All in One - Soziale Innovation e.V.
Der MedienSpiegel
Presse
Aachener Zeitung, 13.9.2002

Ein Haus aus lebendigen Steinen

"All in one": Verein sucht Objekt um die Ziele zu verwirklichen

Aachen "Wir wollen ein Haus aus lebendigen Steinen bauen", dieses Bild malt Religionspädagoge Ralf Znidar, wenn er von dem neuen Verein "All in one - Soziale Innovation" und dessen Zielen spricht. Mit vielen, möglichst unterschiedlichsten Menschen - Singles, Alleinerziehenden, Alten, ehemaligen Süchtigen, Sozialhilfeempfängern und vielen mehr - will er eine neue Lebensform gründen, um der fortschreitenden Vereinsamung entgegenzuwirken. "Bei uns haben sich zum Beispiel viele Rentner gemeldet, die nicht ins Altenheim wollen", erzählt Znidar.

Das Projekt und der Verein stehen im Zeichen der "8", die in der Zahlenmystik, erklärt er, für die Verbindung von Himmel und Erde, aber auch von Traum und Wirklichkeit steht. Mit der Wirklichkeit kehrte allerdings auch Enttäuschung ein: Das alte Fabrikgelände an der Ottostraße, das dem Verein als idealer Standort für rund 15 Wohneinheiten, Café, Künstleratelier und Kulturraum vorgeschwebt hat, war finanziell nicht zu realisieren. "Wir sind auch bereit klein anzufangen", so Znidar. "Aber diese Vision eines solchen Großprojekts behalten wir im Auge", steckt er nicht auf. Nun sucht man geeignete Angebote oder Anbieter. Fünf Wohneinheiten sollten es sein, auch Räume für kulturelle Angebote erhofft man sich. Wichtige Bedingung: "Wir wollen in die Stadt, weil da die Probleme sind." Für einen Vermieter oder Investor bietet man langfristige Mietgarantie.

Solange noch kein geeignetes Objekt gefunden ist, soll die Gruppe der Interessierten wachsen. Denn "All in one" soll auch politische oder kulturelle Plattform sein. In einem halben Jahr plant man eine Ausstellung zum Thema "Reichmut und Armtum", bei dem Künstler aus allen Schichten ausstellen sollen. Bei "All in one - Politik" hat man einen Weltbürgerpass entworfen, den man beim Verein bekommen kann. Mit diesem symbolischen Papier will man die Welt im kleinen darstellen und so Gräben und Grenzen überwinden.

Die Idee zu dieser Lebensform kommt aus der 16-jährigen Berufserfahrung Znidars in der Kirche und dem gesellschaftspolitischen Engagement. "Wir wollen anstecken mit der Idee", wünscht sich Znidar und hofft auf zehn Projekte dieser Art in den nächsten zehn Jahren. "Was wir zu bieten haben, sind nur interessante Leute", so der Pädagoge. (gür)

Aachener Nachrichten, 15.11.2001
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Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Ausgegrenzten will das Projekt "All in One" eine Perspektive bieten. Kern der Idee: In einer alten Fabrik sollen die Teilnehmer gemeinsam wohnen und arbeiten.
Foto: Heike Lachmann

"All in One": Wohnen und arbeiten in der Fabrik
Raus aus der Isolation

Von Nachrichten-Mitarbeiterin Ingrid Peinhardt-Franke

Aachen. Große Hoffnungen setzen vor allem Alleinerziehende und Sozialhilfe-Empfänger, Arbeitslose und Ausgegrenzte in das Projekt
"All in One - soziale Innovation". Durch gemeinsames Wohnen und Arbeiten wollen sie ihre Isolation überwinden.

Als der Aachener Religionspädagoge Ralf Znidar vor ein paar Monaten per Flugblatt Menschen suchte, die ihre Träume in einem neuen integrativen Wohn- und Arbeitsprojekt leben wollen, fand er auf Anhieb ein paar Dutzend Interessierte. "Es waren auch ein paar 68er mit WG-Erfahrungen dabei", erzählt er.
  
Doch es geht nicht um die Gründung einer neuen Wohngemeinschafts-Bewegung, sondern um die Vorbereitung einer "offenen Lebensgemeinschaft von arm und reich, alt und jung und verschiedenen Religionen, die in einer alten Fabrik in Aachen wohnen, arbeiten und ganzheitlich leben möchten."
  "Dieses integrative Wohnprojekt, das als Hausgemeinschaft isolierten und ausgegrenzten Menschen Hoffnungen und Perspektiven bietet, ist die Quintessenz aus meinen 16 Jahren Kirchenarbeit", bilanziert der Religionspädagoge.
  Gemeinsam mit "namenhaften Sozialverbänden" will Znidar eine Broschüre herausgeben, die den politischen, gesellschaftlichen und christlichen Wert des Wohn- und Arbeitsprojekts darstellen soll.
   Auf jeden Fall dabei sein will Alfred Dreger, 55. Der Alleinlebende wurde bei den Arbeitslosen-Demonstrationen vor drei Jahren zum "König der Arbeitslosen" ernannt und erhofft sich, seiner Isolation zu entkommen.
  Auch für Nicole Ubben, 32, und Michaela Sachtleben, 31, beide alleinerziehende Mütter und Sozialhilfe-Empfängerinnen, wäre ein gemeinsames Wohnprojekt eine gute Sache. Justiz-Beamtin Lydia Bau, 36, nennt ein anderes Motiv für ihren Wunsch, dabei zu sein: "Ich möchte mit Menschen zu tun haben, die anders sind."
  Die Fähigkeiten der Bewohner sollen in gemeinsamer Arbeit genutzt werden, um Geld zu verdienen. Doch erst einmal sucht die Gruppe finanzstarke Mitstreiter, die sich mit dem Wohn- und Lebensprojekt einen Traum erfüllen wollen. Drei alte Fabriken hat man bereits besichtigt, möchte aber gerne noch weitere Objekte kennen lernen.

Interessenten können sich einfach direkt an Ralf Znidar (Tel 0241/151202) wenden.

Aachener Zeitung, 9.11.2001

Liebe soll Grenzen überwinden
Projekt "All in One - soziale Innovation" - Znidar: Armut macht Angst

Von Tina Steigemann

Aachen. Wer denkt, dass die Ideale der 68er Vergangenheit sind, hat sich geirrt. Kommunen sind wieder gefragt. Vor vier Monaten startete das Projekt "All in One - soziale Innovation", das auf eine Idee des Religionspädagogen Ralf Znidar zurückgeht. "Wir wollen der zunehmenden Spaltung in Arm und Reich, der sich ausbereitenden Anonymität und Isolation ein integratives Modell entgegenstellen", erklärt der Gründer. Verwirklicht werden soll dieses Projekt mittels einer offenen Lebensgemeinschaft, wo Menschen gemeinsam leben und arbeiten können.

Auf einen Flyer der aufrief zu "Träume nicht dein Leben - lebe deinen Traum" haben sich bereits 40 Interessenten hin gemeldet: Vom Sozialhilfeempfänger bis zum Architekten, vom selbstständigen Geschäftsmann bis hin zum ehemaligen Drogenabhängigen, in einer Alterspanne von 20 bis 70 Jahren. "Wir wollen verbinden, das hat es immer gegeben", erklärt Ralf Znidar.

Im Vordergrund dieses Projektes stehe der politische Aspekt. "Ich beobachte die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich mit großer Sorge," berichtet Znidar. "Unser Projekt kämpft dagegen an." Ein innovativer Impuls solle in die Gesellschaft eingebracht, Vorurteile sollten abgebaut und Grenzen überwunden werden. "Vorbild und Inspiration ist die biblische Urgemeinde", sagt der Gründer.Mit vereinten Kräften von Stadt, Bistum und freien Investoren soll in Aachen eine geistige Mitte gebildet werden. Ralf Znidar hat Großes vor: "Unser Ziel ist es, zu beweisen, dass Liebe Grenzen überwinden kann."

Neben dem politischen Hintergrund sei natürlich auch der soziale Aspekt wichtig. "Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die er so einbringen kann, dass auch andere Menschen davon profitieren", meint der Gründer.

So wie der 55-jährige Rentner Alfred Dreger, der selbsternannter Lebensberater und Traumdeuter ist. "Wer zu mir kommt, dem werde ich helfen, so gut ich kann." Vor allem aber möchte er der Isolation entkommen und mit anderen Menschen Liebe und Wärme erfahren, erklärt er seine Motivation zum Einzug.

Der Einsamkeit zu entfliehen, steht auch für die 32-jährige Nicole Ubben im Vordergrund. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern wünscht sie sich eine große Familie, die sich gegenseitig hilft, wenn es mal brennt. "Dieses Projekt kann mir helfen, meine Träume zu verwirklichen."

Standpunkte
Katholische Arbeitnehmerbewegung, Januar 2002

Nur noch Utopien sind realistisch...

"All in One" - eine konkrete Utopie für eine solidarische Arbeit und ein freieres Leben

von Leo Jansen

Das Jahr 2001 ist mit erschreckend hohen Arbeitslosenzahlen zu Ende gegangen und für die nähere Zukunft ist keine Besserung in Aussicht, geschweige denn eine radikale Kehrtwende. Auch die "neue Politik" unter Bundeskanzler Gerhard Schroeder hat keine Wende auf dem Arbeitsmarkt gebracht. Weder Regierungsmehrheit noch Opposition verfügen über den politischen Willen und die soziale Phantasie, die moderne "Geissel" Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Das Vertrauen in die Politik ist nach über 20 Jahren steigender und anhaltender Arbeitslosigkeit bei vielen Menschen immer wieder enttäuscht worden. Nicht schlagartig, sondern allmählich und schleichend haben sie das Zutrauen und die Zuversicht in die politische Handlungsfähigkeit verloren. Durchgesetzt hat sich zunehmend eine Lebenseinstellung individueller Selbstbehauptung. Jeder und jede muss eben schauen, wie er und sie zurechtkommt und sich durchsetzt. Wer es nicht schafft, hat Pech gehabt und soll froh sein, dass er oder sie "Stütze" vom Sozialamt bekommt, von der Kirche oder anderweitig Hilfe erfährt. Wer nicht den Superjob ergattert und die große Karriere gemacht hat, kann es ja noch bei Günter Jauch versuchen, eine Million im Quiz zu gewinnen, oder auf das große Los im Lotto setzen, insofern man dazu das nötige Kleingeld hat. Lebensglück zu erlangen - das scheint gegenwärtig entweder eine Frage der individuellen Fähigkeit, sich in einer Ellenbogengesellschaft durchsetzen zu können, oder einfach eine "Glückssache" zu sein.

Eine phantasielose und mit medial inszenierten Schaukämpfen befasste politische Klasse sowie die Erosion des sozialen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft sind eine Seite der Entwicklung. Die andere zeigt sich in Vorhaben wie der Projektentwicklung "All in One" in Aachen. Hier wollen Menschen unterschiedlicher Herkunft mit verschiedenen Qualifikationen und in verschiedenen Lebenssituationen gemeinsam, solidarisch und kreativ an ihren Lebensvorstellungen arbeiten. Sie wollen ihr Lebensglück nicht dem Zufall oder den ungerechten Sozialstrukturen überlassen. Vielmehr streben sie danach, ihre Lebensträume mit denen von anderen zu verknüpfen.

"All in One" - ein integratives Wohn-, Arbeits- und Sozialprojekt mag für viele eine unrealistische Utopie sein, die im Nirgendwo (Utopia) angesiedelt ist. Doch gerade was Arbeit angeht, sind nur noch Utopien realistisch, sagt der Hannoveraner Sozialphilosoph Oskar Negt, denn: Die Arbeitswelt ist in Europa und weltweit in einem rasanten Veränderungsprozess. Neue Techniken in Verknüpfung mit veränderten Unternehmensorganisationen und großer sich ballender Kapitalmacht und einer neoliberalen Politik, die alle Hoffnung auf freie Märkte setzt, wirbeln überkommene Lebensformen durcheinander. Dabei bleiben viele Menschen auf der Strecke.

In diesen Prozessen sind aber auch neue Solidaritätsbewegungen und neue Ideen entstanden, die nicht zuletzt an alte Erfahrungen anknüpfen. Die Kampagne "solidarischer arbeiten - freier leben" der KAB im Bistum Aachen gehört dazu. Sie will die Werte der Arbeiterbewegung und katholischen Soziallehre mit dem neuen Lebensgefühl der Menschen unter den aktuellen Bedingungen ins Spiel bringen. Eine zentrale Position wird gesetzt: Arbeit ist für die menschliche Würde unverzichtbar, und sie ist ein Menschenrecht!

Eine weitere Position lautet: Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit! Alle Menschen haben das Recht, durch Arbeit am Unterhalt ihres Lebens maßgeblich mitzuwirken. Alle Menschen sind aber auch angewiesen darauf, dass andere Menschen für sie arbeiten. In einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft sorgt letztlich niemand für sich allem. Wir arbeiten füreinander - aber leider nicht solidarisch. Statt dessen arbeiten oft viele gegeneinander, erfahren Mobbing, oder nehmen die Arbeitsleistung des Anderen nicht zur Kenntnis. Achtung vor der Arbeit des Anderen - daran mangelt es gegenwärtig in erheblichem Maß, wenn man bedenkt, wie abhängig wir voneinander sind. Die große Mehrheit scheint nur die eigenen Freiheiten im Sinn zu haben und übersieht dabei: Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anders Arbeitenden und Lebenden beginnt.

Die Kampagne "solidarischer arbeiten - freier leben", die im Bistum Aachen von verschiedenen Gruppen mitgetragen wird, will gegen den Trend einer in die Irre laufenden Pseudofreiheit konkrete Alternativen für den Alltag wie für die Politik entwickeln. Dabei ist die Einschätzung von Bedeutung, dass wir gesamtgesellschaftlich aufgrund des großen technischen Fortschritts nicht mehr so viel Erwerbsarbeit benötigen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Diesen Fortschritt der Technik könnten wir nun nutzen für einen Fortschritt des Wohlstandes für alle.

Dazu bedarf es aber sozialer Innovationen, einer Neuverteilung und Verkürzung der Erwerbsarbeit, einer gerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen, einer umweltgerechteren und sozialeren Lebensweise. Wir brauchen neue und mutige Wege, konkrete Utopien wie "All in One", die vor Ort zeigen, dass "solidarischer arbeiten und freier leben" kein Widerspruch ist - sondern zukunftsweisend. Wir brauchen Menschen, die nicht nur Solidarität für wünschenswert halten, sondern mehr von denen, die sich dafür entschieden engagieren und solidarische Wirklichkeiten schaffen. Die phantasielose Politik der "ruhigen Hand" von Schröder hat genauso ausgedient wie die nicht erneuerten Konzepte von Stoiber und Westerwelle, die nur Wiederholung der achtziger Jahre mit neuen Gesichtern verheißen.

Wahre "Realpolitiker" sind die Menschen, die ihre Lebensträume nicht bei Günter Jauch oder mit dem Wahlzettel in der Wahlurne abgeben. Mit Projekten wie "All in One" sollten wir die politischen Parteien vor Ort und überregional herausfordern.

Herzogenrath, Januar 2002

Leo Jansen

[Leo Jansen ist Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Hauses in Herzogenrath und Mitglied des Kampagneteams "solidarischer arbeiten - freier leben"]

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