war sprachlos. Mit einer Mischung aus Wut, Erstaunen und Ratlosigkeit wandte er sich zu seinen Ratgebern um. "Das-......das sollen sie mir büßen!" schrie er schließlich. Er sah seinen ältesten Sohn an. "Du wirst diesem Volk zeigen was es heißt den König zu beleidigen. Du wirst übersetzen und die Burg stürmen."
Heinrich der Jüngere sah ihn erstaunt. Er wechselte einen schnellen Blick mit dem Kanzler, den Bischof von Lincoln. Der war ebenso erstaunt.
"Aber das ist doch Aufgabe Eures Sohnes Richard. Er ist der Lehensherr."
Heinrich winkte barsch ab. "Er ist mit dem Feldzug in der Gascogne beschäftigt. Die Barone im Süden geben keine Ruhe. Heinrich wird diese Aufgabe übernehmen. Sendet einen Brief mit entsprechenden Inhalt an Richard. Und Du begibst Dich sofort auf den Weg."
Heinrich der Jüngere spürte instinktiv, dass dies eine große Chance für ihn war, in der Gunst seines Vaters wieder zu steigen. Sofort ließ er packen und nur zwei Tage später reiste er ab.
Heinrich II. nahm von seinem Sohn Abschied im Burghof des Palastes und sah ihm und seinem Gefolge hinter her. Gottfried, sein Kanzler, stand dicht bei ihm, als Heinrich der Jüngere aus dem Palast ritt.
"Sagt mir, warum habt Ihr Heinrich mit dieser Aufgabe betraut? Richard mag zwar in der Gascogne sein, doch man hört, dass er den Feldzug beendet hat. Warum also Heinrich?"
Heinrich wollte zunächst nicht antworten und grunzte nur. Schließlich drehte er sich zu seinem Bastardsohn um und antwortete: "Du bist klug und ich weiß Deinen Rat zu schätzen. Aber manchmal lernst auch Du noch etwas. Richard hat zuletzt sehr deutlich gemacht, dass er sich wieder als alleiniger Herrscher in Aquitanien und im Poitou sieht. Ich hätte selbst übersetzen können. Doch was hätte ich gewonnen? Richard wird sich brüskiert sehen. Doch warum soll ich den Zorn Richards auf mich zielen. Mir ist mehr gedient, wenn sich meine Söhne gegenseitig mißtrauen."
"Befürchtet Ihr einen neuen Aufstand?"
"Nein, doch ich will es erst gar nicht soweit kommen lassen. Deshalb habe ich Heinrich ausgesandt. Und er lechzt nach Ruhmestaten. Er ist schon ganz blaß vor Neid auf Richard geworden."
"Treibt Ihr da nicht ein gefährliches Spiel?" wollte Gottfried wissen.
"Dieses Spiel heißt Politik."
"Möge der Herr mit Euch sein", gab der Kanzler zur Antwort.

Die Belagerung der Burg Déols im Frühjahr 1177

Die Burg blieb Heinrich dem Jüngeren verschlossen. Heinrich war mit einem kleinen, aber schlagkräftigen Ritterheer vor der Burg erschienen. Vergeblich hatte er um Einlaß gebeten. Sofort befahl er die Belagerung der Burg.
Die Burg war nicht sonderlich groß, lag aber auf einem Felsen, der die Burg von drei Seiten schützte.
Wie es zu erwarten war, reagierte Richard auf die Entsendung seines Bruders ungehalten. Als ihm die Nachricht von der Belagerung überbracht wurde, geriet er in Zorn und eilte so schnell es ging zur Burg seines Vasallen. Doch Richard kam zu spät.
Heinrich der Jüngere hatte einen schweren Angriff auf die Burg geführt. Dieser war zunächst abgewehrt worden. Daraufhin war er drohend vor das Tor geritten und hatte verkündet, dass der Widerstand Hochverrat sei und jeder die Konsequenzen tragen müsse, wenn sie nicht aufgeben würden.
Tatsächlich schien es innerhalb der Burg zu Streitigkeiten gekommen zu sein. Jedenfalls war der zweite Angriff auf die Burg auf weniger Widerstand gestoßen und die Zugbrücke wurde den Angreifern geöffnet. Doch Heinrich und seine Ritter hatten nicht darauf geachtet und hieben alles und jeden nieder, die sich in den Weg stellten. Doch obwohl man jeden Raum und Keller der Burg durchsuchte, fand man die Erbin nicht.
Es dämmerte bereits und die Nacht kündigte sich an, als Reiter in den Burghof ritten. Am Wappen erkannte Heinrich seinen Bruder Richard.
Heinrich hatte befohlen die Burg anzuzünden, weil er meinte, durch den Rauch und das Feuer würden die Gesuchten schon aus ihrem Versteck kriechen. Beißender schwarzer Rauch breitete sich aus und schwärzte das Gesicht von Heinrich, der seinen Helm abgenommen hatte und nur die Kettenhaube trug.
"Was zum Teufel willst Du hier?" rief Heinrich seinem Bruder zu, obwohl diese Frage überflüssig war.
"Wenn Du das Kind suchst, dann suchst Du es vergeblich. Es ist in meiner Obhut."
Richard war wütend und trat vor seinen Bruder. "Was soll das hier?"
"Vater hat befohlen die Erbin an seinen Hof zu bringen. Die Bewohner hatten sich diesem Befehl widersetzt. Nun müssen sie für ihren Ungehorsam büßen!"
Richard packte seinen Bruder am Waffenrock. "Das Kind wurde noch rechtzeitig aus der Burg gebracht. Es ist nun bei mir. Und nun erzähl´ mir, was Du hier suchst. Dies ist mein Land und mein Vasall."
"Ich führe nur den Befehl von unserem Vater aus."
Richard versteifte sich. Dann ließ er Heinrich los. "Und Du merkst nicht, dass er damit einen Keil zwischen uns schieben will? Hat der Neid und der Ehrgeiz Dich so zerfressen, dass Du nicht merkst, dass er uns gegeneinander aufhetzen will?"
Heinrich schüttelte den Kopf. "Oh nein, so weit würde er nicht gehen."
"Und was macht Dich so sicher? Du vergißt, dass wir noch vor wenigen Jahren gegen ihn gekämpft haben. Wir sind damals mit relativ glimpflicher Strafe davon gekommen. Doch das heißt nicht, dass er uns vergeben hat. Er weiß, dass wir uns nur gegenseitig schwächen würden. Wir würden Krieg gegeneinander führen. Aber wir würden uns niemals gegenseitig umbringen. Das weiß er und das nutzt er aus."
Heinrich wandte sich ab und ging in die Knie. Tränen standen ihm in den Augen. Richard wußte, dass diese nicht vom beißenden Rauch herführten.
"Du hast recht. Ich habe es gewußt, doch ich war so besessen seine Gunst wieder zu gewinnen. Ich wollte ihm dienen, so wie Du ihm gedient hast. Ich wollte Anerkennung. Verzeih´ mir. Bitte."
Richard stand für einen Moment unschlüssig da, dann nickte er.
"Glaubst Du, dass er uns überhaupt liebt?" fragte Heinrich unter Tränen.
Richard sah auf seinen Bruder hinab. Er wußte nicht, was er antworten sollte. "Ich weiß es nicht. Es gab mal eine Zeit, da war ich überzeugt, dass er uns liebt. Doch vielleicht haben wir ihn zu sehr enttäuscht. Er liebt uns solange wir nicht seine Macht wollen. Aber ob er uns so liebt, wie Johann-......Ich weiß es nicht."

Sommer 1177

War das Jahr davor ein regenreiches und stürmisches Jahr, so wurde Europa in diesem Jahr von einer regelrechten Dürre heimgesucht, so dass zum zweitenmal hintereinander die Ernte gering ausfiel. Erneut mußten die königlichen Kornkammern geöffnet werden. Aber es war kaum etwas in den Kammern. Doch die Dürre geriet durch die politischen Ereignisse in den Schatten der Geschichte.
In Kleinasien erlitt das byzantinische Kaiserreich eine vernichtende Niederlage gegen die Rum-Seldschuken, einem Turkvolk, und verlor fast ganz Kleinasien.
Nachdem es im Jahr zuvor zum endgültigen Bruch zwischen Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen und Bayern, und dem Stauferkaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, gekommen war - der Herzog verweigerte die Heeresfolge für einen weiteren Feldzug des Kaisers in die Lombardei - kam es in Venedig zur Versöhnung zwischen Kaiser Friedrich und dem Papst Alexander III., der das Schisma vorläufig beendete.
Für Heinrich den Löwen sollte die Verweigerung der Heeresfolge weittragende Folgen haben, die auch die Bestrebungen Heinrichs Plantagenet II. zerstörten, einen Bund mit dem Kaiserreich einzugehen, und seinen Einfluß auszubauen. Drei Jahre später sollte die Reichsacht über den Herzog von Sachsen und Bayern verhängt werden.
Schließlich erbat der französische König Ludwig um ein Treffen mit Heinrich. Der Grund war die immer noch nicht vollzogene Hochzeit zwischen Richard Löwenherz und der Prinzessin Adelaide, die schon seit mehreren Jahren am englischen Hof lebte. Ludwig war alt geworden und spürte, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte. Er war krank und müde. Doch sollte er sterben, so sollte sein Reich geordnet an seinen Sohn übergehen.

Burg Windsor, im August 1177

Es war eine warme Vollmondnacht und Heinrich lag ausgestreckt nackt auf dem Bett. Er atmete heftig.
Noch vor einigen Minuten lag er zwischen den Schenkeln einer jungen Frau, die sein Glied begierig in sich aufnahm und sich dem Rythmus des Liebesaktes, der Lust, wohlig hingab. Als er seinen warmen Samen in ihr vergoß, erreichte auch ihre Lust den Höhepunkt und versetzte sie in Ekstase.
Die junge Frau lag ebenfalls nackt an seiner Seite und schmiegte sich an ihn. Vor wenigen Monaten hatten sie das erste mal der Lust erlegen und miteinander geschlafen.
Der König hatte sie nach einem Bankett, welches an eine erfolgreiche Jagd anschloß, verführt. Sie hatte schon seit längerem die Blicke des Königs auf sich gezogen und war sich dessen auch bewußt. Nach dem Tode der schönen Rosamunde hatte der König ein paar Monate um sie getrauert, dann jedoch wuchs wieder sein Interesse an dem weiblichen Geschlecht. Anfangs fühlte sie sich geschmeichelt, doch so nach und nach wuchs ihre Neugier und Interesse, welches in jener lauen Frühlingsnacht mündete, in der der König die junge Frau verführte.
Heinrich war so unterschiedlich. Mal leidenschaftlich wild, mal sehr sanft und zärtlich, und schon bald konnte sie an nichts anderes mehr denken, als an ihn. Sie streichelte ihm die Brust und langsam wanderte ihre Hand abwärts zu seinem Glied. Sanft entzog er sich.
"Ich glaube, ich habe genug."
"Wirklich?" meinte Prinzessin Adelaide nur spitzbübisch lächelnd.
Heinrich mußte unwillkürlich lächeln. "Richard ist zu beneiden. Ob er wohl weiß, welche Frau ihm zugesprochen wurde?"
Sie verzog das Gesicht. "Er doch nicht. Ich mag ihn nicht. Und er mag mich nicht. Das weißt Du."
"Nichtsdestotrotz wirst Du ihn wohl heiraten müssen", seufzte Heinrich, "deswegen will mich Dein Vater sprechen. Du bist nun siebzehn Jahre alt. Höchste Zeit für eine Heirat, nicht wahr? Und außerdem wurde es so vertraglich vereinbart. Dein Vater hat sogar den Papst um Hilfe gebeten. Er hat einen Legaten ernannt."
"Aber Richard wird eine Jungfrau zur Frau haben wollen", wandte sie ein, "außerdem ist es unmenschlich zwei Menschen miteinander verheiraten zu wollen, die sich überhaupt nicht lieben."
Heinrich schnaubte verächtlich. "Er wird Dich wohl nicht öfter anrühren als notwendig. Schenke ihm einen Erben, und er wird Dich schon bald in Frieden lassen."
"Und wie wird dann mein fleischliches Verlangen gestillt?" fragte sie empört.
"Nun, Richard wird oft unterwegs sein. Du kannst Dir dann nehmen was und wen Du willst."
"Du bist ein Scheusal", erwiderte sie lächelnd und griff nach ihm, "sag´ wenn es ginge, würdest Du mich denn heiraten?"
Heinrichs Augen verdunkelten sich für einen kurzen Moment. "Ich würde es, aber der Papst denkt nicht daran, in dieser Sache sich auch nur eine Elle auf mich zuzubewegen. Aber ich würde es tun."
"Und was wäre dann mit Eleonore?"
"Sie könnte sich dagegen kaum wehren, nicht wahr?!"

Ivry, im September 1177

Im September trafen die beiden Könige von England und Frankreich in Ivry aufeinander. Papst Alexander, der die Unterstützung des Königs von Frankreich bei seinem eigenen Kampf gegen den Stauferkaiser nicht vergessen hatte, versprach ihm Hilfe und hatte einen Legaten bestimmt. In Rouen empfing Heinrich den Legaten des Papstes, der ebenfalls auf eine Vermählung zwischen Adelaide und Richard drängte. Doch Heinrich wand sich und das Treffen blieb ohne Ergebnis. In Ivry sollte eine Lösung gefunden werden.
Das Treffen fand auf freiem Feld unter einem Baldachin statt. Ritter des Johanniter- und Templerordens begleiteten Ludwig. Der Baldachin war genau in der Mitte des Weges zwischen beiden Lagern aufgebaut. Die Sonne brannte vom Himmel und versengte das Land.
Ludwig sah krank und blaß aus. Nach einer reservierten und zurückhaltenden Begrüßung trug der französische König mit schwacher Stimme seine Forderungen vor.
"Heinrich Plantagenet, ich habe um dieses Treffen gebeten, weil Ihr mir immer noch eine Antwort schuldig seid. Zwischen unseren Ländern hat es oft Krieg gegeben. Dies soll nun vorbei sein. Frieden soll herrschen. Und dieser Friede soll durch die Heirat Eures Sohnes Richard mit Adelaide besiegelt werden. Daher frage ich Euch: Wann werden Euer Sohn Richard und Adelaide vermählt? Ihr wißt, dass ich den Papst in dieser Frage eingeschaltet habe. Er hat mir seine volle Unterstützung zugesichert. Ihr habt ein Versprechen geleistet. Nun müßt Ihr es einlösen. Diesesmal will ich einen Eid von Euch haben. Einen Eid vor Gott und der Heiligen Kirche. Ihr habt Eure Söhne jahrelang hingehalten. Ihr habt mich hingehalten. Nun bekennt Euch!"
Heinrich erkannte, dass er in die Enge getrieben worden war. Diesesmal konnte er es nicht wagen, den französischen König länger hinzuhalten. "Ich schwöre bei Gott, dass ich die Heirat von meinem Sohn Richard und Eurer Tochter Adelaide in die Wege leiten werde. Nichts wünsche ich mir sehnsüchtiger als dies. Doch ich kann Euch keinen Termin geben. Sie beide wollen die Heirat nicht. Es ist keine Liebe zwischen beiden vorhanden."
"Ihr scheint Euch nicht geändert zu haben", rief Ludwig verärgert aus, "Ihr kommt mit den gleichen Ausflüchten wie seit eh und je. War dies jemals ein Hindernis für Euch und der Politik? Wenn Ihr Euch auf keinen Termin festlegen könnt, dann schwört bei Gott, dass die Hochzeit stattfindet! Hier und jetzt vor Zeugen!"
Dutzende Augenpaare sahen Heinrich erwartungsvoll an.
"Ich schwöre Euch, sie werden heiraten!" sagte er schließlich.
Man sah den Legaten erleichtert aufatmen. Ludwig teilte dessen Optimismus aber in keinster Weise.
"Und welche Mitgift hat das Paar zu erwarten? Darüber haben wir immer noch keine Einigung gefunden", wollte Ludwig wissen.
"Eure Tochter erhält das Berry und das Vexin zur Mitgift!"
Ludwig war erstaunt. "Das Vexin? Nun, das Vexin gehört doch Margarete, der Gemahlin Eures ältesten Sohnes und meiner Tochter. Wie wollt Ihr das bewerkstelligen? Euer Sohn wird sich das Vexin nicht einfach nehmen lassen. Und ich bin nicht gewillt, dass Ihr meine Töchter in Eure Hofintrigen mit einzieht."
Heinrichs Miene verdüsterte sich. Er fühlte sich unwohl und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen.
"Das Vexin geht an Adelaide über. Wie ich das anstelle, ist allein mein Problem! Heinrich und Margarete werden entsprechend entschädigt." Zu gerne hätte er ihm an dieser Stelle gesagt, dass sein Sohn Heinrich die junge Königin seit Jahren mied. Seit Wilhelm de Marshal den Hof verlassen hatte. Er wußte, dass sein Sohn Margarete am liebsten zu Ludwig zurück geschickt hätte.
"Wie könnte die Entschädigung aussehen? Das Vexin hat reiche Pfründe. Welches Gut und Land könnte Ersatz sein?"
Ludwig erkannte die Respektlosigkeit in Heinrichs Ton und Worten, hielt es jedoch für besser nicht darauf einzugehen.
Der Legat erkannte, dass Heinrich kurz vor einem Wutausbruch stand und wollte das bisherige Verhandlungsergebnis nicht gefährden: "Mein Sohn", wandte er sich an Ludwig, "König Heinrich
hat recht. Es soll nicht unsere Sorge sein, wie er seine Ländereien und Mitgiften verteilt. Ich bin sicher, es wird sich eine Lösung finden lassen, die allen gerecht wird."
Heinrich sah zum Legaten herüber. Er sollte ihm dankbar sein, doch allein seine Anwesenheit führte dazu, dass ihm bittere Galle aufstieß.
Ludwig spürte, dass die Verhandlungen an einem Punkt angekommen waren, an dem es kein vorankommen gab. Mürrisch meinte er schließlich: "Laßt uns die Vereinbarung über die Vermählung unserer Kinder mit einem Pakt besiegeln."
"Wie soll der Pakt aussehen?" fragte Heinrich und sah seinen Lehnsherrn an.
Ludwig wandte den Blick ab. Mit wässrigen Augen sah er nach Osten, wo das heilige Land liegen mußte. "Ich weiß, dass ich nicht mehr lange Leben werde. Wenn ich Glück habe, sind es noch ein oder zwei Jahre. Aber sicher nicht mehr, als Finger an einer Hand", meinte Ludwig. "Schon einmal war ich zum heiligen Land aufgebrochen. Damals begleitete mich Eure Gemahlin. Es ist mir damals nicht gelungen, die Ungläubigen zu bezwingen. Doch es war immer mein Traum, im Sinne des Herrn zu dienen, für seine Sache zu kämpfen. Ich möchte, dass Ihr mit mir als Vasall, das Kreuz nehmt."
Damit ging Ludwig auf die besorgniserregenden Nachrichten aus dem heiligen Land ein. Nachdem bereits sieben Jahre zuvor ein Erdbeben Antiochia, Tripoli und Damaskus verwüstet hatte, war der regierende König Balduin IV. an Lepra erkrankt. Und überall an den Grenzen wuchs der Druck auf das Königreich von Jerusalem. Wohl deshalb begleiteten den französischen König einige Ritter des Johanniter- und Templerordens. Allerdings hielten die Ritter beider Orden den größtmöglichsten Abstand zwischen sich. Es war ein altes und offenes Geheimnis, dass die beiden Orden sich spinnefeind waren und sich möglichst aus dem Weg gingen.
Heinrich sah Ludwig erstaunt an. Er witterte eine Falle und hatte damit recht. Niemals würde Ludwig zu einer bewaffneten Pilgerfahrt aufbrechen, solange Heinrich Plantagenet ihm nicht folgen würde. Zwar würde jeder sofort unter den kirchlichen Bannstrahl fallen, der die Pilgerfahrt seines Lehnsherrn oder Vasallen ausnutzen würde, um sich dessen Ländereien oder Burgen anzueignen, aber dem Angeviner mißtraute Ludwig von Grund auf. Heinrich würde andere aufstacheln, um Ludwigs Ländereien zu bekommen. Eine solche Gelegenheit würde er sich nicht entgehen lassen. Vielleicht wäre dann der Erbe Ludwigs in Gefahr. Wäre dieser beseitigt, hätte Heinrich über Margarete und Adelaide einen gewichtigen Anspruch auf die Krone Frankreichs. Würde Heinrich also ablehnen, würde er den Verdacht des Königs erregen. Gleichzeitig würde er seinen Lehnsherrn brüskieren und beleidigen. Er könnte ihn sogar wegen Verletzung der Lehnspflicht anklagen. Heinrich blieb also gar nichts anderes übrig, als diesem Kreuzzug zuzustimmen.
Da die Vorbereitungen für einen solchen Kreuzzug Monate in Anspruch nehmen würden, war nicht damit zu rechnen, dass er vor dem Frühjahr 1179 beginnen könnte. Heinrich mußte also nur hoffen, dass Ludwigs Leben bis dahin erlosch.

Weihnachten 1177 in Angers

Das Weihnachtsfest verbrachte Heinrich zusammen mit seinen Söhnen in Angers. Er hatte ihnen befohlen zum Hoftag zu erscheinen. Er duldete es nicht, wenn sie ihren eigenen Hoftag abhielten. Heinrich wurde seinen Söhnen gegenüber immer mißtrauischer. Mit Ausnahme des elfjährigen Johann, den er geradezu abgöttisch liebte, obwohl ihm die Klagen seiner Erzieher nicht entgingen, die sagten, dass Johann exzentrische Züge aufwies und es bisweilen geradezu prächtig verstand, diese gegeneinander auszuspielen.
Das Fest verbrachten sie in einer friedlichen, beinahe gelösten Atmosphäre. Vergessen schien der Versuch des Königs die Söhne zu entzweien. Heinrich der Jüngere und Richard schienen sich wieder versöhnt zu haben.
Auch Prinzessin Adelaide war bei dem Fest zugegen. Heinrich hoffte, dass sich Richard und Adelaide etwas näher kommen würden. Doch dem war nicht so. Richard wies sie ab. Adelaide machte sich nichts daraus. Ihr war es geradezu recht. Es gelang ihr sich ein paar mal heimlich mit dem König zu treffen.
Und doch konnten genaue Beobachter sehen, dass es Heinrich gelungen war, einen Keil zwischen die Brüder zu treiben. Man sah sie selten zusammen. Nur während des Hoftages, den Heinrich abhielt, sah man sie zusammen.
Heinrich Plantagenet überließ es seinem Sohn Heinrich den Jüngeren weitgehend den Hoftag abzuhalten. Doch kein Wort kam über dessen Lippen, was nicht von Heinrich gebilligt wurde. Zugleich konnte er Richard damit demonstrieren, dass er isoliert - und damit vom König abhängig - war.

Kapitel 8

Das Jahr 1178

Es war ein ruhiges und harmonisches Jahr. Im Frühjahr war Heinrich nach England zurückgekehrt. Seine Söhne blieben auf dem Festland.
Richard blieb in Poitiers und Heinrich der Jüngere regierte die Normandie von Rouen aus.
Überraschend besuchte Heinrich Eleonore im Turm von Salisbury. Johann war bei ihm und er gestattete es sogar, dass Eleonore und Johann alleine miteinander sprechen durften.
Eleonore umarmte ihren jüngsten Sohn innig, spürte aber, dass er ihre Zuneigung nicht voll erwiderte. Sie erschien ihm fremd. Doch wie hätten es anders auch sein können? Johann war fast ständig unter dem Einfluß seines Vaters, der Eleonore als eine Verräterin betrachtete. Das konnte an dem Jungen nicht vorbeigehen.
Da traf es Eleonore schon härter, als sie von Fitzstephen gehört hatte, dass zwischen Richard und dem König eine enge Verbindung entstanden war. Offenbar hatte der junge Herzog seinem Vater vergeben. Richard war sich bewußt geworden, dass sein Vater und er sich, sich in den Charakterzügen ähnelten. Und auch Heinrich der Jüngere war da nicht anders. Lediglich Gottfried schien etwas zurückhaltender zu sein.
Heinrich hatte es geschickt verstanden, nach dem Hoftag zu Weihnachten in Angers Richard an sich zu binden. Heinrich gestand ihm weitere Rechte in Aquitanien zu. Zugleich vergaß Heinrich nicht ihm gegenüber zu erwähnen, dass Eleonore für das Mißtrauen verantwortlich sei. Sie habe Richard und seine Brüder schließlich für ihre Machtpläne mißbraucht.

"Wie ich gehört habe, hat das Domkapitel zu Limoges einen neuen Bischof gewählt. Einen der ihren", fragte Eleonore Heinrich, der ihr in einem schweren Eichenstuhl gegenübersaß.
Sie saßen im großen Saal der Burg. Draußen war es warm und die Fenster waren weit geöffnet. Zu gern wäre sie an das Fenster getreten und hätte gierig die frische Luft eingesogen, doch sie wollte Heinrich gegenüber kein Zeichen der Schwäche zeigen.
Heinrich wechselte mit Fitzstephen einen Blick, der schuldbewußt zu Boden sah. Ohne auf ihren Einwurf einzugehen, sagte Heinrich: "Kompliment, Eleonore. Die Haft scheint Dir nicht zu schaden. Du siehst gut und frisch aus. Du hast Dich nicht verändert."
"Ich habe auch genug Zeit um mich zu erholen", meinte sie bittersüß, "Deine Fürsorge ist bezaubernd. Doch ehrlich gesagt, lege ich auf Deine Meinung bezüglich meines Aussehens nur geringen Wert. Bist Du etwa hierhergekommen um Höflichkeiten auszutauschen?"
Heinrich erwiderte nichts und musterte sie nur. Unvermittelt beantwortete er ihre erste Frage: "Du bist erstaunlich gut informiert, Eleonore. Ja, das Limousin hat sich offenbar noch nicht damit abgefunden, dass ich der Herrscher bin. Richard ist nur mein Erbe. Du selbst hast ihn zwar zum Mitregenten gemacht, aber ihm die volle Macht zu geben, dazu konntest Du Dich auch nicht durchringen. Da sind wir beide einfach zu ähnlich. Aber was Du noch nicht weißt, dass Dein Sohn Richard das Domkapitel in meinem Namen verjagt hat. Ich habe ihm klarmachen können, dass er ein eindeutiges Zeichen geben muß, wer der Herr im Lande ist."
Sie verspürte einen Stich in ihrem Herzen. Deutlich war sein triumphierender Unterton zu hören gewesen. So, als wolle er ihr sagen: "Sieh, Richard gehorcht mir! Er frißt mir aus der Hand! Er ist für Dich verloren!"
Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Ich glaube, Du wirst Richard keine Wahl lassen. Entweder fügt er sich Deinen Erpressungen und macht sich bei seinen Untertanen unbeliebt oder Du nimmst ihm jede zugestandene Macht. Und je mehr er sich bei seinem Volk unbeliebt macht, desto mehr ist er an Dich gebunden. Raffiniert. Und doch scheint mir, Du hast aus der Vergangenheit nichts gelernt", sagte sie. "Willst Du einen zweiten Becket? Du kannst über das Limousin nicht so herrschen, wie über England. Sie werden Dich nie akzeptieren. So wie sie Dich nie akzeptiert haben. Du bist ein Normanne. Du bist keiner der ihren."

"Ich muß zugeben, dass das Volk in Deinen ehemaligen Ländereien sehr aufsässig ist. Aber sie werden mir und meinen Gesetzen gehorchen müssen. Sie haben die Erlaubnis für ihre Wahl einzuholen. Das haben sie nicht getan. Sie haben gegen das Gesetz verstoßen. Und dafür wurden sie bestraft."
Heinrich machte eine Pause und fügte dann mit einem boshaften Lächeln hinzu: "Und Dein geliebter Sohn Richard hilft mir dabei."
Der König stand auf und verließ den Turm. Eleonore blieb innerlich aufgewühlt, besorgt und verletzt zurück. Das Ende der Gefangenschaft war nicht abzusehen. Und Richard war nach wie vor nicht bereit Adelaide zu heiraten. Heinrich hatte ihr erzählt, dass trotz der Vereinbarung von Ivry, vom September letzten Jahres, auch dieses Jahr die Hochzeit zwischen Adelaide und Richard nicht stattfinden würde.
Richard, der sie nicht mochte, fand immer wieder einen Vorwand um einer Hochzeit aus dem Wege zu gehen. So reiste er ins Baskenland um örtliche Streitigkeiten zu regeln.
Eleonore wußte, dass Heinrich ihr das nicht ohne Grund erzählt hatte. Er hoffte, sie würde Richard eine dementsprechende Aufforderung zukommen lassen. Und Eleonore wußte nur zu gut, dass die Vermählung zwischen Richard und Adelaide nur von Vorteil sein konnte.

Heinrich selbst hatte es ebenfalls nicht allzu eilig mit einer Vermählung, da er die Nächte mit Adelaide genoß. Er hatte sie schon längst in sein Herz eingeschlossen, was allerdings nicht hieß, dass er ihr treu war. So manche Tochter eines Ritter ließ sich vom König verführen und verlor ihre Jungfräulichkeit. Als Entschädigung für den Verlust der Jungfräulichkeit ließen sich die Ritter großzügig entlohnen oder mit Gütern beschenken.
Im Herbst setzte Heinrich wieder auf das Festland über. Dem Herbst folgte ein strenger Winter. Eine einsetzende Schneeschmelze führte zu Überschwemmungen und zerstörte vor allem um Le Mans viele Häuser, Mühlen und Brücken.
Das Weihnachtsfest des Jahres 1178 feierte Heinrich im Kreise seiner Söhne in Saintes. Hier sollte es zu einem der seltenen Wutausbrüche von Richard Löwenherz kommen. Da einer seiner Vasallen, Gottfried von Rancon, trotz Aufforderung nicht zum Hoftag nach Saintes erschien, unterstellte Richard Löwenherz ihm Verrat. Einst hatte jener Gottfried Richard beim Aufstand gegen den Vater unterstützt. Doch Richards Vorgehen gegen die Feinde Heinrich II. mahnten Gottfried von Rancon zur Vorsicht. Bislang hatte Richard noch nichts gegen ihn unternommen. Mehrfach hatte er ihn aufgefordert zu erscheinen, doch dieser Aufforderung war Gottfried nicht nachgekommen. Richard klagte daraufhin während des Hoftages zu Saintes seinen Vasallen des Verrates an. Er kündigte an, noch im Frühjahr gegen ihn zu Felde zu ziehen, sollte er sich bis Maria Lichtmäß nicht bei ihm einfinden.

Turm von Salisbury im Frühsommer 1179

Der Feldzug gegen Gottfried von Rancon verlief außerordentlich erfolgreich. Im Mai gelang es Richard den Aufständischen Vasallen entscheidend zu schlagen und Gottfried unterwarf sich schließlich Richard Löwenherz. Richard ließ ihm das Leben, verlangte jedoch die Stellung von Geiseln.
Nach dem Ende des Feldzuges bat sein Vater ihn, ihn nach England zu begleiten. Richards strenges Vorgehen gegen die Feinde des Angeviners hatten dazu geführt, dass die Bindung zwischen Vater und Sohn immer stärker geworden war. Das Vertrauen zwischen den beiden wuchs und Heinrich II. beschloß Richard nun endgültig Aquitanien zu übertragen. Zwar widersetzte sich der Sohn noch immer den Heiratsplänen, aber das kam Heinrich nur entgegen. Gerüchte waren am Hof im Umlauf, die besagten, dass Richard eine besondere Vorliebe für junge Männer hätte und deshalb sich einer Heirat mit Adelaide widersetzte.
Wäre es nach Heinrich II. gegangen, dann wäre die Krönung schnellstmöglich vollzogen worden. Doch Richard lehnte ab. Zuerst müsse er mit seiner Mutter reden und ihre Erlaubnis einholen. Sie war zwar eine Gefangene, aber noch immer die Herzogin von Aquitanien. Richards Reaktion überraschte Heinrich und weckte dessen Mißtrauen. Trotzdem gab er seine Zustimmung.
Heinrich und Richard setzten noch im Mai nach England über. Richard eilte zu dem Gefängnis von Eleonore und wurde ihr sofort vorgeführt.
Ihr Anblick löste einen Wirbelsturm der Gefühle aus. Sie war durch die lange Haft blaß und hager, aber immer noch - trotz ihren Alters - eine schöne Frau. Noch immer glänzte ihr Haar golden und nur wenige Falten hatten sich in ihrem Gesicht eingegraben. Er fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hand. Dann stand er auf und umarmte sie. Eleonore drückte ihren Lieblingssohn fest an sich. Tränen der Freude liefen ihnen über das Gesicht.
Richard trug nur einfache Lederkleidung und hatte ein leichtes Schwert umgürtet.
"Mutter, welch´ eine Freude Euch zu sehen."
"Die Freude, mein Sohn, ist ganz auf meiner Seite", antwortete sie und streichelte sein Gesicht. "Wie geht es Dir und Deinen Brüdern? Ich habe schon lange nichts mehr von Euch gehört."
"Uns geht es gut. Ihr wäret stolz auf Eure Söhne, wenn Ihr sie sehen könntet. Einzig Johann würde Euch fremd sein."
Sie nickte traurig. "Ja, ich weiß. Für ihn bin ich eine Verräterin. Er steht unter dem Einfluß seines Vaters und weiß nicht, dass ich ihn auch liebe."
Richard sah betroffen zur Seite. Was sie da sagte traf voll und ganz zu und er wußte nicht, was er darauf sagen sollte.
"Du bist an der Seite Deines Vaters nach England gekommen? Wo ist er und warum bist Du hier?"
"Vater ist in Winchester. Ich hatte darum gebeten mit Euch alleine zu sprechen. Er hat es uns erlaubt. Wenngleich es ihm schwer fiel."
Sie lächelte und drückte seine Hand. "Ich freue mich, dass Du da bist. Du ahnst nicht, wie sehr ich Dich vermißt habe."
Richard schluckte. Sie saß auf ihrem Eichenstuhl am Fenster und er hatte sich ihr gegenüber auf einen Schemel gesetzt. Im Raum roch es nach dem frischen verstreuten Stroh.
"Mutter, ich bin gekommen, weil ich Euch darum bitten möchte mir endgültig die Herrschaft über Aquitanien anzutragen."
An ihrem festen Händedruck spürte er, dass sie sich versteifte.
"Ihr habt mich in Limoges in einer prachtvollen Feier krönen lassen und im ganzen Herzogtum verkündet, dass ich der neue Herzog bin. Ihr habt mir mit Rat und Tat zur seite gestanden. Und dafür bin ich Euch sehr dankbar. Keine bessere Ratgeberin hätte ich mir wünschen können. Doch nun bin ich alt genug um alleine regieren zu können. Ihr seid zwar eine Gefangene von Heinrich, doch Ihr seid noch immer die Herzogin. Vater ist bereit mich persönlich zu krönen, wenn Ihr im Gegenzug Eure Krone abtretet."
Sie ließ ihn los und stand auf. Ihr Herz pochte heftig und ihre Gedanken erfaßten nur mühsam was sie soeben vernommen hatte. Sie trank einen Schluck Wein. Dann wandte sie sich zu Richard um, der ebenfalls aufgestanden war. Ihre Augen glühten vor Zorn.
"Ich soll auf Aquitanien verzichten und abdanken! Ist es das was Du willst? Du willst mir mein geliebtes Land nehmen? Das letzte was mir geblieben ist. Niemals werde ich darauf verzichten. Niemals. Siehst Du denn nicht, dass Heinrich einen Keil zwischen uns treiben will? Ich erfahre hier nicht alles, aber was ich zuletzt gehört habe genügt: Du hast die Feinde Deines Vaters brutal niedergeschlagen. Darunter waren Herren, die Dir die Treue geschworen hatten und an Deiner Seite kämpften. Dir soll ich Aquitanien geben, damit Du nichts weiter als ein Handlanger Deines Vaters wirst?"
"Nennt mich nicht so", rief Richard erbost und schwer getroffen aus. Ihre Worte trafen ihn wie Dolchstöße.
"Doch, so werde ich Dich nennen. Bei Gott, Dein ältester Bruder hat es doch am eigenen Leib gespürt."
"Was hat mir der Kampf gegen Vater eingebracht? Ich hatte wichtige Rechte und Privilegien abtreten müssen. Dinge, die ich unter meinen Vater besaß bis Ihr mich gegen ihn aufgehetzt habt. Es ist doch Eure Schuld, dass es soweit gekommen ist. Ihr habt Heinrich ins Unglück gestürzt, mich und die ganze Familie. Nun wollt Ihr Euch noch dafür rechtfertigen?"
Eleonore hielt sich krampfhaft am Tisch fest. Diese Worte schmerzten.
"Geh´. Geh´ und laß mich alleine. Ich kann nicht mehr. Diese Worte aus dem Mund meines Sohnes schmerzen zu sehr."
Richard stand für einen Moment unschlüssig da. Dann verließ er schnellen Schrittes das Gemach. Im scharfen Galopp verließ der das Gefängnis und ritt nach Winchester. Eleonore blickte ihm nicht nach. Tränen der Wut liefen ihr über das Gesicht und sie verwünschte den Tag, an dem sie geboren wurde.
Richard verließ England so schnell wie er es betreten hatte.
Wenige Tage später suchte Heinrich Eleonore im Gefängnis auf. Ihr Widerstand schien gebrochen. Er versprach ihr die Bedingungen der Haft zu lockern, wenn sie auf ihre Herzogskrone verzichten würde. Die Enttäuschung saß bei Eleonore so tief, dass sie schließlich nachgab.

Canterbury im Sommer 1179

Ludwig VII. kniete vor dem steinernen Sarkophag von Thomas Becket in der Krypta der Kathedrale von Canterbury. Er wirkte alt und gebrechlich und sein Atem ging kurz und heftig. Sein Haar war weiß geworden und sein Gesicht wirkte noch hagerer als es sowieso schon war.
Heinrich Plantagenet, sein Vasall und alter Widersacher hatte sich neben ihm ebenfalls niedergekniet. Auch bei ihm machte sich das Alter äußerlich bemerkbar. Noch überwogen die dunklen Haare, aber sein Haar und sein Bart war teilweise ergraut. Die vielen Bankette und der selbstzerstörerische Lebenswandel hinterließen ihre Spuren im Gesicht und der drahtige, muskulöse Körperbau war einem Fettansatz über den Hüften gewichen.
Gemeinsam beteten sie am Grab des heiligen Thomas. Die Sorge um seinen Sohn schien Ludwig zu brechen. Keine anderen Gedanken fanden zu ihm Zugang. Er betete um das Leben seines Sohnes, seines Thronfolgers.
Am 15. August sollte Philipp August, Sohn des französischen Königs, in Reims gekrönt werden. Ludwig wollte die Thronfolge gesichert wissen. Auf dem Weg nach Reims unterbrach der Hof den Ritt in Compiegne. Der gerade volljährig gewordene Philipp August nutzte die Pause zur Jagd. Bei einer Verfolgung eines Hirsches verlor er jedoch seine Begleiter aus den Augen und irrte durch den Wald. Stundenlang suchte er den Weg ins Lager zurück. Schließlich dämmerte es und ihn erfaßte die Panik. Er war fast völlig unbewaffnet und in den Wäldern waren die Räuber zuhause. Völlig starr vor Schreck, fand ihn schließlich ein Köhler am nächsten Morgen. Philipp August zitterte wie Espenlaub.
Man brachte ihn ins Lager zurück, doch er war nicht ansprechbar. Der Schreck hatte bewirkt, dass ihn eine Nervenkrankheit befallen hatte. Tagelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Im ganzen Königreich wurden Messen für ihn verlesen und fanden Prozessionen statt. Schließlich entschloß sich Ludwig an das Grab von Thomas Becket zu pilgern, und dort zu beten.
Er sandte Boten zum König von England, der ihm die Reise großzügig gestattete und es sich nicht nehmen ließ, ihn zu begleiten.
In der Krypta war es kühl und über ihnen in der Kathedrale stimmten die Mönche von Christchurch einen Choral an. Ludwig verharrte Stunden zum Gebet am Grab des heiligen Thomas. In dieser Zeit wich ihm Heinrich nicht von der Seite, der um Vergebung seiner Sünden bat.
Schließlich erhob sich der französische König mühsam. Heinrich half ihm dabei. Dabei trafen sich ihre Blicke.
"Wie bedeutungslos ist der Kampf um Ländereien, wenn das eigene Fleisch und Blut im Sterben liegt", meinte Ludwig und stieg die Stufen zur Kathedrale mühsam empor.
Heinrich folgte ihm langsam nach.
Oben angekommen wandte sich Ludwig zu Heinrich um. "Ich danke Euch, dass Ihr als mein Vasall an meiner Seite gebetet habt. Zu gerne hätte ich Euer großherziges Angebot angenommen an Eurem Hof noch ein paar Tage zu verweilen und mich auszuruhen. Doch die Sorge treibt mich in mein geliebtes Frankreich zurück."
Heinrich spürte zwar Ärger in sich aufsteigen, als Ludwig ihn daran erinnerte, dass er dessen Vasall war, sagte jedoch nichts weiter. "Ich werde Euch persönlich bis an die Küste geleiten."

Zwei Tage später stach Ludwig in See und kehrte auf den Kontinent zurück. Als Ludwig nach Frankreich zurückkehrte, ging es dem Thronfolger wieder besser und schließlich wurde er gesund.
Am Allerheiligen konnte Philipp August in Reims gekrönt werden.
Den drei ältesten Söhne Heinrichs wurde es gestattet an der Krönung teilzunehmen. Heinrich der Jüngere, den man den Titel eines Senschalls von Frankreich übertrug, trug das Kissen auf dem die Krone gebettet lag. An dessen Seite fand man nun wieder Wilhelm de Marshal, der nach fast fünf Jahren Abwesenheit an den Hof des jungen Heinrich zurück gekehrt war. Möglich war dies geworden, weil Margarete darum gebeten hatte, am Hofe des französischen Königs leben zu dürfen. Heinrich der Jüngere hatte diese Bitte sofort gewährt. Er empfand die Anwesenheit von Margarete inzwischen nur noch als Last und war froh, diese los zu sein. Kaum hatte Margarete den Hof verlassen, sandte Heinrich der Jüngere Ritter aus um Wilhelm de Marshal zu suchen und ihn an den Hof zurück zu bitten.
Heinrich Plantagenet II. war an der Zermonie nicht zugegen. Er blieb in England. Er wollte nicht dabei sein, wenn man diesem Jüngling die Krone aufsetzen und von ihm den Lehenseid verlangen würde. Zu tief saß noch der Stachel der Enttäuschung über dessen Geburt, welches das Ende aller Träume für Heinrich und Eleonore bedeutete, eines Tages auch die Krone Frankreichs zu besitzen.

Er untersagte Adelaide an der Krönung ihres Halbbruders teilzunehmen. Unter einem fadenscheinigen Vorwand - angeblich wäre sie krank - blieb sie der Krönungszeremonie fern. Stattdessen teilte Adelaide nun jede Nacht das Bett mit Heinrich.
Das Weihnachtsfest dieses Jahres verbrachte Heinrich in Winchester.

Würzburg im Januar 1180

Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, fiel unter die Reichsacht. Seine Verweigerung der Heeresfolge zum Feldzug gegen die Lombarden führte dazu, dass ihm auf dem Reichstag zu Würzburg die Herzogtümer Sachsen und Bayern genommen wurden. Doch der Herzog wollte sich dem Urteil nicht beugen und leistete Widerstand.

Westminster-Palast Ende September 1180

Heinrich Plantagenet ließ sich mit einer Barke vom Tower von London zum Westminster-Palast bringen. Es war herbstlich kühl und nebelig.
Sein Bastardsohn und Kanzler Gottfried begleitete ihn. Heinrich hielt sich nur selten im Tower auf. Er befand die riesige Festung nicht sonderlich gemütlich. In den letzten Jahren residierte er immer öfters in Windsor oder Winchester. Seine Lieblingsresidenz auf dem Festland war und blieb Chinon.
Der König hatte zusammen mit seinem Kanzler die ganze Nacht hindurch, bei Kerzenlicht die Listen mit den Zöllen auf eingeführte Waren im Londoner Hafen überprüft. Heinrich war müde und es fröstelte ihn. Er zog den Mantel enger an sich. Es war noch früh am morgen und nur wenige Menschen waren unterwegs.
Als sie am Ufer anlegten, erwartete man sie bereits.
"Zu so früher Stunde bereits auf den Beinen?" fragte Heinrich Wilhelm de Marshal, der ihn am Ufer empfing und das Knie beugte.
"Ja, mein König. Euer Sohn schickt mich. Eine wichtige Meldung aus Frankreich ist für Euch eingetroffen."
Der König verzog das Gesicht. "Aus Frankreich kommen nur wenig gute Nachrichten. Was ist es denn?"
Wilhelm de Marshal zögerte für einen Moment. "König Ludwig VII. ist am 18. September gestorben. Sein Sohn Philipp August hat die Nachfolge angetreten."
Heinrich sah ihn erstaunt an. Dann wandte er den Blick ab. Die Nachricht traf ihn schwer. Mochte Ludwig ein unangenehmer Gegner des Hauses Anjou gewesen sein, so hatte Heinrich ihn nach all den Jahren einschätzen können. Ja, er hatte vor Ludwig eine gewisse Achtung empfunden. Lange Zeit hatte er nur Verachtung für ihn verspürt. Doch seit Toulouse hatte er den Respekt Heinrichs genossen, auch wenn dieser alles daran gesetzt hatte, dessen Position zu schwächen.
Heinrich fühlte sich wieder um ein Stück ärmer auf der Welt. Wieviele Jahre sind ihm noch vergönnt? Ludwig war nur zehn Jahre älter geworden. Sein Tod bewegte Heinrich zutiefst.
Bis zum Schluß hatte Ludwig versucht, die Heirat von Adelaide mit Richard endlich festzulegen. Kaum war er verstorben, wurden erstmals die Gerüchte von einer Liebesbeziehung zwischen Prinzessin Adelaide und Heinrich Plantagenet in Frankreich bekannt.

Kapitel 9


Römische Kirche 1181

Am 26. November verschied der erbitterste Feind von Thomas Becket, der Erzbischof von York, Roger von Pont´l-Evéque. Sein Tod war für Heinrich II. ein schwerer Verlust. Roger war immer dem König geneigt und unterwürfig gewesen und hatte diesen immer treu zur Seite gestanden.
Der langjährige Widersacher des Kaisers und Heinrichs II., Papst Alexander, verstarb. Als seinen Nachfolger wählte die Kurie Lucius III.

Caen zu Weihnachten 1182

Im Sommer des Jahres wurde Heinrich der Löwe von Braunschweig militärisch besiegt und gezwungen ins Exil zu gehen. Er zog mit seiner Frau Mathilde nach England.
Mathilde und ihr Gemahl wurden großzügig aufgenommen. Heinrich erfuhr in der Normandie von der Ankunft seiner Tochter in England.
Mathilde hatte unverzüglich ihre Mutter Eleonore in Salisbury aufgesucht, wo sie nunmehr seit fast zehn Jahren festgehalten wurde. Die Wiedersehensfreude war groß und beide - Mutter und Tochter - vergoßen Tränen.
Ihr Aufenthalt in England war nur kurz, da Heinrich der Löwe eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela plante. Erst zu Weihnachten trafen sie mit Heinrich Plantagenet in Caen zusammen, wo dieser zusammen mit seinen Söhnen den Hoftag abhielt.
Das Weihnachtsfest verlief in einer gespannten Atmosphäre. Und doch sollte die Anwesenheit von Margarethe gewisse Spannungen hervorrufen.
Heinrich saß an seinem schweren Arbeitstisch und unterzeichnete mehrere Dokumente, die man ihm
vorgelegt hatte, als ihm gemeldet wurde, dass seine Tochter Margarethe, die seit einigen Tagen am Hof weilte, um eine Audienz bat.
Er war überrascht, wechselte mit Heinrich dem Jüngeren Blicke, der an einem anderen Tisch saß und die Dokumente gegenzeichnete, sagte jedoch nichts. Stattdessen nickte er nur.
Margarethe erschien gemeinsam mit ihren Brüdern Richard und Gottfried.
"Ich muß gestehen, dass ich etwas überrascht bin, dass eine Tochter um eine Audienz bitten muß. Aber noch mehr überrascht es mich, an Deiner Seite Gottfried und Richard zu sehen", sagte Heinrich und machte eine einladende Geste, dass sie sich setzen sollten.
Richard und Gottfried zogen es jedoch vor zu stehen. Richard warf einen Blick auf den fünfzehnjährigen Johann, der auf seinen Lederhandschuh einen jungen Falken sitzen hatte, und diesen fütterte.
Johann war nun ein junger Mann geworden und übte sich seit geraumer Zeit im Schwertkampf. Doch nie würde er so gut werden, wie seine Brüder. Am besten konnte Gottfried mit dem Schwert umgehen. Sein Ehrgeiz hatte ihn in all den Jahren so weit gebracht, dass er die fehlende Anerkennung im Kampf suchte, was nicht hieß, dass er mutiger als Richard oder Heinrich der Jüngere war.
"Es tut mir leid Euch zu stören, Vater", meinte Margarethe, "aber ich muß Euch sprechen. Ich habe Richard und Gottfried gebeten mich zu begleiten. Ich hätte dies auch auf dem Hoftag vor den Baronen und Prälaten vorbringen können, doch mir ist es lieber, wenn wir unter uns sind."
Heinrich legte die Feder zur Seite und lehnte sich zurück. Er trug einen pelzverbrämten Mantel und zog ihn sich enger, da es bitterkalt war. Der Atemhauch tanzte vor ihren Gesichtern.
"Nun, was bewegt Dein Herz?" fragte er.
Der Kanzler des Königs, der Bischof von Lincoln, machte eine Bewegung zur Tür hin, doch Heinrich hielt ihn zurück.
Sie zögerte für einen Moment, so als wüßte sie nicht, wo sie anfangen sollte. Schließlich riß sie sich
zusammen und meinte: "Vater, seit beinahe zehn Jahren habt Ihr unsere Mutter in einem Turm festgehalten. Das ist eine lange Zeit. Mir ist gar nicht bewußt gewesen, dass die Zeit so schnell verrinnt. Erst als ich Euch wieder sah, erkannte ich es. Nun, ich will Euch nicht zu nahe treten, aber als ich Euch das letztemal sah, da ward ihr schlank und hattet kein graues Haar. Ludwig war nur etwa zehn Jahre älter als ihr. Ihr seid nun über fünfzig. Unsere Mutter ist über sechzig,....."
"Ich nehme an Ihr seid nicht gekommen, um über mein Aussehen und mein Alter zu sprechen", unterbrach Heinrich seine Tochter barsch und sah sie streng an.
Nun sprang Gottfried für seine Schwester ein. "Wir meinen, dass es an der Zeit wäre, dass Ihr unserer Mutter vergebt."
Damit war es draußen.
"Ich bitte Euch, hört mich an", flehte Margarethe, die das Stirnrunzeln des Königs als schlechtes Zeichen bewertete, "aber ich weiß nicht, wie es Euch ergeht. Doch Weihnachten ohne unsere Mutter ist...irgendwie...traurig. Wie das fehlende Salz in der Suppe. Sie fehlt mir. Sie fehlt uns allen."
Heinrich sah sie lange an.
Auch ihm fehlte seit geraumer Zeit der geistreiche und scharfe Verstand der Königin. Adelaide war eine tolle Frau. Seit Rosamunde gab es keine Frau mehr, für die er mehr Zuneigung empfunden hatte. Aber Eleonore war doch ganz anders. Doch er hatte keineswegs vergessen, dass sie eine gefährliche Gegnerin war. Konnte er ihr trauen? Sie hatte sich gedemütigt gefühlt, war zehn Jahre eingesperrt gewesen. Konnte sie überhaupt vergeben? Auf der anderen Seite hatte sie einer Abdankung als Herzogin zugestimmt, wenngleich diese noch nicht erfolgt war. Er hatte ihre Bedingungen erleichtert, doch er war noch nicht bereit, sie in Freiheit zu entlassen.
Heinrich spürte, dass ihn seine Kinder eingehend musterten. Auf einem mal wurde ihm bewußt, dass es der Wunsch von allen war. Selbst Johann wünschte sich seine Mutter im Familienkreis. Das traf ihn. Das der sechsundzwanzigjährige Heinrich und der ein Jahr jüngere Richard den Wunsch danach hatten, konnte er verstehen. Doch warum Johann? Tief verletzt nahm er die Feder wieder auf und tauchte sie in das Tintenfaß.
"Nein!" sagte er nur und beugte sich über die Papiere.
Es war das Zeichen, dass er das Thema für erledigt betrachtete. Enttäuscht verließ Margarethe den Raum. Richard und Gottfried folgten ihr.
An der Tür war Gottfried noch einmal stehen geblieben, und hatte sich umgewandt. Verständnislos schüttelte der vierundzwanzigjährige Graf der Bretagne den Kopf. Dann verließ er den Raum.
Heinrichs Blick fiel auf einen wertvollen Wandteppich, der einen Adler mit seinen vier Jungen darstellte. Lange betrachtete er das Bild. Drei der jungen Adler attackierten den Adler mit ihren Schnäbeln und Krallen am Rücken und an den Flügeln. Der vierte Jungadler jedoch versuchte ihm die Augen auszuhacken.
"Diese vier jungen Adler sind meine vier Söhne, die mich bis in den Tod verfolgen werden. Der Jüngste, den ich am meisten liebe, wird mich am grausamsten behandeln und noch tiefer verletzen als die drei anderen", sagte er voller Melancholie und einer Spur Bitterkeit zu seinem Kanzler.
Entsetzt sah ihn der Kanzler an.
Tage später kam es zu einer ernsteren Meinungsverschiedenheit zwischen Heinrich Plantagenet und Heinrich dem Jüngeren, die alle Anwesenden am Hoftag an die Krönungsfeier des jungen Königs erinnern mußte. Heinrich der Jüngere forderte seinen Vater auf dem Hoftag auf, nun endlich ihm die Macht zu übertragen, die ihm zustünde.
"Was bin ich für ein König?" fragte er verbittert, "Lange vor Philipp August gekrönt. Doch Macht habe ich noch heute nicht. Und er? Er ist der König von Frankreich."
"Zügele Deine Zunge", knurrte Heinrich, der auf dem erhöhten Thron saß und in die Versammlung sah.
Heinrich der Jüngere hatte grunzte verächtlich. Die Adligen und Kleriker hielten die Luft an.
"Du denkst, ich verlange zuviel? Oh,nein. Das tue ich nicht. Du denkst mein Verstand ist nicht klar? Mein Verstand ist klar. Jedes Wort, das ich hier sage, kommt von Herzen. Ich frage Euch, weshalb mußten die Barone und Prälaten des Reiches den Treueeid auf mich schwören, der Herzog von Aquitanien und der Graf von der Bretagne aber nicht?"
Richard Löwenherz und Gottfried sprangen sofort auf. Empört schrie Richard: "Du verlangst den Treueeid von mir? Ich habe das gleiche Blut in mir. Welchen besseren Treueeid gibt es als das gleiche Blut?"
Noch ehe Heinrich der Jüngere etwas sagen konnte ging Heinrich II. dazwischen. Er war vor Zorn rot angelaufen. "Es wäre besser, Du wärest bei Deiner Frau und zeugest Kinder und Nachkommen mit ihr. Noch lebe ich. Deine Zeit als König mit voller Macht wird noch kommen. Doch noch bin ich gesund und tatkräftig. Solange dies der Fall ist, werde ich nicht von meinem Thron weichen."
Heinrich der Jüngere lachte auf. "Kinder zeugen? Gute Idee. Doch wozu Kinder zeugen, wenn ich nichts zu vererben habe, außer einem Titel", meinte er sarkastisch und stand auf, "ich bin König von England, aber mein niedrigster Vasall besitzt mehr Macht als ich selbst. Ich habe allen Grund auf mich stolz zu sein!"
"Noch einmal: Zügel Deine Zunge!" rief Heinrich II. aus.
Doch der junge König gab nicht nach. "Nun gut. Dann laßt mich folgendes sagen: Hier vor den versammelten Ratgebern und Edlen des Reiches verkünde ich, dass ich bereit bin, meinem Vater auch weiterhin die Treue halten werde. Doch mich dürstet nach Ruhm und Ehre. Deshalb verkünde ich Euch, dass ich in Kürze das Kreuz nehmen werde und mich auf eine bewaffnete Pilgerfahrt ins Heilige Land begeben werde. Ihr alle wißt, dass es um das Königreich Jerusalem schlecht bestellt ist. Doch ich brauche Garantien. Ich verlange den Treueeid des Grafen von der Bretagne und des Herzoges von Aquitanien. Der Schutz der Kirche genügt mir nicht. Der Graf von Anjou, Euer Vater, hat sich um diesen Schutz nicht gekümmert. Deshalb verlange ich den Eid."
Richard und Gottfried sprangen erneut auf. "Ihr würdet uns so etwas zutrauen?" rief Gottfried wütend.
"Ihr stammt vom gleichen Blut des Grafen Gottfried von Anjou. Dies und nicht weniger verlange ich von Euch!" rief er und verließ wütend die Versammlung. Die Barone und Kleriker atmeten erleichtert auf.
Heinrich kochte innerlich vor Wut. Manche Barone und Bischöfe gaben dem Sohn recht. Weshalb hatte er seinen Sohn krönen lassen, wenn er ihm die Macht - zumindestens einen Teil davon - nicht ließ?

Frühjahr 1183

Heinrich der Jüngere gab jedoch nicht auf. Erneut verlangte er von seinem Vater in Caen, dass Richard und Gottfried ihm als König huldigen sollten.
Da Heinrich den Aufstand von 1173 noch nicht vergessen hatte, nahm er die jüngsten Forderungen sehr ernst. Er ahnte, dass Heinrich der Jüngere insgeheim für einen neuen Aufstand rüstete. Er befahl Kundschafter auszusenden und nach Anzeichen eines Aufstandes zu spähen. Auch wenn Richard gegen die Feinde seines Vaters vorgegangen war, besaß Heinrich der Jüngere noch genügend Rückhalt in England und in der Normandie.
Heinrich II. gab schließlich nach, und befahl seinen Söhnen, Heinrich dem Jüngeren zu huldigen.
Doch er spielte ein doppeltes Spiel.
Richard und Gottfried verweigerten die Huldigung. Richard schrieb ihm einen Brief, indem er ihm mitteilte, dass er dem König von England bereits seinem Treueeid gegeben habe. Da es nur einen König geben könne, brauche er diesen auch nur einmal zu leisten. Eine Krönung mache noch lange keinen König.
Heinrich II. hatte mit dieser Antwort gerechnet. Richard sicherte ihm - vielleicht sogar unbewußt - die Macht. Heinrich der Jüngere konnte und durfte die Antwort nicht akzeptieren.
"Richard stellt Eure Entscheidung in Frage. Er trachtet mir nach der Krone, Vater. Das könnt Ihr nicht zulassen. Das ist Verrat an Euch und an mir", rief Heinrich erbost aus, als er den Brief gelesen hatte.
Heinrich Plantagenet erhob sich mühselig aus seinem Stuhl und ging zum Fenster. Er sog die frische Frühlingsluft begierig ein.
Der Erzbischof von Canterbury versuchte zu vermitteln: "Die Krone wurde Euch auf das Haupt gesetzt. Nicht dem Herzog von Aquitanien. Die Barone haben Euch die Treue geschworen und nicht Richard. Ich bitte Euch inständig darum, dass Ihr den Brief nur als eine Provokation eines jungen und vielleicht auch unerfahrenen jungen Mannes ist."
Wilhelm de Marshal pflichtete dem Erzbischof bei. Und auch der Kanzler, der in die Normandie gekommen war, versuchte zu vermitteln.
"Ein Krieg zwischen Euren Söhnen könnte verheerende Folgen für das Reich haben!"
"Was erwartest Du von mir?" fragte Heinrich seinen Sohn ohne auf die Einwände einzugehen.
Heinrich der Jüngere glaubte seinen Ohren kaum zu trauen. "Was ich erwarte? Eure Unterstützung. Das ist Verrat! Bin ich nun der Erbe der Krone oder nicht? Wenn ich nicht die macht eines Königs habe, so ist es nur billig, dass ich mir die Treue der Untertanen sichere. Was Richard und Gottfried anstreben ist doch offensichtlich. Seht Euch doch in der Geschichte um: Wenn es nach Richard und Gottfried ginge, dann würden sie ihr Reich zum Königtum machen."
Heinrich wandte sich zu seinem Sohn um. "Das aber geht nur mit Zustimmung des Lehensherrn. Also nur mit meiner oder Deiner Zustimmung. Zumindestens gilt dies für Aquitanien. Für die Bretagne ist das der König von Frankreich. Du bist der gesalbte König. Setze Du Dein Recht durch, wie es sich für einen König geziemt. Ich kann und werde Euch da nicht helfen. Betrachtet dies nicht als Ablehnung, sondern als Prüfung. Tut, was Ihr tun müßt."
Für einen Moment verharrte sein ältester Sohn. Dann nickte er langsam. "Ihr habt recht." Mit diesen Worten eilte er aus dem Saal.
Es war der Erzbischof von Canterbury, der Heinrich vorwurfsvoll fragte: "Verzeiht, aber Ihr spielt ein doppeltes Spiel. Es ist offensichtlich, dass Ihr Richard unterstützen werdet, um Eure Macht vor den Ansprüchen des ältesten Sohnes zu schützen. Es ist nicht das erstemal, dass Ihr alle gegeneinander ausspielt. Ist das klug und eines Königs würdig?"
Heinrich verspürte Zorn in sich hochsteigen. "Die Erzbischöfe von Canterbury täten ein gutes daran, öfters das Gebot des Schweigens zu befolgen", warnte er unmißverständlich.
Erschrocken wich der Erzbischof einen Schritt zurück. "Verzeiht mir", sagte er, "es war töricht von mir!"
"Ja, das war es. Und nun laßt mich alleine."
Am nächsten Tag kündigte Heinrich an, die Burg zu verlassen. Er wolle nach England zurück. Heinrich entließ ihn, befahl jedoch einigen Kundschaftern seinem Sohn zu verfolgen und im Auge zu behalten. Er mißtraute ihm und fürchtete, dass sein Sohn ein Heer aufstellen wollte.
Er verabschiedete sich von seinem Sohn im Burghof, der von Wilhelm de Marshal begleitet wurde. Die Verabschiedung fiel kühl aus. Es war dem jungen König deutlich anzusehen, dass er noch verärgert war.
"Wo wirst Du übersetzen?" fragte Heinrich scheinbar ohne jeden Hintergedanken seinen Sohn.
"Wir werden von Barfleur aus nach England segeln", antwortete Heinrich der Jüngere. Er durchschaute den Gedanken seines Vaters. Dieser würde Eilboten nach Barfleur aussenden und überprüfen lassen. ob Heinrich der Jüngere die Wahrheit sagte.
"Gott sei mit Euch", rief Heinrich II. und sah dem Reitertrupp mißtrauisch nach.
Gottfried, der Bischof von Lincoln trat an seine Seite. "Was glaubt Ihr was er vor hat?"
"Ich hoffe nicht, dass es das ist, was Du vermutest. Aber ich werde aufpassen."
Einen Tag später kamen die Kundschafter wieder nach Caen zurück. Wie Heinrich II. erwartet hatte, hatte Heinrich versucht, die Beobachter abzuhängen. Als dies nicht gelungen war, hat er Wilhelm de Marshal mit dem Angriff beauftragt. Es war nur ein kleiner Angriff gewesen und außer ein paar heftig blutende Fleischwunden gab es keine Verluste zu beklagen. Doch Wilhelm hatte das geschafft, was der junge König wollte: Die Beobachter hatten Heinrich den Jüngeren aus den Augen verloren.
Nur wenige Tage vergingen als es daraufhin zu einer Reihe von Scharmützeln und Kämpfen zwischen Heinrich dem Jüngeren und den Anhängern Richards und Gottfrieds kam.

Normandie im Frühjahr 1183

Heinrich der Jüngere ging in den offenen Aufstand über. Er sandte Boten nach Paris zu Philipp August mit der Bitte um Unterstützung. Doch Philipp August war nicht bereit ihm volle Unterstützung zu gewähren. Er hatte es dem jungen König verübelt, dass er Margarete an den französischen Hof zurück gesandt hatte. Auch wenn es offiziell hieß, das Margarete diesen Wunsch hatte. Und Heinrich stand diesesmal alleine da. Richard und Gottfried standen auf der Seite des Vaters, der Richard heimlich unterstützte. Heinrich der Jüngere erschien dem englischen König eine größere Gefahr, als der Herzog von Aquitanien. Die Sache war also ziemlich aussichtslos für den Thronfolger. Auf der anderen Seite sah Philipp August eine Chance, den Angeviner auf dem Thron zu schwächen. So kam es, dass der französische König Söldner aus dem Brabant bereitstellte und dem jungen Heinrich entgegen sandte.
Dieser war über die geringe Unterstützung natürlich enttäuscht. Es dauerte nicht sehr lange, als Heinrich der Jüngere das doppelte Spiel durchschaute des Vaters erkannte. Und obwohl er in der deutlich schwächeren Ausgangsposition war, war der Aufstand schließlich so erfolgreich, dass Heinrich gezwungen war, persönlich in den Krieg zu
ziehen. Zum zweiten Mal mußte er gegen seinen Sohn zu Felde ziehen.


Martel in der Dordogne im Juni 1183

Gerade als der Aufstand erfolgreich wurde und sich ein Baron nach dem anderen dem Aufstand anschließen wollte, erkrankte Heinrich der Jüngere plötzlich Ende Mai an einer Krankheit, die den Ärzten nicht bekannt war. Vergebens ließen ihn die Ärzte zu Ader, aber es trat keine Besserung ein. Mehrere Tage lang quälte den jungen König hohes Fieber und bisweilen redete er im Delirium. Man brachte ihn auf die Burg von Martel.
Martel lag in der dichtbewaldeten und bergreichen Dordogne. Hier würden sich die Aufständischen lange dem König erwehren können, der mit einem Heer eineinhalb Tagesritte entfernt von Martel lagerte. Der junge Heinrich war überzeugt, dass er schon bald wieder im Sattel sitzen würde.
Wilhelm de Marshal sollte nun den Aufstand leiten. Zunächst einmal befahl er, die Mauern der Burg zu verstärken und Kundschafter auszusenden. Wenn er nicht gerade die Schanzarbeiten kontrollierte, dann war Wilhelm de Marshal am Bett des jungen König.
Dessen Zustand wurde jedoch keineswegs besser, sondern schien sich sogar zu verschlechtern. Niemand wußte dies besser als der Erkrankte selber. Schließlich bat der Erkrankte nach dem Bischof von Agen und beichtete ihm und bat um Vergebung aller Sünden.
"Reitet zu meinem Vater und bittet ihn um Verzeihung. Ich spüre, dass meine Zeit gekommen ist", bat Heinrich schwer atmend. Er hatte hohes Fieber und trotz der Felle, die man ihm gebracht hatte, fror er.
Der Bischof versuchte sich von der schmerzenden Umklammerung zu lösen. Doch Heinrich hielt ihn am Arm fest. "Laßt Euch etwas zum Zeichen seiner Vergebung geben. Beeilt Euch. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit", sagte er mit dünner Stimme und hoher Kraftanstrengung.
Der Bischof nickte. "Ich werde mich beeilen", versprach er.
Zufrieden sackte Heinrich ins Kissen zurück. Der Bischof erhob sich.
"Wechselt die kalten Wickel", sagte er zu den Dienern, "er hat hohes Fieber."
Der Bischof brach sofort auf und ritt im gestreckten Galopp aus der Burg. Er fand den König in einer der Burgen, die zu Richards - und damit zu seinen Vasallen - gehörte.
Heinrich Plantagenet studierte mit seinen Ratgebern die Karten der Umgebung und war gerade dabei einen Schlachtplan zu entwerfen, als man ihm den Bischof meldetet. Er empfing den erschöpften und staubbedeckten Bischof.
"Was ist der Grund, dass ein Mann der Kirche sich so auf seinem Pferd verausgabt und schmutzig vor den König tritt?" fragte er und goß sich einen Becher Wein ein. Dem König blieb der gierige Blick, nach dem köstlichen Trunk nicht unbemerkt, doch er bot ihm nichts an.
"Euer Sohn liegt im Sterben, Majestät. Er hat mich ausgesandt, um Eure Vergebung einzuholen."
Heinrich sah ihn mißtrauisch an. Nun bot er dem Bischof auch einen Becher Wein an, den dieser gierig herunterstürzte.
"Ist das wahr oder ist es nur eine neue List meines Sohnes?" fragte er mißtrauisch.
Der Bischof machte ein Kreuzzeichen. "Es ist wahr, Gott ist mein Zeuge. Verzeiht mir, wenn ich bemerken darf, dass zu einer List kein Anlaß besteht. Euer Sohn hat Euch und Euren Sohn Richard in
Bedrängnis gebracht. Weshalb sollte er zu einer List greifen? Nein, er hat all seinen persönlichen Besitz verteilt. Nun wünscht er nichts sehnsüchtiger als Eure Vergebung, damit er in Frieden sterben kann."
"Das ist eine Falle, Vater", warnte ihn Prinz Johann, der seinen Vater auf dem Feldzug begleitete.
Der Erzbischof von Rouen pflichtete ihm bei. "Euer Sohn mag Euch empfindlich getroffen haben, doch das Blatt wendet sich. Nicht Ihr seid in Bedrängnis, sondern der junge Rebell."
Heinrich mißtraute dem Bischof immer noch. Er hatte ihn noch nie sonderlich gemocht oder gar vertraut. Weshalb sollte er ihm im Krieg trauen?
"Der Erzbischof hat recht. Ihr irrt, wenn Ihr im Glauben seid, dass Heinrich keine List benötigt. Aber gut, reitet zu ihm zurück und meldet ihm, dass ich ihm vergebe, wenn er hier erscheint und sich mir unterwirft."
Der Bischof zögerte.
"Was ist? Habt Ihr nicht gehört? Ich verzeihe ihm. Meldet ihm das!"
"Euer Sohn liegt im Sterben. Er kann nicht hier her kommen und sich unterwerfen. Seine Kräfte sind am Ende und er bittet Euch lediglich um ein sichtbares Zeichen der Versöhnung. Verwehrt ihm das nicht im Angesichts des Todes."
Noch immer schenkte ihm der König keinen Glauben. "Ein Zeichen? Nun, was nehmen wir da?" rief Heinrich aus. Dann griff er in ein Kästchen und holte einen Saphirring hervor. "Hier nehmt das als Zeichen. Was anderes kann ich Euch nicht geben!"
"Ihr glaubt mir noch immer nicht? Nun, ich werde ihm dies bringen. Ich werde ihm melden, dass Ihr ihm verziehen habt. Damit er in Ruhe und in Frieden vor dem himmlischen Vater treten kann." Der Bischof trat näher und nahm den Ring entgegen. "Das wird ihm genügen", meinte er.
Heinrich zögerte für einen Moment. Offenbar sprach der Bischof die Wahrheit.
Der Bischof wandte sich ab und eilte zur Tür. Doch Heinrich hielt ihn zurück. Mit einem Male erkannte er, dass der Bischof nicht gelogen hatte. "Sagt ihm, dass ich ihn liebe. Sagt ihm dies." Dann ließ er den Bischof ziehen. Heinrich Plantagenet sah ihm nach. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn.
Als der Bischof nach Martel zurückkehrte, ging es mit Heinrich dem Jüngeren dem Ende zu. Man erteilte ihm die letzte Ölung, als der Bischof vor das Bett trat.
Heinrich erkannte ihn und hob die Hand. Der Bischof legte ihm den Ring in die Hand. Lange betrachtete Heinrich der Jüngere den Ring und streifte ihn schließlich über. "Verteilt meine Gewänder, alles was ich besitze oder am Leibe trage unter die Armen."
"Aber der Ring..." meinteder Bischof verwirrt, "wäre es dann nicht besser den Ring abzustreifen, damit Ihr in völliger Armut vor Euren Richter tretet."
Heinrich atmete schwer. Seine Augen wurden von einem Schleier umgeben und jeder der Umstehenden erkannte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er vor seinem Richter trat.
"Ich nehme diesen Ring nicht aus persönlicher Besitzgier, sondern um vor meinem Richter zu bezeugen, dass mein Vater mir verziehn hat. Wenn ich tot bin, könnt Ihr ihn wieder abstreifen."
"Euer Wunsch ist uns Befehl".
Noch einmal erwehrte sich der junge König dem Tod. Er bat darum, dass man ihn aufrichte. Dann rief er mit dünner Stimme nach Wilhelm de Marshal.
Der Gerufene trat an das Bett.
"Wilhelm, Ihr ward mir immer ein treuer Ritter. Zuerst dientet Ihr meiner Mutter und nun mir. Ich habe einen Brief schreiben lassen, indem ich meinen Vater darum bitte, Euch zu vergeben. Ihr habt nur Eure Pflicht getan. Möge er Euch in Gnaden aufnehmen. Ihr sollt wissen, dass ich auch alles, was einmal zwischen uns gestanden hat, bereue. Verzeiht mir."
Wilhelm de Marshal schluckte und sah die Umstehenden an. Dann nickte er. "Ich verzeihe Euch. Das habe ich schon längst getan."
"Ich war töricht anzunehmen, dass Ihr mich hintergangen habt. Heute weiß ich, dass ich Euch Unrecht getan habe. Doch ich kann es nicht mehr ändern, so sehr ich es auch gerne würde."
De Stimme Heinrichs versagte und er mußte heftig atmen. Schließlich konnte er weiter sprechen. "Bitte geht zu meinem Vater, wenn alles vorbei ist und überbringt ihm meine Worte. Ich habe vor dem Herrn gesündigt und die Hand gegen meinen Vater erhoben. Doch wir alle sind nicht frei von Schuld. Er möge ein einsehen haben und unserer Mutter die Freiheit schenken. Auf das die Familie sich wieder versöhne und Frieden zwischen uns herrscht. Dies ist mein sehnlichster Wunsch." Wieder mußte er eine Pause machen. "Ich wollte Euch ein reiches Land und Gut zukommen lassen. Doch nun ist es zu spät. Ich wünsche mir, dass Eurem Wunsch bald genüge getan wird. Denn ich weiß, dass Ihr Euch eine Heimat wünscht. Doch bevor Ihr ein Land nehmen könnt, bitte ich Euch um einen großen Gefallen. Erfüllt mein Gelübde und geht an meiner Stelle ins Heilige Land. Schließt Euch den Templern an. Sie sind furchtlos und treu. Nur an deren Seite seid Ihr gut aufgehoben. Es wird ihnen eine Ehre sein, Euch bei sich zu haben."
Wilhelm atmete tief ein. Es war ein großer Wunsch. Doch konnte man einem Sterbenden dies abschlagen? Langsam nickte er. Erleichtert fiel Heinrich der Jüngere ins Kissen zurück. Draußen dämmerte es bereits.
Noch in der Nacht verstarb Heinrich der Jüngere. Als man versuchte, ihm den Ring abzunehmen, ließ er sich jedoch nicht mehr abstreifen. Dies geschah am 11. Juni des Jahres 1183 nach der Geburt Jesu Christi.

Salisbury im Juni 1183

Eleonore war schweißgebadet aufgewacht. Es war noch weit vor dem Gebet zur Laudes. Sie atmete heftig. Sie stützte ihren Kopf auf ihre Hände und weinte. Sie hatte einen Traum gehabt. Eine Vision. Sie hatte ihren Sohn Heinrich den Jüngeren gesehen. Er lag auf einem Bett mit geschlossenen Augen. Ein Saphirring war über seinen Ringfinger gestreift. Man hätte meinen können, er schlief. Doch er tat es nicht. Heinrich der Jüngere, der Thronfolger war tot.

Dordogne im Juni 1183

Der Tod löste tiefe Trauer und Bestürzung aus. Wilhelm de Marshal war zu König Heinrich geritten und hatte ihm die Nachricht vom Tode seines Sohnes überbracht. Er war der einzigste, der dem König sich gefahrlos nähern konnte.
Heinrich schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht und weinte. Er weinte um seinen Sohn, den er geliebt hatte, und der ihm eines Tages auf dem Thron folgen sollte. Dies war sein zweiter Sohn den er zu Grabe bringen muße. Er empfand keinerlei Zorn oder Verachtung für seinen Sohn, obwohl dieser sich zweimal gegen ihn erhoben hatte. Doch Haß und Liebe, Rache und Vergebung lagen in der Familie der Plantagenet dicht beinander.
"Wo ist der Leichnam meines Sohnes?" fragte Heinrich schließlich, nachdem er sich einigermaßen wieder gefaßt hatte.
"In der Burgkapelle von Martel hat man ihn aufgebahrt", antwortete Wilhelm de Marshal.
Heinrich nickte schwerfällig und trat ans Fenster. Die Sonne war hinter Wolken verdeckt.
"Bringt mich zu ihm!" befahl Heinrich.
Wilhelm nickte.
Sie ritten nach Martel. Prinz Johann begleitete sie. In der Burg angekommen näherte Heinrich sich mit schweren Schritten dem aufgebahrten Leichnam in der Kapelle der Burg. Vor dem Leichnam blieb er stehen. Er fühlte sich auf einmal unendlich alt und gebrechlich. Lange blieb er schweigend vor seinem toten Sohn stehen. Schließlich fragte er: "Hat er noch etwas gesagt?"
Wilhelm spürte, wie ihm das sprechen schwer fiel. "Ja, mein König. Er hat Euch gebeten, die Familie zu versöhnen und Eure Gemahlin freizulassen. Desweiteren bat er um Vergebung für seine Sünden und wünscht nichts so sehr, wie dass die Familie wieder zusammen findet."
Heinrich nickte.
Zögernd fuhr Wilhelm fort: "Und dann war da noch etwas."
Heinrich sah ihn gespannt an. "Was?"
"Nun, er bat mich an seiner Stelle nach Jerusalem zu gehen. Doch ich bin Euer Gefangener."
Heinrich schüttelte unmerklich den Kopf. "Ihr seid nicht mein Gefangener. Ihr habt nur treu zu meinem Sohn gehalten. Ich betrachte Euch nicht als meinen Feind. Wollt Ihr das Versprechen einlösen und nach Jerusalem ziehen?"
Wilhelm straffte sich. "Ja, ich habe es ihm geschworen!"
"Soviel Treue und Pflichtgefühl. Wilhelm, Ihr seid ein ganz besonderer Ritter. Ich wünschte mir, ich hätte Euch an meiner Seite. Doch ich spüre, dass Ihr nie ein ruhiges Gewissen hättet. Ihr könnt Euch den Templern anschließen, wenn es das ist, was Ihr wollt. Wann brecht Ihr auf?"
Wilhelm war erleichtert, dass alles so leicht gegangen war. "Mit Eurer Erlaubnis sofort nach der Grablegung Eures Sohnes."

Sommer 1183

Nachdem Heinrich seinen Sohn beerdigt hatte und Wilhelm von ihm Abschied genommen hatte, brach Heinrich nach Rouen auf. Er blieb auf dem Weg nach Rouen meist schweigsam und zurückgezogen. Selbst Prinz Johann fand keinen Zugang zu ihm. Immer und immer wieder ging ihm der Wunsch seines Sohnes durch den Kopf. Konnte er Eleonore frei lassen? Er hatte dies seinem Sohn nicht versprochen. Aber war der Wunsch eines Toten, wenn es das eigene Fleisch und Blut ist, nicht wie ein Versprechen, ein Schwur?
Eleonore hatte vom Tod ihres Sohnes bereits erfahren, als ihre Tochter Mathilde sie in ihrem Gefängnis besuchte. Weinend fielen sie sich in die Arme.
Als Mathilde ihre Mutter schließlich wieder verließ, eilte sie an den Hof ihres Vaters in Rouen und bat darum ihre Mutter frei zu lassen. "Du hälst die Königin seit zehn Jahren gefangen. Ihr wurde nicht einmal die Gelegenheit gegeben sich von ihrem verstorbenen Sohn zu verabschieden. Wenn Du wirklich barmherzig bist, wenn Du um Deinen Sohn aufrichtig weinst, und ihm vergeben hast, dann vergib´ auch ihr. Es wäre im Sinne von Heinrich, wie es auch im Sinne Deiner Kinder ist", flehte sie den König an.
Der König war geneigt sich dem Wunsch zu beugen. Doch ein Teil seines Verstandes warnte ihn. Schließlich entschloß sich Heinrich zu einer Lockerung der Haft. Sie sollte das Gefängnis verlassen und Ausreiten dürfen. Allerdings durfte sie nur in bewaffneter Begleitung Ausreiten.
Der Tod des Thronfolgers bedeutete eine Veränderung der Erbfolge: Nun war Richard Löwenherz der Thronfolger. Zwar hatte sich ihr Verhältnis in den letzten Jahren verbessert, doch war es zwischen Heinrich und Richard nie so innig gewesen, wie zwischen Heinrich und Heinrich dem Jüngeren, obwohl dies nach außen hin oft nicht so schien.
Richard war eine Spur hitzköpfiger, ehrgeiziger und auch kampfeslustiger als Heinrich der Jüngere es war. Es war nur eine Frage der Zeit bis Richard darauf drängen würde, ihn ebenfalls vorzeitig krönen zu lassen. Doch seine Erfahrungen mit Heinrich dem Jüngeren waren dem König eine Lehre. Niemals würde er Richard vorzeitig krönen lassen.
Zudem hatte Richard nun auch Anspruch auf die Ländereien und Güter des verstorbenen Sohnes. Richard war seinem Vater viel zu ähnlich und machtgierig um auf diese wertvollen Einnahmequellen zu verzichten. Würde Richard jedoch Zugriff auf diese Einnahmequellen haben, würde er seinem Vater ernsthaft gefährlich werden können. Leicht ließe sich ein großes Söldnerheer damit anwerben. Und das Richard bereit wäre gegen seinen Vater zu Felde zu ziehen, hatte Heinrich schon schmerzhaft erfahren müssen.
Heinrich war fest entschlossen, die Macht seines Erben und Nachfolgers zu beschränken. Allein schon um seinem Lieblingssohn Johann mehr Bedeutung und Macht zu geben. Bislang hatte Johann lediglich Irland zugesprochen bekommen. Doch Irland war nicht reich und verschaffte keine Macht. Um das Erbe neu zu ordnen, wollte er ein Treffen mit seinen Söhnen und so lud er sie zu sich nach Rouen ein.

Die Söhne folgten seiner Aufforderung. Richard kam in der Annahme, dass Heinrich bekannt geben würde, dass er ihn vorzeitig krönen lassen wolle. Und Gottfried hoffte nun weitere Ländereien und Güter übertragen zu kommen.
Seinen Söhnen zu Ehren gab Heinrich ein Bankett. Gottfried genoß die reichhaltigen Getränke und Speisen und auch Richard griff herzhaft zu.
Die Stimmung war gelöst und das Bankett zog sich bis in die späte Nacht. Richard fiel auf, dass Johann ihn aufmerksam und forschend musterte. Es war ihm beinahe so, als würde er ein wissendes Lächeln auf den Lippen haben. Doch die Gaukler und Troubadoure lenkten ihn ab und so vergaß er Johann.
"Das Wildbrett ist zart und saftig. Es gibt ausgezeichnetes Wild in Euren Wäldern!" rief Gottfried seinem Vater zu.
Dieser hob als Antwort nur den Becher mit Wein und trank ihm zu. An seiner Seite saß der Bischof von Lincoln, Gottfried.
"Die Trauer bei Euren legitimen Söhnen scheint nicht allzu groß zu sein", bemerkte Gottfried gehässig zu Heinrich.
Dieser nickte. "Ja, sie wissen noch nicht, was sie erwartet."
"Mit der Ausnahme von Johann", widersprach Gottfried. Dann nahm der Bischof ein Schluck vom Wein und meinte: "Bedauerlich das Ihr Wilhelm de Marshal ziehen habt lassen. Seine Fähigkeiten mit den Waffen, wäre für Euren jüngsten Sohn sehr nützlich gewesen."
Heinrich grunzte. Gottfried hatte recht. Johann war kein guter Schwertführer. Richard und Gottfried waren ihm in seinem Alter weit voraus gewesen.
"Seine Zeit wird noch kommen", meinte Heinrich schließlich. "Ist Adelaide hier?"
"Ja, sie wartet bereits auf Euch."
"Dann will ich sie nicht warten lassen. Sie hatte bestimmt eine anstrengende Reise hierher. Ihr entschuldigt mich".
Als der König sich zurück zog, löste sich die Gesellschaft auf.
Am nächsten Tag lud Heinrich seine Söhne nach Tertia zu sich. Er empfing sie auf dem Thron sitzend umgeben von seinen wichtigsten Ratgebern, dem Kanzler, dem Bischof von Rouen, sowie dem Grafen von Arundel und weiteren Baronen und Prälaten.
"Der Tod von dem Thronfolger Englands erfordert es, die zwingt mich, die Ländereien - also Euer Erbe - neu zu verteilen. Um keinen Unfrieden und Zwist zu säen, um den Frieden zu erhalten und um der Gerechtigkeit willen, fordere ich meinen Sohn dem Herzog von Aquitanien auf, sein Herzogtum an seinen Bruder Prinz Johann zu übergeben. Im Gegenzug huldigt dieser Euch - Richard - als Lehensherr über Aquitanien. Ihr werdet - wie unsere Vorfahren auch - England, die Normandie, das Anjou und Maine erhalten. Gottfried wird die Bretagne als sein Lehen behalten. Daran ändert sich
nichts. Prinz Johann behält zudem Irland und die ihm zugesagten Burgen."
Richard und Gottfried sahen sich entrüstet an. Johann grinste zufrieden.
"Ihr verlangt von mir, dass ich Aquitanien aufgebe und es Prinz Johann übertrage? Er ist doch fast noch ein Kind. Außerdem ist Aquitanien ein reiches und fruchtbares Land. Von Geburt an war es für mich bestimmt", rief Richard empört aus.
"Damit übergeht Ihr mich in der Erbfolge", rief Gottfried aus. "Damit verleiht Ihr Johann eine riesige Macht und reiche Ländereien. Er wäre mächtiger als der König, als Richard."
Heinrich schüttelte den Kopf. "Irland ist arm und rückständig. Ihr irrt also gewaltig, wenn Ihr glaubt, dass Johann reicher und mächtiger wäre als der König."
"Und wie lange wird es dauern, bis Johann nach der Bretagne greift?" fragte Gottfried verbittert. "Ihr seid nicht mehr der Jüngste, Vater. Was wird passieren, wenn Ihr tot seid?"
"Wollt Ihr mich als einen Brudermörder und Verräter bezeichnen? Ich bin kein Verräter", rief Johann erbost aus bevor der König eine Antwort geben konnte. "Und Du Richard irrst Dich, wenn Du mich als Kind betrachtest. Ich bin jetzt siebzehn Jahre alt. Wie alt wars Ihr als Euch die Krone Aquitaniens auf das Haupt gesetzt wurde?"
Richard Löwenherz kochte innerlich vor Wut. Johann hatte recht. Das wußte er nur zu gut. Und er wußte nun auch, warum Johann am Vorabend so überlegen gelächelt hatte. Er wußte bereits von den Plänen! "Gottfrieds Sorge ist nicht unberechtigt. Wo das Blut der Grafen von Anjou fließt, ist auch die Eifersucht und der Neid", meinte Richard ruhig.
"Wie meinst Du das?" rief Johann und trat auf Richard zu.
Heinrich sah Richard vorwurfsvoll an.
"Ich glaube", meinte Richard süffisant lächelnd, "dies bedarf keiner weiteren Erläuterung."
"Oh, doch", widersprach Johann heftig, "Du bist mir da eine Erklärung schuldig."
"Nun, gut. Wenn Du sie hören willst: Du bist habgierig und ehrgeizig. Und beides ist gefährlich. Wie kann man Dir also trauen? Weil Du mein Bruder seid? Nein, das genügt nicht. Heinrich hatte auch nicht gezögert gegen mich oder unseren Vater das Schwert zu ziehen. In unserer Familie gab es schon zuviel Streit, der zu Kriegen führte."
Bevor Johann etwas erwidern konnte, rief Heinrich scharf aus: "Genug jetzt! Ich dulde keinen Streit. Richard hat recht, es hat schon zuviel Streit gegeben."
"Oh, ja. Richard hat recht. Nämlich das Ihr einen Fehler begeht", rief Gottfried aus, "Euer Plan ist kurzsichtig. Ihr verletzt meine Ehre."
Nun brauste Heinrich zornig auf: "Willst Du mir drohen? Ihr habt nicht das Recht, so mit dem König zu sprechen. Hütet Eure Zunge, damit Ihr nicht etwas sagt, was Ihr später bereuen könntet."
"Möge ich Euren Zorn auf mich ziehen, was kümmert es mich? Ich wünschte, Ihr hättet mich nur mit einem Bruchteil so geliebt, wie Ihr Johann liebt", rief Gottfried vor Wut zitternd aus.
"Ich habe Dich genauso geliebt, wie ihn. Wie Heinrich und wie Richard."
"Nein, nicht im geringsten. Denn sonst wäre Heinrich nicht tot. Ihr seid dafür verantwortlich. Hättet Ihr ihm die Macht gegeben, die ihm als König zugestanden hat, wäre es nie soweit gekommen, dass er
sich gegen Euch erhoben hätte."
Heinrich sprang auf und lief auf Gottfried zu. Ehe die Umstehenden es verhindern konnten, ergriff Heinrich Gottfried am Kragen und zog ihn zu sich heran. "Bei Gott, sei dem Herrn dankbar, dass Du mein eigen Fleisch und Blut bist. Jeden anderen hätte ich dafür erschlagen."
Gottfried musterte lange seinen Vater. Er spürte, dass er zu weit gegangen war. Der König stand kurz vor einem seiner gefürchteten Anfälle der `schwarzen Galle´.
Schließlich ließ der König Gottfried wieder los und stieß ihn von sich. Dann wandte er sich an Richard: "Ich bin der König, und ich habe die Oberhoheit über alle Ländereien in meinem Königreich. Vergeßt das nicht. Ich kann jederzeit Lehen verleihen und sie wieder entziehen. Das ist mein Recht. Und dieses Recht werde ich mir von keinem nehmen lassen."
Richard straffte sich. "Wenn Ihr mir die Lehen entziehen wollt, dann verlange ich die Krönung zu Eurem Nachfolger."
"Ausgeschlossen. Zunächst muß über Deine Hochzeit mit Philipp August gesprochen werden. Immerhin heiratet Prinzessin Adelaide nun den englischen König. Seine Mitgift wird also etwas höher ausfallen müssen."
Richard wußte, dass dies nur ein Vorwand war. Heinrich würde ihn nie vorzeitig krönen lassen.
"Ich gebe Euch bis Weihnachten dieses Jahres Zeit. Auf dem Hoftag wird die Neuordnung besiegelt und die Barone und Prälaten können Euch huldigen. Und nun geht. Ich erwarte, dass Ihr meinen Befehlen Folge leistet."
Richard und Gottfried sahen sich kurz an und verließen den Raum. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, trat Johann an seinen Vater heran. "Aber Vater, das ist in einem halben Jahr. Ich dachte, Aquitanien wird mir sofort übertragen!"
Heinrich schüttelte den Kopf. Er legte ihm die Hände auf die Schulter und sah ihn zärtlich an. "So lange wirst Du schon warten müssen, mein Sohn. Ich muß Richard die Zeit geben, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen. Er wird Aquitanien nicht freiwillig aufgeben. Dazu brauche ich die Königin Eleonore. Nur mit ihrer Hilfe und ihrem Einfluß kann ich Richard vielleicht überzeugen."
Johann, dem ein spärlicher Oberlippen- und Kinnbart wuchs, sah seinen Vater nachdenklich an.
"Habt Ihr deswegen die Königin aus dem Gefängnis geholt?"
"Sie wird uns dienlich sein. Ich habe ihr sogar einige Entscheidungen übertragen."

"Habt Ihr denn keine Angst, dass Gottfried und Richard sich gegen Euch erheben?"
Heinrich wandte sich ab und sah seinen Kanzler an.
Dieser erklärte: "Natürlich gefällt Ihnen diese Entscheidung nicht. Doch für Richard steht zu viel auf dem Spiel. Würde er sich jetzt erheben, würde er gegen den Willen des verstorbenen Thronfolgers handeln. Und was für ihn noch gefährlicher ist: Er könnte enterbt werden."


Sommer/Herbst 1183

Richard verließ Rouen im Zorn und eilte nach Poitiers. Heinrich und sein Kanzler sollten sich täuschen. In Poitiers angekommen sandte Richard einen Brief an den König, indem er diesem mitteilte, dass er Aquitanien nicht kampflos hergeben werde. Sofort gab er den Befehl zu rüsten und die Festungen zu verstärken.
Auch Gottfried war nicht gewillt, diese Erniedrigung einfach so hinzunehmen. Johann stand Aquitanien nicht zu. In der Erbfolge war er der letzte, der Aquitanien erben konnte. Schon seit langem hatte Gottfried davon geträumt sein Reich zu vergrößern. Nun ergab sich diese Chance. Und nun sollte sie ihm genommen werden. Boten eilten zwischen Poitiers und Nantes hin und her. Schnell waren sich Gottfried und Richard einig. Gemeinsam würden sie gegen ihren Vater kämpfen. Daraufhin kam es zum Krieg zwischen Richard und Gottfried auf der einen Seite, und Johann, sowie Heinrich auf der anderen Seite.
Der Brief, den Richard an seinen Vater sandte, war ungewöhnlich hart formuliert. Zum anderen war darin zu lesen, dass "....ich es nicht hinnehmen kann, dass Ihr meine Verlobte verführt und geraubt habt, und dann auch noch mein durch Gottes Gnaden verliehenes Lehen nehmen wollt."
Als Heinrich den Brief gelesen hatte, geriet er in Rage. Er befahl Johann sofort gegen Richard und Gottfried vorzugehen, da er selbst den französischen König Philipp August treffen müsse.
Johann widmete sich mit großem Eifer der Aufgabe und zog an der Spitze eines Heeres gegen seine Brüder zu Felde.
Heinrich eilte unterdessen nach Trie, wo er mit Philipp August zusammentraf. Man traf sich in den Gemäuern der Festung und saß sich im Großen Saal gegenüber. Beide Könige waren mit einer stattlichen Delegation aus Baronen und Bischöfen erschienen.
Philipp August verlangte nun das Vexin und die Festung Gisors zurück. Nach dem Tode Heinrichs des Jüngeren falle die Mitgift an die französische Krone zurück.
Doch Heinrich lehnte rundweg ab und weigerte sich. Niemals würde er das Vexin und Gisors kampflos hergeben.
"Wenn Ihr den Krieg wollt, dann sollt Ihr ihn haben", meinte Philipp August boshaft lächelnd. "Aber bedenkt, dass dieser Krieg eine andere Tragweite besitzen wird. Euren ältesten Sohn vermochte ich nicht zu unterstützen. Dies war eine Angelegenheit, die nur Euch etwas anging. Doch diesesmal befinden sich der Herzog von Aquitanien und der Graf der Bretagne im Aufstand. Wollt Ihr an allen Fronten sein? Wen habt Ihr noch auf Eurer Seite? Prinz Johann?! Ein unerfahrener junger Mann, der noch keine Schlacht geschlagen hat. Wen soll er sich entgegen stellen. Seinem kampferfahrenen Bruder Richard oder dem König von Frankreich? Der Ausgang dürfte nicht allzu schwer vorstellbar sein. Ihr habt also gar keine Wahl, als auf meine Forderung einzugehen."
Heinrich kniff die Lippen zusammen. Philipp August hatte recht. Doch er würde ihm nicht gewachsen sein.
"Ich fürchte Euch nicht. Eure Erfahrungen im Feld sind auch noch nicht sonderlich groß. Wenngleich Ihr den einen oder anderen Grafen niederringen mußtet: Ich bin kein kleiner Vasall."
Philipp August erstarrte. "Ist dies eine Drohung? Noch seid Ihr der Vasall des Königs von Frankreich. Jeder Angriff auf mich betrachte ich als Hochverrat."
Nun spielte Heinrich seinen größten Trumpf aus: "Habt Ihr Eure Pläne fallen lassen? Wollt Ihr eine Auflösung der Verlobung zwischen Prinzessin Adelaide und Richard? Ihr braucht mich, wenn Ihr Adelaide mit Richard verheiraten wollt. Richard sträubt sich noch immer. Behält er die Oberhand, dann sind Eure Pläne zerstört."
Die Lippen von Philipp August zitterten heftig. Innerlich kochte er vor Wut. Er war in die Enge getrieben. Die Verhandlungen standen kurz vor einem Abbruch. Die Zeichen standen auf Sturm.
Der Erzbischof von Reims, der an der Seite von Philipp August saß, war es, der die Verhandlungen rettete: "Wenn eine Rückgabe des Vexin nicht möglich erscheint, so wäre eine Zahlung einer angemessenen Summe vielleicht eine Lösung, die beide Seiten akzeptieren könnten."
"An welche Summe denkt Ihr?" fragte Heinrich lauernd.
Der Erzbischof zuckte die Achseln.
"3000 angevinische Pfund", rief Philipp August wütend. Eine Summe, die viel zu hoch war.
Heinrich sprang empört auf. "Das ist völlig inakzeptabel. Höchstens 2000."
Es begann nun eine lange und zähe Feilscherei. Schließlich mußte Heinrich doch sein Angebot deutlich erhöhen. Gegen eine Zahlung von 2750 angevinischen Pfund fiel Gisors schließlich an den englischen König.
Schwieriger erwiesen sich die anschließenden Verhandlungen bezüglich der Heirat zwischen Adelaide und Richard.
"Es kursieren Gerüchte, dass Ihr die Verlobte Eures Sohnes verführt habt, und sie Euch als Mätresse dient. Und das, obwohl sie schon seit vielen Jahren mit Richard verlobt ist. Nun muß ich hören, dass der Thronfolger sich weigert, eine berührte Frau zu heiraten."
Heinrich wand sich. Natürlich stritt er ab, Prinzessin Adelaide verführt zu haben. Doch das gelang ihm nur wenig überzeugend. Schließlich versprach er, dass Adelaide auf jeden Fall, einen seiner Söhne, wenn es nicht Richard sei, dann eben Johann, heiraten werde. Als Heinrich dann den Huldigungseid leistete, gab sich Philipp August schließlich zufrieden.

Kapitel 10


Sankt-Andreas-Fest 1184 im Palast von Woodstock

Der Krieg unter den Söhnen war eigentlich nichts anderes als die Abfolge von Scharmützeln, vereinzelten Belagerungen und Überfällen. Schon bald erkannten beide Seiten, dass weder die eine, noch die andere Seite stark genug war, um die andere zu besiegen. Und so verlor der Krieg im Frühjahr an Schwung.
Weihnachten hatte Heinrich in Rouen den Hoftag gehalten, zu dem sich aber wegen des Krieges nur wenige Barone einfanden. Johann war als einzigster Sohn an der Seite des Königs zu finden.
Heinrich war im Juni 1184 nach England zurückgekehrt, wo er seiner hochschwangeren Tochter
Mathilde erneut erlaubte, Eleonore zu besuchen.
Das Verhältnis zwischen Heinrich und Eleonore schien sich verbessert zu haben. So schien es zumindestens nach außen hin.
Im Gegenzug gestattete er Eleonore ihre Tochter in Winchester zu besuchen, nachdem sie eine Tochter zur Welt gebracht hatte.
Mathilde war es, der es nach zahlreichen Versuchen auch gelang, die Familie wieder zusammenzubringen. Wenige Tage nach der Geburt stattete auch ihr Vater einen Besuch ab, um sein Enkelkind zu sehen. Dabei bat Mathilde ihn, Eleonore endlich wieder freizulassen. Heinrich war zwar nicht bereit, Eleonore endgültig die Freiheit zu schenken, aber er versprach, Eleonore es zu gestatten zum Fest des heiligen Andreas nach Westminster zu kommen. Paßte es ihm doch ausgezeichnet ins politische Kalkül. Er hoffte so, Richard zur Aufgabe bewegen zu können. Und gab Richard auf, dann würde Gottfried ihm folgen.
Heinrich sandte ihr einen Brief, indem er zusicherte, dass sie ihre Freiheit wiedererlangen würde, wenn sie Richard und Gottfried zur Aufgabe ihres Aufstandes bewegen konnte. Natürlich erkannte Eleonore sofort, welches seine Beweggründe waren - zumal er keinen Hehl daraus machte - aber nach zehn Jahren Haft sehnte sie sich nach der Freiheit. Ihr Hunger nach Freiheit hatte sich noch vergrößert, nachdem sie einige Freiheiten genossen hatte. Tatsächlich gelang es ihr, ihre Söhne zu einer Beendigung des Aufstandes zu bewegen und bat sie zum Fest des Heiligen Andreas zu erscheinen. Sie sehnte sich nach ihren Söhnen.
Am 30. November, dem Sankt-Andreas-Fest, traf sich die Familie im Palast von Woodstock und feierte ein Wiedersehen.
Es war ein kalter und trüber Tag. Die Sonne fand mit ihren Strahlen keinen Weg durch die dichte Wolkendecke.
Richard und Gottfried waren bereits einen Tag vorher im Palast eingetroffen. Der König und Johann hatten in Bermondsey genächtigt. Sie waren zusammen mit Heinrich dem Löwen von Braunschweig mehrere Tage auf Jagd gewesen und kamen mit reicher Beute zurück.
Im Palast von Westminster herrschte eine aufgeregte, beinahe gespannte Atmosphäre. Jeder ahnte, dass dies ein besonderer Festtag werden würde. Der Palast war geschmückt mit Wimpeln und Fahnen und überall wurde geputzt, gefegt und frisches Stroh ausgelegt.
Alle zum königlichen Hof gehörende Damen und Herren hatten ihre prachtvollsten Gewänder angelegt, und sogar Heinrich hatte die einfache Kluft abgelegt und einen pelzverbrämten, mit Goldfäden durchwirkten, grünen Mantel aus Samt angelegt. Auf dem Kopf trug er eine Mütze mit einer Feder eines Goldfasanes und er trug modische, spitzzulaufende Schuhe.
Als die Eskorte mit Eleonore schließlich durch das Tor ritt, ging er ihr entgegen und half Eleonore persönlich vom Pferd.
"Oh, wie galant", meinte sie freundlich lächelnd.
Heinrich lächelte ihr zu. Sie sah noch immer schön aus. Viel jünger als sie tatsächlich war. Die lange Zeit im Turm von Salisbury sah man ihr nicht im geringsten an.
Richard, Gottfried, Johann und Mathilde hielten sich im Hintergrund. Am schwersten fiel es Richard sich im Zaum zu halten. Hatte er einst einen heftigen Streit mit ihr wegen der Herrschaft in Aquitanien geführt, so war dieser längst vergessen.
Heinrich geleitete sie zu ihren Kindern. Hatte sie bislang Haltung bewahrt, so brach sie jetzt zusammen. Sie zog jeden ihrer Söhne und Mathilde fest an sich und küßte sie. Und sogar Johann stiegen die Freudentränen in die Augen, was Heinrich nicht ganz ohne Eifersucht bemerkte.
Sie gingen in das Innere des Palastes, wo ein großes Bankett vorbereitet war. Wie in früheren Zeiten saß Eleonore neben Heinrich. Ihre Augen leuchteten vor Freude. Sogar ein Troubadour erschien im Verlaufe des Festes und trug ein Gedicht vor, dass er ihr zu Ehren geschrieben hatte. Doch all die Freude, die Fröhlichkeit und Heiterkeit konnte nicht verbergen, dass es unter der Oberfläche gärte.
Gottfried und Richard hatten sich bislang zurückgehalten, und mit ihrem Vater noch kein Wort gewechselt.
Das Fest dauerte bis tief in die Nacht hinein. Eleonore und Heinrich waren einige der Letzten, die das Bankett verließen. Heinrich begleitete sie zu ihrem Gemach. Vor der Tür blieben sie stehen.
"Ich danke Dir, dass Du mich bis vor die Tür begleitet hast. Ich sehe, Du hast von Deinem Charme nichts verloren", meinte sie.
"Vielen Dank für das Kompliment. Ihr ward eine angenehme Gesellin bei diesem Fest. Ich bin erstaunt, dass Ihr kein Zeichen von Müdigkeit zeigt."
"Ich habe mich ja lange genug ausruhen können. Ich habe zehn Jahre nachzuholen", gab sie zurück.
"Die Eurer Schönheit nichts anhaben konnten", stellte Heinrich fest.
Eleonore lachte. "Heinrich, wir sind doch keine kleinen Kinder mehr. Laß Deine Komplimente. Die Zeit ist nicht an uns vorbeigegangen. Du bist nicht mehr schlank und hast angesetzt. Du hast mich doch nicht nach zehn Jahren aus dem Turm geholt, mir ein Bankett zu Ehren gegeben, begleitest mich zu später - oder ist es schon früher - Stunde bis vor das Gemach, um mir Komplimente zu machen. Ich kenne Dich schon viel zu lange, als ich darauf hineinfallen würde", meinte sie.
Heinrich wurde ernst. Sie hatte ihn durchschaut. So bemühte er sich gar nicht erst, es abzustreiten.
"Du hast recht, ich muß mit Dir unter vier Augen reden."
Sie legte ihre Hände auf seinen Brustkorb. "Dann laß uns an die frische Luft gehen. Nach zehn Jahren giere ich nach frischer Luft. Außerdem möchte ich keine Gerüchte aufkommen lassen, wenn Du dabei gesehen wirst, wie Du in mein Gemach verschwindest. Prinzessin Adelaide würde es sicherlich nicht gefallen", meinte sie spöttisch.
"Aber ich bin der König und Du die Königin", protestierte er, "es ist doch völlig normal, dass ich mich in Deinen Gemächern aufhalte."
Sie wog den Kopf hin und her. "Ich denke dabei an die arme Adelaide. Wir wollen sie doch nicht unnötig verletzen", gab sie zurück.
Heinrich kniff die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, folgte ihr jedoch. Sie stiegen eine schmale Wendeltreppe herab und gelangten so auf die Mauer der Palastes. Es war eine kalte, aber sternenklare Nacht. Die Wolken hatten sich verzogen und es roch nach Schnee. Sie blieb stehen und atmete tief ein.
"Herrlich diese Luft, nicht wahr?"
"Hmmh", gab er zurück.
"Also, was willst Du so wichtiges mit mir bereden?" fragte sie schließlich.
Heinrich holte tief Luft. "Es geht um unsere Söhne", begann er, "sie sind zerstritten, bekämpfen sich und mißtrauen einander. Da ändert auch das gemeinsame Fest hier nichts."
"Was zum großen Teil, Deiner Diplomatie zu verdanken ist", meinte sie spitz.
Heinrich nickte. "Sei´s drum. Jedenfalls beabsichtigte ich Johann Aquitanien als Lehen zu übergeben. Doch Richard weigert sich. Das ist Hochverrat. Einzig die Tatsache, dass er mein Sohn ist, hindert mich daran, ihn deswegen anzuklagen."
"Und außerdem ist er Dein Thronfolger. Und wenn Du ehrlich bist, ist außer Richard keiner unserer Söhne in der Lage, ein solches Reich zu regieren. Gottfried hätte es vielleicht einmal werden können, doch das ist vorbei."
Heinrich nickte. "Er ist häufiger auf Turnieren zu sehen, als auf dem Herrscherstuhl. Ja, Du hast recht. Richard ist der geeignete Nachfolger. Johann ist noch zu jung."
"Nicht zu jung, zu ehrgeizig. Er schlägt ganz nach Deiner Art. Verzeih´ mir, Heinrich, wenn ich das sage, aber Du bist ein Despot. Und jetzt im zunehmenden Alter, wirst Du immer despotischer."
Heinrich sah Eleonore nachdenklich an. "Es ist doch seltsam, nicht wahr? Hätte es jemand anderes gesagt, dann hätte ich ihn wohl von dieser Mauer gestoßen. Aber wenn Du es sagst, stimmt es mich höchstens nachdenklicher."
"Es hat keinen Sinn, darüber zu philosophieren, aber es ist nun einmal Tatsache, dass wir alle älter werden. Vielleicht werden wir dann endlich auch klüger, wenngleich ich nicht behaupten will, dass Du die Weisheit erlangt hast."
"Du spielst auf Adelaide an", meinte er.
Sie zuckte mit den Schultern. "Vielleicht, aber wir wollen nicht abschweifen. Wenn ich Dich richtig verstanden habe - und bitte korrigiere mich, wenn ich etwas falsches sage - dann soll ich Richard überreden Vernunft anzunehmen?" fragte sie.
"So könnte man es sagen. Doch ich habe einen Vorschlag. Richard überträgt die Lehensherrschaft Dir. Du bekommst Aquitanien zurück. Johann erhält Aquitanien nach unserem Ableben. Damit ist die Herrschaft Richards gesichert und nicht gefährdet."
Eleonore atmete tief durch. Sie mußte sich schwer zusammennehmen, um ihre Aufgeregtheit nicht zu zeigen. Die Aussicht Aquitanien wieder zu erlangen, versetzte ihren Puls in Hochfrequenz. Doch wie würde Richard darauf reagieren? Sie mußte zugestehen, dass Heinrich sie überrumpelt hatte. Die
Lehnsherrschaft über Aquitanien würde bedeuten, dass sie wieder an ihren Hof zurückkehren könnte. Sie könnte wieder den Troubadouren lauschen, Feste feiern, leben.
"Du bist raffiniert, Heinrich. Mein Kompliment. Du verstehst es blendend, zu intrigrieren. Ich weiß nicht, was ich von diesem Vorschlag halten soll."
"Du hast Zeit es Dir zu überlegen", meinte er, "allerdings solltest Du Dir keine falschen Hoffnungen machen. Ich werde jeden Deiner Schritte beobachten. Ich kann und werde Dich jederzeit wieder in den Turm stecken lassen, wenn ich meine, dass es notwendig ist."
"Das weiß ich nur zu gut", gab sie zurück, "das ist mir schon seit zehn Jahren bewußt, Heinrich."
"Gut", meinte er und zog sie plötzlich an sich und drückte ihr einen Kuß auf den Mund, dem sie sich
nicht zu entziehen vermochte. "Willkommen in der Familie!"
Eleonore konnte die ganze Nacht kein Auge zumachen. Der Kuß schien ihr auf den Lippen zu brennen, und sie ertappte sich dabei, dass sie den Kuß genossen hatte. Ja, sie spürte ein Verlangen nach mehr. Doch wie konnte dies sein? Zehn Jahre lang, war sie eingesperrt gewesen. Heinrich hatte sie betrogen und ihr Land genommen, ihr das Herz gebrochen. Und doch hatte er nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Sie schalt sich wegen solcher Gedanken. Doch auch wenn sie nun schon über sechzig war, war ihr das Verlangen nach einem Mann nicht abhanden gekommen. Für sie bedeutete es mehr als nur ein Verlangen. Für sie war es das Zeichen, dass sie noch lebte.

Windsor Weihnachten 1184

Als Eleonore Richard in seinem Gemach aufsuchte, sprang dieser auf und eilte auf seine Mutter zu.
Sie umarmten sich und Eleonore drückte ihm einen Kuß auf die Stirn.
"Mutter, wie geht es Euch?" fragte Richard.
"Gut, jetzt nachdem ich die Freiheit wiedergewonnen habe sogar blendend. Aber auch Du siehst gut aus. Du mußt Dich doch vor den Damen nicht retten können", meinte sie.
Richard schüttelte den Kopf. "Die Damen und die fleischliche Lust interessieren mich nicht."
"Aber Du bist der Thronfolger. Und auch Du wirst einen Thronfolger benötigen."
"Verzeiht, aber Ihr seid doch nicht gekommen um mit mir über Heiratspläne mit Adelaide zu sprechen. Ihr wißt doch, dass sie nicht mehr unberührt ist?"
Sie nickte traurig. "Ja, ich weiß Bescheid. Und Du hast recht. Ich bin gekommen um mit Dir über die Pläne Deines Vaters zu reden."
Richard löste sich von ihr und bot ihr einen Stuhl an. Er selbst zog es vor zu stehen.
"Ich weiß, Du liebst Aquitanien so sehr wie ich. Doch Du mußt um der Krone willen darauf verzichten. Das Angebot, welches Dein Vater gemacht hat, ist großzügig."
"Er verlangt unmögliches von mir", erwiderte Richard heftig, "und das Ihr ihn unterstützt trifft mich sehr. Was hat er Euch dafür versprochen? Die Freiheit?"
Eleonore reagierte heftiger als sie ursprünglich wollte. "Und wenn schon? Ist es nicht mein Recht. Habe ich mich nicht für Euch aufgeopfert und um Eure Rechte gekämpft? Habe ich nun kein Recht auf Freiheit?"
Richard war verärgert. "Ich streite Euch das Recht und den Wunsch auf Freiheit nicht ab, aber ist es nicht so gewesen, dass Ihr uns für Eure Pläne mißbraucht hattet?"
Der Vorwurf traf Eleonore wie ein Stich. "Nein", erwiderte sie leise, "ich tat es für Euch. Ich wollte Euch die Macht sichern. So wie ich es noch heute will. Doch offenbar hat das Gift Heinrichs auch Euch befallen. Ich wünschte mir, Ihr würdet Vernunft annehmen und die Vorzüge des Vorschlages erkennen!"
Sie stand auf und verließ den Raum ohne Gruß. Betroffen sah Richard ihr hinterher. Sein Ausbruch tat ihm leid und was würde er nicht alles geben, ihn rückgängig zu machen.
Doch schließlich war es Gottfried, der Richard und Eleonore wieder zusammenbrachte und versöhnte. Richard stimmte schließlich zu, dass Eleonore in Aquitanien wieder die Herrschaft übernehmen würde. Allerdings erst nach dem Eleonore versprochen hatte, diese nur nominell auszuüben.
Gottfried hatte erstaunlicherweise sehr schnell für die Pläne Heinrichs gestimmt.
Johann dagegen hatte bei seinem Vater heftig protestiert. Doch sehr schnell merkten die Söhne, dass Eleonore und Heinrich gemeinsam die gleichen Pläne verfolgten. Niemand hätte zu ahnen vermocht, dass Eleonore und Heinrich sich je wieder versöhnen würden, geschweige denn so schnell. Doch es war Eleonore klar, dass Heinrich aus rein politischen Gründen, die Versöhnung angestrebt hatte. Die Söhne erkannten, dass sie sich gegen die neue Allianz zwischen dem König und der Königin nicht auflehnen konnten. Die Bevölkerung Aquitaniens hätte es Richard nie verziehen, wenn er sich gegen seine Mutter aufgelehnt hätte. Und ohne diesen Rückhalt, war an eine Auflehnung, einen Aufstand, nicht zu denken. So sah er sich also gezwungen, sich zu fügen.
Kurz vor Weihnachten versammelte sich die Familie zum Hoftag im großen Saal vonWindsor, zudem diesmal besonders viele Edelleute und Kleriker erschienen waren. Der Saal war prachtvoll mit Fahnen, Wimpeln, Bändern und edlen Wandteppichen geschmückt.
"Ich gelobe Euch die Treue und unterstelle mein Lehen Aquitanien Eurer Hoheit. Ich gehorche Euch und bin Euer Diener. Gott ist mein Zeuge", verkündete Richard vor seinem Vater kniend.
"Empfangt hiermit die Normandie, das Anjou und Maine als Lehen aus unserer Hand und leistet den Eid", rief Heinrich aus.
Richard folgte dem Befehl und leistete den Eid. Auch Johann und Gottfried leisteten den Treueeid und besiegelten somit den Frieden und die Versöhnung.
Nur die wenigsten wußten, dass Richard nur unter einer Bedingung bereit war, diesen Eid zu leisten. Er weigerte sich Adelaide zu ehelichen.
"Niemals werde ich die Mätresse meines Vaters ehelichen und mich zum Gespött der Leute machen", hatte er Eleonore gegenüber gesagt. Heinrich knirschte zwar mit den Zähnen, als er davon erfuhr, sah sich jedoch gezwungen, dieses Zugeständnis zu geben. Irgendwie würde er Philipp August weiter hinhalten können.
So kam es also, dass zu Weihnachten die Versöhnung gefeiert werden konnte. Und es schien so, als sollte Heinrich nicht nur einen großen Triumph feiern können, sondern auch wieder an den Höhepunkt der Macht angelangt sein. Seit dem Tod von Thomas Becket war Heinrich Plantagenet nie wieder an diesen Punkt angelangt gewesen. Sein Reich war zum Ende des Jahres 1184 befriedet und geordnet. Seine Söhne, die nach mehr Machtfülle gestrebt hatten, mußten sich wieder voll unter seine Autorität stellen. Heinrich hatte also allen Grund zufrieden zu sein. So kam es, dass das Weihnachtsfest in einer friedlichen, beinahe gelösten, Atmosphäre gefeiert wurde. Dem konnten sich auch die Söhne nicht entziehen, obwohl sie kaum einen Grund zur Zufriedenheit hatten.
Eleonore blühte in ihrer wiedergefunden Freiheit voll auf. Zwar wußte sie, dass Heinrich sie genau
beobachten ließ und sie von Spionen umgeben war, doch war alles dies besser, als das Gefängnis von Salisbury. Heinrich gelang es nicht, sich ihrem Charme zu entziehen und schenkte ihr einen wertvollen Pelzmantel.
"Du bringst mich in Verlegenheit, Heinrich", meinte sie, "habe ich für Dich leider kein Geschenk zur Hand."
Sie hatte ihn in ihrem Gemach empfangen, nachdem er noch zu später Stunde - es war bereits nach Mitternacht - bei ihr geklopft hatte.
"Es ist mir Freude genug, Dich in Verlegenheit zu bringen. In unserem Alter ist dies nur noch selten der Fall."
"Weil Du gerade das Alter ansprichst, Heinrich. Du hast Dich nicht im geringsten verändert. Du bist immer noch ein ruheloser Geselle. Meinst Du nicht, Du solltest etwas kürzer treten? Vielleicht solltest Du auf unsere Söhne hören und ihnen mehr Macht und Befugnisse geben?!"
"Wenn Du darauf anspielst, dass ich die Messe nicht bis zum Ende verfolgt habe, so hast Du recht. Ich verabscheue diese langen, scheinbar unendliche, Gebete. Doch wenn Du meinst, ich sei zu alt zum regieren, dann muß ich Dich und unsere Söhne enttäuschen. Ich fühle mich wie in besten Jahren", antwortete Heinrich.
Heinrichs Gesicht hatte sich verdunkelt, vermutete er hinter ihren Worten eigennützige Absichten.
Eleonore unterließ es daher, das Gespräch weiter in diese Richtung zu führen. "Und was machst Du mit der französischen Prinzessin? Welche Pläne hast Du mit ihr?"
Heinrich schnaubte durch die Nase. "Richard wird sie nicht heiraten. Du hast ihn ja gehört. Also was sollte ich mit ihr tun? Sie wird solange sie es will, mein Bett teilen."
"Und Philipp August?"
Er winkte verächtlich ab. "Die reinste Landplage. Er wird mir damit auf die Nerven fallen, und ich werde ihn beruhigen. Wie immer."
"Verfolgst Du denn Deine weitreichenden Pläne nicht mehr? Frankreich, Italien, die Kaiserkrone?"
Heinrich lachte auf. "Vorhin noch hast Du Dich über mein Alter lustig gemacht, und nun frägst Du nach meinen Plänen zur Kaiserkrone. Aber ich bin etwas verwundert. Sollte Dir tatsächlich entgangen sein, dass Kaiser Friedrich I., den sie in Italien nur Barbarossa nennen, seinen Sohn Heinrich mit Konstanze von Sizilien verlobt hat."
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, das ist es mir durchaus nicht. Stellt es doch die Verwirklichung des päpstlichen Alptraumes dar: Das Reich der Staufer geht eine Verbindung mit dem normannischen Königreich von Sizilien ein. Und genau dazwischen liegt der Kirchenstaat. Papst Lucius III. müßte doch im Moment um Deine Gunst buhlen. Jeder Verbündete müßte ihm doch willkommen sein."
"Tja", meinte Heinrich verschmizt lächelnd, "und im fernen Königreich Jerusalem regiert ein von der Lepra befallener König, dessen Königreich keines mehr ist. Von den Sarazenen bedrängt, ist es innerlich zerrüttet und zerstritten."
Sie sah Heinrich nachdenklich an. "Daran haben auch die vom Papst angeordneten Kreuzpredigten nichts geändert. Von einem Kreuzzug ist weit und breit nichts zu sehen."
Heinrich erwiderte nichts darauf. Er sagte Eleonore nicht, dass er seit geraumer Zeit mit dem Gedanken spielte, eine bewaffnete Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen. Je älter er wurde, umso größer wurde sein Verlangen danach, sich durch eine solche Pilgerfahrt von allen Sünden frei zu waschen.
"Hörst Du mir überhaupt zu?"
Eleonore´s Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
"Entschuldige, ich war für einen Moment mit meinen Gedanken woanders. Was sagtest Du?"
"Ich habe Dich um die Erlaubnis gebeten, nach Rouen gehen zu dürfen. Ich möchte von unserem ältesten Sohn Abschied nehmen?"
Heinrich überlegte kurz. Dann nickte er. "Wann willst Du aufbrechen?"
"Sofort nach den Festtagen."
Eleonore reiste nur wenige Tage nach Weihnachten nach Rouen, wo sie das Grab Heinrich des Jüngeren aufsuchte und an dessen Grab betete. Dort traf sie auch Richard, der nur wenige Tage vor ihr in Rouen angekommen war und seinen Besitz, die Normandie übernahm.
Richard übertrug ihr nun gemäß den Vereinbarungen das Herzogtum Aquitanien. Eleonore war glücklich und zufrieden.

Kapitel 11


Jerusalem im März des Jahres 1185

Der an Lepra erkrankte König von Jerusalem, Balduin IV., starb am 16. März infolge seiner schweren Krankheit. Obwohl er nur kurze Zeit regiert und schwer gelitten hatte, ging er als mutiger und heldenhafter König in die Geschichte ein.
Graf Raimund III. von Tripolis, der in vieler Augen als ein Verräter galt, verwaltete das Königreich als Reichsverweser.
Die Botschaften aus dem Orient waren alles andere als beruhigend.......
Zu allen Unglück kam hinzu starb Papst Lucius III. und als sein Nachfolger wurde Urban III. gewählt.

Domfront in der Normandie, Weihnachten 1185

Eleonore übte die Herrschaft über Aquitanien nur nominell aus. Eleonore hatte ihrem Sohn Richard die Rechte als Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, bereits kurz nach dem Weihnachtsfest des vorherigen Jahres, übertragen. Sie hatte von Anfang an das Spiel Heinrichs durchschaut, und gedachte nicht daran, es mitzuspielen. Sie war fest entschlossen, sich nicht gegen ihre Söhne ausspielen zu lassen, und sie stattdessen als ihre Verbündete anzusehen. Auch zehn Jahre der Gefangenschaft hatten ihren Traum, dass ihre Söhne die Macht übernehmen sollten, nicht zerstören können. Doch sie wagte es nicht, ihre Söhne zu einem offenen Aufstand zu bewegen. Stattdessen übertrug sie Richard die eigentliche Macht in Aquitanien.
Heinrich hatte dies mit Unwillen und großem Ärger zur Kenntnis genommen. Er hatte immer noch nicht seinen Plan aufgegeben, Aquitanien eines Tages seinem Lieblingssohn Johann zu übertragen. Doch Eleonore machte ihm einen Strich durch die Rechnung und zog sich so seinen Zorn zu. Damit hatte er nicht gerechnet. Nach zehn Jahren Haft, war sich Heinrich sicher, würde sie alles tun, um ihre Macht und Freiheit zu erhalten. Dies hätte unweigerlich zur Entfremdung von ihren Söhnen Richard und Gottfried führen müssen.
Als Heinrich sah, dass sich zwischen der Königin und ihren beiden ältesten Söhnen eine neue Allianz schmiedete, setzte er in die Normandie über und berief zu Weihnachten den Hoftag zu Domfront ein.
Dieser begann mit einer großen Überraschung. Heinrich eröffnete den Hoftag ohne Eleonore, die man vergeblich zu diesem Hoftag erwartet hatte. Eine nervöse Spannung überschattete den Hoftag. Ständig kamen und gingen Ritter und Barone. Schwer bewaffnete Wachen waren aufgezogen. Dies blieb den anwesenden edlen nicht verborgen und vergeblich suchten sie nach einer Antwort.
"Was ist hier los?" fragte Richard den Kanzler, als dieser ihm im Burghof begegnete.
Gottfried von Lincoln machte ein unschuldiges Gesicht.
"Erwartet Ihr Schwierigkeiten?" hakte Graf Gottfried von der Bretagne nach.
"Nein", gab der Kanzler lakonisch zu Antwort und lief weiter. Richard und Gottfried folgten ihm in den großen Saal.
Fanfaren erklangen. Das war das Zeichen, dass der Hoftag eröffnet wurde.
König Heinrich erschien und setzte sich auf den erhöhten Thron. Er schien gealtert, aber sein Wille schien unbeugsam zu sein. Er hatte in den letzten Monaten immer mehr an Gewicht zugenommen und der Hofschmied mußte ihm eine neue Rüstung anfertigen. Seit einem Jagdunfall - er war vom Pferd gestürzt - zog Heinrich das rechte Bein ein wenig nach.
Richard fiel auf, dass nur wenige Meter von Heinrich entfernt, Prinzessin Adelaide saß. Sie würdigte ihn keinen Blick. Sie war nun fast fünfundzwanzig Jahre alt. Seitdem sie dem König offen als Mätresse diente, und von den meisten am Hof verachtet wurde, hatte sie in ihrer Einsamkeit Trost in nächtlichen Gelagen gesucht. Und aus dem schlanken Mädchen, war eine vollbusige Frau geworden, deren Schönheit nur noch erahnt werden konnte.
Die Barone und Prälaten hatten erwartet, dass Heinrich den Hoftag damit beginnen würde, wer die Ländereien des Grafen von Pembroke erhalten sollte. Der Graf, auch "Strongbow" genannt, war im Laufe des Jahres verstorben und hinterließ eine minderjährige Tochter namens Isabelle. Damit würden die Besitztümer des Grafen an die Krone übergehen. Da der größte Teil des Besitzes in Irland lag, würde dies in die Hände von Prinz Johann übergehen. Doch nicht wenige waren damit nicht einverstanden.
Doch Heinrich überraschte die Versammlung: "Hiermit verkünde ich, dass ich die Königin und Herzogin von Aquitanien erneut in Gewahrsam nehmen ließ. Dies war notwendig geworden, da sie das Herzogtum nicht in meinem Sinne verwaltete und regierte. Ich habe angeordnet, dass man sie zurück nach England geleiten solle, wo sie ihre Unterkunft im Turm von Salisbury zu nehmen habe. Das Lehen Aquitanien wird dem Erben der Krone, meinem Sohn Richard, verliehen. Möge er es umsichtig und gerecht verwalten und regieren."
Ein Raunen ging durch die Versammlung. Alle Augen richteten sich auf Richard, der sich nur mühsam beherrschte. Ihm war ebenso klar, wie allen anderen Anwesenden, was Heinrich damit deutlich machen wollte: Er war keineswegs bereit die Macht zu teilen. Eleonore hatte nicht in seinem Sinne regiert. Das Heinrich Aquitanien wieder an Richard übertrug und nicht an Johann konnte nur bedeuten, dass er ihm unmißverständlich wissen ließ, dass er das Lehen nur durch die Gnade des Königs erhielt. Würde er sich dem Willen des Königs nicht beugen, würde er es ihm wieder entziehen. Der scheinbare Machtzuwachs entpuppte sich damit als reine Augenwischerei. Graf Gottfried ging leer aus, was dessen Unmut nur steigern mußte. Zum anderen bedeutete dies, dass Johann offenbar im Gegenzug die Güter des Grafen von Pembroke erhalten würde.
Richard trat vor und beugte das Knie. Nur mühsam konnte er sprechen. "Ich werde Euch treu dienen und Aquitanien und das Poitou unter meine und Gottes Gerechtigkeit stellen."
Heinrich nickte wohlgefällig und musterte seinen Sohn streng. Dann fuhr er fort: "Prinz Johann erhält den Vormund über Isabelle de Clare, der Erbin des Grafen von Pembroke. Bis zur Vermählung der Erbin sind dem Prinzen sämtliche Güter zur Verwaltung zu übergeben."
Obwohl genug Barone dagegen etwas einzuwenden hatten, wagte niemand zu widersprechen. Prinz Johann dagegen straffte sich. Stolz blickte er in die Runde. Der neunzehnjährige Prinz erkannte in den meisten Gesichtern Neid, Ablehnung und Verachtung. Der Prinz hatte auf Jagden mehrfach seinen brutalen und sadistischen Charakterzug gezeigt. Auf den Banketten und Festen fürchteten sich die Damen vor ihm, da er ihnen ohne Rücksicht auf Anstand und Sitten gegenübertrat. Niemand am Hof verstand, weshalb der König ausgerechnet seinen jüngsten Sohn so liebte.
Der Hoftag wurde fortgesetzt. Ein päpstlicher Legat wurde angekündigt. Kraftvoll, beinahe hochmütig trat der Legat vor die Versammlung. In wortreichen Sätzen schilderte der Legat die Lage im Heiligen Land. Er deutete auf die anwesenden Großmeister der Johanniter und Templer und rief, dass Dank dieser tapferen Männer das christliche Königreich gehalten werden konnte. Doch die Sarazenen - allen voran ihr Anführer Salaheddin - stünden vor den Toren Jerusalems.
"Die Templer und die Johanniter sind gefürchtete Feinde der Muslime. Doch alleine werden sie sich nicht mehr lange halten können. Ihr - König Heinrich - hattet einst zugesagt, den Kampf um Jerusalem zu unterstützen. Niemals war der Zeitpunkt besser und dringlicher als jetzt. Nehmt das Kreuz!"
Heinrich antwortete ihm daraufhin, dass er sich wohl daran erinnere, doch im Augenblick sei es ihm unmöglich, diesen Eid einzulösen. Philipp August mache ihm das Vexin streitig. Der französische König hatte seine Ansprüche erneuert, dass das Vexin - die Mitgift von Margarete - nach dem Tode Heinrichs des Jüngeren, an Frankreich zurückfallen müsse.
"Verzeiht, Majestät, aber Ihr seid nicht mehr der Jüngste", gab der Legat zu bedenken, "wieviel Zeit wird Euch noch bleiben, um den Eid einzulösen?"
Heinrich sah ihn erstaunt an. "Ich fühle mich sehr gut, und auch wenn es manche wünschen mögen - und damit meine ich Leute aus den Reihen der Kirche - das es anders wäre. Ich mag nun viele grauen Haare besitzen, aber maßt Euch nicht an, deswegen frech zu werden", meinte der König drohend.
Der Legat wich einen Schritt zurück und murmelte: "Verzeiht mir, ich war töricht. Verzeiht mir."
"Ihr habt einen Eid geschworen. Dies ist viele Jahre her. Wenn es jemals einen wichtigen Grund gibt,
den Eid zu erfüllen, so ist er jetzt gegeben. Das Königreich Jerusalem ist von den Sarazenen bedroht. Sultan Salaheddin eilt von Sieg zu Sieg. Er hat geschworen, Jerusalem wieder unter das Banner der Muslime zu führen. Das Königreich Jerusalem benötigt einen starken und mächtigen Führer. Papst Lucius - und nach ihm Papst Urban - hat zur bewaffneten Pilgerfahrt aufgerufen. An allen Ecken und Enden droht das Reich zu fallen. Erfüllt Euren Eid. Als Dank winkt Euch die Krone Jerusalems", rief der Präzeptor der Templer.
Heinrich sah den Legaten lange schweigend an. Schließlich sagte er ruhig: "Euer Anliegen ehrt mich. Und ich kenne meinen Eid. Ich leistete ihn in dem Jahr, indem mir durch den Papst auferlegt wurde, ein Jahr lang zweihundert Ritter zu unterhalten. Als Buße für eine Tat, die ich nicht begangen hatte."
"Ich wollte nicht die alten Geschichten zu Tage bringen, Majestät."
Heinrich winkte verächtlich ab. "Ihr bietet mir die Krone Jerusalems an?! Doch sagt mir, in wessen Namen sprecht Ihr? Im Namen des Papstes? Oder im Namen des Ordens oder im Namen des Adels im heiligen Land? Man sagt, der Adel ist zerstritten und bekämpft sich gegenseitig. Sprecht Ihr für alle oder nur für einen Teil? Bietet der Papst nicht jedem König die Krone Jerusalems an, nur damit er in das Heilige Land zieht?"
Der Johanniter kam dem Templer zuvor. "Die heilige Stadt ist in Gefahr. Ist es daher nicht legitim, wenn der Papst jedem die Krone anbietet? Gilt es doch, die Stadt zu retten."
Heinrich nickte. Er warf die Hände in die Luft. "Gut, aber was erwartet mich? Mehrere Grafschaften und Staaten, die sich mißtrauen, gegenseitig bekämpfen und ihre eigenen Vorteile suchen! Ist es denn nicht wahr, dass sogar die beiden Orden, denen Ihr angehört, gegeneinander gekämpft haben? Was erwartet mich anderes, als Intrigen? Man sagt doch, dass zuviele gute Männer zu lange im Orient, zwischen Sarazenen und Byzantinern leben. Sie hätten ihren Edelmut vergessen und seien zu Orientalen geworden."
Die beiden Ordensritter sahen sich an. Heinrich hatte recht, und niemand wußte es besser als sie selbst.
"Nein, meine Herren Ordensritter. Ich will die Krone Jerusalems nicht. Geht und verkündet dies dem Papst. Wenn ich auch viele graue Haare bekommen habe und alt geworden bin, so fürchte ich nicht die Strapazen eines bewaffneten Pilgergangs. Doch ich fürchte die Orientalen und ihre Falschheit", rief Heinrich in Anspielung auf den Legaten aus.
Der Templer unternahm einen letzten Versuch. "Habt Ihr nicht Schuld auf Euren Schultern zu tragen?" fragte er, "Eure Sünden, die Ihr auf Euch geladen habt, würden bedeutungslos werden. Euer Platz in Gottes Garten Eden wäre Euch gewiß!"
Die Barone und die Prälaten hielten den Atem an. Und auch der Johanniter sah den Templer bestürzt an.
Heinrich musterte den Templer und erhob sich von seinem Thron. Langsamen Schrittes trat er vor den Templer. "Ihr Templer seid doch so unermeßlich reich, sagt man. Nun, dann würde ich vorschlagen, nehmt Euer Geld und werbt Söldner an. In Brabant gibt es genug, die für Geld in den Krieg ziehen. Also geht zu ihnen. Aber verschwindet aus meinen Augen und danket Gott, dass Euer
Orden so mächtig ist. Ich hätte ein Vergnügen daran, Euch aufgeknüpft zu sehen."
Der Templer konnte sich nur mühsam beherrschen. Schließlich wandte er sich um, und verließ ohne Verbeugung den Saal.
"Gott, wie ich sie verabscheue", murmelte Heinrich wütend als er sich setzte und gab dem Legaten ein Zeichen, dass er gehen könne.

Am Hofe des Königs von Frankreich im August 1186

Im Frühjahr war es zwar bei der Ulme von Gisors zu einem Treffen zwischen Philipp August und Heinrich gekommen, weil der Kampf um das Vexin nun offen ausgebrochen war. Waren es zunächst nur kleine Scharmützel gewesen, so war die Lage inzwischen eskaliert. Richard, der Herzog der Normandie, war nicht bereit auch nur einen Zoll des Vexin aufzugeben. Immer wieder hatte Richard die Vasallen des französischen Königs angegriffen. Philipp August wußte, dass Richard ganz im Sinne Heinrichs handelte und bat darum um ein Treffen. Bei diesem Treffen erneuerte der französische König seine Forderung, dass das Vexin an die französische Krone zurückfallen müsse. Margarete hatte inzwischen den König von Ungarn geheiratet, so dass Philipp August selbst das Vexin übernehmen wollte. Gleichfalls forderte er erneut die Verheiratung von Prinzessin Adelaide und Richard. Doch Heinrich war nicht bereit auch nur auf eine Forderung einzugehen. So gingen die Kämpfe um das Vexin weiter.
Zu Heinrichs Ärger hielt sich seit geraumer Zeit Gottried Plantagenet, Graf der Bretagne, am Hofe von Philipp August auf. Gottfried war verärgert, dass er bei der Vergabe der Lehen übergangen wurde. Um dies auszudrücken war er an den Hof des französischen Königs gegangen. Allerdings ging er nicht in den offenen Aufstand über.
Es war an einem heißen Augusttag und am Hofe von Philipp August fand ein Ritterturnier statt. Eine großartige Gelegenheit um sich auszuzeichnen, dachte sich Gottfried Plantagenet, und kündigte seine Teilnahme an. Zwei Gegner hatte er mit der Lanze bereits aus dem Sattel gehoben. Nun stand sein dritter Gegner bereit.
Gottfried nahm seinen Knappen die Lanze ab und klappte das Visier herab. Er nickte dem König Philipp August zu, der auf der Tribüne saß. Die Fanfaren schmetterten. Die beiden Gegner gaben ihren Streitrössern die Sporen. Schnell ritten sie aufeinander zu. Gottfried senkte die Lanze und visierte seinen Gegner an. Dann trafen sie aufeinander. Gottfried spürte einen harten Schlag gegen seine Brust. Er verlor seine Lanze. Seinen Gegner hatte er nicht einmal berührt. Gottfried wurde aus dem Sattel gehoben und stürzte vom Pferd. Er schlug mit dem Kopf zuerst auf. Der Aufprall raubte ihm den Atem und plötzlich wurde es schwarz vor seinen Augen und er verlor das Bewußtsein.
Ein Raunen ging durch die Menge und Philipp August war entsetzt aufgesprungen.

Man trug Gottfried zur Seite und nahm ihm behutsam den Helm ab. Man untersuchte ihn. Doch ein herbeigeeilter Arzt schüttelte nur den Kopf. Da gab es nur wenig Hoffnung. Man trug ihn vorsichtig ins Zelt und legte ihn auf das Bett. Kurz darauf erlangte Gottfried noch einmal das Bewußtsein. Man nahm ihm vorsichtig die Rüstung ab. Mehrere Rippen waren gebrochen und aus einer häßlichen Wunde floß pulsierend das Blut. Gottfried sah die Umstehenden mit flackernden Augen an. Dann bäumte er sich kurz auf und verstarb mit einem Seufzer.
Als man Philipp August die Nachricht vom Tode des Grafen überbrachte, wurde dieser kreidebleich.
Er befürchtete, man könnte ihm die Schuld an dessen Tod geben. Waren die Ritterturniere denn nicht umstritten? Die Kirche sah solchen Veranstaltungen nur mißmutig zu.
Einige Prälaten forderten gar ein päpstliches Verbot für solche Turniere.
Der Tod Gottfrieds stürzte auch den englischen König in tiefe Trauer. In seinem Schmerz eilte er vor den Altar der königlichen Kapelle und warf sich auf die Knie. Tränen floßen ihm im Gesicht herab.
"Herr, warum tust Du mir das an? Es ist mein dritter Sohn, den ich beklagen muß. Warum tust Du mir das an?"
Die Frau des verstorbenen Herzogs war zum Zeitpunkt seines Ablebens schwanger. Sie brachte später einen Sohn auf die Welt, den sie auf den Namen Arthur taufen ließ. Das Kind wuchs am Hofe des französischen Königs auf.

Im Frühjahr des Jahres 1187

Der Tod des Grafen hatte im Reich des Angeviners große Trauer und Bestürzung ausgelöst. Mit Sorge stellte man fest, dass nur noch zwei Söhne am Leben waren. Man sprach von einem Fluch der über der Familie zu hängen schien.
Doch auch der Bischof von London, Gilbert Foliot, war am 18. Februar gestorben und hinterließ eine große Lücke. Wenngleich Heinrich durchsetzen konnte, dass ein Mann seiner Wahl dem Verstorbenen folgte, so hatte er in Foliot stets einen treuen Anhänger gehabt.
In Nonancourt beschlossen Philipp August und Heinrich am 25. März schließlich eine Waffenruhe. Der Krieg um das Vexin war damit zwar nicht beendet, aber man gewann nun Zeit um neue Lösungen zu suchen. Der französische König hatte den Tod des Grafen noch nicht verwunden und hatte um die Waffenruhe gebeten, die Heinrich bereitwillig angenommen hatte. Doch im Gegensatz zu Heinrich gedachte Richard nicht im geringsten daran, sich an einem Waffenstillstand zu halten. Richard ging weiter gegen die Vasallen des französischen Königs vor.
Der Graf von Toulouse witterte eine Chance, das Joch des ehrgeizigen Richard abzuschütteln und entsagte ihm die Gefolgschaft. Hatte sich der Graf vor Jahren von Ludwig VII. abgewandt und den englischen König als seinen Lehensherrn anerkannt, so glaubte er jetzt unter Philipp August seine Interessen besser durchsetzen zu können.
Als man Richard von dem Abfall des Grafen berichtete, geriet er in Wut. Voller Zorn eilte er in den Süden, stellte ein Heer auf und fiel im Sommer in die Grafschaft Toulouse ein. Schnell erkannte der aufständische Graf, dass er Richard unterschätzt hatte. Das Löwenherz wütete und der Graf rief den französischen König um Hilfe an.
Philipp August hatte sich inzwischen von dem Schock des Todes des Grafen Gottfried erholt und nutze die Gelegenheit, um ins Berry einzudringen.
Richard eilte zurück und eroberte die Burg Roches, die auf dem Gebiet des französischen Königs lag.


Juli 1187 im Heiligen Land

Am 04. Juli wurde ein christliches Heer in der Schlacht bei den "Hörnern von Hattin" - der Name wurde von einer Felsformation bei Hattin abgeleitet - unter der Führung des Königs von Jerusalem, Guy von Lusignan, vernichtend geschlagen. Der König geriet in die Gefangenschaft Sultan Salaheddins. Der Großmeister der Tempelritter verlor in der Schlacht sein Leben. Am 10. Juli fiel Akkon. Jaffa und Beirut folgten im August. Von diesem Moment an, war die heilige Stadt Jerusalem dem Fall geweiht.

Jerusalem, am 02. Oktober 1187

Sultan Salaheddin eroberte Jerusalem und stürzte die Christenheit in große Bestürzung, Entsetzen und Trauer. Botschaften von Greueltaten gelangten aus dem Orient nach Europa. Die Muslime würden im Blut der Christen waten.
Jeder gläubige Christ sei verpflichtet dieses Blutbad zu rächen und die Stadt zurückzuerobern. Es spielte keine Rolle, dass die Nachrichten über ein Blutbad nicht der Wahrheit entsprachen. Im Gegensatz zu den Franken des ersten bewaffneten Pilgerzuges, die die Stadt 1099 unter der Führung des Lothringers Gottfried von Bouillion erobert hatten, hatten die Muslime Tausenden Franken Gnade gewährt.
Doch die blutrünstigen Berichte aus dem Orient verfehlten ihre Wirkung nicht. Überall lebte der Gedanke eines bewaffneten Pilgerzuges wieder auf.

Gisors im Sommer 1187

Der Okzident war von den Nachrichten aus dem Heiligen Land wie gelähmt. Papst Urban III. rief zu einem neuen bewaffneten Pilgerzug aus und sandte Legaten zu den Fürsten und Herrschern des Okzident.
Richard Löwenherz weilte in Gisors, als der päpstliche Legat an seinem Hof gelangte. Richard empfing den Legaten huldvoll und bewirtete ihn großzügig. Er bat ihn zu sich an die Tafel zu setzen.
Mit gierigem Blick auf das reiche Wildbrett und den knusprigen Wachteln, setzte sich der Legat an die reichgedeckte Tafel.
"Verzeiht, diese Tafel ist vielleicht angesehen der traurigen Botschaft eine Sünde in Gottes Augen, aber der Krieg mit dem französischen König und dessen Vasallen hat uns dieses Jahr noch nicht viele Gelgenheiten gebracht, ausgiebig zu speisen", meinte Richard und ließ sich vom Mundschenk den Wein eingießen.
"Ah, der Krieg um das Vexin. Das ist eigentlich der Grund, weshalb ich zu Euch komme", meinte der Legat und griff nach den Wachteleiern.
"Der Krieg um das Vexin?" wiederholte Richard erstaunt. "Und ich dachte, es geht um den Fall Jerusalems."
"Beides hängt miteinander zusammen, Majestät."
Richards Gesicht verdüsterte sich. "Danke, der Schmeichelei wegen, aber noch bin ich nicht König."
Der Legat grinste spöttisch. Er trank einen Schluck Wein. "Verzeiht mir, aber dies ist doch nur eine Frage der Zeit. König Heinrich von England ist alt und schwach geworden. Er hinkt und vergnügt sich mit der französischen Prinzessin und Gelagen, anstatt sein Land zu verteidigen. Man hört, dass er nur noch selten ein Bad nimmt und seine Kleidung der eines Bettlers ähnelt. Heinrich verliert an Rückhalt. Die Barone sehen in Euch den König. Heinrichs Liebe zu Prinz Johann macht die Sache nicht leichter."
Richard sah den Legaten forschend an. Doch er schwieg.
"Heinrich hat vor Jahren geschworen das Kreuz zu nehmen. Bis heute hat er dies nicht getan. Vielleicht trägt er so eine gewisse Mitschuld an dem Fall Jerusalems. Doch was könnte er bewirken? Er ist alt. Für einen Feldzug gegen Salaheddin braucht man aber junge und kräftige Führer. Ihr seid so einer."
"Ihr wollt, dass ich das Kreuz nehme?"
"Nicht nur Ihr", antwortete ihm der Legat.
"Wer noch?" wollte Richard wissen.
"Auch Philipp August wünscht sich nichts so sehr, als ins Heilige Land zu ziehen. Doch der Krieg um das Vexin läßt dies nicht zu. Der Papst bittet Euch sehnlichst diesen Kampf zu beenden und das Kreuz zu nehmen. Zu viele gute Männer haben in sinnlosen Kriegen ihr Leben lassen müssen. Geht nach Palästina und befreit das Land von den Ungläubigen. Wenn Ihr Ruhm und Ehre wollt, dann findet Ihr dies nur dort."
Richards Augen wurden feucht. Nichts würde er lieber tun als das.
"Kennt Ihr Wilhelm de Marshal?" fragte der Legat plötzlich.
Verwirrt sah Richard ihn an. "Natürlich kenne ich ihn. Warum fragt Ihr?" wollte Richard wissen.
"Ein tapferer Ritter. Doch selbst er konnte gegen die Sarazenen nichts erwirken. Weil die Christen einfach zu wenig waren."
"Ist er tot?"
Der Legat schürzte die vor Fett triefenden Lippen. "Nein, soweit ich weiß hat er das Heilige Land verlassen und ist auf dem Weg nach England."
Richard war erleichtert.
"Philipp August bietet Euch den Frieden an. Seid Ihr bereit diesen anzunehmen? Es ist ein Friede den die Kirche überwacht."
Richard dachte kurz nach. Dann straffte er sich. "Ja, Ihr könnt Philipp August mitteilen, dass von nun an Frieden zwischen uns herrschen soll. Unser Ziel soll die Befreiung der Heiligen Stadt sein."

Kapitel 12


Frühsommer 1188

Heinrich II. sah den Friedensschluß zwischen seinem Sohn und Philipp August mit Skepsis.
Aquitanien an Johann zu übergeben. Er fürchtete nun, dass Richard seine Krönung zum König von England einfordern könnte. Und tatsächlich traf schon bald ein Brief mit dem entsprechenden Forderungen ein. Heinrich beschloß daher von Richard erneut Aquitanien einzufordern. Richard solle das Herzogtum an seinen Bruder Johann übergeben. Erst dann könne an eine Krönung gedacht werden. Unterstützung fand Heinrich bei dem Orden der Johanniter, dem er zusicherte, dass sie den Hafen von La Rochelle abgabenfrei nutzen konnten.
Girard, das englische Oberhaupt der Johanniter, hatte daran ein großes Interesse, konnte der Orden so die Schlösser und Burgen, die ihnen noch im heiligen Land verblieben waren, versorgen.
Richard durchschaute jedoch die Pläne Heinrichs. Er wußte, dass Heinrich nie zu seinem Wort stehen würde. Zu seinem Ärger war Wilhelm de Marshal an den Hof Heinrichs zurück gekehrt und dort freudig aufgenommen worden. Wilhelm de Marshal wurde in den Haushalt des Königs aufgenommen.


An der Ulme von Gisors im August 1188

Der Frieden zwischen Richard Löwenherz und Philipp August nötigte Heinrich, den französischen König um ein Treffen bei Gisors zu beten. Philipp August stimmte einem Treffen zu. Der französische König nahm an, dass Heinrich eine Annäherung an ihn suchen würde und es nun endlich zu einem dauerhaften Frieden, sowie der Vermählung zwischen Adelaide und Richard führen würde. Von zahlreichen Reisenden und Händlern war zu hören, dass Heinrich in seinem Reich zunehmend vom Volk verachtet wurde. Er regierte immer despotischer und verhängte drakonische Strafen für geringe Vergehen.
Heinrich traf mit seinen Truppen vor dem französischen Köng ein, und ließ seine Truppen unter der riesigen, mehrer hundert Jahre alten Ulme, lagern. An seiner Seite ritt Wilhelm de Marshal, dessen hohe Gestalt alle überragte.
Die Ulme war so groß, dass man neun Männer benötigte, um sie zu umfassen. Da es ein brennend heißer Augusttag war, freuten sich die Männer über den kühlenden Schatten der Ulme.
Als der französische König nur wenige Stunden später mit seinen Getreuen eintraf, stellte dieser mißmutig fest, dass die Engländer scheinbar keineswegs gewillt waren, Platz zu schaffen. Die Franzosen sollten auf dem freien Feld unter der prallen Sonne lagern.
Philipp August forderte durch einen Boten Heinrich auf, auch seine Leute unter der Ulme lagern zu lassen, damit man über das Vexin und Adelaide, die noch immer nicht mit einem der Söhne Heinrichs verheiratet sei, verhandeln könne. Doch Heinrich schickte den Boten zurück.
"Bestellt dem König von Frankreich, dass ich keinen Platz für seine Leute sehe. Sollen wir etwa in die Sonne gehen? Nein, wir bleiben hier. Und was das Vexin anbelangt, so teilt ihm mit, dass es mit der Heirat Margaretes und meinem Sohn Heinrich unter die Oberhoheit der englischen Krone gefallen ist. Und dort bleibt das Vexin auch. Darüber habe ich nichts zu verhandeln."
Verärgert gab Philipp August den Befehl ein Lager unweit der Ulme zu errichten. Wütend über dieses unhöfliche Verhalten, schleuderten die Franzosen den englischen und normannischen Rittern Flüche entgegen und verwünschte sie. Diese quittierten diese mit Hohn und Spott.
Nachdem das Lager errichtet war, wurden einige Botschaften ausgetauscht und man kam überein, dass die beiden Könige sich auf dem halben Weg zwischen der Ulme und dem Lager treffen sollte.
"Er soll hierher kommen", brummte Heinrich auf einem Stuhl unter der Ulme sitzend und wollte schon eine entsprechende Anweisung dem Boten geben, als Wilhelm de Marshal sich zum König herab
beugte und ihm empfahl Philipp August und die Franzosen nicht weiter zu reizen.
"Wir haben deutlich weniger Männer bei uns als er. Und zur Festung ist es fast eine Meile. Nah genug, aber auch zu weit um sicher zu sein."
Heinrich überlegte kurz. Wilhelm hatte recht. Wenn es zu einem Kampf kommen würde, wären sie im Nachteil. Schließlich stimmte er zu, dem französischen König entgegen zu reiten. Mühsam erhob er sich aus dem Stuhl und bestieg sein Roß, welches man ihm sofort gebracht hatte.

"Ich habe genug von Euren Spielchen", schleuderte der französische König Heinrich ins Gesicht, als sie sich auf ihren Rössern sitzend, auf dem halben Weg zwischen ihre Lager trafen. "Jahrelang habt Ihr mich und meinen Vater hinhalten können. Aber damit ist Schluß. Ihr seid der Vasall des Königs von Frankreich. Ich bin Euer Lehnsherr. Das scheint Ihr vergessen zu haben. Ich fordere Euch zum letzten mal auf: Verheiratet Adelaide mit Richard. Nicht mit einem Eurer Söhne, sondern mit dem Thronerben. So wie es einst vereinbart wurde. Und gebt das Vexin wie versprochen zur Mitgift bei, oder zieht Euch daraus zurück, wenn Ihr unnötiges Blutvergießen vermeiden wollt."
Heinrich sah den jungen französischen König lange an. "Nichts liegt mir ferner, als Blut zu vergießen. Der Krieg war mir schon immer zuwider. Doch ich werde kämpfen, wenn es notwendig erscheint. Auch das war schon immer so. Droht mir also lieber nicht. Das Vexin ist rechtmäßig an England gefallen. Was die Heirat zwischen Adelaide und Richard anbelangt, so müßt Ihr das ihm sagen. Er weigert sich. Vielleicht ist sie ihm nicht schön genug."
"Lassen wir das!" rief Philipp August barsch, "Ich kenne die Gründe. Ihr habt mit Ihr das Bett geteilt und sie entjungfert. Und nicht nur das. Man erzählt, dass aus ihrem Schoß ein Kind von Euch geboren wurde, welches jedoch kurz nach der Geburt gestorben sei. Dies ist eine große Schande. Für mich, wie für Richard und für sie. Doch die Schande könnt Ihr wieder gutmachen, indem Ihr sie endlich verheiratet. Macht Richard und sie zum König und zur Königin von England. Richard braucht nur für eine Nacht seine Pflicht nachkommen. Wenn die Ehe vollzogen ist und Richard sie dann immer noch nicht will, kann er sie ja in einen Palast einweisen. Doch ich verlange, dass Richard sie heiratet."
Heinrich versuchte Philipp August zu täuschen und spielte den verzweifelten Vater. "Richard läßt sich von mir nichts befehlen. Das dürfte Euch nicht entgangen sein"
Doch Philipp August ließ sich nicht täuschen. "Ich weiß, dass er sich Euch widersetzt. Doch Ihr habt ihn noch nicht richtig unter Druck gesetzt. Wenn Ihr es wolltet, dann hättet Ihr ihn schon gezwungen. Richard weiß ebenso so gut wie ich, dass er jederzeit enterbt werden kann. Es steht allein in Eurer Macht. Wenn Ihr es wünscht, dann könnte Prinz Johann morgen schon der Erbe sein. Ich bestehe auf Einhaltung der Vereinbarung. Und zwar so schnell wie möglich."
Heinrich wußte, dass der französische König recht hatte. Er versuchte seine Taktik zu ändern und lächelte überlegen. "Nun, vergeßt eines nicht: Ich bin alt. Wer weiß, wie lange ich noch zu leben habe. Wenn ich tot bin, und Richard bis dahin Adelaide nicht geheiratet hat, kommt die Hochzeit nie zustande. Richard weigert sich, eine Frau zu nehmen, die nicht mehr jungfräulich ist."
Philipp August kniff die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Heinrich hatte die Situation genau auf den Kopf getroffen. "Ich warne Euch", sagte er leise, "haltet Euch an die Vereinbarung. vergeßt eines nicht: Ihr seid es gewesen, die Prinzessin Adelaide entjungfert hat. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Ihr Richard daran erinnert, dass Adelaide jederzeit von Euch geschwängert werden könnte. Was, wenn aus Eurer Verbindung mit Adelaide ein Kind gezeugt wird? Dann würdet Ihr Adelaide heiraten und Richard hat seine Krone verloren. Und über eines braucht Ihr Euch keine Sorgen machen: Der Papst würde jederzeit Eure Ehe mit Eleonore annullieren. Derzeit braucht er viel Gold um die Templer, Johanniter und die Barone des Okzident in das Heilige Land zu senden."
Daran hatte Heinrich auch schon gedacht. Doch er gedachte nicht daran Adelaide zu heiraten. Niemals würde er es ermöglichen, dass die Brut aus dem Schoße der Capetinger auf dem Thron Englands sitzen würde.
Heinrich beugte sich vor und lächelte verächtlich. "Ihr entschuldigt mich, aber die Sonne ist so heiß. Ich brauche eine Pause im Schatten", sagte er und wendete sein Pferd und ritt zur Ulme zurück.
Wütend wendete auch Philipp August sein Pferd und ritt zu seinen Männern zurück.
Heinrich stieg unter der Ulme vom Pferd ab und sah zornig zu den Franzosen hinüber. Als einer seiner Gefolgsleute an ihn herantrat und fragte, was nun geschehen würde, antwortete der König: "Es wird Krieg geben. Philipp August ist diesesmal entschlossen, sich durchzusetzen. Er verliert die Geduld. Doch er wird beides nicht bekommen. Weder die Hochzeit, noch das Vexin. Ich werde darum kämpfen."
Kurz danach kam es bei den Franzosen zu Unruhe. Offenbar hatte Philipp August seine Leute über die Unterredung unterrichtet. Ein paar französische Ritter fluchten und drohten mit der Faust.
Die Engländer und Normannen sprangen wütend auf. Sie beschimpften die Franzosen wüst. Die Atmosphäre hitzte sich zunehmend auf. Plötzlich trat einer der walisischen Bogenschützer vor und schoß eine Pfeil in die Richtung der Franzosen ab, noch ehe es Heinrich verhindern konnte.
"Verfluchter, walisischer Idiot!" schrie der König und wollte sich den Bogenschützen ergreifen. Doch dazu kam er nicht.
Die Franzosen waren nun alle aufgesprungen und ergriffen ihre Waffen. Dann eilten sie zu ihren Pferden.
Heinrich wußte sofort, was dies bedeuten würde und sah sich um. Die Franzosen waren ihnen zahlenmäßig weit überlegen. Einen Kampf zu riskieren, erschien ihm geradezu waghalsig. Zumal sie nur leichte Waffen bei sich hatten, während die Franzosen Lanzen, Streitäxte und Morgensterne bei sich hatten.
"Sofort aufsitzen und den Rückzug antreten!" rief Heinrich aus. "Wir reiten zur Burg zurück."
Die Normannen unter seinem Gefolge zögerten für einen Moment. Sie suchten den Kampf, stiegen dann jedoch auch auf.
"Wir werden sie versuchen aufzuhalten und Euch Vorsprung zu geben!" rief Wilhelm de Marshal dem König zu. Wilhelm hatte eine Handvoll Ritter um sich gesammelt und klappte das Visier herunter.
Heinrich zögerte einen Moment. Dann nickte er und rief: "Aber geht kein unnötiges Risiko ein. Ich brauche Euch noch." Dann gab er seinem Pferd die Sporen.
Im gestreckten Galopp ritten der König und seine Leute zur Burg zurück. Die walisischen Bogenschützen mußten mangels Pferde zu Fuß den Rückzug antreten.
"Los, feuert Eure Pfeile ab!" rief Wilhelm dem Kommandanten der Bogenschützen zu.
Zunächst sammelten sie sich und feuerten einen Pfeilhagel auf die französischen Ritter ab. Mehrere Ritter stürzten von ihren getroffenen Pferden und die dahinter folgenden Reiter hatten Mühe ihre Pferde ruhig zu halten. Einige Ritter waren von den Pfeilen getroffen und wälzten sich am Boden. Die Bogenschützen feuerten einen zweiten Pfeilhagel ab und traten so schnell es ging den Rückzug an. Der zweite Pfeilhagel sollte die restlichen Reiter zurücktreiben. Einige schafften es nicht und wurden getroffen. Der ungeordnete Angriff der Franzosen wich dem Chaos. Wilhelm de Marshal und vier Ritter preschten mit gesenkten Lanzen gegen die französischen Lanzenreiter vor. Nur noch wenige saßen im Sattel. Wilhelm und seine Ritter waren nicht darauf aus, sich in einen tödlichen Kampf zu verwickeln. Es genügte ihnen die französischen Lanzenreiter aus dem Sattel zu heben und das Chaos zu vergrößern.
Nachdem es ihnen gelungen war, die französischen Angriffsreihen endgültig in Unordnung zu stürzen, ritten sie im schnellen Galopp zur Burg Gisors. Um sich und die Pferde nicht zu behindern warfen sie die Lanzen fort. Als die Franzosen wieder die Pferde beruhigt hatten und im Sattel saßen und die Verfolgung aufnehmen konnten, hatten Wilhelm und seine Ritter bereits fast eine halbe Meile Vorsprung. Der König hatte da schon fast eine Meile Vorsprung.
Die Waliser feuerten eine weitere Salve ab und verschafften sich so einen weiteren Vorsprung. Ihnen blieb nun nichts anderes übrig, als sich zu trennen und in die Büsche und Wälder zu schlagen.
König Heinrich war nun in der Rufweite der Burg angekommen und es dauerte nicht lange, als Reiter aus der Burg ritten und Wilhelm entgegen ritten.
Die Franzosen erkannten nun, dass eine weitere Verfolgung sinnlos war und stoppten. Sie gaben nun die Verfolgung auf und verteilten sich nun um die flüchtigen Bogenschützen in den Wäldern zu suchen. Doch auch dies mußten sie schnell aufgeben, da die Bogenschützen da im Vorteil waren und nun nach und nach zur Burg gelangten, wo die Lanzenreiter ihnen Schutz gaben. Schließlich hatten sich die Gemüter beruhigt und die Franzosen traten den Rückzug an. Auf einen Kampf um die Burg wollten sie sich nicht einlassen. Heinrich gab schließlich den befehl, dass sich alle in die Burg zurückziehen sollten und die Zugbrücke hochgezogen werden sollte. Lediglich eine Handvoll Ritter und Fußsoldaten hatten auf beiden Seiten ihr Leben verloren. Die Zahl der Verletzten erreichte das dreifache.
Wütend, gedemütigt und enttäuscht zogen sich die Franzosen zur Ulme zurück. Sogleich begannen einige der Franzosen mit ihren Streitäxten auf die Ulme einzuschlagen. Schnell schlossen sich die meisten an.
Philipp August war dagegen wütend von seinem Pferd gestiegen und stieg auf einen kleinen Hügel und sah zur Burg hinüber, von wo die Besatzung die Franzosen verhöhnte.
Philipp August konnte nicht sagen, wie lange er auf diesem Hügel gestanden hatte und wütend auf die Burg geschaut hatte. Er schien völlig in Gedanken versunken zu sein. Plötzlich holte ihn ein lautes Knirschen und Krachen aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Er sah hinunter. Seine Truppen hatten die Ulme gefällt und gingen nun daran, das Astwerk zu zerkleinern. Er lief zu ihnen herab und schrie: "Bin ich hierhergekommen um Holzfäller zu spielen?"
Er befahl seinem Hauptmann sofort aufzuhören. Dann gab er den Befehl zum Abmarsch. Nur widerwillig ließen die Franzosen, die Äxte und Schwerter sinken und folgten dem König, der vorausgeritten war.

Bonmoulins am 18. November 1188

Der Zwischenfall an der Ulme von Gisors hatte schwere Folgen. Philipp August erkannte, dass der Krieg im Berry gegen Richard Löwenherz nur einem nutzte: Heinrich II. Solange Philipp August noch gegen Richard Krieg im Berry führte, wagte er es nicht, den englischen König anzugreifen. Philipp August erkannte, dass er mit Richard Löwenherz eine Einigung finden mußte. Er bat den Graf Philipp von Flandern zwischen Richard und ihm zu vermitteln. Schließlich versöhnten sich der englische Thronfolger und der französische König miteinander.
Philipp August sah nun seine Zeit gekommen, um gegen Heinrich zu Felde zu ziehen. Doch bevor es soweit kam, wollte er einen letzten Versuch zu einer friedvollen Einigung mit Heinrich wagen. Auf Richards betreiben und Vermittlung hin, stimmte Heinrich einem weiteren Treffen zu. Dieses sollte am 18. November in Bonmoulins stattfinden.
Es war ein trüber Novembertag. Nebel lag über dem Land und es war kalt. Der Boden war mit Rauhreif überzogen. Nach dem Vorfall von Gisors erschien Heinrich II. in voller Rüstung und im Waffenrock. Doch die Kälte setzte ihm zu und er verfluchte diesen Tag. An der Seite von Heinrich waren Wilhelm de Marshal, Prinz Johann und Gottfried, der Bischof von Lincoln und Kanzler des Königs. Von Richard Löwenherz war weit und breit nichts zu sehen.
"Wo ist Richard?" knurrte Heinrich auf dem Weg zum Treffen und sah seinen Kanzler vorwurfsvoll an.
"Er hat uns einen Boten gesandt und mitteilen lassen, dass er am Verhandlungsort mit uns zusammen treffen würde."
"Das weiß ich," knurrte Heinrich barsch, "aber wo ist er jetzt?"
Der Kanzler zuckte mit den Schultern. Auch Wilhelm de Marshal wußte es nicht.
Als sie am vereinbarten Treffpunkt eintrafen, hatte sich der Nebel gelichtet und die Sonne durchbrach zaghaft die Wolken.
Philipp August war bereits am Ort und erwartete sie. Wilhelm de Marshal sah das Banner des Prinzen sofort, schwieg jedoch. Richard Löwenherz war an der Seite des Königs von Frankreich.
"Verflucht, was macht Richard an der Seite von Philipp August?" rief Heinrich plötzlich aus. Niemand wagte etwas zu sagen. Jeder schien sich seinen eigenen Reim darauf zu machen.
Auch Philipp August war in voller Rüstung erschienen. Ebenso Richard.
"Ich muß sagen, dass ich überrascht bin, Euch hier an der Seite des Königs von Frankreich zu sehen", gestand Heinrich ein, als sie sich hoch zu Roß gegenüberstanden.
Der Angesprochene hielt dem Blick des Vaters stand. Er antwortete ihm jedoch nicht. Stattdessen stieg er vom Pferd und kam zu seinem Vater herüber und half ihm beim Absteigen. Die Knappen führten die Pferde zur Seite.
"Euer Sohn hat mit mir den Frieden geschlossen. Er ist sehr klug und vernünftig. Was man von Euch jedoch nicht behaupten kann, wie mir scheint", meinte Philipp August übertrieben höflich.
"Ich will hoffen, dass nicht Verrat im Spiel ist", gab Heinrich mißtrauisch zurück und sah Richard an.
Richard Löwenherz sah seinem Vater in die Augen. "Es überrascht mich, dass Ihr das so offen aussprecht. Doch ich lediglich hier um Anspruch auf das zu erheben, was mir zusteht", antwortete er.
Heinrich sah seinem Sohn an, dass er neue Forderungen stellen würde. "Was ist es, auf das Ihr Euer Recht einfordert?" fragte Heinrich.
"Ich fordere meine Krone. Krönt mich, wie Ihr Heinrich den Jüngeren in diesem Alter bereits gekrönt hattet. Reicht mir England und die tatsächliche Macht über Aquitanien, wie sie mir als Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien zusteht."
"Und ich fordere die schon seit langem versprochene Hochzeit mit dem König von England, Richard Löwenherz und Adelaide. Und ich fordere Euch auf, alle Vasallen der Touraine, Maine, des Anjou und der Normandie, den Huldigungseid auf Richard Löwenherz zu erbringen", fügte Philipp August hinzu.
Heinrichs Kopf zuckte etwas hoch. "An Eurer Seite steht Richard Löwenherz, der die Prinzessin heiraten soll. Dadurch, dass er neben Eurer Seite erschienen ist, nehme ich an, er ist nun mit einer Heirat einverstanden?!" Es war mehr eine Festellung, als eine Frage.
Doch Richard nickte. "Ihr vermutet es richtig. Ich will Prinzessin Adelaide ehelichen um somit zu verhindern, dass noch ein Kind gezeugt werden kann, das mir das Erbe streitig machen könnte. Ich gehe auf jede Forderung ein, die Ihr mir stellt. Doch ich verlange von Euch im Gegenzug, dass Ihr mich und Adelaide wie einst Heinrich den Jüngeren und Margarete krönt."
"Und Ihr als oberster Lehensherr der Normandie, dem Anjou, der Touraine und Maine, verlangt den Lehenseid vom König?" fragte Heinrich wütend und sah Philipp August an.
Philipp August nickte bedächtig und hielt dem Blick stand. "Ja, oder habt Ihr vergessen, dass Ihr mein Vasall seid? Auch ich fordere mein Recht ein. Ihr habt in den letzten Jahren sehr eigenmächtig und aufrührerisch gehandelt."
Heinrich lief vor Zorn rot an. Ihm war es auf einmal sehr warm unter der Rüstung. "Das ist eine Lüge. Ich bin jeder Zeit meiner Pflicht nachgekommen. Wenn dies zu Kriegen und Auseinandersetzungen geführt hatte, so war dies nicht meine Schuld."
"Wir wollen hier nicht über vergangenes reden. Jeder weiß, dass Ihr Schuld auf Euch geladen habt. Ihr habt Eure Söhne gegeneinander aufgehetzt. Und wenn es Euch in den Kram gepaßt habt, dann habt Ihr Richard gegen mich ebenso benutzt, wie gegen seine Vasallen. Doch nun laßt uns über die Zukunft reden. Ich bin bereit alles was geschehen ist zu vergessen."
"Ich bitte Euch, kommt dieser Forderung nach", bat Richard höflichst, "ich habe einen Eid zu einer bewaffneten Pilgerfahrt ins heilige Land abgelegt. Nur wenn Ihr mir gebt, was mir zusteht, kann ich meinen Eid einlösen."
Heinrich schüttelte nach einer langen, schweigsamen Pause langsam den Kopf. "Ihr fordert etwas, was ich nicht zu geben bereit bin", antwortete er schließlich.
Richards Haltung versteifte sich. Plötzlich löste er seinen Gürtel und trat einen Schritt vor. "Nun erkenne ich in aller Klarheit, was mir bislang unglaublich schien."
Er kniete vor dem französischen König nieder und legte seine Hände in seine und schwor ihm den Lehnseid für alle Gebiete auf dem Festland, und erbat seinen Schutz und dessen Hilfe zur Erlangung der Königswürde.
Heinrich sah dem Kniefall seines Sohnes mit einer Mischung aus Entsetzen, Fassungslosigkeit und übermächtigem Zorn zu. Es war offensichtlich, dass dies ein abgekartetes Spiel war. Dieser öffentliche Affront bedeutete zugleich auch die Kriegserklärung Richards an seinen Vater.
Wutentbrannt verließ Heinrich den Verhandlungsort, während Richard dem französischen König folgte.

Weihnachten 1188 in Saumur

Die Kriegserklärung Richards an Heinrich brach diesem das Herz. Nur Johann war während des Weihnachtsfestes bei Heinrich II. in Saumur. Es war ein trauriges Fest. Der König war vor Kummer und Schmerz gebeugt. Richard Löwenherz, der Thronfolger Englands, verbrachte das Weihnachtsfest in Paris, am Hofe Philipp Augusts. Ja, sie schliefen sogar miteinander in einem Bett, was zu der Zeit nicht ungewöhnlich war, die Gerüchte um Richard, er habe eine Schwäche für das gleiche Geschlecht aber nicht entfernte.
Doch es kam noch schlimmer. Ein Vasall nach dem anderen erklärte sich für Richard. Die meisten Edelleute, Ritter und Adlige sahen in Heinrich nur noch einen alten, kranken und despotischen Mann, der starrsinnig an seiner Macht festhielt. So kam es, dass einer nach dem anderen sich gegen Heinrich und für Richard erklärte und letzteren unterstützte. Als dann auch noch Gerüchte umgingen, der König wolle Johann das Reich und die Krone übertragen, verließen ihn sogar seine engsten Vertrauten.
"Der König hat dem Reich viel Gutes getan. Er war gerecht und stark. Doch er war zu machtbesessen. Er hätte Thomas Becket nie ermorden lassen dürfen. Von diesem Zeitpunkt an, kam das Reich kaum zur Ruhe. Seine Söhne erhoben sich, einer nach dem anderen. Und einen nach den anderen trug er zu Grabe. Wohin soll das führen? Wenn es jetzt zum Krieg kommt und auch noch Richard Löwenherz stirbt, was wird dann aus England? Dann hat es einen alten, kranken Mann zum König. Und der Nachfolger wäre dann Johann. Doch Johann ist wie sein Vater. Vielleicht sogar schlimmer. Niemand traut ihm. Nur der König traut ihm. Nein, er liebt ihn abgöttisch."
So oder ähnlich dachten viele im Reich. Viele der Barone wandten sich schweren Herzens gegen ihren König, den sie liebten. Doch blieb ihnen eine andere Wahl? Ging es jetzt nicht um das Wohl Englands?
Auf beiden Seiten wurde nun für das Frühjahr gerüstet. Und nicht nur Wilhelm de Marshal spürte, dass dieser Krieg eine Entscheidung bringen würde. Nur über das Ergebnis war er sich nicht sicher.
Richard Löwenherz hatte ihm heimlich einen Brief zukommen lassen, indem er ihn aufforderte, seinem Vater die Unterstützung zu entsagen. Er deutete sogar an, dass er in diesem Falle Wilhelm reich belohnen würde, denn ein Ritter mit seiner Loyalität und Kampfesmut habe schon längst reiche Ländereien und Güter verdient.
Wilhelm war der Versuchung fast erlegen. Doch schließlich verbrannte er zornig den Brief und erklärte, seinem König treu zu dienen.

Kapitel 13


Frühjahr 1189

Im Frühjahr brach der Krieg wieder aus. Als Heinrich erkannte, dass ihn seine Gefolgsleute im Stich ließen und verrieten, versuchte er, doch noch einen Frieden mit Richard zu schließen, und sandte den Erzbischof von Canterbury, Balduin, Ostern zu Richard, um zu vermitteln.
Nach zweiundzwanzig Jahren sollte nun endlich die Hochzeit zwischen Adelaide und Richard stattfinden. In La Ferté-Bernard traf Balduin den Thronfolger. Doch dieser wich dem Angebot des Königs aus. Solange Heinrich II. nicht bereit sei ihn zu krönen, könne er Adelaide nicht ehelichen. Stattdessen erhob er eine neue Forderung. Er beabsichtige auf eine bewaffnete Pilgerfahrt zu gehen. Sein Bruder Johann solle ihm ins Heilige Land folgen. Als Balduin nach dem Grund der Forderung fragte, bekam er zur Antwort, dass er, Richard, befürchte, dass sein Vater Johann während seiner Abwesenheit krönen könnte.
Als Balduin an den Hof des Königs zurückkehrte, erschrak er über den Zustand, indem sich der König befand.
Er war blaß und abgemagert und seine Augen lagen in tiefen Höhlen. Es war der Körper eines zum Tode verurteilten Mannes. Balduin informierte den König über das Treffen mit Richard.
Schwer atmend hörte ihm der König aufmerksam zu. Als Balduin geendet hatte, erhob Heinrich sich mühsam von seinem Stuhl. Er trat an das Fenster und sah hinaus. Er ahnte, dies war sein letzter Frühling. Einen weiteren würde es für ihn wohl nicht mehr geben. Und doch hatte er Hoffnung, dass der Kelch an ihm vorüberging und ihm noch viele Jahre vergönnt waren.
"Richard ahnt also, was ich plane", sagte er leise, "nun, dann muß ich ihn eben mit Gewalt bezwingen, oder bleibt mir eine andere Wahl?"
Wilhelm de Marshal trat vor. "Mein König, Ihr seid zu schwach um Krieg zu führen. Eure Vasallen kehren Euch den Rücken. Was soll dieser Krieg bringen? Wem nutzt er? Doch nur dem französischen König!"
"Richard ist ein Verräter. Soll ein Verräter auf dem Thron folgen? Nein! Johann, mein jüngster Sohn, meine einzige und letzte Freude in diesem Leben, soll die Krone erben. Nicht Richard."

Le Mans im Frühsommer 1189

Richard Löwenherz und Philipp August fielen mit Beginn des Krieges in die Ländereien Heinrich II. ein. Trotz der Rüstzeit war es Heinrich nicht gelungen ein schlagfertiges Heer aufzustellen. Zuviele Barone verweigerten ihm die Unterstützung und schlossen sich dem Aufstand an.
Heinrich Plantagenet gelang es nicht, Richard und seine Anhänger ernstlich in Gefahr zu bringen. Im Gegenteil: Heinrich verlor Stadt um Stadt und war schließlich im Frühsommer gezwungen sich in seine Geburtsstadt Le Mans zurückzuziehen. Prinz Johann war bei ihm und unterstützte ihm in diesem Kampf.
Heinrich II. hatte sich in die Burg von Le Mans zurückgezogen und überließ die Verteidigung seinem Sohn Johann und Wilhelm de Marshal.
Sofort gingen die Aufständischen dazu über die Stadt zu belagern und anzugreifen. Es gelang den Verteidigern jedoch mit Wilhelm de Marshal an der Spitze den ersten Angriff zurückzuschlagen.
Richard und Philipp August gingen danach dazu über, die Stadt zu belagern. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Stadt vollständig einzuschließen, so dass es den Belagerten gelang, über eines der noch offenen Tore Nachschub zuzuführen.
Heinrich II. hoffte, dass ihm schon bald frische und kampfstarke Truppen zugeführt würden. Doch mit jedem Tag der verstrich sank der Mut der Belagerten.
Nach etwa einer Woche wurde die Lage immer kritischer. Immer mehr der Verteidiger schlichen sich des Nachts aus der Stadt und liefen zu den Belagerern über.
Prinz Johann war darüber so erbost, dass er deswegen einen Streit mit Wilhelm anfing. "Ihr seid für die Truppen verantwortlich. Wenn Ihr Eure Männer nicht im Griff habt, dann gebt das Kommando einem fähigeren Mann."
Wilhelm schluckte seinen Zorn herunter und meinte nur: "Wenn es der König so wünscht, dann werde ich dies tun."
Heinrich II. saß erschöpft auf einem reich geschnitzten Stuhl und hatte den Streit mit geschlossenen Augen verfolgt. Er spürte, dass die Blicke auf ihn ruhten und schlug die Augen auf. "Wilhelm trifft keine Schuld. Er hat sein Bestes getan. Wenn diese Verräter so ehrlos sind, kann der beste Ritter nichts machen. Und nun laßt mich alleine."
Wilhelm und Johann verließen den Raum und begaben sich zum Turm, wo sie sich einen Überblick der Lage verschaffen wollten. Johann kochte innerlich vor Zorn, trotzdem wandte er sich auf dem Turm zu Wilhelm um und sagte: "Entschuldigt meinen Ausbruch. Aber die Treuelosigkeit dieser Männer versetzt mich in Rage."
Wilhelm nickte. "Ich trage Euch das nicht nach."
Prinz Johann sah auf die Stadt und das Umland hinab. "Was meint Ihr? Haben wir eine Chance?"
Wilhelm musterte den Prinzen von der Seite. "Eine offene Antwort?"
"Ja!"
"Ich glaube, wenn keine frischen Truppen zur Verstärkung kommen, dann haben wir keine Chance."
"Und wie schätzt Ihr die Chancen ein, dass frische Truppen kommen?"
"Sehr gering. Vermutlich überhaupt nicht."
"Ich danke Euch für diese Offenheit, Wilhelm", sagte Johann und begab sich wieder nach unten. "Ich werde die Stadttore inspizieren und die Vorräte kontrollieren. Was anderes kann man auch nicht tun", meinte er zögernd und ließ Wilhelm zurück.
Ein langjähriger Freund von Wilhelm trat auf ihn zu und sah dem Prinzen nach. Als dieser verschwunden war, meinte er: "Ich habe ein ungutes Gefühl. Prinz Johann ist nicht der Mann der verlieren kann."
"Traust Du ihm nicht?" wollte Wlhelm wissen.
"Schwer. Ich würde ihn im Auge behalten."
Der Tag verging ohne besonderen Vorkommnisse. Und die Nacht war verdächtig ruhig. Überall vor den Toren der Stadt sah man die Lagerfeuer der Belagerer.
Im Morgengrauen des folgenden Tages schritten die Belagerer zum Angriff vor. Der Angriff konzentrierte sich auf zwei Stellen der Stadt. Während das eine Tor gehalten werden konnte, gelang es den Angreifern das andere Tor zu stürmen. Sie drangen in die Stadt vor und hieben die Verteidiger nieder.
Wilhelm kämpfte am anderen Stadttor. Plötzlich ritt ein blutüberströmter Ritter heran und schrie: "Die Stadt fällt. Rettet Euch, wir sind verraten worden."
Wilhelm lief zu dem Reiter, der sich nur mühsam im Sattel hielt. Er ergriff die Zügel und klappte sein Visier hoch. "Was redet Ihr da?" schrie er ihn an.
"Das andere Stadttor ist gefallen. Die Angreifer sind in der Stadt. Irgendjemand muß ihnen das Tor geöffnet haben. Es ging alles so schnell."
Wilhelm fluchte. Dann wandte er sich um und rief seinen Männern zu: "Rückzug zur Burg. Wir geben die Stadt auf."
"Sollen wir Feuer legen?" rief einer der Verteidiger.
"Dazu ist es schon zu spät. Seht dort drüben. Dort brennt die Stadt schon. Los beeilt Euch."
Die Angreifer waren nicht mehr aufzuhalten und Wilhelm de Marshal, der Befehlshaber der Verteidiger, konnte nur mit äußester Mühe die sicheren Mauern der Burg erreichen. Der Angriff erfolgte so schnell, dass es viele der Verteidiger nicht mehr schafften in die Burg zu gelangen.
Prinz Johann, der den Befehl über die Truppen in der Burg hatte, eilte auf Wilhelm zu.
"Verdammt, was ist geschehen? Wo ist Euer Schild?" rief er aus.
Wilhelm de Marshal klappte sein Visier hoch, so dass sein Gesicht und die Kettenhaube sichtbar wurden. In der Hand hielt er das Schwert, an dem das Blut der erschlagenen Gegner klebte. "Mein Schild habe ich im Kampf verloren nachdem ein Lederriemen gerissen ist. Sie haben die Stadtmauer überrannt. Wir müssen Euren Vater retten. Die Stadt wird fallen und Gott weiß, wie lange diese Mauern noch halten. Wir sind einfach zu wenig!"
"Wir müssen die Stadt halten!" rief Johann und sah zum Tor.
"Wir können sie nicht halten. Es ist aus. Der Krieg ist verloren!"
"Ich verbiete Euch so zu sprechen!" schrie Johann.
Wilhelm de Marshal ließ ihn stehen und eilte zu den Gemächern des Königs. Er hörte, wie Johann ihm hinterher lief.
Atemlos trat Wilhelm vor Heinrich, der sich die Rüstung anlegen ließ. Heinrich sah Wilhelm durch seine traurigen Augen fragend an.
"Die Truppen Eures Sohnes haben die Mauer der Stadt bezwungen. Die Stadt ist nicht mehr zu halten. Dies ist Eure letzte Chance zu fliehen. Das südliche Stadttor ist noch der einzige freie Fluchtweg."
Hinter Wilhelm war Johann eingetreten. Auch er atmete heftig. Am Tor wurde heftig gekämpft und es würde nicht mehr lange dauern bis es nicht mehr standhielt.
"Er hat recht, Vater. Die Stadt fällt. Ihr müßt fliehen."
Wilhelm war über den plötzlichen Sinneswandel erstaunt, war aber erleichtert, dass der Prinz nun Vernunft annahm.
Heinrich stöhnte auf, setzte sich und griff sich an die Stirn. Er wirkte nun noch bleicher und schwächer."Tours ist bereits gefallen und nun auch noch mein geliebtes Le Mans. Nun bleibt mir nichts mehr von meinem Reich, nicht einmal meine Geburtsstadt."
Wilhelm empfand Mitleid mit dem König. Der König war krank und brauchte Ruhe. Sein Bein, welches er seit dem Reitunfall vor Jahren nachgezogen hatte schmerzte. Wilhelm ergriff ihn an der Schulter. "Bitte", sagte er in dringendem Ton, "wir müssen los!"
Heinrich nickte und stand auf. Wilhelm reichte ihm eine Zisterzienserkutte. "Ihr solltet Euch wohl das besser überstreifen."
Wie ein geprügelter Hund, als Zisterzienser verkleidet, floh Heinrich mit seinen letzten Getreuen. Unbeschadet erreichten sie das Südtor und flohen aus der Stadt.
Johann war zurückgeblieben, um ihre Flucht zu decken. Im gestreckten Galopp preschten sie über die Felder und Wiesen. Wilhelm warf einen Blick zurück. Offenbar war ihre Flucht unbemerkt geblieben. Doch nach einer Strecke von fast zehn Meilen zügelten sie die Pferde. Heinrich war erschöpft und wäre beinahe aus dem Sattel gefallen.
Wilhelm warf einen besorgten Blick zurück. Sie waren noch viel zu nah an Le Mans, als das sie sich sicher fühlen konnten. Er sah seinen Freund und zwei andere Ritter an. Sie dachten das gleiche. "Reitet Ihr weiter", rief er dem König und dessen letzten Getreuen zu, "wir werden hier im Wäldchen bleiben und beobachten, ob man uns verfolgt."
Der Reiterkommandant sah Wilhelm mit zweifelnden Blick an. "Was wollt Ihr ausrichten, wenn man uns verfolgt. Ihr seid nur vier."
"Uns wird schon etwas einfallen", erwiderte Wilhelm zuversichtlicher als er selbst war.
Der König nickte dankbar und sie ritten im leichten Galopp weiter. Als sie außer hörweite waren, drehte sich Marshal zu seinem Freund um. "Ihr habt auch die Staubwolke gesehen?"
Dieser nickte. "Ja, man verfolgt uns. Doch der Staubwolke nach, sind es nicht sehr viele."
Wilhelm wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Richtig. Das glaube ich auch. Ich will wissen, wer uns verfolgt. Und wie viele es sind."
Eine halbe Stunde später sahen sie die Reiter über eine Hügelkuppe kommen. Es waren knapp ein Dutzend Reiter. Wilhelm und seine Gefährten zogen sich dichter in die Büsche zurück.
"Es ist Richard Löwenherz", rief einer der Männer aus und deutete auf einen Reiter in der Mitte.
"Tatsächlich, es ist Richard. Aber warum reitet er nicht an der Spitze?"
"Ich weiß es", antwortete Wilhelm und überlegte sich einen Plan, "er ist nur leicht bewaffnet. Er trägt nur Schild, Helm und Kettenhemd. keine Lanze, keine Axt. Nur ein Schwert. Offenbar war der Ausgang des Angriffs auf Le Mans schon klar, bevor der Kampf los ging."
"Ihr meint, es war tatsächlich Verrat?"
Wilhelm zuckte mit den Achseln. Dann gab er den Befehl, dass man Angreifen würde. "Ihr reitet als erstes los. Laßt Euch nicht auf einen Schwertkampf ein. Greift sie mit den Lanzen an und hebt einige aus dem Sattel. Aber nur ein Angriff. Danach reitet so schnell Ihr könnt weg."
"Und Du?"
"Wenn Ihr sie abgelenkt habt, werde ich Richard angreifen."
Sie klappten die Visiere herunter. Sie griffen an. Mit Gebrüll stürzten sie aus dem Wäldchen und ritten im schnellen Tempo den Hang hinab. Die Verfolger waren in einer kleinen Talsenke und sahen den Angriff mit Erstaunen. Dann scherten ein halbes Dutzend Ritter aus und ritten den hangabwärts stürmenden Reitern entgegen. Doch sie bekamen hangaufwärts nicht mehr die volle Geschwindigkeit. Dazu war die Distanz inzwischen viel zu kurz. Und so war es Wilhelms Gefährten ein leichtes die Ritter des Thronfolgers aus dem Sattel zu heben. Zwei Lanzen brachen und so konnte nur noch Wilhelms Freund einen weiteren Ritter aus dem Sattel heben. Dann stoben sie auseinander und ergriffen die Flucht. Sofort versuchten sich die Verfolger an ihre Fersen zu heften und Richard war nun plötzlich alleine. Richard Löwenherz erkannte die Gefahr noch ehe er Wilhelm sah, der auf diesen Moment nur gewartet hatte. Richard rief seine leute zurück, doch es war zu spät. Da sah er Wilhelm de Marshal auf sich zureiten. Panik erfaßte Richard Löwenherz. Er riß sein Pferd herum und hob den Arm.
"Bei Gott, Wilhelm. Ich bin unbewaffnet. Tötet mich nicht!"
Durch den schmalen Schlitz des Visiers konnte Wilhelm die Todesangst in den Augen des Thronfolgers sehen. In einem Bruchteil einer Sekunde wurde Wilhelm bewußt, dass er Richard töten könnte. Doch was würde er damit erreichen? Das Johann plötzlich der neue König wäre. Einen Mann, den Wilhelm zutiefst verachtete. Im letzten Moment senkte er die Lanze und durchbohrte das Herz von Richard´s Pferd, welches zu Boden stürzte und Richard teilweise unter sich begrub. Richard´s bein war vom toten Pferdekörper eingeklemmt und er konnte sich nicht bewegen.
Mit einem Schrei warf Wilhelm die Lanze weg. "Verdammt, der Teufel soll Euch holen und Euer Leben beenden," schrie Wilhelm und riß sein Pferd herum, "doch ich werde Euch nicht töten!"
Dann gab er seinem Pferd die Sporen und ließ Richard zurück, der sich erleichtert auf den Rückan fallen ließ und sich bekreuzigte.
Wilhelm und seine Getreuen konnten ihre Verfolger abschütteln und Richard Löwenherz stellte die Verfolgung daraufhin ein.
Ihre Flucht endete erst in Azay-le-Rideau. Verbittert mußte der König erkennen, dass von seinen Getreuen außer Wilhelm de Marshal und seinem Sohn niemand mehr geblieben ist. So beschloß er, Boten zum französischen König Philipp August zu senden, um Frieden zu schließen.

Colombiers im Sommer 1189

Philipp August hatte den Boten Heinrichs empfangen, den dieser nach seiner Flucht ausgesandt hatte. darin bat Heinrich um ein Treffen und Philipp August hatte dem Treffen zugestimmt. Er wußte, dass der König krank war und es nicht gut um ihn stand. Doch als sie sich bei Colombiers schließlich trafen, erschrak Philipp August. Heinrich II. war ein Schatten seiner selbst. Philipp August trat vor den englischen König und sah ihm in die fiebrigen Augen. Er war bleich und erschöpft.
Philipp August wurde vom Mitleid übermannt. Er nahm seinen Mantel ab und faltete ihn zusammen. "Hier, nehmt meinen Mantel und setzt Euch darauf."
In Heinrichs Augen flackerte so etwas wie Zorn, Widerstand und verletzter Stolz auf. Langsam schüttelte er den Kopf. "Nein, ich werde stehen!"
"Eure Botschaft lautete, dass Ihr mit mir zu sprechen wünscht. Hier bin ich."
Heinrich nickte schwach. "Ja, ich bin gekommen um mit Euch den Frieden zu machen. Ich habe alles verloren. Alles. Meinen besten Freund, der einst wie ein Bruder für mich war, meine Söhne Wilhelm, Heinrich und Gottfried. Richard und Eleonore haben mich verraten. Ich habe meine Vasallen verloren und meine Geburtsstadt. Bald verliere ich auch mein Leben. Doch ich will nicht im Krieg sterben. Ich will in Frieden sterben. Deshalb sollen alle Eure Forderungen erfüllt werden. Richard wird König von England und heiratet Adelaide. Er erhält die Normandie, das Anjou, Maine und Touraine. Und was das Vexin angeht, so möge es an Euch fallen."
Philipp August hob die Hand. "Haltet ein", meinte er, "das Vexin soll an Euch und den Thronfolger zurückfallen. Ebenso sämtliche Ländereien die derzeit in unserer Hand sind. Lediglich drei Burgen im Vexin verlange ich."
Heinrich sah Philipp August erstaunt durch seine müden Augen an. "Ein großzügiger Vorschlag. Ihr gebt Euch mit wenig zufrieden. Nun gut, mir soll es recht sein. Und Ihr sollt es nicht bereuen. Doch eine Forderung muß ich stellen", meinte Heinrich und verzog das Gesicht. Sein Bein schmerzte wieder.
Philipp August´ Gesicht versteinerte sich. "Welche Forderung?" fragte er mißtrauisch.
"Gebt mir eine Liste von all denen, die auf Eurer Seite standen. Die mich verlassen haben. Die mich in Le Mans verraten haben. Nur das fordere ich, nein, ich bitte Euch darum."
Philipp August sah dem König lange in die Augen. Schließlich nickte er leicht. "Ihr sollt die Liste erhalten. Sendet Euren Kanzler zu mir, damit ich sie ihm übergeben kann."
Dann trennten sich die beiden Könige. Mehr gab es nicht zu sagen. Als Philipp August sich von ihm verabschiedete, wußte er, dass er ihn nie wieder sehen würde.

Chinon im Juli 1189

Heinrich war nach dem Treffen mit dem französischen König nicht nach Azay-le-Rideau zurückgekehrt, sondern weiter nach Chinon gerieten, der Burg, in der er sich am liebsten aufgehalten hatte.
Wenige Tage später traf der Kanzler in Chinon ein und überbrachte die Liste mit den Überläufern. Heinrich war auf ein weiches Lager gebettet. Nur ein paar Mönche und Wilhelm de Marshal waren bei ihm. Prinz Johann war nach dem Ende des Krieges zu Philipp August und Richard geeilt. Daraufhin war in Wilhelm ein böser Verdacht aufgestiegen, aber er wagte ihn nicht auszusprechen.
Der Kanzler trat in das Gemach ein und warf Wilhelm de Marshal einen betrübten Blick zu. Dieser brach das Siegel und öffnete das Dokument. Er warf einen Blick darauf und stieß einen leisen heiseren Schrei aus. Sein Verdacht hatte sich bestätigt.
Dann trat er vor das Bett des Königs. "Die Liste mit den Verrätern ist eingetroffen, mein König."
Mit dünner Stimme befahl Heinrich: "Lest!"
Wilhelm de Marshal warf einen verzweifelten Blick auf den Kanzler. Dann atmete er tief durch. "Le Mans fiel durch Verrat", las Wilhelm vor, "der Verräter war Euer Sohn prinz Johann."
Der König stöhnte laut ächzend auf. Wie konnte es soweit kommen, dass auch Johann ihn verraten hatte? Ging es nicht zuletzt darum ihn auf den Thron zu hieven? Wilhelm de Marshal hatte nur eine Erklärung für das Verhalten des jüngsten Sohnes: Johann hatte gesehen, dass Heinrich alleine war und die Vasallen massenweise von ihm abfielen. Und um nicht als Verlierer dastehen zu müssen, hatte Johann die Seite gewechselt. Er schenkte den Worten seines Vaters keinen Glauben mehr! Hatte er doch in den letzten Jahren mitangesehen, wie Heinrich mit Intrigen und Gewalt, List und Krieg sein Reich, seine Macht verteidigt hatte. Nicht einen Zoll der Macht hatte er abgegeben, und wenn doch, dann nur wenn es zu seinem eigenen Vorteil war.
Tief Luft holend, las Wilhelm de Marshal die weiteren Namen auf der Liste vor. Doch Heinrich unterbrach ihn. "Genug, genug. Ihr habt genug gelesen!" rief der König aus und drehte sich zur Seite und fiel in Bewußtlosigkeit.
Niemand wußte, ob er noch lebte oder bereits tot war. Nach drei Tagen - es war am 06. Juli - floß ihm Blut aus dem Mund und der Nase. Er war tot.





- ENDE-



Nachwort

Heinrich II. wurde in der Abtei Fontevrault beerdigt. Seine Frau Eleonore von Aquitanien wurde später an seiner seite beerdigt.

Heinrich Plantagenet und Eleonore von Aquitanien hatten gemeinsam acht Kinder gezeugt. In ihrer ersten Ehe mit Ludwig VII. hatte Eleonore zwei Töchter geboren, so dass sie insgesamt zehn Kinder zeugte. Sie sollte fast alle überleben......
Die Söhne Wilhelm, Heinrich der Jüngere, Gottfried verstarben noch vor Heinrich II. Kurz bevor Heinrich II. starb, war auch die Tochter Mathilde (28. Juni) verstorben, die mit dem Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich dem Löwen, verheiratet war.

Wilhelm de Marshal heiratete 1189 - nach dem Tode des Königs - Isabelle de Clare, die Tochter von "Strongbow", dem Grafen von Pembroke. Richard Löwenherz verzieh Wilhelm den Angriff und bat ihn in seine Dienste zu treten. Nach dem Tod von Richard Löwenherz diente er auch Johann Ohneland, obwohl er diesen verachtete. Damit diente Wilhelm vier Königen und ging in die Geschichte als der beste Ritter aller Zeiten ein. Seine Treue und Loyalität verdient bis heute Bewunderung und Respekt. Er starb 1219 und liegt heute in der Templerkirche in London begraben.

Nach dem Tode Heinrich II. wurde sein Sohn Richard I. - genannt Löwenherz - König von England. Obwohl er zehn Jahre König von England war, sollte er nur fast ein halbes Jahr in dieser Zeit in England verweilen.
Im Dezember 1189 war Richard wieder auf dem Kontinent und bereitete mit Philipp August den sogenannten dritten Kreuzzug vor. Im Juni 1191 landete das Kreuzfahrerheer in Palästina, nachdem es zuvor in Sizilien und Zypern Zwischenstation gemacht hatte. Auf Sizilien war es dann zu einem Streit zwischen ihm und Philipp August gekommen. Auf Zypern heiratete er Berenguela von Navarra, obwohl er sich in Sizilien zu seiner Homosexualität bekannte.
Der dritte Kreuzzug stand unter einem schlechten Stern. Der deutsche Kaiser - der den Landweg gewählt hatte - Friedrich I. Barbarossa ertrank in einem anatolischen Fluß (10. Juni 1190) und Philipp August kehrte bereits vorzeitig zurück. Die Eroberung von Akkon durch das Kreuzfahrerheer sollte eine Schlüsselrolle spielen: Der Herzog Leopold von Österreich, der an der Eroberung der Stadt teilnahm, mußte mit ansehen, wie Richards Leute seine Standarte von den Mauern stießen. Diese Beleidigung verzieh er Richard Löwenherz nie!
Im Herbst 1192 verließ Richard Palästina ohne Jerusalem befreit zu haben. Auf seinem Rückweg mußte er durch das Gebiet des Herzogs von Österreich. Er wurde erkannt und Leopold ließ ihn gefangen nehmen. Leopold lieferte Richard an den deutschen Kaiser Heinrich VI. aus, dessen Widersacher Richard war. Ein Grund für diese Feindschaft lag wohl darin, dass Heinrich VI. seine Macht auf Süditalien und Sizilien ausstreckte, wo Richards Schwester einst Königin war.
Richard wurde gegen ein hohes Lösegeld im Jahre 1194 (Februar) freigelassen. Sein Bruder Johann, der während des Kreuzzuges die Regentschaft ausübte, hatte sich nicht allzu sehr bemüht, das Lösegeld einzutreiben. Es dürfte Eleonore von Aquitanien zu verdanken sein, dass das Lösegeld doch noch bezahlt wurde.
In den folgenden Jahren stand Richard fast in einem ständigen Kampf mit Philipp August. Im März 1199 - es war gerade ein Waffenstillstand zwischen Frankreich und England geschlossen worden - belagerte Richard Löwenherz die Burg von Chalus, die ein rebellischer Vasall besetzt hielt. Ein Armbrustbolzen traf
Richard Löwenherz in die Schulter. Die Wunde entzündete sich und er verstarb am 06. April 1199. Dass er dem Schützen vergeben hatte, nutzte diesem wenig. Er wurde niedergemacht. Man hatte später ihm zum Vorwurf gemacht, dass er England verlassen hatte und die Regentschaft seinem Bruder Johann überlassen hatte.

Nach dem Tode von Richard Löwenherz wurde Johann Ohneland König von England. Er ging in die Geschichte als Tyrann ein. Man sagte ihm nach launisch, treulos und brutal zu sein. Als ziemlich sicher gilt, dass er unter Schizophrenie litt. Einige Historiker sehen dies inzwischen differenzierter. Tatsache ist, dass seine Regierungszeit unglücklich verlief und unter ihm zahlreiche Gebietsverluste hingenommen werden mußten. Sein größtes Makel haftet jedoch in der Ermordung seines Neffen Arthur. Dieser Neffe war der Sohn seines Bruders Gottfried von der Bretagne. Arthur erhob sich gegen Johann und belagerte Eleonore von Aquitanien. Johann eilte ihr zu Hilfe. Arthur geriet in Gefangenschaft. Von Trunkenheit enthemmt soll Johann Artur am 03. April 1203 eigenhändig erwürgt haben.
1204 verstarb Eleonore von Aquitanien. Da die Quellen unterschiedliche Geburtsdaten nennen ist ihr genaues Alter nicht zu bestimmen. Sie war zwischen 82 und 84 Jahre alt geworden. Sie hat acht ihrer Kinder überlebt.
Im gleichen Jahr ging die Normandie, das Anjou, Maine und die Touraine an Frankreich verloren. In alten Quellen wird davon gesprochen, dass Johann nicht einmal den Versuch unternommen habe, die Normandie zu halten. Als Gesandte aus Rouen bei ihm eintrafen um ihn um Hilfe zu bitten, soll er sich geweigert haben ein Schachspiel zu unterbrechen.
1205 geriet Johann, wie sein Vater, in den Konflikt mit der Kirche. Hier ging es um die Neubesetzung des erzbischöflichen Stuhles von Canterbury. Johann I. wurde wie sein Vater exkommuniziert. Erst 1213 wurde dieser Konflikt beigelegt.
1214 versuchte Johann die kontinentalen Besitzungen zurück zu erobern. Am 27. Juli 1214 kam es in der Schlacht von Bouvines zu einer schweren Niederlage für die Engländer und die Deutschen. Kaiser Otto IV. - aus dem Hause Welf - hatte den Engländern Unterstützung zugesagt. Damit wurde der Verbindung beider Häuser Rechnung getragen. Doch die Franzosen gingen als Sieger aus der Schlacht hervor. Dies hatte erhebliche Folgen. Otto war geschwächt und verlor 1220 seine Kaiserkrone wieder an die Staufer. Und auch Johann wurde durch die Niederlage innenpolitisch geschwächt.
1215 wurde er durch aufständische Barone gezwungen, die Magna Charta zu unterzeichnen. Diese bedeutete eine erhebliche Machteinschränkung und sah die Schaffung eines Kronrates vor. Viele sehen in der Magna Charta die Geburtsstunde des Parlamentes - was auch stimmen dürfte.
Am
18. Oktober 1216 starb Johann I. Er war der letzte direkte Nachkomme von Heinrich Plantagenet.

Die Könige aus dem Haus Anjou-Plantagenet

Heinrich II. (Regierung von 1154-1189)
Richard I. (1189 - 1199)
Johann I. (1199 - 1216)
Heinrich III. (1216 - 1272)
Eduard I. (1272 - 1307)
Eduard II. (1307 - 1327)
Eduard III. (1327 - 1377)
Richard II. (1377 - 1399)

Die herausragenden Könige dieses Geschlechts sind Heinrich II. und
Eduard I., denen man große Leistungen bescheinigt. Aber auch Richard I., Heinrich III. und Eduard III. werden erfolgreiche Jahre bescheinigt. Inzwischen wird jedoch Richard Löwenherz kritischer betrachtet. Sein Hang zum Krieg habe es verhindert ein ganz großer König zu werden.

Als schwache und unfähige Könige werden Johann I., Eduard II. und Richard II. gesehen.

Nach 245 Jahren Herrschaft der Anjou-Plantagenet ging die Krone an Heinrich IV. aus dem Haus Lancaster über.