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Nur noch Utopien sind realistisch...
"All in One" - eine konkrete
Utopie für eine solidarische Arbeit und ein freieres Leben
von
Leo Jansen
Das
Jahr 2001 ist mit erschreckend hohen Arbeitslosenzahlen zu Ende
gegangen und für die nähere Zukunft ist keine Besserung in Aussicht,
geschweige denn eine radikale Kehrtwende. Auch die "neue
Politik" unter Bundeskanzler Gerhard Schroeder hat keine
Wende auf dem Arbeitsmarkt gebracht. Weder Regierungsmehrheit
noch Opposition verfügen über den politischen Willen und die soziale
Phantasie, die moderne "Geissel" Massenarbeitslosigkeit
zu bekämpfen. Das Vertrauen in die Politik ist nach über 20 Jahren
steigender und anhaltender Arbeitslosigkeit bei vielen Menschen
immer wieder enttäuscht worden. Nicht schlagartig, sondern allmählich
und schleichend haben sie das Zutrauen und die Zuversicht in die
politische Handlungsfähigkeit verloren. Durchgesetzt hat sich
zunehmend eine Lebenseinstellung individueller Selbstbehauptung.
Jeder und jede muss eben schauen, wie er und sie zurechtkommt
und sich durchsetzt. Wer es nicht schafft, hat Pech gehabt und
soll froh sein, dass er oder sie "Stütze" vom Sozialamt
bekommt, von der Kirche oder anderweitig Hilfe erfährt. Wer nicht
den Superjob ergattert und die große Karriere gemacht hat, kann
es ja noch bei Günter Jauch versuchen, eine Million im Quiz zu
gewinnen, oder auf das große Los im Lotto setzen, insofern man
dazu das nötige Kleingeld hat. Lebensglück zu erlangen - das scheint
gegenwärtig entweder eine Frage der individuellen Fähigkeit, sich
in einer Ellenbogengesellschaft durchsetzen zu können, oder einfach
eine "Glückssache" zu sein.
Eine
phantasielose und mit medial inszenierten Schaukämpfen befasste
politische Klasse sowie die Erosion des sozialen Zusammenhalts
in unserer Gesellschaft sind eine Seite der Entwicklung. Die andere
zeigt sich in Vorhaben wie der Projektentwicklung "All in
One" in Aachen. Hier wollen Menschen unterschiedlicher Herkunft
mit verschiedenen Qualifikationen und in verschiedenen Lebenssituationen
gemeinsam, solidarisch und kreativ an ihren Lebensvorstellungen
arbeiten. Sie wollen ihr Lebensglück nicht dem Zufall oder den
ungerechten Sozialstrukturen überlassen. Vielmehr streben sie
danach, ihre Lebensträume mit denen von anderen zu verknüpfen.
"All
in One" - ein integratives Wohn-, Arbeits- und Sozialprojekt
mag für viele eine unrealistische Utopie sein, die im Nirgendwo
(Utopia) angesiedelt ist. Doch gerade was Arbeit angeht, sind
nur noch Utopien realistisch, sagt der Hannoveraner Sozialphilosoph
Oskar Negt, denn: Die Arbeitswelt ist in Europa und weltweit in
einem rasanten Veränderungsprozess. Neue Techniken in Verknüpfung
mit veränderten Unternehmensorganisationen und großer sich ballender
Kapitalmacht und einer neoliberalen Politik, die alle Hoffnung
auf freie Märkte setzt, wirbeln überkommene Lebensformen durcheinander.
Dabei bleiben viele Menschen auf der Strecke.
In
diesen Prozessen sind aber auch neue Solidaritätsbewegungen und
neue Ideen entstanden, die nicht zuletzt an alte Erfahrungen anknüpfen.
Die Kampagne "solidarischer arbeiten - freier leben"
der KAB im Bistum Aachen gehört dazu. Sie will die Werte der Arbeiterbewegung
und katholischen Soziallehre mit dem neuen Lebensgefühl der Menschen
unter den aktuellen Bedingungen ins Spiel bringen. Eine zentrale
Position wird gesetzt: Arbeit ist für die menschliche Würde unverzichtbar,
und sie ist ein Menschenrecht!
Eine
weitere Position lautet: Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit! Alle
Menschen haben das Recht, durch Arbeit am Unterhalt ihres Lebens
maßgeblich mitzuwirken. Alle Menschen sind aber auch angewiesen
darauf, dass andere Menschen für sie arbeiten. In einer hochgradig
arbeitsteiligen Gesellschaft sorgt letztlich niemand für sich
allem. Wir arbeiten füreinander - aber leider nicht solidarisch.
Statt dessen arbeiten oft viele gegeneinander, erfahren Mobbing,
oder nehmen die Arbeitsleistung des Anderen nicht zur Kenntnis.
Achtung vor der Arbeit des Anderen - daran mangelt es gegenwärtig
in erheblichem Maß, wenn man bedenkt, wie abhängig wir voneinander
sind. Die große Mehrheit scheint nur die eigenen Freiheiten im
Sinn zu haben und übersieht dabei: Meine Freiheit endet dort,
wo die Freiheit des anders Arbeitenden und Lebenden beginnt.
Die
Kampagne "solidarischer arbeiten - freier leben", die
im Bistum Aachen von verschiedenen Gruppen mitgetragen wird, will
gegen den Trend einer in die Irre laufenden Pseudofreiheit konkrete
Alternativen für den Alltag wie für die Politik entwickeln. Dabei
ist die Einschätzung von Bedeutung, dass wir gesamtgesellschaftlich
aufgrund des großen technischen Fortschritts nicht mehr so viel
Erwerbsarbeit benötigen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Diesen
Fortschritt der Technik könnten wir nun nutzen für einen Fortschritt
des Wohlstandes für alle.
Dazu
bedarf es aber sozialer Innovationen, einer Neuverteilung und
Verkürzung der Erwerbsarbeit, einer gerechten Verteilung von Einkommen
und Vermögen, einer umweltgerechteren und sozialeren Lebensweise.
Wir brauchen neue und mutige Wege, konkrete Utopien wie "All
in One", die vor Ort zeigen, dass "solidarischer arbeiten
und freier leben" kein Widerspruch ist - sondern zukunftsweisend.
Wir brauchen Menschen, die nicht nur Solidarität für wünschenswert
halten, sondern mehr von denen, die sich dafür entschieden engagieren
und solidarische Wirklichkeiten schaffen. Die phantasielose Politik
der "ruhigen Hand" von Schröder hat genauso ausgedient
wie die nicht erneuerten Konzepte von Stoiber und Westerwelle,
die nur Wiederholung der achtziger Jahre mit neuen Gesichtern
verheißen.
Wahre
"Realpolitiker" sind die Menschen, die ihre Lebensträume
nicht bei Günter Jauch oder mit dem Wahlzettel in der Wahlurne
abgeben. Mit Projekten wie "All in One" sollten wir
die politischen Parteien vor Ort und überregional herausfordern.
Herzogenrath,
Januar 2002
Leo
Jansen
[Leo
Jansen ist Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Hauses
in Herzogenrath und Mitglied des Kampagneteams "solidarischer
arbeiten - freier leben"]
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